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Textdaten
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Autor: F. D. P.
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Titel: Mein letzter Besuch bei Meyerbeer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 415–416
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[415] Mein letzter Besuch bei Meyerbeer. Die Veranlassung, der ich meinen letzten Besuch bei Meyerbeer verdanke, war in jeder Weise sehr angenehm und erfreulich. Bekanntlich ist kürzlich im Verlage der Gartenlaube ein Buch erschienen, unter dem Titel: „Karl Maria von Weber. Eine Biographie von Max Maria von Weber.“ Der Verfasser dieses trefflichen Werkes, Sohn des unsterblichen Tondichters des „Freischütz“, hatte mich beauftragt, Meyerbeer das Buch zu überbringen. Zu diesem Zwecke begab ich mich in die bescheidene Wohnung des Meisters, die er hier in Paris auf der Avenue de Montaigne in den Champs Elysees inne hatte. Ich wurde sogleich angemeldet und in einen kleinen Salon geführt, wo man mich bat, ein wenig zu warten, da der Herr Generalmusikdirector für den Augenblick anderweitig in Anspruch genommen sei. Nach einer kleinen Weile erschien Meyerbeer. Freundlich, wie immer, entschuldigte er sich zunächst, daß er mich hatte warten lassen, und fragte sodann nach meinem Begehr. Ich machte ihn mit meinem Auftrage bekannt und überreichte ihm das erwähnte Werk. Sein Gesicht nahm sogleich einen noch viel freundlicheren Ausdruck an, er ergriff das Buch und sagte mir mit Rührung, indem er mir die Hand gab:

„Sie bringen mir da ein schönen, ein unschätzbares Geschenk! Ich kenne das Buch schon; ja, ich darf wohl sagen, daß ich einer der Ersten war, der es besaß. Kaum war es erschienen, so habe ich es mir sofort aus Berlin kommen lassen, und nun kann ich mich gar nicht mehr davon trennen. Ich habe es schon dreimal durchgelesen. Es weckt mir tausend, tausend liebe Erinnerungen, die in meiner Seele schon halb eingeschlummert waren und nun wieder in ihrer ganzen Frische vor mir stehen. Das Buch ist für mich ein Schatz; es ist vortrefflich, ja ganz ausgezeichnet geschrieben. Ich weiß nicht, was ich zuerst bewundern soll: die geistvolle Auffassung und Darstellung des Gegenstandes oder die Genauigkeit und Wahrheit in der Angabe der einzelnen Daten, die mich in das höchste Erstaunen setzt. Ich kann das am besten beurtheilen, da ich alle diese Dinge zum Theil mit erlebt habe. Ich begreife gar nicht, wie der Mann das Alles wieder hat zusammenfinden können. Welchen Fleiß, welche Mühe, welche Ausdauer hat er auf das Buch gewendet! Man fühlt, daß es mit dem Herzen geschrieben ist. Sagen Sie Herrn von Weber, daß ich sein Werk bewundere und hochschätze; er hat damit seinem herrlichen, unvergeßlichen Vater ein schönes Denkmal errichtet. Uebrigens werde ich ihm selbst schreiben, sowie ich nur ein wenig Zeit gewinne.“

Ich theilte ihm nun mit, daß das Buch auch in englischer Sprache erscheinen werde und daß man ebenfalls eine französische Übersetzung desselben beabsichtige.

„Das ist eine sehr glückliche Idee,“ sprach er hierauf, „und ich werde mit Freuden Alles thun, was in meinen Kräften steht, um diesen Plan zu fördern.“

Ich entgegnete nun, daß ich mir einen guten Erfolg von der französischen Ausgabe des fraglichen Werkes verspräche, da die Weber’sche Musik doch wohl auch in Frankreich populär sei. Darauf sah er mich ganz verwundert an und sagte:

„Ist das eine Frage? Weber’s Musik ist und muß überall populär sein, wo man sie kennt. Folglich auch in Frankreich und nun gar hier in Paris. Hören Sie doch bin, in all’ die unzähligen Concerte, die hier gegeben werden; es vergeht ja kaum ein Abend, wo nicht Musik aus Freischütz oder Oberon gesungen oder gespielt würde.“

Ich stellte nun die Ansicht auf, daß unsere Zeit im Allgemeinen arm an großen Componisten sei, und erlaubte mir eine bescheidene Anspielung auf die mit Spannung erwartete „Afrikanerin“.

„Gut Ding muß Weile haben!“ antwortete er. „Uebrigens ist es nicht genug, Opern zu componiren, man muß auch Sänger haben, die sie singen, und ich meine, daß unsere Zeit noch weit ärmer an guten Sängern ist, als an talentvollen Componisten.“

Er fragte mich nun nach meinem Urtheile über einen gegenwärtig in Dresden engagirten Sänger; ich konnte ihm aber keine genügende Auskunft geben, da mir die dortigen Theaterverhältnisse, nach meiner langen Abwesenheit aus jener Stadt, gänzlich fremd geworden sind.

„Ein Tichatschek wird dieser Herr N. N. wohl auch nicht sein,“ fuhr Meyerbeer nun fort, „Tichatschek’s Stimme ist ein Phänomen, geradezu une bonne fortune für einen Componisten. Freilich entdeckt man solcher Tenore etwa nur aller hundert Jahre einen.“

Hierauf kam Meyerbeer wieder auf das Uebersetzungsproject des Weber’schen Buches zurück, nahm sich vor mit seinem Verleger über diese Angelegenheit zu sprechen, bestimmte mir einen Tag, an dem ich wieder zu ihm kommen möchte, um mich darüber weiter mit ihm zu berathen, und entließ mich mit wohlwollender Güte.

