Leipzigs Kaiserfestschmuck

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Titel: Leipzigs Kaiserfestschmuck
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 642
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[635]
Die Gartenlaube (1876) b 635.jpg

Die beiden Triumphbögen auf dem Augustusplatz in Leipzig.
Nach der Natur aufgenommen von H. Heubner.

[638]
Die Gartenlaube (1876) b 638.jpg

Die Decorationen des südlichen Augustusplatzes in Leipzig während der Kaisertage.
Nach der Natur aufgenommen von Arthur Langhammer.

[642] Leipzigs Kaiserfestschmuck. (Mit Abbildungen auf Seite 635, 638 und 639). Als die Nachricht, daß der deutsche Kaiser die Parade und das Manöver des sächsischen Armeecorps in der Nähe von Leipzig abhalten und bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal als des Königs Gast die Stadt besuchen werde, sich bestätigte, beschlossen Rath und Stadtverordnete, dieselbe zu einem Empfange zuzurüsten, wie er der gefeierten Gäste und der Stadt Leipzig würdig sei.

Zu diesem Behufe wurde der Leipziger Architektenverein beauftragt, eine Decoration zu schaffen, die ihren Anfang auf dem Königsplatz nehmen, das Rathhaus bedenken, auf dem Augustusplatz ihre höchste Steigerung erfahren und in der Nähe des königlichen Palais an der Goethestraße ihren Abschluß finden solle. Das Comité, welches zur Prüfung der in Folge einer Concurrenzaufforderung des Architektenvereins eingelaufenen Pläne niedergesetzt war, entschied für den Plan des Bauraths Lipsius, des Erbauers unseres großartigen „Neuen Johannisstifts“ und vieler anderer der neuesten Prachtbauten in und um Leipzig.

Lipsius’ Plan zeichnet sich vor den üblichen Festdecorationen ganz besonders durch seine künstlerische Einheit und Mannigfaltigkeit aus, die dadurch so trefflich gewahrt und gewährt wurde, daß die Decorationsbauten sich möglichst frei von demjenigen Schmucke hielten, welcher die Straßen auszeichnen mußte: wie an den Siegestagen unseres großen Krieges freiwillig sich jedes Haus mit Fahnen schmückte, oft vom Erdgeschoß bis zum Dach, so sollten der Kaiser und seine Feldherren und Mitkämpfer die Straßen wieder sehen; dagegen wurden Kränze und Gewinde das Gemeinsame von Straßen und Decorationsbauten; die Hauptauszeichnung der letzteren war aber das Wort: die Inschriften. Sie mußten Das aussprechen, was dem Tag seine Bedeutung, dem Feste die sittliche Weihe gab. Mit dieser Grundidee im Kopfe durchwandle man in der Erinnerung noch einmal den ganzen Triumphweg, und man wird finden, wie glücklich dieselbe verwirklicht war.

Diesem Plane entprechend war eine hohe, stattliche Triumphhalle vor dem Petersthor errichtet, aber, wie auch das Rathhaus, frei von allem kleinlichen, verhüllenden Schmucke gehalten. Des letztern altersgraue Mauern waren ein geschichtlicher Redner, und was die Gegenwart hinzuzufügen hat, war in der Inschrift über dem Portale ausgesprochen. Der Hauptschmuck des Rathhauses bestand, außer der Draperie des Altans, zu beiden Seiten desselben in zwei mächtigen Standarten, an welchen, in riesigen Frauengestalten dargestellt, Freiheit und Gesetz ihren Standpunkt hatten.

In den Decorationen des Augustusplatzes kam der der ganzen Festfeier zu Grunde liegende Gedanke am klarsten zum Ausdruck. Allerdings ist dieser Platz wie zu einem offenen Festsaale geschaffen und konnte derartig ausgeschmückt werden, daß sein Gesammtbild wohl das Imponirendste und Großartigste war, was je zu vorübergehenden Zwecken für den Kaiser geschaffen worden ist. Begrenzt im Norden in seiner ganzen Breite vom neuen Stadttheater, im Süden vom städtischen Museum, im Osten vom kaiserlichen Reichs-Oberpostamts- und im Westen vom Universitätsgebäude, bot dieser Platz den Raum, auf welchem Kaiser und König und deren Gäste auf dem Theaterbalcon dem „Zapfenstreich“ beiwohnten; daher mußte die Decoration des Augustusplatzes für den Anblick von diesem Balcon aus und zugleich für die beste Illuminationswirkung berechnet werden. Das Museum füllt seine Seite des Platzes nicht genügend aus, und so war es daher höchst geschickt, die stattliche Freitreppe desselben als Ausgangspunkt eines römischen Forums zu benutzen. Rechts und links lehnten sich an die Treppenwangen zwei Pavillons, von denen aus in weiten Bogen nach beiden Seiten Hallen von je dreizehn Säulenpaaren ausliefen und abermals in Pavillons endeten. Das untere Drittel der Säulen war in pompejanischem Roth gehalten, während die ganze übrige Decoration sich der Färbung der nächsten Monumentalbauten, namentlich des Museums, anschloß; und da auf den Ecken der Pavillons dieselben mächtigen Vasen mit großen Blattpflanzen wie auf den stärkeren Pfeilern der Attica des Museums prangten, so bewirkte dies, außer der angenehmen Harmonie dieses Grüns mit dem Gelb und Roth der Säulengänge, auch den beabsichtigten Schein der Zusammengehörigkeit derselben mit dem Museum. Letzterem gereichte zum besonderen Schmuck Clasen’s großes Bild der „Germania, die Hände der Borussia und der Saxonia in einander legend“, welches auf dem Altan, zwischen hohen Fahnenlanzen, von grünem Laubwerk umrahmt und von einer goldstrahlenden Kaiserkrone überragt, würdig prangte. Auf der Brüstung der Freitreppe hatte man die Kolossalbüsten des Kaisers und des Königs, des Kronprinzen und des Prinzen Georg von Sachsen aufgestellt. Außerdem trug das Museum nur noch die sinnige Zierde bunter Schilder, auf welchen in Gold die höchsten Tugenden gepriesen wurden. In ähnlicher Weise war das Universitätsgebäude mit Inschriften, Namen-Schildern und einer Fahnendraperie geschmückt.

