Kind und Kindeskind

Textdaten
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Autor: H. Nordheim i.e. Henriette von Schorn
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Titel: Kind und Kindeskind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47–48, S. 671–672, 681–686
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Kind und Kindeskind.

Auch eine Dorfgeschichte von H. Nordheim.

Am Donnerstag ist Holztag; die Nachbarn und auch die Armen gehen in’s Gemeindeholz und in die königliche Waldung, die dran stößt, um dürres Holz zusammen zu lesen oder von den Bäumen zu brechen. – Es zieht vom frühen Morgen an hinaus, und man hört es im ganzen Wald knacken und hauen. Die Kreiser müssen auch da sein, daß kein Frevel am grünen Holz geschieht.

Die beiden Enkelkinder der Magdalene Arnold, die schon seit Jahren an Händen und Füßen durch die Gicht gelähmt ist, sind auch im Wald, weil sie keinen Stecken Holz mehr haben. Es ist zwölf Uhr, sie sitzen neben einander auf einer starken Welle, die ihnen gehört, und verzehren ihr Brod.

Die Marie ist siebenzehn, der Karl funfzehn Jahre alt; beide sind ärmlich, aber reinlich gekleidet. Der Karl hat ein offenes, frisches Gesicht, dunkle Haare und Augen, und es liegt was Trotziges in seinem ganzen Wesen. Die Marie ist ein schönes Mädchen; sie hat große blaue Augen und ein feines, helles Gesicht. Ihre [672] braunen Haare sind so lang und dick, daß sie früh schier nicht damit fertig werden kann, aber sie sind doch wie ein Spiegel so glatt. Sie hat nicht den trotzigen Ausdruck des Bruders, sie ist sanft und gefällig, aber ein resolutes Mädchen ist sie auch, wenn’s gilt. Beide haben in ihrer Art was die Weißbacher „fürnehm“ nennen. Sie sagen: „Man säh’ doch gleich, wo sie her wären.“

Die alte Magdalene war aus Weißbach gebürtig, die Tochter vom Kreiser, und weil sie als Kind schon was Anstelliges und ihre Mutter früh verloren hatte, wurde sie immer auf’s Schloß zur kleinen „Freilen“ geholt. Sie kriegte auch Unterricht mit ihr, weil es hieß, es lernte sich besser zu Zweien, und wie sie größer wurde, lernte sie bei der Kammerfrau Nähen und Kleidermachen, Waschen und Bügeln. Sie war in Allem geschickt und das Freilen Josephe und sie hatten sich immer gern. Wie sie alle Zwei achtzehn Jahre alt geworden waren, hieß es, das Freilen Josephe machte bald Hochzeit; und so war’s. Der junge Herr von Walden war der Freund von ihrem Bruder, dem jungen Herrn von Weißbach, und als Student in den Ferien mit nach Weißbach gekommen. Da hatte ihm das Freilen Josephe so gut gefallen, daß er sie nimmer hatte vergessen können, obgleich sie erst funfzehn Jahre alt war; und wie er ausstudirt hatte, war kein Haltens mehr. Es war auch nicht nöthig, denn sein Vater war der reichste Mann in Franken, hatte Güter und Capitalien die schwere Meng’ und nichts gegen die Heirath. Es wurde also richtig gemacht, und wie der Bräutigam kam, war ein Jubel ohne Ende.

Schön war es von der Freilen Josephe, daß sie mitten in der Freude doch immer auch an die Magdalene dachte, und ihr Erstes war, daß sie verlangte, sie müßte mit ihr ziehen. Sie sollte gar nicht wie die andern Dienstboten, sondern mehr wie eine Haushälterin gehalten werden, und der jungen Frau mit Hülfe an die Hand gehen. Dem Bräutigam, das kann man sich denken, war Alles recht, und so wurde es ausgemacht, daß die Magdalene mit zöge. Es war noch Einem nicht einerlei, sondern von Grund aus recht, daß sie mit ging, und das war der Jäger vom Herrn von Walden; der stand zu seinem Herrn bald so, wie die Magdalene zur Braut, und hatte schon, wie er das erste Mal dagewesen war, ein Aug’ auf sie geworfen. Er war in seiner Art eben so brav wie sie in ihrer, und zwischen ihr und dem Arnold war’s bald richtig. Die Herrschaft hatte nichts dagegen und versprach, wenn ein paar Jahre hin wären, sollte der Arnold eine gute Stelle als Förster bekommen.

Die Hochzeit wurde gehalten und die jungen Eheleute mit Arnold und der Magdalene zogen ihrer neuen Heimath zu. Es war ein Glück, daß der Himmel nur so voll Geigen hing, und die Frau von Walden dankte dem lieben Gott alle Tage, nicht nur, daß er ihr einen so guten braven Mann gegeben, sondern auch, daß sie an der Magdalene so einen Schatz mit in’s Haus bekommen hatte. Sie war Alles in Allem, das machte, sie sah das Eigenthum der Herrschaft wie das ihrige an. Gerade so machte es auch der Arnold.

Die Magdalene war bildschön und Mancher, der in’s Haus kam, Winters in der Stadt, Sommerszeiten auf dem Gute, klemmte seine gläsernen Gucker scharf in die Augen, um nach ihr hin zu schielen, und reckte sich um ein paar Zoll mehr, wenn er an ihr vorbei ging; aber die Müh’ hätte er sich ersparen können, denn die Magdalene hatte ihren Arnold und er sie mit jedem Tage lieber, und so eine rechte Liebe bewahrt vor Allem, was unrecht ist oder Gefahr bringt. Beide hingen ebenso an ihrer Herrschaft, wie aneinander, und meinten, es gäb’ keine mehr so weit und breit.

Im ersten Jahre kam ein kleiner Baron an, der Max geheißen wurde, und es war eine arge Freude im ganzen Haus. Im zweiten Jahre kam ein Töchterchen, das hieß man Marie, und wie drei Jahre um waren, wurde eine Förstersstelle in Gleichenberg frei, die dem Arnold schon lang versprochen war. Es wurde ihm und der Magdalene freilich sauer, die Herrschaft zu verlassen, aber sie hatte treulich gedient, und jedes denkt doch gern einmal an den eigenen Heerd, jeder ist sich endlich doch einmal selbst der Nächste. Sie zogen nach Gleichenberg.

Die Magdalene war von Kindesbeinen an gut gewöhnt gewesen, darum hielt sie auf sich und Alles, was um sie her war; das wird nicht schwer, wenn’s Einem nie knapp gegangen ist. Sie hielt aber nicht nur auf Ordnung, es mußte auch Alles nach was aussehen. Sie hatten gar manches schöne Stück zusammengetragen, und die Herrschaft hatte sie auch noch reichlich ausgestattet. Da sah’s freilich in der Försterei ganz anders aus, wie in irgend einem andern Haus von ihres Gleichen. Die Leute sagten: In der Försterei spiegelte sich Alles.

