Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Pflanzenzelle“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 12 (1888), Seite 969
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Pflanzenzelle. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 12, Seite 969. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Pflanzenzelle (Version vom 08.04.2024)

[969] Pflanzenzelle, s. Pflanze und Zelle.


Jahres-Supplement 1891–1892
Band 19 (1892), Seite 726728
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[726] Pflanzenzelle. Auf dem Gebiete der pflanzlichen Zellenlehre ist es infolge der Widersprüche zwischen den verschiedenen Forschern schwierig, ein Bild von den thatsächlichen Fortschritten kürzerer Zeiträume zu entwerfen. Zunächst erscheint die Natur des Zellplasmas als durchaus zweifelhaft; bald wird es als eine Emulsion zweier nicht mischbarer Substanzen (einer dichtern, zähflüssigen, eiweißhaltigen und einer dünnflüssigen, eiweißlosen) betrachtet, bald gilt es als Mischung wässeriger Stoffe mit Fett und Eiweiß, das an der Grenze der beiden erstern eine Art von Seife bilden soll, bald als Kolonie lebender, körner- und fadenartiger Körperchen (Bioplasten) oder als netzartiges Gefüge kleiner, wachstumsfähiger, fortgesetzt nur durch Teilung sich vermehrender Plasomen oder gar als ein Ferment-Organismus, der durch Rückbildung Bakterien aus sich hervorgehen läßt (nach Wigand). Ebenso dunkel erscheint die Rolle, welche das Plasma im Leben der Pflanze spielt; Nägeli und eine Reihe andrer Forscher haben verschiedene Arten von Plasma, z. B. in den Keim- [727] und in den Körperzellen, resp. im Zellkern und im gewöhnlichen Zellplasma, angenommen, um die Erscheinungen der Vererbung zu erklären; Godlewski nimmt sogar ein besonderes Wurzel- und Stengelplasma, überhaupt so viel Arten desselben an, wie es Pflanzenorgane gibt, und legt diesen Plasmaformen die Eigenschaften des positiven oder negativen Geotropismus, des Heliotropismus etc. bei, welche die betreffenden Pflanzenorgane selbst auszeichnen. Daß auf diese Weise eine wirkliche Erklärung nicht gewonnen werden kann, liegt auf der Hand. Berthold suchte in seiner Protoplasmamechanik die Grundlagen zu gewinnen, von welchen aus gewisse Lebensäußerungen des Plasmas, wie z. B. das Aussenden von Pseudopodien, die Ortsbewegung membranloser Plasmakörner u. a., auf bestimmte mechanische Faktoren oder wenigstens auf klar erkannte Struktur- oder Symmetrieverhältnisse zurückführbar erscheinen. Auch Schwarz lieferte in einer ausführlichen Arbeit mehrere Beiträge zur Morphologie und Chemie des Plasmas. Eine größere Zahl von Forschern, wie besonders Strasburger, Zimmermann, Klebs, Zacharias u. a., beschäftigte sich mit den Vorgängen der Kern- und Zellteilung und förderte auf diesem Gebiet eine Reihe bemerkenswerter Thatsachen zu Tage.

Eine neuere Arbeit von Went behandelte die im Plasma auftretenden, mit Zellsaft gefüllten und nach de Vries mit einer zarten Haut umgebenen Blasen (Vakuolen), über deren Entstehung die bisherigen Ansichten nicht haltbar zu sein scheinen. An den Fortpflanzungszellen verschiedenster Algen ließ sich durch zweckentsprechende Beobachtungsmethoden feststellen, daß normale, im lebenden Plasmakörper vorhandene Vakuolen ausschließlich auf dem Wege der Teilung entstehen und sich damit andern Inhaltsbestandteilen der Zelle, wie den Kernen und den Farbstoffträgern (Chromatophoren), an die Seite stellen. Die gleiche Entstehungsweise hatte der genannte Beobachter schon früher für die Vakuolen in jungen Meristemzellen höherer Pflanzen, in Pilzzellen, Pollenkörnern u. a. nachgewiesen und die bisherigen Angaben über das Auftreten oder Verschwinden von Vakuolen auf Beobachtungsfehler zurückgeführt; allerdings können sich in pathologischen Fällen Vakuolen auch durch Blasigwerden von Kernen und Chromatophoren bilden. Im Innern der normalen Vakuolen fand Wakker bei zahlreichen Pflanzenarten Kristalle von oxalsaurem Kalk, die nach ihm dort ihre Hauptbildungsstätte innerhalb der Zelle haben. Nach demselben Beobachter sollen sich in den Vakuolen des Zellinhaltes von reifenden Samen Aleuronkörner niederschlagen, an deren Stelle dann nach Eintritt der Keimung wieder Vakuolen auftreten.

