Im Schatzamte von Washington

Textdaten
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Autor: Corvin
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Titel: Im Schatzamte von Washington
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22–23, S. 365–368, 378–380
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[365]
Im Schatzamte von Washington.[1]
Republikanische Einfachheit. – Oeffentliche Gebäude der Republik. – Clerks, Boten und Pagen. – Unter den Damen des Schatzamtes. – Ein Wort über die Schönheit der Vollblut-Amerikanerinnen. – General Spinner und Oberst Graham. – Von den Liebesintriguen im Schatzamt. – Zierliches Wesen und freundliches Walten. – Wie man in Amerika Beamte anstellt. – Ein schweres Examen.

Jedem europäischen Besucher Washington’s wird es auffallen, daß jene großartigen Gebäude, wie sie sämmtliche Hauptstädte diesseits des Oceans und sogar noch New-York aufzuweisen haben, hier fast vollständig fehlen und selbst in der Hauptstraße Washingtons, in der Pennsylvania Avenue, sind nur die Hôtels mit ihnen zu vergleichen; der Grund davon ist, daß hier, wie in England, ein Haus gewöhnlich nur von einer Familie bewohnt ist.

Mehr als republikanisch einfach, ja schauerlich geschmacklos waren früher selbst die öffentlichen Gebäude, von denen ich hier nur das alte Capitol, das Staatsministerium, in welchem Herr Seward während des ganzen Krieges seinen Sitz hatte, und das einer Fabrik ähnliche Kriegsministerium nennen will. Selbst die Residenz des Präsidenten, das weiße Haus, ist weiter nichts als eine keinesweges besonders elegante Villa, die im Thiergarten in Berlin eine ziemlich mittelmäßige Rolle spielen würde. Daß das neue Capitol der Republik würdiger und in seinem Innern sogar theilweise prachtvoll genannt werden kann, ist bekannt.

Das einen ganzen „Block“ einnehmende, d. h. von vier Straßen begrenzte Schatzamt (Treasury) war bei meiner Abreise noch nicht vollendet; es fehlte noch das nördliche Ende, da man während des Krieges das dort stehende Staatsministerium nicht abreißen wollte. Der Bauplatz war namentlich für den Architekten sehr ungünstig gewählt: auf dem Abhang eines nach dem Hause des Präsidenten zu aufsteigenden Hügels. In Folge dessen hatte man in diesen Hügel einzuschneiden, und die Fenster des ersten Stockes in der Westfront liegen in gleicher Höhe mit dem gegenüberliegenden Terrain. Obwohl man diesen Umstand so verständig als möglich benutzt und in dem tiefen Grunde hübsche Gärten und Springbrunnen angelegt hat, raubt er doch dem an und für sich großartigen Gebäude in etwas seinen großartigen Charakter. Diese Front macht einen moderneren Eindruck, als die nach der Fünfzehnten Straße gelegene mit ihren ionischen Säulen. Sehr schön ist die schmälere, nach Süden zu gelegene Façade, von deren Freitreppe man eine schöne Aussicht auf den Potomac und dessen virginisches Ufer hat.

Das Material des Gebäudes ist nicht Marmor, sondern ein außerordentlich harter, grauer Granit. Selbst nach jahrelangem Gebrauch sind die Treppenstufen noch so wenig abgeschliffen, wie am ersten Tag, und ich glaube, daß noch nach zwanzig Jahren die leichten Streifen von der Säge nicht verschwunden sein werden. Das Innere des Gebäudes – den älteren Theil ausgenommen – ist ebenso bequem als reich; in der That so reich, daß irgend ein königlicher Staatshämorrhoidarius beim Anblick dieses Luxus außer sich gerathen würde. Die Gänge sind hoch und geräumig und der Fußboden ist schachbrettartig mit Tafeln von weißem und schwarzem Marmor belegt. Um den Schall der tönenden Schritte zu tödten, sind diese Gänge in vielen Theilen, wo der Lärm stören würde, mit Cocosmatten versehen. Die Zimmer in dem neueren, etwa vier Fünftel des Gebäudes umfassenden Theil sind hoch, luftig und elegant, die der Chefs der Bureaux mit eleganten Sophas, Sesseln und Spiegeln versehen und alle mit feinen Brüsseler Teppichen. Die Heizung war früher durch erwärmte Luft bewerkstelligt; allein sie ist als ungesund abgeschafft und durch heiße Röhren ersetzt worden. Das Gebäude ist durchweg mit Gas erleuchtet und das Ganze macht auf den europäischen Beschauer einen wundervollen Eindruck. In jedem Zimmer, oder dicht dabei auf dem Gange, ist stets ein Behälter mit Eiswasser, welches im Sommer in Washington eine absolute Nothwendigkeit ist.