Gleichenberg, wo sie wohnten, war nur eine Stunde von Waldenberg, wo die Herrschaft sich Sommers aufhielt, und da hatten Försters oft vornehmen Zuspruch von dort her. Die Leute im Dorfe meinten, sie trieben’s doch selber zu fürnehm, und sie würden’s schon nicht lang so treiben. – Der Arnold kriegte manchmal eine spitzige Rede zu hören und er sagte es der Magdalene wieder, sie lachte aber und sagte: „Das ist der pure blanke Neid.“ Und wenn die Leute scheel dazu sahen, daß sie Werkeltags weiße Strümpfe und weiße Fürtücher statt blauer und keine Kappe trug, sondern in bloßem Kopfe ging, so setzte sie erst einen rechten Trumpf-Daus drauf und that’s. Sie legte auch jeden Sonntag Mittag ein reines weißes Tischtuch auf und wenn’s dunkel wurde, stand ein gezogenes Licht statt der Lampe auf dem Tisch. Die Leute hätten sich an Alles gewöhnt, aber daß sie in die Kirche ohne Mantel, mit dem Shawl und Handschuhen ging, das konnten sie ihr nicht vergessen.

Die Magdalene sollte bald in’s Kindbett kommen, und da sagten die Leute: „Nun wird’s ihr schon vergehen; wenn erst ein Kind da ist, gibt’s mehr zu thun, als Staat zu machen.“

Das Kind kam und war ein Mädchen. Die gnädige Frau stand zu Gevatter und hatte schon vorher einen ganzen Koffer voll Sachen, lauter Abgelegtes von der kleinen Freilen geschickt. Die Förstern richtete aber Alles her, daß es aussah, wie nagelneu; das verstand sie perfect, und das kleine Josephechen sah aus wie ein Prinz.

Die Magdalene ließ sich nicht irre machen, und in ihrem Haus sah’s ein Mal so blank aus, wie’s andre Mal. Das Josephechen mußte immer etwas Apartiges an sich haben. Der Arnold konnte nicht genug sagen, wie fleißig seine Frau wäre, und weil’s gar nicht rücklings, sondern eher vorwärts mit ihnen ging, so mußten die Leute still sein.

Ueber Eins schwieg aber der Arnold selber nicht. Wie die Josephe größer wurde, hielt’s die Mutter wohl auch tüchtig zur Arbeit an, aber sie erzählte ihr immer dabei, wie schön ’s bei den „fürnehmen Leuten“ wär’, und die fürnehmen Leute machten Alles anders und Alles viel schöner und besser, wie sie’s machten, und wenn sie groß wäre, sollte sie auch als Kammerjungfer zu ihrer Frau Pathe oder zur Freilen Marie kommen. Da mußte das Josephechen nur immer dran denken, wie sie Alles recht fürnehm wollte machen, und wenn sie einen Eimer Wasser holte, so dachte sie, ob die fürnehmen Leute den Eimer wohl auch so hielten, wie sie ihn hielt. Da drüber fing der Arnold an zu brummen und war auch gar nicht der Meinung, daß seine Josephe Kammerjungfer würde. Wie hoch hinauf die andern Leute mit den Achseln zuckten, davon wollen wir gar nicht reden, denn man hätte viel zu thun, wenn man allemal hingucken wollte, wo Eins über’s Andre die Achseln zuckt. Die Mutter stellte dem Vater, wenn er brummte, dann allemal vor, wie gut es ihr im Haus ihrer Herrschaft ergangen sei, und er wäre doch auch als Hausfrau mit ihr zufrieden; aber der Förster sagte es ihr gerade heraus, wenn sie ihn nicht immer an der Seite gehabt hätte, könne man gar nicht wissen, wie’s gegangen wäre, wenigstens wäre sie gewiß nicht frei von Anfechtungen geblieben.

[681] Das wollte nun freilich Magdalene nicht zugeben und es gab darüber manchen Hoppas in der Försterei. Derweil lernte die Josephe Nähen, Waschen, Bügeln und Schneideriren, daß es ein Spaß war, und die Magdalene dachte: „Kömmt Zeit, kömmt Rath.“

Die Zeit kam und der Rath auch; nämlich das Frühjahr, was die Herrschaft nach Waldenberg brachte. Der Frau von Walden gefiel die Josephe, wie noch keine, seit sie die Magdalene gehabt hatte, und ehe der Vater Arnold nur so recht zur Besinnung kam, daß ja eigentlich aus seiner Josephe keine Kammerjungfer hatte werden sollen, war sie’s schon, und noch dazu eine perfecte.

Das Freilen Marie kriegte gleich eine ordentliche Liebe zu ihr und die Mutter Magdalene erzählte es allen Leuten, die’s hören wollten, es wär’ ihr, als sei sie wieder jung geworden; denn mit ihrer Josephe ging’s justement so, wie’s ihr in ihrer Jugend gegangen wäre.

Es war doch nicht Alles justement so, wie bei ihr, aber das konnte sie freilich nicht wissen; denn erstens wurde die Josephe im ganzen Schlosse „Mamsell Sephe“ und vom Baron Max und vom Jäger Ulrich gar „Freilen Sephe“ geheißen, und zweitens war’s auch darin ganz anders, daß der Jäger Arnold und der Jäger Ulrich wie Tag und Nacht von einander verschieden waren.

Der Jäger Ulrich hatte, er sagte es selber, einen wahren Narren an der Freilen Sephe gefressen, aber er war ihr in den Tod hinein zuwider. Es war ihr auch nicht zu verdenken, denn wenn man den Ulrich und den Baron Max nebeneinander sah, so hätte man müssen blind sein, wenn man den Jäger noch hätte angucken mögen.

Die Frau von Walden meinte, die Josephe wäre für eine Kammerjungfer beinahe zu fein, aber der Baron Max und das Freilen Marie waren anderer Meinung und konnten sie über ihre feine Art nicht genug loben. Wie das Jahr darauf die Herrschaft wieder von der Stadt nach Waldenberg kam, konnten sich die Leute nicht genug verwundern, was die Mamsell Sephe für einen Staat mitbrachte; sie trug sich schier wie das Freilen, und that auch gewaltig fürnehm. Die Frau von Walden war aber damit nicht zufrieden, und sie kam auch nimmer nach Gleichenberg, – Der Magdalene war das Herz gewaltig schwer, daß die Herrschaft schon über drei Monate in Waldenberg und die gnädige Frau noch mit keinem Schritte bei ihr gewesen war.

Dafür kam einmal der Herr von Walden angeritten und der Arnold kannte sich schier nicht vor Freuden, wie der Brandfuchs vor seiner Thür hielt. Aber gleich an der Thür merkte er’s, daß kein gut Wetter war. Der Herr von Walden gab ihm wohl auch die Hand und drückte sie ihm, wie sonst, aber es kam ihm vor, als guckte er bei Seite, als er ihn grüßte. Er brauchte nicht lange zu warten, bis er wußte, wo’s hing; denn der Herr von Walden war keiner, der viel Federlesens machte. Das war eine schlimme Stunde für die Försters. Der Herr von Walden sagte ihnen, der Jäger Ulrich wollte ihre Josephe nehmen; sie möchte ihn zwar nicht, aber um der Ehre willen wär’s doch gut, denn im Schlosse könnte sie nicht bleiben.

