Kalewala, das National-Epos der Finnen/Zweiundzwanzigste Rune

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aus: Kalewala, das National-Epos der Finnen
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[126]
Zweiundzwanzigste Rune.


     Als die Hochzeit man gefeiert,
Zur Genüge dort geschmauset
Auf der Hochzeit in dem Nordland,
Auf dem Fest des Düsterlandes,
Sprach die Wirthin von Pohjola
Zu dem Eidam Ilmarinen:
„Warum sitzst du, Hochgeborner,
Wachest du, o Zier des Landes,
Sitzst du zu des Vaters Besten,

10
Oder zu der Mutter Liebe,

Zu dem Glanze unsrer Stube,
Zu der Zier der Hochzeitsgäste?“
     „Sitz’ nicht zu des Vaters Besten,
Nicht aus Liebe zu der Mutter,
Nicht zum Glanze unsrer Stube,
Zu der Zier der Hochzeitsgäste,
Sitze zu der Jungfrau Besten,
Sitz’ aus Liebe zu dem Mädchen,
Zu dem Glanz der Heißgeliebten,

20
Zu der Zier der Schöngelockten.“

     „Bräutigam, mein lieber Bruder,
Warte noch nach langem Warten,
Nicht ist die Geliebte fertig,
Nicht gerüstet die Genossin,
Halb nur ist das Haar geflochten,
Ungeflochten ist die Hälfte.“
     „Bräutigam, mein lieber Bruder,
Warte noch nach langem Warten,
Nicht ist die Geliebte fertig,

30
Nicht gerüstet die Genossin,

Angezogen ist ein Ärmel,
Ungefüllet ist der andre.“
     „Bräutigam, mein lieber Bruder,
Warte noch nach langem Warten,
Nicht ist die Geliebte fertig,
Nicht gerüstet die Genossin,
Schon beschuht an einem Fuße,
An dem andern nicht beschuhet.“
     „Bräutigam, mein lieber Bruder,

40
Warte noch nach langem Warten,

Nicht ist die Geliebte fertig,
Nicht gerüstet die Genossin,
Eine Hand steckt schon im Handschuh,
Unbedecket ist die andre.“
     „Bräutigam, mein lieber Bruder,
Hast gewartet unermüdlich,
Fertig ist nun die Geliebte,
Ganz gerüstet nun dein Entlein.“
     „Gehe nun, verkaufte Jungfrau,

50
Folge du, erkauftes Hühnchen!

Nah’ bei dir ist die Verbindung,
In der Nähe schon die Trennung,
Bei dir steht der dich entführet
In der Thür der dich geleitet,
Schon zerbeißt das Roß die Zügel
Und der Schlitten harret deiner.“
     „Warst zum Geld du bald geneiget,
Warst du rasch die Hand zu geben,
Hitzig das Geschenk zu nehmen,

60
Dir den Ring rasch anzustecken,

O, so sei nun hold dem Schlitten,
Hitzig dahin einzusteigen,
Rasch nun nach dem Dorf zu gehen,
Voller Eile fortzureisen!“
     „Hast nicht viel, o junges Mädchen,
Hingeblickt nach beiden Seiten,
Über deinen Kopf geschauet,
Schloss’st du einen Kauf voll Reue,
Voller Thränen für dein Leben,

70
Mit Gewimmer für die Jahre,

Daß das Vaterhaus verlassen,
Von der Heimath du gezogen,
Von der lieben Mutter Seite,
Aus dem Aufenthalt der Theuern.“
     „Wie so schön war dir das Leben
In des Vaters Wohngebäuden,
Wuchsest wie ein zartes Blümlein,
Wie die Erdbeer’ auf dem Felde,
Stiegst in Butter aus dem Bette,

