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Kolding (Jütisches Land und jütische Leute)

Textdaten
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Titel: Jütisches Land und jütische Leute. 1. Kolding
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 236–239
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reise nach Kolding während des Deutsch-Dänischen Kriegs
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[236]
Jütisches Land und jütische Leute.
1. Kolding.

Bei uns im Norden erweckt das Wort Jütland eigenthümliche Empfindungen, von denen man sich im südlichern Deutschland schwerlich eine richtige Vorstellung machen kann. Wir denken dabei an kümmerliche, schmutzige Wohnungen, an allerhand Unsauberkeit jeder Art, an Zimmer und Lagerstätten, in welchen Individuen, die das Unglück haben, mit leicht reizbarer Haut begabt zu sein, wenig Ruhe finden, und endlich kann man das Wort Jütland nicht aussprechen hören, ohne sich gleich von ganzen Stößen kohlschwarzer Töpfe umringt zu wissen, zwischen denen glotzäugige, tückisch blickende, breitköpfige Menschen sitzen, von welchen mancher ganz das Ansehen hat, als habe er seit der Taufe keinen Tropfen Wasser mehr über sich laufen lassen.

In Folge dieser Annahmen und Voraussetzungen dürfte, auch wenn sie sich späterhin nicht bewahrheiten sollten, eine Reise nach Jütland nicht zu den Genüssen des Lebens gehören. Kommt dazu noch kaltes, regnerisches Winterwetter und das wilde Getöse des Krieges mit seinen Fatiguen, seinen Schrecknissen, seinen möglichen Wechselfällen, so wird Jeder begreifen, daß unter so bewandten Umständen sich die Reiselust leicht zur Qual umgestalten kann.

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Chaussee vom Süden nach Fridericia. Kolding. Hafen.
Ruine des Königsschlosses.
Originalzeichnung unsers Specialartisten E. Wolperding.

Schon in Flensburg wurde es allen dem Norden zustrebenden Reisenden einleuchtend, daß es mit der Gemüthlichkeit und Gemächlichkeit hier ein Ende habe. Straßen und Plätze waren nicht nur mit Wagen aller Art überfüllt, sondern so vollgepfropft, daß es einiger Entschlossenheit bedurfte, sich in dies Gewühl hineinzuwagen. Es gehört aber mit zu den charakteristischen Erscheinungen kriegerischer Zeitläufe, daß mehr oder weniger jeder Einzelne, sobald er den Rayon des Kriegstheaters erst überschritten hat, gleichgültiger wird und das eigene liebe Leben nicht mehr so hoch anschlägt, als daheim in der stillen, aber gesicherten Ruhe bürgerlicher Häuslichkeit. Es erklärt sich dies durch die Allgemeinheit der Gefahr, der sich Keiner ganz entziehen kann und die dem Furchtsamen oder Schüchternen weit eher auf den Leib rückt, als dem Beherzten.

Die Stunden lang währenden Durchzüge von Proviantwagen aller Art, denen im raschen Trabe eine Munitionscolonne folgte, die wie ein vorüberrauschendes Gewitter über das holprige Straßenpflaster fortpolterte, bestätigten die Behauptung, die wir allseitig aussprechen hörten, daß auf der großen, nach Norden führenden Straße für Privatpersonen nicht mehr durchzukommen sei. Jene ungeheuren metallenen Brummer, die man gezogene Vierundzwanzigpfünder nennt, waren eben unterwegs theils nach Düppel, theils nach Fridericia, und spielten der Chaussee, die vom Thauwetter aufzuweichen begann, übel mit. Wagen und Pferde in dieser Richtung waren für schweres Geld nicht aufzutreiben. Mithin blieb nur einer der Seitenwege übrig, die westlich über die Haiden der Geest laufen. Nach diesen abgelegenen Gegenden hatten sich Truppenabtheilungen der verbündeten Armeen nicht verirrt. Es wäre auch überflüssig gewesen; denn der eiligst zurückweichende Feind hatte ganz Schleswig mit Ausnahme von Düppel vollständig geräumt. Zur Aufrechthaltung der Ordnung aber bedarf es auch im Norden Schleswigs, dem jetzt noch mancher beunruhigte Diplomat so gern dänische Gesinnung einimpfen möchte, keiner bewaffneten Macht. Wir sollten alsbald erfahren, daß selbst an den idyllischen Ufern der Schlei und an der wogenumbrandeten, fast ausschließlich von [237] Friesen bewohnten Küste der Westsee keine besseren Deutschen leben, als nördlich von Tondern und westlich von Christiansfeld, bis hart an die jütische Grenze.

