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Textdaten
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Autor: K. M.
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Titel: In doppelter Gefangenschaft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 124–125
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1878) b 121.jpg

Eine Erinnerung aus der Belagerung von Plewna.
Nach einer Skizze vom Kriegsschauplatze componirt von Albert Richter in Dresden.

[124] In doppelter Gefangenschaft. (Mit Abbildung Seite 121.) Die Durchzüge der türkischen Gefangenen von Plewna durch Bukarest bringen, neben dem gestaltenvollen Bilderreichthum, mit welchem sie die Straßen beleben, auch manches Geschichtchen an den Tag, welches in dieser harten Zeit vom besten Theil des Menschen unter allen Himmeln zeugt. Arm in Arm mit dem Maler G., der sich nicht zu den eigentlichen „Feldmalern“ rechnet, sondern hier Menschenstudien auf eigene Faust treibt, ging ich häufig auf den Türkenfang aus, und wir machten, da unsere Augen gelernt hatten, auch in Schmutz und Kleiderfetzen die im Elend der Gefangenschaft Herangekommenen von den von Haus aus Gemeinen zu unterscheiden, manchen guten Fang, der beste aber war der, dessen Erzählung mein Maler, wie Figura zeigt, mit seinem Griffel gefolgt ist.

Wir flanirten auf dem Corso (der sogenannten „Chaussée“) nach der Straße Mogoschoi hin, als wir einem Trüppchen von sechs Türken begegneten, das ein rumänischer Soldat begleitete und dem ein Mann folgte, in welchem G. durchaus keinen Türken, sondern einen Bulgaren erkennen wollte. Von den Türken gehörten Drei augenscheinlich zur besseren Sorte, und sofort nahmen wir, mit einigen Geldstücken winkend, die ganze Gesellschaft in Beschlag. Das Glück war uns günstig. Unter den Türken war Einer, der gerade so viel Französisch radebrechte, wie G. vom Osmanli-Türkischen verstand, und so erfuhren wir, daß Ebenderselbe ein letztes Kleinod, eine Uhr, die er, in einem Tuchfetzen eingewickelt, in der Hand trug, veräußern wollte, um ihren großen Hunger zu stillen. Mit einem Blick gegenseitig verständigt, versprach G., ihnen ihren Wunsch ohne die Uhr zu erfüllen, und so zogen wir mit ihnen in eines der Speisehäuser ein, an welchen hier kein Mangel ist.

Hier fiel es uns sofort auf, daß der „Bulgare“ nur für Einen der Türken, und gerade unsern Sprecher, Augen zu haben schien, denn erst auf dessen Wink nahm auch er von den dargereichten Speisen und Getränken. G. konnte nun nicht umhin, zu fragen, ob es den Gefangenen gestattet sei, auch ihre Diener mit sich zu nehmen, und wies dabei auf den noch immer respectvoll bei Seite stehenden Mann hin.

Da sprach der Türke: „Nein, Herr. Den Mann hat Allah mir zum Bruder gegeben, und er geht freiwillig mit mir in die Gefangenschaft, [125] um mein Schicksal zu theilen.“ Und nun, nachdem der Magen befriedigt und das Herz mittheilsam geworden war, erzählte er, in köstlichem Durcheinander von Französisch und Türkisch, wie es für das Verständniß G.’s sich nothwendig machte – eine Unterhaltung; deren Niederschrift eine herrliche Arbeit für einen Stenographen gewesen wäre – das Geschichtchen, das wir in möglichster Kürze mittheilen.

Der Türke bezeichnete den Mann gleich im Voraus als seinen Lebensretter und bestätigte, daß er ein Bulgare sei. Asan – so nannte er ihn – hatte in einem der zerstörten Dörfer bei Plewna Haus und Hof besessen. Weib und Kind hatten bei der Zerstörung den Tod gefunden, aber mit seinem alten Mütterchen war’s ihm gelungen, nach Plewna zu flüchten; als Osman Pascha heranzog, und als dieser die Stadt besetzte, war er in seinem Versteck geblieben, bis ihn der Hunger hervortrieb. Tapfer und listig, wagte er für seine Mutter Alles, als in der Stadt der Preis der Lebensmittel für ihn nicht mehr zu erschwingen war. Manche Nacht schlich er hinaus, oft Stunden weit, um Nahrung zu schaffen. Wie es wohl oft im Kriege geht, hielten die Türken ihn für einen der Ihrigen, und bei den Russen wußte er als einer ihrer Spione zu gelten, ohne ihnen je zu dienen. – „Ist es so, Bruder Asan?“ Der Bulgare hielt die Hand auf’s Herz, nickte und sprach: „So ist es, Bruder Ibrahim!“