80
In die Milch du von dem Schlafe,
[127]

Von dem Lager du in Weizen,
Von der Streu zu frischer Butter,
Konntest du nicht Butter essen,
Schnittst vom Schweinefleisch du Scheiben.“
     „Warest niemals, Kind, in Sorgen,
Hattest niemals viel zu denken,
Ließ’st den Tannen alle Sorgen,
Die Gedanken den Staketen,
Allen Kummer Sumpfesfichten

90
Und der Birke auf dem Sande,

Flattertst selber gleich dem Blättlein,
Gleich dem muntern Schmetterlinge,
Eine Beer’ auf Heimathboden,
Eine Himbeer’ auf den Fluren.“
     „Gehest nun aus diesem Hause,
Wanderst hin zu anderm Hause,
Hin zu einer andern Mutter,
Hin zu fremdem Hausgesinde,
Anders ist es hier und dorten,

100
Anders in dem andern Hause,

Andre Hörner blasen dorten,
Andre Thüren knarren dorten,
Andre Pforten drehn sich dorten,
Andre Angeln zischen dorten.“
     „Nicht kannst du zur Thüre finden,
Nicht die Pforte richtig drehen
Nach der Art der Töchter dorten,
Kannst das Feuer auch nicht schüren,
Nicht den Ofen dorten heizen

110
Nach dem Sinn der Männer dorten.“

     „Glaubtest du, o junges Mädchen,
Wußtest du es, als du meintest,
Nur auf eine Nacht zu gehen
Und am Tag zurück zu kehren?
Wanderst nicht auf eine Nacht nur,
Nicht auf eine, nicht auf zwei nur,
Bist auf längre Zeit gewandert,
Gingst auf Jahre und auf Monde,
Lebenslang vom Vaterhause,

120
Während deine Mutter lebet;

Länger ist ein Stück der Hofraum
Und die Schwelle etwas höher,
Wenn du einmal wiederkehrest,
Wieder in die Heimath kommest.“
     Ach, es seufzt das arme Mädchen,
Seufzet sehr und holet Athem,
In dem Herzen hat sie Kummer,
Wasser tritt ihr in die Augen,
Redet selber diese Worte:

130
„Also wußt’ ich’s, also dacht’ ich’s,

Meint’ es so, so lang’ ich lebe,
Sprach in meinen Blüthejahren:
Bist als Jungfrau keine Jungfrau
In dem Schutz der eignen Alten,
Auf der Flur des eignen Vaters,
In dem Haus der alten Mutter;
Dann erst bist du eine Jungfrau,
Wenn du zu dem Manne ziehest,
Auf der Schwell’ der Füße einer

140
Und der andre in dem Schlitten,

Bist dann größer an dem Kopfe,
Bist dann höher mit den Ohren.“
     „Hoffte dieß, so lang’ ich lebe,
Schaute drauf zur Zeit des Wachsens,
Wünscht’ es gleich dem guten Jahre,
Gleich des schönen Sommers Ankunft;
Schon erfüllet ist mein Hoffen,
Nahgekommen meine Abfahrt,
Auf der Schwell’ mit einem Fuße,

150
Mit dem andern in dem Schlitten,

Kann jedoch nicht recht erkennen,
Was den Sinn mir umgeändert,
Gehe nicht mit Freud’ im Herzen,
Scheide nicht mit großem Jubel
Aus dem lieben, goldnen Hause,
Wo als Mädchen ich geweilet,
Aus dem Hof, wo ich gewachsen,
Aus des Vaters Aufenthalte,
Gehe, Schlanke, voller Sorgen,

160
Trenne mich mit trüber Stimmung,

Gleichwie in den Arm der Herbstnacht,
Auf das dünne Eis des Frühjahrs,
Keine Spur bleibt auf dem Eise,
Auf der Glätte bleibt kein Fußtritt.“

[128]

     Wie wohl ist der Sinn der andern,
Wie die Stimmung andrer Bräute,
Andre kennen nicht die Sorge,
Tragen nicht ein traurig Herze,
Wie ich Arme es nun trage