Durch Vermittelung Befreundeter ward alsbald eine Gelegenheit ausgekundschaftet, die unter den gegebenen Verhältnissen nicht besser sein konnte. Zwei Geschäftsreisende wollten, trotz Krieg und Kriegsgefahr, die nämliche Straße ziehen. Sie hatten sich bereits in den Besitz eines Fuhrwerkes gesetzt und warteten nur einen Moment eintretender Ruhe ab, um rascher vorwärts zu kommen und zunächst die nach Bau, dem alten Schlachtfelde von 1848, führende Straße zu erreichen. In Compagnie mit diesen des Landes und der etwas verzwickten Sprache, die im Norden Schleswigs zum Theil das herrschende Idiom bildet, vollkommen kundigen Herren machten wir uns, vier an der Zahl, schließlich auf den Weg. Um unterwegs nicht aufgehalten zu werden, ward für gute Verproviantirung Sorge getragen. Es fehlte uns weder an Brod und Fleisch, noch an Rum und Wein. Mußte also gerastet werden, so war unsere Tafel überall, auch in der jämmerlichsten Hütte unter den „schwarzen Bauern“, ohne Schwierigkeit leicht gedeckt.

Im Sommer oder Herbst ist eine Reise über die endlosen Moore und Haidestrecken der Schleswigschen Geest auf offenem Stuhlwagen interessant und vielfach belehrend. Die Monotonie der Landschaft erhält gerade durch ihre eigenthümliche melancholische Oede, durch das röthliche Braun der Haide und durch die zahllosen tiefen, dunkeln Wassertümpel, zwischen denen hier schwarzer Torf hoch aufgeschichtet liegt, dort die einsamen konischen Hügel alter Heldengräber aufsteigen, einen fesselnden Reiz. Jetzt heulte der Weststurm über verdorrtes, hie und da noch mit Schnee bedecktes Gestrüpp, und Schnee und Regen peitschten uns entgegen. Wir waren aber allesammt guten Muthes und heitersten Humors, und daß wir es blieben, das hatten wir ganz allein dem Kriege zu verdanken. Jeder von uns war ja höchst neugierig, wie sich die Dinge in unmittelbarster Nähe der kämpfenden Heere anlassen würden und mit welchen Augen jenseits der Königsau das Volk harmlose Reisende, die nicht einmal einen versteckten Revolver bei sich führten, ansehen würde.

Die Gartenlaube (1864) b 237.jpg

Einquartierung in der Küche.
Originalzeichnung unsers Specialartisten Otto Günther.

Im westlichen Theile des Amtes Hadersleben geht es auf dem Lande mit der deutschen Sprache großentheils zu Ende, nicht aber mit der deutschen Gesinnung. Es ist ein Irrthum, wenn von vielen Seiten behauptet wird, die Einwohner der Nordhälfte Schleswigs seien dänisch und sprächen dänisch. Ihre Sympathien gehören, soweit es nicht eingewanderte Jüten sind, die sich vor kürzerer oder längerer Zeit überall im Lande seßhaft machten, Deutschland. Alle sprachen mit demselben Enthusiasmus von ihrem Herzoge Friedrich VIII. und beklagten sich eben so bitter über die Tyrannei der dänischen Beamten, deren leider noch eine Unzahl fest auf ihren fetten Pfründen sitzt, wie die Angeliter und Schwansener. Dänisch aber reden diese Leute ebensowenig, wie Deutsch. Auf Plattdeutsch konnte man sich Vielen verständlich machen, obwohl es nicht Allen mehr geläufig ist. Das allgemein gebräuchliche Idiom, das man häufig auch schon in Flensburg hört, ist das Platt- oder Rabendänische, das Manche auch Wasserdänisch nennen. Dieser verdorbene und äußerst schlecht klingende Dialekt, eine Abart des Dänischen, welche der Inseldäne ebensowenig wie der Hochdeutsche versteht, ist hier die Umgangs- oder Verkehrssprache auf dem Lande. Nur glaube man ja nicht, daß Niemand Deutsch verstehe oder [238] verstehen wolle. Ich bin vielmehr fest überzeugt, daß es wenige größere Höfe auch noch unmittelbar an der Grenze Jütlands giebt, wo nicht entweder der Besitzer selbst oder doch ein im Hause Lebender der deutschen Sprache soweit mächtig ist, daß er sich wenigstens gebrochen darin verständlich machen kann.

