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Autor: Albert Grün
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Titel: Mülhausen, das Eldorado der Arbeiter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, 21 und 35, S. 300–304, 328-330, 552-555
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[300]
Mühlhausen, das Eldorado der Arbeiter.
Von Albert Grün.
I.
Ein Elsässer Landpfarrer und der Pact mit ihm. – Die Villen der Mülhäuser Nabobs. – Die Société Industrielle. – Die Köchlin und die Dollfus. – Deutschland in der Altstadt und Frankreich im „Neuen Viertel“. – Das Aeußere der „Arbeiterstadt“. – Das Innere eines Arbeiterhauses. – Schwester und Brüder. – „Hier ist’s schön!“ – Die Oberstube mit ihren Zeichnungen. – Dr. Martin Luther und der katholische Artillerist. – Der Husten des Pfarrers.


In der elsässischen Stadt Münster machte Napoleon der Dritte vor Jahren einen Besuch bei dem reichen Fabrikanten Hartmann. Die Sache gab den Pariser Zeitungen viel zu reden. Die eine rühmte die Leutseligkeit des Gastes, die andere des Wirthes prachtvolle Zubereitungen; den höheren, den historischen Standpunkt aber wählte eins der gelesensten Blätter, indem es auf die Bedeutsamkeit hinwies, welche die Anwesenheit Napoleon’s an einem Orte habe, wo vor zweihundert Jahren der – westphälische Frieden geschlossen worden!

Ungleich verzeihlicher wäre es, wenn ein Freund der Gartenlaube beim Lesen der Ueberschrift bereits die liebe Unstrut, die sich in die Saale ergießt, sammt der berühmten Marienkirche und der Richtstätte Thomas Münzer’s gewittert hätte, sintemalen das thüringische Mühlhausen ja auch seine Fabriken, mithin auch seine Arbeiter hat. Wir beeilen uns also, zu sagen, daß unser Mülhausen die altehrwürdige Stadt des oberen Elsasses ist, die schon Rudolf von Habsburg zur freien Reichsstadt erhob, die, zu Luther’s Zeit der schweizerischen Eidgenossenschaft beigetreten, zum oberrheinischen Kreise des weiland deutschen Reiches zählte und länger als das ganze übrige Elsaß daran festhielt, da sie sich erst im Verlaufe der großen Revolution mit Frankreich vereinigte. Was aber die Mülhäuser „Arbeiterstadt“ ist, von der die Zeitungen so viel gesprochen, das wußte ich selbst lange nur vom Hörensagen, bis ich mich einmal kurz und gut entschloß, das Ding mit eigenen Augen zu betrachten. Ob es der Mühe verlohnte, mag der geneigte Leser, dem ich meine Fahrt in der zwanglosesten Weise erzählen will, schließlich selbst entscheiden. Für etwelche Blicke nach rechts oder links brauche ich wohl kaum um Entschuldigung zu bitten; hört doch der Deutsche so gern vom Elsässer reden, wie jeder gemüthliche Mensch vom Onkel Carl oder Fritz, der sich zu Olim’s Zeiten in der Fremde angesiedelt.

Es war im letzten Januar, als ich in Straßburg den Baseler Bahnzug bestieg, der den etwa zwölf Meilen langen Weg nach Mülhausen in vier Stunden zurücklegt. In meinem Coupé nahm ein Heff in schwarzem Anzuge Platz, nach Haltung, Miene und Haarscheitelung augenscheinlich ein protestantischer Landgeistlicher. Ich liebe diese Herren im Elsaß, denn, abgesehen von ihrer Gemüthlichkeit und aus dem Herzen stammenden Gastfreiheit, stehen sie fast sammt und sonders für das Deutsche in Kirche und Schule ein. Auch brach ich die erste Gelegenheit vom Zaune, ihn in meiner Muttersprache anzureden, und sah mit Vergnügen, wie er bald so zutraulich wurde, als der gewohnte Kanzelton nur irgend zuließ. Unsere Unterhaltung lenkte sich auf die Zeit und ihre Fragen, und mein Pfarrer hatte sich allmählich in heiligen Eifer geredet, um schließlich in das bekannte Anathema gegen die rein verständige, selbstsüchtige materialistische Richtung auszubrechen, die nun einmal Alles beherrsche.

„Keiner denkt der Andern,“ sagte er. „Hingebung, Selbstverleugnung, Aufopferung, wie sie ein Pfarrer Oberlin im Steinthal, wie sie der blinde Pfeffel“ – wir fuhren eben an dessen Vaterstadt Colmar vorbei – „gekannt und geübt, werden täglich seltener; die ganze Welt ist eben kaufmännisch.“

„Schelten Sie mir,“ unterbrach ich ihn lächelnd, „die Kaufleute nicht, am Wenigsten hier im oberrheinischen Departement. Wie riesig waren nicht die Opfer, die sie noch neuerlich, zur Zeit der höchsten Baumwollnoth, ihren Arbeitern brachten! Und,“ setzte ich schnell hinzu, „kennen Sie die ‚Arbeiterstadt’ in Mülhausen? Und wollen Sie sich dort überzeugen, daß unser heutiger Materialismus wohl im Stande ist dahin zu wirken, daß der Mensch auch ein möglichst geistiges Dasein führen könne?“

Er verneinte es, bezeigte auch kein großes Verlangen, diese neue Welt kennen zu lernen. „Kommen Sie mit mir!“ bat ich, einem plötzlichen Einfalle folgend; „ich bin eben im Begriffe, sie aufzusuchen, und einen Tag haben Sie ja wohl zur Verfügung.“

Er überlegte und fand schließlich die Sache in Wahrheit thunlich. Mit einem entschiedenen „Es sei!“ legte er seine Hand in die meinige. „Aber,“ fügte er warnend bei, „Sie werden einen strengen Kritiker finden.“

„Desto bester,“ erwiderte ich, „auch ich liebe es nicht, die Augen am hellen Tage zu schließen.“

Der Zug brauste weiter, wir schauten uns schweigend, ohne Mißtrauen an, und bald mahnte uns der Ruf „Mulhouse“, der wie ein Pelotonfeuer längs des Zuges hindröhnte, daß wir am Ziele seien.

Wir stiegen aus. Die sonst von Norden nach Süden laufende Bahn macht hier eine so starke Schwenkung, daß sie sich fast westöstlich hinter der Stadt hinzieht. Diese liegt somit nördlich vom Bahnhofe und auf der entgegengesetzten Seite erhebt sich eine Hügelkette, die sich sogleich als den geeignetsten Standpunkt für eine Ueberschau ankündigt. Dem Chemin dit Bergasse (so französirt der Wegweiser Berggasse) folgend, erstiegen wir sie vor Allem. Die ganze Anhöhe ist mit Landhäusern und Luxusgärten voll zierlicher Treppchen, Glorietten und Schweizerhäuschen bedeckt,

[301]
Die Gartenlaube (1865) b 301.jpg

Im Arbeiterviertel in Mühlhausen.
Arbeiterwohnhaus. Restauration. Kleinkinderschule. Bade- und Waschhaus.

[302] die an Pracht und Geschmack selbst die Anlagen in Baden-Baden hinter sich lassen. Die Häuser sind nicht gerade Stylbauten, doch hat jedes seinen eigenthümlichen Charakter, und die gläsernen Vordächer, die von Epheu umrankten Balcons, die mannigfachen Vorsprünge und Eckthürme, Giebel und Giebelchen, deren anstrebende Form sich in den Dachfenstern und Schornsteinen wie neckisch wiederholt, geben ein Bild reichgegliederten Lebens. Ein Blick in die mitten im Winter von Wachsthum strotzenden Treibhäuser, in die reich decorirten Salons mit ihren blitzenden Spiegelscheiben, ja selbst auf die von Spalieren umzogenen Pferdeställe und Remisen belehrt augenblicklich, daß die Herren Dollfus, Köchlin und Schlumberger und wie die großen Fabrikanten Mülhausens weiter heißen, die hier zum Theil das ganze Jahr hindurch hausen, in alle Wege nicht zu den Asketen gehören. Auch hatte mein Pfarrer nicht übel Lust, darin einen neuen Beweis für die Richtigkeit seiner Weltanschauung zu erblicken, als wir just auf einem Punkte ankamen, wo wir die durchaus ebene Stadt frei und offen zu unsern Füßen liegen sahen.

Mülhausen, die zweite Stadt des Elsasses, ist seit 1746, wo Samuel Köchlin hier die erste Baumwollspinnerei anlegte, besonders aber in neuester Zeit erstaunlich gewachsen, also alt und neu zugleich. Vor zwanzig Jahren betrug die Zahl der Einwohner 25,000, jetzt weit über 60,000, was man freilich, um einer Erhöhung des Octrois und der Staatssteuern zu entgehen, bis Dato verschwiegen hat. Aus der von Wald und Baumpflanzungen umstandenen, bald dichter, bald minder dicht gedrängten Häusermasse ragen nicht, wie anderswo, nur die Thürme, sondern vor Allem die Schlote und Schornsteine der zahllosen Fabriken jeder Art empor, aus denen der Dampf in allen Schattirungen zwischen Schwarz und Weiß unablässig emporwirbelt. Man glaubt den Aetna qualmen zu sehen, in dessen Innerem mürrische Cyklopen schüren und hämmern, und ich konnte es meinem Begleiter nicht verdenken, daß er in wehmüthiger Stimmung einen Vergleich anstellte zwischen den Bewohnern der lichten, luftigen Paläste um uns und den von Rädern und Spindeln umsurrten Fröhnern in den schwülen Werkstätten da drunten.

„Nein,“ sagte er, „gehen Sie mir mit Ihren Industriellen; sie opfern das bessere Leben von Tausenden, um sich selbst auf Sammet und Seide zu betten.“

Fast wäre ich mit trübsinnig geworden, denn die weichen Stimmungen sind die ansteckendsten; doch nahm ich mich bei Zeiten zusammen.

