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Textdaten
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Autor: Charles Edouard Duboc
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Titel: Jung Volk will allein sein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 160, 162–163
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[160]
Jung Volk will allein sein.
Ein Abenteuer aus der Zeit der Postkutschen.
Von R. Waldmüller-Duboc. Mit Illustrationen von Ant. C. Baworowski.


Die Gartenlaube (1897) b 160.jpg

Es war spät abends und nahezu dunkel.

„Der Hauptwagen schon besetzt?“ fragte der schmarrenreiche, blaubebrillte Studiosus der Theologie Schelle den Kondukteur und entließ mit einem Trinkgeld den Lohndiener, der ihm Gepäck, Pfeifen und Rapiere nachgetragen hatte.

„Freilich ist er besetzt,“ rief der Kondukteur, vollauf mit Packen und Aufladen beschäftigt, „machen’s nur geschwind, daß Sie im Beiwage unterkomme!“

„Wo?“

„Da hinte.“

Schelle sah sich um. Ein gelbes Wäglein kam in Sicht, ein sogenannter Zweisitziger, der aber zur Not vier Passagiere aufnehmen mußte.

„Und wenn der auch schon voll ist?“

„So müsse Sie sich ebe bis morgen gedulde.“

„Himmelsakrament! Bis morgen? Nein! Lieber selbst zu fünfen. Aber wo sind denn meine Pfeifen? O jerum, hat das Rhinoceros alles in den Hauptwagen geschleppt!“ Und er lief dem eben von dannen rollenden Hauptwagen nach.

Währenddessen trottelte der Zweisitzige heran, besser als sein Ruf, geräumig genug, um viere zu beherbergen, wenn sie nicht allzuviele Schachteln und Pakete bei sich führten.

Der Postillon reichte dem Postknecht die Einschreibeliste hinab. Es war nur ein Passagier eingeschrieben, und dieser oder vielmehr diese – „Anna Walder“ las ihr der Postknecht pflichtschuldigst mit der Laterne in der Hand ihren Namen vor – hatte ihren Koffer schon vorausgeschickt und führte nur eine Hutschachtel mit sich. Sie war jetzt zur Stelle.

Während sie einstieg, fragte sie, ob sie allein bleiben müsse, denn sie sei eine furchtsame Natur.

Nein, es sei noch jemand eingeschrieben.

„Gott sei Dank, hoffentlich kein Kind!“

„Da kommt er schon.“

„Ein Herr?!“ Sie zog ihren Schleier vor.

„Ich denk’, Sie habe g’sagt, es dürfe kein Kind sein.“

„Schon gut.“

„Ihne kann man’s aber nicht recht mache.“

„Ich bin eben ein Hase, aber was kann man gegen seine Natur!“ Und sie drückte sich furchtsam in die dunkle Wagenecke.

Inzwischen hatte der Postknecht den Namen des ohne seine vermißten Schätze mürrisch wieder herangekommenen Passagiers aus der Liste herausbuchstabiert – „Schimmelpfennig – Studiosus Schimmelpfennig – stimmt’s?“

„Stimmt!“ Studiosus Schelle hatte den Spitznamen, den er in seiner Verbindung führte, eintragen lassen.

Er stieg ein, folgte im Dunkeln der Weisung, sich rechts zu setzen, denn links sitze schon jemand, und ließ sich verdrießlich in der ihm angewiesenen anderen Ecke nieder.

Wo seine Habseligkeiten geblieben waren, hatte er nicht herausgebracht; der Hauptwagen war nicht mehr zu erreichen gewesen; nun, die Rapiere konnten schon ein paar Püffe aushalten; aber wo hatte der Trottel von Hausknecht den gestickten Tabaksbeutel und die unersetzbare schön gebräunte Meerschaumpfeife untergebracht? Beides Angebinde von ihr! von Hedwig! – Der Studiosus Schelle war nämlich seit vorigem Semester verlobt, unter vier Augen verlobt; wenigstens hatte der Vater des jungen Mädchens, ein Superintendent, selbstverständlich seine Zustimmung von den ferneren Universitätserfolgen des noch grasgrünen Theologen abhängig gemacht und die beiden Liebenden durften noch nicht für verlobt gelten. – Es war um aus der Haut zu fahren!

