In den Armen eines Bären

Textdaten
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Titel: In den Armen eines Bären
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 251-252
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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In den Armen eines Bären.
Aus der canadischen Wildniß.

Im vorigen Herbste nahm ein Officier der kleinen Armee Canada’s Urlaub, um sich einmal in Civil zu amüsiren. Es war „Altweibersommer", die schöne Zeit, wenn die Tage, während welcher man nach Jean Paul kaum weiß, wo die Lampe steht, zu bereuen scheinen, daß sie so kurz und kalt werden, und noch einmal zu ihrer warmen, sonnigen Herrlichkeit zurückkehren. Noch war kein Blatt gefallen, aber die Natur trug bereits das elegische bunte Kleid der Vielfarbigkeit mit allen Tinten des Vergilbens und dunkler, trotziger Belaubung. Sträuche mancherlei Art trugen Beeren, zuweilen heiterer, als die Blüthen des Frühlings. Duftiges Indianergras mit Tausenden von Blüthen bedeckt, rankte sich über dunkele Nadelhölzer und erfüllte die Luft über den Tausenden der „Christen-Inseln" im Huron-See mit der Fülle unendlicher Wohlgerüche. Er ließ sich und seine Freunde durch den Insel-Archipelagus rudern, bis offenes Wasser erreicht war. Jetzt trieb das ausgespannte Segel weit in das hohe Wasser hinein und schaukelte die Luftschiffer unter Leitung von zwei sehnigen braunen Indianern nach der gegenüber dämmernden Wildniß der Bisons und Bären. Des Nachts wurde am Ufer geschlafen und gekocht und der Tag auf luftigem, leichtem Seeboote zugebracht oder gelegentlich zu kleinen Jägerausflügen benutzt, bis die eigentliche, ferne Wildniß erreicht war. Hier wurden Boot und alle Luxusartikel verlassen, und mit je einer wollenen Decke, einem wasserdichten Anzug, einigen Kochapparaten und der nöthigen Mutation echte, uralte, wilde Jägerzüge in unbetretene Wildniß hinein unternommen. Sie kamen endlich bis zu den Anfängen des „Superior“-Sees, wo sie in einem Fellhändlerboote, das eben nach dem unteren Ende des Sees aufbrechen wollte, Aufnahme fanden. Die Reise dauerte mehrere Tage. Für die Nacht ward das Boot am Ufer festgebunden, Angesichts des Nachtlagers mit prasselndem Urwaldsfeuer, über welchem Töpfe kochten und Bratpfannen würziges Wild zischend und knisternd mundgerecht zu machen verstanden, wie keine andere Bratpfanne in der Welt. Der darauf folgende Schlaf auf bloßer, kalter Erde, gegen die und deren Sturm und Wetter die einfache wollene Decke hinreichen mußte, war gesund und tief in des Wortes verwegenster Bedeutung.

Eines Morgens freilich fand sich unser Officier plötzlich sehr warm und dick zugedeckt. Der Sturm heulte wie ein Tobwahnsinniger, brach Aeste und ganze Patriarchen von Urwaldbäumen nieder und wühlte in dem Schnee umher, der über Nacht in scharfkantigen Wellen und Gebirgszügen gefallen war. Der Erwachte grub und schüttelte sich aus dem Schnee heraus und sah um sich. Gefährten und Boot waren verschwunden. Nur ein zerrissenes Seil flatterte im Sturme seewärts. Seine Begleiter hatten im Boote geschlafen und waren fort auf die tobenden Wellen geschleudert worden. Er war allein, unser Officier, keine Frage, allein in schneebedeckter, weiter, furchtbarer Wildniß, ohne Lebensmittel, ohne Führer, Hunderte von Meilen fern jeder Civilisation. Eine entsetzliche Situation, in welcher ihn nur die Hoffnung aufrecht erhielt, daß das Boot nach ihm zurückkehren würde. Die untergehende Sonne sah ihn noch warten und wachen. Hernach übernahm ein mächtiges Feuer, das er anzündete, die Rolle der Sonne. Auch heraufzuckende, schießende Nordlichter fanden ihn noch nicht schlafend. Er durchwachte eine furchtbare Nacht. Am folgenden Morgen brach er mit seinen noch gebliebenen Freunden, d. h. der Jagdflinte, einem Messer und Revolver, ostwärts auf, um zu versuchen, in dieser Richtung seine Colonie zu erreichen. unterwegs fand er glücklicher Weise noch einen Tomahawk, der auf einer Anhöhe vom Schnee unbedeckt geblieben war.