So trieb er’s lange, auch als die Russen die Stadt schon vollständig eingeschlossen hatten. Da begab sich’s, daß Ibrahim, unser Türke, bei einem nächtlichen Ausfall verwundet wurde, und dies führte die Beiden zuerst zusammen. Die Türken flohen; die Russen ließen Ibrahim für todt liegen. In der kalten Nacht erwachte der Verwundete aus tiefer Ohnmacht und versuchte, da er nicht gehen konnte, fortzukriechen. Diese Bewegung war sein Glück, denn eben schlich Asan der Bulgare, wieder seinen alten Gang, als er den Verwundeten gewahrte. Er verband ihn nothdürftig, gab ihm einen Trunk und suchte ihn fortzuschleppen. Aber die Schmerzen desselben waren zu groß; er bat, ihn noch ein wenig ruhen zu lassen. Darüber brach der Morgen an, und der kluge Bulgare wußte, daß jetzt die größte Gefahr nahe. Eiligst spähte er nach Waffen, Todte lagen genug umher, er suchte ihre Gewehre zusammen und lud alle. Und da kam’s, wie er gewußt. Einige Kosaken schwärmten heran offenbar um die Todten zu plündern, was sie in der Nacht nicht gewagt hatten. Und da kämpfte der eine Mann wie ein Löwe für den Türken, bis aus der Festung Hülfe kam. Die Kosaken flohen – und nun war kein Säumen mehr; er trug den ächzenden Mann fort, bis er in Sicherheit war. „So,“ sprach der Türke, „ist Asan mein Bruder geworden.“ Er reichte ihm die Hand, die dieser demüthig küßte.

Von da an wagte der Bulgare sich nicht mehr von dieser Seite zu den Russen. Er fürchtete, erkannt zu werden. Auch sorgte der Türke für ihn und seine Mutter, bis er selbst nichts mehr zu theilen hatte. Da trieb’s den Bulgaren, um bei den Rumänen zu versuchen, was ihm bei den Russen so lange gelungen war. „Das verrieth er seiner Mutter,“ erzählte Ibrahim, „und diese mir noch in derselben Stunde, wo er weggegangen war. Ich erschrak; mir wurde angst um ihn, denn wenn ihn auch bei meiner Truppe Jedermann als meinen Lebensretter kannte, so war er doch unseren gegen die Rumänen fechtenden Leuten unbekannt. Ich bat sofort um die Erlaubniß, ihm nacheilen zu dürfen, erhielt sie und jagte, wohin mein Pferd laufen wollte, nach der Seite der rumänischen Stellungen fort – und wär’ doch um eines Athems Länge fast zu spät gekommen.“ Er sah dabei den Bulgaren an – und dieser, der eine Aufforderung zum Erzählen darin zu erblicken schien, platzte mit einem Male los mit einem Redestrom, den nichts zu hemmen vermochte und den Alle geduldig über sich ergehen ließen. Obgleich wir kein Wort davon verstanden, verrieth uns doch sein Mienen- und Geberdenspiel, daß man ihn gefangen, ihm die Hände auf den Rücken und einen Strick um den Hals gebunden habe. Erschöpft schloß er und küßte Ibrahim die Hand.

Dieser berichtete nun kurz, daß sein armer „Bruder Asan“ den dummen Streich gemacht habe, einer türkischen Streifpatrouille, die seiner ansichtig geworden, entfliehen zu wollen. Er wurde gejagt und gefangen und trotz aller Betheuerungen als Spion behandelt. Schon stand er mit dem Stricke um den Hals unter einem Baume und sollte eben in die Höhe gezogen werden, als der Türke daher gesprengt kam. Sein Verzweiflungsruf: „Bruder, mein Bruder!“ hemmte die Execution. „Ich konnte nun ihn retten, wie er mich gerettet hatte. Als meinen Gefangenen führte ich ihn nach Plewna zurück – und nun ist er doppelt gefangen.“

„Ein wunderbares Schicksal!“ sprach ich ergriffen, und ruhig sagte der Türke darauf: „Wenn es nicht so wunderbar wäre, brauchte man es nicht zu erzählen.“ Aller Blicke richteten sich plötzlich erstaunt auf G., der sein Skizzenbuch hervorzog und den Türken portraitiren wollte. Dieser wehrte jedoch entrüstet ab und bat, die Gesetze seines Glaubens zu schonen. Dagegen sah er lächelnd zu, als G. nun den Bulgaren zeichnete, und zwar in dem Augenblicke, wo man ihm die Hände auf den Rücken band. Das Uebrige entwarf er nur flüchtig nach den Andeutungen unseres Türken, der schließlich wenigstens gestattete, daß er als Lebensretter im fernen Hintergrunde mit aufgeführt werde. Daß auch die Oertlichkeit nur nach der ziemlich unklaren Schilderung hingestellt ist, muß man freundlich berücksichtigen und entschuldigen.

K. M.