„Ein hartes Urtheil!“ erwiderte ich. „Der große Fabrikant bietet nicht nur durch die Billigkeit seiner Waaren auch dem Unbemittelten die Möglichkeit zu bequemerem und vollerem Dasein; er sichert nicht nur den Armen Jahr aus Jahr ein regelmäßige Arbeit und Einnahme, sondern er läßt auch durch Anwendung der Maschinen Kohle, Wasser und Eisen die niedrigen Dienste thun, die sonst alten und neuen Sclaven zufielen. Ich finde es groß und schön, daß der Mensch auf diese Weise nicht mehr als rohe Kraft – nein, mehr und mehr als intelligentes Wesen zu wirken hat, und jene Rauchsäulen, die mit den Thürmen um die Wette gen Himmel steigen, mahnen mich an die uralten Dankopfer. Der Dichter fabelt nicht – ,Auch dieser Dampf ist Opferdampf’.“

„Nun, nun,“ sagte der Pfarrer, „Sie sehen Alles von der Lichtseite, und ich will nicht streiten. Ueberhaupt,“ fügte er wohlwollend hinzu, „verspreche ich Ihnen, von jetzt an meine Bemerkungen höchstens dem Taschenbuche anzuvertrauen – die günstigen auf ein Blatt rechts, die ungünstigen links – bis wir mit unserer Besichtigung zu Ende sind. Aber dann rücke ich heraus, denn geschenkt wird Ihnen nichts!“

Damit nahm er mich am Arme und zog mich auf den Rückweg, denn schon begann es zu dämmern. Ueber den Bahnhof schritten wir dem sogenannten Quartier Nouveau zu, dessen elegante Häuser auch meinem Begleiter nicht mißfielen. Vor Allem imponirte uns ein fast gewaltiger Bau mit der Aufschrift Société Industrielle, die Stiftung des Herrn Nicolaus Köchlin. diese Société Industrielle ist eine Gesellschaft zur Förderung des Gewerbfleißes – wie ihre Statuten besagen – gegründet um bei den Arbeitern die Liebe zum Schaffen, zur Sparsamkeit und zur Selbstbildung allgemein und kräftig zu machen. Zunächst Sparcasse, wirkt sie zwar segensreich, bleibt aber immer nur ein Nothbehelf. Gelöst wäre die Aufgabe, das Loos der Arbeiter wirklich zu verbessern – darüber waren wir bald einig – erst dann, wenn man es dahin gebracht hätte, daß der Arbeiter das gesunde Leben behaglich genießt, an ihm Freude findet, und wenn das – gestand ich offen – durch die „Arbeiterstadt“ nicht erreicht ist, so gebe ich die Partie verloren.

„Wir werden sehen,“ erwiderte mit sichtbarem Unglauben der Pfarrer, und so beruhte die Sache auf sich, bis wir am andern Morgen unsere Entdeckungsreise mit frischen Kräften fortsetzten.

Schien das Quartier Nouveau einen mehr französischen Charakter zu haben, so schwitzt in der Altstadt die ursprüngliche, germanische Natur zu allen Poren der welschen Oberhaut heraus. Schon im Hôtel sprach die Dame du Comptoir, sonst ganz Pariser Schnitt, im vertraulichen Verkehr mit den Kellnern deutsch. Wegweiser und Dienstmänner, mit denen wir heute in Berührung kamen, stotterten anfangs ein Französisch zusammen, bei dem sich der langmüthigste Akademiker im Grabe herumwälzen mußte, und waren glückselig, als sie ihr dem schweizerischen nah verwandtes Alemannisch reden durften; ja, selbst in einer ziemlich bedeutenden Buchhandlung quälte man sich förmlich ab, um seinen Noël und Chapsal nicht allzustark zu mißhandeln. Dagegen spricht die vornehme Welt ihr Französisch leicht und geläufig, und dabei steht ihr selbstredend Alles zur Seite, was an Unternehmern, Beamten und Arbeitern nach und nach aus dem innern Frankreich eingewandert ist. So kommt es denn, daß man hier auf eine deutsche, dort auf eine französische Frage das berühmte „Kannitverstan“ zur Antwort erhält und am Ende kaum noch weiß, mit welchem Volke man zu thun hat. Denselben verwirrenden Eindruck machen die Namen der Straßen; durchweg französisirt bis zu der fast ironisch klingenden Benennung Passage teutonique, müssen sie gleichwohl eine Rue Gerber und Rue Steinbächlein unter sich dulden, und was die Wassergräben betrifft, so haben sich der Oberthorcanal, Dollergraben und Walkenbach gegen jeden Firniß gesträubt, während der Canal du Tränk- und du Mittelbach in dem scheckigen Doppelgewande eines Tannhäuser’schen Liedes dahinfließen.

Statt der Rue du Sauvage entlang an der jeden Deutschen magisch anziehenden Wohnung August Stöber’s, des goldtreuen Hüters deutscher Wissenschaft und Dichtung, vorüber direct auf die Arbeiterstadt loszugehen, wählten wir den kleinen Umweg links über die Place de la Réunion. Die ganze innere Stadt ist ein heillos unschönes Gewirre von elend gepflasterten Straßen oder vielmehr Gassen und Gäßchen, Brücken und Brückchen, formlosen Plätzen und schmutzigen Winkeln, die ein aus Gräben und Canälen aufsteigender Duft sui generis beklemmend durchzieht. Außer dem in Mitte des sechzehnten Jahrhunderts entstandenen Rathhause macht von diesem häßlichen Gewinkel nur der im Bau begriffene protestantische Tempel, sowie die seit einigen Jahren vollendete katholische Kirche, eine wohlthuende Ausnahme. Beide sind in gothischem Style gebaut, diese in älterem, einfacherem, schwererem, jene in späterem, leichterem und reicherem, und beide gewinnen noch in den Augen des Betrachters, wenn er erfährt, daß die bedeutenden Kosten (achtmalhunderttausend Franken für die erstere, etwa eine Million Franken für die letztere) größtentheils durch freiwillige Beiträge gedeckt sind und werden, die hier wie dort am reichlichsten aus der Börse der begüterten Protestanten fließen mußten.

Als man uns erzählte, für das katholische Gotteshaus habe ein einziger Lutheraner, Andreas Köchlin, die Summe von zweimalhunderttausend Franken gegeben, stutzte der Pfarrer einen Augenblick; dann zog er seine Brieftasche und machte schnell eine Notiz auf die rechte Seite. Er war fortan in einer sehr empfänglichen Stimmung, die durch den Anblick des von Jakob Köchlin gegründeten Waisenhauses noch gesteigert wurde, und ich fürchtete seinen Weltschmerz nicht sonderlich mehr, als wir, die Rue du Faubourg de Colmar hinabschreitend, plötzlich am Eingange der Schöpfung des unsterblichen Johann Dollfus, der Arbeiterstadt (Cité Ouvrière) standen.

Wenn je eine reale Erscheinung mich mächtig an den Wahlspruch der Revolution: Liberté, Egalité, Fraternité, gemahnt hat, so ist es diese Arbeiterstadt, die nagelneu und blinkend mit ihren von sechstausend Menschen bewohnten siebenhundert Häusern in dem kurzen Zeitraume von zwölf Jahren aus einer ringsum freien, gesunden und wasserreichen Ebene emporgeschossen ist. Mitten hindurch geht als Hauptpulsader die etwa zwanzig Minuten lange und fürstlich breite, zu beiden Seiten mit Bürgersteigen, eleganten Gaslaternen und Wasserpumpen besetzte Rue Napoleon, [303] die sich im Centrum zu einem großen, von stattlichen Bauten umstandenen Platze erweitert und über den breiten Oberthorcanal hinweg in der Richtung von Dornach für’s Auge verliert. Links und rechts von dieser Kaiserstraße liegen, durch kleine Gärten von ihr getrennt, allerliebste einstöckige Häuschen, gewöhnlich je vier zu einem völlig freistehenden quadratförmigen Pavillon vereinigt, seltener zu längeren Zeilen aneinandergelehnt, deren Axe dann senkrecht auf der Straße steht. Allenthalben bezeichnet die Farbe des Bewurfs, den inneren Scheidewänden entsprechend, die Grenzen der in sich abgeschlossenen Einzelwohnungen, deren röthliche Thüren und grüne Läden gar frisch und freundlich von dem durchweg lichten Maueranstrich abstechen. Diesseit des Canals fast nur aus zwei Reihen von Gebäuden bestehend, geht jenseit desselben die Cité zu einem weiten Rechteck auseinander, das sich erst zu beiden, dann nur noch auf einer Seite der Hauptstraße hinzieht und dessen Seitenstraßen großen Gartenwegen gleichen, wie gemacht zu behaglichem Lustwandeln. Das Ganze liegt da im Angesichte des prächtigen „Tannenwaldes“ mit herrlicher Fernsicht nach allen Seiten so offen und sicher, so luftig frei, wie – ja, wie die Villen der Nabobs auf dem Berge dort, und wir konnten uns einer ernsten Rührung nicht erwehren, als ein Orgelmann, dem die Kupfermünzen reichlich zuströmten, seinem Kasten gerade hier die Melodie: „Freut Euch des Lebens“ entlockte.

Wir waren der Straße bis zum äußersten Ende gefolgt und wieder umgekehrt, ohne auf irgend eine Einzelheit zu achten; höchstens waren uns die freundliche Salle d’Asile und die eleganten größeren Bauten um die Place Napoleon, wie am Ende der Cité mehrere Häusergruppen besonders aufgefallen, die nur aus einem Erdgeschoß bestanden und statt der Gärtchen bloße Höfe hatten. Erst jetzt fühlten wir uns unbefangen genug, das Auge auf etwas Bestimmtes zu heften, und begannen also unsere Wanderung auf’s Neue. Die durch Hartriegelhecken und grüne Lattenzäune von der Straße und von einander getrennten Gärtchen, verschieden gestaltet, aber von gleicher Größe, schienen uns gar zu lieb mit ihren Linden zur Beschattung des Trottoirs und den Obstbäumen im Innern, an denen hier und da Trockenseile mit sehr präsentabler Wäsche hingen. Und was wir bisher ganz übersehen hatten, diese Gärten glichen sich doch nicht allzusehr. Die einen waren so einfach und vortheilhaft wie möglich in rechtwinklige Beete getheilt und dienten offenbar nur zum Gemüsebau; die andern entfalteten bereits den Schiller’schen Spieltrieb in Form von Blumenrondeelen, gewundenen Spazierwegen, zum Sitzen ladenden grünen Bänken, ja in Dauben und Glorietten, in denen sich’s gar heimlich plaudern muß. Und als wir, dadurch aufmerksam gemacht, einen schärferen Blick auf die Häuser richteten, fand sich gar bald, daß auch hier die abstracte Gleichheit Chimäre sei. Nicht nur, daß der Anstrich bald frischer, bald verwitterter auftrat; offenbar hatten manche dieser Häuschen überhaupt mehr Freude am Leben und standen förmlich herausgeputzt, fast kokett da. Farbige Einfassungen um Thüren und Kreuzstöcke, Doppelfenster mit vor Sauberkeit blitzenden Scheiben und wohlgepflegten Blumen im Zwischenraume, dahinter weiße Vorhänge oder bunte Draperien oder gar Beides zugleich – das machte ja nicht nur den Eindruck der Wohnlichkeit, sondern den des Ueberflusses, des Reichthums!

Ich stand entzückt; der Pfarrer schrieb schon wieder rechts.

