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Titel: Mörikes „Feuerreiter“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 194–195
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[194]
Mörikes „Feuerreiter“.


Diese Perle deutscher Balladendichtung hat, wie wir aus zahlreichen Zuschriften ersehen, unsere Leser vielfach beschäftigt. Es würde uns zu großer Freude gereichen, wenn wir durch den Abdruck der Ballade mit der Illustration des talentvollen jungen Malers G. A. Cloß in München (in Nr. 6 d. Jahrg. der „Gartenlaube“) zum weiteren Bekanntwerden der Gedichte Eduard Mörikes beigetragen hätten, welche, obgleich sie zum Allerbesten gehören, was unsere Lyrik hervorgebracht hat, doch leider noch immer nicht genugsam bekannt und gewürdigt sind. Was den Inhalt der Ballade und die ihr zu Grunde liegende Sage betrifft, über welche viele unserer Leser Näheres zu erfahren wünschen, so haben wir uns um Auskunft an den trefflichen Sagenforscher Professor Dr. Wilhelm Hertz gewendet, der uns folgende Erläuterungen zukommen ließ:

Die phantastische Dichtung hat noch jedem Leser ihre Räthsel aufgegeben. Wer ist dieser Feuerreiter? Warum reitet er zu jedem Brand? In welchem Verhältniß steht er zum Teufel? Wie kommt das Gerippe in den Keller, und was ist das Ende von alledem? Der Dichter hat mit künstlerischer Absicht über diese Dinge ein ungewisses Halbdunkel gebreitet, das nur wie durch das Geflacker einer fernen Feuersbrunst ahnungsvoll beleuchtet wird. Daß unsere Phantasie durch die unheimliche Erzählung mehr gereizt als befriedigt wird: das eben verleiht dem Gedicht seinen eigenthümlichen schauerlichen Zauber.

Am räthselhaftesten ist die Ballade in ihrer ursprünglichen Gestalt, wie sie Mörike als Student im Tübinger „Stift“ im Jahre 1824 niedergeschrieben und später seinem im Jahre 1832 erschienenen Romane „Maler Nolten“ einverleibt hat. Da fehlt noch die dritte Strophe unseres Abdrucks, und wir erfahren also nur, daß ein Mensch mit rother Mütze, der jede Feuersbrunst von ferne wittert und zu jeder auf dürrem Gaule hinjagt, seit dem Brande einer Mühle verschwunden ist, daß später sein Gerippe im Keller gefunden wird und beim Ansprechen zerfällt, worauf ihm Ruhe gewünscht wird.

[195] Bei einer späteren Umarbeitung der Ballade im Jahre 1847 fügte der Dichter zur Verdeutlichung die dritte Strophe hinzu, in der gesagt wird, daß der Feuerreiter den Brand mit einem Spahn des heiligen Kreuzes zu besprechen pflegt und daß dafür nun der Feind, der Teufel, in den Flammen auf ihn lauert.

Es handelt sich also für den Feuerreiter darum, das Feuer zu besprechen, durch Zauber aufzuhalten und auszulöschen. Ist das etwas so Schlimmes? Thut er es doch nicht einmal für sich, sondern für bedrängte Mitmenschen. War es nicht ein altes Herkommen, daß, wo immer eine große Feuersbrunst ausbrach, der Landesfürst herbeieilte und um die Brandstätte ritt, wodurch nach dem Glauben des Volkes dem Feuer Einhalt gethan wurde? Besonders eifrig war hierin der aus Schillers Jugendgeschichte wohlbekannte Herzog Karl von Württemberg. Auch beim Brande von Gera im Jahre 1780 umritt der Graf von Gera die flammende Stadt und suchte so, freilich vergebens, das Feuer zu bannen. Dieses Eingreifen hatte aber eine ganz andere Bedeutung, eine ganz andere Berechtigung als das des Feuerreiters; denn den Fürsten war ihre Macht über das Feuer, so glaubten die Leute, als ein besonderes Gnadengeschenk Gottes zum Frommen ihrer Unterthanen verliehen, wie man ihnen auch heilkräftige Hände zuschrieb. Schon der römische Kaiser Vespasian heilte, wie Tacitus erzählt, Blinde und Lahme, und auf den Königen von Frankreich und England ruhte durch Vererbung die Kraft des Königs Edward des Bekenners, Kröpfe durch Berührung zu vertreiben, daher die Drüsengeschwulst in England noch heute King’s evil, Königsübel, genannt wird. Auch die Grafen von Habsburg heilten Kropfige durch einen Trunk und Stammelnde durch einen Kuß.