Unmittelbar nach Ueberschreitung der Grenze umschwirrten uns die unharmonischen Laute des jütischen Dialekts, der auch eine Art jenes Wasserdänisch ist. Wir hielten vor einem Dorfkruge, in dem sich viele Menschen drängten. Er lag abseits von der Straße, welche von Ripen kommend über Eistrup nach Kolding führt. Die ganze Umgebung hatte für Deutsche etwas überaus Unheimliches. Man merkte an Allem und Jedem, daß man sich unter Feinden befand, die nur aus Furcht vor der siegreichen Armee, welche wenige Tage früher in Sturmeseile die Dänen wieder nordwärts gejagt hatte, mit ihren wahren Gesinnungen zurückhielten. Träg, murrend und mit feindseligen Blicken, in denen man lesen konnte, daß sie jeden Deutschen am liebsten zur Hölle fahren sähen, wurde den geringen Forderungen, die wir zu machen genöthigt waren, genügt. Und so, wie in diesem ersten Haidekruge, zeigten sich alle Jüten, so viele wir deren später zu sehen bekamen.

Diesseits der Königsau lebt ein ganz anderer Menschenschlag, dessen rein germanischer Ursprung sich auf den ersten Blick erkennen läßt. Schlanke Leiber, klar und offen in die Welt blickende Augen, ovale Köpfe mit hohen Stirnen und fast immer ausdrucksvollen Gesichtszügen, begegnen uns in jedem Orte. Jenseits dieses vielgenannten Grenzflusses wohnt dagegen ein ganz anderer Volksstamm, der mit dem germanischen Typus nichts als die blonde Farbe des Haares gemein hat. Der Jüte ist selten schlank und hoch gewachsen. Ein ziemlich breiter Rumpf ruht auf dünnen Beinen, und zwischen den breiten Schultern auf kurzem Halse steht der gewöhnlich runde, dicke Kopf. Die Volkstracht, für welche der Jüte eine große Vorliebe zu haben scheint, ist ganz dazu angethan, die geringen Reize, die ihm etwa die Natur in’s Leben mitgegeben hat, vollkommen verschwinden zu machen. Dunkelblaue Beinkleider von grobem Tuch, meistentheils im Schnitt etwas zu kurz, so daß sie die Knöchel nicht bedecken, und eine kurze, weite Jacke von gleichem oder doch ähnlichem Stoff trägt mit seltenen Ausnahmen jeder Mann aus dem Volke. Das häufig lange und gewöhnlich struppige Haar bedeckt eine runde Mütze ohne Schirm von unschöner Form, die tief in die Stirn gedrückt wird. Nehmen Sie dazu noch die reizende Fußbekleidung aller Jüten, den kahnartig geformten plumpen und schweren Schuh aus Buchenholz, der auf der Sohle ein paar kurze Querhölzer hat, um ihm beim Gehen wenigstens eine Art Beweglichkeit zu geben, so können Sie sich eine ziemlich deutliche Vorstellung von einem jütländischen Adonis auf dem Lande machen. Hat er nichts zu thun, so steckt er gewiß beide Hände entweder in die weiten Taschen seiner blautuchenen Jacke, oder in die kurzen Unaussprechlichen und glotzt jeden Vorübergehenden tückisch an. An ihn gerichtete Fragen werden entweder gar nicht oder nur grinsend und in einem bellenden Nasalton beantwortet. Es ist möglich, daß in Friedenszeiten die Jüten einen weniger unangenehmen Eindruck auf den Fremden machen; als jetzt, wo die Kriegsfurie entfesselt ist und der Nationalhaß zwischen Deutschen und Dänen eine Höhe erreicht hat, die sich kaum schildern läßt und von der man erst in unmittelbarster Nähe der Ereignisse einen Begriff bekommt, jetzt wird auch der unbefangenste Deutsche in jedem Jüten nur einen fanatischen, unversöhnlichen Feind deutschen Wesens und deutscher Gesittung erblicken müssen.