„Was wetten Sie,“ sagte ich, „daß diese neiderregenden Wohnungen gekauft, die andern blos gemiethet sind?“

„Nichts!“ erwiderte er; „aber gehen wir doch in eine hinein!“

Ueber die Wahl konnten wir nicht lange zweifelhaft bleiben. Vor einem der nettsten Häuser war ein Mädchen damit beschäftigt, die Hausthür von außen abzuwaschen; ohne weitere Verabredung und unbemerkt, da sie uns den Rücken zuwandte, schritten wir durch das entsprechende Gartenthor auf sie zu. Es war eine kräftige Gestalt über Mittelgröße mit reichem, dunkelbraunem Haarwuchs, in sauberem, etwas crinolinirtem Kattunkleide; um den gebräunten Hals war trotz der Winterkälte nur lose ein leichtes Tüchlein geschlungen. Unwillkürlich dachte ich sie mir schön, als sie sich aber umkehrte, um unsern Gruß überrascht zu erwidern, fand ich mich in etwas enttäuscht. Die Stirn war zu niedrig, die Nase zu formlos, Mund und Kinn zu voll, und die einander fast berührenden Augenbrauen vollendeten den Ausdruck derber Sinnlichkeit, der mir unter andern Umständen unbequem gewesen wäre, hier aber als tröstlicher Gegensatz gegen die bleichsüchtig kränkelnden Gesichter der Arbeiterinnen, wie sie uns gewöhnlich in Roman und Wirklichkeit begegnen, wahrhaft wohl that. Und dazu war das Auge so frisch, so frei, so froh! Gleich im ersten Blicke, den sie auf uns warf, lag etwas so schalkhaft Uebermüthiges, daß er uns heiter gemacht hätte, wären wir’s nicht schon gewesen, und jedenfalls der Unterhaltung von vornherein etwas Lachendes gab.

Auf unsere Bitte, sie möge uns das Innere des Hauses zeigen, sprang sie flink von ihrem Schemel, stieß die Thür auf und mahnte uns durch eine Gebehrde, einzutreten. Wir ließen sie vorausgehen und kamen durch die mit ordentlichem Heerde versehene, weil als Küche benutzte Hausflur, an deren Wänden das Porcellan-, Zinn- und Kupfergeschirr blinkend aufgestellt war, in die rechts daranstoßende, mit zwei Fenstern nach verschiedenen Richtungen versehene, geräumige Wohnstube, in der ein Knabe mit einem Canarienvogel spielte, dessen rothlackirter Käfig zwischen Geranien und Heliotropen an einem der Fenster hing. Das rundliche Bürschlein, das sie uns als ihren Taugenichts von Brüderchen vorstellte, hatte sein Erstaunen über unsere Erscheinung rasch verwunden, schlug keck in die ihm entgegengestreckten Hände und schloß sich uns auf unsrer ferneren Wanderung ganz unbefangen an. Wir betrachteten das hinter der Wohnstube liegende Schlafzimmer der Eltern, das neben zwei mächtigen Betten noch Raum zum Auf- und Abgehen hatte, und tauschten, als wir die beiden Räume so überschauten, flüsternd – denn so etwas sagt man nicht gern laut – das Geständniß aus, daß wir schon schlechter gewohnt hätten. In der That war trotz der blos Hölzernen Möbel, des einfachen Ofens und der baumwollenen Vorhänge und Bettüberzüge Alles so bequem, so behaglich, so satt, die Luft so rein, das Licht so klar und der Ausblick in den Garten so traulich, daß einem das Herz aufging.

„Hier ist’s schön!“ sagte tief athemholend der Pfarrer.

„Oben gefällt’s mir noch besser,“ meinte das Mädchen, „man sieht dort freier um sich.“

Und damit stand sie schon wieder in der Küche und überließ es uns, ihr die hinter derselbe emporführende Wendeltreppe hinauf zu folgen.

„Da ist der Keller,“ rief der nachstolpernde Bube und zeigte auf den Eingang unter der Treppe.

Wir konnten es uns nicht versagen, die wenigen Stufen rasch hinunterzusteigen und den ebenfalls hellen, trockenen und wohlgedeckten Raum, der zugleich als Vorrathskammer und Holzmagazin diente, mit großer Zufriedenheit zu betrachten; dann erst folgten wir unserer freundlichen Führerin in den ersten Stock, wo sie mittlerweile zwei Thüren sperrangelweit geöffnet hatte.

„Da rechts,“ sagte sie, und zeigte auf das größere Zimmer, dessen Wände mit Maschinen- und architectonischen Zeichnungen bedeckt waren, schlafen meine Brüder: der Gamin da (dem sie zugleich die Wange tätschelte) und unser Niklas, der in der Ecole industrielle ist. Er soll Mechanicus werden,“ setzte sie sich aufreckend hinzu.

Ich wollte fragen, ob denn der Vater vermögend sei, um das so einrichten zu können, fürchtete aber, sie durch die Nothwendigkeit, eine verneinende Antwort zu geben, in Verlegenheit zu setzen. Ich folgte also meinem Gefährten zwischen den musterhaft gemachten Betten durch an eines der Fenster und fand den früheren Ausspruch des Mädchens reichlich bestätigt. Nach Schwarzwald und Vogesen hin schweifte der Blick fessellos über eine unermeßliche, reich bebaute und mannigfach wechselnde Ebene, die sich nach Norden in einem rosig angehauchten Dufte verlor. Wandelnde Menschen, in der Sonne glitzernde Fenster, dampfende Kamine, fließende Wasser und ein leichter Wind, der die Bäume schaukelte, verbreiteten Leben überall, und doch war wieder Alles still, geräuschlos, feierlich.

Da müsse sich dichten lassen, meinte ich, aber der Pfarrer hörte mich nicht; er schrieb hastig drauf los, immer rechts, und trat dann schweigend in das zweite Gemach, das unsere Führerin als das ihrige bezeichnete. Wenn ich schildern müßte, wie es aussah, würde ich sagen: wie das Mädchen selbst. Nichts Empfindsames, Schwächliches, Weiches; ein robustes Bette, robuste Schränke und Stühle, Alles makellos sauber und lustig gefärbt, und über dem Bette zwei biderbe Bilder: der Dr. Martin Luther mit einem wahren Bullenbeißer-Gesicht und – ein martialischer [304] Artillerist. Daß ich den Letztern am Schärfsten in’s Auge faßte, machte sie keineswegs verlegen.

„Nicht wahr,“ fragte sie zutraulich, „der ist auch schön?“

„Allerdings,“ erwiderte statt meiner kräftig der Pfarrer, „und in trefflicher Gesellschaft. Ihr seid also lutherisch?“

„Wir? Ja,“ entgegnete sie, „aber mein Schatz da ist katholisch.“

„Das muß doch störend sein,“ meinte der Andere. „Warum?“ lachte sie auf, „er ist ja brav und gut, wir haben uns schon lange lieb und der Vater sagt, wir glaubten All’ an Einen Gott, und das Andere wär’ Nebensach’.“

Ich fürchtete, mein Begleiter würde links in die Brieftasche schreiben, aber er bekam blos ein wenig den Husten, und um den Anfall abzukürzen, fragte ich, auf die Speichertreppe zeigend, ob man auch da hinauf dürfe.

Ein Wink mit der Hand lud mich ein, ganz nach Gefallen zu thun, und ich fand einen regelrecht gehaltenen Söller, groß genug, um noch ein Schlafkämmerlein davon abzuschlagen, und durch solide Wände von den Böden der Nachbarn getrennt.

[328]
II.
Die Bibliothek des Mädchens. – Der Hausherr. – Der Preis des Arbeiterhauses und seine successive Abzahlung. – Die Arbeitslöhne. – Anfängliche Scheu der Arbeiter vor den Häusern der Arbeiterstadt. – Aftervermiethungen nur ausnahmsweise gestattet. – Hotel garni für die unverheiratheten Arbeiter. – Wasch- und Badehaus. – Der große Wäschtrockenofen. – Die Restauration, ihre Preise und Statuten.

Als ich wieder in den ersten Stock des Arbeiterhauses kam, wo das Mädchen, zum ersten Mal ein wenig verlegen, Schildwacht vor einer Thür hielt, deren Bedeutung mir nur dadurch klar wurde, äußerte ich meine Verwunderung darüber, daß die Wohnungen nicht nur geräumig und zweckmäßig, daß sie auch so trocken, hell und gesund seien.

„Das glaub’ ich,“ erwiederte sie; „die hat auch der Baumeister Müller nicht allein gemacht, der Dr. Clavel hat geholfen. Und wir,“ setzte sie mit Selbstgefühl hinzu, „halten sie auch im Stande.“

„Das sehen wir,“ sprach herzutretend der Pfaner; „nur können Sie und die Mutter dabei schwerlich außer dem Hause arbeiten.“

„Die Mutter wohl,“ lautete die Antwort; „sie ist Monatsfrau bei einem Fabrikanten. Aber ich nicht, und ich möchte auch nicht. Es ist doch viel schöner, für Küche und Wäsche, Haus und Garten zu sorgen, und es kommt auch mehr dabei heraus. Man bewegt sich, ist sein eigener Herr, hat Freud’ an seiner Sach’, und wenn man fertig ist, ruht man aus und strickt oder liest auch einmal – besonders im Sommer, im Garten.“

„Was lesen Sie denn?“ fragte ich neugierig.

„Der Vater,“ entgegnete sie die Treppe hinabsteigend, „hat Bücher aus der Bibliothek, aber ich lese meine eigenen, die hier im untern Zimmer stehen.“ Und eintretend schlug sie einen kleinen Vorhang in der Ecke zurück, hinter dem eine Bibel, ein Gesangbuch, Pfeffel’s Fabeln, Schiller’s Tell, Otte’s Schweizersagen und ein Band von Stöber’s Alsatia neben der schönen Magelone und dem Käthchen von Heilbronn standen.

