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Textdaten
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Autor: Oskar von Riesenthal
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Titel: Küstenfahrten auf dem Eise
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 144–147
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[144]
Küstenfahrten auf dem Eise.
Ein Winterbild von O. von Riesenthal.


Wenn am Saaler Bodden, an der vorpommerschen Küste die Herbststürme ausgetobt und mit ihrem eisigen Hauch die letzte Spur des Pflanzenlebens bis auf bessere Zeiten vertagt haben, tritt momentan eine Zeit der Ruhe ein; eine zwar kalte, aber herrliche, krystallreine Luft strömt von der See herüber; der Strandbewohner athmet auf und bessert an seiner Hütte für den kommenden Winter aus, was die Stürme beschädigt haben.

Die Seeleute, welche vor Kurzem in die heimathlichen Winterquartiere einkehrten, manchmal von langer, langer Fahrt draußen von „der Japanischen See“ her, die Fischer und was sonst dem blauen Elemente zugethan ist, sieht man alsdann mit besonderem Interesse auf das große Binnenwasser auslugen und die dort beginnende Umwandlung beobachten; denn der stille Frost beginnt seinen „krystallenen Brückenbau“, auf dessen Vollendung diese breitschulterigen Gestalten in ihren dicken, wollenen Jacken, den Südwester auf dem Kopf, gespannt und ungeduldig harren.

Die Zwischenzeit, in welcher das Fahrwasser nicht mehr frei, die Eisdecke aber unbrauchbar ist, bringt den Strandbewohnern eine unerwünschte Ruhe; die Fischer können ihrem Gewerbe nicht nachgehen; die Heuer liegen still; die Post muß die Fahrt ihrer Yacht einstellen und die Poststücke auf dem langen Landwege befördern, so gut es eben gehen mag; der Schmuggler verdient Nichts, und der Herr Pastor kann nicht hinüber zur Predigt in seiner Filialgemeinde – das Alles ist verdrießlich.

Aber der Frost hält Stand und baut fleißig weiter; die Schwäne habe sich schon auf der Mitte der Binnensee mehr und mehr zusammengedrängt, und endlich hört man ihr Rufen gar nicht mehr, denn sie haben sich über Nacht auf und davon gemacht. „Die See steht.“

Man hat diesen Zeitpunkt nicht unvorbereitet erwartet, im Gegentheil allenthalben die verschiedenen Geräthschaften und Transportmittel zur Eisfahrt zurecht gehämmert und geklopft, in die Schlittschuhe frische Hanfschnuren gezogen, die Peekstange mit einer scharfen Spitze, den betreffenden Schlitten mit neuem Sitzbrette versehen; dem Stuhlschlitten des Lehrers hat der Tischler eine neue Lehne besorgt, und dem des jungen Steuermannes durch erneuten Anstrich ein so verlockendes Aeußere verliehen, daß Fieken Voß, die hübsche Capitainstochter, sich gewiß nicht lange zieren wird, von dem kräftigen, schmucken Manne sich zur Kirche schieben zu lassen; er will sich ja doch schon im nächsten Jahre ein eigenes Schiff bauen; die Eltern sehen ihn nicht ungern – wer weiß?!

Die Dorfstraße schlendert ein Seemann gemächlich daher, die Hände in den weiten Hosentaschen.

„Klas!“ ruft ihm ein altes verwettertes Gesicht aus dem halb geöffneten Fenster zu, „wo steit et? Ik hew kenn Solt!“

Der Seemann schiebt den Prieem auf die andere Seite seines breiten Mundes, spritzt den braunen Saft mit kräftigem Strahle von sich – und zuckt einfach die Achseln. „Es ist noch Nichts los.“

Der Mann ist nämlich eine Person von Gewicht, ein Bootsmann im Dienste der Regierung und hat zu bestimmen, wann das Eis befahren werden darf. Will ein Wagehals sich nicht so lange gedulden, so steht es ihm natürlich frei, eine Fahrt auf eigene Rechnung und Gefahr vorher zu unternehmen und dabei gelegentlich einzubrechen und zu ertrinken – [145] das geht den Bootsmann nichts an, wohl aber ist er für Unglück verantwortlich, welches durch Einbrechen des Eises auf der „ausgesteekten“ Fläche geschieht, nachdem er das Eis freigegeben hat.

