Literat und Maler

Textdaten
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Autor: Theodor Drobisch
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Titel: Literat und Maler
Untertitel: oder: So werden Berichte und Illustrationen gemacht
aus: Der Nürnberger Trichter, Nr. 9, S. 33–34
Herausgeber: Eduard Kauffer
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1848
Verlag: Friedrich Campe
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Fränkische Blätter nebst dem Beiblatt Der Nürnberger Trichter.djvu
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Literat und Maler
oder:
So werden Berichte und Illustrationen gemacht.

„Hurrah! es ist in diesen Tagen zu X. ein großes Fest, die National-Oekonomen kommen zusammen, große Reden, Festzüge, geschmückte Tribunen und Buden, Tanzplätze und dergleichen mehr. Hurrah! das giebt einen guten Artikel mit köstlichen Illustrationen für unser Blatt.“

So rief der Verleger einer Zeitschrift. Sein Compagnon stimmte bei und es wurde ein Schriftsteller ausersehen, der in Begleitung zweier Maler sich an Ort und Stelle begeben sollte.

„Literat, spitze die Ohren, damit Dir kein Toast entgeht, sei überall, damit das Fest genau beschrieben werde. Ihr Männer der Zeichnenkunst, nehmt an Ort und Stelle das Fest auf, vergeßt kein Fähnlein auf der Bratwurstbude, keine Guirlande.“

Literat und Maler schwören bei ihren Bärten, Alles pünktlich zu erfüllen. – „Hier, der Dampfwagen bringt Euch in einer Stunde hinüber. Damit Jeder überall Zutritt, damit alle Thüren geöffnet, empfange der Mann zehn Thaler.“

Das war ein Wort. Die Männer von Feder und Pinsel, alle Drei Lebemänner erster Sorte, sie rutschen mit dem Dampfwagen ab. – Ach! welch ein Leben, welch eine Lust! – Geld in der Tasche, Vergnügung auf Regimentsunkosten.

Augenblicklich werden Billets zur Tafel gelöst und als dies geschehen, Anstalt zu einem Frühstück gemacht. – Na, das war ein Frühstück! Jeder ziemlich zwei Flaschen Wein, dazu hitzige Rede, Streit mit der Umgebung, Gesang, die Köpfe sind schwer, und als oben im großen Zelt die Trompete zur Tafel ruft, da ruhen Literat und Maler „im Schatten kühler Denkungsart“ und erwachen erst gegen vier Uhr.

„Sapperment! die Sonne steht hoch, wir – müssen ja zur Tafel! – Wo – sind denn – die Billets?“

Alle Drei wanken nach dem Zelt, begleitet von einem fürchterlichen Katzenjammer.

Festrede? Toast? – Alles vorüber; hier und da springt zwar noch ein Champagnerkork und die Rede ist Schafzucht, Kleesamen-Dreschen, Kuhstall-Erörterungen, Disputationen über Pferde u. s. w.

Die Maler suchen den Stand der Tafel aufzufassen; ja, da sind schon mehre Tische bei Seite geschoben, denn es soll bald getanzt werden. – Und der Literat? Ohren hat er, um die Reden zu fassen, denn das Format dazu ist höchst günstig, aber die Toaste sind verklungen.

Jetzt schnell hinaus auf die Wiese, das Volksfest hat schon seinen Anfang genommen. Einer der Maler macht [34] sich hier etwas üppig, es entsteht ein kleiner Auflauf, es wird Spektakel, Krawall, daß Stöcke und Hände rührig werden. Der Herr Gensdarme kommt dazu und bittet sich das Herrchen aus. Der Maler wird mit der Addresse: „Ruhestörer“ couvertirt und auf mehre Stunden beigesteckt. – Hier hat er Muße, zu zeichnen, das Freilogis ist aber ein Behältniß, wo, wie Geßler in „Wilhelm Tell“ sagt: „weder Mond noch Sonne ihn bescheint.“

Und seine zwei Mitreisenden? – Diese sitzen wieder bei der Weinflasche. – Der Ball beginnt. Diesen soll der Herr Maler aufnehmen, getreu nach der Natur, er soll die Vorsteher ganz genau besehen, ob sie dick oder mager, lang oder kurz sind; er soll sogar die Musikanten auf dem Orchester zählen.

