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Titel: Karl August und Louise
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 504–505
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[504]
Karl August und Louise.
Zum 3. September 1857.

Am 3. Septbr. 1757 gebar die siebenzehnjährige Amalie ihrem Gemahl, dem Herzoge Ernst August von Weimar, den ersten Sohn, Karl August, und heute, am 3. Septbr. 1857, prangt nicht nur die kleine Stadt Weimar im festlichen Schmucke, um die hundertste Wiederkehr jenes Tages feierlichst zu begehen, auch aus allen Gegenden Deutschlands strömen Tausende freudig bewegt hinzu, das Fest mit zu feiern und dem Andenken jenes Fürsten den Zoll ihrer dankbaren Verehrung darzubringen. Es ist also kein blos Weimarsches, es ist vielmehr ein deutsches Fest, das man begeht. Ein deutsches Fest aber etwa nur, weil den großen deutschen Dichtern, die Karl August um sich sammelte und denen er Freund war, an diesem Tage Denkmale aus Erz errichtet werden? O nein! So tief die Nachwelt die Verdienste fühlt, welche Karl August um Wieland, Goethe, Herder und Schiller und damit zugleich um die deutsche Literatur sich erworben hat, so sehr sie von der Ueberzeugung durchdrungen ist, daß er jene Sterne nicht aus Eitelkeit um sich sammelte, um mit ihrem Glanze zu prahlen, so wenig vergißt sie, daß Karl August viel mehr war, als blos ein Förderer und Beschützer deutscher Dichter.

Ueberblickt man sein Leben und Streben, so drängt sich unabweislich der Gedanke auf, daß große Menschen sind, wie hohe Berge, denn wie die letzteren zuerst von den Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchtet werden und hell hineinleuchten in das Dunkel, das noch um sie her liegt, so erhellt große Menschen auch zuerst das Licht neuaufgehender Ideen, während die Masse des Volkes oft noch lange umnachtet bleibt. Einer solcher großen Menschen war Karl August und Deutschland verehrt ihn, weil die neuen Ideen, die leuchtend ihm zuerst erschienen, Deutschlands Wohl galten, Ansichten und Gedanken über das waren, was ihm Noth that und – noch Noth thut, Zielpunkte des Strebens, die er schon zu erreichen sich bemühete, um deretwillen das Vaterland so viel gelitten hat und die doch zum Theil noch immer unerreicht in der Ferne liegen. Darum aber erkennen Alle, die Deutschland einig, mächtig und glücklich sehen möchten, in Karl August das Ideal eines echten deutschen Mannes, eines echten deutschen Fürsten und darum feiern alle Vaterlandsfreunde den 3. Septbr. von Herzen mit.

Ueber den äußern Glanz des Lebens Karl August’s, so wie über die andern Seiten seiner Wirksamkeit, über seinen Charakter und seinen Geist, ist auch von uns schon häufig genug gesprochen worden; wir lassen also alles dies jetzt bei Seite, um kurz auf seine Bestrebungen und Verdienste als deutscher Fürst hinzudeuten.

Viel zu weit würde es uns führen, wollten wir den traurigen Zustand des heiligen römischen deutschen Reichs in den letzten Jahrzehnten seines Bestehens schildern. Nicht blos etwas war darin faul, sondern Alles. Karl August fühlte dies schmerzlich und die Abhülfe sah er schon damals in dem, was wir noch immer erstreben: in der Reform des Reichs, in einem deutschen Zollvereine u. s. w. Ueber die zahllosen Zollschranken, die damals Deutschland versperrten, zürnte er bei mehr als einer Gelegenheit, denn er fand mit Recht einen Grund der Noth darin, daß „die großen Staaten ihre Länder von jenen ihrer Nachbarn wie Inseln im offenen Meere absondern und die sicherste Art, ihre Macht zu vermehren, darin zu finden glauben, daß sie alle diejenigen, welche nicht die Ehre haben ihre Unterthanen zu sein, aushungern, damit sie sich aus Noth unterwerfen.“