Darauf sagte der Arnold:

„Ich weiß, daß der Ulrich ein Halunke ist, aber die Josephe nimmt ihn.“

Dem Herrn von Walden ging’s bald so nah, wie den Försters, denn er hielt große Stücke auf den Arnold, und wie er wieder auf seinen Brandfuchs stieg, den der Förster ihm hielt, sah Einer so bleich aus, wie der Andere. Wie er aber droben saß, reichte er dem Arnold noch einmal die Hand und sagte mit einem tiefen Seufzer:

„Ja, Arnold, so geht’s! Kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder, große Sorgen,“

Der Arnold wußt’s.

Nach acht Tagen kam die Sephe; die Leute sagten, auf Zuspruch zu ihren Eltern, und es wollte es kein Mensch glauben, wie sie am Sonntag ein für alle Mal mit dem Jäger Ulrich aufgeboten wurde.

Am Dienstag war die Trauung. Der Arnold ging herum, wie wenn er von Stein wäre, und sein Kopf wurde alle Tage weißer; die Magdalene traute sich nicht, ihn anzusehen, sah überhaupt schier nichts, denn ihre Augen waren ihr wie zugeschwollen, und die Sephe hatte vom Vater noch kein Wort und keinen Blick bekommen. Nur wenn der Arnold allein mit der Magdalene war, schlug er sich manchmal mit der Faust an die Stirn und sagte:

„Ich wollt’ ja Alles tragen, wenn nur der Ulrich kein Hallunke wär’.“

Der Arnold war selbst eine kreuzbrave Seele, drum sah er’s den Augenblick, wenn Einer es nicht war; und er hatte es recht gesehen; der Ulrich war ein Hallunke; aber dem Arnold war’s beschieden, daß er’s nicht lange mit ansehen sollte. Anfang Winters ließ die Sephe ein Töchterchen taufen, das hieß Marie. Der Ulrich war noch Jäger beim Herrn von Walden und mit nach der Stadt gezogen, die Sephe aber bei den Eltern geblieben. Der Arnold [682] hob das Kind aus der Taufe, aber schon in der Kirche konnte man’s merken, daß er sich immer veränderte, und wie er daheim in die Stube trat, fiel er der Länge lang hin und war todt.

Die Leute sagten, den habe der liebe Herr Gott zur guten Stunde abgerufen. Unser Herr Gott thut Alles zur guten Stunde; aber freilich, die Magdalene und die Sephe, die wußten nicht viel von guten Stunden mehr. Die Försterin hätte können in der Wohnung bleiben, bis der neue Förster einzog, weil aber der neue Förster ihr Eidam war, so blieb sie ganz drin. Sie zog nur in die obere Stube und da that sie ihr Möglichstes, um der Sephe beizustehen. Die hatte es schwer, denn dem Ulrich war nicht viel darum zu thun gewesen, schon aus dem Herrenbrode zu kommen, und wenn er auch eine schöne Stelle und noch ein Extra-Jahrgeld bekam, so konnte sie ihn doch nicht halten, wie er’s im Schloß gewöhnt war. Da ging er früh und Abends in’s Wirthshaus und der Wirth hielt Wein nur für den „Herrn Förster“. Wie hurtig da aus den Kreuzern Gulden werden und ihrer Wege gehen, das weiß Jeder.

Die Magdalene und die Sephe guckten ängstlich dazu und das nahm der Ulrich übel. Es gab keine gute Stunde mehr in der Försterei.

Zwei Jahre, nachdem die Marie auf die Welt gekommen war, kriegte die Sephe den kleinen Karl; sie nahm aber einen Treff aus dem Kindbett mit; die Sorge that auch das Ihrige, denn der Ulrich kam bald nimmer aus dem Wirthshause und im Hause ging’s immer knapper zu. Sie schlich herum, wie ein Gespenst, und endlich sagten die Leute auch von ihr, daß unser Herr Gott ihr eine gute Stunde geschickt habe. Die Magdalene dachte, das Herz müßte ihr brechen, wie sie an der Leiche von ihrem einzigen Kinde stand, aber sie dankte doch dem lieben Gott, daß ihr Kind die Last vom Leben hinter sich hatte; so was kann nur eine Mutter.

Ein Jahr lang mußte die Magdalene noch viel von dem Ulrich leiden; da wurde er ihr eines Abends in’s Haus gebracht; die Leute sagten, es hätte ihn ein Wilddieb erschossen, es gab ihrer auch, die sagten, er hätte es selbst gethan.

Sie wollte, wie der neue Förster kam, nimmer in Gleicheberg sein, und zog mit den beiden Kindern nach Weißbach, wo sie her war; das lag doch seine drei Stunden weit von Gleichenberg und Waldenberg, wo die Leute sie im Glück gekannt hatten.

In Weißbach wußte keins mehr viel von ihr. Es braucht wenig Jahre, so ist ein menschlich Andenken verweht, wie der Wind. Die ersten Jahre bekam sie regelmäßig Geld geschickt, denn der Herr und die Frau von Walden lebten noch; auch wie die kurz nach einander gestorben waren, kam, vom Baron Max durch den Rentverwalter geschickt, das Jahrgeld. Die Magdalene war fleißig, da ging’s ihnen gut; freilich dadrauf konnte sie nicht mehr so halten, wie sonst, daß Alles blank war und nach was aussah, denn das braucht Zeit, und bei der Marie war keine Rede von weißen Strümpfen und Fürtüchern, sie trug aber keine Kappe; das that sie, weil’s billiger ist, im bloßen Kopfe zu gehen, und es fingen auch schon mehrere Mädchen an, die Kappe fortzulassen. Die beiden Kinder gingen in die Schule und die Nachbarn meinten, es ginge ihnen nichts ab.

