Textdaten
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Autor: Ludwig Ferdinand Huber
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Titel: Juliane
Untertitel: Ein Lustspiel
aus: Thalia - Dritter Band,
Heft 12 (1791), S. 78-97
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Georg Joachim Göschen
Drucker:
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Friedrich Schiller
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[78]
III.
Juliane.
Fortsetzung.
(Siehe neuntes Heft.)


Neunter Auftritt.
In Julianens Haus.
Lucie, Julianens Kusine, und Luise, Julianens Tochter, ein Kind von sieben Jahren, hereinkommend.

Lucie. Sieh’, was du für ein vergeßliches Ding bist. Da hast du deine Stickerei blank und offen stehen lassen, mitten in der Stube. Die Mutter hätte nach Hause kommen können, während daß wir aus waren – und die Freude wäre uns verdorben gewesen.

Luise. Mutter war aber nicht wieder zu Hause. Ihr Stuhl steht noch umgekehrt am Mahltischchen.

Lucie. Desto besser. (Sie tritt an den Stickrahmen.) O nun wird ja deine Blume gestickt seyn, eh sie kömmt. [79] Mach geschwind, daß du jezt noch fertig wirst, dann kannst du sie ihr zeigen.

Luise. (Sezt sich hin und stickt; Lucie sezt sich ans Fenster mit einer weiblichen Arbeit.) Ja? das ist gut, liebes Mühmchen, daß du mir das erlaubst. Ich denke immer, Mutter wird keine Freude daran haben, weil ichs heimlich gethan habe. Und das Blümchen ist doch so hübsch!

Lucie. Kind! Die Mutter wird gewiß Freude haben, denn dafür thaten wirs ja. Und wenn das Blümchen nicht so hübsch wäre, sie hat doch Freude, daß ihr Luischen so fleißig und so geschickt war. Siehst du, Gutes kann man wohl heimlich thun; man hat dann auch eine heimliche Freude darüber. Die Leute wollen nur immer heimlich Böses thun, weil sie sich schämen, daß es andre Leute sehen; aber Freude haben sie doch nicht daran, und niemand!

Luise. Es ist gar zu hübsch – und die natürlichen Farben, wie die Rosen draußen am Fenster, die so schön riechen – Mühmchen, den Geruch haben wir doch vergessen!

Lucie. Den kann man auch nicht sticken, liebes Herz, weil man ihn nicht sieht.

[80] Luise. Jezt möchte die Mutter auch kommen. Dann wüßte sie’s, und ich erzählte ihr, warum ich gestern roth wurde, und warum mir das Herz unter ihrer Hand pochte, wie sie mich fragte, was ich getrieben hätte, und ich sagte, ich hätte am Hemdchen genäht, da ich doch gestickt hatte.

Lucie. (Steht vom Fenster auf, und tritt an den Rahmen.) So! Nun bist du fertig. Nun laß es, und leg’ es weg. Geschwind – ich habe die Kusine kommen sehen.




Zehnter Auftritt.
Die Vorigen, Juliane.

Juliane. (Der Luise liebkosend entgegen hüpft.) Mein Kind – mein süßes Kind! War ich dir zu lange aus? Komm, Mädchen, ich bleibe’ nun bei dir.

Luise. Heute den ganzen Tag?

Juliane. Ja – und auch morgen.

[81] Lucie. Wir waren spatzieren, Luise und ich. Du bist’s doch zufrieden, Kusine?

Juline. Bin ich’s nicht immer, wenn das Kind bei dir ist? Liebe, und überall Liebe, wo sich das Mädchen hinwendet! Und dann wieder deine Liebe, die so verschieden ist von der meinigen –

Lucie. Und die seinige vergißt du nicht, die auch ganz anders ist –

Juliane. Aber ist’s denn auch gut so? Ich möchte zuweilen Angst um sie haben, sie unter Fremden wissen – (Sie drückt das Kind an sich.) Ach, was würde das klare Auge staunen, wenn kein freundlicher Blick ihm begegnete, kein Arm sich ausstreckte nach ihr!

Lucie. Grüble nicht, Liebe – das würde sich auch geben.

