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Johann Gottfried Pahl: Drucker Johann Georg Ritter aus Gmünd

Textdaten
Autor: Johann Gottfried Pahl
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Titel: Drucker Johann Georg Ritter aus Gmünd
Untertitel:
aus: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben und aus meiner Zeit. S. 188–194
Herausgeber: Wilhelm Pahl
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1840
Verlag: bei Ludwig Friedrich Fues
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Digitalisat der Uni Göttingen und
Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Bericht über die Herausgabe von Pahls "National-Chronik der Teutschen"
Siehe auch Schwäbisch Gmünd und die Besprechung der National-Chronik in der Allgemeinen Literatur-Zeitung
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[188]
Die zweite Periode des Lebens in Neubronn.
1801–1808.

Ich hatte mich schon länger mit dem Gedanken beschäftigt, die Tagsgeschichte des Vaterlandes in einer periodischen Schrift zu bearbeiten, die, in kurzen Fristen erscheinend, den Begebenheiten [189] auf dem Fuße folgte, und die übersichtlichen Darstellungen derselben durch politische, staatsrechtliche, historische und statistische Räsonnements und Bemerkungen erläuterte. Für ein solches Unternehmen konnte kein schicklicherer Zeitpunkt gewählt werden, als der Anfang eines neuen Jahrhunderts, zumal wenn in der Morgenröthe desselben die Zeichen großer Umkehrungen und durchgreifender neuer Bildungen der bestehenden bürgerlichen Verhältnisse erschienen. Dasselbe aber konnte so, wie ich mir es dachte, nämlich als ein nach Art der Zeitungen wöchentlich erscheinendes Blatt, nicht ausgeführt werden, wenn mir nicht in meiner Nähe eine Buchdruckerei zu Dienste war. Auch dazu ergab sich die Gelegenheit. Ein Mann dieses Gewerbes, Johann Georg Ritter,[1] – jung, thätig, verständig und strebsam, – hatte sich kurz zuvor in Gmünd niedergelassen. Er ergriff die ihm mitgetheilte Idee mit Eifer. Ueber die Bedingungen wurden wir leicht einig. Er druckte das Blatt umsonst und ich schrieb es umsonst; am Schluße des Jahres aber theilten wir, nach Abzug der Kosten, welche der Ankauf des Papiers erfordert hatte, den gesammten Ertrag zu gleichen Theilen. So erschien am 7. Jan. 1801 das erste Blatt der Nationalchronik der Teutschen.[2]

Glücklicher Weise übersah die jugendliche Zuversicht des Verfassers und des Druckers die Bedenklichkeiten der Unternehmung. Keiner von beiden hatte einen Begriff von den Schwierigkeiten, mit denen damals – und wohl auch noch izt – bei der zahllosen Concurrenz und dem Widerstande der Rivalitäten, ein beginnendes Journal zu kämpfen hatte. Schon der Name der Stadt, aus der das unsrige angekündigt wurde, gereichte ihm nicht zur Empfehlung, da sie bei dieser Gelegenheit vielleicht zum erstenmal in der literarischen Welt genannt ward[3], während sie in der merkantilischen, wegen des in ihr verarbeiteten schlechten Silbers einer allgemeinen, zum Sprüchwort gewordenen Ruchtbarkeit genoß. Ueberdieß macht die Gründung eines neuen Journals bedeutende Vorschüsse unerläßlich, deren Ersatz erst von dem Gelingen der Speculation erwartet werden muß, dazu fehlten uns die Mittel, und so sahen wir alle unsre Hoffnungen auf den Erfolg unsrer Ankündigungen beschränkt, deren Verbreitung aber [190] von vielen Zeitungsredactoren und Postämtern, die das eigene Gewerbe durch ein neu aufkommendes nicht stören lassen wollten, planmäßig und eifrig gehindert wurde. Dabei machte es