Dies geschieht nicht durch umständliche Circulare oder andere Schriftstücke, vielmehr durch kolossale Runenschrift, wunderliche, auf das Eis eingekratzte Zeichen, welche zugleich die Richtung der Bahn andeuten, und – nun geht es los.


Die Gartenlaube (1880) b 145.jpg

Eine Begegnung auf vorpommerschem Küsteneise.
Originalzeichnung von Johannes Gehrts.


Ich stand auf einer Düne bei Ahrenshoop, auf dem Dars, jener durch Sturmfluth so hart heimgesuchten Halbinsel; dort im Forsthause hatte ich im Kreise einer braven und ehrenwerthen Familie gastliche Aufnahme gefunden. Es war ein herrlicher Sonntagmorgen; links die Ostsee mit ihren tiefblauen Fluthen, vor mir der Dars mit seinem wildreichen Forstrevier, zur Rechten die fest zugefrorene, wie ein Krystallspiegel blitzende und glitzernde Binnensee, an deren weit entferntem Ende der Kirchthurm des mecklenburgischen Städtchens Ribnitz auftauchte, hinter mir das Fischland, jene schmale Landenge, welche den Dars und Mecklenburg verbindet, mit seinem Kirchdorf Wustrow und der Navigationsschule. Aus den Schornsteinen der Stranddörfchen kräuselte sich der Rauch in die reine, blaue Luft empor; von der See her erscholl der helle Ruf des „Klashahns“, der fischenden Eisente; hier und da tönte durch die feierliche Sabbathstille eine Glocke, Alles um mich her Friede und Schweigen; selbst die See lag ruhig, nur daß sie über die Riffe in monotonem Brausen ihre Wogen wälzte – es war eine Sonntagsstimmung, daß man in stummer Ehrfurcht Alles um sich her und sich selbst dazu vergaß.

Ein Ruf aus dem Forsthause weckte mich aus meiner [146] Träumerei; in der Thür stand die Hünengestalt des Försters B., sechs Fuß hoch, halb so breit.

„Wollen Sie mit nach Ribnitz?“ fragte er.

„Gewiß, gern!“

„Dann machen Sie sich bald fertig! Ich lasse inzwischen anspannen.“

Daß der Alte etwas vorhatte, konnte ich schon aus dem gestern erfolgten scharfen Beschlagen der Pferde entnehmen.

„Soll es auf dem Eise nach Ribnitz gehen?“ fragte ich zehn Minuten später, nicht ohne heimliche Beklemmung, als wir lustig der „Hundebeck“, einer tiefen Einbuchtung der Binnensee, zutrabten.

„Na, gewiß!“ lachte der Förster, „Sie haben doch nicht Bange?“

„Unter Ihrer Obhut wohl nicht; Sie wollen freilich bedenken, daß mir dieses Leben und Treiben gänzlich neu ist. Den Kukuk auch, das Wasser hat keine Balken.“

„Aber das Eis! Nur keine Sorge – es hält.“

Die Pferde scheuten schnaubend mit zurückgelegten Ohren vor der spiegelblanken Fläche und waren erst nach vieler Mühe und begütigendem Zureden hinauf zu bringen, und ängstlich und widerstrebend trippelten sie vorwärts; als sie der Förster aber kurz in die Leinen nahm und mit der Peitsche energisch bedrohte, faßten sie Muth, und kaum hatten sie sich von der durch die scharfen Eisen bewirkten Sicherheit ihres Trittes überzeugt, als sie selbst Freude über die spiegelblanke Bahn empfanden und munter lostrabten. Freilich zuckten sie zusammen, und, offen gestanden, ich zuckte auch zusammen, als das Eis wie einzelne Kanonenschläge knallte, aber die Pferde beruhigten sich bald wieder, und mein Führer belehrte mich, daß gerade in diesem Krachen der Eisdecke die sicherste Bürgschaft für ihre Haltbarkeit läge.

Wir waren eine gute Strecke gefahren, wobei der von unserm Ziele her uns entgegen wehende Wind, geschärft durch die schnelle Fahrt, wie mit Messern uns in's Gesicht schnitt, als ich in der Ferne Segel gewahrte, welche sich uns mit reißender Schnelligkeit näherten. Ich sah und sah – aber es war richtig und blieb dabei; ich dachte an eine Fata Morgana, eine Vision, an den fliegenden Holländer – überall Eis und dazu ein Segelboot?!

