Kriegsabenteuer eines Friedfertigen

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Kriegsabenteuer eines Friedfertigen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 489–492
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Krieg im Kurbad Kissingen
Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege Nr. 7
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Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege.
Nr. 7. Kriegsabenteuer eines Friedfertigen.


Vor wenigen Tagen hat man in Kissingen das Andenken jenes 9. Juli des vorigen Jahres, welcher den sonst so friedlichen Badeort und seine polyglottische Sommerbevölkerung in so große Schrecken und Gefahren bringen sollte, in ernster Feier begangen, wie man das Gedächtniß der Entscheidungstage von Gitschin, von Skalitz und Königgrätz festlich erneuert hat. Lebhaft sind dabei die Scenen des blutigen Gefechts wieder vor die Seele getreten, das an den Ufern der fränkischen Saale und bis mitten in die Straßen der freundlichen Stadt hinein sich Preußen und Baiern geliefert haben; es wird daher gewiß auch unsern Lesern nicht überflüssig erscheinen, wenn wir ihnen einzelne Momente jenes Kampfes, wie sie ein englischer, also ein völlig unparteiischer [490] Augenzeuge schildert, noch einmal vorführen; zählt doch der Sommer von 1866 zu den denkwürdigsten Zeiten, die jemals über Deutschland aufgegangen sind, und verdient darum[WS 1] auch in den kleinen Einzelnheiten und Episoden im Gedächtniß der Menschen, der jetzt lebenden und der nach uns kommenden, bewahrt zu werden.

Ich hatte nicht erwartet, Kissingen voll zu finden, – schreibt unser Brite – und wunderte mich daher nicht, als mir bei meiner Ankunft gesagt wurde, daß statt der dreitausend Badegäste, auf die man in dieser Jahreszeit gewöhnlich rechne, blos fünfhundert anwesend seien. Diese Leere hatte auf den gewöhnlichen Gang der Cur natürlich keinen Einfluß, bei der uns die Zeit im Badedolcefarniente ganz angenehm verging. Inzwischen hörten wir, daß der Krieg begonnen habe und Ludwig von Baiern sehr gegen seinen Willen in den Kampf hineingezogen worden sei. Die Lager im Süden wurden abgebrochen und in großer Zahl zogen täglich baierische Truppen durch die Stadt, Fußvolk, Reiterei, Geschütze und ein endloser Trainzug, der hauptsächlich aus Bauernwagen bestand. Da in der Stadt so viele Wohnungen leer standen, so hatten wir von der Einquartierung der Truppen keine Unbequemlichkeit und sahen in dem Durchzuge der Truppen blos eine angenehme Unterbrechung der gewöhnlichen Eintönigkeit des Ortes.

Was wir von den Kriegsereignissen hörten, erfuhren wir Alles aus den englischen Zeitungen. Die deutschen Blätter waren sämmtlich stumm und selbst die Frankfurter „Europe“, die sonst eine so laute Sprache führte, sagte nicht viel. Wir lasen übrigens von dem Gange der Dinge in Böhmen, und bei der Nachricht von der Schlacht von Königgrätz gaben wir uns mit der ganzen Welt der Erwartung hin, daß es im Süden nicht ernstlich zum Kriege kommen werde. Die Oesterreicher waren geschlagen, die Hannoveraner hatten die Waffen gestreckt. Gerade jetzt hörten wir, daß die Mainarmee unter Vogel von Falckenstein Befehl zum Vorrücken erhalten habe und daß der Prinz Karl von Baiern, der den Hannoveranern Hülfe zu bringen versucht hatte, von den Bundestruppen unter dem Prinzen Alexander von Hessen im Stich gelassen, bei Dermbach geschlagen worden sei.

