MKL1888:Darwin

Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Darwin“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 4 (1886), Seite 562564
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  1. Erasmus Darwin
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Darwin. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 4, Seite 562–564. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Darwin (Version vom 03.04.2022)

[562] Darwin, 1) Erasmus, Arzt, Naturforscher und didaktischer Dichter, geb. 12. Dez. 1731 zu Elton in der Grafschaft Nottingham, studierte zu Cambridge und Edinburg Medizin, praktizierte eine Zeitlang in Litchfield und lebte später in Breadwall bei Derby, wo er 18. April 1802 starb. In seinen Hauptwerken, den Gedichten: „The botanic garden“ (Lond. 1781 u. ö.), „The temple of nature“ (1803) und „Zoonomia, or the laws of organic life“ (1794–98), gab er ein vollständiges System der Entwickelungstheorie und verfolgte fast die gleiche biologische Richtung wie sein berühmter Enkel, der gewissermaßen ein Programm ausgeführt hat, welches sein Großvater entwarf und hinterließ. Die Rätsel der Vererbung, der Anpassung, der Schutzmittel von Pflanzen und Tieren, der geschlechtlichen Zuchtwahl, der insektenfressenden Pflanzen, die Analyse der Gemütsbewegungen und soziologischen [563] Triebe etc. finden sich bereits in den Werken des ältern D. besprochen. Er schrieb noch: „Phytonomia, or the philosophy of agriculture and gardening“ (1800; deutsch von Hebenstreit, Leipz. 1801, 2 Bde.); „A plan for the conduct of female education etc.“ (1797; deutsch bearbeitet von Hufeland: „Anleitung zur Erziehung des weiblichen Geschlechts“, Berl. 1822); „Poetical works“ (1806, 3 Bde.). Sein Leben beschrieben Miß Seward (Lond. 1804) und Ch. Darwin mit Krause (Leipz. 1880). Vgl. Cröme, Abhandlungen und Bemerkungen über verschiedene naturwissenschaftliche Gegenstände aus Darwins „Botanic garden“ (Hamb. 1810).

2) Charles Robert, Enkel des vorigen, Naturforscher, geb. 12. Febr. 1809 zu Shrewsbury als Sohn des Arztes Rob. Waring D., bethätigte seit früher Jugend als eifriger Sammler sein Interesse an der Natur, bezog 1825 die Universität Edinburg, um Medizin zu studieren, wobei ihm seine Abneigung gegen Leichensektionen hinderlich wurde. In der Absicht, sich nunmehr dem Studium der Theologie zu widmen, besuchte er seit 1827 das Christ’s College zu Cambridge, woselbst der Botaniker Henslow ihn in seiner Neigung, die Naturwissenschaften zu studieren, bestärkte, und erhielt hier 1831 den ersten akademischen Grad. Durch die Lektüre von Humboldts Werken von Begeisterung für den Besuch tropischer Länder ergriffen, schloß er sich in demselben Jahr der fünfjährigen Expedition des Beagle unter Kapitän R. Fitzroy an, besuchte Brasilien, die Magelhaensstraße, die Westküste Südamerikas und die Inseln der Südsee und kehrte im Oktober 1836 nach England zurück. Seit 1842 lebte er, durch eine von seiner langen Seereise zurückgebliebene Kränklichkeit vielfach in seinem unermüdlichen Arbeitsdrang behindert, sehr eingezogen auf seinem Landsitz (Down bei Beckenham in Kent) und bekleidete hier die Stelle eines Grafschaftsmagistrats. D. hatte auf seiner Erdumseglung ein ungemein reiches Material gesammelt, dessen Verarbeitung ihn lange beschäftigte. Nachdem er 1837–38 eine Reihe von geologischen Arbeiten in verschiedenen wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht hatte, deren erste, gleich seiner letzten Arbeit, die geologische Thätigkeit der Regenwürmer betraf, ließ er 1839 das Tagebuch seiner Beobachtungen („Journal of researches in natural history and geology“) als dritten Teil der von Fitzroy herausgegebenen Beschreibung der Expedition folgen, und 1845 erschien dasselbe Werk selbständig als „Voyage of a naturalist round the world“ (deutsch von Dieffenbach, Lond. 1844; neu übersetzt von V. Carus, Stuttg. 1875). Die zoologische Ausbeute der Reise wurde von Owen, Waterhouse, Gould, Bell und Jenyns bearbeitet und, von D. mit einer Einleitung versehen, als „Zoology of the voyage of H. M. S. Beagle“ (1840–48, 5 Bde.) herausgegeben. Eine neue Ausgabe erschien 1884 unter dem Titel: „Natural history and geology. Voyage of H. M. S. Beagle“. Hatte schon die 1842 veröffentlichte Schrift über den Bau und die Verbreitung der Korallenriffe (2. Aufl. 1874; deutsch, Stuttg. 