„Herr Förster, um Alles in der Welt, erklären Sie mir jenes Phänomen! Ich sehe doch keine Wasserstraße. Wer oder was treibt mit so rasender Schnelligkeit jenes Segelfahrzeug uns entgegen?“

Er sah mich mit fast mitleidigen Augen an.

„Mein Gott, Herr Forstcandidat, das ist ein Segelschlitten, und zwar der Postschlitten – doch nachher davon! Jetzt heißt es, scharf aufpassen, damit er uns nicht überfährt.“

Wie ein Sturmwind brauste es heran.

„Goden Morgen ok, Herr Förster!“ grüßte der Steuermann.

„Goden Morgen, Niemann!“ dankte der Förster, „bringt mi doch –

Eitles Unternehmen, diese Bestellung! Niemann war auf dem Fahrzeuge nur noch als Punkt zu erkennen.

„Haben Sie denn noch nie von einem Segelschlitten gehört?“ fragte verwundert der Förster, „sie sind doch allgemein im Gebrauch.“

„Hier und in ähnlichen Gegenden mag das wohl sein, im Binnenlande aber – und Sie müssen bedenken, daß ich schnurstracks vom Thüringerwalde komme – kennt kaum Jemand diese herrliche Erfindung auch nur dem Namen nach; bitte, erklären Sie mir die Construction dieses Segelschlittens!“

„Das ist bald geschehen; auch werden Sie noch Gelegenheit genug haben, ihn selbst zu betrachten und zu benutzen. – Der Segelschlitten ist fast wie ein Boot gebaut, nur etwas rundlicher, mit niedrigeren, weniger ausgeschweiften Wänden, und dieser Bau, fast einer 'Waschbütte' ähnlich, steht auf zwei starken eisernen Schlittenkufen. Die Takelage besteht, wie bei einem Segelboot, aus einem, manchmal sogar aus zwei Masten nebst den nothwendigen Segeln; der merkwürdigste und unentbehrlichste Theil desselben ist aber das Steuer, welches aus einem drei bis vier Fuß langen, etwa handbreiten und fingerdicken, mit scharfen Zähnen versehenen, in einem Charnier laufenden Eisen besteht und durch Eindrücken in das Eis theils zum Anhalten, theils zu Wendungen dient; denn Sie müssen wissen, daß man mit einem solchen Schlitten sogar windan kreuzen kann, wie mit einem Segelboot; liefe er nur vor dem Winde, so wäre seine Benutzung natürlich eine sehr bedingte. So einfach die ganze Vorrichtung aussieht, so viel Umsicht und Erfahrung erfordert ihre Bedienung; namentlich während des Kreuzens, beim Wenden der Segel ist die größte Vorsicht nöthig, ebenso in geradem Lauf bei unruhigem Winde, denn gar leicht schlägt der Schlitten um, und wehe dann den Insassen! Herr Candidat, in meinem Leben vergesse ich eine Fahrt auf solchem Schlitten nicht, den ein noch junger, unerfahrener Steuermann führte. Sehen Sie dort den Vorsprung des Strandes? Da war es. Wir kamen vor dem Winde dahergesaust und mußten dort aufkreuzen, um nach Ahrenshoop zu kommen; 'Steffen,' sage ich, 'nehmt Euch auf der Ecke in Acht und hemmt rechtzeitig den Schlitten!' Aber er wollte es besser wissen und blieb in voller Fahrt; nur noch wenige Minuten – da lag die Bescheerung um, und, ich sage Ihnen, hundert Schritt und weiter glitschten wir sitzlings dahin; mir waren alle Glieder lahm, und doch – Thränen habe ich geweint – nein – gelacht. Im Schlitten hatten vier Matrosenweiber mit ihrem Marktkauf gesessen: hätten Sie die Fahrt dieser Weiber über das Eis und ihre Posituren gesehen, das Geschrei angehört und hinterher das Schimpfen – es war zum Todtlachen. Jede behauptete einen Arm oder Fuß gebrochen oder wenigstens verstaucht zu haben, und Jede mußte an den wieder aufgerichteten Schlitten wie ein eigensinniges Kind gegängelt werden. Zum Glück hatte sich Keine ernstlich Schaden gethan. Als wir glücklich die Weibsleute geborgen, lag noch hier ein Beutel mit Salz, dort ein Stück Fleisch; eine Büchse mit Kaffee war mindestens fünfhundert Schritt dahingerollt und wurde nach langer Umschau in dieser Entfernung nur zufällig entdeckt.“

