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Titel: Medicin-Schwindel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 428
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[428] Medicin-Schwindel. Von gut unterrichteter Seite geht uns folgende Mittheilung zur Veröffentlichung zu.

„Inwieweit die Wunder von Lourdes in Frankreich und die von Marpingen am Rheine die Welt in Aufregung versetzt haben, ist bekannt. Daß aber auch bei uns der Aberglaube noch herrscht, davon ein Beispiel im Folgenden.

Seit Jahresfrist leide ich an Nervenentzündung. Ich habe schon mehrere Aerzte, Badecuren und dergleichen gebraucht, bin aber noch nicht vollständig curirt. Da wird mir der Wunderdoctor Springer (Schuhmacher von Profession) in Gohlis empfohlen. Ein Feind von Wunderärzten, gehe ich doch darauf ein, mich untersuchen zu lassen, aber nur, um meine Rathgeber zu überführen, inwieweit es solche ‚Leute‘ verstehen, den ‚Dummen‘ das Geld aus der Tasche zu locken. Ich fahre also nach Gohlis, komme früh zehn Uhr in des Schuster-Arztes Wohnung und bin erstaunt, schon fünfundzwanzig bis dreißig Menschen dort zu treffen. Auf mein Befragen wird mir vom Portier (einem Hülfsbahnwärter der thüringischen Eisenbahn) mitgetheilt, daß ich heute nicht vorgelassen werden könne, auch mein Morgenwasser (Urin) mitzubringen habe. Ich fahre also zurück nach Leipzig, theile das Wasser, welches ich schon bei mir hatte, in zwei Hälften und schicke einen Boten mit der einen Hälfte nach Gohlis, mit der Anweisung, es untersuchen zu lassen, ohne meinen Namen zu nennen. Der Bote wird richtig noch vorgelassen und bringt mir den Bescheid, der betreffende Herr wäre sehr krank; er leide an Brust- und Magenschmerzen und möchte das beifolgende Recept ja machen lassen, sonst müßte er bald sterben. Daß ich laut auflachte, können Sie sich wohl denken.

Den andern Tag fahre ich wieder nach Gohlis und bin um acht Uhr morgens in der Wohnung unseres Aesculaps. Schon sind wieder achtzehn bis zwanzig Menschen da, und auf mein Befragen, ob es alle Tage so voll ist, wird mir mit ‚Ja‘ geantwortet. Nicht gewillt, diesmal wieder ohne Resultat zu gehen, bin ich so glücklich, nach Verabfolgung eines Trinkgeldes an den Portier bald vorgelassen zu werden.

Ich trete ein, reiche dem Wunderdoctor mein Fläschchen und bitte ihn es zu untersuchen. Auf seine Frage, was mir fehlt, antworte ich ihm, mir fehlt es überall. Darauf sieht er durch das Fläschchen, schüttelt den Kopf, geht mit der Hand am Kinn einige Male durch das Zimmer, setzt sich hin, schlägt ein Buch auf, schreibt ein Recept und giebt mir Bescheid mit den Worten:

‚Ei, ei, Sie sind schwer krank, schon zwei Jahre; Sie haben bald keine Leber mehr; es ist die höchste Zeit, daß Sie mich besucht haben; jetzt kann ich Ihnen noch helfen.‘

Ich hätte ihm können in’s Gesicht lachen.

Daß ich die zwei Recepte nicht auf die Apotheke getragen, ist wohl selbstverständlich. Die ganze Geschichte kostet mich trotzdem fünf Mark. Wohlweislich verlangt der kluge Mann der Wissenschaft nichts, sondern ‚nach Belieben‘. – Ich, der ich nervenkrank bin, werde zuerst für brust- und magenkrank und dann für leberkrank erklärt. Sie sehen daraus, wie weit man in Gohlis den Schwindel treibt.

Vielleicht werden diese Zeilen dazu beitragen, manchen Kranken von diesem ‚Wunderdoctor‘ fern zu halten.“