Pünktlich stellte ich mich an dem bezeichneten Tage wieder an der Schwelle des großen Mannes ein, aber derselbe deutsche Diener, der mir schon bei meinem letzten Besuche geöffnet hatte, sagte mir mit betrübtem Gesichte, daß mich der Herr Generalmusikdirector nicht empfangen könne, da er sehr unwohl sei. Als ich drei Tage später mich wieder einfand, vernahm ich mit tiefem Schmerz die Trauerkunde von dem Hintritt des Tondichters aus dem Munde des weinenden deutschen Dieners. Diese Nachricht traf uns wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Noch vor kaum zwei Wochen hatten wir den fleißigen Mann an der Arbeit gesehen. Das Einstudiren der „Afrikanerin“ war in Angriff genommen worden; er war mit Leib und Seele bei diesem wichtigen Geschäft. Außerdem hatte er persönlich einige Proben der Hugenotten geleitet, da Fräulein Sax, von der großen Oper, die Rolle der „Valentine“ zum ersten Male singen sollte. In der liebenswürdigsten Art gab er der Künstlerin gute Rathschläge über die Auffassung dieser schwierigen Partie, über die Intentionen der Musik etc. Wir bewunderten seine geistige Frische, seine fast jugendliche Regsamkeit und freuten uns des Kunstfeuers, das seine Adern noch durchglühte – und nun mitten heraus aus diesem thätigen, wohl ausgefüllten Leben wurde er uns plötzlich und ganz unvermuthet entrissen! So ist der Meister gestorben, wie ein Soldat, wie ein Held, auf der Bresche, im siegreichen Kampfe. Hochgeschwungen hielt er noch in seiner Hand die glorreiche Fahne der Kunst, der er gedient hat!

Meyerbeer lebte sehr gern in Frankreich und namentlich hier in Paris. Mit besonderer Vorliebe schlug er immer und immer wieder sein melodisches Zelt an den Ufern der Seine auf. Er wurde aber auch hier mit der zartesten und rücksichtsvollsten Aufmerksamkeit behandelt und seine Ankunft stets als ein freudiges Ereigniß begrüßt. Indessen lebte er ganz einfach und zurückgezogen, weit entfernt von dem Glanze und dem Luxus, wozu sein großes Vermögen und seine hervorragende Stellung ihn berechtigt hätten. Er schien fast gar keine Bedürfnisse zu haben, fast immer ging er zu Fuß und zeigte [416] sich in der letzten Zeit nur selten öffentlich. Ich erlaubte mir einmal gegen einen berühmten hiesigen Componisten eine Bemerkung über Meyerbeer’s einfache Lebensweise;„que voulez-vous?“ entgegnete mir der französische Tondichter, „il veut se faire pardonner sa gloire!“ Einem Briefe Offenbach’s, des bekannten Componisten des „Orpheus in der Unterwelt“ etc. entnehme ich die nachfolgenden Stellen, weil sie Meyerbeer sehr gut charakterisiren.

Meyerbeer arbeitete täglich acht Stunden. Das war seine einzige Freude, seine einzige Zerstreuung. In Ems und in Berlin, wo ich ihn viel sah, blieb er fast den ganzen Tag in seinem Studirzimmer eingeschlossen. Ich wagte nicht, ihn zu besuchen, weil ich ihm lästig zu sein fürchtete. Eines Tages sagte er mir: „Warum lassen Sie sich denn gar nicht sehen?“

„Weil ich Sie nicht stören will, Meister!“

„Kommen Sie ja; ich bin so glücklich, wenn ich zuweilen ein wenig gestört werde!“

Man kann fast behaupten, daß in ganz Europa keine Note neuer Musik gespielt wurde, die er nicht hören und beurtheilen wollte. Für die kleinen Theater, die seine Werke nur stückweise und sehr unvollkommen geben konnten, war er voll Nachsicht. Auch setzte er sich über den deutschen Gebrauch hinweg, der verlangt, daß eine Oper wo möglich nicht länger als drei Stunden dauern soll. Dadurch machen sich in seinen Werken für Deutschland viele Kürzungen nothwendig. Ich war sehr entrüstet hierüber und sprach ihm meinen Unwillen aus. Da entgegnete er mir lächelnd: „Es ist besser, mit einem Arme weniger zu leben, als gar nicht zu leben!“

Meyerbeer hegte in seinem Herzen ein Gefühl, das ihm über Alles heilig und theuer war: die tiefste Verehrung und Liebe für seine verstorbene Mutter. Wenn er von ihr sprach, standen ihm die Thränen in den Augen. Am Tage der ersten Vorstellung von „Robert der Teufel“ hier in Paris, im Monat November 1831, einpfing Meyerbeer einen Brief seiner Mutter mit der Aufschrift: „Zu eröffnen nach der ersten Vorstellung des Robert.“ Als nun am Abend der Vorhang zum letzten Male gefallen war und das jubelnde Publicum den großen Triumph des Componisten stürmisch bezeugte, erbrach dieser den Brief seiner Mutter und fand darin die folgenden Worte:

„Der Herr segne und behüte Dich!
Er lasse sein Antlitz leuchten über Dir!
Er bewahre Dich und schenke Dir den Frieden!
 Deine Mutter.“

Dieser Brief ward für Meyerbeer ein wirklicher Talisman. Stets trug er ihn in einer Brieftasche bei sich und oft ging er in sein Zimmer zurück, um diese Brieftasche zu holen, wenn er sie ja einmal zufällig hatte liegen lassen.
F. D. P.