„Herrlich,“ rief der vollständig versöhnte Pfarrer aus, „ihr habt ja Alles, was noth- und was wohlthut. Aber wie viel Miethe bezahlt ihr denn jährlich für die schöne Wohnung?“

„Miethe?“ wiederholte das Mädchen mit beleidigter Gedehntheit. „Das Haus ist unser!“

„Dann war,“ wagte ich jetzt zu forschen, „der Vater wohl von Haus aus begütert?“

„O nein, wir waren ganz arm,“ antwortete sie mit größter Offenheit. „Ich weiß noch, wie wir in Straßburg, wo der Vater Commissionär war, in der <Rue du Foulon wohnten, die nicht so breit war, wie das Zimmer hier, dumpf und stickig. Die Mutter konnte mitten am Tage nicht nähen. Unsere zwei Löcher, für die wir hundert Franken Miethe zahlen mußten, waren so schmutzig, daß man sie gar nicht rein bringen konnte, und die Strohsäcke und Unterbetten faulten darin. Und neben uns wohnte eine Familie, die hatte nur eine Stube und ein Bett, in dem oben die Alten und unten die Kinder lagen. Hu, es war schrecklich! und als der Vater es nicht mehr aushalten wollte und wir hierher nach Mülhausen zogen, war’s die ersten Jahre nicht viel besser. In der Spinnerei, wo er Arbeit gefunden hatte, verdiente er nur wenig, weil er die Sache noch nicht recht verstand, und die Wohnungen in der Stadt waren ebenso theuer und fast so schlecht wie in Straßburg. Erst als die Cité, die Arbeiterstadt, gebaut wurde, fing für uns das Leben an, und jetzt sind wir Gott sei Dank auch Menschen, wie andere Leut’.“

„Aber ihr mußtet,“ warf ich ein, „doch schon viel gespart haben, ehe ihr daran denken konntet, hier ein Hans zu kaufen.“

„Ei bewahre,“ sagte sie, „kaum zweihundert Franken, die sich die Mutter in einem Jahre mit Waschen und Scheuern verdient hatte und die der Kaufcontract kostete.“

„Aber das Haus selbst“ – beharrte ich – „was kostet denn das?“

„Weiß nicht,“ zuckte sie die Achseln; „ich glaube dreitausend dreihundert Franken. So viel hat wenigstens mein Schatz, der Maschinenbauer, den Sie droben gesehen haben, von seinem Einstandsgelde für ein ganz gleiches bezahlt, in dem jetzt seine alte Mutter mit ein paar Miethern wohnt, bis er wiederkommt; dann heirathen wir und ziehen zu ihr.“

„Und werdet glücklich sein!“ setzte ich vertrauensvoll hinzu.

„Aber dein Vater, wer gab dem ein solches Capital?“

„Niemand,“ lächelte sie; „er hat das so nach und nach bezahlt. Ich kann’s nicht expliciren, aber er muß jeden Augenblick kommen. Es ging ganz von selbst, und die Anschaffung der neuen Möbel obendrein. Aha“ – wandte sie sich plötzlich dem Fenster zu, auf das ein flüchtiger Schatten fiel – „da ist der Vater.“

Der Kleine, den wir ganz vergessen hatten, sprang an die Hausthür und kam hüpfend an der Hand eines Mannes zurück, der mir wunderbar imponirte.

Groß und hager von Gestalt, trug er rings um das längliche, blasse, bis zur Strenge ernste Gesicht einen kurzen, graumelirten Bart, der, jetzt ruhig anliegend, sich offenbar einmal gesträubt hatte. Hose, Jacke und Kappe von grauem Tuch machten bei seiner straffen Haltung den Eindruck vornehmer Einfachheit; fast dachte man an einen Engländer auf Reisen, an einen Baron im Jagdkleide. Und in der That fühlte man auf der Stelle, daß man hier kein Bild „der Menschheit, welche abgehärmet an des Bedürfens Karren zieht,“ daß man ein Wesen voll Ueberlegung und Charakter vor sich hatte – mit einem Worte: seines Gleichen, wenn nicht noch mehr. Die ganze Erscheinung, der man den siegreichen Kampf mit des Geschickes Mächten ansah, erzwang Respect.

Er grüßte ohne alle Demuth und fixirte uns mit einer Miene, in der das englische „Mein Haus ist meine Burg“ deutlich zu lesen war. Es schien mir fast, als müßte Einer von uns Aehnlichkeit mit Jemand haben, den er nicht liebte, als erblicke er in mir der Brille wegen eine spionirende Kellerratte (wie man im Elsaß die Agenten der Getränksteuer nennt) oder fürchte für seine Tochter. Sobald ihn diese indeß über den Zweck unserer Anwesenheit aufgeklärt und in den Stand des Gesprächs eingeweiht hatte, war er wie umgewandelt, rückte uns – woran das Mädchen nicht gedacht – Stühle hin, setzte sich ebenfalls und erklärte mit ruhiger Besonnenheit:

„Sie werden wissen, daß die Gesellschaft, die unsere Cité gegründet, ihre Häuser ohne allen Nutzen genau zum Kostenpreise verkauft. Das allein aber würde Unsereinem nicht viel helfen, denn wer hat so ohne Weiteres über Tausende von Franken zu verfügen? Die Hauptsache ist also, daß sie vom Erwerber im Augenblicke des Ankaufs keinen Heller fordert, sondern ihm gestattet, die mit 5 % zu verzinsende Kaufsumme in ganz kleinen monatlichen Abzahlungen zu entrichten. Nachdem der Käufer dem Staate die auf dem Kaufe lastenden Steuern bezahlt, braucht er der Gesellschaft für ein Haus von 2400 Franken einschließlich der Miethe nur 18, für eins von 3000 nur 23 Franken monatlich zu zahlen, und wenn er das vierzehn Jahre ordentlich fortgesetzt, so ist das Haus vom Grundstein bis zur Dachspitze sein.“

„Und die Arbeitslöhne,“ fragte mein Begleiter, „sind so, daß man diese Abzahlungen erschwingen kann?“

„O ja,“ erwiederte der Mann, „wer nicht liederlich ist oder besonderes Unglück hat, kann sich leicht so einrichten. Die niedrigsten Löhne sind die in den Webereien, wo ein Mann täglich 1¾–2, monatlich also 46–52 Franken gewinnt; in den Spinnereien kommt der Arbeiter schon auf 52–65 und in den Gießereien und Maschinenfabriken noch viel höher, ja bei besonderer Geschicklichkeit auf 130 oder gar 180 Franken. Hilft nun, wie das bei Familien gewöhnlich ist, eine Frau verdienen, die es in der Fabrik oder sonstwo zu 1–¼ täglich bringt, oder ein erwachsenes Kind, so hat die Sache augenscheinlich keinen Anstand. Auch zahlen nicht nur alle Käufer pünktlich; die meisten warten die vorgeschriebenen vierzehn Jahre gar nicht ab, sondern zahlen voraus und gewinnen so zugleich die 5procentigen Zinsen der zu früh entrichteten Summen, die man ihnen in den Zahlbüchlein gewissenhaft abzieht. Freilich,“ fuhr er fort, „zahlt man als Käufer monatlich 5 Fr. mehr, als der bloße Miether für eine schlechte Baracke in der Stadt, aber der Ertrag des Gärtchens, den man dreist auf 40–50 Franken jährlich [329] schätzen darf, gleicht das fast wieder aus. Und wäre dem nicht so, was würden die fünf Franken monatlich, wenn man sie vierzehn Jahre lang in die Sparkasse legte, eintragen? Nicht einmal 1500 Franken, wogegen man jetzt ein Haus erwirbt, das nach denselben vierzehn Jahren vielleicht einen Werth von 8–10,000 Franken hat. Schon nach sechs Jahren sind Häuser von 3000 zu 4000 Franken wieder verkauft worden.“

„Da sollte doch,“ meinte ich, „Niemand in der Cité miethen, sondern Jeder gleich kaufen, um den Miethzins nicht erst Jahre lang umsonst zu geben.“

„Manche mögen wirklich nicht gleich können,“ entgegnete der Arbeiter. „Andere sind eben, was sie sind. Aber auch ihnen leistet die Gesellschaft allen möglichen Vorschub. Nach den Statuten darf die Miethe 8 % des Kostenpreises betragen; obgleich man nun nicht mehr als 7 % nimmt, schreibt man doch dem Miether, der sich hinterher zum Kaufen entschließt, Alles wieder gut, was er jemals über 5 % gezahlt hat.

„Wahrhaft christlich!“ rief der entzückte Pfarrer aus, der unser Eisenbahngespräch wohl rein vergessen hatte.

„Ich mein’s auch!“ bestätigte mit herzlicher Stimme der Andre, „und doch – sollten Sie es glauben? – doch wichen die Arbeiter anfangs scheu zurück. Sie, die für ihre abscheulichen Schlupfwinkel in der Stadt oft 25 % des Hauswerthes als Miethe zahlen mußten – wie ich denn selbst noch vor vier Jahren ein Haus gekannt habe, das 2500 Fr. Miethe trug und für 10,000 Fr. öffentlich verkauft wurde! – sie waren mißtrauisch, weil es ihnen unglaublich vorkam, daß sie Hauseigenthümer, Herren werden sollten. Ein Kniff, meinten sie, stecke dahinter, ungefähr wie wenn ihnen unentgeltliche Landstrecken in Südamerika oder im Monde angeboten würden; man wolle sie ausbeuten, hieß es, sie unter polizeiliche Aufsicht stellen, und was weiß ich noch sonst. Erst nach und nach näherten sie sich, versuchten, fanden ihre Furcht lächerlich und nun ging’s wie der Wind. 1856 wurden nur 5, 1857 schon 52, 1858 gar 110 Häuser gekauft und in diesem Augenblicke sind es 580, während nur 112 von Miethern bewohnt werden und kein einziges leer steht.“

„Mich wundert das anfängliche Zaudern um so mehr,“ bemerkte ich, „da bei den vier großen Zimmern ein Bewohner, der keine zahlreiche Familie hatte, den größten Theil des Zinses ja durch Wiedervermiethen einbringen konnte.“

„Entschuldigen Sie,“ widersprach der Arbeiter, „ohne besondere Erlaubniß der Gesellschaft ist das nicht gestattet, obgleich manche Wohnungen fünf Zimmer haben. Und ich glaube, das ist in der Ordnung. Wenn Einer z. B. eine junge Frau oder eine große Tochter hat und wollte Männer in’s Haus nehmen - -“

„Oho,“ unterbrach ihn das Mädchen ungeduldig, „das wäre nicht gleich so gefährlich. Aber Mancher würde aus Geiz sein Haus so voll stopfen, daß Alles, was die Herren so gerühmt haben, Luft und Platz und Reinlichkeit verloren gingen und wir am Ende wieder wie die Heringe aufeinandergepackt säßen.“

„Auch das ist richtig,“ fuhr der Vater fort, „und deßhalb erlaubt man das Untervermiethen an eine kinderlose Familie nur, wenn der Hauptmiether selbst nicht zu viele Leute hat. Um aber die ganze Wahrheit zu sagen, muß ich hinzusetzen, daß auch der Käufer, der sein Haus bezahlt hat, in den ersten zehn Jahren nicht wieder verkaufen darf, es sei denn an einen andern Arbeiter.“

„Zu dieser Beschränkung des Eigenthums,“ fuhr ich mit angeborenem Freiheitstrotz dazwischen, „sehe ich denn doch keinen Grund.“

„Aber ich,“ betonte kräftig der Arbeiter. „Nur so kann, vor der Hand wenigstens, die überall lauernde Speculation abgehalten werden, die unsre Häuser, sobald sie in ihre Hände fielen, im Nu so vertheuern würde, daß Unsereiner sie gar nicht mehr bezahlen könnte. Wäre es vollends erlaubt, was zum Glück auch nicht der Fall ist, die gekauften Gärten in Bauplätze zu verwandeln, so würden wir bald wieder da sein, wo wir sonst waren: reiche Capitalisten hätten große Häuser, und wir bezahlten die schlechteste Ecke mit schwerem Gelde, mit unsrer Gesundheit und Allem, was wir vom Leben haben. Ich fürchte manchmal, es kommt später doch noch dahin, und das verdirbt mir manche Nacht.“

Die letzten Worte waren mit so traurigem Ernste gesprochen, daß ich meinen leichtfertigen Einwurf bereute. Nur um uns Alle zu befreien, fragte ich scherzend, was denn aber die Junggesellen machten, wenn man sie mit Frauen und Mädchen nicht unter Einem Dache dulden wolle.