Bei Eistrup gelangt man an die Koldingau, die vielfach gekrümmt durch Wiesen und Bruchland ostwärts fließt. Hier waren überall die Spuren des Krieges zu bemerken, wie denn auch das Durcheinander kriegerischen Lebens immer lärmender ward, je mehr wir uns der Ostküste näherten.

In Deutschland glauben Viele, wo nicht die Meisten, Jütland sei ein steriles, wüstes und unwirthbares Land, das zu besuchen oder gar näher kennen zu lernen, sich nicht der Mühe verlohne. Diese weit verbreitete Ansicht ist sehr irrig. In Schleswig gehören die Landschaften Dänisch-Wohld, Schwansen, Angeln und Sundewitt zu den fruchtbarsten, die man sich denken kann. Die breiten und tiefen Einbuchtungen der blauen Ostsee und die sanft geschwungenen Hügelgelände, oder die schönen Buchenhaine, welche ihre Küsten umsäumen, sind bekannt und verleihen dem ganzen Lande den Charakter eines ungeheuern Parkes. Die Ostküste Jütlands bis über Veile hinaus ist nur eine Fortsetzung dieser parkartigen, an landschaftlichen Schönheiten überreichen Gestaltung des Landes. Im Sommer, wenn die Erde sich mit Blüthen und Blumen bedeckt, wenn diese prächtigen Laubholzhaine zu grünen beginnen und sich mit tausend befiederten Sängern bevölkern, muß die Umgegend von Kolding, ganz besonders aber das ungemein romantisch gelegene Veile mit seinen zwar niedrigen, aber stark bewaldeten Höhenzügen[WS 1] ein wahres Paradies sein.

Die Lage der Stadt Kolding am westlichen Ende einer schönen Thalmulde, welche von dem Kolding-Fjord, der gewiß eine gute deutsche Meile lang ist, bespült wird, gewährt ein sehr freundliches Bild, läßt aber auch augenblicklich erkennen, daß sie für kriegerische Operationen ein äußerst wichtiger Punkt sein muß. Schon im Jahre 1849 ward dies von dem Oberbefehlshaber der damaligen schleswig-holsteinischen Armee oder – was vielleicht richtiger ist – von Oberst Delius, dem Chef des Generalstabes, erkannt. Die mit großen Opfern gewonnene Schlacht bei Kolding brachte die Stadt selbst in den Besitz der Schleswig-Holsteiner und ebnete ihnen die Wege nach Veile und nach der Festung Fridericia. Kolding ist nämlich durch seinen tiefen Fjord der Schlüssel zu Fünen, welches letztere freilich nur mittelst Schiffen zugänglich wird. Wer Kolding besitzt, der schützt auch Schleswig, indem er einen Feindes-Einfall vom Norden her unmöglich macht. Es war daher nur Selbstfolge, daß auch in dem gegenwärtigen Kriege die Besetzung dieses wichtigen Punktes von den Truppen der Alliirten sofort in Aussicht genommen wurde. Auch wenn es in dem Feldzugsplane der deutschen Heerführer ursprünglich nicht gelegen hätte, weiter nordwärts vorzudringen und Fridericia zu berennen, so würde doch ein Heer, welches Düppel einnehmen und Alsen erobern will, sich Kolding’s um jeden Preis haben bemächtigen müssen, weil nur dadurch der Feind in kräftiger Vertheidigung der Düppelstellung gestört und unausgesetzt beunruhigt werden kann.