Der Schwerpunkt der gesammten Augustusplatz-Decoration lag in den beiden Triumphsäulen, die auf dem weiten Raume zwischen den Pavillons der Rotunde sich sechszig Ellen hoch erhoben. An ihnen sah man zusammengefaßt, was man vor dem Kaiser am höchsten feiern wollte: den Sieg und den Frieden. Die Widmungsworte an den Postamenten, die am blauen Säulenschafte sich golden emporwindenden Inschriften, sowie die Embleme der beide krönenden kolossalen Victorien, Alles kennzeichnete die eine als die Siegessäule, die andere als die Friedenssäule. Die Fundamente, an den Ecken mit schwarzen Adlern besetzt, erhoben sich über mehreren Stufen und nahmen einen bedeutenden, der Höhe der Säulen entsprechenden Raum ein; von den vergoldeten Kolossal-Victorien wog jede acht Centner.

Zwei große Triumphbogen schlossen den Augustusplatz gegen die Grimmaische Straße und den Grimmaischen Steinweg ab. Beide höchst stattliche dreithorige Bauten glichen dem am Petersthore; die inneren Felder derselben waren blau, mit goldenen Lorbeerzweigen verziert, die Säulen weißgeadertem, rothem Marmor nachgebildet und von reichen korinthischen Capitälen gekrönt; über dem Mittelthore zeichnete sie noch ein Aufsatz aus, der an den vier Ecken von sitzenden Victorien flankirt war, deren jede einen goldenen Lorbeerkranz hielt. Den Abschluß nach oben bildete ein von Fahnen umgebener Adler. – Der Ehrenbogen am Ende der Grimma’schen Straße begrüßte den Kaiser mit der schönsten von allen Inschriften: „Wo der Ruhm des Helden mit dem Edelsinne des Herzens sich vereint, da baut das Volk mit Freuden Ehrenpforten.“

Gleich daneben, von Felsche’s Kaffeehaus, winkte dem alten Kaiser beim Einzuge seine Lieblingsblume, die blaue Kornblume, in einem großen Kranze. Der Balcon des Theaters war von einer mächtigen Krone mit Baldachindraperie überragt, mit köstlichen Teppichen geziert und in eine Blumenhalle verwandelt. Hier begrüßte den gefeiertsten Mann der Zeit der Jubel der Tausende im Riesenfestsaale zu seinen Füßen, als nach der Festaufführung im Theater der erste rauschende Gruß der sechshundert Musiker und Trommler des sächsischen Armeecorps den Beginn des großen Zapfenstreichs ankündigte und den obersten Kriegsherrn auf seinen Posten rief.

Einen bezaubernden Anblick genoß der kaiserliche Herr auf seinem Standpunkte. Die langen Fronten der Monumentalbauten wie alle anderen Gebäude des Platzes und die besonders dazu bestimmten Decorationsbauten strahlten in ruhigster Flammenpracht, von Zeit zu Zeit noch überstrahlt von bengalischen Feuern und kostbaren Raketenbouquets, die in Hunderten von Schlangenlinien emporstiegen und in reichfarbigem Lichte ihren Sternenregen ausstreuten. Nicht weniger bezaubernd und ergreifend wirkte die Musik, die in der That den Riesenfestsaal vollkommen ausfüllte, und als nach der harmonischen Retraite der Cavallerie und der Infanterie das „Gebet“ die Feier schloß, verließ gewiß Jeder den Platz mit dem Hochgefühle, etwas Großes, Seltenes, Ueberwältigendes erlebt zu haben.