„Die liebt man überhaupt nicht in der Cité,“ sprach der Mann unfreundlich; „sie stören allzu leicht die Ruhe auf den Straßen, wie den Frieden der Familien. Für die, die brav sein wollen, giebt es allerdings ein Hotel garni.“

„Und da finden sie auch ihren Tisch?“ erkundigte sich der Pfarrer.

„Das nicht,“ berichtigte Jener; „haben Sie denn den Restaurant an der Place Napoléon nicht gesehen?“

„Gesehen wohl,“ erwiderte ich, „aber von den Einrichtungen kennen wir noch nichts.“

„Also Wasch- und Badehaus, Bäckerei, Bibliothek, Salle d’adile: das Alles ist Ihnen fremd?“

Wir nickten Beide; Einer von uns mußte bei den Prachtausdrücken den Mund leise zum Lächeln verzogen haben, denn der Mann stand mit den Worten auf: „Ich will Sie, da ich eine Stunde frei bin, begleiten und weiß gewiß, daß Sie die Namen in kürzester Frist nicht mehr lächerlich finden.“

Er nahm seine Mütze vom Tisch und mahnte zum Aufbruch.

Der verlegene Blick, mit dem der Pfarrer und ich uns aufstehend ansahen, wäre einem Psychologen leicht verständlich gewesen. Wir wußten nicht, wie wir für die freundliche Aufnahme, die uns hier zu Theil geworden, danken sollten, und da ich der Führer in dieses Labyrinth gewesen war und deshalb für Pflicht hielt, auch den Faden der Ariadne zu suchen, so fragte ich, zu dem Mädchen gewendet, tölpelhaft genug, ob ich dem Kanarienvogel am Fenster etwas schenken dürfe. Die Angeredete stand verdutzt.

„Wir füttern unsre Vögel selbst,“ sagte der Vater mit einem verweisenden Blicke, vor dem ich das Auge niederschlug. „Und nun kommen Sie, denn viel Zeit habe ich nicht übrig.“

Wir gehorchten – das ist das einzige richtige Wort – und hätten nicht einmal gewagt, seiner Tochter scheidend die Hand zu reichen, wäre dieser Vertraulichkeit nicht dadurch die Spitze abgebrochen worden, daß wir zuvor dasselbe Manöver mit dem kleinen Buben machten. Doch riskirte ich im Abgehen einen Gruß an den schmucken Artilleristen, der mit schallendem Lachen angenommen und mit keckem Gegengruße an „die Frau Liebste“ erwidert wurde.

Als ich, der Letzte von uns Dreien, in’s Freie trat, sah ich meinen Pfarrer in lebhaftem Gespräche mit dem Arbeiter dahinwandeln. Sie gingen wie Cameraden, und mich freute das so unbändig, daß ich lieber auf jede Theilnahme an der Unterhaltung verzichtete und um ein Dutzend Schritte zurückblieb. Sie merkten das erst vor der Treppe des Wasch- und Badehauses und erwarteten mich dort. Eintretend gewahrten wir eine Reihe der saubersten Bade-Cabinete, zehn an der Zahl, in jedem entweder eine metallene Wanne oder eine mit Porcellan ausgeschlagene Einsenkung. Früher kostete hier das Bad einschließlich der Wäsche 20 Centimes, was aller Welt etwas zu viel schien; doch benutzten im Jahre 1861 z. B. 7000 Personen die Anstalt, manchmal 180 in Einem Tage. Im October 1863 setzte man den Preis auf 15 Cent. herab; aber man kann nicht sagen, daß die Frequenz in entsprechendem Mäße zugenommen hatte, denn aus den Notizen des Badewärters ersah ich, daß 1864 nicht mehr als 9700 Bäder genommen wurden. Für die Bevölkerung der Cité ist das offenbar zu wenig, auch wenn man die im Freien genommenen Bäder hinzudenkt, und unser Arbeiter wird wohl Recht gehabt haben, indem er den Preis noch immer zu hoch fand. Man könnte, meinte er, das Bad ohne Wäsche, da dann nur das Wärmen des Wassers Kosten verursachte, zu 5 Cent. ausbieten und die Leute auffordern, ihr Trockentuch selbst mitzubringen. Ich berichte das treulich, weil der so verbreitete Vorschlag möglicher Weise Gutes stiften kann, sei es in Mülhausen oder anderswo.

Links von den Badezimmern führt eine steinerne Treppe in’s Waschhaus hinab, eine hölzerne hinauf zu Trockenstube und Speicher. Das mit Steinplatten belegte Waschhaus enthält Plätze für vierzig Wäscherinnen; jede hat ein Standbret unter den Füßen, ihren Krahnen sammt Bütte und Waschbret für sich, und vergütet für zweistündige Benutzung des aus einer benachbarten Spinnerei herübergeleiteten heißen Wassern nur 5 Cent., für die zahllosen Neuigkeiten, die dort umherschwirren, gar nichts. Auch drängt man sich herzu; im Winter sollten täglich gegen 200 [330] Frauen hinkommen, und wenn die Zahl der jährlich dort abgehaltenen Wäschen seit 1861 nur von 16,000 auf 18,500 gestiegen ist, so liegt der Grund tröstlicher Weise in dem seither eröffneten zweiten Waschhause. Daß aber auch hier ein Uebelstand herrscht, läßt sich schwer übersehen; so hoch der mit Dach- und Seitenfenstern versehene Raum auch ist, Augen, Haut und Lungen leiden unter dem sich anhäufenden Dampfe, der zugleich auf die Riechnerven nichts weniger als angenehm wirkt und, sich an den Wänden als Wasser absetzend, das ganze Local dauernd feucht macht. Man sollte sagen, unsre Zeit, die in dieser Beziehung Alles kann, müßte da leicht Rath zu schaffen wissen.

Prächtig aber ist der von unten auf geheizte Trockenofen mit seinen dreiunddreißig Querstangen, die in bequemster Weise herausgezogen, mit Wäsche behängt und wieder eingeschoben werden können. Daß man seine Benutzung mit 50 Cent. per Stunde bezahlt, ist nicht mehr als billig, und doch hat man auch für Diejenigen gesorgt, denen jeder Preis zu hoch sein und die Zeit zum Abwarten des Ofens fehlen dürfte. Für sie ist der Allen unentgeltlich zugängliche, auf beiden Seiten mit Jalousien versehene Speicher, wo die Wäsche in freier Luft trocknet, ohne daß Jemand dabeizustehen braucht. Leider soll es vorkommen, daß Frauen mehr Wäsche abnehmen, als sie aufgehängt hatten, und das Zurückbringen des Überschusses im Drange der Geschäfte vergessen. Um diesem Uebel abzuhelfen, schlug ich vor, nur Engel in der Cité zuzulassen; der Arbeiter aber meinte ziemlich trocken, man brauche den Speicher blos in schließbare Verschläge zu theilen und die Schlüssel jedesmal beim Hausmeister abgeben und wiederfordern zu lassen. Da sich der Pfarrer auf seine Seite schlug, so war ich überstimmt.

Aus der General-Reinigungs-Anstalt waren wir bald in dem imposanten Institute für leibliche und geistige Ernährung der Arbeiter angekommen, denn das ringsum frei an der Place Napoléon liegende große Gebäude mit zierlich in Schweizerstyl aufgeführtem Treppenüberbau und reizendem Gärtchen davor, auf das wir direct zuschritten, enthält Bäckerladen, Restauration und Bibliothek, letztere allerdings mit einem besondern Eingange. Ich hatte gehört, daß man dort spottwohlfeil essen könne, und mir eine beliebige, leidlich unsaubere Spelunke mit abschreckenden Beispielen von Aufwärtern und einer Art von Speisen gedacht, die den unschätzbaren Vorzug habe, schon vor dem Genusse satt zu machen. Wie ward ich enttäuscht! Durch ein breites Vorhaus, auf dessen linker Seite der freundliche Brodladen liegt, während sich auf der rechten eine kolossale Küche mit blitzend blanken Heerden, Geschirren und Köchinnen in’s Unendliche verliert, gelangten wir in den lichten Speisesaal, der durch einen auf die gegenüberliegende Hinterthür zuführenden, von manneshohen Breterwänden eingefaßten Gang in zwei gleiche Hälften getheilt ist. Jede Hälfte ist so breit, daß zwischen zwei Reihen in die Quere gestellter Tische noch ein bequemer Durchgang bleibt. Der ganze Raum faßt 250 Personen und muß doch dann und wann zu klein sein; wenigstens deutet darauf das von der Verwaltung vorbehaltene Recht, jedem Speisenden nur einen halbstündigen Aufenthalt zu gestatten. Und in Wahrheit mich wundert, daß nicht halb Mülhausen dort zu Mittag ißt. Denn mit einer Abonnementskarte versehen, die vierteljährlich nur 75 Cent. kostet und bei Familien von jedem beliebigen Mitgliede benutzt werden kann, oder gegen ein Eintrittsgeld von 5 Cent. pro Mahlzeit findet man dort das gesundeste, appetitlichste und schmackhafteste Essen zu einem für die dortigen Verhältnisse fabelhaft billigen Preise. Eine schwarze Tafel an der Wand trägt das Verzeichniß der vorhandenen Speisen, und Jeder wählt nach Herzensgelüsten. Die fette Suppe kostet 10, das Rindfleisch 15, das Gemüse 10 Cent., und die Portionen sind so wohlgemessen, daß selbst ein Habgieriger unter Beifügung eines Stückes Brod zu 5 Cent. mit diesen drei Gerichten auskommen, also für 40 Cent. vollständig diniren kann. Ist er vielwillig, wählerisch, so wird er zwar die magere Suppe zu 5 Cent. Andern überlassen, hat aber noch eine Auswahl zwischen Ragout oder Boeuf à la mode zu 15, Braten zu 25 und Salat zu 10 Cent.; ja für weitere 10 Cent. bekommt er sogar Käse als Nachtisch, und wenn er gar anspruchsvoll ist, für 15–20 Cent. einen halben Schoppen guten, reinen Wein. Man sieht, der verwöhnteste Bürger – und die Anstalt darf Jeder benutzen, weil das offenbar in ihrem eigenen Interesse liegt – brächte es schwerlich dahin, mehr als einen Franken zu verzehren; die Arbeiter aber, die früher kaum Sonntags einmal Fleisch essen konnten, müssen sich in ein wahres Paradies versetzt fühlen.