Wer der Jemand war, der schon links sitzen sollte, kümmerte ihn wenig, den verlesenen Namen „Anna Walder“ hatte er zwar beim Herankommen gehört, aber nicht auf einen Mitreisenden in der Beichaise bezogen. „Ich möchte mich ohrfeigen,“ brummte er in sich hinein, „den gestickten Tabaksbeutel aus den Händen zu geben! Es war doch eine zu große Eselei; sie wird ihn bei unserem Wiedersehen gleich vermissen und ich stehe blamiert da; ihr Geschenk, ihre Stickerei! – und sie glaubt an schlimme Vorbedeutungen!“

Nach einer Weile verdrossenen Starrens begann er aber doch diesen ihren Hang zum Aberglauben als eine bisher von ihm nicht ernst genug bekämpfte Schwäche anzusehen, und daß er die Gelegenheit zu solchem Kampfe jetzt nicht vorübergehen lassen dürfte, ließ ihm das Ganze fast als eine höhere Fügung erwünschter Art erscheinen. So redete er denn vor sich hin: „Also keine Sentimentalität, Schimmelpfennig! Ist er weg, so ist er weg! Es wird Thränen kosten, aber was würd’ es helfen, wenn ich mir mit ihr gemeinsam die Haare ausraufte? Basta! Streusand drauf! Sie muß beizeiten sich beherrschen lernen – mache ich denn aus jeder Mücke einen Elefanten?“ Und er sah sich im Finstern nach seinem Reiseleidensgenossen um, ohne übrigens mehr entdecken zu können als sich zunächst eine pappene Hutschachtel. „Also eine Sie? Gewiß die ‚Anna Walder‘? Meinetwegen! Oder hat sie etwa ein Kind auf dem Schoß? Na, dann dank’ ich, dann kann es mir wieder wie letztes Mal ergehen, wo ich einen Schreihals stundenlang päppeln mußte.“ Er schämte sich doch des Tons, in den er in seinem Selbstgespräch verfallen war. „Warten wir ab, was der Himmel über uns verhängen wird! Als künftiger Seelsorger kann ich nicht früh genug mich in Geduld üben.“

Währenddessen hatte das junge Mädchen Mühe gehabt, ihre Fassung einigermaßen wiederzugewinnen. Wer in ihrem Herzen hätte lesen können, würde Zeuge der folgenden Betrachtungen geworden sein. „Die Sache ist und bleibt wirklich sehr, sehr unangenehm; wäre ich nur für den Hauptwagen eingeschrieben! Wie kann ich von 10 Uhr spät bis morgen früh 5½ Uhr mit einem fremden jungen Mann allein in der Post sitzen! Es ist zum Verzweifeln! Ich ängstige mich schon im voraus, daß mein Bräutigam mir deshalb sehr böse werden wird; schreiben muß ich’s ihm ja doch; – gesteht mir ja auch jede Kleinigkeit, die ihm begegnet ist; noch in dem letzten Briefe den dummen Scherz mit dem Milchmädchen; freilich waren die Kameraden an allem schuld! Hätte ich nur beizeiten erfahren, daß ich nicht mehr im Hauptwagen mitkonnte, so wäre ich beim Oheim noch einen Tag geblieben; ich versäume ja nichts zu Hause. Wirklich ganz außerordentlich fatal!“