Es liegt nicht in meiner Absicht, eine genaue Beschreibung weder des Gebäudes, noch der Einrichtungen des Schatzamtes der Vereinigten Staaten zu geben, welches weit mehr Raum wegnehmen würde, als mir die Gartenlaube dafür einräumen könnte; ich muß mich daher auf mehr allgemeine Angaben und andererseits auf charakteristische Details beschränken, die interessiren werden, weil sie nach eigener, persönlicher Anschauung geschildert sind.

So groß das Gebäude ist, hat es doch keineswegs Raum für alle Geschäftszweige, welche dem Finanzminister unterworfen sind. Das Bureau der Internal Revenue – der Abgaben und Steuern – befindet sich in einem der Treasury gegenüber liegenden Gebäude, das eines der Auditors in einem dritten, nicht weit vom Kriegsministerium, und das eines andern Auditors im Postgebäude.

Die Zahl der Beamten des Schatzamts beläuft sich auf mehrere Tausend. Mit Ausnahme der Bureauchefs heißen sie alle Clerks und sind nur durch Classe und Gehalt unterschieden. Die höchsten Beamten sind der Minister (Secretair genannt) und zwei Assistenzsecretaire (Minister), der Schatzmeister, der Registrator, der Chef der Internal Revenue, der Controleur des Papiergeldes, der Chef der Papiergeldfabrikation, der Chef des Bauwesens, der des statistischen Bureaus, die sechs Controlleurs, die sechs Auditeure und der Chef des Rechtsbureaus, der Chief Clerk der Treasury und der Clerk, beauftragt mit der Leitung der Loan Branch, das heißt des Anlehenwesens.

Die Clerks sind in vier Classen getheilt; die vierte ist die höchste. Sie erhalten respective achtzehnhundert, sechszehnhundert, vierzehnhundert und zwölfhundert Dollars jährlichen Gehalt. Kein Clerk, und habe er auch weiter nichts zu thun, als zu copiren, erhält weniger als einhundert Dollars monatlich. Außerdem sind noch eine Menge Unterbeamte angestellt, welche Boten – Messengers – heißen. Unter ihnen sind Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren, die auch oft Pagen genannt werden, obwohl man eigentlich nur die Knaben so nennt, welche in den Sitzungssälen des Capitols die Aufwartung haben. Der Gehalt derselben ist nicht unter fünfzig Dollars monatlich, während die alten Boten fünfundsiebenzig und einige auch hundert Thaler monatlich erhalten. Der Gehalt der Bureauchefs ist höher als der der Clerks, doch kann ich keine genauen Angaben machen.

Das Schatzamt bietet die Eigenthümlichkeit dar, daß in demselben nicht nur männliche, sondern auch eine große Menge weibliche Beamte angestellt sind. In kleinerem Maßstabe ist dies indessen auch im Postgebäude und in der Patent-Office der Fall. – Da die Treasury Girls durch verschiedene Umstände in übeln Ruf kamen, und dieser im Allgemeinen durchaus unverdient ist, so ist es billig, daß ich zu ihrer Rechtfertigung ein wenig länger bei dem Gegenstand verweile.

Zunächst muß man die Mädchen, welche in den Bureaux angestellt waren, wohl von denen unterscheiden, die man in der Papiergeldfabrik beschäftigte, zum Beispiel in der Druckerei, und welche ungefähr auf derselben Stufe standen, wie andere Fabrikmädchen.

