Irland und Italien in London

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Titel: Irland und Italien in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 409–413
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Vergleich von irischen und italienischen Bettlern in London
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Irland und Italien in London.

Die Bettler in London. – Ein Sohn Irlands. – Charakteristik seines Anzugs. – Der Irländer, ein geborner Bettler. – Was England an Irland verschuldet. – Das Land der Citronen. – Italienische Jammergestalten. – Handel mit italienischen Knaben. – Geschichte eines italienischen Bettlerknaben.

Ich fand vor einiger Zeit zufällig in einem alten englischen Buche die Andeutung, daß Nichts so vortrefflich den moralischen Gehalt eines Volkes charakterisire, als das Aussehen und Benehmen seiner Bettler. Dies veranlaßte mich, dem Gegenstande eine genauere Aufmerksamkeit zu schenken, und ich fühle mich zu dem Geständniß berechtigt, daß jene Bemerkung in jeder Beziehung wahr und treffend ist. Man wandere durch die Straßen der englischen Riesenweltstadt und betrachte die unglücklichen Armen aller Nationen [410] und aller Himmelsstriche, aller Glaubensbekenntnisse und aller Farben, welche auf diese oder jene Weise in der Mildthätigkeit der Einwohner ihren – dürftigen – Lebensunterhalt suchen, und man hat im Großen und Einzelnen herrlichen Stoff zu einer Culturgeschichte aller Völker des Erdbodens, von dem fernen Indien bis zu dem luxuriösen aber unglücklichen Mexiko.

Es würde zu weit führen, wollte ich hier die Repräsentanten aller Nationen vorführen; ich beschränke mich deshalb heute nur auf zwei, die irländische und italienische, die in ihrer ganzen Erscheinung die am meist auffallenden in London sind.

Wenn Du in den Beistraßen der großen Weltstadt eine kräftige Figur siehst, welche mit wahrhaft stoischer Bedachtsamkeit an der Seite des Rinnsteins einherwandelt, gegen die Vorübergehenden eine kleine Schachtel mit Schwefelhölzern der allergemeinsten Art ausstreckt, die voraussichtlich Niemand annimmt, welche jedoch nöthigenfalls gegen Polizeimaßregeln wegen Bettelns schützen, zwölf gegen Eins! Du hast einen bettelnden Sohn Irlands vor dir! Es ist wunderbar, mit welcher Sorgfalt er alle Winkel und Ecken der Gasse durchforscht, und sobald sein Auge einen Gegenstand erblickt, der etwas Werthvolles enthalten könnte, sei es zusammengedrücktes Papier oder ein Haufen Kehrigt, so steht er still, dreht den verdächtigen Gegenstand erst zwei oder drei Mal nach allen Seiten hin mit dem Fuße um, und falls seine Neugierde noch nicht befriedigt ist, hebt er denselben bedächtig auf, prüft ihn sorgfältig nach allen Dimensionen und wenn er von einigem Werthe erscheint, dann verschwindet er in der ungeheuern Rocktasche, welche den ganzen einen Flügel einnimmt und, beiläufig gesagt, der einzige Theil des Anzuges ist, der stets in gutem Zustande erhalten wird. Dieser unterirdische Sack ist in der That ein wahres Ungeheuer; er nimmt Alles in seinen Tiefen auf und ist doch nie überfüllt. Die Ueberreste mancher Mittagsmahlzeit, als Fleisch, Kartoffel, Kohl, Brod ruhen hier mit abgenagten Knochen, alten Hufeisen, leinenen Lumpen und anderen Raritäten, welche die Tageswanderung gerade bescheert, in süßester Harmonie zusammen.

