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Textdaten
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Autor: C. Michael
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Titel: Im Wartesaal
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 166-167
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[166]
Im Wartesaal.
Skizze von C. Michael.

Ein großer leerer Raum, öde und leer bis auf die Bänke von verschossenem rothen Plüsch, welche die Wände umsäumen, und die beiden großen, halberblindeten Spiegel, welche – eingefaßt von schmalen verräucherten Goldleisten – eine unzählbare Menge schwarzer Reisetaschen und grauer Plaidrollen zeigen, die, immer kleiner und kleiner, bis in die Unendlichkeit hinaus aufgestapelt scheinen, in Wahrheit aber nur die Vervielfältigung einer einzigen Tasche und Rolle sind, meines eigenen bescheidenen Reisegepäckes, das ich auf den Sims von falschem Marmor vor einen der sich gegenüberhängenden Spiegel hingelegt habe.

Doch halt, da giebt es ja noch einen Gegenstand, und zwar einen sehr bemerkenswerthen: die große Pendeluhr, deren Sekundenzeiger in hüpfender Bewegung fortschreitet, während der Minutenweiser schier wie festgewurzelt an seiner Stelle verharrt.

Zwanzig Minuten, wie rasch sind sie verflogen im emsigen Alltagsgetriebe, – – zwanzig Minuten, ein Nichts, eine kaum bemerkbar winzige Spanne Zeit, wie lang können sie sich dehnen, wenn wir der Uhr gegenübersitzen und – warten!

Ich bin zwanzig Minuten zu früh gekommen und muß hier auf den Abgang des nächsten Postzuges warten; nun, das läßt sich leichter ertragen, als wäre ich nur um eine Minute zu spät gekommen, und sicherlich habe ich schon manche Stunde meines Lebens in weniger angenehmer Lage mit – Warten zugebracht. Man braucht nur an die Vorzimmer der verschiedenen Aerzte, Zahnärzte oder Photographen zu denken, die man schon mit „bevölkern“ geholfen hat; oder an das unwirthliche Lokal des Zollamtes, oder an das tage- und wochenlange Warten auf einen Brief, der nicht kommen will. Ja, bei Licht besehen, bringen wir den weitaus größten Theil unseres Lebens damit zu, irgend Etwas zu erwarten. Man könnte die ganze Welt einen einzigen großen Wartesaal nennen, und wer nichts, gar nichts mehr daselbst zu erwarten hat, sei es nun Freudiges oder Schmerzliches, der ist reif, das Signal zur Abfahrt erklingen zu hören und diesen Wartesaal „Erde“ zu verlassen, gerüstet zur letzten, großen Reise!

Da seht das kleine Kind schon sitzen und geduldig warten auf seine Suppe, die erst abkühlen muß. Etwas größer geworden, wartet es auf den nächsten Weihnachtsabend, auf die große Puppe, die man ihm versprochen hat, dann das Mädchen auf das erste Einflechten der flatternden Haare in Zöpfchen, der Knabe auf die Knallbüchse und auf die ersten Stiefel!

Armer Junge, wenn du in diesen heiß ersehnten Stiefeln steckst, dann geht für dich erst recht das Warten an, und immer gespannter, immer aufregender wird deine Erwartung werden.

Das Schulleben hat begonnen, da gilt sie zunächst den Censuren der verschiedenen Semester, wie werden sie ausfallen? „Ich kann es kaum erwarten!“ hört man dich sagen. Dann kommen die goldenen Ferien, die du noch viel weniger „erwarten“ zu können glaubst. Dem Eintritt zum Militärdienst gilt nun deine Erwartung, dem lustigen Studentenleben, endlich gilt sie dem ersten Amte, der ersten Stellung, um welche du dich beworben hast.

Nun kommen verschiedene Beförderungen, Versetzungen oder anderweitige Veränderungen in deinem Berufsleben an die Reihe, die mit derselben Spannung erwartet werden, mit welcher der Seemann, weit draußen im stillen Ocean, auf eine günstige Brise wartet.

Du bist vielleicht ein Mann der Feder, dann weißt du, was es heißt, ruhig und geduldig, Monate lang, auf die Entscheidung der Redaktionen über deine Arbeiten zu warten. Die Liebe, der kleine geflügelte Gott, schwirrt auch wohl an dir vorüber, und wenn sein Pfeil getroffen hat, dann wird auch dir das Warten auf die Heilung nicht minder schwer, als es allen sonstigen Blessirten und Kranken fällt.