Tags darauf ereignete sich in Kissingen eine sonderbare Scene. Am Morgen des 5. Juli ritt ein ungeordneter Haufe Reiterei und Artillerie auf den Marktplatz. Geschütze hatten die Leute nicht und an den Artillerie-Pferden hingen die abgeschnittenen Stränge. Menschen und Thiere sahen gleich erschöpft aus. Unter uns entstand eine große Aufregung, als wir von den Bürgern hörten, daß die Reiterei-Division der Armee von den Preußen eine Strecke jenseits des bekannten Bades Brückenau überfallen worden sei und blos diese kleine Abtheilung sich habe retten können. Die Leute waren ganz entmuthigt und warfen ihren Führern Verrath vor. Da sie sich fest einbildeten, daß die Preußen ihnen dicht auf den Fersen wären, so hielten sie auf dem Marktplatze nur so lange, wie sie brauchten, um eine nothdürftige Ordnung herzustellen, und zogen sich dann weiter südwärts zurück.

Eine Stunde später kam wieder Reiterei und Artillerie durch die Stadt, Kürassiere, Chevauxlegers und Ulanen durcheinander, zu zweien und dreien, mitunter auch ein größerer Trupp mit einem Officier, der seine Leute in Ordnung zu bringen suchte. Die Artillerie hatte nicht ein Geschütz bei sich, von den Ulanen hatten viele die Lanzen von sich geworfen. Alle diese Flüchtlinge schienen die Besinnung verloren zu haben und spornten ihre Pferde, als ob es um’s Leben ginge. Sie glaubten in der That die Preußen auf ihren Fersen und verbreiteten überall die Nachricht von der nahen Ankunft der Feinde, bis sie am Main endlich Halt machten. Wir erfuhren bald die Wahrheit: die wilde Flucht war durch einen panischen Schrecken entstanden. Jenseits Brückenau kam die Division in eine bergige und bewaldete Gegend, die zu Hinterhalten wie geschaffen war. Da man die Preußen in der Nähe wußte, so marschirte man mit großer Vorsicht. Der Vortrab ritt mit der gespannten Pistole in der Hand. In einem Hohlwege, wo eine undurchdringliche Dunkelheit herrschte, ging zufällig eine Pistole los. Die Reiter glaubten, daß man von den Bäumen auf sie schieße, feuerten ihre Pistolen in den Wald ab, machten Kehrt und sprengten hastig zurück. Als sie auf ihre Leute stießen, sahen sie die Colonnenspitze in der Dunkelheit nicht und kamen mit ihr in Collision. Schon von den gefallenen Schüssen beunruhigt, hielten die Baiern ihre Leute für Preußen. Pistolen wurden abgefeuert, ein Kampf entstand, auf der engen Straße geriethen Kanonen, Pferde und Wagen durcheinander. Die schrecklichste Verwirrung folgte und es entstand das Geschrei, daß man verrathen, in einen Hinterhalt gelockt sei. Nun war der panische Schrecken da; Alles floh und zerstreute sich in der Nacht. Um das Maß des Komischen voll zu machen, wurden die stehen gebliebenen Geschütze von einer Abtheilung Truppen, die sich von Kissingen aufmachte, unberührt aufgefunden.

Vom 5. bis zum 9. Juli blieb Kissingen ungestört. Die Anwesenheit der Officiere von Zoller’s Brigade, unter denen der Bruder der Kaiserin von Oesterreich war, trug zur Heiterkeit der Gesellschaft viel bei. Die Behörden haben gewiß gewußt, wie nahe die Preußen seien, von den wenigen Badegästen aber, die geblieben waren, dachte keiner an Gefahr.

Der 9. war ein Montag. Als wir unter den Bäumen im Curgarten unsern Kaffee tranken, bot die Stadt das Bild der größten Ruhe dar. Die Sonne sank tiefer im Westen und ich wanderte mit zwei Freunden zu der Bodenlaube, einer Burgruine auf dem Berge im Osten, die eine schöne Aussicht auf die Stadt gewährt. Als wir auf dem Rückwege den Berg hinabstiegen, überraschte uns der Anblick von Geschützen, die auf der Straße nach Winkels aus der Stadt fuhren, plötzlich auf’s offene Feld einlenkten und auf einem Bergrücken Stellung nahmen. Natürlich eilten wir nach Hause, um den Grund dieser Bewegung zu erfahren. Unterwegs begegneten wir einer langen Linie von Bauernburschen, die sich verstecken wollten, weil sie von den Preußen, welche im Anmarsch seien, zu Soldaten ausgehoben zu werden fürchteten. Bei unserer Ankunft in Kissingen fanden wir Alles in Bewegung. Die Kaufleute packten ihre Waaren, um sie fortzuschicken, die Truppen setzten die Stadt in Vertheidigungszustand.