[366] Ich will zunächst von denen reden, die in The Secretary’s Office – in dem Bureau des Ministers – arbeiteten, in welchem das Bureau des Registrators und das der Anlehen eingeschlossen ist, oder die im Bureau des dritten Auditors, des Controleurs des Papiergeldes oder des Schatzmeisters angestellt waren. – Es waren dies alles Personen aus derselben Classe, aus welcher die männlichen Clerks genommen wurden, und in ihrer äußern Erscheinung, das heißt Kleidung und Benehmen, durchaus Damen. Die meisten von ihnen waren natürlich Mädchen, da verheirathete Frauen in Amerika das Arbeiten ihren Männern überlassen; allein unter ihnen waren auch manche ältere Damen, besonders Wittwen von Officieren. Eine dieser Damen war die Wittwe eines Gegencandidaten von Lincoln für die Präsidentschaft, und eine andere die eines Generals, der in der Schlacht bei Antietam fiel, woraus der Leser schon schließen kann, daß die Stellung der weiblichen Treasury-Clerks keineswegs eine irgendwie bedenkliche ist. Daß unter den Hunderten von weiblichen Angestellten in der Treasury so wenig Häßliche waren, liegt nicht darin, daß man sie ihrer Schönheit wegen anstellte, sondern hat seinen Grund in dem Umstand, daß es wenig häßliche Amerikanerinnen giebt. Ich rede hier von Vollblut-Amerikanerinnen, nicht von den nicht fernen Abkömmlingen deutscher oder irländischer Einwanderer, die noch gar häufig den keineswegs besonders schönen Typus mancher unserer oder irländischer Bauern in ihren Gesichtern zur Schau tragen. Die Amerikanerinnen sind die schönsten Frauen, die ich kenne, und wenn sie auch sehr schnell verblühen, so werden sie doch nie wirklich häßlich. – Ich habe doch in Amerika unendlich viel alte und junge Damen gesehen, aber ich weiß mich nicht eines einzigen wirklich häßlichen Gesichts zu erinnern und muß gestehen, daß ich, indem ich darüber nachdenke, selbst davon überrascht bin. Baltimore ist berühmt wegen seiner hübschen Mädchen, und mit Recht, wovon ich mich durch den Augenschein überzeugt habe. Dabei kleiden sich die jungen Damen sehr modisch, und da sie meist elegant und anmuthig in ihren Bewegungen sind, so müßte man kein Mann sein, wenn man bei ihrem Anblick nicht angenehm angeregt würde.

In den hohen und eleganten Hallen der Treasury ist immer ein reges Leben und es herrscht nicht die bedrückende, muffige Schwüle, die dem armen Unterthan bei uns, der in einem Bureau zu tun hat, den Athem versetzt. Jedermann geht ungenirt aus und ein, – denn es ist ein öffentliches Gebäude, welches dem Volke gehört und zu dessen Diensten erbaut wurde. Keine Schildwache steht vor der Thür, trotzdem daß Hunderte von Millionen in Gold und Silber, von dem Papiergelde gar nicht zu reden, in dem Gebäude enthalten sind. Die in den Corridors sich aufhaltenden Boten geben den Fragenden bereitwillig und artig jede verlangte Auskunft oder melden sie bei den Bureauchefs oder dem Minister an. Ist der letztere augenblicklich beschäftigt, so muß man natürlich warten; allein der Flur ist geheizt, wenn es kalt ist, und Sopha und Stühle stehen für die Wartenden bereit; man behandelt sie nicht wie Bettler, selbst wenn sie wirklich Supplicanten wären. Da überall geheizt ist, so stehen selbst im Winter die Thüren der verschiedenen Zimmer häufig offen und erlauben dem vorübergehenden Fremden, der keine Geschäfte darin hat, einen Einblick. Ein solcher Blick ist oft sehr erheiternd, und ich begreife, daß ein frisch angekommener Deutscher manchmal nicht weiß, wo ihm der Kopf steht. Hier in einem sehr elegant eingerichteten Zimmer sitzt ein schon alter, etwas eigenthümlich aussehender Herr, dessen gutmüthigem Gesichte man es durchaus nicht ansieht, welche ungeheure Arbeitslast und Verantwortlichkeit auf seinen Schultern ruht. Um ihn bewegen sich anmuthige weibliche Gestalten, die er mit väterlicher Vertraulichkeit behandelt. Es ist der würdige Schatzmeister der Republik, General Spinner, ein Deutscher, der, glaube ich, in oder in der Nähe von Frankfurt geboren wurde, aber trotzdem, daß er frühzeitig nach Amerika kam, sein Deutsch noch nicht ganz verlernt hat. Sein Ruhm ist es, daß, so lange er im Amte war, kein Fehler in den Rechnungen seines Departements vorkam, trotzdem daß während dieser Zeit die ungeheure Summe von dreißigtausend Millionen durch seine Hände ging.