So mühte er sich vorwärts durch Schnee und Wüste, immer Angesichts des See’s, aus Furcht, daß er die Richtung verlieren könnte. Die Schneestürme waren entsetzlich, aber abgehauenes und gefallenes Holz gab heiße, hohe Flamme und das sichre Rohr würzige Rebhühner und sonstiges Gethier. In dem dichten Gebüsch einer Zwergfichte fand er endlich Schutz und Schirm für die Nacht. Aber der Schnee bauete auch hier einen Hügel über ihn, unter welchem er bis zum Morgen schlief. Des Morgens hatte er Mühe, sich herauszugraben. Alle Glieder waren starr und steif. Die Füße trugen ihn nicht. Er fiel wieder in den Schnee. Beide Füße waren erfroren. Tüchtig mit Schnee gerieben und in Felle verzehrter Hasen gebunden, mußten sie tragen. Die Flinte und ein Stock bildeten Ergänzungsfüße, Handlanger des lahmen, elenden Hinkens durch eisige, grausame Einöde und Wildniß. So schleppte er sich fort den ganzen Tag lang, bis er gänzlich erschöpft auf Schnee und Eis niedersank. Das Einzige, wozu er sich noch zwingen konnte, war, daß er sich nach dichterem Gebüsch elend hinschleppte und ein Feuer davor anzündete. Er hielt sich für glücklich, eine Art Höhle zu finden, welche durch das dichte Gesträuch offen und vor Schnee geschützt geblieben war.

„Es war ordentlich gemüthlich warm darin,“ erzählt er selbst, „so daß ich beschloß, einige Tage darin zu bleiben und mich zu erholen. Während ich vor meiner neuen Wohnung Feuer machte und einen Hasen abzog, um ihn an zwei Stöcken daran zu braten, ward ich von einem plötzlichen Gebrumme oder Gegrunze überrascht. Die Stille selbst um mich herum schien davor zu erschrecken. Während ich mich in Besorgniß umsah und nachdachte, wie und woher das seltsame Geräusch komme, fuhr ich vor einem zweiten tiefen Brummtone zusammen. Vergebens suchte ich der Sache auf die Spur zu kommen, so daß ich mich endlich müde und matt hinkauerte und dem Hasen zusah, wie er sich braten ließ. Dies dauerte aber nicht lange. Ein tiefes, gräßliches Gegröhle donnerte aus meiner Höhle hervor. Ich sprang auf und wendete mich um, um dicht vor mir einen grimmigen, riesigen Scheusalsbär, den berüchtigten „grizzly“ zu erblicken, das fürchterlichste Thier der nordamerikanischen Wälder. Seine großen, grausamen Augen glühten mich scheußlich an unter seinen buschigen, stacheligen Brauen hervor, und wie die gewaltigen Kinnladen arbeiteten und knirschten in hungriger Wuth, mich zu zerreißen! Ehe ich meinen Revolver ziehen konnte, erhob er sich wie ein Thurm und – schloß mich in seine Arme, so fest, so knochenknackend, daß ich keine Hand rühren konnte. Diese Todesart war mir entsetzlich, obgleich ich während dieser Tage und Nächte meiner einsamen Wanderung auf alle mögliche Arten umzukommen, vorbereitet zu sein glaubte. Müde und erschöpft bis zum Tode, wie ich war, fühlte ich mich doch jetzt wieder stark, so daß ich mit dem einen Arme mir Luft machte und die Hand heraufzwang nach dem Gürtel, um den Revolver zu fassen. Aber durch eine Bewegung des Bären fiel dieser mit einem Schusse zur Erde. Mit einem entsetzlichen Geheul quetschte er mich noch fester, so daß seine Klauen durch meine Kleider drangen und die Haut zerrissen. Aber ich hatte das Messer im Gürtel gefaßt, mit welchem ich mörderlich in seinen Leib stieß, so weit sich mein Arm bewegen konnte. Freilich dies verschlimmerte mir meine Pein. Der Bär warf sich zur Erde, ohne mich im Geringsten locker zu lassen, und riß und biß in Schmerzenswuth meine wollene Decke, die ich glücklicher Weise gegen Kälte um den Kopf gebunden hatte, während er sich mit mir im Schnee wälzte. Die plötzliche Aufregung wich einer tödtlichen Mattigkeit und einem dumpfen Brausen in meinen Ohren, welches nur von dem krachenden, donnernden Gebrüll des Bären übertäubt ward. Bewußtsein und Schmerzgefühl wurden thatsächlich aus mir herausgepreßt, während ich mich mit einer dumpfen Gleichgültigkeit – Folge der Kraftüberbietung und Erschöpfung, die wahrscheinlich den Tod immer süß, gewiß leicht macht – dem Sterben, dem Umkommen hingab.

