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Textdaten
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Autor: Herbert König
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Titel: Ludwig Devrient und Hoffmann
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 664–667
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[664]
Ludwig Devrient und Hoffmann.

„Sie sind der Teufel, oder Ludwig Devrient – gestern Abend – Shylock – Sie werden mich wieder in’s Theater ziehen, das mich bis jetzt mit seinen Spielereien anekelte. Sie werden Geld kosten – viel Geld – denn Sie sind ein Künstler, den man viel sehen muß! Spott und Verachtung allen Künsteleien, – aber wer dem heiligen Berufe so mit allen Körper- und Geisteskräften lebt wie Sie, daß bei der höchsten Spannung der Seele auch der Körper angestrengt wird, daß zuletzt, und so wird’s bei Ihnen kommen, mit dem vollen Ausströmen der Akkorde auch der Geist mit ausgehaucht wird – der ist mein Mann. – Reichen Sie mir die Hand, ich bin Hoffmann.“ –

So redete der berühmte Dichter der „Nachtstücke,“ „der Serapionsbrüder“ etc., T. A. Hoffmann, in der ihm eigenthümlichen raschen herausgestoßenen Weise seinen gleich berühmten Zeitgenossen,

[665]
Die Gartenlaube (1856) b 665.jpg

Ludwig Devrient und E. T. A. Hoffmann.

Ludwig Devrient, nach der Vorstellung des Kaufmanns von Venedig, an – und von dieser Stunde umschlang ein Band der Freundschaft zwei Männer, welches nur der Tod zerreißen sollte. – Ludwig Devrient, der genialste Schauspieler Deutschlands, heute ein König, morgen ein Bettler, bald der arme Lorenz Kindlein mit dem weichen Gemüth, bald der furchtbare Richard, der tödtlichhassende Shylock, der wahnsinnige Lear, – schuf sich eine Welt auf den Brettern – und ein Königreich im menschlichen Herzen, welches er durch feine Kunst unbeschränkt beherrschte, in allen Fibern beben und erzittern ließ, und in einem Augenblicke zum Weinen oder Lachen brachte.

Die tragische, wie die komische Muse hielten gleichen Schritt mit seinem Genius – er war zum Schauspieler geboren, wie Rafael zum Maler, Shakespeare zum Dichter. Er gehörte nicht zu den sogenannten denkenden Schauspielern unserer Tage, welche den Mangel an Darstellungskraft und Beruf durch erkünsteltes Studium und kleinliche Detailmalerei zu übertünchen suchen, er schaffte aus dem Ganzen und Vollen, begabt mit dem Götterfunken des Genies und einer fast dämonischen Schöpferkraft.

Kein Wunder, daß sich dieser, man möchte fast sagen, in ihrer Art unbändigen Natur, die ihr verwandte eines Hoffmann anschließen [666] mußte, dessen Phantasie in den Regionen einer düstern Geisterwelt schwelgte, den immer Ahnungen geheimer Schrecknisse verfolgten, die in sein Leben treten würden, der Doppelgänger und Schauergestalten aller Gattungen wirklich um sich sah, wenn er sie schrieb, und deshalb so ergreifend wahr in seinen Schilderungen wirkt, weil er identisch mit ihnen wurde.

Während dieser an seine Spukgestalten glaubte und eine sich marternde Einbildungskraft ihn zerstörte – klagte Jener über die fieberhafte Glut, die sein Leben so schnell aufrieb.

„Wir Beide, Hoffmann, kranken an einer Wunde,“ sagte einst Devrient in einer fast schrecklichen Aufregung – „uns haben sie in’s Hirn gehauen.“

„Oder in’s Herz,“ fügte der Leidensgefährte leise hinzu und mochte dabei jenes Verhältnisses gedenken, das seines Mißverhältnisses wegen die Blüthe seiner Jugendkraft für immer abgestreift hatte – dem er zwar die vertraute Bekanntschaft mit der Tiefe des menschlichen Herzens verdankte – aber auch jene Zerrissenheit seiner Seele, deren Spuren bis an seinen Tod noch kenntlich waren. [1]

