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Titel: Kochunterricht für arme Mädchen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 803–804
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[803] Kochunterricht für arme Mädchen. Die Leser der „Gartenlaube“ werden sich gewiß einer Reihe von Artikeln und kleineren Mittheilungen erinnern, welche wir auf Grund der Berichte eines Darmstädter Freundes veröffentlicht haben. Da war die Rede von Pfennigsparkassen, von Kochherden für Arbeiterfamilien, von der Volksküche in der Familie und von einem Kampf gegen den Schmutz in Wohnungen kleiner und ärmerer Leute. Es handelte sich dabei durchgängig um recht nachahmenswerthe, vom edlen Geist der Humanität durchdrungene gemeinnützige Bestrebungen.

Heute sind wir wiederum in der Lage, über einen Versuch an demselben Orte zu berichten, der ähnliche Zwecke verfolgt und die größte Beachtung verdient. Er betrifft die ungemein wichtige Frage des richtigen Kochens in der Familie des Arbeiters.

Wer sich ein wenig unter seinen Nächsten umgeschaut hat und für sociale Fragen ein offenes Auge besitzt, der weiß es, daß die Haushaltungskunst einer Arbeiterfrau eine viel schwierigere ist als die einer gutsituirten Frau aus den mittleren Bürgerkreisen; der wird aber auch bei einiger Ueberlegung gesunden haben, daß die Arbeiterfrau meist weniger geübt ihr Amt übernimmt als ihre Schwestern in den besseren Lebenslagen. Selbst wenn sie die sogenannte Vorschule für ihren eigenen Haushalt als Dienstmädchen durchgemacht, hat sie eben nur den auf ein größeres Einkommen zugeschnittenen Haushalt kennen gelernt, nicht aber den des kleinen von der Hand in den Mund lebenden Mannes.

Die Ernährungsfrage spielt in jeder Familie eine wichtige Rolle, in der des Arbeiters aber unstreitig die wichtigste. Sie ruht hier ausschließlich in der Hand der Frau und von ihrem Geschick und ihrer Kenntniß hängt es ab, ob der Mann mit der Kost zufrieden ist und ob die Kinder gedeihen, ja ob bei durchaus günstigen Lohnvcrhältnisscn die Arbeiterfamilie gesundheitsgemäß ernährt wird. Die überwiegende Mehrzahl der Arbeiterfrauen, welche in den Volksküchen erscheint, giebt es unumwunden zu, daß sie zu kochen nicht versteht, und die meisten Frauen fügen mit Bedauern hinzu, daß auch ihre Töchter es nicht lernen werden, weil sie schon in früher Jugend in Fabriken oder nach anderen: Erwerb gehen müssen. Man könnte darauf erwiedern, daß wir Koch- und Haushaltungsschulen in Hülle und Fülle besitzen; das ist wahr, aber alle diese Schulen sind für höhere Verhältnisse zugeschnitten und arbeiten für Ansprüche, mit welchen der Arbeiter nicht gut rechnen kann. Für den Arbeiter wird in gemeinnützigen Volksküchen gekocht; aber diese rechnen mit Masscneinkäufen, Mit Massenverkäufen und oft mit Zuschüssen wohlthätiger Stiftungen. Die Volksküche ist ein großer Segen; es wird aber durch sie gerade das umgangen, was uns als Ideal vorschwebt, die Schaffung eines traulichen Familienheims für die Arbeiter, das stärkere Fesseln derselben an den Familienhcrd. Dieses Ideal schwebt auch den Veranstaltern des von uns Eingangs erwähnten Darmstädter Versuches vor. Sie haben sich die Aufgabe gestellt, sogenannte arme Mädchen darin zu unterrichten, wie sie für ihre Eltern und für die von ihnen selbst zu gründende Familie die Speisen nahrhaft, wohlschmeckend, wohlfeil und in angenehmer Abwechselung Herstellen sollen. Nach reiflicher Ueberlegung ist man in Darmstadt zu dem vielleicht auf den ersten Blick befremdenden Entschlüsse gelangt, diesen Unterricht noch in das letzte Jahr des schulpflichtigen Alters zu verlegen. Man mag dagegen einwenden, daß in diesem Alter die Mädchen noch zu unerfahren sind; aber wenn man bedenkt, daß die dreizehn-und vierzehnjährigen Mädchen in verschiedenen schwierigeren Arbeiten, im Sticken und Heindenähen unterrichtet werden, wenn man beachtet, daß wir gerade das fürs ganze Leben am besten behalten, was wir in so früher Jugend gelernt – dann dürfte auch die Besorgniß schwinden, daß die einfache Kochkunst, uni die es sich hier handelt, für so junge Mädchen etwas Unerreichbares darstclle.

Man hat darum den Versuch in Darmstadt gewagt. Es besteht dort (eit etwa 60 Jahren eine Privatanstalt für Unterricht armer Schulmädchen in Handarbeiten. Gegründet und fortgeführt von vortrefflichen Frauen, war diese Anstalt stets ungemein beliebt, und ihr einziger Mangel war genügender Raum, um der stets wachsenden Anzahl von Anmeldungen entsprechen zu können. Heute ist dem Mangel abgeholfen und die Anstalt

[804] hat auch den Kochunterricht übernommen. In der neu eingerichteten Unterrichtsküche werden die ältesten Mädchen vorläufig wöchentlich einmal Unterricht im Kochen erhalten. Die Bedürfnisse der Arbeiterküche werden dabei streng im Auge behalten, und um ein anschauliches Maß für die nöthigen Mengen von Viktualien zu geben, soll stets für 5 Personen, die Durchschnittszahl einer Familie, gekocht werden. Es ist vorgesehen, daß von den etwa 15 Mädchen, welche jährlich das Kochen lernen sollen, abwechselnd 5 Köchinnen und 10 Gehilfinnen sein werden, und daß, um das Ur[t]heil der Mädchen bezüglich des Kochgeschäftes zu klären, die Köchinnen am Schlusse der Arbeit das Gekochte auch selbst essen sollen. Ueber alle Ausgaben, die dabei gemacht werden, wird sorgfältig Buch geführt, und so dürften die Ergebnisse des ersten Unterrichtsjahres einen recht wichtigen Beitrag zu der Frage der rationellen Volksernährung bilden. Wir sehen mit Spannung dem ersten Jahresbericht dieser Unterrichtsküche entgegen und werden nicht versäumen, ihn an dieser Stelle zu veröffentlichen. Vielleicht aber tragen diese Zeilen dazu bei, daß auch an anderen Orten ähnliche Anstalten zum allgemeinen Besten ins Leben gerufen werden.
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