„Aber selbst von diesem Halbschlummer des Sterbens schrak ich auf, als ein scharfer Knall mein Ohr traf und den Bären in den Kopf, wie ich später erfuhr. Ich fühlte, ich sah ihn hinstürzen. Ich verlor das Bewußtsein, wachte aber von Qualen der Kälte und des Durstes auf und sah mit dem ersten Aufschlags der Augen einen jungen Indianer über mich gebeugt, eifrig beschäftigt, mich mit Schnee zu reiben. Er hatte von der Ferne mein Feuer gesehen und den Schuß meines fallenden Revolvers gehört, und war neugierig herbeigeeilt, um mich von einem scheußlichen Tode zu retten, dem ich mich schon ergeben hatte.

„Die ganze Nacht blieb der rothhäutige barmherzige Samariter bei mir, verband meine klaffenden Wunden und hüllte mich warm ein. Gegen Morgen verließ er mich, um weitere Hülfe aus seinem nicht weit entlegenen Wigwam oder Dorfe zu holen. Nach kurzer Zeit kamen sie herbei und trugen ihren „Bruder“ in’s Dorf, wo sie mich den ganzen Winter pflegten und wahrhaft „brüderlich“ behandelten. Mit ihren Waldkräutern heilten sie meine Wunden bald und gründlich und nahmen, als sich im Februar für mich [252] Gelegenheit fand, meine Garnison wieder zu erreichen, von mir so höflichen, so herzlichen Abschied, daß ich nur mit Rührung und innigstem Dankgefühl an diese rohe, ehrliche, herzliche, uneigennützige Gastfreundschaft, wie man sie unter Christen, feinfühlenden Menschen, selbst leiblichen Geschwistern so selten findet, zurückdenken kann,

„Meine Rückkehr auf den Boden der Civilisation wurde nicht sehr freudig begrüßt. Meine Collegen unter mir waren avancirt, da ich ausgefallen, verschollen, als Todter gestrichen worden war, und nun mußte ich doch als Lebendiger und als derselbe Officier, als welcher ich Urlaub genommen, wieder anerkannt werden. Der Herr College, welcher meine Würde, meine Stelle, ja selbst mein Zimmer geerbt hatte, haßte den Bären, der mich zu schwach umarmt, den jungen Indianer, der mich zum Leben zurückgerufen, und mich, der ich von den Todten wieder auferstanden war. Dieser dreifache Eingriff in sein Avancement, diese Menschlichkeit, die uns Allen passirt war, selbst dem Bären, lief ihm wider alle militairische Ehre.“