Lithauische Märchen IV

Textdaten
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Autor: Fr. Richter
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Titel: Lithauische Märchen IV
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aus: Zeitschrift für Volkskunde, 1. Jahrgang, S. 355–358
Herausgeber: Edmund Veckenstedt
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Alfred Dörffel
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google-USA*, Commons
Kurzbeschreibung:
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[355]
Lithauische Märchen.
Von
Fr. RICHTER.
1. Die beiden feindlichen Apfelbäume und die fetten und mageren Schafe.


Einstmals zog ein junger Mann in die Fremde, um zu sehen, wie es dort zugehe. Da der junge Mann gutmütig und dazu reich war, so lud er unterwegs oftmals, wenn er in ein gutes Wirtshaus gekommen war, Leute zu sich und bewirtete sie reichlich. So war denn auch eines Tages ein alter Bettler, welcher ihm wegen seines freundlichen Aussehens gefallen hatte, sein Gast gewesen.

Nach der Mahlzeit bedankte sich der alte Bettler freundlich bei seinem Gastgeber und nahm demselben das Versprechen ab, wenn er ihn einmal einladen würde, dass er der Einladung folgen wolle. Die Botschaft werde er schon verstehen, wenn sie auch ein anderer Bote, als die gewöhnlichen wären, überbringe.

Seit der Zeit waren zwei Jahre vergangen, der junge Mann hatte viel gesehen und erfahren und war dadurch sehr klug geworden. Da kam eines Tages ein Hündchen gelaufen, welches gar zutraulich und lieb zu ihm war. Es beleckte ihm die Hände und sah ihn mit klugen Augen an. Der junge Mann merkte daran, dass der Hund der Botschafter des Bettlers sei. Deshalb machte er sich sogleich auf, demselben zu folgen. Der Hund lief zunächst auf dem Wege eine Strecke geradeaus, dann bog er in einen Wald ein. Im Walde sah der junge Mann zwei Obstbäume, welche sich gegenüberstanden und wütend aufeinander losschlugen; Blätter und Blüten, junge Früchte und losgerissene Zweige stoben nur so zur Erde nieder.

Nachdem beide den Wald hinter sich hatten, führte der Hund seinen Begleiter an einen steilen Felsen vorbei. Oben auf dem kahlen Felsen weidete eine Herde von Schafen, welche lustig und guter Dinge waren, trotzdem sie ganz mager aussahen und kärgliches Futter fanden. Unfern von dem Felsen sah der junge Mann eine Wiese, auf welcher das schönste Futter von der Welt stand. Die Schafe auf derselben waren dick und fett und doch sahen sie traurig aus und liessen die Köpfe hängen Darauf führte das Hündchen den jungen Mann zu einer Hütte neben der Wiese. Aus der Hütte trat der Bettler seinem früheren Gastgeber entgegen und empfing denselben mit herzlichem Danke, dass er seiner Einladung gefolgt sei.

[356] Nachdem er den jungen Mann reichlich bewirtet hatte, fragte er ihn: „Hast Du nicht am Wege gesehen, was Dir aufgefallen ist“ „Das wohl“, erwiderte der junge Mann: „ich sah zwei Obstbäume, die aufeinander losschlugen, dass Blätter und Blüten, Früchte und Zweige zur Erde fielen. Dann sah ich Schafe auf einem Felsen, welche lustig und guter Dinge waren, trotz ihrer mageren Weide, und andere Schafe auf einer Wiese voll des besten Futters; diese liessen aber die Köpfe hängen.“

Da nahm der Alte das Wort und sprach: „Die zwei Obstbäume, das sind zwei angesehene Gastwirte in Deinem Dorfe. Sie hadern und streiten unausgesetzt miteinander und verlieren dabei das Ihre. Die fetten Schafe auf der guten Weide, welche traurig sind, das sind die Reichen, die alles im Überfluss haben und doch ihres Lebens nicht froh werden. Die mageren Schafe auf den kahlen Felsen, die so fröhlich sind, das sind wir Armen. Wir haben wenig und bedürfen wenig, aber Gott hat uns Gesundheit und ein fröhliches Herz geschenkt. Wenn du heim kommst, so bewahre alles, was Du geschen hast, in treuem Herzen und es wird Dir auf Erden und im Himmel wohler ergehen als manchem Könige “

Der junge Mann zog nun wieder in seine Heimat zurück. Er hatte Lust an der Arbeit: alles, was er anfing, gedieh ihm so, dass er bald steinreich hätte werden können. Aber er beachtete das, was er gesehen und erfahren hatte. Von seinem Überfluss schenkte er den Armen und ward von den Menschen geliebt, bis ihn ein sanfter Tod in den Himmel führte.