dem Verfasser sein ländlicher Aufenthalt, seine Dürftigkeit an literarischen Hülfsmitteln und die in seiner Lage ihm äußerst erschwerte Benützung der politischen Tagsliteratur unmöglich, seiner Arbeit das Interesse der Neuheit und Vielseitigkeit zu geben, das die meisten Leser von einem wöchentlich erscheinenden Blatte befriedigt zu sehen erwarten mochten. – Unter diesen Umständen erschien das Unternehmen sehr bedenklich; mehrere meiner Freunde bewiesen mir die Unmöglichkeit seines Gelingens; die Ungunst erklärte es für lächerlich; kaum hundert Abnehmer hatten unterzeichnet, als das erste Blatt erschien. Ueberdiß warnte der General, mit dem Ernst eines welterfahrenen Mannes, man müsse sich nicht in eine Stellung setzen, in der die Gefahr unvermeidlich sei, sich mächtige Feinde zu machen. Aber was sich auch für Besorgnisse erhoben haben mochten, sie wurden durch den Erfolg auf eine unerwartete Weise widerlegt. Die Bestellungen mehrten sich von Woche zu Woche, und als das erste Jahr vorüber gegangen war, unterlag der Bestand des Blatts keinem Zweifel mehr. Jedes folgende Jahr dehnte seinen Kreis weiter aus. Es gelangte, vorzüglich im südlichen Teutschlande, auf dem linken Rheinufer und in der Schweiz zu einer immer bedeutendern Verbreitung. Gewiß aber würde diese noch weit größer geworden sein, wenn ihm die mercantilischen Verbindungen der Spedition und die Mittel der Unternehmer kräftigere Unterstützungen hätten darbieten können.

Ohne Zweifel verdankte die Nationalchronik dieses unerwartete Glück hauptsächlich dem Interesse der Zeit, in der sie erschien. Das erste Factum der Tagsgeschichte, das sie commentirte, war der Vertrag von Steyer, durch welchen Oesterreich seine Waffen zu den Füßen des ersten Consuls niederlegte [4], und, auf die Verbindung mit seinen Bundesgenossen verzichtend, sein Schicksal dem Willen seines Ueberwinders anheim stellte. Dann aber war es der Friede von Luneville[5], – die Vorbereitungen zu seiner Vollziehung in Teutschland, – das Ringen [191] und Streben der Stände hier um Rettung und Erhaltung, dort um Entschädigung und Gewinn, – die Regensburger Verhandlungen, die durch die Willkühr fremder Macht gelenkt, zu einem schmählichen Ländertrödel wurden, und im Innern des Hauses ein erbärmliches Flickwerk ausführten, während sie seine Grundmauern zerstörten, – die Art, wie die glücklichen Erwerber in ihren neuen Besitzungen organisirten und reorganisirten, – die Kaiserkrone auf dem Haupte des siegreichen Soldaten [6], dem es gelungen, das Erbe der französischen Revolution in seine Tasche zu stecken, – es war der Dreikaiserkrieg mit seinen raschen, wundersamen Erfolgen und mit seinen ungeheuern Resultaten, - der Umsturz des zur Ruine gewordenen römisch-teutschen Reichs, nachdem es sein Jahrtausend vollendet hatte, – die Errichtung des Rheinischen Bundes[7] auf seinen Trümmern, – der Fall der preußischen Monarchie, – die französische Präponderanz, die es unverhüllt erklärte, daß es in dem durch sie realisirten System des Uebergewichts keine politische Selbstständigkeit mehr geben dürfe – was aller Augen auf sich zog, alle Geister beschäftigte, alle Gemüther berunruhigte und alle Kräfte in Anspruch nahm. Indem aber dieß alles in rascher Folge, die jedem Tage seine Neuigkeit brachte, sich begab, konnte es nicht unerwartet sein, wenn ein Journalist, aus dessen Munde das Publikum die Töne einer liberalen, gemäßigten und patriotischen Gesinnung zu vernehmen glaubte, und dem es das Verdienst einer lebendigen und anziehenden