[552]
III.
Bedingungen für die Benutzung der Restauration. – Die Kleinkinderschule. – Die Junggesellenwohnungen. – Eine kleine Arbeiterwohnung. – Unterstützungen der Wöchnerinnen. – Einer der Gründer der Arbeiterstadt. – Die Volkscurse und ihre Theilnehmer. – Entstehung und Wachsthum der Arbeiterstadt. – Ihre Resultate.

Wir wurden nicht müde die Restauration, diese wahre Musteranstalt zu loben.

„Und doch drängen sich nicht Alle zu, denen es nöthig und heilsam wäre,“ gab uns unser Führer zur Antwort, „gewisse Beschränkungen, die zum Gedeihen der Restauration unumgänglich waren, halten Viele zurück. Zuerst muß jeden Tag baar gezahlt werden, und um das zu können, muß man ein ordentlicher Haushälter sein; dann ist keinerlei überlautes Wesen, Tumult oder Unordnung gestattet, kein Rauchen, nicht einmal das Anzünden der Pfeife vor dem Weggehen, endlich wird Keinem mehr als ein halber Schoppen Wein verabreicht, damit die Restauration nicht zur Kneipe für die liederlichen, zur Vogelscheuche für jeden ordentlichen Mann werde. Da verstecken sich denn die Zuchtlosen hinter allerlei Vorwände, schlucken lieber in andern Kosthäusern Massen heißen Wassers nebst saft- und kraftlosem Gras und Stroh und beweisen zum tausendsten Male, daß gegen den Blödsinn Götter selbst vergebens kämpfen.“

Als wir durch den Bäckerladen zurückgingen, erzählte unser Arbeiter, daß man in der Cité nicht nur das Brod, sondern sämmtliche Lebensmittel aus Magazinen zum Engros-Preise haben könne: Eß- und Kramwaaren, Hausgeräth und Bettzeug, fertige Kleider und Schuhe, ja daß die Steinkohlen, weil man sie als die bei Weitem wohlfeilste Feuerung mit allen Mitteln zu verbreiten suche, seit vielen Jahren unter dem Einkaufspreise abgegeben worden seien.

Der Pfarrer sah ihn groß an, griff nach seinem Taschenbuche und wollte schreiben, steckte es aber mit einem „Ueberflüssig!“ wieder ein und wünschte die Bibliothek zu sehen. Auch ich hatte mich darauf gefreut, die sechszehnhundert Bände zu durchmustern, um zu wissen, welchen Geist man durch die eintansend Leser, die man im verflossenen Jahre zählte, in der Cité verbreitet, leider war Niemand da, der die Mittel oder das Recht hatte, uns den Eintritt zu ermöglichen, und so mußten wir uns mit der allerdings werthvollen Versicherung unseres Führers begnügen, es seien „lauter vernünftige und schöne Bücher“. Nach den in Mülhausen herrschenden Gesinnungen ist jedenfalls mit Sicherheit anzunehmen, daß die Auswahl weder vom gouvernejentalen, noch vom einseitig religiösen Standpunkt getroffen worden.

Wir verließen den Bau in der gehobensten Stimmung; der Himmel schien uns noch einmal so klar, der Schnee noch einmal so rein, die ganze Umgebung trotz der winterlichen Oede reizend. Wie glänzten uns jetzt mit ihren Spiegelscheiben die für anspruchsvollere Miether und Käufer errichteten, von außen vornehmen, im Innern hohen und weiten größeren Wohnungen entgegen, deren man nach und nach vierzehn errichtet hat und von denen bereits acht, zu sechszehn- bis siebenzehntausend Franken jede, verkauft sind. Wie köstlich erschien uns und war auch wirklich die elegante Kinderschule (Salle d’asile) in ihrem baumreichen, freundlich umgitterten Hofe, mit ihrem lachend grün gefärbten Vordache aus leichtem Gußeisen, den frischrothen, gefällig geschwungenen Fensterdecken und der blendend weißen Mauer – kein Zuchthaus, ein wahres Asyl, in dem zweihundert und fünfzig bis dreihundert Kindlein in hohen Sälen bei einer Vorsteherin und zwei Gehülfinnen beider Confessionen mütterliche Pflege und erste Unterweisung finden. Es wurde uns fast des Guten zu viel, denn auch das Genießen hat seine Grenze, und da obendrein unser trefflicher Führer uns verlassen mußte, so beschlossen wir, nur noch die Junggesellen-Wohnung und eins der kleineren Arheiterhäuschen anzusehen und dann der Cité den Rücken zu wenden – auf Wiedersehen natürlich. So lautete auch der Gruß, den wir nach kräftigem Handschlage dem wackern Arbeiter zuriefen, der, nachdem er uns unserm nächsten Ziele zugeführt, unter Ablehnung jeglichen Dankes seiner Wege ging. Ich mag nicht leugnen, daß wir ihm mit einer wahren Verehrung nachsahen, bis er an einer Ecke verschwand.

Das vor uns liegende Gebäude mit der Aufschrift: „Chambres garnies pour hommes“ wird von einem besonderen Geranten verwaltet. Von außen jedem großen Hause ähnlich, hat es auch im Innern nichts Casernenartiges; eher erinnert es an eines jener heimeligen Klöster, die Einen fast zum Mönche machen könnten. Die einzelnen Zimmer, siebenzehn an der Zahl, münden wie Zellen auf lange Gänge und halten durch Ausdehnung und Helle jeden Vergleich mit einem Gefängniß fern. Ein lichter Raum von hundert Quadratfuß mit gutem Bette, mit Commode, Tisch und zwei Stühlen ist ein Aufenthaltsort, den sich Jeder gefallen lassen kann, zumal wenn ihm als Ersatz für den fehlenden Ofen ein den ganzen Winter hindurch geöffneter gemeinschaftlicher Saal zu Gebote steht. Und das Alles hat man einschließlich des Leinenzeugs und der Aufwartung für sechs Franken monatlich, d. h. für neunzehn Thaler jährlich. Auch ist das Haus, obgleich die Insassen Punkt zehn Uhr Abends zu Hause sein müssen, beständig besetzt, und mit einem zweiten und dritten würde es ebenso sein, wenn die Verwaltung nicht Anstand nähme, sie zu errichten; sie fürchtet mit Recht, zu viel junges Volk in die Cité zu ziehen und dadurch ihre sittlichen Zustände zu gefährden.

Aus den kleineren Wohnungen, die, nur aus Keller, Erdgeschoß und Speicher bestehend, auf nicht mehr als zweitausend vierhundert bis zweitausend sechshundert und fünfzig Franken zu stehen kommen und deren am äußersten Ende der Cité etwa achtzig, in zwanzig Pavillons gruppirt, beisammenliegen, nahmen wir die erste beste. Eine junge Frau, die augenscheinlich nicht weit von ihrer Niederkunft war, öffnete, nachdem wir das auch hier als Küche benutzte Vorhaus durchschritten, auf unser Klopfen die Stubenthür und hat uns in schlechtem Französisch, einzutreten. Das etwa fünfzehn Fuß lange und ebenso breite Zimmer, hinter welchem man durch eine halbgeöffnete Thür in die Schlafkammer von derselben Länge und halber Breite sah, war beengend warm und erschien unserm verwöhnten Auge etwas unordentlich und ärmlich. Wenig angenehm berührten uns die der Ausbesserung sehr bedürftigen Hemden und sonstigen Kleidungsstücke, die massenweise auf Tisch und Stühlen umherlagen, und die kleinen Fenstergardinen von rothem Kattun, auf denen die Sonne stand, warfen einen grellen und doch unreinen Wiederschein umher. Unsere Mienen mochten eine gewisse Unbefriedigtheit verrathen, denn die Frau sagte entschuldigend, sie und ihr Mann seien noch Anfänger und in ihrem jetzigen Zustande könne sie auch nicht säubern und ordnen, wie sie gern möchte.

„Das wird aber,“ fuhr sie lebhaft fort, „bald anders werden. Als Junggesell, wo mein Mann in der Stadt wohnte, verbrauchte er Alles, was er verdiente; ob ich einen Sou mehr oder weniger habe, sagte er gewöhnlich, ich bring’ es ja doch zu nichts. Jetzt aber, seitdem wir beisammen sind und das Haus hier zu kaufen angefangen, trinkt und spielt er gar nicht mehr, sondern legt jeden Heller zurück, damit wir sobald wie möglich frei werden. Dazu ist er’s nicht allein, der verdient; ich gehe auch in die Spinnerei der Herren Dollfus-Mieg und bringe alle vierzehn Tage ein hübsches Stück Geld heim. Nur jetzt muß ich des Kindbetts wegen acht Wochen zu Haus bleiben, und da will ich die erste Zeit benutzen, unsere Geschichten da ein wenig zu flicken. Sie sehen’s ja,“ schloß sie mit lächelndem Blicke auf die Siebensachen, die uns nun schon ganz anders anmutheten.

„Aber,“ sagte theilnehmend der Pfarrer, „da verdienen Sie ja zwei Monate lang gar nichts und müssen wohl noch obendrein Arzt, Apotheke und Wärterin bezahlen?“

„Das wäre schlimm,“ erwiderte sie mit spöttischer Zuversicht „da müßten unsere Herren nicht sein!“ Und damit lief sie zu einem Schranke und nahm aus einem schwarzgebundenen Gebetbuch mit verblaßtem Goldschnitt ein bedrucktes Papier, das sie uns hinhielt. Ich ergriff es und las in französischer Sprache, was ich zu gefälliger Nachahmung deutsch hier folgen lasse:

[553]
Zur Nachricht.

Art. 1. Vom 1. November 1862 an wird allen Arbeiterinnen der Fabrik Dollfus-Mieg und Co. eine Geldunterstützung bewilligt, sobald sie in Wochen sind, und zwar unter folgenden Bedingungen:

Art. 2. Um ein Recht auf diese Unterstützung zu haben, muß die Entbundene wenigstens ein Jahr lang ohne Unterbrechung in den Werkstätten der Herren Dollfus-Mieg gearbeitet haben.