170
Und mir schwere Sorgen mache,

Hab’ das Herz nun schwarz wie Kohlen,
Sorgen von der schwärzsten Farbe.“
     „Also ist der Sinn der Sel’gen,
Der Beglückten Stimmung diese,
Wie des Frühlingstages Anbruch,
Wie des Frühlingsmorgens Sonne;
Welche Stimmung hab’ ich Arme,
Welchen Sinn ich Trauerreiche?
Gleich dem flachen Strand der Seeen,

180
Wie der dunkle Rand der Wolke,

Wie die finstre Nacht des Herbstes,
Trüb wohl ist der Tag im Winter,
Trüber noch ist meine Stimmung,
Düstrer als die Nacht des Herbstes.“
     Eine arbeitsreiche Alte,
Welche stets im Hause weilte,
Redet’ Worte solcher Weise:
„Siehst du nun, o junges Mädchen!
Weißt du noch, wie ich gesprochen,

190
Hundertmal es dir gesaget:

Blicke du nicht froh zum Freier,
Nimmer auf den Mund des Freiers,
Auf die Farbe seiner Augen,
Schaue auf die starken Füße!
Hält den Mund er voller Anmuth,
Wirft die Augen voller Schönheit,
Auf dem Kinn jedoch sitzt Lempo
Und der Tod im hübschen Munde.“
     „Also rieth ich stets der Jungfrau,

200
Rieth ich dem Geschwisterkinde:

Kommen große Freiersleute,
Große Freier und Bewerber,
Gieb den Freiern diese Antwort,
Rede du von deiner Seite,
Rede Worte solcher Weise,
Laß auf diese Art dich hören:
„„Niemals wird es mir geziemen,
Nie geziemen und gefallen
Fortzuziehn als Schwiegertochter,

210
In die Knechtschaft fortzuwandern,

Nimmer wird ein solches Mädchen
Füglich in der Knechtschaft leben,
Hinzugehn versteh’ ich nirgends,
Nie zu leben unterwürfig;
Sagt’ ein Wörtlein mir der andre,
Geb’ ich zwei gewiß zur Antwort,
Käm’ er mir an meine Haare,
Und gerieth’ er an die Locken,
Würd’ ich von dem Haar ihn treiben,

220
Würde ihn gar schlimm zerzausen.““

     „Dieses hast du nicht beachtet,
Nicht gehöret meine Worte,
Gingst mit Willen in das Feuer,
Wissentlich in Theeres Brühe,
Eiltest in des Fuchses Schlitten,
Zu des Bären breiten Tatzen,
Daß der Schlitten dich entführte,
Dich der Bär in’s Weite trüge
Zu der Knechtschaft bei dem Wirthen,

230
Unterthan der Schwiegermutter.“

     „Gingst von Hause nach der Schule,
Zu der Pein vom Hof des Vaters,
Hart ist’s dir zur Schul’ zu gehen,
Qualvoll, Arme, dort zu weilen,
Zügel sind dort schon gekaufet,
In Bereitschaft Sclavenfesseln,
Nicht für irgend einen andern,
Nein, für dich, du Unglücksvolle.“
     „Wirst gar bald die Härte fühlen,

240
Fühlen wirst du, Hartgeprüfte,

Deines Schwähers Kinn von Knochen,
Seines Weibes starre Zunge,
Deines Schwagers kalte Worte,
Deiner Schwägrin stolzen Nacken.“
     „Höre, Jungfrau, was ich rede,
Was ich rede, was ich spreche!
Warst ein Blümlein in dem Hause,
Eine Freud’ im Hof des Vaters,

[129]

Seinen Mond nannt’ dich der Vater,

250
Sonnenschein nannt’ dich die Mutter,

Wasserschimmer dich der Bruder,
Blaues Tuch nannt’ dich die Schwester;
Gehest nun zu anderm Hause,
Hin zu einer fremden Mutter,
Nimmer gleichet sie der eignen,
Nie der Mutter eine Fremde,
Selten giebt sie rechte Weisung,
Selten rathet sie zum Besten,
Strauch schilt dich der Schwiegervater,

