Textdaten
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Titel: Lützow’s Jagd
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 34
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[34] Lützow’s Jagd. Der Freiheitskampf war beendigt, Ruhe in die Gemüther zurückgekehrt und das geregelte Leben des Friedens zeigte sich aufs Neue in allen Verhältnissen. Namentlich herrschte das regste und bunteste Treiben in den verschiedenen Bädern, deren Besuch, während der Kriegsjahre gestört, nun um so lebhafter wurde, da zahlreiche Freiheitskämpfer hier Genesung von den Folgen der Wunden oder der erlittenen Strapazen suchten. Zu den Letztern gehörte auch ich, und mehrfache Gründe bestimmten mich, das lieblich gelegene Alexisbad zu wählen. Es war ein schöner Sommertag, als ich dort ankam.

„Sie werden nur wenige Gäste im Kursaale finden,“ sagte mir der Wirth. „Es ist eine allgemeine Landpartie nach einem entfernteren Punkte gemacht worden, und da pflegen sich beinahe alle Badegäste anzuschließen, zumal deren Zahl bis jetzt noch nicht sehr groß ist.“

Ich ließ mich dadurch nicht abschrecken, sondern stieg die kleine Erhöhung zu dem Kursaale hinauf. Dieser war ganz leer. doch aus einem Nebenzimmer schallten Stimmen zu mir herüber. Ich trat grüßend in die Thür und überblickte den kleinen Kreis, den ich hier versammelt fand. Es waren nur wenige Personen, und unter diesen fiel mir besonders ein Mann auf, dessen kleine, schwächliche Gestalt auf eine eigenthümliche Weise mit dem ausgezeichneten Kopfe contrastirte, dem sie zur Stütze diente. Scharf markirte Züge, eine hohe Stirn, eine sehr große Nase. verliehen dem Gesichte einen unverkennbaren Stempel des Geistes, der Genialität, und unwillkürlich entstand in mir die Frage: „Wer ist dieser Mann?“

Es schien, als habe man ihn bei meinem Eintritte eben gebeten, sich an den offenstehenden Flügel zu setzen, denn nach einer flüchtigen Erwiederung meines Grußes nahm er auf dem Sessel vor demselben Platz und ließ mit wunderbarer Leichtigkeit die Finger über die Tasten gleiten, denen er in wechselnden Phantasien die lieblichsten Töne entlockte, so daß alle Anwesenden wie unwillkürlich einen dichten Kreis um ihn schlossen und mit angehaltenem Athem dem meisterhaften Spiele lauschten.

Allmälig schienen die tändelnden Phantasien sich zu einer bestimmteren Melodie gestalten zu wollen; ich vernahm bekannte, liebe Klänge, und endlich tönte voll und kräftig die Komposition C. M. v. Webers zu Lützow’s Jagd von Körner, welche damals noch in Jedermanns Munde war. Ich konnte mich, hingerissen von den vertrauten Tönen, nicht enthalten, zum Schluß aus voller Brust in die Worte auszubrechen:

Und wenn Ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Das ist Lützow’s wilde, verwegene Jagd.

Da ertönte leise, und wie mit unterdrücktem Schluchzen, hinter uns ein Echo:

Und wenn Ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Das war Lützow’s wilde, verwegene Jagd.

Verwundert blickten sich Alle nach der Stimme um, welche diese Worte mit einem unendlich klagenden Ausdrucke gesprochen hatte, und wir sahen nun einen kleinen, bejahrten Mann, der während des Spieles unbemerkt eingetreten sein mußte, und dem jetzt die hellen Thränen über die Wangen liefen, während er mit niedergesunkenem Haupte und gefaltet herabhängenden Händen dastand, ein wahres Bild des Schmerzes.

Es entstand eine Pause allgemeinen Schweigens, während welcher Alle die stumme Frage an den weinenden Greis zu richten schienen, woher seine auffallende Rührung komme. Er las sie wahrscheinlich in unsern Mienen, denn indem er den Kopf erhob, sagte er, wie zur Erklärung seines Schmerzes:

„Ich bin Theodor Körner’s Vater!“

„Und ich bin Körner’s Waffenbruder!“ rief ich, von dem Schmerze des Alten tief ergriffen, und schüttelte ihm herzlich die Hand.

„Und das,“ sagte einer der Gäste, indem er auf den Klavierspieler deutete, „ist der geniale Komponist der ergreifenden Dichtung, Carl Maria von Weber!“