Art. 3. Die als tägliche Unterstützung auszuzahlende Summe soll dem durchschnittlichen Tagelohn der sechs Monate gleich sein, die dem Tage der Arbeitseinstellung vorangegangen sind.

Art. 4. Die Arbeiterinnen bekommen diese Unterstützung sechs Wochen lang, vom vierzehnten Tage nach der Niederkunft an gerechnet.

Art. 5. Im Fall das Kind sterben sollte, hört die Unterstützung vom Tage seines Todes an auf.

Art. 6. Ter Fabrikarzt der Herren Dollfus-Mieg wird die Wöchnerin besuchen und alle vierzehn Tage Zeugnisse ausstellen, auf welche hin die Auszahlung an den gewöhnlichen Zahltagen erfolgt.

Art. 7. Nach den Statuten des Unterstützungsvereins haben die Frauen ein Recht auf die gewöhnlichen Hülfsgelder aus der Casse desselben, wenn sie mehr als dreißig Tage nach der Niederkunft krank werden. Da diese Bestimmung in Geltung bleibt, so wird in einem solchen Erkrankungsfalle die Art. 3. erwähnte Unterstützung nicht ferner gewährt.

Art. 8. Jede Arbeiterin muß, so lange sie Unterstützung erhält, alle Arbeit einstellen, um ihrem Kinde die nöthige Sorgfalt widmen zu können. Von dem Tage an, wo sie dieser Verpflichtung zuwiderhandelt, werden ihr keine Hülfsgelder mehr ausgezahlt.

Art. 9. Die Herren Dollfus-Mieg werden die Wöchnerinnen häufig durch eine Person besuchen lassen, die im Stande ist, ihnen mit gutem Rath an die Hand zu geben.“ –

„Nein, nein, das ist denn doch der wahre Geist des Evangeliums, was diese Leute belebt!“ rief mein Pfarrer aus, dem bei dem trockenen Vorlesen der Artikel Thränen in’s Auge getreten waren, „Und Ihr,“ wandte er sich der Frau zu, „habt nichts dagegen zu leisten?“

„Nichts,“ erwiderte sie, „als daß die Arbeiterinnen sich alle vierzehn Tage fünfzehn Cent. von ihrem Lohne abziehen lassen müssen, wozu dann die Herren ebensoviel legen; das wächst und wächst, bis ……“

„Bravo!“ unterbrach ich sie und gab das Papier zurück, „so ist es doch kein Geschenk, kein Almosen, sondern eine Art von Selbsthülfe, und so macht’s Euren Herren doppelte Ehre. Aber was fangt Ihr denn mit Eurem Kinde an, wenn Ihr wieder in die Fabrik müßt?“

„Dann kommt es für ein mäßiges Kostgeld,“ erwiderte sie, „den Tag über zu einer Frau da draußen, die zu ihren eigenen kleinen immer ein paar fremde Kinder nimmt und ganz gut versorgt, und mit drei Jahren geht’s in die Salle d’asile. So hilft man sich durch, und das schadet auch nichts, wenn man nur absieht, wohin und wohinaus.“

Wir reichten der wackeren Frau die Hand und empfahlen uns.

„Wollten Sie nicht das Haus sehen?“ warf sie ein.

„Ist nicht mehr nöthig,“ antwortete ich, mehr zum Pfarrer gewandt; „wir haben, denk’ ich, sattsam erfahren, wie Alles hier auf den inneren Menschen wirkt, und das ist genug. Kommen Sie!“

Ich faßte ihn am Arme und zog ihn hinaus; mir war, als kennte und liebte ich ihn seit Jahren, und der innige Blick, den er mir zuwarf, sprach eine ganz ähnliche Empfindung aus. Glücklich plaudernd gingen wir nebeneinander bin. Die von concurrirenden Privatleuten gebauten Arbeiter-Wohnungen, die wir auf dem Rückwege sahen und die mit Gärtchen zu achtzehn Franken monatlich nur vermiethet werden, waren uns kein Aergerniß; im Gegentheil zählten wir sie ebenso zu den glücklichen Ergebnissen der ersten Unternehmung, wie, als sie uns bekannt wurden, die Nachahmungen des Wöchnerinnen-Vereins in Frankreich und Deutschland (Gladbach). Ueberdies beschäftigte uns fast ausschließlich der Gedanke an die ungeheure Geldsumme, welche diese Mülhauser Kaufleute hingeben mußten, um das Alles zu ermöglichen.

„Da liegt eben das,“ bemerkte der Pfarrer, „was die Sache zu einer ganz vereinzelten macht. Wo wird man zum zweiten Male bei solchem Reichthum solche Mildthätigkeit, solche Hingebung finden?“

„Ich möchte wissen,“ erwiderte ich, „wie der ganze Plan entstanden und wie groß eigentlich die Opfer sind, welche die Gesellschaft im Ganzen und die jeder einzelne Theilnehmer gebracht hat.“

„Wir müßten uns,“ meinte Jener, „die Statuten und Rechenschaftsberichte zu verschaffen suchen.“

„Das wäre langweilig,“ scheint mir, „und würde wahrscheinlich noch Raum zu fragen genug lassen. Was meinen Sie, wenn wir zu einem der Theilnehmer gingen, den ich so oben hin kenne, und ihn bis auf den Grund ausfragten?“

Nach kurzem Sträuben gegen einen für ihn etwas kühnen Besuch willigte der Freund ein; nicht lange nachher waren wir in der Stadt und schellten an der Thür eines von außen ziemlich unscheinbaren Kaufmannshauses. Eine Magd öffnete. Durch das mit Strohmatten belegte Vorhaus wurden wir in ein kleines, aber prachtvolles Anspruchszimmer geführt; der Hausherr, ein frischblickender, untersetzter Fünfziger, dessen Namen zu nennen ich mich nicht befugt glaube, trat bald darauf ein.

Kaum hatte er den Grund, der uns herführte, vernommen, als er ohne Umstände sagte:

„In diesem Augenblick bin ich nicht frei; für Unsereinen ist nun einmal das oberste Gesetz: die Geschäfte vor allem Andern. Ich bitte aber die Herren, in einer Stunde wiederzukommen, und hoffe ihnen dann Genüge zu leisten.“

Damit gab er mir die Hand, verneigte sich kurz vor meinem Begleiter und bugsirte uns hinaus.

„Der macht’s einfach,“ brummte draußen der Pfarrer mit einem fragenden Blick auf mich.

„Er hat Recht und wir können die Zeit gebrauchen,“ erwiderte ich und zog ihn in das nächste Speisehaus, wo wir uns gründlicher restaurirten, als Frankreich unter Ludwig dem Achtzehnten. Genau nach einer Stunde zogen wir die Klingel wieder. Diesmal empfing uns der Herr selbst an der Thür und führte uns in ein einfaches Cabinet mit Büchergestellen und Kupferstichen an den Wänden. Auf einem runden Tische in der Mitte stand eine Flasche Champagner mit drei Gläsern und ein Kistchen Cigarren nebst einer brennenden Kerze.

„Setzen Sie sich,“ bat er, die Cigarren vor uns hinschiebend und aus der bis zum Knallen des Pfropfens vorbereiteten Flasche einschenkend, „ein leichter Trunk in der Januarfrische kann nicht schaden.“

Wir stießen an, zündeten an, und sich behaglich auf einen Sessel streckend, fragte der Wirth, was wir denn nun gesehen und erfahren.

Wir erzählten um die Wette.

„Gut,“ sagte er, „doch ist Ihnen noch Etwas entgangen. Eine sehr gute Einrichtung sind auch die Volkscurse, die man übrigens auch in Thann, Gebweiler und Markirch hat, demnächst sogar in Paris einführen will und die mehr noch als die Bibliothek zur geistigen Hebung der Arbeiter beitragen. Der beständige persönliche Verkehr mit den dreizehn Professoren, die sich unter Leitung eines Directors zusammengethan haben, ist nicht minder hoch anzuschlagen, als die positiven Kenntnisse, die alltäglich in den neun Sälen der Anstalt erworben werden. Und auch diese sind nicht gering, denn sie umfassen Sprachen, Arithmetik und Zeichnen. Die Arbeiter betheiligen sich zahlreich, obgleich der Unterricht aus Grundsatz nicht ganz umsonst gegeben wird. Jeder Theilnehmer zahlt zwanzig Cent. monatlich pro Curs; für die Zeichenstunde sogar fünfzig Cent. und fürs Englische, weil es kein allgemeines Bedürfniß ist, zwei Franken.

Als ich den Wunsch nach weiteren Zahlen aussprach, nahm er ein Notizbuch von einem der Gestelle und gab mir die folgenden:

Eingeschriebene. Wirkliche Besucher.
Lesen und Schreiben 339 244
Rechnen 237 175
Angewandtes Rechnen 58 48
Französische Sprache 77 55
Linearzeichnen 117 80
Englische Sprache 78 65
Summa 906 667


„Sie sehen,“ fügte er lächelnd hinzu, „an dem Unterschiede zwischen Eingeschriebenen und wir[k]lichen Besuchern, daß auch bei [554] unsern Arbeitern der Geist willig, das Fleisch schwach ist. Dann muß aber auch zugegeben werden, daß wir Fabrikanten selbst noch lange nicht gethan haben, was geschehen müßte und muß. Haben wir doch z. B. erst jetzt die Volksbank zu gründen begonnen, nach dem uns Deutschland und sein Schulze-Delitzsch so lange mit gutem Exempel vorangegangen; die tausend Actien zu je hundert Franken sind erst in diesen Tagen gezeichnet worden.“

Wir widersprachen dieser Selbstunterschätzung und äußerten fast zugleich, daß doch nirgendwo etwas so Imposantes geschaffen worden sei, wie die Arbeiterstadt in Mülhausen.