Die große von Süden nach Norden ziehende Chaussee führt durch die südlichen Hügelgelände, welche im Osten die Bucht, die Thalmulde selbst und die Ufer der von Westen durch sumpfiges Bruchland herabfließenden Koldingau umfassen, hinab in’s Thal und gerade durch die Stadt. Am nördlichen Bucht- und Thalrande steigen die Hügel noch höher empor und gipfeln hier in zwei Punkten, die für militärische Operationen von großer Wichtigkeit sein müssen. Der eine dieser Punkte sind die Ruinen des alten Schlosses von Kolding, im äußersten Westen der Stadt auf einem Hügel gelegen. Die verwitterten Mauern von Koldinghuus, wie man die Ruine nennt, sehen weit in’s Land hinein. Der Erbauer dieser ehedem wahrscheinlich starken Veste, die sich unschwer in ein ganz Kolding beherrschendes Castell verwandeln ließe, war Herzog Abel. Damals hieß es Oernsborg und ward von mehr als einem der dänischen Könige als Residenz benutzt. Christian III. wählte es zu seinem Lieblingsaufenthalte und starb daselbst 1559. Bei dem Brande von Koldinghuus 1808, der es gänzlich einäscherte, ward auch der berühmte, von Christian IV. erbaute Riesenthurm mit zerstört, der, wie Chroniken erzählen, ein plattes Dach hatte und in jeder Ecke ein sieben Fuß hohes Steinbild trug. Es ist zu verwundern, daß die Dänen, welche die letzten zwölf Jahre dazu benutzten, ganz Schleswig mit zahllosen Schanzen zu bedecken, diesen zur Vertheidigung so günstig gelegenen Punkt ganz unbefestigt lassen konnten.

Wichtiger noch möchte der im Norden von Kolding gelegene Windmühlenberg sein, der höchste Punkt der Hügelkette auf dem Nordrande der Bucht. Er beherrscht die aus der Stadt nordwärts durch die Hügel führende Chaussee vollkommen und dürfte, tapfer vertheidigt, einem vordringenden Heere schwere Verluste beibringen.

Gleich Holland, sind auch Schleswig-Holstein und Jütland sehr reich an Windmühlen. Die hübschen Formen dieser Mühlen – sie sind rund und gewöhnlich mit Schilfstroh von oben bis unten auf allen Seiten bekleidet – verleihen dem Lande ein freundliches Ansehen, besonders wenn sie ihre mit weißem Segeltuch überspannten Flügel rasch bewegen. An der Ostküste Jütlands giebt es an allen geeigneten Punkten solche Windmühlen, die, wie sich schon beim Sturme auf Veile ergab, von ihren Besitzern oder von andern fanatisirten Eingeborenen des Landes als optische Telegraphen benutzt wurden, um die Dänen von den Bewegungen der deutschen Truppen zu unterrichten. Dem militärischen Scharfblicke des Feldmarschall-Lieutenants von Gablenz konnte diese eigenthümliche [239] Art, unbemerkt durch Zeichen sich mit den abziehenden Landsleuten zu unterhalten, nicht lange verborgen bleiben, weshalb alles Mahlen am Tage sämmtlichen Windmühlenbesitzern bei strenger Ahndung verboten ward. Seitdem bewegen sich auf jütischem Grund und Boden die Windmühlenflügel nur noch des Nachts. Am Tage stehen sie allerwärts, auch bei dem allerschönsten Winde, still.