Ja! der gute Wille war da, sogar ein Paar neue Glacéhandschuhe, welche der Herr Verleger noch extra geliefert. – Eben will er mit dem Herrn Schriftsteller den Saal betreten, da öffnet sich eine Thür und – Fortuna! Fortuna! – Göttin des Glückes, du winkst nicht vergebens! – Ha! da stehen Hunderte um den grünen Tisch. – „Bruder, ein Bänkchen! Was meinst Du, man muß dem Glücke die Hand bieten.“

Hinein! Das Pharospiel ist im vollen Gange. Der Maler setzt, der Literat setzt. Eine Karte nach der andern schlägt fehl. Das Geld ist weg, verloren, bis auf den letzten Groschen.

Da kommt der Dritte, den die Polizei wieder in Gnaden entlassen. Hurrah! der hat noch Geld. – Geld? Zwei Thaler sechzehn Groschen Strafe hat er zahlen müssen; ihm sind jedoch noch drei Thaler geblieben, mit diesem Gelde wandern sie in ihren Gasthof zurück und vertrinken aus Aerger noch den letzten Rest.

Früh um zehn Uhr erwacht die Trias aus langem tiefem Schlummer. – „Jetzt müssen wir anfangen,“ krächzt Einer der Künstler, „sonst – kommen wir in Teufels Küche.“ – Er läuft mit seinem Collegen nach der Festhalle. Beide rührt vor Schreck beinah der Schlag. Das Fest ist vorüber, die Halle fast schon niedergerissen, nur die Balken liegen noch da.

„Wo ist der große Ochse hin, der 3000 Pfund wiegt? Der Verleger will schon zur nächsten Nummer den größten deutschen Ochsen haben, und dieser, meine Brüder, hat uns Ade gesagt, hat sich gedrückt, so ganz in der Stille.“

„Immerhin, es war ein pommerscher Ochse, ich liefere einen Phantasie-Ochsen.“

Der Verleger wollte auch ein paar große Schase in sein Blatt haben. Wo sind sie? – Verschwunden. Schadet nichts, gar nichts. Die Maler bringen dem Verleger auch ein paar Schafe mit, Schafe mit großen Hörnern.

„Aber die Comitémitglieder? Wir sollten wo möglich Portrait-Aehnlichkeit in die Sache bringen.“

„Ach, was Aehnlichkeit! Wir machen Jedem einen dicken Bauch und ein Vollmondsgesicht. In solchen fetten Zeiten giebt’s gar keine magern Oekonomen.“

„Aber das Festessen, der Ball.“

„Auch dafür ist gesorgt. Wir nehmen den vorigen Jahrgang der Zeitschrift und zeichnen das Festessen der Philologen ab.“

„Philologen und Schafzüchter?“

„Bleibt sich gleich.“

„Aber der Ball?“

„Der Ball? Wart’, Freund! der macht uns auch keine Beschwerden. Im vorigen Jahrgang ist ein Ball dargestellt, der in Z. zum Besten einer Kleinkinder-Bewahr-Anstalt gegeben wurde, dieser hilft aus der Klemme.“

Die Maler waren in’s Reine. Jetzt kommt aber der Literat an die Reihe. Dieser saß da, wie dereinst die Kinder Israels an den Weidenbächen Babylons; er machte ein Gesicht wie ein Färber, dem das Indigofaß übergelaufen.

Er nahm eine Feder und entwarf die Festrede. Als diese skizzirt, wurden Toaste gedrechselt. – Um die Sache recht wahrscheinlich zu machen, wendete er sich an einen jungen Mann, der von Anfang bis zu Ende dem Feste beigewohnt. Dieser nannte ihm die Namen der Sprecher und bemerkte noch beiläufig, daß Einer Namens so und so einen Toast ausgebracht, worin er das Rindvieh habe leben lassen. – Der Literat schrieb, als diktire ihm der heilige Geist.

Nachdem die Gesandten der mit Illustrationen versehenen Zeitung sich noch weidlich restaurirt, ging es mit Dampf zurück. – Nach Verlauf von vierzehn Tagen erschien die Beschreibung des Festes nebst den Abbildungen. Den Zeichnern wurden ihre Sünden vergeben, aber der Text, die Beschreibung all der Herrlichkeiten, hier hieß es: erlöse uns von dem Uebel!

Na! der Literat kam schön in die Patsche. Der junge Mann, der ihm die Namen der Redner genannt, war Monsieur Schabernack; er hatte ihm Männer aufgezeichnet, die so zu sagen nicht Drei zählen konnten, Männer, Oekonomen, Landwirthe, die zum Redner eben so viel Talent hatten, wie der Elephant zum Eiertanze.

Freilich merkten dies nur diejenigen, die am Feste in der Halle Theil genommen. Auswärtige Leser starrten aber mit Verwunderung Text und Abbildungen an und freuten sich über die Schafe und den großen Ochsen in der illustrirten Zeitung.

Theodor Drobisch.