Da kam ein Jahr um’s andere weniger Geld und endlich blieb’s ganz aus. Die Magdalene hatte aber ’was gespart und arbeitete noch besser; die Marie kam aus der Schule und griff mit zu, da ging’s denn noch ein paar Jahr lang; das bischen Gespartes ging freilich drauf. Auf einmal kriegte das „Fröle“[1] die Gicht und das nahm so überhand, daß sie bald gar nichts mehr thun konnte. – Sie hatte noch ein paar „gute Stück“ aus der „guten Zeit“, die gingen eins nach dem andern fort, und bald sah’s erbärmlich genug bei der Magdalene aus, aber reinlich immer. Der Hauptverdienst von der Marie war, daß sie die Wäsche hatte, wenn Gäste im Schlosse waren; sie bügelte und besserte aus und scheute sich überhaupt keiner Arbeit. Es gehörte ordentlich zu ihrem Leben, daß sie nur recht zugreifen konnte; es war, wie wenn ihre Hände es selber wüßten, was auf sie ankäme, und das Mädchen war nie glücklicher, als wenn sie vor Arbeit nicht wußte, wohin. Vom Fröle und von der Mutter war’s ihr geblieben, daß sie gern hatte, wenn Alles nach was aussah, aber es fiel ihr nicht ein, daß es nach mehr aussehen sollte, als es bei armen Leuten recht war. Sie selber wußte nicht, daß sie nach was Rechtem aussah, mit sammt ihren blauen Strümpfen. Der Karl war bei einem Schreiner in der Lehre, aber das war ihm arg, denn er wollte partout Jäger werden; das ging freilich nicht, denn der Schreiner that’s ohne Lehrgeld, und woher’s nehmen zum Jäger?

Die Kinder hatten’s nicht leicht bei ihrem Fröle, denn die Magdalene war nimmer, wie sonst. Der Mangel und die Leiden hatten sie schrecklich verbittert und besonders hatte sie jetzt gerade so einen Haß auf die „Fürnehmen“, wie sie sonst einen Narren an ihnen gefressen hatte. Alles, was sonst die Ursache zum größten Lobe war, gab jetzt den Grund zum bittersten Tadel, und sie machte sich ein Geschäft daraus, den Kindern einen Haß gegen sie beizubringen. Beim Karl war es ihr nicht schwer geworden; der wäre jeden Augenblick bei der Hand gewesen, das „schlechte Volk“ von der Erde zu vertilgen und damit der Welt einen großen Dienst zu thun; die Welt und Marie glaubte auch Alles, was das Fröle sagte, denn sie hatte einen gewaltigen Respect vor ihr, aber sie dachte mehr daran, wo sie genug Arbeit herkriegte, als wie sie die fürnehmen Leute hassen sollte, von denen sie, freilich immer nur durch die Dienstboten, doch den Hauptverdienst hatte.

Jetzt nun, gerade an dem Donnerstage, wo die Marie mit dem Karl in’s Holz gegangen war, ging’s der alten Magdalene oft so erbärmlich, daß der Doctor aus dem Flecken Siebenkreuz schon öfter hatte einsprechen müssen. In der Apotheke stand eine Rechnung, im Schlosse hatten sie schon lange keine Arbeit gefunden und die Herbsttage waren schon recht kühl; es mußte warm in der Stube sein und von einem Holztage zum andern ging das Holz rein auf. Heute hatten sie den letzten Stecken in den Ofen gethan, wie sie fortgingen, und wie sie ihr Mittagsbrod verzehrt hatten, trieb die Marie den Karl an, er sollte die große Welle an den Haken nehmen und heimschleifen, sie wolle noch die Kütze[2] voll Stückchen und Tannenzapfen lesen und dann auch kommen.

Der Karl that’s und die Marie las und las, bis ihre Kütze voll war; dann band sie ihre Schürze ab, breitete sie auf den Boden und las wieder, bis sie auch voll war. Nun konnte sie aber vor Kreuzschmerzen sich schier nimmer bücken und sie setzte sich unter eine große Buche, um noch eine Viertelstunde auszuruhen, ehe sie heimging.

Sie hatte die Schürze mit dem gelesenen Holze zugebunden und das Bündel lag neben ihr, es dauerte aber nicht eine Minute, so lag der Kopf drauf; auf die Augen fiel’s wie Blei und sie schlief fest; sie mußte erschrecklich müde gewesen sein.

Mit einem Male fuhr sie auf; sie hatte keine Ahnung, wie lange sie geschlafen, und dachte, sie wäre gerade erst „eingedusselt“, und wenn nicht etwas in ihrer Nähe geknuspert und im Laub gerasselt hätte, wäre sie wohl noch lange nicht aufgewacht. Sie traute ihren Augen nicht, denn nicht weiter als fünfzig Schritt von ihr stand ein prächtiger Rehbock.

Er schaute mit seinen klugen Augen nach allen Seiten, als wollte er seiner Sache erst recht sicher sein, dann bückte sich das zierliche Köpfchen und die Zunge leckte am Boden. Die Marie merkte erst, daß sie im Suchen bis an das Rehholz gerathen war.

Sie saß da und traute sich nicht zu athmen, in der Angst, das schöne Thier könnte fortlaufen; da hörte sie über sich in den Zweigen ein leises knacken, das Thier fuhr in die Höhe, aber im nächsten Augenblick blitzte und krachte es. Das Thier that noch einen einzigen Sprung zur Flucht und im andern Augenblicke lag’s zuckend am Boden. Das Blei hatte gut getroffen.

Die Marie dachte im Schreck, sie müßte selbst getroffen sein, und stieß, wie der Schuß knallte, einen gellen Schrei aus; sie konnte nicht von der Stelle, aber ihre Augen richteten sich in die Zweige hinauf und sahen ein paar Füße, dann einen grauen Rock, dann ein paar Arme, dann ein Gewehr und zuletzt zeigte sich ein braun gebranntes Gesicht mit einem schwarzen Barte. Der Mann, zu dem dies Alles gehörte, stieg auf lauter abgeschnittenen Aesten und, wo sie fehlten, auf eingekeilten Holzstücken am Baume herunter und stand im nächsten Augenblicke neben ihr, eben so erschreckt, wie sie, denn der Schrei der menschlichen Stimme gleich nach dem Schusse hatte ihm den Waidmannsspaß auch versalzen.

War die Marie nach dem Schusse erschrocken genug, so verging’s ihr nicht, wie der Jäger auf sie zu sprang. Er sah aber gleich, daß er den richtigen Bock geschossen hatte und das Mädchen nur vom Schreck so bleich und zitterig unter dem Baume saß.

Der Schwarzbärtige dankte Gott, daß es nur ein Schreckschuß gewesen war. Er riß hurtig seinen Büchsenranzen herunter und [683] brachte daraus eine Flasche hervor, die er ihr an den Mund hielt. Sie schüttelte sich, denn sie dachte, es wäre Schnaps, und davor hatte sie einen Ekel, wohl, weil sie sich noch dunkel erinnerte, was der in ihrer Kindheit für Unglück angerichtet hatte. Aber der Jäger sagte:

„Es ist ja Wein, trink’ nur einen Schluck.“

Die Marie war erst auch vor dem Jäger erschrocken gewesen, denn Mancher, der sonst ganz reputirlich in der Welt herumgeht, sieht aus, wie ein Menschenfresser, wenn er in seiner Jagdhaut steckt, und bildet sich dabei, das ist das Allerschönste, noch Wunders ein, wie was Rares er aussah’. Der den Bock neben der Marie geschossen hatte, sah auf den ersten Blick auch nicht zu schön aus, wie er aber mit der Flasche neben ihr kniete und mit freundlicher Stimme und noch freundlichern Augen sagte: „Trink nur einen Schluck,“ da war es ihr, als dürfte sie’s ihm gar nicht abschlagen und als wäre das ein ganz Anderer, als der ihr im ersten Augenblicke den Schreck einjagte. Sie trank einen Schluck und fühlte auch auf der Stelle, daß sie wieder Leben in sich hatte. Sie sagte, indem sie tief aufathmete:

„Jetzt ist mir’s gleich besser.“

Der Jäger mußte laut lachen; das passirt einem am ersten, wenn man sich von was erholen will, was gerade nicht zum Lachen war; und bei der Marie fing’s auch an, im Munde zu zucken. Wenn man erst eine Metze Salz zusammen gegessen hat, kann man bekannt sein, aber manchmal wird man’s auch schon, wenn man nur einmal zusammengelacht hat, und so ging’s hier auch. Der Jäger wußte bald, wer die Marie war, und er hatte ihr erzählt, daß er mit dem Herrn von Walden auf Zuspruch im Schlosse sei. Die Marie sah ihn dabei wie scheu an und sagte:

„Da seid Ihr wohl der Jäger?“

„Ja, ich bin der Jäger.“

„Drum.“

Er lachte wieder laut aus und wollte wissen, warum sie „Drum“ sagte. Sie meinte, weil sie gleich gesehen hätte, daß er kein Fürnehmer wäre, denn sonst hätte er gewiß eher nach seinem Bocke, wie nach ihr gesehen.

Man konnt’s merken, daß er sich das nicht von ihr erwartet hatte; er sah sie eine Weile ganz ernstlich an, dann sagte er:

„Es ist auch wahr, ich hab’ meinen Rehbock ganz vergessen.“

Dabei stand er auf und ging nach dem Flecke hin, wo das todte Thier lag. Der Marie war’s, als hätte sie was Unrechtes gethan und als müßte sie sagen, er sollte ihr’s nicht verübeln, aber sie hatte nicht den Muth dazu. Sie blieb sitzen und legte die zwei Hände in den Schooß, derweil sie zusah, wie der Jäger den Bock sich über die Achsel warf, um fortzugehen. Wie er sich nach ihr umdrehte, sagte er:

„Bleibst Du denn noch immer sitzen?“

Da fiel’s ihr ein, daß sie doch nun auch heim müßte, und sie sagte:

„Mich deucht, es muß spät sein.“

Er sah sich nach der Sonne um und sagte:

„Es wird wohl bald um sechs sein.“

Dunkelroth im Gesicht sprang sie aus, raffte ihr Bündel in die Höhe und rannte, was sie konnte, ein Stück in den Wald hinein, wo sie ihre Kütze hatte stehen lassen. Der Jäger dachte, sie müßte wiederkommen, aber ein paar Minuten darauf sah er sie drüben im Felde auf einem andern Pfad dem Dorfe zu laufen, als wenn es hinter ihr brennte. Wie sie an das Dorf kam, begegnete sie dem Karl. Er sollte ihr entgegengehen; das Fröle hatte Sorge, es wär’ ihr was „gepassirt“, weil alle die anderen Leute schon um drei Uhr aus dem Holze heim waren und sie allein nicht. Die Marie hatte ja selber nicht gewußt, daß sie an die vier Stunden geschlafen hatte. Sie erzählte dem Karl und dem Fröle, wie’s ihr gegangen war; da hörte die Magdalene, daß der Herr von Walden in Weißbach wäre. Es gereute die Marie schier, daß sie’s erzählt hatte; sie wußte, daß das Fröle auf den Baron Max schlecht zu sprechen war, und es war ihr gar nicht eingefallen, daß das ja der jetzige Herr von Walden wäre. Das Fröle kriegte ihren Stickhusten und hinterher war das Reißen in den kranken Gliedern schier nicht zum Aushalten. Sie legte sich nach der Wand zu und wollte schlafen; die Marie mußte ihr Licht machen und setzte sich an’s Spinnrad. Der Karl ging zu seinem Meister, dort schlief er.

Der Marie war’s ordentlich eine Wohlthat, daß Alles’ still wurde und sie mit ihrem Spinnrade allein war; sie hatte was auf dem Herzen, was sie drückte, und konnte an nichts Anderes denken; da hilft nichts so tragen, als wenn’s still um einen wird. Der Jäger war erst so gut mit ihr gewesen und zuletzt, von da an, wo sie sagte „Drum“, hatte er sie mit seinen schwarzen Augen angesehen, als wenn er sie in sie hineinbohren wollte. Und nun war sie auch noch so einfältig fortgelaufen und hatte nicht einmal „Schön Dank“ gesagt. Der mußte sie doch für eine rechte Trampel halten; sie hätte wer weiß was darum gegeben, wenn er das nicht gedacht hätte. Sie konnte an nichts Anderes denken.

Da pochte es ganz leise an die Stubenthür, sie fuhr zusammen, daß sie um ein Haar das Rad umgeschmissen hätte. Sonst war sie ja ihr Lebtag nicht so schreckhaft gewesen, aber das mußte der Schuß machen. Sie hatte nicht das Herz, „Herein“ zu rufen, aber es pochte noch einmal und das Fröle rief:

„Wer ist da?“

Die Thür ging auf und ein großer bleicher Mann in einen Mantel gewickelt trat herein. Die Marie zitterte am ganzen Leibe, wie sie seinen Gruß mit „Schön Dank“ erwiderte. Sie sah gleich, daß sie ihn nicht kannte, aber die Stimme von dem Manne war auf sie zutrat. Sie sah, daß seine Augen schimmerten, wie wenn Wasser drin stände. Er sagte:

„Ist die Frau Arnold daheim?“

Da bog sich die Gestalt der Frau Magdalene auf ihrem Lager weit vor und sie rief noch einmal, aber mit so lauter Stimme, daß die Marie davor zusammenfuhr:

„Wer ist da?“

Der fremde Mann nahm seinen Hut ab, ließ den Mantel herunterfallen und wendete sich gegen das Lager der Alten.

„Kennt Ihr mich noch, Frau Magdalene? Es sind viele Jahre vergangen und mein Haar sieht wohl bald nicht mehr schwärzer aus, wie Eures.“

Aber der Husten wurde immer ärger und die Alte zog ihre Hand barsch weg. Die Marie sprang zu, um ihr das Kissen höher zu rücken und sie hinauszuheben. Wie’s ihr sauer wurde, denn das Fröle hatte seine Last, bog sich der Fremde über sie weg, um ihr zu helfen, und drückte sie so fest an sich, daß sie dabei an was denken mußte, was weit hinaus ihr im Sinne lag und wovon sie manchmal träumte. Allemal aber, wenn sie daran dachte, spannte sich’s wie ein eisernes Band um ihre Brust und das Wasser mußte ihr aus den Augen schießen.