1876) neben der zoographischen auch eine geologische Bedeutung als erste plausible Erklärung der Formen und Entstehungsweisen der Korallenriffe gehabt, so waren mehrere andre Arbeiten Darwins ausschließlich der Geologie, vorzüglich Südamerikas, gewidmet. Dahin gehören: „Geological observations on volcanic islands“ (1842); „Geological observations on South America“ (1846; 2. Aufl., mit dem vorigen, 1876). Als geschickter Zoolog und Paläontograph sowie als glücklicher und gewandter Experimentator zeigte sich D. in seinen Untersuchungen über die Rankenfüßer, von welchen die Ray Society das „Monograph of pedunculated and sessile Cirripedia“ (1851 bis 1853, 2 Bde.) veröffentlichte, während in den Schriften der Palaeontographical Society Monographien über fossile Rankenfüßer erschienen. Später folgten Untersuchungen über die Bewegungen der Schlingpflanzen, über den Di- und Trimorphismus von Linum, Lythrum und Primula und über die Befruchtung der Orchideen durch Insekten („On the various contrivances by which British and foreign orchids are fertilized“, 1862). Alle diese Arbeiten, so wichtig sie an sich auch waren, erscheinen doch nur als Vorstudien zu dem epochemachenden Werk über den Ursprung der Arten („On the origin of species by means of natural selection“, 1859), welches, bald darauf in fast alle lebenden Kultursprachen übersetzt, den lebhaftesten Widerspruch auf der einen, die begeistertste Zustimmung auf der andern Seite hervorrief, in der Folge aber eine völlige Revolution und neue Epoche für die Naturforschung anbahnte. D. hatte die erste Anregung zur Verfolgung der Frage über den Ursprung der jetzt lebenden Arten des Tier- und Pflanzengeschlechts während seiner Reise um die Welt erhalten, indem ihm gewisse Thatsachen der geographischen Verbreitung organischer Wesen und namentlich die nahe Verwandtschaft gewisser heute lebender Bewohner Südamerikas mit den daselbst in ihren Resten gefundenen ausgestorbenen Tieren aufgefallen waren. Längeres Nachdenken überzeugte ihn, daß diese Thatsachen nur durch die Annahme einer Abstammung der jetzigen, wenn auch vielfach veränderten Lebewesen von den frühern erklärbar seien, und daß somit der damals noch von allen Koryphäen der Naturforschung festgehaltene Lehrsatz von der Konstanz oder Unveränderlichkeit der Arten unhaltbar sei. Er begann nunmehr auf seinem Gut eifrige Studien über die Veränderlichkeit von Haustieren (namentlich Tauben) und Kulturpflanzen unter dem Einfluß der Züchtung anzustellen und mit großer Umsicht die unendlichen Beobachtungsreihen zu sammeln, die für ihre weitgehende Veränderlichkeit Anhaltspunkte lieferten. Es war ihm dabei allmählich klar geworden, daß in der lebenden Natur ein Faktor thätig sein müsse, der, in analoger Weise wie der Einfluß der künstlichen Züchtung wirkend, aus den überall freiwillig entstehenden Varietäten der Tiere und Pflanzen diejenigen mit besondern Charakteren versehenen Formen (Arten) hervorzüchtet, welche die andern überleben. Längst war er überzeugt, dieses Prinzip in der „natürlichen Auslese“ durch den „Kampf ums Dasein“ (s. Darwinismus) gefunden zu haben, würde aber, seiner Zurückhaltung und Vorsicht gemäß, vielleicht noch lange gezögert haben, seine Ansichten über die lebende Natur öffentlich auszusprechen, wenn er nicht im Sommer 1858, als der Reisende A. R. Wallace ähnliche Ansichten veröffentlichen wollte, durch seine Freunde Lyell und Hooker zur Herausgabe einer ältern, jenen Forschern seit früher bekannten Abhandlung über den Ursprung der Arten und dann seines schon erwähnten Hauptwerkes gedrängt worden wäre. Er bezeichnete es sogleich als einen Vorläufer, dem die ausführenden Kapitel mit den Belegen folgen sollten, und eröffnete die Reihe dieser Spezialwerke mit dem zweibändigen Werk über das „Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustand der Züchtung“ („Variation of animals and plants under domestication“, 1868). Diesem