Er sah das Heil Deutschlands nur „in der Vereinigung der verschieden wirkenden Kräfte auf einen Punkt,“ also in einer gründlichen Reform des Reiches, aus welcher die Gründung einer nationalen Macht hervorgehen sollte. Diesen Gedanken hat er verfolgt sein ganzes Leben hindurch, und überall und alle Zeit, wo er hoffen durfte, zu seiner Verwirklichung mithelfen zu können, war er unermüdlich thätig dafür. Schon in den ersten Jahren seiner Regierung, als die Thaten Friedrichs des Großen Deutschland aufrüttelten, schrieb er einmal: „man beginnt zu hoffen, daß der träge Schlummer, der Deutschland seit dem westphälischen Frieden drückt, endlich einmal zerstreut, daß der Nationalgeist in unserem Vaterlande erweckt werden könne.“

Wahrhaft begeistert nahm er die Idee des Fürstenbundes auf, weil er durch denselben zur Reform des Reichs zu gelangen hoffte. Droysen (in seinem trefflichen Schriftchen: Karl August und die deutsche Politik. Jena, Frommann) theilt einige wichtige Eröffnungen darüber mit. Man gewann, namentlich durch Karl August, Preußen für die Idee, namentlich den Thronfolger des alten Fritz, so daß Karl August schreiben konnte: „der Prinz von Preußen versprach, wenn die deutschen Fürsten sich zu der vorgeschlagenen gesetzmäßigen Verbindung bereit finden lassen und dadurch beweisen, daß sie sich nicht nachlässiger Weise blos auf fremde Hülfe verlassen, sondern selbst an ihrer Erhaltung, so wie es echten Deutschen geziemt, arbeiten wollen, bei seiner Thronbesteigung und in der Fortdauer seiner Regierung das deutsche Reich vor aller an seiner Freiheit und Constitution zu nehmender Unbilde zu schützen, selbst nie etwas zu thun, was dem Reichssystem zuwider laufen könnte, und sich überhaupt als ein wahrer patriotischer deutscher Reichsstand zu beweisen.“ Und ein anderes Mal schreibt er: „ich bezeuge auf meine Ehre, daß die Gesinnungen des Prinzen Thronfolger lauter sind und daß seine Absicht dahin geht, die deutschen Stände aus ihrem Schlafe zu wecken und ihnen fühlen zu machen, daß es unschicklich sei, nichts für ihre Erhaltung zu thun. Es ist hierbei nicht zu leugnen, daß ja, wenn hier von Interesse die Rede sein kann, der Prinz von Preußen dasjenige besitzt, ein so mächtiges Reich, wie Deutschland ist, zusammenverbunden zum Freunde zu haben und diesen gesetzmäßigen Alliirten als ein starkes Gegengewicht gegen alle usurpirenden Mächte zu besitzen. Ferner hilft es ihm aus der Verlegenheit, einstmalen gezwungen zu sein, Deutschland theilen zu helfen, welches gewiß erfolgen würde etc.“

Preußen sollte dafür, daß es an die Spitze des Fürstenbundes trat, die Pflicht übernehmen, seine Politik nicht mehr blos eine preußische, sondern eine deutsche sein zu lassen, während die Fürsten auf jeden Schein eigener auswärtiger Politik verzichteten. Politisch und militärisch sollte das Gebiet des Bundes als eine Macht dastehen; es war bereits von einem gemeinsamen Gesetzbuche, von Aufhebung der Binnenzölle etc. die Rede.