Sie sah sich, sie mußte noch recht klein gewesen sein, im Schooße von einer bleichen Frau, die sie fest an sich drückte und mit Küssen zudeckte, derweil die Thränen ihr über’s Gesicht liefen. Sie wußte es noch ganz genau, daß ihre Aermchen nicht ganz um den Hals herumreichten, daß sie sie aber auch wieder und immer wieder küßte, bis sie ihr im Arme einschlief, und noch heute, wenn sie daran denken mußte, wollte sie alle Mal die Arme ausstrecken, und es ging leise, sie wußte es wohl selber nicht, aus ihrem Munde:

„Mein Mutterle.“

Das Fröle war auch gut mit ihr gewesen und hatte ihr manchmal schön gethan, aber sie hatte dabei nicht an’s Mutterle denken müssen. Wie der Fremde sie an sich drückte, ging’s ihr leise über die Lippen:

„Mein Mutterle.“

Er wandte sich plötzlich und sagte:

„Morgen komme ich wieder, Frau Magdalene,“ und ehe die Marie wußte, wie ihr geschehen, hatte er Hut und Mantel umgenommen und war zur Thür hinaus; die Alte hustete gewiß noch eine Stunde lang, bis sie so hin war, daß sie in die Kissen fiel und entschlief. Die Marie ging in die Kammer daneben und legte sich auch, aber sie mußte immer an den fremden großen Mann mit grauen Haaren denken, und wie sie endlich einschlief, träumte sie von „ihrem Mutterle“. Der Jäger und daß er sie für „eine rechte Trampel“ halten könnte, war ihr nimmer eingefallen.

Früh, wie sie zum Fröle kam, wunderte sie sich, daß sie freundlicher war, wie sonst, und ihr nachguckte, wohin sie auch ging, aber keins sagte was von dem fremden Manne und dem Karl wurde auch nichts gesagt. So ging der Tag hin und wie es dunkel war, [684] um die Stunde wie gestern, brannte die Lampe und die Marie saß am Spinnrad, da pochte es wieder an der Thür und der Mann kam auch wieder. Die Magdalene hatte schon einen Stuhl an ihr Bette rücken lassen und er setzte sich hin. Sie hustete nicht und gleich fingen sie mit Sprechen an.

Er hatte sich in der Stube umgesehen und fragte, ob es ihr denn knapp ginge. Da konnte sie erst weiter nichts thun, als mit den zitternden Händen in der Stube herumzeigen. Der Baron Max, denn der war’s, konnte nicht begreifen, warum sie ihn dabei ansah, als wenn er Schuld dran wäre, und sagte:

„Hab’ ich Euch nicht genug geschickt?“

Und wie sie sagte, daß sie nun schon seit vier Jahren keinen rothen Heller und vorher auch nur ein Weniges bekommen habe, fuhr er von seinem Stuhle auf, als wenn ihn ein Schlag getroffen hätte, und es ging wie ein Gestöhne aus seiner Brust. Die Magdalene sah gleich, daß er unschuldig an ihrem Elende war, und wie er ihr nun sagte, daß er ihr jedes Jahr zur bestimmten Zeit das Geld durch seinen Rentmeister geschickt habe, da wachte mit einem Male die alte Liebe zu ihm und den Seinigen in ihr wieder auf; sie griff nach seiner Hand und weinte bitterlich. Es war kein Zweifel, daß der Rentmeister das Geld mit noch vielem anderen unterschlagen hatte. Seit drei Monaten war er nicht mehr im Dienst. Wie die Magdalene zu Worte kommen konnte, erzählte sie ihm Alles, was sie betroffen, und wie die Noth gerade jetzt am größten gewesen und daß sie manchmal gedacht, unser Herr Gott habe sie ganz vergessen. Aber der Baron Max erzählte ihr auch, wie es ihm ergangen sei. Er hatte Weib und Kind gehabt und sie verloren, seine Schwester Marie war auch gestorben und nun er alt würde, wäre er kränklich und stehe allein in der Welt. Da habe er den Sohn von einem Vetter, der seinen Namen trüge, an Kindesstatt angenommen. Aber im Haus sei Niemand, der ihm die Wirthschaft führe und ein Herz für ihn habe, drum habe er sich ausgedacht, die Frau Arnold solle mit den beiden Kindern zu ihm ziehen. Sie sollte dort ihre gute Pflege und Alles haben, was sie brauchte, und die Marie wie das Kind vom Hause gehalten sein.

Die Magdalene traute nicht ihren Ohren, sie konnte auch nichts sagen, aber sie nahm seine Hand und weinte bitterlich, Endlich rief sie die Marie, nahm ihre Hand und legte sie auf die des Barons; aber das war ihm nicht genug. Er nahm sie in den Arm und küßte sie, wie nur ein Vater sein Kind küßt. Ihr kam’s vor, als träumte sie, und sie schlang ihre Arme um seinen Hals und sagte:

„Mein Mutterle.“

Im Dorfe war ein paar Tage lang ein großes Gerede, wie’s hieß, die alte Arnolden zög’ wieder nach Waldenberg, aber die Leute sagten, es wär’ nicht mehr als billig, daß der Herr von Walden für sie sorgte. Der Karl, wie er’s hörte, wollt’ es partout nicht leiden, aber der Herr von Walden hatte versprochen, er sollte Jäger werden, und nun war ihm Alles recht. Wer immer die rechten Fliegen trifft, der kann alle Fische an seine Angel kriegen.

Nach acht Tagen kam ein Wagen von Waldenberg, der holte die Magdalene und die Kinder ab. Vorher hatten sie Alles bezahlt, was sie schuldig waren, und Jedes hatte einen neuen Anzug gekriegt. Wenn’s einem wo noch so schlecht gegangen ist, so wird’s einem doch sauer, wenn man auf einmal weg soll, und es ist ordentlich, als bände das Leid fester wie’s Glück. Drum, wie die Drei im Wagen saßen, weinten die Magdalene und die Marie bitterlich, und die Leute, die noch Abschied nahmen, auch. Dem Karl sah man nichts von Trauer an; er saß mit dem Kutscher auf dem Bocke und konnte es nicht erwarten, bis es fort ging.

In Waldenberg wurden sie von dem Herrn von Walden aufgenommen, wie wenn sie alle zu ihm gehörten; im obern Stockwerk waren ein paar Stuben für die Magdalene und die Marie eingerichtet, die waren so hell und sonnig, daß ihnen das Herz lachte, wie sie hinein zogen. Der Karl kam zum Förster nach Gleichenberg.