Darstellung zuerkannte, einen zahlreichen Leserkreis um sich versammelte, indem er, was sich auf vaterländischem Boden begab, oder aus der Fremde auf denselben einwirkte, nicht blos im gewöhnlichen Zeitungsstiele nacherzählte, sondern die Begebenheiten und Erscheinungen, nachdem sie eine darstellbare Gestalt gewonnen, bald in leichten Umrissen, bald in ausgeführtern Skizzen schilderte, ihren Charakter, ihre Ursachen und ihre wahrscheinlichen Folgen, so weit erst gewordene Producte es zuließen, bezeichnete, durch vergleichende Rückblicke in die Geschichte der Vergangenheit das Verständniß der Gegenwart aufschloß, in geographischen und statistischen Zeichnungen und Gemälden die Schauplätze der Begebenheiten anschaulich [192] machte, alle Interessen der Zeit auf dem politischen, rechtlichen und moralischen Standpunkte, in mehr oder weniger umfassenden Betrachtungen und Reflexionen besprach, und die Thorheiten, Inconsequenzen und Nichtswürdigkeiten, die ihm in seinem Beobachtungskreise aufstießen, bald mit dem Ernst eines strengen Sittenrichters bestrafte, bald mit der Geißel der Satyre züchtigte. Das Interesse, welches das Blatt durch diese Weise bei seinen Lesern fand, entging aber auch den Collegen des Verfassers, den Journalisten, nicht, wie denn, von seinem Erscheinen an, viele teutsche und selbst auch mehrere französische Zeitungen eine Menge längerer und kürzerer Artikel wörtlich aus ihm aufnahmen; was jedoch nicht zu seiner größern Verbreitung beitrug, indem die besagten Collegen, beinahe ohne Ausnahme, sorfältig vermieden, das als fremdes Eigenthum zu bezeichnen, was sie als das ihrige geltend machen wollten.

Es lag in dem Plane der Nationalchronik der Teutschen, insoferne sie ein räsonnirender Commentar über die Tagsgeschichte des Vaterlands sein sollte, in dem die leztre immer auf demselben Standpunkte aufgefaßt und nach denselben Grundsätzen beurtheilt werden mußte, daß jedes Blatt von dem Herausgeber selbst ausgearbeitet wurde. Indessen schloß dies die Benützung von Bemerkungen und Notizen nicht aus, die auf dem Wege der Correspondenz an ihn gelangten, und die um so weniger zurück gewiesen werden durften, da durch sie manche neue, oft sehr interessante Thatsache zur Kenntniß des Publikums kam. Diese Mittheilungen mehrten sich mit jedem Jahre und trugen nicht wenig dazu bei, die gute Aufnahme des Blatts zu befördern; mehrere derselben wurden von mir selbst durch Erkundigungen veranlaßt, die ich über Begebenheiten und Menschen an Ort und Stelle einzog; von den meisten Einsendern aber wurde Einkleidung und Darstellung mir überlassen. Zugleich fehlte es an solchen Beiträgen nicht, welche, historischen oder räsonnirenden Inhalts, von größerm Umfange waren, und insoferne sie dem Zwecke und Geiste des Journals entsprachen, gern aufgenommen wurden, wobei ich jedoch häufig in den Fall kam, in Beziehung auf Materie und Form, mir Modificationen zu erlauben, welche die [193] nur auf dem Standpunkte des Herausgebers sich darbietenden Rücksichten räthlich oder nothwendig machten. Hierdurch erhielt mein Briefwechsel eine sehr große Ausbreitung und der damit verbundene Aufwand nahm einen bedeutenden Theil des Ertrags, den das Blatt gewährte, wieder hinweg. Aber, ohnehin nie gewohnt, pecuniäre Vortheile sehr ängstlich zu berechnen, fand ich mich dafür reichlich durch die zum Theil sehr interessanten und schätzbaren Verbindungen mit vielen ausgezeichneten Gelehrten und Geschäftsmännern entschädigt, die ich auf diesem Wege anzuknüpfen das Vergnügen hatte.