Ueber die Ansicht Karl August’s über diesen Bund äußert Graf Görz: „er betrachtete denselben mehr aus dem höhern Pnnkte der Nationalität und erblickte in ihm ein Mittel zur Wiedergeburt des deutschen Vaterlandes, und zur Wiederbelebung seines erloschenen Gemeingeistes und seiner tief gesunkenen Gesammtkraft, [505] als Mittel, nicht nur Deutschlands Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu sichern, sondern auch seine Verfassung zu verbessern.“

Wie das Alles mißlang, wie nur Schmach von Frankreich her über Deutschland durch Napoleon kam, zu dessen Schmeichlern Karl August nie gehörte, wie derselbe sofort mit allem Eifer thätig war, als die Hoffnung sich zeigte, das Vaterland befreien zu können, ist bekannt genug. Weniger ist es sein Mißmuth über den Gang der Verhandlungen auf dem Wiener Kongresse und wie unverhohlen er ihn aussprach: „Unweisheit und Egoismus beseelen die hiesigen Berathungen und der gute Wille, der so viele Menschen belebte, ist schändlich in die Schanze geschlagen worden. Man hat viel von Napoleon gelernt, auch die Frechheit. Da alle Briefe eröffnet werden, so kann man sich nicht ordentlich herauslassen; deswegen schreibe ich euch so selten.“ Und am 5. Februar 1815: „Auf diese Welt komme ich nicht wieder, wenn die freie Wahl mir dazu gelassen wird, es geht zu arg darin zu. Den hiesigen Aufenthalt habe ich dicke satt, indessen kann ich nicht weg, bis daß der Knoten geschürzt und namentlich die Grundzüge der künftigen Verfassung Deutschlands ausgesprochen sind.“

Die Gartenlaube (1857) b 505.jpg

Karl August.   Herzogin Louise.


Bekanntlich war er der Erste, der sich seiner vollen Souveranetät und zwar freiwillig begab und (schon im Januar 1816), „eingedenk der Vorschrift und des Sinnes des deutschen Bundesvertrags“, Einleitungen zum Entwurf einer Verfassung für sein Land treffen ließ, „denn es sei sein Wille,“ erklärte er den versammelten Ständen, „die für Deutschland aufgegangenen Hoffnungen in seinem Lande zu verwirklichen, die Lehre so außerordentlicher Schicksale benutzend, auf Eintracht das Glück des Staates zu gründen.“

Die bald eintretende Reaction machte ihm Kummer und Sorge, und kaum vermochte er vor den Alles überfluthenden Wogen derselben sein Land wenigstens einigermaßen zu schützen. Welche Gesinnungen diesen ächten deutschen Patrioten beseelten, hat er bei der Erneuerung des Ordens seines Hauses deutlich in der Urkunde über die Pflichten der Ordensritter ausgesprochen: „Treue und Ergebenheit gegen das gemeinsame deutsche Vaterland und daß jedes Mitglied des Ordens dahin wirke, daß vaterländische Gesinnung, deutsche Art und Kunst, Vervollkommnung der gesellschaftlichen Einrichtungen sich immer weiter entwickele, und daß auf eine gründliche und des Ernstes des deutschen Nationalcharakters würdige Weise sich Licht und Wahrheit verbreite.“

Karl August’s Gemahlin, Louise, geborne Prinzessin von Darmstadt, erblickte ebenfalls im Jahre 1757 das Licht der Welt, und sie hat es um Weimar verdient, daß man bei der Festfeier auch ihrer gedenke. Obgleich sie in der stürmischen Jugend Karl August’s mancherlei ertragen mußte, bewahrte sie doch immer ihre sanfte Milde und würdevolle gleiche Ruhe. Durch dieselbe zwang sie selbst Napoleon Achtung ab, als sie ihm, dem hochfahrenden Sieger, nach der Schlacht bei Jena entgegentrat. Der Engländer Lewes sagt deshalb: „Die Königin von Preußen und die Herzogin von Sachsen-Weimar sind zwei der hervorragenden Gestalten in der deutschen Geschichte, welche dem ersten Manne seiner Zeit, Napoleon, entgegenzutreten wagten, und von ihm, eben dieses Muthes wegen, bewundert wurden.“

Die freiwillige, nicht officielle Liebe, mit der heute die Besten der deutschen Nation nach 100 Jahren einem todten Fürsten nachjubelt, trägt eine ernste, wichtige Mahnung in sich.