In einem andern Zimmer im ersten Stock sitzt ein magerer alter Herr mit einem guten Gesicht. Es ist Oberst Graham, der Registrator der Treasury. Vor ihm liegt ein dickes Paket Bonds, unter welche er seinen Namen zu schreiben hat. Hinter ihm und zu seiner Rechten und Linken stehen einige wunderschöne und elegante junge Mädchen, die weiter nichts zu thun haben, als den unterschriebenen Bogen wegzunehmen, Löschpapier auf den Namen zu drücken und den fertigen Bond zu weiterer Beförderung zu übermitteln. Die Grazie, welche die jungen Damen in ihre Bewegungen legen, ist wundervoll, und das Ganze bildet ein reizendes Bildchen, welches ich unendlich oft, aber stets mit Vergnügen betrachtete.

In anderen Sälen sitzen eine große Anzahl junger Damen, alle eifrig damit beschäftigt, Pakete von Banknoten zu zählen. In der Mitte an einem erhöhten Pult thront der männliche Clerk – meistens ein älterer Herr – welcher die Aufsicht über das Zimmer hat. Trotz aller Galanterie versteht er keinen Spaß, und die jungen Damen fürchten ihn wie das Feuer. Diese Strenge ist nothwendig, denn die Amerikanerinnen sind sehr lebhaft und nicht sehr blöde, giebt man ihnen den kleinen Finger, so nehmen sie leicht die ganze Hand. Es fehlte keineswegs an Versuchen von Seiten der weiblichen Beamten, Alles nach ihrem Belieben einzurichten, zum Beispiel früh oder spät oder auch gar nicht zu kommen; allein man sah bald ein, daß das Geschäft dabei nicht bestehen konnte, und war gezwungen, strenge Regeln zu geben, deren wiederholte Verletzung sofortige Entlassung zur Folge hatte.

Wenn man mich nun fragt, was meine aufrichtige Meinung über diese Frauenarbeit ist, so nehme ich gar keinen Anstand zu sagen, daß diese Maßregel eine ganz vernünftige und zweckmäßige ist. Ich bekleidete selbst zwei Jahre lang eine Stelle in der Treasury und zwar meistens im Bureau der Anlehen, wo Herren und Damen gleichzeitig beschäftigt waren. Ich hatte viele Monate lang meinen Platz zwischen zwei hübschen jungen Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, und in demselben Bureau saßen noch zehn bis zwölf andere, mit denen ich hin und wieder geschäftlich zu verkehren hatte. Einige dieser Damen waren in derselben Weise wie die männlichen Clerks beschäftigt, und ich muß gestehen, daß sie ihre Arbeit mit ebensoviel Geschick und mit mehr Fleiß verrichteten. Die größere Hälfte dieser Damen war jedoch damit beschäftigt, die täglich einlaufenden Noten – die sich manchmal auf sechs bis sieben Millionen Dollars beliefen – nach der Reihenfolge der Nummern zu ordnen, was das Eintragen in die Bücher erleichterte.

Die Gegenwart der Damen hatte nach meiner Meinung eher einen guten Einfluß auf den Ton der mit ihnen zusammen beschäftigten männlichen Beamten und erhielt sie andererseits in angenehmer Laune.

Für manche Beschäftigungen sind die Finger der Damen jedenfalls besser geeignet als die der Männer, namentlich für das Zählen der Banknoten, besonders der „fractional currency“ – der kleinen Noten von fünf, zehn, fünfundzwanzig und fünfzig Centimes, wie auch der sehr schmalen Coupons, zum Beispiel der 7. 30 Noten. Sie erwerben darin eine wundervolle Fertigkeit, und da sie – was mir bei dem schmutzigen Zustande der Noten sehr ungerecht schien – für das Durchlassen einer falschen Note zu stehen hatten, so paßten sie sehr auf und erwarben eine außerordentliche Fertigkeit im Erkennen von „Counterfeits“.

Die Zahl der weiblichen Clerks belief sich auf einige Hundert. Früher erhielten sie nur von fünfzig bis fünfundsiebenzig Dollars monatlich; allein später wurde der Gehalt bis auf fünfundsiebenzig und hundert Dollars erhöht.