Kolding ist weder groß noch schön und kann selbst im tiefsten Frieden als Stadt für Fremde keine Anziehungskraft haben. Die Straßen sind ärmlich, die Bevölkerung blickte, soweit man ihrer ansichtig ward, mißtrauisch und giftigen Auges auf jeden ihr unbekannten Civilisten. Deutsch sprachen die Gebildeteren nur, weil ihnen unter dem Druck der Einquartierung etwas Anderes nicht übrig blieb. Sobald sich aber ein paar Menschen unbeobachtet glaubten, machten sie durch Worte und Blicke ihrem Herzen Luft und verfluchten die gehaßten Deutschen in den tiefsten Abgrund der Hölle. Der Fanatismus dieser Menschen geht häufig so weit, daß sie die eigene Sicherheit hintansetzen, nur um ihrem Ingrimm freien Lauf lassen zu können. Ja ich bin überzeugt, daß sich schreckliche Dinge zutragen würden, fürchteten sie nicht die Rache der alliirten Truppen und namentlich der hagern, braunen, katzengewandten Oesterreicher, die ihnen einen sehr heilsamen Schrecken eingejagt haben. Dem bewaffneten Feinde, der diesen fanatischen Jüten bereits gezeigt hat, daß er nicht gesonnen ist, sich ungestraft Trotz bieten oder beleidigen zu lassen, beugen sie sich zähneknirschend, destomehr hat der unbewaffnete Deutsche von ihnen auszustehen, sei’s auch nur in Worten. Wir glauben aber, daß gerade dieses feindselige Gebahren der Jütländer, das auf den dänischen Inseln ein billigendes Echo findet, den Truppen der Alliirten und namentlich den intelligenten Führern derselben die Ueberzeugung beibringen wird, daß ein ferneres Zusammenwohnen zweier Nationen, die einander in Folge eines vierhundertjährigen Kampfes so tödtlich hassen, wie Dänen und Deutsche es thun, eine moralische Unmöglichkeit sei. Ein Machtspruch kann freilich die Elbherzogthümer mit ihren urdeutschen Bewohnern noch einmal an Dänemark festschmieden, vorausgesetzt, daß das deutsche Volk ruhiger Zuschauer bei einem solchen politischen Selbstmorde bliebe; Friede zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein würde aber durch eine so unkluge politische Handlung nicht geschlossen, sondern nur der Keim gelegt zu neuen, blutigeren und erbitterteren Kämpfen, die nie enden werden in diesen Landen, so lange die Königsau nicht wirklich die Grenzscheide bildet zwischen deutschem und dänischem Lande.

In der mit Einquartierung überfüllten Stadt war nur mit großer Mühe ein ärmliches Unterkommen für schweres Geld zu finden – und zwar in einer Art von Küche, die von preußischen Soldaten in Beschlag genommen war. Da herrschte denn ein munteres Leben bis tief in den Abend hinein, da kochte und wärmte sich einer nach dem andern von der ab- und zugehenden Mannschaft, ein stattlicher Füsilier schleppte Holz zu, die meisten nicht eben in parademäßigem Anzuge, ganz so wie es der Künstler auf seinem netten Genrebildchen dargestellt hat. Von Bequemlichkeit freilich war nicht groß die Rede, und doch hatten wir immer noch Glück gehabt, überhaupt unter Dach und Fach zu sein und auch nicht, wie schon Mancher, die Eroberung eines elenden Stuhles für ein paar Nachtstunden mit einem dänischen Species (1½ Thaler pr. Cour.) bezahlen zu müssen. Unerträglich, ohrbetäubend aber war das entsetzliche Rädergerassel der unzähligen Fuhrwerke, die in endlosen Reihen unter Schreien und Fluchen der Trainsoldaten bald im Schritt, bald im Trab, mitunter sogar in vollem Galopp vom Süden her durch die Stadt jagten. Einer Anzahl schwerer Belagerungsgeschütze, die nach Fridericia gingen, folgte eine ewig lange Munitionscolonne mit hart polternden Bombenkarren. Dann kam wieder ein nicht enden wollender Zug von Proviantwagen für die österreichische Armee, die ihre Posten bis über Aarhuus vorgeschoben hatte. Dazwischen sprengten schwere preußische Kürassiere, mit ihren klirrenden Pallaschen Alles bei Seite treibend, hindurch, und einzelne ungarische Husaren, die wohl als Ordonnanzen von Veile hereingekommen sein mochten, tänzelten auf ihren graziösen, muthigen, mit rothen Bändern geschmückten Pferden, deren lange Mähnen in Zöpfe geflochten waren, courbettirend an den Häusern entlang, als wollten sie all dem Volke, das sie umdrängte, die schönsten Reiterkunststücke zum Besten geben.

Am späten Abend ließ der Lärm des Tages wenigstens zeitweise etwas nach. Die Luft war ruhiger geworden und der Himmel klärte sich auf. Da hallte in weiter Ferne dumpfer Kanonendonner von Fridericia oder Snoghoi herüber, und als die Nacht völlig hereinbrach, spiegelte sich neben dem Silberschimmer des Mondes die düstere Gluth einer irgendwo an der Meeresküste auflohenden Feuersbrunst in dem tiefen Gewässer des pittoresken Kolding-Fjord.


  1. Vorlage: Höhenzugen