Hoffmann, der zu Berlin als Kammergerichtsrath starb, und dem seine Freunde ein Denkmal setzten, auf dem zu lesen: „Ausgezeichnet im Amte, als Dichter, als Tondichter und Maler“ – der nach und nach im Zerfall mit sich selbst sich einer ungewöhnlichen Lustigkeit hingab, die fast in’s Possenhafte ausartete – der wenige Zeit vor seinem Scheiden dem eintretenden Freunde Hitzig zurief, als ihm zur Heilung der Rückenmarksschwindsucht das Rückgrat gebrannt war: „Riechen Sie nicht noch den Bratengeruch?“ diese Chamäleons-Natur, genannt Hoffmann, in dessen Brust, mehr als in der jedes andern Menschen, zwei Seelen wohnten, von denen die eine dem Himmel zuflog, die andere, mit „herber Liebeslust“ an der Erde hing, der ferner wenig Notiz davon nahm, als die unglückliche Schlacht bei Jena mit tödtlichen Streichen sein Vaterland traf, aber bei dem Tode seines berühmten Katers „Murr“ Thränen des tiefsten Schmerzes vergießen konnte, – ihn wollen wir auch kennen lernen in seinem Lebenselemente, in der Weinstube – wo er mit seinem Freunde und Zeitgenossen Ludwig bis spät nach Mitternacht bei schäumendem Champagner saß, umgeben von einem Kreise staunender Hörer und begeisterter Bewunderer.

Während der Wein im Glase seine Perlen warf, sprudelten diese beiden engverschwisterten Naturen ihren Geist hervor und entluden die elektrischen Funken ihres Witzes in gegenseitiger Berührung. Dort, in jener Ecke, welche noch heute mit seinem Bildnisse geziert ist, saß – es sind kaum vierunddreißig Jahre her – der geniale Schauspieler mit dem scharfgezeichneten Gesicht, das in seiner dunkeln Färbung und in seinem kühnen Schnitt den südlichen Franzosen nicht verleugnen konnte. Mit den feuerwerfenden Augen hing er an den nervös zuckenden Lippen Hoffmann’s, der irgend ein keckes Capricio seiner Erfindung oder eine skurile Erzählung zum Besten gab. Dann ließ Devrient aus der tiefen Brust sein hohles Lachen ertönen, oder er warf eine kühne Bemerkung dazwischen, schneidend wie ein greller Blitz. Arm in Arm schritten die Freunde oft mit Morgengrauen erst aus der Weinstube auf die Straße, wo Hoffmann dann immer über den Teufel klagte, „der seinen verfluchten Schwanz auf Alles legte“ – und Devrient dabei schwere Seufzer ausstieß, oft so kläglich und schmerzlich, daß eines Nachts der Wächter um Hülfe schrie – glaubend – ein Gespenst müsse in der Nähe sein.

In Hoffmann’s Tagebuche ist wiederholt zu lesen: „Abends mit Mühe heraufgeschraubt durch Wein und Punsch“ – und gleichsam sich selbst tröstend und entschuldigend setzt er dann gewöhnlich hinzu: „Wenn ich mich selbst fantasmatisire, – so hat Niemand was drein zu reden.“ – Nicht ohne schmerzliche Berührung können wir dies Geständniß eines sonst so ausgezeichneten, glänzenden Geistes vernehmen – besonders als der Dichter später, auf dem Sterbebette, tief sein wüstes Leben beklagte und in die Hände seines Freundes feierlichst gelobte: ein anderes Leben zu führen, sobald ihn Gott noch einmal errette. Sein Wunsch ging ihm nicht in Erfüllung, ihm, der „nur leben, leben wollte – sei es unter welcher Bedingung“ – der sich zuletzt fast verzweiflungsvoll an ein Dasein klammerte, das, wie er tief genug fühlte, er durch eigene Schuld so umdüstert hatte.