260
Lappenschlitten dich die Schwäh’rin,

Schwellentreppe dich dein Schwager,
Frauenschreckbild dich die Schwägrin.“
     „Wärest dann erst gut gewesen,
Wärest heilvoll dann gewesen,
Wärst als Dampf du aufgestiegen,
Wärst als Rauch du ausgezogen,
Als ein Blättlein fortgeflogen,
Als ein Funken fortgeeilet.“
     „Bist als Vogel nicht geflogen,

270
Bist als Blättlein nicht geflattert,

Bist als Funken nicht geeilet,
Nicht als Rauch hinausgezogen.“
     „O du Jungfrau, liebe Schwester!
Hast anjetzo schon getauschet,
Schon vertauscht den lieben Vater
Gegen einen bösen Schwäher,
Schon vertauscht die liebe Mutter
Gegen eine Schwiegermutter,
Hast vertauscht den lieben Bruder

280
Gegen einen argen Schwager,

Hast vertauscht die sanfte Schwester
Gegen eine spött’sche Schwägrin,
Hast vertauscht das Leinenlager
Gegen rußbedeckte Steine,
Hast vertauscht das klare Wasser
Gegen schmutzgefärbten Moder,
Hast vertauscht die sand’gen Ufer
Gegen schwarzes Schuttgerölle,
Hast vertauscht die lieben Haine

290
Gegen öde Heidestrecken,

Hast vertauscht die Beerenhügel
Gegen starre Stoppelfelder.“
     „Hast, o Jungfrau, du gewähnet,
So gedacht, o junges Hühnlein:
Keine Sorgen, wen’ger Arbeit
Wird dir sein von diesem Abend,
Wenn zum Schlaf du fortgeführet,
Und zur Ruhe du geleitet?“
     „Nicht zum Schlaf wirst du geführet,

300
Nicht um Ruhe zu genießen,

Wachen hast du zu erwarten,
Harte Schläge durch die Sorgen,
Mußt dir manchen Kummer machen,
Wirst in böse Stimmung kommen.“
     „So lang’ du kein Kopftuch hattest,
Hattest du auch keinen Kummer,
So lang’ dir das Leintuch fehlte,
Fehlte es an großen Sorgen;
Erst das Kopftuch bringet Kummer,

310
Erst die Leinwand böse Stimmung,

Erst das Flachstuch große Sorgen
Und das Lein erst endlos Trauern.“
     „Wie ist wohl im Haus die Jungfrau!
So ist sie im Haus des Vaters
Wie der König in dem Schlosse,
Fehlt ihr höchstens nur am Schwerte!
Anders geht’s der Schwiegertochter,
Also lebt sie bei dem Manne
Wie in Rußland der Gefangne,

320
Nur daß ihr die Wächter fehlen.“

     „That die Arbeit als es Zeit war,
Wandte voller Müh’ die Schultern,
War durchweichet von dem Schweiße
Und die Stirne glänzt’ vom Schaume;
Kommet eine andre Stunde,
Muß daß Feuer an sie schüren,
Muß dem Ofen Heizung geben,
Dorthin ihre Hände richten.“
     „Fassen mußte da die Arme,

330
Fassen dort das arme Mädchen

Lachses Sinn und Kaulbarschzunge,
Laune von dem Barsch im Teiche,

[130]

Mund und Bauch der Rothgeäugten,
Klugheit von der schwarzen Ente.“
     Kann auch nicht allein begreifen,
Nicht erfahren von der Mutter
Neun gar heißgeliebten Töchtern,
Ihren auserwählten Schätzen,
Wo der Esser wohl geboren,

