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Autor: Moritz Lilie
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Titel: Künstler und Kritiker
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 724
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[723] Künstler und Kritiker. Einen wesentlichen Theil des Inhalts unserer heutigen Tagespresse bilden die kritischen Referate, die keine Zeitung von nur einiger Bedeutung mehr entbehren kann. Alle Gebiete der Kunst, vielfach auch litterarische Erzeugnisse der Wissenschaften, zieht die Kritik in den Bereich ihrer Besprechungen und je großer der Leserkreis eines Blattes, je umsassender seine Verbreitung ist, desto mehr Einfluß auf den Geschmack und das Urtheil des großen Publikums werden die kritischen Besprechungen ausüben. Wenn die letzteren von kundiger Hand herrühren und mit Unparteilichkeit und gediegener Sachkenntnis abgefaßt sind, so dürfen sie als ein nicht zu unterschätzendes Bildungsmittel angesehen werden, nur der kleinere Theil der Leser ist in der Lage, Konzerte, Theater und Kunstausstellungen regelmäßig besuchen zu können, die überwiegende Mehrzahl derselben aber wird trotzdem mit regem Interesse die Fortschritte auf diesen Gebieten und die persönlichen Leistungen der Künstler verfolgen. Leider macht sich in den Zeitungsmittheilungen dieser Art nur allzu oft Unfähigkeit und Anmaßung breit; in den Mantel der Publicistik gehüllt, taucht die Dame „Kritik“ nicht selten ihre Feder in das Gift versönlicher Gehässigkeit oder würdigt sich zur feilen Dienerin bezahlter Reklame herab.

Es wird schwerlich einen Künstler von Bedeutung geben, welchem trübe Erfahrungen dieser Art gänzlich erspart geblieben wären, und selbst der herrliche Karl Maria von Weber, der Begründer und Schöpfer unserer deutschnationalen Oper, dessen reizvolle Melodien in den prunkenden Musiksälen der Königspaläste so gut erklingen wie in der Tagelöhnerhütte des einsamsten Gebirgsdorfes, mußte es sich gefallen lassen, von übel wollenden Recensenten mit dem Geifer der Geringschätzung bespritzt zu werden, oder – was noch verlebender war – mit der Miene hochnäsiger Gönnerschaft ertheilte Rathschläge für sein künftiges Wirken zu vernehmen.

Als Weber im Jahre 1816 die Leitung der deutschen Oper in Dresden übernahm, staud er unter den Komponisten seiner Zeit bereits auf einer hohen Stufe des Ruhmes, was aber einen Theil der Kritik nicht hinderte, über seine Werke absprechend zu urtheilen. Weber war schon damals sehr reizbar und fühlte sich durch die erbärmlichsten Bemerkungen jedes Winkelblättchens oft tief verletzt: bei den um vornehmer Ueberlegenheit vorgebrachten kritischen Ergüssen größerer Zeitungen aber konnte er in höchsten Zorn gerathen, anstatt sie im Gefühle seines Werthes mit Verachtung zu strafen.

Zu den litterarischen Kläffern, welche die Bedeutung des Komponisten bei jeder Gelegenheit herabzusetzen sich bemühten, gehörte auch ein Recensent der „Leipziger Zeitung“ Namens Müller, ein Mann, der umfassende musikalische Kenntuisse befaß und eine höchst gewandte, aber scharf gespitzte Feder führte. Seine Urtheile galten bei Künstlern und Kunstkennern für maßgebend und waren bei dem Einflusse, welchen die „Leipziger Zeitung“ in den kunstliebenden Kreisen besaß, sehr gefürchtet. Um so bitterer empfand Weber die Gegnerschaft dieses Kritikers, der seine Opfer nicht selten ganz ungerechterweise mit der ätzenden Lauge einer beißenden Satire überschüttete.

Für den gekränkten Meister gab es kein Mittel, seinem Quälgeiste beizukommen; die Unbestechlichkeit des letzteren war bekannt und um ihn um mildere Beurtheilung seines Schaffens und Strebens zu bitten, befaß der Komponist viel zu viel Mannesstolz. Ein Wagniß aber wäre es gewesen, seinem Gegner in der Presse entgegentreten zu wollen; auf diesem Felde war Müller, dem Schöpfer des „Freischütz“ entschieden überlegen und die rücksichtslose Art, mit welcher der Kritiker seine Widersacher zerpflückte, verhalf ihm regelmäßig zum Sieg.

Da Verfiel Weber auf einen seltsamen Einfall, drastisch und eigenartig, aber erfolgreich. Während eines Aufenthaltes in Oberbavern ließ er an alle größeren deutschen Zeitungen die Mittheilung gelangen, er sei gestorben, und zwar habe ihn der Tod rasch und ungeahnt ereilt. Die beigefügten Notizen über die näheren Umstände seines Hinscheidens ließen einen Zweifel an der Wahrheit desselben nicht aufkommen und alle Blätter verbanden mit der Todesnachricht eingehende Berichte über die großen Verdienste, welche sich der Verstorbene um die musikalische Kunst erworben [723] habe. In fast überschwänglicher Weise feierte auch Müller in der „Leipziger Zeitung“ den geschiedenen Komponisten, den er den unsterblichen Maëstro nannte.

Zwei Tage darauf waren die Zeitungen in die Lage versetzt, die Todeskunde widerrufen zu müssen; was sie aber über die Bedeutung Webers gesagt hatten, konnten sie nicht ungeschehen machen, und Weber hatte vor den Angriffen einer ungerechten Kritik, insbesondere vor denen des Herrn Müller, fortan Ruhe. Moritz Lilie.