Inzwischen war der bis dahin dicht verhüllt gewesene Mond hin und wieder auf kurze Augenblicke ein wenig aus den Wolken getreten, so daß Studiosus Schelle bei gelegentlichem Seitwärtsschauen etwas Verschleiertes und von ihm Abgewandtes zu gewahren glaubte, soweit er zu urteilen vermochte, keine Kinderfrau und auch keine Matrone. Die Beruhigung, daß ihm diesmal seine Unerfahrenheit im Kinderwarten nicht wieder Ungelegenheiten bereiten werde, verscheuchte einen großen Teil der Verstimmung, die ihm der Gedanke an die Möglichkeit derartiger Pflichten gegen seine Reisegefährtin bereitet hatte. Er begann sich zu fragen, ob die Reise in der bisherigen monotonen Weise fortzugehen brauche, und es fiel ihm ein, vielleicht könne er sie höflich auf das von der Decke des Wagens herabhängende Netz aufmerksam machen, damit sie dort ihre Hutschachtel unterbringe. Aber wenn sie nun etwa gerade im Einschlafen begriffen war? [162] Ein paarmal glaubte er, Atemzüge wie die einer schon Schlafenden zu hören.

In diesem Augenblick stieß der Wagen heftig gegen einen Stein und die Thür neben dem verschleierten Mädchen sprang auf. Das Fräulein hatte aufgeschrieen, sich aber, während er die Thür mit raschem Griffe schloß, schon wieder in die Ecke gedrückt – zum Fortschlafen mutmaßte er – und ihm blieb nach seiner Meinung höchstens übrig, über das Einschlafen der Postillons irgend etwas Belangloses zu äußern, was ihm aber selbst als eine allzu triviale Herkömmlichkeit erschien.

In verdrießlicher Laune drückte auch er sich von neuem in die Ecke. Er war doch sehr unzufrieden mit sich. „Wie pfiffig hätte ,Zachäus auf allen Kirchweihen’,“ murmelte er in den Bart, „wohl die Gelegenheit zu einer Anknüpfung benutzt!“ So lautete nämlich nach dem alten Sprichwort der Spitzname eines seiner guten Freunde, der nie in ähnlichen Lagen sich den Kopf zu zerbrechen brauchte und deshalb bei den Frauen immer Glück hatte. – „O, Zachäus auf allen Kirchweihen!“ Und um, statt sich Vorwürfe zu machen, seinem Scharfsinn etwas zu thun zu geben, fragte Schelle sich – woran er nie früher gedacht hatte – was dieser Zusatz ,auf allen Kirchweihen’ denn eigentlich besagen sollte. Auf den Kollegen paßte er ja vortrefflich. Bei allen Lustbarkeiten war er zu finden, und dabei versäumte er keine Vorlesung. Ein Mordskerl! Um diese Fähigkeiten beneideten ihn fast alle seine Kommilitonen und heute eigentlich auch er. Aber gleichviel: wie kam der richtige Zachäus zu diesem verfänglichen Anhängsel? Der Zachäus des Evangelium Lucä? „Als künftiger Gottesgelehrter sollte ich’s doch wissen, aber ich weiß es in der That nicht, habe auch nie darüber nachgedacht. Also wie kam Zachäus zu jenem volkstümlich gewordenen Zusatz? Was war Zachäus? Soweit ich mich zu erinnern vermag – ein Zöllner, sogar ein Oberster der Zöllner. Was weiter? Er war klein von Statur. Weiter: er kletterte auf einen Baum, auf einen Maulbeerbaum, um Jesus zu sehen, denn weil er klein war und weil viel Volk Jesus umringte, konnte Zachäus auf keine andere Weise ihn zu sehen bekommen. Schon gut, aber mit Kirchweihen, also, nach landläufigen Begriffen, mit Volkslustbarkeiten, hat das alles doch nichts zu thun! Wahrhaftig, ich muß mich schämen, erst in diesem Rumpelkasten auf die vertrackte Frage gekommen zu sein, ich, ein Studiosus der Theologie!“

Studiosus Schelle strengte sein Gedächtnis von neuem an und brachte weiter heraus, daß Jesus den kleinen Mann habe herabsteigen lassen, da er – Jesus – in dem Hause, des Zöllners einkehren müsse. Daß der Herr bei einem „Sünder“ einkehren wolle, erweckte dann ein Murren. Zachäus. aber sagte: die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen und so ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig zurück.

