Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Analȳse“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 1 (1885), Seite 525
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Analȳse. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 1, Seite 525. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Anal%C8%B3se (Version vom 01.11.2021)

[525] Analȳse (griech. Analy̆sis, s. v. w. Auflösung, Zergliederung) heißt in der Philosophie im Gegensatz zur Synthese (s. d.) diejenige logische Behandlung eines gegebenen Begriffs, durch welche wir ihn in seine Bestandteile, Merkmale etc. auflösen. Insofern heißt ein Begriff, der durch A. eines andern, in dem er enthalten ist, gewonnen wird, ein analytischer Begriff und die Erklärung einer Folgerung, die durch Zerlegung eines gegebenen Begriffs gewonnen wird, analytische Erklärung oder Folgerung. Ein analytisches Urteil ist ein solches, in welchem das Prädikat aus dem Begriff des Subjekts selbst unmittelbar hervorgeht, z. B.: jedes gleichseitige Dreieck hat drei gleiche Seiten etc.; während synthetisch ein Urteil genannt wird, wobei die Verknüpfung zwischen Subjekt und Prädikat durch ein Drittes erst vermittelt werden muß, z. B.: jedes gleichseitige Dreieck hat drei gleiche Winkel. Diese wichtige und durchgreifende Einteilung ist erst seit Kant („Kritik der reinen Vernunft“), nachdem sie im Altertum vom Megarenser Stilpo angedeutet, in neuerer Zeit aber von David Hume (s. d.) wieder aufgenommen worden war, genauer bestimmt worden und hat in der Anwendung auf einzelne Fälle ihre eignen Schwierigkeiten. Wenn man nämlich bestimmen soll, ob im Prädikat dasselbe gedacht wird wie im Subjekt, so muß man genau auf die Bedeutung der Worte achten. Sagt man z. B.: „Alle Luft ist elastisch und flüssig“, und geht man dabei von der Definition aus: „Luft ist die permanent elastisch-flüssige Materie“, so ist jenes Urteil ganz analytisch; geht man hingegen von der gemeinen Vorstellung der Luft aus, so liegt die Elastizität nicht notwendig darin, und dann kann auch das obige Urteil nur als ein synthetisches gefaßt werden. Daher kann die Unterscheidung solcher Urteile nur in der wissenschaftlichen Sprache, in welcher die Definitionen ganz feststehen, volle Anwendung finden. Unter analytischem Beweis versteht man diejenige Beweisform, wo man von gegebenen Bedingungen ausgeht, um die Prinzipien aufzusuchen, von welchen das Gegebene abhängt (regressus a principiatis ad principia), während die synthetische das umgekehrte Verfahren ist (progressus a principiis ad principiata). Darum heißt jene auch die regressive, diese die progressive Methode oder jene die heuristische („auffindende“), weil nach ihr das unbekannte Höhere aus dem Bekannten gefunden wird, z. B. aus einzelnen Naturerscheinungen ein allgemeines Naturgesetz, diese die didaktische („lehrende“). Während man nach der analytischen Methode das Thema an die Spitze stellt und dieses dann erörtert und ausführt, ergibt sich bei der synthetischen Methode das Resultat erst am Ende.

In der Grammatik nennt man A. die Bestimmung der einzelnen Wörter eines Satzes nach ihren grammatischen Verhältnissen. – Über die mathematische A. s. Analysis.