„Ich dachte mir das Eis aber belebter; bei mir zu Hause würden Hunderte von Schlittschuhläufern die herrliche Bahn benutzen.“

„Sie müssen bedenken, daß man hier zu Lande das Schlittschuhlaufen nicht als Vergnügen, sondern zur Arbeit betreibt, zum Erwerbe; in der Woche werden Sie daher mehr Leben hier finden, als heut, am Tage des Herrn, wo Jeder gern nach schwerer Wochenarbeit ruht; allerdings macht man auch am Sonntage Vergnügungsreisen über das Eis, wenngleich die kleinen Gesellschaften auf der großen Fläche weniger in's Auge fallen – irre ich nicht, so kommt dort gleich eine Gruppe uns entgegen, die sich nicht arbeitshalber auf's Eis gewagt hat.“

Vorn auf einem kleinen länglichen Schlitten saßen nach rückwärts gewendet zwei Personen, so eingemummt, daß man einen Mann und eine Frau nur vermuthen konnte, auf dem hintern Ende des Schlittens aber stand, der Fahrt zugewendet, ein langer Mensch, der mit einer noch längeren Stange, die er zwischen den Beinen durchgesteckt hatte, ihn sehr schnell vorwärts trieb.

„Das nennt man 'Peeken',“ erläuterte der Förster, „es ist eine sehr beliebte Art Schlittenfahrt.“

„Und eine jedenfalls sehr einfache und leichte?“

„Ja und nein. Wer es ordentlich versteht, dem ist das Abstoßen der langen Peekstange freilich nicht schwer; wer es nicht versteht, mag sich seine Rückseite verstählen lassen; denn glauben Sie mir – man fällt eben nicht sanft, wenn man mit der Stange abgleitet, und das passirt Anfängern öfter, als ihnen lieb ist. Ein Uebelstand, ja eine lebensgefährliche Sache ist das schwierige Anhalten des Schlittens bei voller Fahrt, besonders wenn das Eis nicht überall mehr dicht ist und der Peeker gefährliche Stellen zu spät gewahr wird. Im vorigen Jahre fuhr ein armer Teufel auf dem Peekschlitten einen Hammel nach der Stadt, um ihn zu verkaufen; das Eis war schon von offenen Stellen durchbrochen; hatte der Mann nun nicht ordentlich aufgepaßt – kurz, plötzlich sieht er kaum fünfzig Schritt vor sich das offene Wasser; er hatte noch die Geistesgegenwart, sich schnell vom Schlitten herabzuwerfen, doch über diesen mitsammt dem armen Hammel schlug einen Augenblick später die Fluth auf Nimmerwiedersehen zusammen.“

Noch wenige Minuten, und wir waren an Ort und Stelle, wo ein heißer Grog unsere etwas starr gewordenen Lebensgeister wohlthätig erwärmte.

Förster B. hatte Recht: an den Wochentagen war das Eis stets belebt, freilich nicht Kopf an Kopf wie auf der Eisbahn einer großen Stadt, aber geschäftige Menschen sah man stets, [147] die meisten auf Schlittschuhen; Lasten wurden gepeekt, auf Segelschlitten transportirt; Frauen ließen sich auf Stuhlschlitten an ihr Ziel schieben; mit Pferden bespannte Schlitten brachten größere Vorräthe von Brod, Mehl, Salz u. dergl. m. in die Stranddörfer – kurz: Alles hastete auf eisernem Schuh bunt durch einander. Daneben gehörten Schlittenscenen wie die vom Maler auf der beigegebenen Illustration dargestellte Begegnung, nicht zu den Seltenheiten.