Juliane. Ja – du hast Recht. Es würde sich geben – und Liebe bliebe in ihr, und Liebe geht nie verloren, auch wenn sie zurück strömen muß in das Herz – – Weißt du etwas neues, Lucie? diesen Morgen in der Messe – habe ich die Gräfin gesehen.

[82] Lucie. Die Gräfin? Welche Gräfin?

Juliane. Schweigt.

Lucie. (Mit gutmüthigem Verdruß.) Ach so! Die? – Nun?

Juliane. O Lucie, es ist ein holdes Geschöpf! Das große, schwarze – stille, suchende Auge! Ach, das Auge sprach mit dem Himmel – und seine Angelegenheit schien so menschlich schön. Dann fiel es auf mich – und wieder auf mich – und es war, als würde es so leicht und so viel besser mir sagen, was es dem Himmel sagte – –

Luise. (Die auf ihrer Hand lag, sieht zu ihr hinauf.) Was suchst du da oben, Mutter?

Juliane. (Neigt sich zu ihr, mit lebhafter Rührung.) Dich hier unten, meine gute Tochter – Komm, setz dich zu mir. Wir wollen arbeiten. Liegt mein Nähzeug bei dir, Lucie?

Lucie. Hier. Aber – Liebe – deine Augen –

[83] Juliane. Gieb nur. (Lachend.) Das hilft ja grade für die Thorheit! – Aber liebe Närrin, was machst du wieder für ein Gesicht? Es wäre wohl recht gut, um meine Augen zu schonen, wenn ich mich hinsezte, und mir ein ernstliches Geschäft aus dem bischen Weinen machte? Du hast’s Luisen oft verwiesen, wenn sie that, was du nun von mir verlangst –

Lucie. Ei so treib’s, wie du willst! – Du mahlst ja gar nicht mehr?

Juliane. Nein.

Lucie. Wie? Gar nicht mehr?

Juliane. Vor der Hand schwerlich.

Lucie. Aber er wird dir Vorwürfe machen.

Juliane. Nein, er wird nicht, meine gute Lucie! Er wird nicht dürfen, der arme Graf!

Lucie. Ja doch – Du hast dann freilich deine Art.

[84] Juliane. So meine ich’s nicht, Lucie. –

Luise. (Halb laut zu Lucien.) Nun, Kusinchen, jezt?

Lucie. Hm! – Jezt doch lieber nicht, mein Kind.

Luise. Ach, doch! Mutter ist gut, wenn sie auch weint – Mutter, ich habe etwas für dich –

Juliane. Was denn, meine Liebe?

Luise. (Verschämt.) Etwas – das ich gemacht habe. (Sie holt die fertige Stickerey.) Da!

Juliane. (Nicht freundlich, und hastig.) Wer hat dir das gelehrt, Luise?

Luise. (Bestürzt und stockend.) Ach – hm – die – –

Juliane. (Hart und auffahrend.) Schnell, Mädchen! Wie hast du das gelernt?

[85] Luise. (Tritt halb weinend zu Lucien.) Nun, Lucie, ich hatte dir’s heute wohl gesagt –

Lucie. (Ebenfalls etwas weinerlich und verdrießlich.) Ach, und ich hatte dir gesagt: jezt nicht! – das Kind hat’s von mir gelernt, ganz heimlich, weil ich Wunder glaubte, wie viel Freude dir’s machen würde.

Juliane. (Steht auf, und nimmt Lucien bei der Hand.) Liebe – Gute, vergieb mir. Ich war nicht gut – gar nicht. Als ob ich etwas besserte, wenn ich Eure liebende Absicht nicht annähme! Du vergiebst mir?

Lucie. (Fällt ihr um den Hals.) Ich – vergebe dir, wenn du willst!

Juliane. (Sanft.) Luise, du mußt gleich antworten, wenn ich dich frage. Die Blume ist sehr hübsch.

Luise. (Treuherzig.) Nicht wahr, die Blume ist recht hübsch? Ich weiß nichts hübscheres, als eine solche Blume. Es ist eine Rose – Jezt kann ich’s, und jezt mache ich alle Tage Rosen –

[86] Juliane. Ja – wo hast du deinen Strumpf?

Luise. Hier. Er ist bald fertig – der zweite!

Juliane. Da könntest du wohl gleich so eine Blume hineinsticken?

