Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Fourier“ in Meyers Konversations-Lexikon
Seite mit dem Stichwort „Fourier“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 6 (1887), Seite 470472
Mehr zum Thema bei
Wikisource-Logo
Wikisource: Fourier
Wiktionary-Logo
Wiktionary:
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Indexseite
Empfohlene Zitierweise
Fourier. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 6, Seite 470–472. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Fourier (Version vom 11.12.2021)

[470] Fourier, s. Furier.

Fourier (spr. furjē), 1) Jean Baptiste Joseph, Baron de, Mathematiker und Physiker, geb. 21. März 1768 zu Auxerre, besuchte die Militärschule seiner Vaterstadt, ging dann in das Kloster St.-Benoît sur Loire als Novize, trat jedoch 1789 in das Weltleben zurück und erhielt zu Auxerre den Lehrstuhl der Mathematik, den er bis 1794 innehatte. Er nahm an den Jakobinerversammlungen teil und gehörte zu dem furchtbaren Comité de survelliance. Kurze Zeit bekleidete er eine Professur an der Normalschule zu Paris, dann an der polytechnischen Schule und folgte 1798 Bonaparte nach Ägypten, wo er als dessen Sekretär für das ägyptische Institut und als Diplomat thätig war. Zugleich war er eifriger Mitarbeiter an der „Description de l’Égypte“, deren historische Einleitung er verfaßte. 1802 wurde er zum Präfekten des Isèredepartements, 1808 zum Baron und 1815 zum Präfekten des Rhônedepartements ernannt, legte aber letztere Stelle bald nieder und lebte seitdem in Paris seinen Studien; 1815 ward er Mitglied und später beständiger Sekretär der [471] mathematischen Klasse des französischen Nationalinstituts. Er starb 16. Mai 1830. Seine berühmtesten Werke sind: „Théorie analytique de la chaleur“ (Par. 1822; deutsch von Weinstein, Berl. 1884); „Mémoire sur les températures du globe terrestre et des espaces planétaires“ (1827) und „Analyse des équations déterminées“ (hrsg. von Navier, 1831).

2) François Marie Charles, der Begründer eines besondern sozialistischen Systems, des Fourierismus, und einer sozialistischen Schule, der Fourieristen, wurde als Sohn eines reichen Kaufmanns 7. April 1772 zu Besançon geboren. Sein Vater starb früh (1781). Nachdem F. in der lateinischen Schule zu Besançon seine Ausbildung empfangen, widmete er sich ebenfalls dem kaufmännischen Beruf und besuchte dann als Handlungsreisender Deutschland und Holland. 1793 gründete er in Lyon ein Kolonialwarengeschäft. Beteiligt bei den Aufständen gegen die Herrschaft der Jakobiner, wurde F. gefangen und entging nur mit Mühe dem Todesurteil; aber er verlor sein Vermögen. Bald darauf wurde er zur Armee eingezogen, welcher er zwei Jahre angehörte. 1799 in einem Handlungshaus in Marseille beschäftigt, wurde F. beauftragt, im Interesse einer Preisspekulation heimlich eine große Reisladung ins Meer werfen zu lassen. Dies soll ihn zuerst auf sozialistische Ideen gebracht haben. Er wurde dann in Lyon Handelsmakler und veröffentlichte als solcher 1803 anonym im „Bulletin de Lyon“ einen politischen Artikel, „Le triumvirat“, der damals großes Aufsehen, auch die Aufmerksamkeit des Konsuls Bonaparte erregte. In den folgenden Jahren überließ er sich in seinen Mußestunden philosophischen und sozialpolitischen Spekulationen über das Wesen und die Bestimmung der Menschen und über die Möglichkeit, gegenüber den bisherigen Zuständen das Glück aller herzustellen, und kam hier zu eigentümlichen, von allen bisherigen Vorstellungen abweichenden Ideen, auch zu sozialistischen Anschauungen. Als Frucht seiner Studien erschien 1808 ein größeres Werk: „Théorie des quatre mouvements et des destinées générales“, mit dem er eine neue soziale Wissenschaft geschaffen zu haben glaubte. Das Werk enthält bereits die Begründung und das Programm seines neuen sozialistischen Systems, dessen positive Gestaltung bis in alle Einzelheiten in dem 14 Jahre später erschienenen „Traité d’association domestique agricole“ (Besançon und Par. 1822, 2 Bde.; 1841 u. d. T.: „Théorie de l’unité universelle“ gedruckt) näher ausgeführt wurde. F. hat außer diesen beiden Hauptwerken noch eine Reihe zum Teil umfangreicher Arbeiten veröffentlicht (s. unten); dieselben enthalten im wesentlichen aber nur Wiederholungen oder weitere Ausführungen der in jenen Werken bereits ausgesprochenen Ideen. Seit dem Erscheinen des ersten Werkes war F. unablässig bemüht, für seine Ideen Propaganda zu machen und Anhänger zu gewinnen. Aber das Werk fand keine Beachtung, und seine Bemühungen waren fast 20 Jahre vergebliche; erst gegen Ende der 20er Jahre gelang es ihm, in Paris eine kleine Schule zu begründen; vorher (1816) hatte er nur einen Schüler, Just Muiron, gefunden. Er lebte von 1808 bis 1826 abwechselnd meist bei Verwandten und Freunden, teils auf dem Lande, teils in verschiedenen Städten, namentlich in Besançon und Paris; zeitweise hatte er Stellungen in Handelshäusern inne. 1826 siedelte er dauernd nach Paris über und blieb dort bis zu seinem Tod. Er starb in Armut 8. Okt. 1837.

