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Titel: Karaiten von Theodosia auf der Krim
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 216
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: jüdische Glaubensgruppe auf der Krim
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[216] Karaiten von Theodosia auf der Krim. Unter den mannigfachen Völkerschaften der Krim, mit denen die Leser dieses Blattes schon übersichtlich bekannt gemacht wurden, nehmen die Karaiten in sittlicher und intellectueller Beziehung den ersten Rang ein. Der Abstammung nach sind sie Juden, aber mit besonderen Traditionen und Kulten. Ihre Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ist auf der ganzen Krim und unter den Kaufleuten des schwarzen Meeres sprüchwörtlich bekannt. Sie sind deshalb auch im Ganzen reich, da sich Jeder an sie wendet, der sichere Handelsgeschäfte machen will, so sehr sie auch durch die Einnahme Theodosia’s (oder Kaffa’s) von den Russen litten. Die meisten Karaiten leben in dieser Stadt, nur Wenige in andern Orten und dann nicht dauernd. Sie behaupten, den Urtext des alten Testamentes in seiner reinsten, unverfälschten Gestalt zu besitzen, und an ihn halten sie sich in ihrem Religionskultus, so daß sie nicht unter den Machwerken und Pedantereien des Talmud, durch welchen die andern Juden so beschränkt werden, insofern sie für orthodox gelten wollen, zu leiden haben. Von Moses kommt in ihrem Bibeltexte gar nichts vor. Er beginnt mit dem Buche Josua. Jeder Karaite hält es für seine religiöse Pflicht, diese ganze Bibel wenigstens einmal in seinem Leben schön und rein abzuschreiben. Bei ihren sonst praktischen Verdiensten könnten sie sich leicht davon dispensiren. Doch läßt man ihnen gern ihren Glauben, der so gesunde Früchte im Leben zeitigt, sogar ihren Aberglauben, der schön poetisch ist in Bezug auf ihre Todten, von welchem wir durch den Engländer Clarke hören, indem er ihr wunderschönes „Feld der Todten“ beschreibt. „In einem abgelegenen Thale rechts von der Stadt fanden wir zwischen Bergen das heilige Thal der karaitischen Juden mit überhängenden Felsen und dicht beschattet von dicklaubigen Bäumen, unter denen sich die weißen Marmordenkmäler still und die weißen Gestalten der schönen Frauen und Töchter lebendig erhoben. Abends und Morgens in dieses schattige, grüne Thal zu gehen und mit den Seelen ihrer verstorbenen Lieben, die über ihren Gräbern schweben und den Hinterbliebenen Trost und Hoffnung zuflüstern, bildet fast die einzige Freude und Erholung der karaitischen Jüdinnen, ähnlich denen der Türkinnen, die denselben schönen Aberglauben theilen. Wenn ich etwas von ihnen haben möchte, wäre es dieser schönmenschliche Glaube.“

Was ihren Hauptsitz betrifft, Theodosia, wird die Stadt schon lange vor Christi Geburt erwähnt. Der griechische Redner Demosthenes erwähnt sie schon als die segensreichste Kornlieferin für Athen. Sie spielte eine Rolle gegen Mithridates, den großen König und Krieger des Pontus-Reiches, den furchtbarsten Feind der Römer, deren er mit seinem Heere an einem Tage über 80,000 erschlagen haben soll (120 bis 64 Jahre vor Christi Geburt). Unter Mohamed II. kam Theodosia (1474) unter türkische Herrschaft, eben so die genuesischen Colonieen des schwarzen Meeres und dessen blühende Städte zusammen, besonders seit 1672, wo der Bosporus für alle Schiffe geschlossen ward. Im Jahre 1783 fiel Theodosia nach einem harten Kampfe in die Hände der Russen. Letztere fanden nur noch 50 Familien in der alten, blühenden Handelsstadt, die bis auf wenige Häuser in einen Schutthaufen verwandelt worden war. Die Sieger machten marmorne Moscheen zu Magazinen und Pferdeställen, rissen die Minarets herunter, und herrliche Springbrunnen und Wasserleitungen auf. Am Meere standen zwei besonders prachtvolle Moscheen mit Minarets, 16 Klaftern hoch und mit um sie gewundenen Treppen, die auf die Spitze führten; aber auch sie wurden zerstört und in’s Meer geworfen. Die wenigen damals überlebenden karaitischen Familien haben sich bis jetzt noch nicht wieder zu ihrem alten Ruhme ehrlichen Handels erheben können.