2. Die drei Wünsche.

Eines Tages sassen drei Schwestern in einer Hütte und webten. Da sagte die eine: „Ich würde so lange weben, bis ich die ganze Welt bekleidet hätte, wenn ich alsdann einen Königssohn zum Gemahl bekäme.“ Die andere sagte: „Ich würde dann so viel kochen, bis ich alle Welt zu einem Tanzvergnügen einladen und dabei bewirten könnte.“ Die dritte und jüngste aber sprach: „Ich möchte am liebsten einen Sohn haben, welcher dem Könige treu diente und der Tapferste im ganzen Lande wäre.“

Kaum hatten sie diese Worte gesprochen, so trat der junge König des Landes in die niedrige Bauernhütte und sprach zu den Mädchen: „Ich habe draussen gehört, was ihr geredet habt. Der Wunsch derjenigen soll erfüllt werden, welche zuletzt gesprochen hat, denn ich werde sie zu meiner Gemahlin erheben. Die andern beiden aber mögen mit uns kommen und in meinem Schlosse kochen und weben, soviel sie wollen.“

Nach diesen Worten fasste der junge König seine Erwählte an die Hand und führte sie in Begleitung ihrer beiden Schwestern zu seinem Wagen. Darauf fuhren alle vier zum Schlosse. Die Hochzeit wurde mit grosser Pracht gefeiert und das junge Paar lebte überaus glücklich.

Es mochte seit der Hochzeit ungefähr ein Jahr vergangen sein, da brach der Krieg aus und der König sah sich gezwungen, mit seinem Heere dem Feinde entgegenzuziehen. In der Zeit seiner Abwesenheit beschenkte ihn seine Gemahlin mit einem Sohne, der gleich nach seiner

[357] Geburt so gross und so kräftig war, wie sonst kaum die Kinder von zehn Jahren sind. Die Königin war hoch erfreut über dieses Ereignis und meldete es sofort ihrem Gemahl. Auch der König freute sich sehr, als er die Botschaft erhielt. Da sein Sohn schon bei seiner Geburt so ungewöhnlich stark war, so vermutete er, dass derselbe zu etwas Ungewöhnlichem bestimmt sei. Deshalb liess er seiner Gemahlin sagen, dieselbe möchte seinen Sohn sofort zu ihm senden. Es erging nämlich dem König in den Kämpfen nicht besonders gut und er hoffte auf Hülfe von ihm.

Die Königin liess ihren Sohn sofort schöne Kleider anziehen und wollte ihn zu seinem Vater senden, allein die beiden Schwestern wussten das Vorhaben zu verhindern. Sie sagten nämlich, es wäre für ein Kind, welches eben geboren sei, sehr gefährlich, dasselbe eine so weite Reise machen zu lassen. Heimlich aber führten sie ein böses Vorhaben durch, um ihre jüngste Schwester zu verderben, denn sie beneideten dieselbe um ihr Glück. Die eine von den Schwestern webte nämlich ein kleines Gewand, dann liess sie einen grossen Frosch fangen, zog diesem die kostbare Kleidung ihres Neffen an, that denselben in ein Glas und sandte ihn zum Könige mit der Meldung, das sei sein Sohn. Der König war ergrimmt, als er den Frosch sah. In seiner Wut gab er den Befehl, man solle seine Gemahlin in das Wasser werfen, denn sie habe ihn schmählich betrogen.

Die Boten brachten die Meldung zurück. Alsobald liessen die Schwestern eine grosse Tonne herrichten und die junge Königin mit ihrem Sohne hineinsetzen. Darauf wurde die Tonne geschlossen und verpicht und dann in das Meer geworfen. Nachdem sie einige Wochen auf dem Wasser herumgetrieben war, wurde sie von den Wellen wieder an das Land gespült. Der Sohn der Königin war in der Zeit so herangewachsen, dass er die Tonne mit leichter Mühe zerbrach. Darauf ging er mit seiner Mutter von dannen und suchte wieder zu Menschen zu kommen. Indem sah er, wie ein Fuchs einen Hasen verfolgte. Schnell griff er nach einem Steine und warf damit nach dem Fuchs. Der Wurf war so kräftig gewesen, dass der Fuchs sofort umfiel und tot war. Alsobald geschah etwas Seltsames. Da nämlich, wo soeben noch das Meer gewogt hatte, war das Wasser verschwunden und eine Stadt erhob sich mit Kirchen und Türmen. In den Strassen war ein lebhaftes Getriebe und viele Menschen bewegten sich darin. Der Hase kam auf seinen Retter zu und erzählte diesem, dass der Fuchs ein Zauberer gewesen sei, welcher die Stadt mit ihren Bewohnern in Wasser verwandelt habe. Er hätte auch ihm nach dem Leben getrachte. Er sei verzaubert, doch sei die Zeit seiner Erlösung nicht mehr fern. Wenn er künftig etwas zu wissen wünsche, so möge er nur zu dieser Stelle zurückkommen, dann werde er alles erfahren. Darauf verschwand der Hase.