„Recht schön. Ich sehe aber immer noch nicht ein,“ redete Schelle ungeduldig in seinen Gedanken, „wie einem Manne, der so vieles herausrückt, der Spotttitel ,auf allen Kirchweihen’ angehängt werden kann!“

Und er verurteilte sich, den Rest dieser wunderlichen Nachtfahrt mit Anstrengungen zur Lösung dieser Frage verbringen zu wollen.

Uebrigens war seine Reisegefährtin keineswegs eingeschlafen, im Gegenteil, sie machte sich auch Vorwürfe. Welche? Nun – ihrem Nachbar für das rasche Schließen der Thür nicht gedankt zu haben; es war, sagte sie sich, der erste schickliche Anlaß gewesen, um ein paar höfliche Worte mit ihm, dem Leidensgefährten, zu wechseln. Daß er nicht selbst den Anfang gemacht hatte, sprach nur für seine gute Erziehung; wenige junge Herren hätten sich die Gelegenheit entgehen lassen, ein unbeschütztes Frauenzimmer während einer solchen mehrstündigen Nachtfahrt zu drangsalieren.

Dabei mußte sie doch seufzen. „Wenn man zuweilen nur zaubern könnte,“ sagte sie sich, „wär’s doch viel angenehmer, auf der Erde zu sein! Wie hübsch zum Beispiel, wenn ich aus diesem gewiß sehr vortrefflichen, aber gar nicht der Unterhaltung bedürftigen Herrn meinen Heinrich machen könnte! Natürlich müßte die Pappschachtel die Grenze zwischen uns bleiben, und daß er sie mir nicht eindrückte, dafür wollte ich schon sorgen; der Hut darin muß noch den ganzen Sommer aushalten! Aber so alle Station einmal, in Wilferdingen, in Pforzheim, Illingen, Schwieberdingen und wie alle die Dinger heißen mögen, ja, auf jeder Station sollte er mit mir aussteigen und, während die Pferde gewechselt würden, mich hübsch am Arme führen; vielleicht auch beim Wiedereinsteigen mir einen Kuß geben – versteht sich nur einen – auf keinen Fall mehr; es wäre wirklich die reizendste Nachtfahrt, die sich denken ließe!“

Inzwischen hatte die Zachäusgrübelei den Studiosus nicht verhindert, schläfrig zu werden. Ueber den unebensten Teil der Wege war man glücklich hinaus. „Wie mir,“ sagte sich Schelle, „wird es auch dem armen Fräulein da drüben in der Ecke besser bekommen, wenn sie der Natur ihr Recht gönnt. Ich will ihr mit gutem Beispiel vorangehen.“ „Wünsche wohl zu ruhen!“ gab er in „schicklichem“ Tone zu verstehen.

„Wünsche das gleiche,“ klang es weich zurück.

Es war ihm doch leichter ums Herz. „Menschenstimmen wieder zu vernehmen“, so hatte er erst unlängst in der Reisebeschreibung eines Missionars gelesen, „nachdem man lange Zeit nur Laute wilder Tiere vernommen hat, ist wirklich, ein hoher Genuß.“ Er hatte allerdings nicht, gleich dem Missionar, unter wilden Tieren gelebt, aber ein klein wenig gehörte sein Freund Zachäus in diese bedenkliche Sippe und mit ihm hatte er sich ja bis vor kurzem nicht ohne Widerstreben beschäftigt. „Ich that unrecht,“ sagte er sich, „nicht gleich anfangs ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. War es wieder einmal Schüchternheit? Was muß sie von mir gedacht haben! Aber das ist die Schuld der Bücher, über denen unsereins seine schönsten Jahre versitzt. Schenkt mir, das heißt meiner Hedwig und mir, der Himmel dereinst Kinder – er mußte über die sonderbare Vorstellung lachen – so sollen sie womöglich alles aus Menschenmunde und aus Gottes schöner Natur lernen.“

Mit diesem löblichen Vorsatze nickte er ein und war bald in tiefem Schlaf.