an Thatsachen und Schlüssen ungemein reichhaltigen Werk, welches die Summe seiner einschlägigen Beobachtungen [564] zog, ließ er wenige Jahre später das wiederum zweibändige Werk über die „Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ („The descent of man and on selection in relation to sex“, 1871) folgen, welches einen neuen Sturm gegen den Verfasser und seine Theorien heraufbeschwor, weil in demselben der bisher außer Betracht gelassene Mensch in seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zur übrigen Tierwelt behandelt wurde. Dieselbe Richtung setzte das im folgenden Jahr veröffentlichte Werk über den „Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren“ („Expression of the emotions in men and animals“, 1872) fort, indem auch auf diesem mehr geistigen Gebiet die auffallendsten Beziehungen nachgewiesen wurden. Ein neues Forschungsgebiet eröffnete D. in seinen „Insektenfressenden Pflanzen“ („Insectivorous plants“, 1875), wobei in dem Nachweis der sonderbaren Ernährungsweise dieser Pflanzen von tierischen Stoffen wieder seine Befähigung als Experimentator glänzend hervortritt. Dasselbe gilt von seinem demnächst erschienenen Werk über die „Kreuz- und Selbstbefruchtung der Pflanzen“ („Cross- and self-fertilisation of plants“, 1876), in dem auf Grund höchst ausgedehnter Versuchsreihen der Nachweis erbracht wurde, daß für die meisten Pflanzen Kreuzung vorteilhafter als Selbstbefruchtung sei, ein Nachweis, der die zahlreichen Arbeiten Darwins über den Einfluß der Insekten auf die Kreuzung der Pflanzen zum Abschluß brachte und den betreffenden Abschnitt seines Wirkens krönte. Ein neues, noch in Diskussion befindliches Gebiet eröffnete sein nächstes Werk über das „Bewegungsvermögen der Pflanzen“ („The power of movement in plants“, 1880), und in seinem letzten Werk über die „Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer“ („The formation of vegetable mould by the action of erdworms“, 1881) kehrte er zu einem früh ins Auge gefaßten Lieblingsgegenstand zurück, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Immer noch mit neuen Problemen beschäftigt, starb er 19. April 1882 und wurde in der Westminsterabtei bestattet.

Darwins Einfluß auf die Naturforschung ist ein so großer gewesen, daß man ihn mit Vorliebe und gutem Rechte den „Kopernikus oder Newton der organischen Welt“ genannt hat. Binnen wenigen Jahrzehnten ist ein Umschwung in den Ansichten, Methoden und Zielen der Naturforscher, vor allen der Zoologen und Botaniker, eingetreten, wie er in der Geschichte der organischen Forschung seinesgleichen nicht hat. Indem D. ferner den Menschen als Glied der lebenden Natur reklamierte, hat er zugleich die Menschenwissenschaften in eine lebendige Berührung und Wechselwirkung mit der Naturwissenschaft gebracht, und die genetische Methode, die Verfolgung des Werdenden und der Entwickelung, um das Gewordene besser zu verstehen, ist das Schibboleth der heterogensten Forschungsgebiete geworden. Er hatte die Freude, den vollständigsten Triumph seiner Lehren zu beobachten, und namentlich in Deutschland fand er das frühste Verständnis und begeisterte Anhängerschaft. Der heftige, anfangs von persönlichen Angriffen nicht freie Kampf seiner Gegner war längst verstummt; auch die rücksichtslosesten unter ihnen wurden durch die milde und versöhnliche Form, in welcher er seine Ansichten verteidigte, entwaffnet. Noch mehr aber gewann er die Geister durch seinen das Fernste verknüpfenden Scharfsinn und seine nie ruhende Vorsicht im Prüfen der eignen Schlüsse, sowie die Herzen durch seine Milde und Gerechtigkeit im Urteil, durch seine Hingebung für die Freunde und durch seine Aufrichtigkeit und Bescheidenheit den eignen Leistungen gegenüber. Eine deutsche Übersetzung von Darwins „Gesammelten Werken“, mit Ausnahme der Monographie über die Cirripeden, besorgte V. Carus (Stuttg. 1875–82, 13 Bde.). Eine Sammlung und Übersetzung von Darwins „Kleinern Schriften“ gab E. Krause (Leipz. 1886) heraus. Vgl. E. Krause, Ch. D. und sein Verhältnis zu Deutschland (Leipz. 1885). Eine ausführlichere Biographie bereitet einer seiner Söhne, Francis D., vor.