Der Anzug besteht, um von Oben anzufangen, aus einem alten bodenlosen Hute, der während der Nacht als Kopfkissen dient und der von manchen Stürmen und Schlachten zu erzählen weiß; dann aus einem Rocke mit langen Schößen, der gewöhnlich an den Ellenbogen zerrissen und auf dem Rücken bedeutend offenherzig ist, und der, seit er die Hände des Schneiders verlassen – aus Furcht ihm zu schaden – nie die Bürste gekostet hat. Auch wird derselbe niemals durch einen Flicken verunstaltet, sondern so lange er auf dem Körper festhalten will, wird er Tag und Nacht getragen und dann, wenn sich endlich eine mildthätige Seele, vielleicht die trauernde Wittwe eines Handwerkers, des alten zerfetzten Veteranen erbarmt und Paddy[1] mit dem Arbeitsrocke ihres verstorbenen Ehemannes beglückt, wird er für ein jüngeres Mitglied der Familie zurechtgestutzt. Die Hosen sind gewöhnlich im höchsten Grade der Auflösung begriffen und die Sohlen der schweren, nie gereinigten Schnürstiefeln häufig mit Bindfaden, die um den Fuß laufen, an das Oberleder befestigt. Dies ist jedoch nur ein sehr mangelhaftes Mittel, Himmel und Erde zusammenzuhalten; denn jedesmal, wenn der Fuß den Boden verläßt, um einen Schritt vorwärts zu machen, bildet sich – vielleicht vermöge der Gravität unsers Planeten – ein ungeheurer Abgrund, in welchem die Zehen in ihrer natürlichen Grazie spielen. Der einzige Theil des Anzuges, welcher einigermaßen auf unsern Respekt Anspruch machen kann, ist das Hemde, welches stets sauber und dessen breiter Kragen mit einiger Sorgfalt über die schmutzige – gelbe – Weste geschlagen ist und merklich gegen den wettergebräunten bloßen Hals absticht. Dies ist in Bezug auf die äußere Erscheinung ein allgemeines Bild eines irländischen Bettlers, wie sie täglich zu vielen Hunderten in den Straßen Londons zu finden sind. Der große Unterschied zwischen dem Proletarier Irlands und den Bettlern anderer Nationalitäten besteht namentlich darin, daß die letzteren im Allgemeinen nicht ohne Kampf gefallen sind; ihre Physiognomie spricht deutlich von vielen und gewaltigen Gemüthsbewegungen, Leidenschaften und sündhaften Lastern.

Ganz anders ist es mit Paddy, sein häufig sehr wohlgenährtes Gesicht ist ein treffliches Bild des gutmüthigen Indifferentismus, der sich an Elend gewöhnt hat. Der Irländer ist nicht gefallen, sondern als Bettler geboren. Eine Nationalität, welche wohlgenährte Bettler aufzuweisen hat, muß in der Scala der Demoralisation in der That weit vorgeschritten sein, und das ist der Fall mit Irland. Irland ist im höchsten Grade elend, schlecht bebaut, gespalten, eine Beute des Hungers und des Parteikampfes. Welches ist die Macht, die seine Lage ändern könnte und sollte? Es ist England. Als England die Regierung Irlands an sich riß, war es pflichtgemäß gebunden, gut zu regieren, und wenn es – als es häufig gesagt wird – diese Regierung deshalb übernahm, weil sie zur Zeit äußerst schlecht war, so war es doppelte Pflicht, fortan besser zu regieren. Dies ist nicht geschehen. Das ganze Regierungssystem in Bezug auf Irland hat nur in zwei Dingen bestanden: Vernachlässigung und Unterdrückung. Der höchste Grad der englischen Staatspolitik ist von jeher gewesen: „Nichts zu thun“; und wenn sie sich von Zeit zu Zeit ermunterte, so war es nur nach Art eines schlaftrunkenen Dorfschulmeisters, welcher in seinem Lehnstuhle schnarcht und, durch den Tumult seiner Schüler aufgeweckt, plötzlich aufspringt, mit seinem Stocke wüthend um sich schlägt und nachdem er ein halbes Dutzend junge Ruhestörer in seinen Keller, sein Gefängniß geworfen hat, ruhig weiter schläft. Der einzige Weg, Irland zu beruhigen, war: die Ursachen der Unruhe, den leicht zündbaren Stoff zu entfernen. Das Betragen Englands gegen Irland gleicht dem Verfahren jener weisen Kinderfrauen, welche ihre Pflegebefohlenen, die vor Hunger schreien, auf den Rücken schlagen und dann schütteln, anstatt ihnen etwas Substanzielles, Beruhigendes und Tröstendes zu bieten. [411] Das schreiende Unglück und der Fluch Irlands ist lediglich schlechte Verwaltung und Nichts weiter. Und wer trägt die Schuld derselben? Niemand als England. Wer erniedrigte Irland zu einem eroberten Lande? – England. Wer brachte alle die verschiedenen Elemente des Haders, der Unzufriedenheit und der Ungerechtigkeit in’s Land? Wer brachte zwei feindliche Kirchen und zwei feindliche Raçen, Celten und Sachsen, mit einander in Conflict? – England ohne Zweifel. Und die Consequenzen aller jener Ungerechtigkeit und monströser Verwaltung mußten nothwendig so ausfallen, als wir sie heutigen Tages vor Augen haben. Elende und nachlässige anglo-sächsische Grundbesitzer, welche mehr als ein Viertel des besten Landes unbebaut liegen lassen und nun die arme Bevölkerung durch ungeheuere Pächte für den Rest zu Tode drücken. Eine nutzlose Kirche, die mit dem Eigenthume mit Gewalt verdrängter Katholiken unterhalten wird, die natürlich wegen der Räuberei äußerst erbittert sind. Und dann schütteln wir unsere Köpfe und sprechen von Raçe. Wenn die Raçe schlecht ist, warum hat die Regierung nicht Sorge getragen, sie zu verbessern? Weshalb war es ihnen während vieler, vieler Jahre sogar gesetzlich verboten, sich auszubilden? Haben wir ein Recht, sie der Trägheit, Fahrlässigkeit und Hülflosigkeit zu beschuldigen, wenn die Regierung alle Mittel erschöpft hat, sie so zu machen?