Wenn die Fürsten diese ihre Wunderkräfte ausübten, so überschritten sie damit ihre Befugniß so wenig, wie in katholischen Gegenden der Priester, wenn er, wie z. B. im vorigen Jahrhundert in Rastatt, einer Feuersbrunst in Prozession mit der Monstranz entgegenzog. Etwas ganz Anderes war es, wenn Leute, die keinen göttlichen Beruf dazu hatten, das Feuer durch Wundermittel zu löschen suchten.

Solcher Mittel gab es viele. Man schrieb auf einen Teller mit dreimal geweihter Kreide den Namen Jesu oder bestimmte magische Formeln und Figuren und warf ihn in die Gluth; man schleuderte rückwärts ein geweihtes Osterei in die Flammen oder einen warmen Laib Brot oder Salz, am Agathatag geweiht, oder eine lebende, schwarz, roth und weiß gestreifte Katze, eine Feuerkatze. Auch Judenmatzen stillten den Brand, u. a. m. Für ganz besonders geschickt im Feuerbannen galten die Zigeuner; diese konnten, so sagte man, in einer vollen Scheune ein Feuer entzünden, das sich nicht weiter ausbreitete, als ihm durch einen vorher gezogenen Kreis bestimmt war. Am wirksamsten aber war das Umreiten des Feuers nach dem Volksglauben in Ostpreußen, Niedersachsen, Thüringen, Bayern und Schwaben. Dreimal mußte der Reiter die Flammen umkreisen und dabei langsam den Feuersegen sprechen, den er in einer Vollmondnacht am Freitag zwischen elf und zwölf Uhr bei drei auf dem Tisch brennenden Lichtern auswendig gelernt haben mußte.

„Feuer, steh still,
Um Gottes will,
Um des Herrn Jesu Christi willen!
Feuer, steh’ still in Deiner Gluth,
Wie Christus der Herr ist gestanden in seinem rosinfarbnen Blut.
Feuer und Gluth, ich gebeut dir bei Gottes Namen,
Daß du nicht weiter kommst von dannen,
Sondern behältst alle deine Funken und Flammen.
Amen! Amen! Amen!“

Wenn aber der dreimalige Umritt vollbracht und der Segen dreimal gesprochen war, dann mußte der Reiter so schnell als möglich von dannen jagen, am besten in einen Teich oder Fluß hinein; denn das von ihm an seiner Ausbreitung gehinderte Feuer stürzte sich auf ihn, um ihn zu verzehren. An Sagen von solchen Feuerreitern fehlt es nicht. Als einst Sangerhausen in Thüringen in Flammen stand, kam ein Reiter auf weißem Roß und umritt ein kleines Häuschen, das allein vom Feuer verschont wurde.

Nach schwäbischer Sage wohnte einst im Remsthal ein Baron, der „für das Feuer konnte“. Er hielt jederzeit ein gesatteltes Pferd bereit und war im Nu an der Brandstätte. Im fliegenden Mantel ritt er dreimal um das brennende Haus und besprach das Feuer. Der Brand hörte auf; er selbst aber mußte sich eiligst aus dem Staube machen.

Es ist, als ob dem jungen schwäbischen Dichter diese heimathliche Sage die Anregung zu seiner Ballade gegeben hätte. Nur hat er den etwas nüchternen Stoff mit Poesie gesättigt und aus dem Feuerreiter einen jener dämonischen Sonderlinge gemacht, wie sie der Romantiker des Gruselns, der geniale E. T. A. Hoffmann[WS 1], eben in Mörikes Jugendzeit ins Dasein gerufen hatte. Nach den Erklärungen in der ersten Ausgabe des „Maler Nolten“ ist es ein junger Mann, der im obersten Theil eines uralten spitzgiebeligen Häuschens einsam wohnt und von dessen Lebensweise niemand Näheres weiß, der sich auch niemals blicken läßt außer vor dem Ausbruche einer Feuersbrunst. Da sieht man ihn in einer scharlachrothen netzartigen Mütze, welche ihm gar wundersam zu seinem todbleichen Gesichte steht, unruhig am kleinen Fenster auf und ab schreiten, und noch ehe der Feuerlärm sich erhebt, kommt er auf seinem mageren Klepper unten aus dem Stalle hervorgesprengt unfehlbar nach dem Orte des Brandes hin.