Die Marie fand auch noch einen ganzen Schrank und eine Kommode voll neuer Anzüge und schöner Wäsche, sie dachte, von allen den Kleidern wären nur ein Paar, die sie anziehen könnte; so fürnehm könnte sie sich nicht tragen. Aber das Fröle war an so was gewöhnt, und nach und nach kam da und dort ein besseres Stück vor, und wurde angezogen. Das Zulegen gewöhnt sich leicht, nur wenn’s rückwärts geht, wird’s schwer; drum ist’s bei allen Dingen gut, wenn man erst von unten anfängt. Die Marie hatte immer nach was ausgesehen, und jetzt sah sie schön aus; aber es fiel ihr gar nicht ein, daß sie drum Eins einmal mehr ansehen könnte; nur manchmal erwischte sie sich dabei, daß sie dachte, ob der Jäger sie wohl wieder erkennte, wenn er sie jetzt säh’; aber es war ihr immer traurig dabei zu Muthe, denn sie dacht’s nun ganz gewiß, sie säh’ ihn nicht wieder, denn in Waldenberg war er nicht, und dann wieder, es wär’ so am besten, weil er im Bösen von ihr gegangen war.

Sie hatte vielerlei zu thun, und da vergehen solche Gedanken am besten. Sie mußte den ganzen Haushalt führen, es ging aber Alles am Schnürte, denn das Fröle sagte ihr, was sie nicht wußte, und die Leute sagten, sie machte es „wie eine Alte.“

Der Herr von Walden konnte die Augen nicht von ihr lassen, und sie hatte ihn so lieb, wie wenn’s ihr Vater wäre. Wenn sie nicht beim Fröle war, mußte sie bei ihm sein, und die Leute sagten, er wäre nicht mehr zu erkennen, so vergnügt säh’ er aus; denn seit er Frau und Kind verloren hätte, wär’ kein Lachen mehr von ihm gehört worden. Aber elend sah er aus, und er war auch nicht gesund, nur die Marie könnt’ es ihm Alles recht machen, wenn er sich klagte; sie war so leise bei Allem, was sie that, daß er sie gar nimmer wollte von sich lassen. Dem Fröle ging nichts ab, denn sie konnte haben, was sie wollte, und der Doctor kam alle Tage zu ihr; da konnte die Marie beim Herrn von Walden bleiben.

Es war schon ein halbes Jahr, seit sie in Waldenberg waren, da wurde der Herr von Walden in der Nacht ernstlich krank. Der Doctor sagte, es wäre die fliegende Gicht, und der Kranke müßte recht in Acht genommen werden. Er hatte arge Schmerzen und die Marie wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Die Leute sagten, das wäre dem Herrn sein guter Engel, und er selber, wenn sie sich über ihn hinbog und ihm den Trank reichte, denn er konnte selbst nichts thun, sagte es zu ihr, und zog ihre Stirn manchmal zu sich herunter, daß er sie darauf küssen konnte.

Nachts rückte sie einen großen Lehnstuhl neben sein Bett und wenn er schlief, schlief sie neben ihm; wenn er aber wachte, war sie auch da. Oft schlief er ein und hielt ihre Hand in der seinen; dann fiel ihr Kopf neben der Hand auf’s Bett und sie schlief ein. In einer Nacht war sie auch so neben ihm eingeschlafen, sein Athem war schwer. Der Arzt hatte zum alten Johann gesagt, er sollte manchmal nachsehen, und wenn sich etwas Bedenkliches zeigte, ihn rufen lassen. Um ein Uhr trat der Diener leise in die Thüre, um wieder nachzusehen; diesmal war er aber nicht allein; über seine Schultern hinweg bog sich das ernste Gesicht eines jungen Mannes. Es war braun gebrannt und dunkle Haare und Bart gaben ihm noch was viel Ernsteres. Der Johann drehte sich nach ihm um, und wies mit der Hand nach den Zweien. Er sah aber schon nichts Anderes mehr. Er holte sich leise einen Stuhl herbei, stellte ihn auch neben das Bett und sagte:

„So, Johann, nun schlafe Du, ich wache vollends.“

Der Alte ging, und er setzte sich. Seine Augen sahen von dem Kranken auf die Marie und von ihr auf den Kranken, und es kam kein Schlaf hinein. Da regte sich der Kranke und gleich war auch das Mädchen da – aber er schlief weiter, und nur die Marie blieb wach. Da nahm eine Hand die ihrige – und sie dachte, sie träumte, wie sie die Augen aufmachte und vor ihr der Jäger saß. Endlich, wie er sie immer ansah und dabei so freundlich nickte, kam es ihr doch vor, als wenn das nicht nur geträumt könnte sein. Sie sagte leise: „Seid Ihr’s denn, oder nicht, Herr Jäger?“

Fast hätte der Jäger wieder aufgelacht, aber er that’s nicht, denn der Kranke regte sich nun wirklich und schlug die Augen auf. Sein Blick fiel auf den Jäger und der stand gleich auf vor ihm. Es ging wie eine Veränderung in dem Kranken vor, seine zwei Hände streckten sich aus und er rief:

„Gottlob, daß Du da bist, mein Werner! Ich hätte nicht mögen aus der Welt gehen, wenn Du mir nicht die Augen zugedrückt hattest.“

Da ging’s wie ein Zittern durch den ganzen Körper von der Marie, sie war aufgestanden, wie der Jäger aufstand, aber sie setzte sich wieder, denn „der Werner“, das war ja der Neffe, der Sohn vom Herrn von Walden und dem mußte sie Platz machen. Nach einer kleinen Weile, die Beiden sprachen immer zusammen, aber sie hörte nichts, stand sie leise auf und schlich der Thüre zu; [685] es war ihr, wie wenn sie nichts mehr da zu thun hätte, aber sie war noch nicht bis an die Thür gekommen, da rief die Stimme des alten Herrn: „Marie, bleib da, mein Kind,“ und der Jäger war an ihrer Seite und zog sie zu dem Stuhle am Bette hin. Der Vater nahm ihre Hand, und legte sie in die des Sohnes und sagte: „Siehst Du, Marie, wenn ich fort muß, lasse ich Dich nicht allein.“

Sie wußte nicht, was sie sagen und auch nicht, wo sie hinsehen sollte, denn ihr schwindelte es. Sie fühlte nur, wie die Hand des Sohnes sich fest um die ihre schloß und seine tiefe Stimme neben ihr sagte:

„Du sollst nie allein sein, Marie.“

In der Thür aber stand der alte Johann, denn er hatte drinnen sprechen hören, und warnte, der Doctor habe es streng verboten, daß der Herr Baron sich nicht aufregen dürfe. Der Morgen brach auch schon hervor und der Kranke sagte, der alte Diener solle bei ihm bleiben, die Beiden, der Sohn und die Tochter, aber sollten schlafen gehen. Sie gingen, aber ob sie schliefen? Die alte Magdalene wunderte sich schier, wie sich die Marie früh anzog, denn sie brauchte nicht zuzureden, ungeheißen zog sie ein Sonntagskleid an, und es war doch nur ein purer blanker Werkeltag.

