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Titel: Klagen einer Mutter
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[172] Klagen einer Mutter. Erstaunlich ist es, welche Grundsätze gerade jetzt das Herz und die Vernunft eines heranwachsenden Weltbürgers zu verwirren drohen.

Vor kurzer Zeit kam z. B. mein Töchterchen aus der Schule zurück, wo eben ein junger Professor der Naturwissenschaften einen Feuerbrand in die jungen Seelen geworfen hatte. „Mama, denke nur, der Herr Professor hat heute gesagt, der liebe Gott bekümmere sich blutwenig um das, was wir Menschen hier unten machen – ist denn das wahr?“ Diese gefährliche Doctrin zu bekämpfen war nun meine Sache.

Kaum eine Woche nachher kam die Kleine wieder ganz erregt, ganz Feuer und Flamme für das Wundertractätlein, demzufolge das Mädchen in Bois d’Haine schon seit 1872, außer der täglich genossenen Hostie, ganz ohne Nahrung geblieben sein und jeden Freitag aus den deutlichen Wundmalen Christi an Händen und Füßen Blut ausgeschwitzt haben soll. Der Religionslehrer – sonst ein sehr liebenswürdiger und toleranter Mann – hatte doch nicht umhin gekonnt, dieses jüngste kirchliche Märchen mit den entsprechenden Deutungen als die neueste göttliche Offenbarung zu verkünden.

Nun frage ich Einen, ob man nicht wahrhaft Salomonischer Weisheit bedürfte, um ein Kinderherz durch solch widerstreitende Angriffe, wie die beiden angeführten Fälle sind, schadlos hindurchzuführen.

Die Erzählung des albernen Märchens halte ich jedenfalls immerhin noch für unschädlicher, als die unzeitige Offenherzigkeit des Naturforschers. Letzterer beraubt das Kinderherz, ohne ihm Ersatz bieten zu können, während der eifrige Diener der Kirche so übermenschlich viel giebt, daß jede gesunde Natur sofort das Uebermaß zurückstößt. Wie sehr wäre zu wünschen, daß Lehrern der Jugend das Maßhalten als erste Pflicht vorschwebte. Man glaubt nicht, wie instinctiv ein Kind jedes Ueberschreiten der Grenzlinie würdevoller Mäßigung empfindet und wie sehr gerade in den Augen der Kinder ein Erwachsener verliert, der – ob Lehrer oder nicht – Ansichten preisgiebt, mit denen er vielleicht selbst noch nicht ganz im Reinen ist.