Die Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin, an der Ecke des Gensd’armenmarktes und der französischen Straße, noch heute berühmt durch ihre beiden Stammgäste Ludwig Devrient und Hoffmann, war leider der Ort, wo die beiden Geister nicht allein sich gegenseitig entzündeten und mit einander im edelsten Wettstreite aufflackerten – er war auch Ursache und Zeuge ihres allmäligen Sinkens. Er sah oft zwei Männer mit geisterbleichen, abgespannten und todtmüden Gesichtern einander gegenüber sitzen und sich anstarren mit dunkeln Vorahnungen von einem Geschick, das selbst hervorgerufen, sie am Ende doch noch erreichen müsse. Dann preßte der Eine die schmalen dünnen Lippen zusammen und trommelt auf dem Tische, als könnte er dadurch die Mahnung des eigenen Gewissens verscheuchen, während der Andere in seinen schwarzen Locken wühlte, wobei der Brust sich jene unheimlichen Seufzer entrangen, die genau denen glichen, womit er als Geist im Hamlet die Zuschauer bis in’s innerste Mark erschütterte.

Die Art und Weise, wie sich Hoffmann über Ludwig Devrient’s Leistungen nach der Vorstellung äußerte, war sehr lakonischer Art; er kniff ihn jedesmal in die Seite, wenn er mit ihm zufrieden war – leiser bei einer minder vorzüglichen Rolle – stärker und stärker, je mehr ihm diese behagt hatte. Erhielt Devrient von ihm einen Knuff, daß er bald vom Stuhle fiel, so war dies seine höchste Wonne, und er zog dann die gewaltigen Brauen so hoch in die Höhe, „als ob der Stirnknochen mitgehen sollte.“

Ludwig Devrient war zum ersten Male als Lear aufgetreten. Eine Schaar von Gästen erwartete nach der Vorstellung den Künstler in der genannten Weinstube. Hoffmann saß bereits in seiner Ecke, und hatte mit besonderer Aufmerksamkeit einen Stuhl umgelehnt. Er schien heute düsterer und schweigsamer als je, und kritzelte nur mit dem Bleistifte auf der Speisekarte umher – sonst saß er regungslos wie eine Bildsäule. So oft einer der Anwesenden zu ihm trat, und ihn mit Fragen um sein Urtheil über Devrient’s Lear bestürmte, blickte er kaum auf – ein tiefer Zug aus dem Glase war die einzige Antwort. Hoffmann war in seiner angegriffenen Stimmung, wie immer, wenn er etwas Außerordentliches erlebt hatte.

Die Thür öffnete sich, und herein trat ein Mann, fast bis über die Ohren in einen Pelz gehüllt, den Hut tief in der Stirn. Instinktmäßig geht er auf den umgelehnten Stuhl zu, nickt still gegen Hoffmann, winkt dem Kellner, der mit der bewußten Flasche Sekt herbeieilt, und sie so geräuschlos als möglich entpfropfend, vor ihn hinstellt. Devrient, denn nur Devrient mit dem weit aufgerissenen Auge und der Adlernase kann jener Mann sein, wird jetzt vom Kellner seines Mantels entledigt, und wir sehen ein Gesicht, auf dessen Zügen noch der Wahnsinn Lear’s unvertilgbar geschrieben zu stehen scheint. Noch glaubt man Thränen zu sehen in dem Auge, das weinte über den Undank der Kinder; noch scheint auf den bleichen Lippen der Fluch über Goneril und Negan zu schweben, oder noch scheint dieser Mund verzweiflungsvoll zu klagen über das liebste Kind, Cordelia, die „niemals, niemals, niemals wiederkehrt.“

Fast wehmüthig blickt der Künstler auf seinen Freund, der ihn nur still, durch sein bekanntes kurzes Kopfnicken grüßt, während ihm von allen übrigen Seiten die begeistertsten Lobessprüche aufgedrungen werden. Doch auf diese hat Devrient nur sein verlegenes Lächeln zu erwiedern, mit dem er so gern auswich, und das ihm den Anstrich eines ängstlichen Kindes gab, das scheu und sorgsam die Menge flieht, und dem Wesen dieses außerordentlichen Mannes beinahe zur andern Natur geworden war.

Ueber eine Stunde haben die Beiden schweigsam nebeneinander gesessen – Jedem liegt ein Alp auf der Brust – die Gäste haben sich fast alle entfernt – der „Leibkellner“ nimmt bereits seinen „Wachtstuhl“ am Ofen ein – da – auf einmal schreit Devrient, hoch vom Stuhle fahrend, laut auf – er hat den fürchterlichsten Stoß von Hoffmann in die Rippen bekommen. Hoffmann ist also außerordentlich mit seinem Lear zufrieden, und dankerfüllt sinkt der Künstler dem Freunde an die Brust.