Die zuerst von Tangl, Gardiner, Oliver u. a. beschriebenen, sehr zarten, plasmatischen Stränge, durch welche die Plasmakörper benachbarter Zellen, ähnlich wie bei den schon längst bekannten Siebröhren, miteinander in Verbindung stehen, wurden von Kienitz-Gerloff einer neuen, gründlichen Untersuchung unterworfen. Es gelang ihm, dieselben nicht nur in den bisher bekannten Fällen, sondern mittels besonderer Präparationsmethoden in sämtlichen Gewebselementen bei einer großen Zahl von niedern und höhern Pflanzen von den Moosen aufwärts nachzuweisen; wo sie bisher nicht aufgefunden werden konnten, liegt dies an der Schwierigkeit der Präparation oder an der ungenügenden Quellbarkeit der betreffenden Zellwände, so daß an der allgemeinen Verbreitung der Plasmaverbindungen innerhalb des Pflanzenkörpers nicht gezweifelt werden kann. Ihre Dicke schwankt bei den höhern Pflanzen zwischen 0,05 und 1 Tausendstel eines Millimeters; bisweilen bilden sie nur einfache schmale Brücken, in der Regel sind sie in der Mitte angeschwollen und spindelförmig, so daß sie im kleinen die viel gröbern Verbindungsstränge der Siebröhren nachahmen; letztere erscheinen daher nur als eine höhere Form der Plasmaverbindungen. Die Entstehung der Stränge findet schon während der ersten Zellteilungsstadien und nicht etwa erst nachträglich durch Auflösung der Zellhaut an den vom Plasma durchsetzten Teilen der Zellwand statt. Die auffallende Thatsache, daß die Tüpfelkanäle zweier benachbarter Gewebselemente stets genau aufeinander treffen, findet in dem primären Vorhandensein der Plasmaverbindungen eine ungezwungene Erklärung: die physiologische Aufgabe derselben besteht teils in der Fortleitung von Reizen, teils in dem Transport von Stoffen aus einer Zelle in die benachbarte; vielleicht lassen sich hieraus manche bisher rätselhafte Erscheinungen, wie z. B. die auffallende Geschwindigkeit der Stoffwanderung u. a., erklären. Kienitz-Gerloff hält die mit Plasmasträngen erfüllten dünnen Kanäle der Zellhaut für die Bahnen, in welchen das Plasma der Pflanze fortwandert und beim Absterben eines Organs, z. B. der Blätter bei herbstlichem Laubfall, aus den betreffenden Zellen sich zurückzieht; nur die Schließzellen der Spaltöffnungen sind davon ausgeschlossen, weil ihnen Plasmaverbindungen gegen das benachbarte Gewebe fehlen. Durch die Erkenntnis der allgemeinen Verbreitung von Plasmabrücken zwischen den Nachbarzellen des Pflanzenkörpers werden die bisherigen Anschauungen über Fortleitung von Reizen und Stoffen stark erschüttert; ja, die Individualität der Zellen selbst erscheint in Frage gestellt, da die mittels der Verbindungsstränge in Zusammenhang stehenden Plasmakörper zahlreicher Gewebepartien eine in sich geschlossene Einheit darstellen, in welcher die Lebensäußerungen derselben ihren Zentralsitz haben.