England hat Kasernen an Stelle der Schulen errichtet, Schießpulver anstatt Getreide gesäet und nun wundert man sich über das Volk und die Früchte. Die weisesten und besten Männer in England haben seit Jahrhunderten Reform und Verbesserung Irlands verlangt, doch Alles, was geschehen ist, besteht namentlich in der Vermehrung der Armee und Polizei. Jahr ein Jahr aus haben ein Drittel der Debatten im Parlamente irländische Angelegenheiten zum Gegenstande. Alles Worte, keine Handlungen; als ob lange Reden das einzige Hülfsmittel wären für lange Leiden. Worte werden Irland nun und nimmermehr mit einem nur gerechten Gesetze versehen, welches das Verhältniß zwischen Grundbesitzer und Pächter regulirt, nun und nimmermehr die Millionen Brachacker in blühende Fluren umwandeln, oder die Masse des Volks erziehen, oder die Grundbesitzer zwingen, die Armen auf dem vernachlässigten Boden zu beschäftigen; oder die usurpirende Kirche entfernen, welche der katholischen Bevölkerung ein Dorn im Auge ist; oder den so verderblichen Indifferentismus hinwegräumen.

Der Irländer ist nicht ohne bedeutende Talente; er hat namentlich vortreffliche sociale Eigenschaften, ist stets fertig und empfänglich für einen guten Witz und, wenn gut gehandhabt, der allerbeste Gesellschafter. Aber Irland an der Seite Englands ist gleich der Sklavenbevölkerung in den Staaten Nordamerika’s ein Unglück für beide, für Herren sowohl als Unterdrückte. Und der größte Uebelstand dieses unglücklichen Verhältnisses ist in unserer Meinung jener Indifferentismus gegen das Elend. So lange Paddy seine Kartoffeln, ein Stück trockenes Brod und Salz hat, ist er überglücklich und rührt sich nicht von der Stelle. Man setze dem John Bull eine Mahlzeit vor, ich bin fest überzeugt, er würde sie nimmer anrühren, er verlangt sein Roastbeef und Plumpudding, und nebenbei einen pot of ale oder porter. Der Engländer hat viele Bedürfnisse und er spekulirt und arbeitet hart, dieselben zu befriedigen; der Irländer dagegen hat wenig oder keine Bedürfnisse, das macht ihn träge und elend. Der Irländer kann arbeiten, wenn er Lust hat, aber er hat einen Aufpasser nöthig, welcher ihn fortwährend anfeuert und leitet; dafür spricht das Gedeihen der irländischen Landarbeiter in Amerika und das bezeugen die Tausende von Tagarbeitern in London.

Wir haben uns über diesen Punkt absichtlich etwas ausführlicher ausgelassen, weil unseren deutschen Landsleuten der Zustand und Charakter des irländischen Volks gewöhnlich nur durch Vermittlung der englischen Presse bekannt wird und somit in Betracht des Gegenstandes höchst einseitige Ansichten verbreitet sind. Und wir glauben unsern geehrten Landsleuten, welche im Laufe der Ausstellung in Dublin Irland besuchen werden, hiermit höchst willkommene Andeutungen gegeben zu haben. –