Luise. (Läuft schnell und voll Freude mit dem Strickzeug an den Rahmen.) Ach ja! (Am Rahmen scheint sie sich zu besinnen, und lacht herzlich.) Hi, hi! das sähe wunderlich aus, die rothe Blume in den weißen Strumpf – und dann am Fuß! Hi, hi! – Ach, den könnte man nicht tragen, Mutter –

Juliane. Recht wohl nicht – da wirds wohl nicht gehen, meinst du?

Luise. (Tröstend.) Nein! Es wird gewiß nicht gehen – So eine Blume ist denn doch auch garstig!

Lucie. Juliane, der Graf kömmt. (Aufstehend.) Ich will lieber auf meine Stube –

Juliane. Lucie – liebe, du weißt, was ich dich bat.

[87] Lucie. Ach ja – Eigensinn! (Sie setzt sich wieder hin.)




Eilfter Auftritt.
Die Vorigen, der Graf.

Juliane. So zeitig, Lieber? Ich komme selbst erst nach Hause.

Graf. Ich muß auch zeitig wieder fort – zu Altsteins, in die Assemblee.

Juliane. Zu Altsteins? Sind Sie schon wieder gut mit der Alten? Das ist doch die Mutter, die einmal Rechnung auf Sie machte, für eine von ihren drei Töchtern?

Graf. Dieselbe. Die älteste heirathet, und die Frau von Altstein will mir mit der Herrlichkeit einen Stachel ins Herz setzen. Darum hat sie die ersten Schritte gegen uns gethan.

Juliane. Also macht Fräulein Gundchen eine gute Parthie?

[88] Graf. So weit wohl! Ihre widrige Schönheit hat den reichen Baron Horstberg gefesselt.

Juliane. Nun – wenn solche Menschen sich finden, möchte ich immer einer gütigen Vorsehung danken, die einem unschuldigen Mädchen einen Wüstling, und einem braven Mann eine Kokette zu bekommen erspart hat.

Graf. Juliane, Juliane, ich weiß nicht – Frau von Altstein wird ihre Absicht zum Theil an mir erreichen!

Juliane. Lieber Freund, nimmermehr! Ich bin noch stolz darauf, daß ich – Ihre Ehre gerettet habe. Die berüchtigte Prüde durfte ihren Namen nicht tragen.

Graf. In der Welt, am Hofe – wer fragt darnach?

Juliane. Sie selbst. Sie blieben ein Mann, in der Welt und am Hofe.

Graf. (Murmelt düster in sich hinein.) Pah! diese Weisheit ist Inkonsequenz – was ist denn jezt besser?

[89] Juliane. Luise, steh auf. (Halblaut.) Geh zu diesem Mann, und sag: lieber Ludwig, sei freundlich.

Luise. Ich weiß nicht, wie Ihr heute alle seid! Ich habe ihm genickt, da er kam, und er sah nicht darauf – Lieber Ludwig, sei freundlich!

Graf. Ja doch, ja! Ihr braucht mich nicht mehr zu beschämen – Luischen, Lucie, laßt uns einen Augenblick allein.

Juliane. Geht, Kinder.




Zwölfter Auftritt.
Juliane, der Graf.

Stillschweigen, während dessen der Graf abwechselnd tiefsinnig und heftig auf und ab geht, Juliane aber sizt, und von ihrer Arbeit zuweilen ruhig trauernd auf ihn blickt.

Graf. (Bleibt endlich vor Julianen stehen, und faßt sie heftig bei der Hand.) Juliane!

[90] Juliane. (Ruhig.) Mein Freund! –

Graf. O rede – rede ein Wort, ein einziges kleines Wörtchen!

Juliane. Mein guter, lieber Freund – Sie haben mir etwas zu sagen.

Graf. Und du mir nichts – kalte Seele?

Juliane. Ludwig – finden Sie mich wirklich kalt?