[167] „O lehr’ mich stille sein und hoffen!“ sagt das alte Lied, es könnte aber ebenso gut sagen: „Lehr’ mich stille sein und warten.“ Nicht jedes Warten schließt eine Hoffnung ein, aber ob in freudiger Erregung, ob in banger Furcht und kleinmüthigem Zagen, du hörst stets dort draußen – viele, viele Meilen weit – irgend ein heranbrausendes Ereigniß, auf das du wartest, gerade wie ich hier im dumpfen Saale auf meinen Postzug.

Und doch bist du, der Mann, stets noch mehr oder weniger Selbstlenker deiner Geschicke, du hast es oft in der Hand, das peinliche Warten durch eine energische Handlung zu kürzen; du bist in der glücklichen Lage, dir je zuweilen auch einen Extrazug heizen lassen zu dürfen auf deiner stürmischen, wirbelnden Lebensfahrt. Wir Frauen aber, wir müssen uns fein geduldig an die vorgeschriebenen billigen Fahrgelegenheiten halten, unser Hauptlebenszweck ist und bleibt das Warten. Wir sitzen immerfort da und horchen auf irgend ein erlösendes Glockensignal.

Wenn das Mädchen lange genug auf Spielzeug, Näschereien, bunte Bändchen und Kindergesellschaften gewartet hat, – dann wartet es auf das erste lange Kleid, auf die kleine goldene Uhr, auf den ersten Ball, und mit diesem kommt auch schon bald das Warten auf – einen Mann.

Hier fängt freilich unser Vergleich an, etwas zu hinken, denn das Warten im Bahnhofslokal hat zum Mindesten Eines vor manch anderem Warten voraus: ob auch die Zeit noch so langsam verstreiche, das Erwartete trifft doch endlich sicher ein, und ginge ja heute gar kein Zug mehr in der erwünschten Richtung, so könnten wir immer noch unsere Reise auf einen andern Tag verschieben.

Mit dem Warten aufs „Glück“ ist es leider anders, das kommt nicht zur vorgeschriebenen Stunde herangebraust, oft hat es gar arge Verspätung, oder es bleibt gänzlich aus, und was dann? – –

Wer verständig ist, der wird sich bemühen, jedes Glück, ob es nun Liebe, Reichthum, Ehre, Auszeichnung oder wie sonst auch heißen möge, nur als eine freudige Ueberraschung hinzunehmen, keines dieser Erdengüter aber als ihm gebührende Gabe vom Himmel zu erwarten.

Um aber wieder zu unseren Töchtern zurückzukehren, die ihre besten Jahre damit hinbringen, müßig und gelangweilt auf einen „Mann“ zu warten, und die dann endlich jede sich darbietende Gelegenheit aufgreifen, nur einzig um dieses peinliche Warten zu enden, so ist deren Zahl groß, sehr groß und ich möchte jede Mutter bitten, ihrem Töchterlein die Liebe und Ehe zwar als ein schönes, von der Natur dem Weibe bestimmtes Ziel darzustellen, aber durchaus nicht als den einzigen Inbegriff irdischen Glückes. Wie oft hört man unsere Backfischchen sagen: „Wenn ich einmal verheirathet sein werde“ – als handelte es sich dabei nur um eine Frage der Zeit. Wie oft schon hörte ich von einem dieser jugendlichen Geschöpfe die erstaunte Frage: „Ja, warum hat denn Die oder Jene nicht geheirathet?“ – Sie nehmen stets an, daß es ganz besondere Gründe sein müßten, welche ein Mädchen unverheirathet altern lassen.

Diese irrige Auffassung sollte man mit allen Mitteln zu bekämpfen oder richtig zu stellen suchen von frühester Jugend an, statt die armen Mädchen von Ball zu Ball zu schleppen und sie förmlich gleich Waaren zur Schau zu stellen. Könnten wir nicht erreichen, daß ihnen das Liebes- und Eheglück unverhofft, als lichter Stern in den Schoß fiele, anstatt sie zu lehren, gleichsam in trauriger Dunkelheit auf diesen Stern zu – warten?

Es ist ein lobenswerther Anfang gemacht worden zur Besserung dieser Zustände, indem man den Frauen neue Erwerbsquellen erschloß und ihre Verheirathung nicht mehr als einzige Art der Versorgung ansieht, aber es muß noch viel geschehen, ehe die unglücklichen Heirathskandidatinnen gänzlich verschwinden aus dem großen Wartesaale „Leben“.