Man erwartete die Preußen auf der Straße von Brückenau, die von Norden auf der anderen Seite der Saale gegen die Stadt läuft und plötzlich in einem rechten Winkel über eine steinerne Brücke in die Stadt führt. Da die Straße an einen steilen Berg angrenzt und auf der Flußseite blos durch eine Pappelallee gedeckt wird, so war sie den Kugeln sehr ausgesetzt. Die Baiern wollten deshalb ihr Feuer auf diesen Punkt concentriren. Zwei Feldstücke faßten auf einer hohen Straße östlich von der Brücke Posto und wurden von einem Bataillon unterstützt, das sich hinter dem Chausseedamm auf die Böschung legt. Alle Häuser auf unserer Seite des Flusses wurden mit Schießscharten versehen und das große Logirhaus von Adam Hailmann, das dicht an der Straße liegt, stark mit Schützen besetzt, die sich an allen Fenstern durch Matratzen deckten. Die Brücke selbst wurde mit Wagen und anderen zweckdienlichen Gegenständen verrammelt, so daß ohne Artillerie gegen die Stellung nichts auszurichten war. Die hölzernen Brücken der Saale wurden abgebrochen, der eiserne Steg hinter den Arcaden des Curgartens seiner Bohlen beraubt und stark verrammelt. Eine hölzerne Brücke, die jenseits des Curgartens bei Sanner’s Hotel zu Wiesen hinüberführte, wurde ebenfalls abgebrochen, aber die Brückenpfeiler ließ man stehen und dieser Nachlässigkeit hatte die Stadt schließlich ihre Rettung zu verdanken.

Am Abend ritt General Zoller auf seinem grauen Pferde, von seinem Stabe begleitet, an die Brücke und richtete an die Truppen ermunternde Worte. Wir erfuhren auf diese Weise, um was es sich handle. Falckenstein wollte den Prinzen Karl von Schweinfurt abschneiden. Durch seine Schnelligkeit hatte er bereits einen Vorsprung gewonnen, und hielt man ihn nicht bei Kissingen auf, wo sich allein mit Erfolg Widerstand leisten ließ, so wurde der Prinz von einer überlegenen feindlichen Macht eingeholt. Zu General von der Tann waren Boten gegangen und er kam mit seiner Division gewiß von Münnerstadt zu Hülfe, aber den ersten Stoß hatte Zoller mit seiner Brigade von fünftausend Mann allein auszuhalten. Unsere Aufregung und unser Interesse an den kommenden Ereignissen waren zu groß, als daß wir viel an Gefahr gedacht hätten. Wir verhehlten uns aber nicht, daß der Feind, wenn er den Uebergang über die Saale auf keine andere Weise erzwingen könne, die Stadt von den Bergen gegenüber beschießen und bald jedes Haus in Asche verwandeln werde.

Es wurde dunkel und die Truppen legten sich auf ihren Posten längs des Flusses schlafen. Für Manchen war es der letzte Schlaf! In der Stadt gab es noch lange keine Ruhe. Die Straßen waren voll von Truppen, während der ganze Wagenzug Befehl erhielt, eiligst Vorbereitungen zur Abfahrt nach Schweinfurt zu treffen. Bei dem düsteren Licht der rothen Lampen an [491] den Ambulance-Wagen wurden Pferde angeschirrt und bis Mitternacht hörte der Lärm nicht auf. Dann hörte ich die lange Wagenlinie unter meinen Fenstern in der Richtung auf Schweinfurt fortrasseln.

Am andern Morgen früh besuchte ich die Ufer des Flusses, wo die Truppen eben von dem Stroh aufstanden, das ihnen zum Lager gedient hatte. Die Leute waren heiter und trieben Späße, die Officiere waren ernst und aufgeregt, da sie wußten, daß sie mit einer Uebermacht zu thun haben würden. Von den Preußen hatte sich blos ein Späher gezeigt, der sich am Waldrande des Berges gegenüber zu weit vorgewagt hatte und von einer bairischen Kugel niedergestreckt worden war.