„Kennst du das Land, wo die Citronen blühen?“ Wir haben gewöhnlich in unserer Jugend so viel Schönes und Erhabenes von Italien gehört, daß es uns später schwer, wenn nicht ganz unmöglich wird, uns dasselbe ohne seine Cato’s, Cicero’s, Virgile, seine Raphaele zu denken. Das alte Rom mit seinen stolzen Senatoren und kühnen Volkstribunen, das moderne Rom mit dem St. Peter und den ehrwürdigen Ruinen, die redenden Zeugen einer großen historischen Vergangenheit; das meerumgürtete Venedig mit seinen Kanälen und Gondoliren, seiner geheimen Inquisition und seinen Zinndächern; das herrliche Neapel mit seinen feuerspeienden Bergen, seinem schönen Meerbusen und einem ewigen Frühlinge; dies sind phantastische Bilder, welche ein jugendliches Gemüth, wie die Landschaften des Salvator Rosa – mit einem feierlichen Schauer des Großen und Erhabenen erfüllen, der sich später fast nie wieder ganz verwischen läßt. Und „wenn die Enttäuschung folgt dem gläubigen Hoffen“ und wir diese Tausende von italienischen Bettlern in London bemerken, welche uns ein Bild des geistigen Elendes und der körperlichen Entartung in der allerschrecklichsten Gestalt bieten, können wir anfänglich kaum den Gedanken ertragen, diese Jammergestalten mit dem klassischen Boden eines italienischen Himmels in Zusammenhang zu bringen. Kunst und Poesie sind hier zur allergemeinsten Karrikatur entartet, und die alten römischen Helden, welche ohne Anstrengung im Triumphe von einem Ende der Erde zum andern marschirten, sind in kleine, unansehnliche Figuren zusammengeschrumpft. Statt der plastischen Figuren eines Raphael und Michel Angelo haben mir ungeformte, zerbrechliche Gypsfiguren und an Stelle der göttlichen Poesie eines Dante haben wir die herzzerreißenden Töne eines verstimmten Leierkastens oder das betäubende Getöse einer zerbrochenen Trommel. Ja der Leierkasten und das Tambourin, die Trommel und tanzende Figuren; weiße Mäuse, Murmeltiere und halbverhungerte Affen und billige Gypsabgüsse sind die unzertrennlichen Symbole [412] eines italienischen Bettlers. Die ganze Gattung möge man der besseren Uebersicht wegen in zwei Klassen theilen: die industriellen oder plastischen Künstler und die reisenden Musikanten oder Tonkünstler. Die erstere Klasse ist die bei weitem anständigere, sie treibt wenigstens dem Anscheine nach ein ehrliches Gewerbe und geht im Allgemeinen auch viel besser gekleidet. Ihr Gewerbe besteht in der Anfertigung und dem Verkaufe von Gypsfiguren aller Zeiten und aller Nationen. Da steht häufig auf demselben Bret Cäsar’s Büste neben Brutus, Karl I. neben Cromwell, Napoleon an der Seite von Wellington und in der Mitte zwischen ihnen befindet sich Homer, Shakspeare und Milton, umgeben von langhaarigen Pudeln, bunten Papageien und anderen zoologischen Raritäten. Die zweite Klasse ist bei weitem die zahlreichere und umfaßt alle Arten von schrecklichen Instrumenten, von dem großen Pauken- und Trompeten-Leierkasten auf einem vierrädrigen Wagen hinunter bis zur schrillenden Rohrpfeife des schalkhaften Pan. Und unter den Künstlern selbst giebt es in der That wunderbare Erscheinungen.

Mir sind in meinem Leben zuweilen arme Frauen in Kleidungsstücken vorgekommen, die zu dem Anzuge eines Mannes gehören; aber Männer in zerrissene Damenmäntel und schmutzige Damenumschlagetücher gehüllt, findet man nur unter den italienischen Bettlern. Gewöhnlich ist der Anzug ein Index von dem Wege, welchen der Tonkünstler gemacht hat. Da ist der schwarze, spitzig zulaufende italienische Filzhut mit breitem Bande; die weiten, häufig bunt karrirten pariser Pantalons und eine große dunkelbraune Jacke von englischem Leder. An Stelle des Hutes befindet sich nicht selten eine schäbige deutsche Pelzmütze, welche weit über die Ohren gezogen ist, und an Stelle der englischen Jacke ein alter Rock, der ursprünglich einen sechsfüßigen Eigenthümer hatte. Das Schuhzeug, wenn überhaupt solches vorhanden sein sollte, ist natürlich stets im allerschlechtesten Zustande. Der Unterschied in dem Anzuge eines irländischen und italienischen Bettlers ist auffallend. Der des ersteren ist gewöhnlich zerlumpt und zerrissen, aber niemals durch einen Flicken verunglimpft; der des letzteren dagegen besteht gewöhnlich nur aus Flicken und die Combination derselben ist häufig äußerst possirlich. Da befinden sich weiße, rothe, grüne und gelbe Flicken von den verschiedensten Stoffen dicht neben- und sogar übereinander auf dem blauen Grunde des Rockes, und dunkle Lappen decken nicht selten die defecten Stellen der hellfarbigen Hosen. Das Ganze gleicht einer alten Musterkarte eines Tuchhändlers oder Kleidermachers, welche Jahre lang im Schmutze gelegen hat. Ein anderer merklicher Unterschied zwischen den beiden Nationalitäten zeigt sich in der Art und Weise des Bettelns. Der Irländer streckt mit einer ungeheuren Seelenruhe den Vorübergehenden seine Schachtel mit Schwefelhölzchen entgegen, indem er einige unverständliche Worte murmelt; der Italiener hingegen ist niemals ohne ein musikalisches Instrument der einen oder anderen Art, zu dessen schrecklichen Tönen er singt und hüpft und wodurch er die ungebildete Klasse amüsirt und die gebildetere zur Verzweiflung bringt, aber in beiden Fällen gewöhnlich seinen Zweck erreicht, d. h. ein Almosen empfängt.