In der von Mörike unvollendet hinterlassenen Umarbeitung des Romans ist aus der etwas verschwommenen Gestalt des seltsamen jungen Mannes ein alter Soldat, ein Hauptmann des dreißigjährigen Krieges, geworden. Wir sehen, wie der Dichter selbst von der geheimnißvollen Macht seines Gebildes immer aufs neue angezogen wurde.

„Es ist eine hübsche Sage aus der hiesigen Altstadt,“ heißt es dort, „da ist ein altes weitläufiges Wirthshaus am Kornmarkt, wo gewöhnlich die Frachtfuhrleute herbergen. Es lehnt sich an einen alten runden Thurm, der zu dem Haus gehört und wohnbar ist. Darin saß zu den Zeiten des dreißigjährigen Krieges ein sonderbarer Kauz zur Miethe; man nannte ihn den tollen Kapitän. Er soll in einem kaiserlichen Regimente Hauptmann gewesen sein und sein Heimathrecht durch irgend ein Verbrechen verwirkt haben. Sein Schicksal machte ihn menschenscheu; mit niemand trat er in näheren Verkehr, ließ sich auch das ganze Jahr niemals auf der Straße blicken, außer wenn in der Stadt und Umgegend Feuer ausbrach; er witterte das jedesmal. Man sah ihn dann an seinem kleinen Fenster in einer rothen Mütze todtenblaß unruhig hin und wider gehen. Gleich mit dem ersten Feuerlärm, nicht selten auch wohl schon zuvor, und ehe man nur recht wußte, wo es brenne, kam er auf einem mageren Klepper unten aus dem Stall hervorgesprengt und jagte spornstreichs unfehlbar der Unglücksstätte zu.“

Der meisterhafte Zug, daß der Feuerreiter den Brand von fern empfindet und auf unerklärliche Weise von ihm angezogen wird, ist Mörikes Zuthat. Im übrigen gleicht sein Held ganz dem schwäbischen Baron. Als Helfer sprengt er herzu; aber nicht mit natürlichen Mitteln sucht er zu helfen: mit einem Spahn des Kreuzes Christi und mit Zaubersprüchen bekämpft er das Feuer. Das ist – wie aller Zauber, wie alles Besprechen – nach christlicher Lehre eine schwere Sünde; denn wenn sich der Beschwörer auch äußerlich von allem Heidenthum freihält, sein Unterfangen ist ein freventlicher Mißbrauch des göttlichen Namens und heiliger Symbole und Reliquien. Daher stürzt sich die Flamme auf den Besprecher und verzehrt ihn; daher fällt der Feuerreiter schließlich in des Teufels Gewalt und findet in den Gluthen seinen Tod.

Aber der Dichter will uns nicht unter dem Eindruck entlassen, als ob der seltsame Sünder damit auf ewig verdammt sei. Das tumultuarisch aufgeregte Gedicht klingt sanft und friedlich aus. In unzähligen Sagen sehen wir die Erlösung einer armen Seele an das Eintreten bestimmter Ereignisse geknüpft. So auch hier. Eines Tages findet der Müller in dem – offenbar vom Brand her verschütteten – Keller das Gerippe des Reiters auf dem Gerippe seines Rosses; wie es dahin kommt, bleibt das Geheimniß des göttlichen Gerichts. Er spricht es an, und es zerfällt in Asche. Das ist das Zeichen, daß die Seele erlöst ist. Am deutlichsten sagt es der Dichter in den Schlußworten der umgearbeiteten Ballade.

„Seele, du
Bist zur Ruh!
Droben rauscht die Mühle.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: E. A. Th. Hoffmann