Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Wiedererkennen“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 19 (Supplement, 1892), Seite 981
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Wiedererkennen. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 19, Seite 981. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Wiedererkennen (Version vom 21.03.2023)

[981] Wiedererkennen. In der seelischen Ideenassociation durch Ähnlichkeit und durch Gegensatz der zu verknüpfenden Vorstellungen (s. d., Bd. 18) ist es ein inneres Verhältnis, eine Verwandtschaft der Vorstellungen, welche als dieselben aneinander kettend angesehen wird. Im Gegensatz dazu stehen die zwei andern Formen, Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge; hier ist es keine innere Verwandtschaft, sondern ein äußeres Berührungsverhältnis, das die Vorstellungen aneinander zu knüpfen scheint, und man hat daher die Berührung der Vorstellungen als eine andre mögliche Ursache ihrer Association aufgestellt. In der modernen Psychologie werden diese beiden Gesetze, das Ähnlichkeits- und das Berührungsgesetz, gewöhnlich nebeneinander gestellt, es sind aber doch hin und wieder Versuche gemacht, dieselben auf ein Gesetz zu reduzieren, oder vielmehr eins derselben als das eigentliche Grundgesetz aller Associationen aufzustellen, so daß das andre nur eine abgeleitete Form wird. In diesem Sinne hat sich neuerdings für die Ähnlichkeit entschieden Harald Höffding („Psychologie in Umrissen“, 1887, und Beiträge in der „Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie“ 1888–91), für die Berührung ein andrer dänischer Psycholog, Alfred Lehmann (Aufsätze in den „Philosophischen Studien“ 1889–91). Die Kontroverse hat an die Thatsache des Wiedererkennens angeknüpft und zu folgenden Ergebnissen geführt: 1) Es ist zwar das Ähnlichkeitsgesetz gänzlich unfähig, die Berührungsassociationen zu erklären, aber es gibt ein psychisches Phänomen, das sich anscheinend leicht mittels der Ähnlichkeitshypothese, schwer mittels der Berührungstheorie verstehen läßt, nämlich das W. Wir unterscheiden nun a) das einfache W. einer Vorstellung, womit die bloße Überzeugung gemeint ist, daß man früher dieselbe Vorstellung gehabt hat (ich sehe einen Menschen und erinnere mich, ihn irgendwo und -wann schon früher gesehen zu haben); b) das begleitete W., worunter die Überzeugung verstanden wird, daß man dieselbe Vorstellung früher in Verbindung mit andern Vorstellungen unter gewissen Umständen gehabt hat (ich sehe einen Menschen und weiß, wie er heißt, wo ich ihn kennen lernte u. dgl. m.). Bei jedem Wiedererkennungsakt, gehöre er zu a) oder b), gibt es ferner erfahrungsmäßig drei Faktoren, die einen wesentlichen Einfluß auf die Sicherheit des Wiedererkennens ausüben, nämlich: a) die Differenz zwischen den Empfindungen und die Anzahl der Empfindungen, unter denen eine einzelne wiedererkannt werden soll; b) der Zeitraum zwischen dem letzten Auftreten einer Empfindung im Bewußtsein und dem Augenblick, da das W. vor sich gehen soll; c) individuelle Anlagen und Übung. 2) Das so bestimmte W. kann man sich vom Standpunkte der Berührungstheorie aus nur unter zwei Voraussetzungen möglich denken, entweder insofern von einer frühern Empfindung ein Berührungsbild bestände, mit welchem die später auftretende Empfindung sich vergleichen ließe, oder sofern sich an die Sinnesempfindung associativ ein Name, eine Bestimmung geknüpft hätte, die bei dem nachherigen Auftauchen der Empfindung reproduziert werden könnten. Beide Voraussetzungen sind durch Lehmanns Untersuchungen über das einfache und begleitete W. von Tönen, Farben, Gerüchen als den Thatsachen entsprechend erwiesen worden. Auch die theoretischen Erwartungen, welche sich an die erwähnten drei Faktoren des Wiedererkennens knüpfen, wurden von der Erfahrung bestätigt, so daß die Berührungslehre allen Anforderungen zu genügen scheint, die an eine wissenschaftliche Theorie des Wiedererkennens und der Vorstellungsassociation gestellt werden müssen.