Für die andere Hälfte der weiblichen Passagiere, für jene, die nicht so lange auf die Ehe „gewartet“ haben, eröffnet sich an diesem Reiseziele eine schier unermeßliche Reihe neuer Erwartungen der verschiedensten Art. Große und kleine, frohe und traurige Ereignisse kommen in Sicht und wollen dann geduldig „abgewartet“ sein, denn:

„Ein Leben voll von kleinen Sorgen,
Und doch bedeutungsvoll und groß,
Ein Wirken, segnend still verborgen,
Das ist und sei der Gattin Los!“

Wer zählt sie alle auf, die anscheinend kleinen Sorgen des häuslichen Lebens, die doch in ihren Folgen so bedeutungsvoll groß sind! –

Da liegt das erste Kindlein, das süße Pfand der Liebe, in deinen Armen, du junge Mutter, du bietest deine zärtlichsten Liebkosungen auf, bist unerschöpflich in neckischem Tändeln, um jenes verständnißvolle Lächeln auf seine Lippen zu zaubern, das der erste beglückende Kindergruß ist. Erstaunt und aufmerksam folgen die hellen Aeuglein deinem Thun, aber keine Miene bewegt sich im Antlitz des Säuglings. Nur Geduld, warte noch einige Tage länger, und du wirst die Seele deines Lieblings erwachen sehen! Für den Augenblick hoch befriedigt, wirst du aber dann sofort das „Warten“ wieder neu beginnen.

Dem ersten Lallen des Kindes, dem ersten Zähnchen, das schon so lang schneeweiß im rosigen Mündchen leuchtet und doch nicht hervorbrechen will, gilt jetzt dein ungeduldiges Warten, dann dem ersten Schrittchen des Lieblings, dem frohen Augenblick, wo er dich zum ersten Mal beim Mutternamen nennt!

Und nun erst die tausend kleinen häuslichen Sorgen und Qualen des Wartens!

Da steht die Wäsche im Zuber, und der Himmel will keinen Sonnenstrahl senden. Grau umwölkt läßt er den feinen leisen Regen unaufhörlich niederrieseln. Nicht nur auf dein Linnen, arme geplagte Hausfrau, auch auf das schöne Getreide und Heu des Landmannes, der den Sonnenschein mit noch viel bangerem Herzen ersehnt, als du! Das ist ein Warten, bei dem es sich oft um den Verlust einer ganzen Ernte handelt, und doch kann er nicht das Geringste thun, es abzukürzen.

Du hast das Mädchen fortgeschickt, um eine dringend nöthige Zuthat für die Kocherei zu holen. Jetzt stehst du – auf Nadeln oder auf Kohlen? – und wartest, bis das leichtfertige Geschöpf den ellenlangen Klatsch mit der Nachbarin zu Ende gebracht hat und sich seines Auftrages wieder entsinnt. Soll ich an das nur zu alltägliche Warten auf säumige Handwerker erinnern, oder an das peinliche Warten der Reisenden auf günstige Witterung? Gedenket aber auch der freudigen Spannung, mit welcher ihr den Dankesäußerungen ferner Lieben entgegenharrt, wenn ihr dieselben mit Geschenken beglückt habt, oder auch der prickelnden Neugier, die sich dem Warten beigesellt, wenn es sich dabei um Ueberraschungen gehandelt hat.

So vergeht kein Tag, kaum eine Stunde des Tages, an dem die Frau nicht gar Vielerlei zu erwarten hätte. Erst wartet sie in dieser Weise noch ein Weilchen so fort für eigene Rechnung, dann aber in Angelegenheiten ihrer Kinder, und da fällt das ruhige „Abwarten“ noch viel schwerer, obgleich es gerade bei der Kindererziehung oft am nöthigsten ist, sich recht fest mit Geduld zu wappnen und Alles mehr an sich herankommen zu lassen, als es verfrüht erzwingen zu wollen. Siehst du nicht, wie geduldig Natur selbst zu warten versteht? Nicht eine Minute früher pickt das junge Vöglein die Schale seines Eies auf, als bis die Zeit dazu gekommen ist, und ruhig steht der Baum und wartet, bis all seine tausend Blüthen aufbrechen, eine nach der andern. Nur das Menschenkind meint oft, die Zeit habe Flügel, und ein andermal wieder, sie komme auch gar nicht mehr vom Fleck. Die Zeit? – Ja, wie hoch mag es wohl jetzt an der Zeit sein? – Ich fahre auf aus meiner Träumerei und blicke nach der Uhr hinauf: Ist’s möglich, so weit schon?

Im selben Augenblick ertönt ein schriller Pfiff. Dann gellendes Läuten, und zu der hastig aufgerissenen Thür herein ruft schnarrend eine Stimme:

„Der Postzug, meine Herrschaften!“

Für diesmal wäre also das Warten wieder zu Ende. Aber wird nicht schon im Koupé ein neues Warten beginnen – das Warten auf die ersehnte Ankunft bei meinen Lieben? Und wird das Warten damit aufhören? Werde ich nicht fort und fort zu warten haben bis zum letzten Augenblick, bis zum Schluß dieser ganzen Lebensreise?!