Der junge Königssohn ging mit seiner Mutter in die Stadt. Hier wurde er mit lautem Jubel empfangen und zum Könige ausgerufen, denn er hatte ja allen die Erlösung gebracht.

Nachdem einige Zeit vergangen war, ging der junge König zu der Stelle, wo er den Hasen gesprochen hatte, denn er war begierig zu [358] wissen, was in der Welt vorging. Der Hase erschien auch sofort und erzählte dem jungen Könige, sein Vater habe den Krieg glücklich beendet und seine Tante habe so viel gewebt, dass sie glaube, sie könne damit die ganze Welt bekleiden. Sie habe überallhin Boten gesandt, welche die Leute zählen sollten. Wenn ihr Gewebe zureiche, so werde sich der König mit ihr vermählen

Wiederum nach einiger Zeit begab sich der junge König zum Hasen und fragte ihn, was in der Welt vorgehe. Der Hase sagte: „Deiner Tante ist es gelungen, die ganze Welt zu bekleiden; morgen soll die Hochzeit sein.“ Der junge König wurde darüber ungehalten, zog mit einem Teile seiner Leute zu der Tante, welche ihn aber nicht kannte, und forderte für sich und seine Begleiter Kleidung. Da die Tante kein Gewebe mehr besass, so musste sie wieder an ihren Webstuhl, aus der Hochzeit aber wurde nichts. Der junge König zog mit seinen Leuten wieder nach Hause.

Einige Zeit darauf ging der junge König von neuem zum Hasen und fragte ihn, ob sich Wichtiges in der Welt zugetragen habe. Der Hase erzählte ihm: „Deine Tante, welche der König heiraten will, wenn sie so viel gekocht hat, dass sie alle Welt auf einem Tanzvergnügen bewirten kann, schickt überallhin Boten mit Einladungen, denn sie glaubt, dass sie jetzt genug Speisen gekocht hat.“

Der junge König beschloss, sich mit allen seinen Leuten bei dem Mahle einzufinden. So kam es, dass die Speisen nicht zulangten und aus der Hochzeit nichts werden konnte. Auch diesmal hatte sich der junge König nicht zu erkennen gegeben, sondern war ruhig in sein Reich zurückgekehrt.

Hier lebte er zufrieden und glücklich bei seiner Mutter. Allein diese wünschte, dass sich ihr Sohn vermählen möchte, aber nur mit einem jungen Mädchen, welches durch seine Schönheit alle anderen Jungfrauen überträfe und goldene Augen und silberne Haare habe.

Der junge König fand keine Jungfrau, welche den Wünschen seiner Mutter entsprach. Deshalb ging er eines Tages betrübt zu dem Hasen und klagte diesem sein Leid. Der Hase sagte: „Da werde ich Dir helfen können.“ Nach diesen Worten überschlug sich der Hase, für den endlich die Zeit der Erlösung gekommen war, dreimal, darauf stand eine Jungfrau von wunderbarer Schönheit, mit goldenen Augen und silbernem Haar vor dem erstaunten König. Erfreut führte dieser die holde Jungfrau zu seiner Mutter. Am folgenden Tage wurde die Hochzeit mit grosser Pracht gefeiert.

Nun aber sehnte sich auch die Mutter des Königs zurück nach ihrem Gemahl. Der junge König zog mit seiner schönen, jungen Gemahlin und Mutter zu seinem Vater und erzählte ihm alle Vorgänge. Die Freude des Königs war gross, als er seine Gemahlin wiedersah und ihre Unschuld erfuhr. Die Königin verzieh ihren beiden Schwestern den Betrug, welchen diese ihr gespielt hatten, denn schliesslich war doch alles noch gut gegangen.

Nach dem Tode seines Vaters übernahm der junge König die Regierung über beide Reiche und war fortan der mächtigste Herrscher in allen Landen.

Anmerkungen (Wikisource)Bearbeiten

Die Märchen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:

  1. Die beiden feindlichen Apfelbäume und die fetten und mageren Schafe
  2. Die drei Wünsche