Um neun Uhr hörten wir die ersten Flintenschüsse. Aus den Fenstern unseres Hotels, dem dicht am Curgarten gelegenen russischen Hof, konnten wir Alles mit ansehen. Auf den Bergen drüben erschienen, aus den Wäldern der Maxruhe und des Altenbergs hervortretend, feindliche Plänkler, während General Falckenstein mit seinem Stabe auf der Höhe des Berges im Westen sichtbar wurde. Das Feuern wurde nun ein ununterbrochenes und in das Pfeifen der Gewehrkugeln mischte sich das Sausen der Geschosse einer preußischen Batterie, die auf einem Vorsprunge des Altenbergs aufgefahren war. Dieses Artilleriefeuer richtete sich aber nicht auf die Stadt, sondern auf die dichten Reihen der zweiten bairischen Division, die jetzt herangekommen war und die Höhen im Osten besetzt hielt. Augenzeugen beschreiben die Genauigkeit desselben als wunderbar. Jede Kugel traf und riß in den bairischen Bataillonen so furchtbare Lücken, daß die Befehlshaber die Linien sich öffnen ließen. So sehr die Baiern dort litten, so wacker hielten sie sich am Ufer des Flusses. Die angreifenden Preußen waren die Division Goeben, lauter Westphalen und etwa sechstausend Mann stark. Ihre Plänkler drangen mit ihrem gewöhnlichen Ungestüm gegen die Brücke vor, aber ein mörderisches Feuer der gut gedeckten Baiern empfing sie und trieb sie immer wieder zurück. Eine Stunde und länger thaten die Preußen ihr Möglichstes, doch ohne Erfolg. Auch daß Manteuffel der Division Goeben zu Hülfe kam, änderte nichts. Die Zugänge zur Brücke waren dem feindlichen Feuer so ausgesetzt, daß die Preußen nicht vordringen konnten, ohne sofort niederschossen zu werden. Ihre Plänkler sahen sich daher gezwungen, in den Häusern auf dem westlichen Ufer Schutz zu suchen, und wir sahen von unserem Fenster die Blitze aus den Fenstern des Hotel de Baviere, von denen die Preußen das bairische Feuer von der Brücke erwiderten. Es war übrigens klar, daß dieses Gewehrfeuer nicht im Stande war, die Vertheidiger der Brücke zu vertreiben und den Preußen einen Weg zu bahnen. Falckenstein hatte keine andere Wahl mehr, als die Stadt zu beschießen. Er zögerte aber, angeblich weil er selbst in Kissingen einst Heilung gefunden hatte, wahrscheinlich aus Humanitätsrücksichten gegen einen Ort, den er mit Kranken aus allen Ländern gefüllt glaubte. Wie er einem meiner Landsleute später erzählte, saß er mit der Uhr in der Hand auf dem Pferde, um noch zehn Minuten zu warten. War die Brücke dann nicht in preußischen Händen, so sollte mit der Beschießung der Stadt begonnen werden. Die preußischen Geschütze, deren Kugeln bisher dicht über unseren Dächern hinüber geflogen waren, brauchten blos niedriger zu zielen und Kissingen wurde ein Trümmerhaufen.