Graf. Es ist nicht gut, es ist wahrlich nicht gut. Ich verderbe in meinem Innern. Sieh, ich hasse deine Treflichkeit, die ich anbete – (Ruhiger.) Ich hasse dich, weil ich mich deiner unwerth, weil ich mich klein gegen dich fühle – (Wieder heftig.) Ich liebe dich, und –

Juliane. (Hingerissen.) Und wirst aufwachen aus diesem stürmischen Traume, und wirst schaudern vor der Grabesstille, in der du das ruhig ergebne Herz deiner – – (Heiter.) Du wirst meine Zärtlichkeit nicht verkennen, wenn du ruhig bist – auch meine Achtung nicht, weil [91] ich nicht suche, dir Beschämung zu ersparen. Ungestüm, Ungerechtigkeit ist eine Krankheit in dieser schönen Seele. – Genese, lieber Kranker.

Graf. Ja, ich will! Mir ist’s, als hätte ich mich nun wieder, wieder aus deiner Hand! – Ach, Juliane – (Mit dem losbrechenden Ton des innigsten Schmerzens.) Meine Frau ist ein Engel!

Juliane. (Unwillkührlich vom Lachen ergriffen.) Lieber, lieber! Vergieb! – (Muthwillig) Nicht so schmerzenreich sah ein Mann aus, den ich einmal vier Wochen nach der Hochzeit sagen hörte: Meine Frau ist – ein Weib! Und wenn du mir mit diesen Worten meine Seligkeit raubtest – mit diesem Ausdruck sagte wohl noch kein Mann diese Worte. – O du lächelst selbst!

Graf. Warum nicht? Denn ich raube dir deine Seligkeit nicht mit diesen Worten.

Juliane. (Sehr ernst.) Nein, gewiß nicht. Ihr werdet glücklich seyn. – (Mit leichter, aber gefühlvoller Fröhlichkeit.) Nun, mein Freund, soll ich dir nun noch mehr sagen? Ein guter Mann, der einen Engel findet, erkennt in ihm – fast seines gleichen. Ein guter Mann, der einen Engel findet – liebt diesen Engel.

[92] Graf. (Küßt ihr mit schmelzender Zärtlichkeit die Hand.) Wahrlich, ja!

Juliane. (Gerührt.) Still! Einem Mann – und wär’ er noch so gut – ein Engel!

Graf. (Rasch.) Und einem Engel? –

Juliane. (Mit inniger Ruhe.) Einem guten Weibe, der Himmel im Herzen; einer Mutter –

Graf. (Hält ihr die Hand vor den Mund.) Juliane! – Nein. Ich verstehe dich, du Edelste! Aber laß mich jezt reden – Ich athme wieder auf; ich fürchtete, vor Schaam zu versinken, jezt siehst du mich glühen vor Nacheiferung. Höre mich, höre, Schöpferin, den nach deinem Bilde geschaffenen.

Juliane. Mein – mein Schwärmer! (Sie ruht mit dem Auge auf ihn.) Nein – nimmermehr! Gott bewahre mich! Das wäre ein schreckliches Loos, wie ein bleiernes Gewicht an dem Glück eines Menschen zu hängen. [93] Mir lächelt Erinnerung aus deinem glühenden Gesicht! Das schöne Weib, mit dem ahndenden Mädchenblick – sie sollte verschmachten nach einem Herzen – nach diesem Herzen! In diesem Auge wäre sie verdammt, ewig diesen Blick zu suchen, und ihn ewig nie zu finden –

Graf. Sie fand ihn, Juliane; sie fand ihn heute! –

Juliane. Ach! – Jezt bist du mein, Ludwig, jezt habe ich dich; du folgst mir –

Graf. Nein. – Du zwangst mich, den Wünschen – den Befehlen meiner Familie nachzugeben. Unsrer Ruhe brachte ich dieses Opfer, mehr als deiner grosmüthigen Ueberredung, weil gegen dich und dein Kind heimliche Verfolgungen geschmiedet wurden, vor denen ich selbst dich nicht sichern konnte. Du fordertest einen unbescholtenen Ruf an meiner Gemahlin – ich ließ es zu, daß für mich um Sophie von Strahlen geworben wurde. Ein Fräulein von unbescholtnem Ruf, und weiter nichts – o da war noch nichts an meinen Berechnungen geändert! Ich sah sie vor der Hochzeit sehr wenig, und sah nicht mehr an ihr, als ich sehen wollte. Sonst – sonst wäre sie nie die Meine geworden, ich hätte sie gewarnt, ich hätte ihr alles gesagt –

[94] Juliane. (Nach einer kleinen Pause, mit ernster Besonnenheit.) – Doch! das hättest du gethan.