340
Wo der Nager wohl sich finde,

Fleischesesser, Knochennager,
Der das Haar dem Winde lässet,
In der Luft sie flattern lässet,
Sie dem Frühlingswinde preisgiebt.“
     „Weine, weine, junges Mädchen,
Weinst du, nun so weine kräftig,
Wein’ die Hände voll von Thränen,
Deine Faust voll Sehnsuchtszähren,
Tropfen auf den Hof des Vaters,

350
Teiche auf des Hauses Boden,

Weine, daß die Stube fließet,
Daß die Bretter überfluthen!
Weinst du jetzt nicht zur Genüge,
Weinst du, wenn du wiederkehrest,
In das Haus des Vaters kommest,
Deinen alten Vater findest
In dem Rauch der Badestube,
Eine trockne Quast’ im Arme.“
     „Weine, weine, junges Mädchen,

360
Weinst du, nun so weine kräftig!

Weinst du jetzt nicht zur Genüge,
Weinst du, wenn du wiederkehrest,
In das Haus der Mutter kommest,
Deine alte Mutter findest
An der Hürde ohne Athem,
Einen Strohbund in den Armen.“
     „Weine, weine, junges Mädchen,
Weinst du, nun so weine kräftig!
Weinst du jetzt nicht zur Genüge,

370
Weinst du, wenn du wiederkehrest,

Du zu diesem Hause kommest,
Deinen muntern Bruder findest
Auf der Gasse umgeworfen,
Auf dem Hause umgesunken.“
     „Weine, weine, junges Mädchen,
Weinst du, nun so weine kräftig!
Weinst du jetzt nicht zur Genüge,
Weinst du, wenn du wiederkehrest,
Du zu diesem Hause kommest,

380
Deine sanfte Schwester findest

Auf dem Wege hingestürzet,
In dem Arm ein alter Schlägel.“
     Reichlich seufzt’ die arme Jungfrau,
Seufzte reichlich und zog Athem,
Selber fing sie an zu weinen
Und vergießet reichlich Thränen.
     Weinte ihre Hand voll Thränen,
Voller Zähren ihre Fäuste,
Weinte naß den Hof des Vaters,

390
Teiche auf des Hauses Boden,

Redet Worte solcher Weise,
Läßt sich selber also hören:
„O ihr Schwestern, meine Lieben,
Ihr Gefährten meines Lebens,
Ihr Gespielinnen der Jugend,
Höret, was ich euch nun sage!
Kann es gar nicht recht begreifen,
Wie mich jetzt zu drücken scheinet
Diese große lange Weile,

400
Wie mich dieser Kummer peinigt,

Wie ich dieses Leiden tragen,
Mich der Sorge fügen solle.“
     „Anders dacht’ ich’s, anders glaubt’ ich’s,
Hofft’ es anders stets im Leben,
Wollte wie der Kuckuck gehen,
Wollte auf den Hügeln rufen,
Wenn gelangt zu diesen Tagen,
Ich zu diesem Ziel gekommen;
Gehe nun nicht wie der Kuckuck

410
Auf den Hügeln munter rufen,

Bin der Wasserente ähnlich,
Wenn sie auf den weiten Wogen
In dem kalten Wasser schwimmet,
Sich im Eiseswasser schüttelt.“
     „O mein Vater, meine Mutter,
Und auch du, o greise Alte!

[131]

Wohin wollet ihr mich führen,
Wohin tragt ihr mich, die Arme,
Daß ich diese Thränen weine,

420
Daß ich solche Leiden trage,

Daß ich solche Sorgen habe,
Solchen Kummer nun empfinde!“
     „Hättst du lieber, arme Mutter,
Hättest du, die mich getragen,
Hättest du, die Milch gespendet,
Theure, die du mich gesäuget,
Einen Holzklotz eingewickelt,
Einen kleinen Stein gewaschen,
Statt zu waschen deine Tochter,