Anders seine Reisegefährtin. „Der hätte mir gefährlich werden können!“ – das waren ihre Gedanken – „was doch im Klang einer Stimme alles liegt! Zu Thränen hat mich’s ja als Kind wie oft gerührt! Gerührt? Nein, Kinder sind nicht eigentlich gerührt, sie weinen nur, wenn sie andre weinen sehen; aber hörte ich zum Beispiel die Stimme meines Vaters am Altar den Segen halb sprechen, halb singen, ich weiß nicht, wie oft mir die Thränen gekommen sind!“

Sie stützte den Kopf auf den Arm und diesen auf den unteren Rahmen des offenen Fensters und blickte leichten Herzens in die schöne, duftige Juninacht hinaus. Unzählige Johanniswürmchen schwärmten leuchtend umher, vor allem in der Nähe von niedern Gebüschen; es funkelte und schimmerte gelb und bläulich, wohin sie nur blickte. Dann ging’s an einem Dorfkirchhof vorüber, die Kränze auf den Gräbern raschelten im Nachthauche, die weißen Seidenbänder an den Kränzen flatterten gespenstig hin und her; eine Nachtigall schlug dicht vor dem Fenster des Pfarrers, wie angezogen durch den Schein der Nachtlampe und die menschliche Nähe; Frösche quakten ohne Unterlaß, einer noch lauter und sonderbarer als der andere; sie dachte an frühere Zeiten, wo sie abends als Kind ihre Lust daran gehabt hatte, mit einem einzigen Steinwurf, den sie in die Mitte solchen Froschteiches geschleudert, ein ganzes Froschorchester für viele Minuten aus dem Takt zu bringen. An Bauernhöfen ging’s vorüber und an stattlichen Getreidescheunen; die Kühe brüllten in den Ställen, Hunde schlugen an, Gänse schnatterten und auf dem Kirchendache klapperte der Storch, als begrüßte er, der Weitgereiste, die rasselnde Post und die schlummernden Passagiere drinnen. Auch die Kirchturmglocke schlug – schlug ohne Unterlaß – 9 – 10 – 11. Anna konnte nicht zu Ende zählen, die Augenlider schlossen sich, und träumend spann sie weiter, was Storch und Nachtigall und Pfarrwohnung in ihr an heimatlichen, traulichen Gedanken angeregt hatten.

Die Post aber rasselte weiter und immer weiter, und der Postillon ließ die Peitsche knallen, wo nur ein Echo war, und stieß ins Posthorn, wo er nur einen alten Gevatter im schwülen Federbett wußte oder eine lustige Jungfer auf hartem Strohsack. Denn zwischen Pforzheim und Illingen kannte er jedes Haus und jeden Stall und wußte, was drin und dran war. Die freundliche, vielgeschlängelte Enz mit ihrer schillernden Fläche hatte er schon manches Jahr zur Nachtzeit passiert; Enzberg, das [163] erste württembergische Pfarrdorf, hatte die feste Nachtruhe schon oft genug durch die Fanfaren des badischen Schwagers gestört sehen müssen; „’s ist halt der Badische widder,“ sagten die Enzberger und drehten sich verdrießlich in ihren Betten um; „der Bursch’ giebt ka Ruh’ – nit möglich, daß er ’s Muhl halt’t.“

Aber in Illingen kam der württemberger Schwager an die Reihe; der trieb’s gelassener, obschon er noch nicht vierzig Jahr alt war. In Vaihingen hatte der seinen Herzensschatz und da wurde zwar geblasen, daß die Fenster des Wirtshauses „Zum wilden Mann“ klirrten und ächzten und vom alten Schloß herunter dreimal das Echo schmälte; nachher aber ging’s ruhig, kein Hund bellte und selbst die Hähne krähten nur hin und wieder.