F. gehört zu jenen Phantasten, die sich berufen glauben, die Beglücker der Menschheit zu werden. Was Marlo von ihm sagt: „F. ist ebensowohl ein kritisches als schöpferisches Talent. Er ist durchaus originell und steht durch seinen überschwenglichen Gedankenreichtum hoch über seiner geistesarmen Zeit. Seine umfangreichen Schriften enthalten ein buntes Gemisch von frappanten Schilderungen, wunderlichen Berechnungen, märchenhaften Phantasmen, groben Irrtümern und gewichtigen Wahrheiten. Sie sind verworren, mit neuen, meist gesuchten Wortbildungen überladen und häufig so dunkel, daß der wahre Sinn derselben zweifelhaft bleibt“, ist in der That zutreffend, auch die hierin liegende Anerkennung, wenngleich das Beste in seinen Schriften jedenfalls die Kritik thatsächlicher Wirtschafts- und Gesellschaftszustände ist. Über Fouriers sozialistisches System s. Sozialismus. Die sozialistische Umwandlung der menschlichen Gesellschaft, von der er die Lösung der sozialen Frage erhoffte, die Beseitigung aller bisherigen Wirtschaftsformen und politischen Gemeinschaften durch seine „Phalangen“, begründete er mit einer in seinem ersten Werk breit ausgeführten Psychologie und Kosmogonie, von denen die erstere, völlig unhaltbar, keine Beachtung gefunden, die letztere aber mit ihren Prophezeiungen über die Zukunft des Menschengeschlechts und der Erde geradezu als Verrücktheit bezeichnet werden muß. Es genügt, hier z. B. zu erwähnen, daß F. weissagt: es würde durch die über die ganze Erde verbreiteten Phalangen mit dem über die Welt herrschenden, in Konstantinopel residierenden Omniarchen der ganze Zustand der Erdoberfläche eine Änderung erfahren: um den Nordpol werde sich eine Lichtkrone bilden, die Leben und Wärme über die kalten Länder der Erde verbreite, die Erde werde dann überall bewohnbar sein, die Fische würden den Menschen dienstbar sein und Schiffe ziehen, die wilden Tiere zu Lasttieren werden; die Menschen würden 2 m hoch, 144 Jahre alt, 200 kg schwer werden und in der Bevölkerung von 3 Milliarden nicht weniger als 37 Mill. Dichter wie Homer, 37 Mill. Mathematiker wie Newton, 37 Mill. Schauspieler wie Molière zählen etc. Widerlich und ekelhaft sind die unmoralischen Anschauungen und Forderungen Fouriers über die Ehe, das Verhältnis der Geschlechter und die Kindererziehung in seiner „idealen“ societären Gemeinschaft. Unmöglich ist es, in Kürze auch nur die Grundzüge seiner eigentümlichen Psychologie wiederzugeben (s. darüber Stein, Marlo, Reybaud a. a. O.). Der an sich einfache Grundgedanke, auf dem die willkürlichen, unklaren und phantastischen Anschauungen beruhen, ist: daß alle Menschen eine Reihe von 12 Grundtrieben (5 sensuelle, 4 affektive, 3 distributive) haben, aus deren verschiedener Mischung bei den Einzelnen der verschiedene Charakter derselben sich bilde, daß das Glück der Menschen darin bestehe, daß jeder ungehindert seinen Trieben in deren natürlicher Äußerung folgen könne, und daß, um das allgemeine Glück zu schaffen, daher eine soziale Ordnung geboten sei, welche diese natürliche Gestaltung und damit „die Harmonie“ der Triebe sichere.

Der Fourierismus gelangte erst nach dem Untergang des Saint-Simonismus gegen das Lebensende von F. und mehr nach seinem Tod vorübergehend zu größerer Bedeutung durch die energische Agitation einiger hervorragender Anhänger Fouriers, namentlich V. Considérants (s. d.), welche aus den Fourierschen Lehren den praktischen sozialistischen Kern herausschälten und dafür wirkten. Von bekanntern Fourieristen sind noch zu nennen: Jules Lechevalier, Abel Transon, Lemoyne, Morize, Paget, Baudet-Dulary, César Daly, Pellarin, Blanc, Chambellant, [472] Pecqueur etc. Einige vergebliche Versuche mit Phalangen wurden in Frankreich und Amerika gemacht. Zeitschriften der Fourieristen waren: „Le nouveau monde“, „Le Phalanstère, ou la réforme sociale“, „La Phalange“ (1836), „La démocratie pacifique“ (1843). Von Fouriers größern Arbeiten sind noch zu erwähnen: „Le nouveau monde industriel et sociétaire, etc.“ (Par. 1829); „Piéges et charlatanisme des deux sectes Saint-Simon et Owen, etc.“ (das. 1831); „La fausse industrie, etc.“ (das. 1835). Seine „Œuvres complètes“ erschienen Paris 1840 bis 1846, 6 Bde. (neuer Abdruck 1870). Vgl. J. Lechevalier, Études sur la science sociale; V. Considérant, Exposition abrégée du système de F. (1845); L. Reybaud, Études sur les réformateurs, Bd. 1 (7. Aufl. 1864); Pellarin, Ch. F., sa vie et sa théorie (5. Aufl. 1871); L. Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich, Bd. 2 (Leipz. 1850); V. Marlo, Untersuchungen über die Organisation der Arbeit, 1. Bd., 2. Abt. (Kassel 1853); B. Becker, Karl F. (Braunschw. 1875).