Dieses Schicksal wurde von uns abgewendet. Vom Altenberge aus wurden die stehengebliebenen Pfähle der Brücke unterhalb des Curgartens bemerkt und dem General gezeigt. Im nächsten Augenblicke eilten einige hundert Preußen zu dem Schweizerhäuschen an der Straße von Gemünden, rissen die Breter der äußeren Wandbekleidung los und trugen sie zum Flusse. In wenigen Minuten war auf den Pfählen ein Uebergang hergestellt und im Nu waren ein paar Bataillone Westphalen drüben und rückten über die Wiesen gegen die Stadt vor. Die Baiern sahen kaum, was dort vorging, als sie Anstalten zur Vertheidigung ihrer Flanke trafen. Eine starke Abtheilung besetzte Sanner’s Hotel und ließ von den Fenstern des Hinterhauses einen Kugelhagel auf die Stürmenden niederschmettern. Mancher Preuße wurde auf den Rasen gestreckt, aber Goeben’s Leute waren zu zahlreich und zu ungestüm, um zurückgeschlagen werden zu können. Sie kamen wie ein Bergstrom daher, stürmten das Hotel und drangen mit aufgepflanztem Bajonnet in den Speisesaal, wo die Gäste sich auf den Boden gelegt hatten, um den Kugeln zu entgehen. Sie riefen den Herren und Damen zu, daß sie noch liegen bleiben möchten, da fortgeschossen werde, stürmten die Treppe hinauf und machten alle Baiern, die im Hause waren, zu Gefangenen. Eine andere feindliche Abtheilung hatte inzwischen, nicht ohne einen heftigen Kampf, das südliche Ende des Curgartens genommen. Dicht vor unseren Fenstern hörten wir das Geschrei von Kämpfenden und das Krachen von Schüssen. So neugierig wir auch waren, wurden wir doch durch den Ton anschlagender Kugeln und durch klirrende Scheiben von den Fenstern ferngehalten. Die Baiern wurden auf unser Hotel zurückgeworfen und suchten sich zum Theil durch das Haus zu retten. Die Preußen waren ihnen aber zu rasch und verfolgten sie durch die Thür und die Treppen aufwärts. Die meisten Gäste hatten sich in den Keller geflüchtet, oben befand sich blos noch ein Amerikaner. Als er die Treppe hinauflief und den ersten Absatz erreicht hatte, wo er sich rechts wenden mußte, um die nächsten Stufen zu erreichen, fuhr ihm eine preußische Kugel durch den Schnurrbart und zerschmetterte die Gasthofsglocke zu tausend Stücken. Bleich vor Schrecken, rieb er sich die Ohren, um zu probiren, ob er noch lebe, und lief dann weiter. Die Baiern wurden bald überwältigt und warfen die Waffen weg. Nun durchsuchten die Pickelhauben mit aufgepflanztem Bajonnet das ganze Hotel und kamen auch zu uns. Sie waren übrigens weit rücksichtsvoller, als sich bei ihrer Aufregung vermuthen ließ, und gingen weiter, sobald sie sahen, daß keine Gefangene zu machen seien.

Als ich auf die Straße ging, war die steinerne Brücke, um die man so lange gekämpft hatte, frei. Die preußischen Colonnen stürmten in die Stadt, während ihre Kanonenkugeln noch immer über die Häuser flogen und den abziehenden Baiern an den Berghängen jenseits schwere Verluste zufügten. An der Thür unseres Hotels, dicht neben der Leiche eines bairischen Soldaten, hielten zwei preußische Officiere und tranken behaglich den Rheinwein, den der Wirth ihnen in großen Römern auf’s Pferd reichte. Ueberall zeigten sich Spuren des Kampfes. Im Curgarten lagen Todte zwischen Tornistern, Seitengewehren, Feldflaschen und Patronen, die entweder den Gefallenen gehört hatten oder von den Fliehenden weggeworfen worden waren. Noch an diesem Tage zeigte sich, daß von der Einwohnerschaft blos zwei ihren Tod gefunden hatten, und zwar durch verirrte Kugeln. Nur auf diese Weise hatte ein Unglück vorkommen können, da die Preußen allen Nichtkämpfenden die größte Schonung bewiesen.

Von den Badegästen wurde nicht einer verletzt, obgleich manche in große Gefahr geriethen. Zwei Damen und ein Herr, die einen Spaziergang machten, mußten sich in einen Graben legen, um den Kugeln zu entgehen, und in diesem Schlupfwinkel drei Stunden ausharren. Andere, die sich weiter auswärts befanden, flüchteten in nahe Dörfer und kamen erst wieder zum Vorschein, als Alles ruhig war. In die größte Angst geriethen die Gäste des Hotel de Russie. Sie hatten die Thür verrammelt und waren in den Keller gegangen. Aus den nächsten Häusern hatten die Preußen viele Kugeln bekommen und glaubten, daß auch aus dem Hotel auf sie geschossen worden sei. Als sie nun stürmten, feuerten sie durch die Gitter der Kellerlöcher, doch wurde glücklicher Weise Niemand getroffen.