Daß dieses rege Leben und Treiben auf dem Eise mein ganzes Interesse gewann, war selbstverständlich; deshalb lugte ich umher, so viel ich Muße hatte, und so fielen mir eines Nachmittags zwei mit Säcken bepackte, in rapider Hast daher stürmende Schlittschuhläufer auf, welche ein Segelschlitten in voller Fahrt offenbar verfolgte. Die Männer leisteten unter ihrer schweren Last das Aeußerste; es waren, wie ich nicht mit Unrecht vermuthete, Salzschmuggler, auf welche das durch die Regierungsflagge als Zollschlitten gekennzeichnete Fahrzeug scharfe Jagd machte; mehr und mehr näherte es sich ihnen; schon schienen sie dem Arm der Zöllner verfallen, als sie nach verschiedenen Seiten aus einander stoben, und der Schlitten zwischen ihnen durchbrauste; schnell wurden dessen Segel gestellt, und die Hatze begann von Neuem; wieder war der Schlitten dicht hinter ihnen; wiederum retteten sie sich durch dieselbe Finte. Da fiel der Eine – ob von der Last niedergedrückt, ob von lose gewordenem Schlittschuh gefällt, konnte ich nicht sehen; im Nu waren die Beamten hinter ihm drein, natürlich auch auf Schlittschuhen, plötzlich aber raffte er sich wieder auf und rannte, seinen Sack zurücklassend, spornstreichs davon. Der Andere hatte den Strand erreicht, die Schlittschuhe abgeknüpft und verschwand in der Dunkelheit – ebenso, in der Richtung nach seiner Station, der Zollschlitten mit dem erbeuteten Sack.

In dieser Zeit hatten, wie ich erfuhr, die Zollbeamten einen harten Dienst, denn es wurde viel das in Preußen so theure Salz von Mecklenburg eingeschmuggelt, wo es erheblich billiger war. Nicht minder aber fanden holzbedürftige Bewohner entfernter Dörfer, daß gestohlenes Holz sich ebenso leicht, ja noch leichter, weil billiger, als gekauftes peeken ließ, und so glitt denn unter dem Deckmantel der Nacht manches Stößchen trockener Reiser, trotz der Wachsamkeit der Forstbeamten, schleunigem Verbrennungsproceß entgegen.

Der Winter hatte sein überaus hartes Regiment Mensch und Thier zur übervollen Genüge empfinden lassen, und obgleich der März schon in's Land gekommen war, schienen alle Frühlingshoffnungen eitel Illusionen bleiben zu sollen. – Deshalb war auch die von der Försterfamilie längst geplante Reise zu Segelschlitten nach Ribnitz von Woche zu Woche verschoben worden; bald kam die Wäsche dazwischen, bald Schweine- und Gänseschlachten, und wenn die nächste Woche auch ganz bestimmt zu der Reise ausersehen war, da gewisse Einkäufe sich immer dringender nothwendig machten – stets kam Etwas in die Quere.

Da stieg auf einmal das Thermometer; der Wind schlug um, und sein hohles, „ahnungsvolles Brausen“ kündigte dem Eisthyrannen ernste Fehde an; ein warmer Regen fiel; Schnee und Eis überzogen sich mit grauer Farbe, dem sicheren Vorboten ihres baldigen Endes, und wer noch die Eisbahn benutzen wollte, hatte sich zu beeilen. Nun war wieder ein Stein des Anstoßes da: die Frau Försterin fürchtete sich vor dem morschen Eise, und es wäre vor allen „Wenn“ und „Aber“ sicherlich nicht zur Fahrt gekommen, wenn nicht eine dringende, kaum abzulehnende Einladung nach Ribnitz, die sich auch auf mich erstreckte, allem Zaudern ein glückliches Ende gemacht hätte. Klaassen, der sicherste aller Segelschlittenlenker, wurde zur Berathung bestellt, und nachdem er wohl zehnmal der Frau Försterin eidlich versichert hatte, das Eis hielte noch, wurde die Fahrt unabänderlich festgesetzt.

Unsere Reisegesellschaft bestand aus acht Personen, außer Klaassen, dem Steuermanne, und seinen beiden Söhnen als Gehülfen; nicht ohne Hin- und Herreden, wo und wie man am geschütztesten säße, kam man endlich zum Sitzen, die Damen glücklich in die langen Fußsäcke, der Förster zu seinem vergessenen Tabaksbeutel, den Jochem, der Knecht, schleunigst holen mußte; endlich war der Schlitten zum Ablaufen „klar“; die Segel füllten sich und – dahin glitt das Fahrzeug.