430
Statt zu wickeln deine Theure

Zu der Sorgen großer Fülle,
Zu der bittern Herzensstimmung!“
     „Mancher spricht zwar zu mir solches,
Mancher zwar hat diese Meinung:
Nimmer hast du, Thörin, Sorgen,
Kummer du auf keine Weise!
Redet nicht, o guten Leute,
Sprecht nicht also, meine Lieben!
Habe leider mehr der Sorgen

440
Als im Wasserfalle Steine,

Als auf schlechtem Boden Weiden,
Heidekraut auf dürren Fluren;
Nicht vermöcht’ ein Roß zu ziehen,
Gut beschlagen nicht zu schleppen,
Ohne daß das Krummholz bebet,
Ohne daß das Kummet zittert,
Diese meine Sorgen alle,
Meinen ganzen trüben Kummer.“
     Sang ein Knabe von dem Boden,

450
Von dem Ofen her ein Kindlein:

„Weshalb, Jungfrau, willst du weinen,
Willst du große Sorgen hegen;
Laß die Sorgen du den Pferden,
Kummer du dem schwarzen Wallach,
Laß die Eisenmaul’gen Klagen,
Jammern die mit großen Köpfen;
Bess’re Köpfe haben Pferde,
Bess’re Köpfe, härtre Knochen,
Mehr trägt ihres Nackens Krümmung,

460
Stärker ist des Körpers Masse.“

     „Brauchest keineswegs zu weinen
Und dich also abzuhärmen;
Nimmer führt man dich in Sümpfe,
Nicht zum Rande kleiner Bäche,
Fortgeführt aus Fruchtgefilden,
Kommest du zu reichern Feldern,
Fortgeführt aus Biergebäuden,
Kommest du zu Bier in Fülle.“
     „Schauest du auf deine Seite,

470
Hin zu deiner rechten Hüfte,

Sieh, da steht der Mann zum Schutze,
Er, der Frische, dir zur Seite,
Gut der Mann, das Roß vortrefflich,
Stallgeräth von allen Arten,
Haselhühner flattern munter,
Fliegen an des Krummholz Wölbung,
Drosseln haben ihre Freude,
Singen lustig in den Riemen,
Sechs der goldnen Kuckucksvögel

480
Flattern an des Rosses Kummet,

Sieben schöne blaue Vöglein
Singen vorne auf dem Schlitten.“
     „Sei, o Liebe, nicht in Sorgen,
Nicht in Kummer, Mutterkindlein,
Kommest ja nicht in schlechtre Lage,
Kammest jetzt in bess’re Lage,
An des Ackermannes Seite,
Neben diesem Ackerfurcher,
An dem Kinn des Brotverschaffers,

490
In dem Arm des Fischefängers,

Bei dem Schweiß des Elennjägers,
In dem Bad des Bärenjägers!“
     „Hast der Männer allerbesten,
Einen Helden stark bekommen,
Nimmer müßig ist sein Bogen,
An dem Nagel nicht sein Köcher,
Läßt die Hunde nicht im Hause,
Nicht auf weichem Lager ruhen.“
     „Dreimal ist in diesem Frühjahr

500
Schon in frühster Morgenstunde
[132]

Er am Feuer aufgestanden,
In dem Reisig er erwachet,
Dreimal schon in diesem Frühjahr
Ist der Thau in’s Aug’ gefallen,
Haben Zweige ihn gebürstet,
Haben Äste ihn gekämmet.“
     „Macht, daß alle Haufen eilen,
Daß die Heerde sich vermehret,
Wohl besitzet unser Freier

510
Welche durch die Wälder wandern

Über Bergesrücken laufen;
In des Thales Niedrung gehen,
Hunderte von Hörnerträgern,
Tausend, welche Euter haben,
Auf den Fluren viel Getreide,
In den Thälern großen Vorrath,
Erlenwaldung voller Kornland,
Bachesufer voll von Gerste,
Klippenränder voll von Hafer,

520
Wasserufer voll von Weizen,

Geld in lauter großen Haufen,
Pfenn’ge gleich den kleinen Steinchen.“