Von da an pflegte die Marie nicht mehr allein, der Sohn war neben ihr und in der Krankenstube waren drei glückliche Menschen. Der Vater sah’s von Tag zu Tag, wie die Liebe seiner Kinder zu einander wuchs. Die Maria sorgte still fort für Alles, was er brauchte, und der Werner erzählte ihm und ihr von Allem, was er gesehen und gehört in der weiten, weiten Welt. Was er auch sagen mochte, und wenn sie früher nie davon gehört hatte, so wurde ihr’s doch klar und begreiflich. Sie merkte und begriff, wovon sie früher nur so geahnt hatte, daß es eine Arbeit gäbe, die man nicht zu sehen braucht, und die erst in jede sichtbare den rechten Kern hinein legt, das ist die Arbeit, die der Gedanke thut; je mehr sie das inne wurde, je mehr Respect mußte sie vor jeder Arbeit bekommen, und je größer wurde ihre Liebe zu dem Werner. Der Werner aber meinte, so glücklich wär’ er in seinem Leben nicht gewesen, als wie das fleißige, einfältige Mädchen ihm zuhörte, denn das Größte und Herrlichste, was man in der lieben Gotteswelt sehen und hören kann, sehen und hören wir ja erst dann im Sinne Gottes, wenn durch die Liebe des Menschen der göttliche Hauch darin Gestalt bekömmt.

Das Auge des Vaters ruhte immer seliger auf den Beiden, aber mit jedem Tage wurde es matter und der Athem wurde schwächer. Eines Abends sah Marie den Herrn Docter und den Werner immer fragender an, weil sie bemerkte, daß sie sich bedenkliche Blicke zuwarfen; ihr Mund traute sich aber nicht zu fragen, und auch die Stube zu verlassen, hatte sie nicht den Muth; da winkte der Kranke sie zu sich heran und sagte:

„Marie, ich muß meinem Werner etwas sagen.“ Und sie verließ das Zimmer.

Der Sohn beugte sich zur Lippe des Vaters, die nur leise sprach: „Du wirst, nicht wahr, mein Werner, Du wirst meine Marie nicht verlassen?“

„Nein, Vater, sie wird die Meine sein.“

„Ich danke Dir, Werner; ich wußte es, Du wirst sie zu Deinem Weibe nehmen und nie vergessen, daß sie in meinen letzten Lebensstunden die Freude meines Lebens wurde.“

„Ja, Vater, Marie wird mein Weib werden und ich werde sie lieben für Dich und für mich.“

Ein Lächeln zog über Herrn von Walden’s Gesicht, wie er sagte: „Rufe mir Marie!“

Sie kam und ihr Auge begegnete dem Blick des Vaters. Sie neigte sich zu ihm und er sagte:

„Habe Dank, Marie, Du warst mein Engel.“

Ihr Kopf schmiegte sich an des Vaters Brust. Es war eine tiefe Stille um sie her. Endlich bog sich Werner über sie, und sie hob den Kopf, um nach dem Vater zu sehen; ihr Blick begegnete aber dem seinigen nicht mehr, denn er war gebrochen.

Marie zuckte zusammen. Wie Sterben aussieht, hatte sie schon eine ganze Weile mit angesehen, aber den Tod kannte sie nicht.

Werner’s Hand legte sich leise auf die Augen des Vaters und wie er sie aufhob, waren sie geschlossen. Marie sah zu ihm auf, da kniete er nieder neben ihr und sagte:

„Sieh, Marie, der Vater hat uns verlassen.“

Es zuckte, wie wenn ein Messer sie getroffen hätte, durch ihre Glieder und sie sah ihn mit bitterem Jammer an; aber er legte seinen Arm um sie her, sein Kopf legte sich an den ihrigen und er sagte wieder:

„Nicht wahr, Marie, Du bist nun doch nicht allein, denn der Vater hat Dich mir gelassen, und nun sag’ mir’s gleich hier neben ihm, daß Du ihm folgen und mein sein willst für’s ganze Leben.“

Marie hatte viele Monate lang schwere körperliche Anstrengungen ertragen, um sich nur ganz der Pflege des Kranken hinzugeben, und ihr ganzes Leben war ja ein schweres gewesen von Kindesbeinen auf; sie hätte aber noch lange, sie hätte vielleicht immer solch’ schwere Last des Lebens ertragen und nicht eher gemerkt, wie schwer sie sei, als bis alle ihre Kraft drangesetzt war; von Arbeit, Entbehrung und Aufopferung konnte sie leben; das ist so bei der Frau, die rein und natürlich aufwächst und ein frisches Herz in der Brust hat; wie aber Werner zu ihr sagte: „Sag’ mir, ob Du mein sein willst,“ da ging die Kraft ihr aus; an’s Glück muß man sich auch gewöhnen. Sie sah ihn stumm an, als verständ’ sie ihn nicht, aber im andern Augenblicke hing sie ihm am Arme und war ohne Leben. Der alte Arzt, der im Schlosse zu Waldenberg schon lange wie ein Freund aus- und einging, kam gerade recht. Ihm konnte Werner sagen, was sie niedergeworfen, denn daß der Schmerz und die Sorge es nicht konnten, das hatte er am Bette des Kranken gesehn, und sein Haar war grau geworden unter viel Aufopferung. Er lächelte und sagte: „Dagegen gibt’s Mittel.“

Die Magdalene wußte nicht, wie ihr geschah, als ein Trauer- und Freudenfest zusammen in ihre stille Stube drang. Sie drückte die Hände fest zusammen und sagte zu dem jungen Schloßherrn:

„Unser Herr Gott macht Alles recht, denn das Kind weiß von Hoffahrt nichts und drum muß ihm das Glück zukommen aus freier Hand.“

Ob sie wohl glücklich wurden, der reiche Schloßherr und das arme Försterskind? Und ob wohl keins von den vornehmen Verwandten die Nase rümpfte, wie der reiche Herr von Walden sie als sein Weib auch in die Stadt führte? – Lust hatte manches, aber schöner, wie sie, und feiner und klüger gab’s keine im ganzen von Lichterglanz hellen Saale der großen Welt, als die Baronin Walden, unsere Marie Ulrich; und die Lust hatten, die Nase zu rümpfen, versahen’s und lächelten ihr zu.

Lange waren sie aber nicht im hellen Saale der großen Welt, denn sie zog’s nach Waldenberg und von da nach Gleichenberg. – In Waldenberg trafen sie nach wenig Jahren die alte Magdalene nicht mehr, sie war in Glück und Frieden heimgegangen, aber in Gleichenberg wohnte der junge Förster Karl Ulrich – und wenn der Herr und die Frau von Walden mit einem Häufchen braun- und schwarzgelockter Kinder dahin kamen, gab es einen Jubel ohne Ende, denn der Onkel Karl wußte jede Nußhecke und jeden Platz im Walde, wo Beeren und Blumen zu finden waren; die mußte er den Kindern der Schwester zeigen, denn er selbst lebte allein in dem Hause, wo er geboren wurde. Das war ein Jubel ohne Ende. Aber es jubelten nicht nur die Kleinen – auch Werner und Marie theilten die Kinderlust – was war ihnen dagegen der helle Saal der großen Welt?

  1. Großmutter.
  2. Tragkorb.