Franz Joseph Werfer
Versuch einer medizinischen Topographie der Stadt Gmünd
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großer nachlassender Schwäche. Von chronischen Krankheiten beobachtete man Hautausschläge, Bluthusten und daher rührende Brustbeschwerden, die Leberverhärtung und verschiedene Hämorrhoidalzufälle am meisten; unter andern kam auch ein vorübergehendes Irrereden (Paraphrosyne) bey einem 20jährigen Mädchen vor, das folgendermaßen entstund: das Mädchen ließ einer vermeintlichen Plethora wegen zur Ader, und da ihr am nämlichen Abend die Ader aufsprang, und sie dadurch so viel Blut verlor, daß sie eine große Schwäche anwandelte, so gab ihr eine dabeystehende Person in der Eile einen ganzen Löffel voll von Hoffmann’s schmerzstillenden Liquor auf einmal ein, worauf dieselbe alsobald irre zu reden anfieng, abwechselnd verschiedene Kirchenlieder sang, und öfter laut aufschrie, mit ihren vermeintlich anwesenden Eltern und Bekannten, die fern von hier wohnten, redete und ihnen große Freude bezeugte über ihr Wiedersehen, und machte so unaufhörlich unter manchen Versuchen und Anstrengungen aus dem Bett zu springen und fortzulaufen, daß man sie stets halten mußte, bis zum anbrechenden Morgen fort, wo sie wieder ganz zu sich kam, und außer einiger Schwäche wohl und gesund sich befand, da sie inzwischen eine Mischung aus Tinct. Cinam. s. v. Elix. acid. H. laud. liq. Syd. und . Meliss. nebst einem Zugpflaster auf den Nacken bekam. Von 44 Kranken d. M. starb ein 50jähriger Mann an einer Leberverhärtung.

Der November war in den ersten acht Tagen meistens heiter und angenehm, dann aber fieng die Witterung an trübe, neblicht und regnerisch zu werden

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mit scharfen Nord- und Nordost-Winden, und dauerte so abwechselnd bis den 18ten, wo Schnee einfiel mit darauf folgenden frostigen und kalten Tagen. Der Wind kam meistens von N. O. Der Barometerstand war sehr veränderlich, der höchste war 28″. 2‴, 0, und der tiefste 27″. 6‴, 0. Am wärmsten war es den 3ten +17°, und am kältesten den 23ten 0°, des Morgens –2°. Unsre Witterungskrankheiten waren diesen Monat vorzüglich rheumatisch-entzündliche Seitenstiche, dergleichen Hals- und Lungenentzündungen, die Rose und arthritische Beschwerden, besonders die Gicht, rheumatisch-katarrhalische Fieber, welche im Allgemeinen gewöhnlich mehr auflösende und die Ausdünstung befördernde Mittel, äußerlich bey Lokalschmerzen Zugpflaster, gar selten aber eine schwache Aderlaß indizierten. Das Scharlachfieber kam, jedoch nur sporadisch wieder vor, verrieth aber gerne einen stark vorstechenden nervösen Charakter, so wie auch verschiedene Nachkrankheiten davon, besonders hydropische Zufälle, durch Vernachlässigung der nöthigen Mittel und des zweckmäßigen Verhaltens meistens erzeugt, nicht selten waren, und mit harter Mühe durch Calomel, Meerzwiebel und rothen Fingerhut wieder gehoben wurden. Sonst waren Schwindel und Schlagflüsse, die Gelbsucht und wieder verschiedene mehr oder weniger schmerzhafte Magenkrankheiten, welche letztere auf gelind abführende und dann stärkende Mittel bald wichen, häufiger vorkommend; das bisher mehr herrschende hitzige Nervenfieber aber wurde jetzt selten mehr beobachtet. Gestorben sind von den 50 Kranken d. M. drey; nämlich eine Frau mittlern Alters