Aber der Wind war nicht nur ziemlich flau, sondern wehte uns auch fast in's Gesicht, sodaß gekreuzt werden mußte; dazu fing der Regen an energisch zu sprühen – kurz die Fahrt war nicht sehr erbaulich; die jungen Damen, die Töchter vom Hause, saßen stumm und in sich gekehrt; Klaassen versah seine Kauwerkzeuge mit immer größeren Primen, ja, es entspann sich sogar zwischen Vater und Mutter ein sanftes Scharmützel, daß Letztere mit der Fahrt auch gar zu lange „getöwt“ (gezaudert) hätte u. dergl.

Doch auch diese Fahrt hatte ein Ende, und bald war in den behaglichen Räumen des gastlichen Hauses in Ribnitz alle Beschwerde vergessen. Die Frauen plauderten; die Männer stritten sich über Politik oder besprachen die Aussichten auf Frachten, da sie Alle „Schiffsparten“ hatten, und was sonst zu den kleinen Leiden und Freuden des menschlichen Lebens gehört. Ich hielt mich an den guten „Rothspohn“ und die importirten Cigarren und machte meine Betrachtungen über die offenbar heftige Steigerung des Windes, welche den in lebhaftester Unterhaltung Begriffenen gänzlich zu entgehen schien.

Da klopfte es an die Thür, und das verwitterte Gesicht Klaassen's wurde sichtbar. Er mahnte dringend zur Heimfahrt; der Wind blase beinahe schon zu grob, und das Eis hätte bei Nienhagen eine „Borst“ (Riß) bekommen.

Das schien nun freilich Allen bedenklich, und man rüstete sich eiligst zum Aufbruch.

Die Kunde von dem Riß im Eise hatte der Steuermann eines nach uns eingelaufenen Schlittens unserem Klaassen gebracht und natürlich die Lage desselben genau angegeben; es handelte sich nun darum, mit dem Schlitten die Richtung des Risses rechtwinkelig zu durchschneiden, weshalb Klaassen einen etwas anderen Curs steuern mußte. Obgleich wir nur wenig mehr als halben Wind hatten, flog der Schlitten dennoch wie mit Adlersfittigen dahin, und bald war die Stelle erreicht, wo der Curs geändert werden mußte.

Klaassen hatte mit Genugthuung meine aufmerksame Beobachtung seiner Geschicklichkeit und meine Freude über solche Sturmfahrt bemerkt. Lächelnd bedeutete er mich, es solle erst recht losgehen; wenn wir vor den Wind kämen, dann wolle er mir zeigen, was ein guter Segelschlitten könne.

Auf seinen Zuruf wurden die Segel gewendet; kreischend drückte sich das Steuereisen in das Eis ein.

„Setten Se sick rittlings, Herr!“ rieth mir Klaassen; ich that es widerstrebend; da faßte der Wind die Segel, und mit rasender Eile jagte der Schlitten dahin.

„Min Gott! – Klaassen!“ stöhnte die gute Frau Försterin, „de Borst – de Borst!“

„Ach wat – de het nich Tid tau bräken.“

„Klaassen, hollen S' vor de Borst an, un unersöken S' dat Ihs!“

Ein pfiffiges Lächeln war seine Antwort.

„De Borst in Sicht!“ rief einer seiner Jungen.

„Treckt de Segels fast an!“ schrie Klaassen.

Wie ein Pfeil schoß der Schlitten heran; hochauf spritzte die Fluth aus dem Riß – wahrlich, das Eis hatte keine Zeit zum Brechen.

Die Frau Försterin athmete erleichtert auf. Klaassen lachte; der Förster zündete sich die ausgegangene Pfeife wieder an, und ich bedauerte das nahe Ende der Fahrt. Bald fiel das Hauptsegel; das Eisen kreischte im Eise, und wir waren an Ort und Stelle.

Dampf oder Wind? – Ein Courierzug neben dem Segelschlitten vor dem Winde – welcher überjagt den anderen? Ich zweifle keinen Augenblick: der letztere thut es.