Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Dezimalmaß“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 4 (1886), Seite 923
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Dezimalmaß. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 4, Seite 923. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Dezimalma%C3%9F (Version vom 22.04.2024)

[923] Dezimalmaß (Dezimalsystem), jede Art von Maß, in welchem die Einteilungszahl 10 ist. Dasselbe gestaltet sich, von den Unter- zu den Oberabteilungen allmählich aufsteigend, folgendermaßen:

1, 10, 100, 1000, 10,000, 100,000 etc.;

dagegen, von den Ober- zu den Unterabteilungen allmählich absteigend:

1, 1/10, 1/100, 1/1000, 1/10000, 1/100000 etc.

Dieses System empfiehlt sich durch die große Leichtigkeit, mit welcher Reduktionen ausgeführt werden können, und wird daher in der Wissenschaft längst und allgemein benutzt, findet gegenwärtig aber auch im praktischen Leben immer mehr Anwendung. Außer dem D. ist nur noch das unter dem Namen „Werkmaß“ bekannte Duodezimalmaß üblich, bei welchem die Rute in 12 Fuß, der Fuß in 12 Zoll, der Zoll in 12 Linien geteilt ist. Dezimalsystem insbesondere heißt das in Frankreich nach dem Gesetz vom 9. Frimaire VIII (29. Nov. 1800) eingeführte Maß- und Gewichtssystem. Als Grundmaß der Länge ist der zehnmillionste Teil des Erdquadranten angenommen; derselbe bildet das Meter (mètre). Eine Fläche, 10 Meter lang und 10 Meter breit, d. h. von 100 Quadratmeter, macht einen Ar, d. h. die Einheit des Flächenmaßes. Das Kubikmeter als Körpermaß heißt Ster. Der Kubus des zehnten Teils eines Meters (= 1/1000 Kubikmeter) dient als Hohlmaß zu flüssigen und trocknen Dingen und wird Liter (litre) oder Kubikdezimeter genannt. Das Gewicht so viel reinen Wassers von größter Dichtigkeit, als den Kubus des hundertsten Teils eines Meters (ein Kubikzentimeter) ausfüllt, gewährt die Gewichtseinheit und heißt Gramm. Um das Zehn-, Hundert-, Tausend- und Zehntausendfache dieser Maß- und Gewichtseinheiten auszudrücken, setzt man die griechischen Zahlennamen Deka, Hekto, Kilo und Myria vor. 1 Dekagramm ist also = 10 Gramm, 1 Hektoliter = 100 Liter, 1 Kilometer = 1000 Meter, 1 Myriameter = 10,000 Meter etc. Um dagegen das Zehntel, Hundertstel oder Tausendstel einer Einheit zu bezeichnen, setzt man die lateinischen Zahlnamen Dezi, Zenti oder Milli vor. So ist z. B. 1 Dezigramm = 1/10 Gramm, 1 Zentimeter = 1/100 Meter, 1 Milliliter = 1/1000 Liter etc. Auch die Münze (der Frank) wird in 10 Decimes, à 10 Centimes, geteilt. Dasselbe System ist jetzt auch im Deutschen Reich, in Österreich, Belgien, Holland, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und in den meisten südamerikanischen Freistaaten eingeführt. Auch auf das Münzwesen ist das Dezimalsystem angewandt worden. Im Deutschen Reich, in Frankreich, Italien und den meisten Ländern der lateinischen Münzkonvention, in Österreich-Ungarn, den Niederlanden, in Griechenland, Rußland, Schweden, Norwegen, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in China und Japan wird die Münzeinheit dezimal geteilt.


Jahres-Supplement 1891–1892
Band 19 (1892), Seite 192193
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[192] Dezimalmaß. Die Bestrebungen zur Herstellung einer universellen, unveränderlichen Maßeinheit für die Länge beginnen um die Mitte des 17. Jahrh. mit dem Vorschlag von Huyghens, die Länge des Sekundenpendels als Längeneinheit zu wählen. Später ist dann das metrische System zur Geltung gelangt, und es ist gegründete Aussicht vorhanden, [193] daß dieses in absehbarer Zeit zu allgemeiner Einführung gelangen wird. Das Meter, der zehnmillionte Teil des Erdquadranten, wurde bisher durch den geradlinigen Abstand dargestellt, welcher bei der Temperatur von 0° zwischen der Mitte der Endflächen des im Conservatoire des arts et métiers zu Paris aufbewahrten Platinstabes von rechteckigem Querschnitt enthalten ist. Dies Mètre des archives bildete das Prototyp für alle bei den verschiedenen Nationen im Gebrauch befindlichen Meterstäbe. In Preußen bewahrte die Normaleichungskommission in Berlin als Urnormallängenmaß einen Platinstab auf, dessen wahre Länge bei 0° durch eine preußisch-französische Kommission 1863 gleich 1,000,003,01 des Mètre des archives gefunden worden war. Die Meterkonvention vom 20. Mai 1875 gründete dann auf gemeinsame Kosten ein permanentes wissenschaftliches Institut, das Internationale Büreau für Maß und Gewicht in Paris, welches unter Zugrundelegung der in den französischen Archiven aufbewahrten metrischen Prototype neue vervollkommte, aber mit jenen identische gemeinsame Urnormale (internationale Prototype) sowie genaue, für die einzelnen Staaten der Meterkonvention bestimmte Kopien derselben (nationale Prototype) herzustellen und alle diese Normale untereinander auf das sorgfältigste zu vergleichen. Als Material für die neuen Prototype wurde eine Legierung aus 90 Platin und 10 Iridium gewählt, welche alle Garantien für die Unveränderlichkeit der Maßstäbe zu bieten schien. Die umfangreichen Untersuchungen des internationalen Büreaus sind vor einiger Zeit zum Abschluß gelangt, und es sind an Stelle der bisherigen französischen Prototype, welche fortan nur als historische Erinnerungsstücke aufbewahrt werden sollen, von der 1889 zusammengetretenen Generalkonferenz für Maß und Gewicht die mit jenen vollkommen identischen neuen internationalen Prototype als Einheiten sanktioniert und in dem internationalen Büreau niedergelegt sowie die angefertigten nationale Prototype sanktioniert und ihre Beziehungen zu den internationalen Prototypen festgestellt worden. Die Längeneinheit, das Meter, wird demgemäß fortan dargestellt durch den Abstand, welcher bei der Temperatur des schmelzenden Eises zwischen den Mitten der Endstriche eines von Johnson, Matthey u. Komp. zu London hergestellten Maßstabes aus Platiniridium stattfindet, der die Bezeichnung M führt, und dessen x-förmiger Querschnitt durch nebenstehende Figur in natürlicher Größe veranschaulicht wird. Die Teilstriche befinden sich in der neutralen, nach der Festigkeitslehre verzerrungsfreien Ebene a des Stabes. Das dem Deutschen Reich von der Generalkonferenz durch das Los zugeteilte und fortan in Gewahrsam der Normaleichungskommission in Berlin befindliche Meterurmaß Nr. 18 ist ein Platiniridiummaßstab von x-förmigem Querschnitt, dessen Länge durch die Gleichung gegeben ist: Urmaß Nr. 18 , wo Mikron = 0,001 mm, die Temperatur nach der für den internationalen Dienst für Maß und Gewicht angenommenen Normalskala (Skala des Wasserstoffthermometers) bedeutet u. der lineare Ausdehnungskoeffizient des Urmaßes Nr. 18 zwischen den Temperaturen 0° und T° ist.