Doch das Mädchen in der Beichaise hatte jetzt nur noch unruhigen Schlaf. Als sie von dem Horngeschmetter des Postillons einmal aufgeschreckt worden war aus ihrem Schlummer und eine Weile vor sich hinsann, hatte sie ihren Nachbar – offenbar aus schweren Träumen – allerhand Ungereimtes vor sich hin sprechen hören, wobei das Wort „Kirchweih“ immer wiederkehrte. „Der träumt von schönen Dingen,“ hatte sie sich gesagt. „Also ein Herumstreicher ist es. Wie gut, daß er schläft und daß ich mich nicht mit ihm eingelassen habe!“ Und sie faßte ihre Hutschachtel fester. Allmählich überkam sie aber doch wieder der Schlummer.

Von Schwieberdingen bis Stuttgart gab’s noch zwei Meilen und den letzten Pferdewechsel. Der Postillon für diese Strecke war noch stiller als der vorige, vielleicht weil’s kein Spaß ist, morgens um drei oder vier Uhr aus dem Bette aufs Sattelpferd zu müssen, vielleicht auch, weil die Nähe des Hohenasperg, unheimlichen Andenkens, seine düstere Wirkung auf die um ihn wohnenden Schwaben äußert.

Aber die Lerche nahm’s mit der Gefängnisnachbarschaft nicht so genau und jubilierte – wer weiß, ob nicht eben der armen Gefangenen wegen – so hell und tröstlich in den Morgen hinein, daß die Passagiere im Hauptwagen aus dem unruhigen Reiseschlummer erwachten, sich die Augen rieben, die verwirrten Haare ordneten und einander sehr gelangweilt und unbehaglich anstarrten, als wünschte einer den anderen in die sibirischen Goldgruben.

In der Beichaise erwachte jetzt der Studiosus zuerst. Er sah nach der Uhr – „Zwei volle Stunden noch bis Stuttgart, es ist zum Verzweifeln!“ Den Bart ordnete er mit vieler Sorgfalt: „wenn mich die Liebste in diesem Bart wiedererkennt,“ sagte er im stillen, „zumal die blaue Brille noch hinzukommt, dann will ich für alle Zeiten ,Pastor Schimmelpfennig’ heißen!“ Er beschaute sich wohlgefällig im Taschenspiegel und sah dann zu seiner noch schlafenden Nachbarin hinüber; Hut und Schleier hingen vor ihr am Ledergurt des Wagendaches, sie mochte beide dort besser untergebracht glauben als in der Pappschachtel; ein weißes Taschentuch hatte sie um den Kopf geknüpft und ihr braunes Haar suchte an beiden Seiten des Gesichts Raum, sich unbeengt zu kräuseln. Der Studiosus Schelle hatte aber kaum das von der Morgenröte umstrahlte Gesicht der Schlafenden näher angesehen, als er von seinem Sitz aufsprang, die Hutschachtel umstieß und einen festen Kuß auf die Lippen des Mädchens drückte.

Mit einem Schrei fuhr sie empor.

