Ist das wirklich möglich?

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Titel: Ist das wirklich möglich?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 192
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[192] Ist Das wirklich möglich? – Einer unserer Leser macht uns folgende Mittheilung:

„Ich wohne mit einem Bahnwärter einer schlesischen Eisenbahn in einem Hause. Der Mann hat mit seiner Frau und vier Kindern nur ein kleines Stübchen inne, aber die Leutchen leben still und friedlich zusammen, Mutter und Kinder kommen uns den ganzen Tag nicht in den Weg, während der Vater von früh halb fünf bis Nachts halb zwölf Uhr in seinem Dienst vom Hause entfernt ist.

Da begegnete mir, es war am ersten Sonntag im Februar mit seiner damaligen grimmigen Kälte und ich wollte eben zur Kirche gehen, die Frau des Bahnwärters mit verweinten Augen. Ich stutzte, als ich ihr in das leidende Antlitz sah, und konnte nicht umhin, sie nach der Ursache ihrer Traurigkeit zu fragen. Mit ausbrechenden Thränen sagte sie mir: ‚Ich komme von meinem Manne, habe ihm Frühstück hingetragen und mußte sehen, wie er in seiner elenden, durchsichtigen Bretterbude von Bahnhäuschen auf der harten Bank liegt und sich vor Frost kaum rühren kann. Ach, er hat sich in der kalten Hütte schon alle Glieder erfroren!‘

‚Aber bekommt denn Ihr Mann nicht so viel Feuerung, wie er in seinem Bahnhäuschen braucht?‘ fragte ich.

Ihre Erklärung machte mich staunen. Sie lautete: Mein Mann bekommt nur auf vier Wintermonate für den Tag einen Silbergroschen zu Holz und Kohlen. Wie soll er damit und in solcher Kälte eine Bude heizen, zu welcher der Wind von allen Seiten eindringt? Wir haben von unserem monatlichen Gehalt von zehn Thalern schon vergangenen Monat einen Thaler für Feuerung draußen zugesetzt und werden nun noch einen uns von unserer kargen Haushaltung abdarben müssen. Das hohe Directorium würde gewiß diesem Uebelstande abhelfen, wenn es davon Kenntniß erhielte. Mein Mann erzählte mir, daß schon Bittschreiben in dieser Angelegenheit an die vorgesetzten Betriebsbeamten abgegangen, aber bis jetzt ohne Erfolg geblieben seien; letztere zu übergehen und sich direct an das Directorium zu wenden, verbiete den Bahnwärtern ihre Instruction.‘

So erzählte mir die Frau, die sich über die Leiden, die ihr braver Mann in seinem Dienst auszustehen habe, nicht trösten konnte.

Wenn aber diese eine Leidensgeschichte wahr ist, so ist sie es für Hunderte ebenso behandelter Bahnwärter, und der Jammer betrifft Tausende von armen Menschen im Dienste der einträglichsten Speculation.“

Wir verschweigen heute noch die nähere Bezeichnung der betreffenden Bahnverwaltung, in der Hoffnung, daß der Glaube der Bahnwärtersfrau an „das hohe Directorium“ in Erfüllung gehe, nachdem ihm dieses Blatt vor Augen gekommen sein wird. – Verhält sich aber Alles so und erfährt trotz alledem unsere Bitte dieselbe Nichtbeachtung wie die der frierenden Bahnwärter an ihre Vorgesetzten, dann werden wir uns allerdings genöthigt sehen, die betreffende Verwaltung so laut und so lange beim Namen zu rufen, bis sie ihrer Pflicht der Menschlichkeit gerecht geworden ist.