Graf. Ich danke dir. – Aber das ist vorbei. Sie liebt mich, und ist – unwiderstehlich.

Juliane. Das glaube ich!

Graf. Und nun – steht’s unwandelbar in mir. Du, sie, und ich. Oder – ich lege dich in ihre Hände, und sie trennt sich von mir.

Juliane. (Nach einigem Stillschweigen.) Ja, mein Freund. Dein Entschluß muß das seyn. – Daß eine gute einfache Seele, die auf dem ebnen schmalen Wege des Gewöhnlichen einer stillen Glückseligkeit entgegen gieng, sich nun in die Labirinthe der Unnatur verirren soll, wo sie zu gut oder nicht groß genug ist, sich zu finden. – Das überlegst du nicht, und – auf deiner Wage muß sie die leichtere seyn. Höre mich, Lieber! Versprich mir, nichts, gar nichts zu thun. Wir schwatzen wieder zusammen, dein Herz ist nun leichter – und du versprichst mir’s?

Graf. – Ja.

[95] Juliane. Das sieht meinem Freunde gleich. Du weißt, daß du mirs doch versprechen müßtest, und du hältst mich nicht länger umsonst auf. Mächtig genug bist du deiner, seit wir uns sprachen, um dein Versprechen zu halten. – O ich habe dir noch nicht gesagt, daß ich heute ein Paar sehr fröhliche Stunden hatte. Du weißt doch Lotten, das reine holde Geschöpf, das mit so vieler Naivetät an mir und meiner Kleinen hängt, und die frommen Einwendungen ihrer Mutter gegen uns sogar nicht begreifen kann. Ich blieb heute lange bei ihr, weil sie ganz allein war – Ihre Mutter ist gut, bei aller ihrer Steifigkeit, und sie würde mir für die Paar Stunden danken – es ist doch eine Freude, auf einen so lieblichen Boden unsre Blumen zu säen!

Graf. Juliane! – Du bist ganz Liebe und Wohlthun.

Juliane. Ah, hilf mir doch wählen. Morgen ist ihr Namenstag, ich schicke ihr einen Rosenstock; nun steh’ ich heute schon oft zwischen diesen beiden, und weiß mein Lebtag nicht, welchen ich ihr schicke. Einen möchte ich behalten –

Graf. Nun – und natürlicherweise behältst du nicht den Schönsten. Das ist doch gewiß dieser.

[96] Juliane. Ja – ich muß blind gewesen seyn. Das prangende Roth hier verführte mich – aber wenn übermorgen dieser Stock in Blüthe steht, ist jener verwelkt. Lotte soll den haben! – O, mein Freund! Gieb dieser Blume Liebe, und wie sie heute sich unsrer Freude an ihrer Pracht erfreut, so wird sie morgen welkend sich ihrer blühenden Nachbarin freuen. – Du willst etwas sagen. Ich bin Schuld, aber strafe mich nicht, und denke unsers Vertrags. Ich war ein Weib, ein liebendes Weib, aber Menschenglück muß anders gewogen werden, als mit Bildern und Blumen. – Jezt geh. Deine Zeit ist um. Geh geschwind – und halte Wort.

Graf. Ich halte Wort, Juliane, um des Wortes willen. Und du hältst auch Wort; wir schwatzen wieder zusammen, und – du wirst nichts verändern! (Ab.)




Dreizehnter Auftritt.

Juliane allein, darauf Luise, von innen.

Juliane. (Indem er geht.) Lieber Verführter, ich bin sichrer als du! – (Sie steht eine Weile in trüberem Nachdenken, [97] darauf tritt sie an ein Klavier, und hebt den Deckel auf. Wie sie die Tasten berühren will, scheint sie zu erwachen, zieht die Hände zurück, und schüttelt den Kopf. Man hört Luisen aus einem Nebenzimmer rufen.)

Luise. Mutter, wo bist du?

Juliane. Ah! (Sie schlägt den Deckel vom Klavier heftig zu, und eilt hinein.)

Vom Verfasser des heimlichen Gerichts.