Die allerunglücklichsten Wesen dieser Klasse sind die sogenannten „Italien boys“, italienischen Knaben. Diese unglücklichen Geschöpfe werden in ihrer Heimath von Speculanten, die einen Bettelzug nach England unternehmen wollen, für eine geringe Summe gemiethet; werden dann für den Kreuzzug mit den nöthigen Instrumenten ausgerüstet und sind genöthigt, ihren ganzen Erwerb an ihre sogenannten Brodherren abzuliefern, die gewöhnlich ganz ausgezeichnete Geschäfte machen. So weiß ich z. B. aus zuverlässiger Quelle, daß drei dieser Sclavenhalter mit etwa 20 Knaben während der großen Ausstellung über 4000 Pf. Sterling (etwa 28000 Thaler preußisch) in London zusammengebettelt haben. Um soviel als irgend möglich aus dem Geschäfte zu machen, miethen sich die sog. Herren in den allerschlechtesten Stadttheilen gewöhnlich in White Castel, ein oder zwei elende Zimmer, in welche einige Bündel Stroh geworfen werden und die den unglücklichen Geschöpfen als Nachtlager und während der Sonntage zum Anfenthalte dienen. Des Morgens um 6 Uhr giebt es eine dünne Mehl- oder Grützsuppe und ein Stück Brod, dann werden sie nach allen Himmelsgegenden während des ganzen Tages ausgesandt und wenn sie des Abends spät oft erst nach 10 und 11 Uhr müde und halb verhungert in ihre Höhle zurückkehren und bringen nicht so viel Geld heim, als der unmenschliche Herr erwartete, dann giebt es statt des elenden Abendessens Schläge und eine brutale Mißhandlung.

Das Bild, welches ich hier von diesen Unglücklichen entworfen habe, ist nicht etwa maßlos übertrieben oder das Gebilde der Phantasie, sondern theils auf Thatsachen gestützt, welche in den hiesigen Polizeigerichtshöfen constatirt sind, theils auf eigner Anschauung basirt. Das Loos der amerikanischen Sclaven in den Baumwollplantagen ist im Vergleiche zu dem Leben dieser italienischen Knaben wirklich beneidenswerth.

Ich fand z. B. an einem ungewöhnlich kalten Abende des vergangenen Winters – es mochte wohl 11 Uhr sein – unter einem dunklen Durchgange in der City einen kleinen, wie ich später erfuhr, 13 Jahre alten, italienischen Knaben bitterlich weinen. Ich fragte ihn nach der Ursache und er erzählte mir, daß ihm sein Herr diesen Morgen drohend anempfohlen, daß er wenigstens 3 Schillinge nach Hause zu bringen habe, er habe indessen nur Etwas über 2 Schillinge eingenommen und so fürchte er sich nach Hause zu gehen, denn sein Rücken sei noch nicht geheilt von den Streichen, die er unter ähnlichen Umständen einige Tage vorher erhalten hätte. Als ich nach seiner Wohnung forschte, vernahm ich zu meiner größten Freude, daß sich dieselbe in White Chapel in einem Hinterhause befand, dessen Eigenthümer – ein Deutscher, ich sehr wohl kannte. Nach vielem Zureden gelang es mir endlich, den kleinen Musikanten zu bewegen, mir in seine Wohnung zu folgen. Der Hauswirth, dem ich die Erzählung des Knaben mittheilte, hegte in Bezug auf die Wahrheit derselben auch nicht den geringsten Zweifel und er stimmte endlich mit mir dann überein, den unmenschlichen [413] Tyrannen womöglich auf der That zu ertappen. Wir schickten deshalb den vor Furcht und Erschöpfung zitternden Knaben unter dem Versprechen, daß wir ihm sofort zu Hülfe kommen würden, im Falle er gemißhandelt werden sollte, in seine Wohnung, welche sich in einem Seitenflügel auf dem Hofe befand. Kaum waren einige Minuten verflossen, so hörten wir schon die klägliche Stimme des unglücklichen Knaben, welcher die Jungfrau und alle Heiligen um Erbarmen anflehte.