Über Inhaltsbestandteile der Zellen, wie Stärkemehl und Chlorophyllkörner, liegen neue Arbeiten von Eberdt und von Bredow vor. Ersterer bestreitet die von Schimper behauptete Erzeugung des Stärkemehls in nicht assimilierenden Organen aus den sogen. Stärkemehlbildnern, seine Beobachtungen sprechen vielmehr dafür, daß die Entstehung der Amylumkörner an eine Grundsubstanz gebunden ist, die aus dem Plasma hervorgeht und passiv zu Stärkemehl umgewandelt wird. Auch leugnet er die ausschließliche Entstehung der Grundsubstanzkörner durch Teilung bereits vorhandener. Bredow beschäftigte sich besonders mit dem Verhalten der Chlorophyllkörner im ruhenden und keimenden Samen und kam zu dem Ergebnis, daß die plasmatische Grundlage der noch farblosen Chlorophyllkörner (Chromatophoren) während der Samenreife nicht, wie man früher annahm, aufgelöst wird und dann beim Keimen von neuem aus dem Zellplasma sich bildet, sondern daß sie auch im ruhenden Samen erhalten bleibt und nur in diesem Lebensstadium zusammenschrumpft und schwer auffindbar ist. Die Struktur des einzelnen Chlorophyllkornes denkt er sich ähnlich wie Tschirch als schwammiges Gerüst von balkenähnlichen, unter sich verbundenen Plasma-Elementen, in deren enge Maschen hier und da ein Öltropfen und außerdem wahrscheinlich auch der grüne Farbstoff eingelagert ist.

[728] Die Bildung und der Bau der in manchen Zellen (z. B. der Blattepidermis von Ficus elastica) vorkommenden, mit kohlensaurem Kalk erfüllten Wandverdickungen, der sogen. Cystolithen, wurde von Giesenhagen näher verfolgt, um an diesem günstigen Objekt neue Aufschlüsse über die Wachstumsweise der pflanzlichen Zellhaut zu gewinnen. Die genannten Bildungen bestehen aus einem dünnern cylindrischen Stiel, mittels dessen sie der Innenseite der Zellhaut ansitzen, und einem dickern Körper von eiförmigem Umriß, der konzentrische Schichtung und radial verlaufende Streifen erkennen läßt. Die Schichtung entsteht nach Giesenhagen durch Auflagerung (Apposition) gleichartiger, vom Zellplasma aus gebildeter Zellstofflamellen, in und zwischen die kohlensaurer Kalk abgelagert wird; die Radialstreifen sollen dagegen kalkerfüllte Hohlröhren darstellen, was von andrer Seite jedoch bestritten wird.

Die Abhängigkeit der Zellhautbildung vom Vorhandensein eines Zellkernes ist mehrfach, z. B. von Schmitz, Klebs, Haberlandt u. a., festgestellt worden; Palla fand jedoch bei Versuchen mit kernlosen Plasmamassen aus Pollenschläuchen mit plasmolysierten Zellen, daß auch kernlose Teilstücke des Plasmas sich mit einer Zellhaut umkleiden können, und ist geneigt, in dieser Erscheinung, die er nur an lebhaft wachsenden Organen auffand, eine Nachwirkung vorangegangener Zellkernthätigkeit zu erblicken. – Vgl. Went, Die Vermehrung der normalen Vakuolen durch Teilung (Pringsheims Jahrbücher, Bd. 19); Wakker, Studien über die Inhaltskörper der P. (ebenda); Kienitz-Gerloff, Die Protoplasmaverbindungen zwischen benachbarten Gewebselementen in der Pflanze („Botanische Zeitung“, 1891); Eberdt, Beiträge zur Entstehungsgeschichte der Stärke (Pringsheims Jahrbücher, Bd. 22, 1890); Bredow, Beiträge zur Kenntnis der Chromatophoren (ebenda); Giesenhagen, Das Wachstum der Cystolithen von Ficus elastica („Flora“, 1890); Palla, Beobachtungen über Zellhautbildung an des Zellkernes beraubten Protoplasten (ebenda).