„Nun, nun,“ suchte er unsere Bewunderung zu dämpfen, „auch da sind wir keineswegs die Ersten. Ich will nicht von der Wirksamkeit der 1849 gegründeten ‚gemeinnützigen Baugesellschaft‘ in Berlin reden, die nach dreißigjähriger Zahlung einer sechsprocentigen Miethe die Wohnung als Eigenthum in den Händen des Miethers läßt; die Frist kann zu lang, die Größe der Bauten und manches Andere verfehlt erscheinen. Auch nicht von den Arbeiterwohnungen in Flandern, die viel zu wünschen übrig lassen, oder in Böhmen, obgleich die der Lindheim’schen Hütten und der Kohlenwerke in Brandeisl vortrefflich sein sollen. Was Graf de Madre in Paris gethan, kann bei aller Preiswürdigkeit ebenfalls nicht in Betracht kommen, weil seine Hänser nur zu miethen, nicht zu kaufen sind. Aber unser Vorbild ist England, wo William Taylor vor fünfundzwanzig Jahren auf die kleinen Grundstücke, welche die Arbeiter vor den Thoren der Städte besaßen, kleine Wohnungen baute, die durch Abzahlung aus den Ersparnissen allmählich freies Eigenthum der Arbeiter werden sollten. In Leith, Birmingham, Nottingham geschah dasselbe, am Ende auch in London. Es bildete sich eine Gesellschaft, die Häuser mit zwei Zimmern, zwei Dachstuben, einer Küche und einem Waschkeller errichtete und für 90 Pfund Sterl. (2250 Franken) verkaufte; etwas größere für 120 bis 150 Pfund Sterl. (3000–3750 Franken). Dann ließ man seit 1848 die gemeinsame Beschaffung wohlfeiler Lebensmittel folgen – kurz, man bahnte dort den Weg, den wir nur nachzuwandeln brauchten. Und das haben wir ja nicht einmal allein gethan; Gebweiler hat seine vierzig bis fünfzig Arbeiterhäuser, in Beaucourt hat das Haus Japy deren gegründet, Lille ist seit Jahren bestrebt uns nachzuschreiten, und von allen Seiten bittet man uns um Aufschlüsse und Nachweisungen, weil man nicht zurückbleiben möchte.“

„Was eine Seelenfreude für Sie sein muß,“ fiel der Pfarrer dem bescheidenen Manne ins Wort.

„Für den Continent,“ setzte ich hinzu, „ist Ihre Anstalt jedenfalls das Muster aller Muster.

„Mag sein,“ erwiderte er, „daß wir den Grundgedanken consequenter durchgeführt haben, als Andere, was freilich auch nöthig war, um eine aus aller Herren Ländern zusammengeschneite Masse von Arbeitern, die sich oft kaum verstehen, langsam in eine geordnete Einheit zu bringen, bei der sich Jeder wohl fühlen kann. Ein solcher Zweck verdient schon, daß man ihm einige Opfer bringe.“

„Einige?“ fragte der Pfarrer gedehnt; „sagen Sie lieber riesenmäßige! Denn was Sie hingegeben haben und noch täglich hingeben müssen –“

„Nur keine Complimente,“ fiel unser Wirth ein. „Sie sehen,“ fuhr er lächelnd fort und füllte die Gläser auf’s Neue, „daß wir selbst noch ziemlich behaglich dabei leben. Auch bedarf es bei allen richtig angefaßten Unternehmungen gar keiner unmöglichen Selbstvergessenheit. Abgesehen davon, daß das eigene Gedeihen dem Menschen erst recht wohlthut, wenn es sich in seiner Umgebung spiegelt, kommt es uns selbst zu statten, wenn die Arbeiter treuer, rüstiger, freudiger schaffen, und dann ist sogar, rein kaufmännisch gesprochen, die Sache viel rentabler, als Sie glauben. Die englischen Arbeiterhäuser tragen vier und ein halb bis fünf, die des Herrn Hilliard sogar sechs Procent, und der Erbauer unserer Cité, Herr E. Möller, hat in einer lesenswerthen Schrift mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß, ganz ohne Rücksicht auf den philanthropischen Zweck, ein Capitalist, der sein Geld sicher anlegen wolle, kaum eine bessere Verwendung finden könne.“

Wir begriffen das nicht.

„Wie haben Sie denn die Sache nur angefangen und fortgeführt?“ fragte ich, und die Spannung, mit welcher der Pfarrer den Fabrikanten ansah, bewies mir, daß er dieselbe Frage auf den Lippen gehabt.

„Darüber haben,“ war die Antwort, „fast alle Pariser Journale mit mehr oder weniger Sachkenntniß geschrieben. Das Ding ist sehr einfach. Schon vor 1851 waren bei der Papierfabrik der Herren Zuber und Nieder einzelne Arbeiterwohnungen mit Gärtchen angelegt, die zu elf Franken monatlich vermiethet wurden. Da kam das Buch des Engländers Roberts „The dwelling of labouring classes“ (die Wohnungen der arbeitenden Classen) in unsere Hände, und auf seine Anregung hin stiftete der nachmalige Maire von Mülhausen, Herr Johann Dollfus, die Gesellschaft zur Gründung der Cité. Es wurden 60 vierprocentige Actien zu je 5000 Franken creirt, von denen der Gründer allein 35 behielt, während wir Uebrigen, elf an der Zahl, den Rest nahmen. Mit diesem Capital von Franken fingen wir im Juli 1853 zu bauen an und errichteten im ersten Jahre hundert Häuser. Auf diese Häuser liehen wir unter Bürgschaft des Herrn Joh. Dollfus von den Baseler Capitalisten drei Viertel ihres Werthes, erst zu fünf, später zu vier und ein halb Procent, und zwar unter der Bedingung, daß die geliehene Summe in den ersten fünf Jahren nur zu verzinsen, in den fünfzehn folgenden aber von den mittlerweile eingegangenen Verkaufspreisen nach und nach abzuzahlen sei. Dann traten noch sieben Theilnehmer mit elf Actien im Betrage von 55,000 Franken hinzu, der Crédit Foncier betheiligte sich mit einem Darlehen auf dreißig Jahre, und das Bauen ging so unaufhaltsam fort, daß schon vierhundert, zwei Jahre später sechshundert standen und in diesem Augenblick nahe an siebenhundert vollendet sind, die über zwei Millionen Franken kosten und ungefähr sechstausend Menschen beherbergen. Wie die Engländer könnten wir leicht höhere Zinsen ziehen, als unsere vier Procent, aber wir wollen nicht und verwenden jeden Ueberschuß auf Verbesserung und Verschönerung des Werkes.“

„Ehre, dem Ehre gebührt!“ sprach der Pfarrer und verbarg trinkend seine Ergriffenheit.

„Gewiß,“ stimmte ich bei. „und darum begreife ich nicht, warum die Herren, die doch so trefflich auf eigenen Füßen zu stehen wissen, durch die Benennungen Rue und Place Napoléon diese Ehre gleichsam der Regierung zuschreiben. Warum denn nicht Rue des Ouvriers, nicht Place Dollfus?“

„Auch das erklärt sich leicht,“ erwiderte unser Mentor. „Der Staat, der auch eine Hand im Spiele haben wollte, gewährte uns nicht nur für jedes neugebaute Haus eine dreijährige Grundsteuerfreiheit, sondern gab auch eine Summe von 300,000 Franken mit dem Beding, daß die Gesellschaft wenigstens das Dreifache verbaue, die Häuser zum Kostenpreise verkaufe und nicht höher als zu acht Procent desselben vermiethe. Wir verbauten, wie gesagt, mehr als das Sechsfache, vermietheten höchstens zu sieben Procent, wollten aber mit unserm Unternehmen wirklich ganz ‚auf eigenen Füßen stehen‘ und verwandten deshalb den Zuschuß der Regierung nicht zum Häuserbau, sondern lediglich zur Anlegung von Straßen und Plätzen, Bürgersteigen und Baumpflanzungen, Bädern und Waschküchen, zur Einrichtung der Gasbeleuchtung etc., kurz, zu Verschönerungen und Anlagen von allgemeinem Nutzen. So sind die Häuser selbst nicht vertheuert worden, und dafür danken, weil in unserm Staate doch einmal Alles vom Kaiser persönlich ausgeht, die Namen von Platz und Straße. Oder ist nicht jede Hülfleistung, wober sie auch komme, dankenswerth?“

Ich schämte mich meiner voreilig demokratischen Bemerkung und empfand dagegen einen gründlichen, fast scheuen Respect vor dem Geschäftsmanne.

„Ihr seid Helden.“ rief ich nach tiefem Zuge aus Cigarre und Champagnerglas; „wie muß Euch nicht zu Muthe werden, wenn Ihr heute auf den Zustand Eurer Arbeiter vor zehn Jahren zurückblickt! Damals in schlechten Löchern unsaubere, verkommene Familien, die ihre Kinder ohne Zucht und Lehre herumwühlen ließen, bis sie zur Arbeit, zum Verdienen tauglich wurden; abgeschnitten von der frischen Luft, vom Freien, das uns selbst befreit, ohne Besitz, ohne Zukunft, ohne Freudigkeit. Jetzt Menschen in frischen, sonnigen Wohnungen, in denen sie selber sonnig, frisch und heiter werden, ihre Kinder allmorgendlich in ordentlichem Anzuge zur Schule sendend. Die Beschäftigung im Garten, den sie in den Freistunden bebauen, verdrängt allen verderblichen Zeitvertreib und macht gesund, wie’s der Fisch ist im Wasser; die frische Luft dehnt aus, erfreut und stählt, und sinniger wird der Mensch, der so schalten und walten kann, er mag’s merken oder nicht. Und [555] das Alles, Haus und Garten, ist sein! Der Besitz macht ruhig, sicher, stolz im guten Sinne; die Zukunft hat für den Miethfreien, der allwöchentlich zurücklegen kann, nichts Erschreckendes mehr: sie lächelt von ferne als die Zeit der wohlverdienten Ruhe. Die beiden Grundsäulen des wahren Lebens: Arbeit und Unabhängigkeit, sind fest eingesenkt, und wer sie so dauernd hingepflanzt, das seid Ihr! Wahrlich, Ihr könnt Euch das Zeugniß geben, in aller Stille groß gewirkt zu haben, und dürft den Aehnlichgestellten in Nähe und Ferne zurufen: ‚So gehet nun hin und thuet desgleichen!‘“

Auch aus des Pfarrers Mienen sprach ein seliges Gefühl. Mehrmals leise nickend, stieß er mit mir an; dann bot er ausstehend sein Glas dem Wirthe hin und sagte mit schwankender Stimme:

„Der Segen des Herrn sei mit Euch heute und immerdar! Mehr vermag ich nicht zu sagen.“

Die drei Gläser klangen glockenrein.

„Wenn man lange mit Euch zu thun hätte,“ wand sich der Geschäftsmann heraus, „würde man unfehlbar eitel. Zum Glück hat man keine Zeit dazu. Wollen Sie diesen Abend mit mir speisen?“

Wir lehnten dankend mit der Bemerkung ab, daß wir Beide reisen müßten.

„Und die linke Seite des Taschenbuchs ?“ fragte ich, als wir draußen waren.

„Spötter!“ lachte mein Freund und führte mich vorwärts.

Wer uns Arm in Arm und Aug’ in Auge dem Gasthause, von da dem Bahnhofe zuschlendern sah, der hätte uns für Brüder halten können. Wir sind’s auch jetzt, unbekümmert um nichtige Meinungsunterschiede, und das verdanken wir – Mülhausen und seiner Arbeiterstadt.