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„Hedwig!“ rief der Studiosus, „ist’s denn möglich?“

Sie wußte, halb erst erwacht, kein Wort zu antworten; beide Hände hielt sie fest auf die Wangen gepreßt und schien nicht zu fassen, was mit ihr vorgehe. Er zog aber ihre Hände fort und küßte die abwehrenden Finger. „Ich bin’s ja selber,“ rief er, „Heinrich Schelle – laß meinen dummen Bart und die blaue Brille dich nicht bange machen; erkennst du mich denn noch immer nicht? – Ei, ei – und die ganze Nacht so zu verschlafen! Das ist doch ein Schabernack! Sprich, Herzliebchen, kennst du mich auch jetzt noch nicht?“

„Freilich kenne ich dich jetzt,“ rief Hedwig, halb lachend, halb weinend, „danach hat mir keine Ader geschlagen! Der Oheim sagte immer, du kämest einmal blitz, platz; aber ich meinte, du würdest mir’s erst mit der Post schreiben!“

„Und bist du denn nicht zufrieden, närrisch Ding, daß ich selber komme statt des Briefs? Hättest du mich nur gestern spät eines Wortes gewürdigt, als ich die aufgegangene Thür neben dir schloß!“

„Das wärst du schon gewesen?“

„Wer anders?“

„Nun, der Studiosus Schimmelpfennig – der saß doch dort, oder hab’ ich alles nur geträumt? Du heißt doch nicht Schimmelpfennig?“

„Und heißt du denn etwa Anna Walder?“

„Jetzt dämmert mir Verschiedenes …“

„Daß du nämlich von mir gehört hattest: wir Gottesgelehrten in spe pflegten auf unsere Spitznamen zu reisen …“

„Aus guten Gründen! Schlügt ihr einmal übern Strang, so …“

„Genug, und da hast du denn gedacht: Warum sollen wir junge Schönheiten nicht die nämliche Vorsicht gebrauchen …“

Sie hielt ihm den Mund zu. „Schäm’ dich! Meine Tante besorgte mein Billet, und da ist es auf ihren Namen ausgestellt worden! Doch du, erkläre mir lieber, was du als Gottesgelehrter in spe in einem fort im Traum von Kirchweihen und dergleichen zu reden hattest?“

„Ich?“

„Wer anders? Ich bin davon wieder aufgewacht und hab’ mich bekreuzt und gesegnet, daß meine Hutschachtel zwischen diesem scheinheiligen Kirmesjäger und mir stand.“

„Da muß ich denn doch protestieren,“ lachte Schimmelpfennig-Schelle. „Wie dies alles zusammenhing, erzähl’ ich dir ein andres Mal, oder dein Papa mag’s dir erzählen, denn der muß mir endlich auf den richtigen Weg helfen.“

„Ob dich als Gottesgelehrten in spe die Kirmeslustbarkeiten etwas angehen?“

„Nicht mich.“

„Aber wen denn?“

„Zachäus!“

„Nun, da bitt’ ich denn doch!“

„Wie so denn! Warum heißt es denn immer: ,Zachäus auf allen Kirchweihen’?“

„Das weißt du nicht?“

„Ich habe mir die halbe Nacht den Kopf darüber zerbrochen.“

„Gut, daß der Vater nichts davon zu erfahren braucht.“

„Aber wieso denn?“

„Weil du wissen solltest, daß Zachäus regelmäßig am Kirchweihtag genannt wird.“

„Wo?“

„Auf den Kanzeln.“

„O weh!“

„Und warum wird er auf den Kanzeln genannt?“

Der Studiosus schlug sich vor die Stirn. „Lukas 19, 1 bis 10,“ sagte er.

„Ganz recht: Zachäus hat im Evangelium für die Kirchweihtage eben seinen festen Platz. Als Töchterchen eines Superintendenten merkt man sich schon allerlei Beiläufigkeiten; in euren hochgelehrten Kollegien mögen sie wohl kaum erwähnt werden!“

„Mir ist in der That ein Stein vom Herzen gefallen,“ sagte der Studiosus aufatmend, „und nun zu einem Sprichwort, das keine Zweifel herausfordert – einen Kuß in Ehren darf keine verwehren!“ –

Womit die Beschreibung dieser Nachtfahrt zu Ende sein mag, denn wie heißt es noch im Sprichwort? – Jung Volk will allein sein!