Auch das konnte dem Herausgeber nur erfreulich sein, daß das Publikum der Nationalchronik ein sehr achtungswerthes war, bei dessen Anblick er sich leicht über die geheimen Anfeindungen und die öffentlichen, oft sehr bittern Angriffe der Obscuranten und der Stabilitätsritter zu trösten vermochte, die als ihre Gegner in die Schranken traten. Denn jenes Publikum bestand nur aus solchen Lesern, die das laute und offene Zeugniß für Aufklärung, geistige Freiheit, rechtliche Ordnung im bürgerlichen Leben und fortschreitende Entwicklung der Cultur und des allgemeinen Wohlstandes mit Zustimmung vernahmen, weil sie selbst für diese der Menschheit so theuern Güter begeistert waren, oder weil sich in ihnen die Empfänglichkeit vorfand, die Strahlen des hellern Lichtes, das in dieser Zeit aus den Finsternissen der Vergangenheit hervor gebrochen war, in sich aufzunehmen. Den Ansprüchen dieser Leser zu genügen, war ich auch eine geraume Zeit hindurch durch keine Art äußern Zwangs gehindert. Seitdem die Franzosen selbst das meiste gethan hatten, um die Furcht vor der Verbreitung der demokratischen Ideen, die in so vielen Köpfen gespensterartig gespuckt hatte, niederzuschlagen, war den Schriftstellern, wenigstens in den protestantischen teutschen Staaten, überall wieder eine freiere Bewegung gestattet, und wenn man auch die bisherigen, das Bücher- und Journalwesen betreffenden Gesetze bestehen ließ, so wurden sie doch nicht mehr mit der frühern Strenge vollzogen. Am besten befand sich, vielleicht unter allen seinen Collegen, der Verfasser der Nationalchronik der Teutschen. Zwar fehlte es auch in der Reichsstadt Gmünd nicht an Leuten, [194] denen das Blatt zum großen Aergerniß gereichte, weil es sich auf eine am Fuße des Salvator [8] nie erhörte Weise über Kirchenthum, Mönchthum und Papstthum erklärte, und die deshalb auch nicht säumten, zu erinnern, daß das landeshoheitliche Recht der Censur gegen dasselbe geltend gemacht werden sollte. Als aber der einsichtsvolle Bürgermeister Beiswänger [9] im Rathe aufstand, und den wohlweisen Herren bewies, daß, sobald das Blatt vor dem Drucke einer Revision unterworfen werde, die ganze Verantwortlichkeit für seinen Inhalt dem Magistrate anheim falle, die, wenn man seine Erscheinung ignorire, dem Verfasser verbleibe, so siegte die Partie des gesunden Verstandes und ich blieb censurfrei. Diese Befreiung hörte aber auf, als die Stadt ihre Reichsunmittelbarkeit verlor, und unter die Hoheit von Württemberg fiel.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Johann Georg Ritter (1772-1840)
  2. Eine Ankündigung erschien in: Der neue Teutsche Merkur 1801, 1.Bd., S. 42-47 UB Bielefeld. Die Rezension in der Allgemeinen Literatur-Zeitung 1803 ist in Wikisource verfügbar: National-Chronik der Deutschen (Besprechung ALZ 1803).
  3. Pahl gab 1810 bei Ritter auch eine Zeitschrift Der literarische Eilbote heraus. Zu ihrem Mißerfolg trug nach seinen Angaben (Denkwürdigkeiten S. 449f.) „auch der obscure Verlagsort“ Gmünd bei, „wo der Verkehr einer Buchhandlung so erschwert war“.
  4. Waffenstillstand von Steyr am 25. Dezember 1800
  5. Friede von Lunéville
  6. Napoleon
  7. Rheinbund
  8. Zum aufklärerischen Blick auf diesen berühmten Wallfahrtsort St. Salvator siehe Röders Geographie und Statistik Wirtembergs von 1804, wo das Erscheinen der National-Chronik in Gmünd als Zeichen der Aufklärung gewertet wird.
  9. Alois Beißwenger