In einem Nu waren wir beide im Zimmer, wenn man ohne der Sprache Zwang anzuthun, ein dunkles Loch, das früher als Waarenlager gedient hatte, ohne Fenster, ohne Kamin und – wenn ich nicht irre, auch ohne Fußboden – mit diesem Namen bezeichnen darf. Dieses Gemach wurde durch ein schlechtes Talglicht, welches in dem Halse einer zerbrochenen Flasche auf einem alten Tische in der einen Ecke brannte, matt erleuchtet. An der einen Seite standen drei Leierkasten, einige Tambourins, Trommeln und andere musikalische Instrumente dieser Art, an der andern lagen auf einigen Bündeln Stroh 6 oder 7 Figuren, welche theilweise mit zerlumpten wollenen Decken zugedeckt waren, und am Fuße dieses Lagers lag auf dem Boden der jammernde Knabe und über ihm stand schwörend und fluchend ein menschliches Ungeheuer von etwa 40 Jahren, klein und von ächt italienischem Ansehen, das mit einem breiten ledernen Riemen, der gewöhnlich als Leibgurt diente, den Unglücklichen – als der technische Ausdruck ist – „tüchtig bearbeitete.“ Wir thaten, was ein jeder Mann an unserer Stelle und vielleicht in besserem Maße gethan haben würde. Der Unmensch war bald ein widerlich winzelnder und jammernder Sclave, als er den Riemen auf seinem eigenen Rücken fühlte, und am folgenden Tage nöthigten wir ihn durch Vermittelung des Comitées einer Gesellschaft, welche sich hier zum Schutze dieser unglücklichen italienischen Knaben gebildet hat, nicht nur unserem Schützlinge seinen verdienten Lohn zu geben und ihn mit dem nöthigen Reisegelde in seine Heimath zu versehen, sondern dasselbe auch allen anderen Knaben zu gewähren, welche nicht freiwillig bei ihm verharren wollten. Drei andere Knaben, ebenso unglücklich und hülflos, machten ebenfalls von der dargebotenen Gelegenheit Gebrauch; die anderen noch Zurückbleibenden waren theils Verwandte des Unternehmers, theils schon mehr erwachsen und hatten es daher wohl im Allgemeinen etwas besser. Der Tyrann erklärte sich zu allen Opfern bereit und hatte nur Angst, daß er den Händen des englischen Polizeirichters überliefert werden würde. Er war aus Genua, bereits 3 Jahre in England und hatte nach eigenem Eingeständnisse während dieser Zeit mehr als 400 Pfd. Sterl. gespart. Dies ist ein Beispiel von Hunderten, wie fast täglich in London vorkommen.

Die Ausrüstung dieser Knaben besteht gewöhnlich aus einem etwa vierfußlangen Bret und auf dessen Oberfläche befindet sich an dem einen Ende ein etwa 1 Fuß langer aufrechtstehender Stock, an dessen oberem Ende ein Bindfaden mit zwei komisch gekleideten Puppen verschiedenen Geschlechts befestigt ist. Sobald der junge Künstler nun einen passenden Ort für seine dramatische Aufführung gefunden hat, legt er das Bret auf das Pflaster, befestigt den Bindfaden um das rechte Bein und nach den Tönen einer zerbrochenen Trommel und einer alten blechernen Spitzpfeife läßt er nun die beiden Puppen tanzen und allerlei unästhetische Bewegungen machen. Die italienischen Bettler in London sind mit einem Worte diejenigen, welche das Elend, die Demoralisation und Entartung am allermeisten zur Schau tragen. Wohl ist Italien das Land, wo die Citronen blühen und die Orangen reifen, doch nur um die Bowlen anderer Nationen zu würzen und fremde Gaumen zu kühlen.




  1. Der Spottname für Irländer.