Am Nachmittag und Abend ging es in Kissingen lebhaft zu. Dreißigtausend Preußen lagen in der Stadt und fortwährend wurden Verwundete eingebracht. Die Soldaten fanden gute Quartiere und Speisen und Getränke in Fülle, nachdem sie tagelang im Freien gelagert und nichts als Schwarzbrod gegessen hatten. Aus jedem Hause schallten Töne heraus, die bewiesen, wie freudig die armen Leute ihr Wohlleben stimmte. Im Hotel de Russie, wo Falckenstein mit seinem Stabe quartierte, zeigte sich eine neue Scene. Im Speisesaale saßen statt der ruhigen Curgäste preußische Officiere an den Tafeln. Große Batterien leerer Flaschen zeugten für ihre Thätigkeit und von ihrer lauten Unterhaltung konnte man taub werden. Oben an einem der Tische saß der Veteran Falckenstein und sprach leise mit seinen Divisionsgeneralen Manteuffel und Goeben. Obgleich am andern Tage früh aufgebrochen werden sollte, wurde es doch fast Morgen, ehe das Klappern der Säbel und das Klirren der Sporen auf den Treppen und Gängen aufhörte.

Falckenstein’s Ziel war, Schweinfurt so schnell wie möglich zu erreichen. Am 11. Juli war daher die Armee schon sehr früh in Bewegung und vier Stunden lang zogen die Preußen in dichten Reihen durch Kissingen. Sie erreichten ihren Zweck übrigens [492] nicht. Prinz Karl hatte die Zeit, während der um die steinerne Brücke von Kissingen gekämpft wurde, zu einem Marsch gegen Süden benutzt. General von der Tann war mit seiner Division und den Resten der Brigade Zoller, deren General gefallen war, zu ihm gestoßen und Beide hatten Schweinfurt erreicht, von wo sie die Eisenbahn benutzen konnten. Die Preußen marschirten zurück, um sich auf den Prinzen von Hessen zu werfen, und am 12. sahen wir sie über die steinerne Brücke zurückmarschiren, die so viele Soldaten gekostet hatte. Die stämmigen Westphalen Goeben’s und weiße Kürassiere mit funkelnden Helmen und Brustharnischen zogen voran, Artillerie und Train folgten und unter den Wagen befanden sich nicht wenige, die mit den Namen hannöver’scher Regimenter beschrieben waren und folglich zur Kriegsbeute gehörten. Wir sahen die Armee gern abziehen. Die vielen Soldaten hatten die Vorräthe rein aufgezehrt und Badegäste wie Einwohner waren auf Schwarzbrod angewiesen. Der hübsche Curgarten sah wie ein Pferdestall aus und war auch dazu benutzt worden. Es dauerte indessen nicht lange, so waren alle Spuren der Verwüstungen an Gärten wie in Gebäuden beseitigt, und wären nicht so viele preußische und bairische Verwundete zurückgeblieben, so hätte man das Gefecht von Kissingen für einen Traum halten können. Diese Verwundeten wurden jetzt der Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit und die Energie, mit der sich die englischen Damen ihrer Pflege widmeten, machte mich auf meine Abkunft stolz.

Kissingen zu verlassen, war eine Zeit lang schwer. Die Baiern und nach ihnen die Preußen hatten alles Fuhrwerk in Beschlag genommen, und einige Familien, die durchaus fort wollten, mußten froh sein, daß sie Bauernwagen auftreiben konnten. Auf Strohbündeln sitzend, fuhren sie mit der heitern Aussicht fort, die ganze Strecke bis Cassel auf diese Weise zurücklegen zu müssen. Als die Preußen weiter vorrückten, kamen wieder Wagen zum Vorschein, und Kissingen war nun bald den Verwundeten und den niedergeschlagenen Einwohnern überlassen. Auch wir schieden mit Erinnerungen an die Kriegsscenen, die in unserer Seele mit dem Bilde der freundlichen Stadt auf immer verwoben sein werden.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: darumdarum