„Sehen Sie, Hoffmann,“ fängt er nun erleichterten Herzens an, „die Kerls (auf die abgegangenen Gäste deutend), die können, schwatzen, was sie wollen – aber der Knuff hat mir wohlgethan. Die dümmsten Stellen haben sie heute applaudirt, und das leidlich Gute ging spurlos vorüber. Verrückt könnte man werden!“

„Sie haben zehn Teufel im Leibe!“ läßt sich nun Hoffmann aus.

„Aber Freund, ohne Teufel ist auch nichts. Der Teufel im Leibe gibt uns Schauspielern die Verwegenheit, ohne die keine Darstellung [667] stellung möglich. Sehen Sie, ich weiß recht gut, wann und wo ich packe, wann ich in dem Herzen des Publikums mit einer wahren Wollust wühle. Ich kenne die Todtenstille recht gut, wenn der Athem stockt und das Haar sich auf dem Kopfe sträubt, und wenn die Damen nach dem Riechfläschchen greifen. Und das mache ich mit meinem Teufel. Schwitzen müssen die Bestien – schwitzen, sonst ist mit der todtkalten Masse Nichts zu machen!“

„Neben mir saß ein Mensch,“ erzählte Hoffmann wieder, „eine Art Färber oder Hutmacher, denn er hatte an allen zehn Fingern blaue Nägel, dem liefen die Thränen immer an der Weste herunter, und vertraulich flüsterte er mir zu: ach, der gute Herr Devrient muß doch viel ausgestanden haben in seinem Leben, das sieht man. So verwirrte Ihre Darstellung dem armen Teufel die Begriffe. Das ist das beste Publikum,“ setzte Hoffmann sehr nachdrücklich hinzu, denn er hatte bereits angefangen, zu fantasmatisiren, „nicht in den Ranglogen, im Parterre, auf der Gallerie wächst’s!“

Und nun begann wechselseitig bald eine Analyse über gutes und schlechtes Publikum, über Lear, über Theorie und Praxis, über die „Wisser und Macher“ – und immer, standen die beiden Geister sich anfangs noch so heterogen gegenüber, zuletzt trafen sie in einem Punkte zusammen, und schüttelten sich dann die Hände, und stießen auf den „geistigen Rapport“ an.

An der Stelle, wo jetzt Devrient’s Portrait prangt, sah man damals den Kopf eines Engels, den die beiden Freunde „ihren Genius“ zu nennen pflegten.

Wenn die Geisterstunde sie noch beisammen fand, wie dies wohl Tag aus, Tag ein geschah, erhob gewöhnlich Hoffmann drohend den Finger gegen Devrient und sagte sehr bedeutsam: „Der Genius mahnt!“ Devrient nickte dann stillschweigend mit dem Kopfe, machte einen schwachen Versuch, aufzustehen, Hoffmann zog dabei die Uhr zehnmal heraus, aber trotz des mahnenden Genius, Keiner von ihnen hatte die Kraft, aufzubrechen. Ja, oft fanden sie sich noch beim Glase, wenn schon das unheimliche Dämmerlicht der ersten Morgenröthe durch die Gardinen brach. Dann erhoben sie sich, und verließen, ermattet und abgespannt von den Ausbrüchen ihrer wildesten Phantasieen, schweigend die Stube.

Draußen aber, auf’s Neue belebt durch die scharfe Luft, die ihre Schläfe umwehte und die fieberheißen Stirnen kühlte, hatten die Geister noch keine Ruhe; und sah man an der Ecke des Gensd’armenmarktes im Dunkel der Nacht oder im Grau den Morgennebels zwei heftig gestikulirende Gestalten, so konnte man wetten: es seien die des Serapionsbruders Hoffmann mit der zerstörten Seele, und des Teufels Devrient mit dem weichen Kinderherzen in der Brust.

H. K–ö–g.



  1. Deutet auf ein unglückliches Liebesverhältniß in Königsberg.
    Anmerk. d. Redaktion.