Als Maßeinheit des Gewichts gilt im metrischen System der Druck, den die in 1 Kubikdezimeter (Liter) enthaltene Summe von Massenteilchen reinen destillierten Wassers bei 4° im leeren Raum auf eine Unterlage ausübt. Obgleich die Gewichtseinheit also auf eine Wirkung von Kräften, nämlich der Anziehungs- und Zentrifugalkraft der Erde, begründet ist, so sollte diese Wirkung nur die Grundlage vergleichender Massenbestimmungen, nicht die Grundlage von Kraft oder Arbeitsmessungen bilden. Soll die Gewichtseinheit die Grundlage eines wirklichen Kraftmaßes bilden, so muß zugleich die geographische Lage des Ortes, für welchen sie als Einheit gelten soll, genau angegeben sein, weil die Intensität der Schwerkraft und also auch das Gewicht eines Körpers sich mit der geographischen Breite des Beobachtungsortes, mit seiner Höhe über dem Meeresspiegel und sogar mit der Verschiedenheit der Größe und der Verteilung der den Beobachtungsort umgebenden

Normalmeterstab.

Massen ändert. In dem vorhin erwähnten Sinn war also dis Einheit des Gewichts unter dem Namen Kilogramm definiert worden. Das Prototyp desselben war bisher ein von Fortin in Paris angefertigter Cylinder aus Platin, welcher ebenso wie das Prototyp des Meters im Conservatoire des arts et métiers zu Paris unter dem Namen Kilogramme des archives aufbewahrt wird, und von welchem die bei den verschiedenen Staaten im Gebrauch befindlichen Kilogramme beglaubigte Kopien sind. So galt bisher als Urgewicht für Deutschland das im Besitz der preußischen Regierung, jetzt im Gewahrsam der Normaleichungskommission befindliche Platinkilogramm, welches, mit Nr. 1 bezeichnet, 1860 von einer preußisch-französischen Kommission mit dem Kilogramme des archives verglichen und gleich 0,999999842 kg befunden worden ist. Bei der nunmehr vollzogenen Festsetzung des neuen internationalen Urgewichts hat das internationale Maß- und Gewichtskomitee und auf seinen Antrag die erste allgemeine Konferenz des internationalen Maß- und Gewichtsdienstes das internationale Kilogramm als Einheit der Masse[WS 1] erklärt. An Stelle des Kilogramme des archives gilt fortan als Prototyp der Maßeinheit das neue internationale Urgewicht, das Kilogramm K, ein von Johnson, Matthey u. Komp. in London aus der erwähnten Legierung hergestellter Cylinder von einer dem Durchmesser seines kreisförmigen Querschnitts gleichen Höhe, welcher 1880 mit dem Kilogramme des archives identisch befunden worden ist. Das dem Deutschen Reich durch das Los zugefallene Urgewicht Nr. 22 ist ein ähnlicher Cylinder von 39 mm Höhe, dessen Masse durch die Gleichung dargestellt wird: Urgewicht Nr. 22 = . Das Volumen des Urgewichts Nr. 22 beträgt bei 0°: 46,403 ccm. Der internationalen Meterkommission liegt dem Vertrag zufolge nunmehr noch die Aufgabe ob, in geeigneten Zeitintervallen sämtliche nationale Prototype mit den internationalen Prototypen zu vergleichen, um ihre Unveränderlichkeit zu kontrollieren und die Gültigkeit ihrer numerischen Beziehungen sicher zu verbürgen. Vgl. Grunmach, Über Maß und Messen, bes. über die Entwickelung und Begründung des metrischen Maßsystems (Berl. 1883); „Mitteilungen der kaiserl. Normaleichungskommission“, 1. Reihe Nr. 11: Bekanntmachung, betr. die internationale Organisation des Maß- und Gewichtswesens (das. 1890).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Maße