Es ist wohl natürlich, daß eine Menge hübscher, munterer, junger Mädchen nicht viele Stunden des Tages mit meist jungen Männern zusammen sein oder sich beständig in den Gängen und auf dem Wege zur Treasury begegnen können, ohne daß sich hin und wieder Liebesintriguen anspinnen; allein ich habe nie gesehen, daß dies die Arbeit wesentlich gestört hätte oder daß in der Treasury irgend etwas Unpassendes vorgekommen wäre. Junge Männer und junge Mädchen wollen heirathen und bleiben oft einzeln, weil sie eben keine Gelegenheit haben, Bekanntschaften zu machen; ich betrachte es durchaus als keinen Fehler, daß die Treasury dazu Veranlassung giebt.

Ob die Vorgesetzten, welche den jungen Damen die Plätze verschaffen, immer ganz unparteiisch verfahren und nur die Geschicklichkeit oder das geschäftliche Verdienst berücksichtigen, brauche ich wohl gar nicht zu beantworten. Diese Herren sind eben Männer und haben ihre Schwächen wie andere Leute. Verdankt doch auch bei uns in Deutschland mancher junge Mann seinen Platz weniger seinen Kenntnissen, als der Fürsprache irgend welcher günstig gesinnten „Adelheid“.

[367] Ich war eine Zeitlang im Kriegsministerium, einige Monate im Ministerium des Innern und, wie schon bemerkt, längere Zeit in der Treasury angestellt und lernte dort Clerks aus allen amerikanischen Staaten kennen. Ich muß gestehen, daß mir ein sehr angenehmer Eindruck aus dieser Zeit zurückgeblieben ist und daß die ungünstigen Ansichten, welche ich in Bezug auf den Charakter der Amerikaner aus Europa mit herüber gebracht hatte, sich durchaus in das Gegentheil verwandelten. Ich fand die Amerikaner durchweg – einzelne Ausnahmen können gar nicht in Betracht kommen – gutmüthig, freundlich, hülfreich, selten neidisch, sehr gescheidt und praktisch und in ihrem Fühlen und Denken anständig. Im Durchschnitt sind sie, wenn wir den deutschen Maßstab anlegen wollen, sehr unwissend, das heißt, sie haben meist eine sehr mangelhafte Schulbildung und hin und wieder sind ihre Manieren nicht besonders fein; allein sie sind außerordentlich lernbegierig, haben einen scharfen Verstand und wissen sich Neugelerntes nicht nur sehr schnell anzueignen, sondern dasselbe auch praktisch anzuwenden und Schlüsse und Folgerungen daraus zu ziehen.

Die Unwissenheit ist oft überraschend und ich war anfangs nicht wenig erstaunt, wenn ich selbst Zimmerchefs ganz laut fragen hörte, wie dies oder jenes Wort geschrieben werde. Ich konnte zuerst nicht begreifen, weshalb so viele Clerks fortwährend Webster’s Dictionnaire consultirten, bis ich endlich herausbrachte, daß dies nur wegen der Orthographie geschah. Ein Herr, ein Schullehrer, welcher in Yale College erzogen war und welcher die Einrichtungen der preußischen Gymnasien studirt hatte, sagte mir, daß ein Graduirter des Collegs in Bezug auf Kenntnisse kaum einem Secundaner gleichzustellen sei.

Man sollte meinen, daß dieser Mangel an Kenntniß dem Geschäftsbetrieb schaden müsse; allein die Praxis zeigt, daß dies keineswegs der Fall ist. Ich glaube schwerlich, daß in irgend einem deutschen Bureau soviel Ordnung herrscht, wie ich sie überall in den amerikanischen Bureaux fand, und daß irgendwo die Geschäfte prompter und gründlicher erledigt werden. Es muß das umsomehr in Erstaunen setzen, wenn man erfährt, wie diese Clerkstellen besetzt werden, und in Betracht zieht, daß das Beamtenpersonal beständig wechselt, daß nicht ein einziger sicher ist, ob er seine Stelle noch sechs Monate haben wird.

Was gehört nicht bei uns dazu, um eine Stelle mit zwölfhundert Thalern Gehalt in einem Ministerium zu erhalten! Nachdem man sechs Jahre das Gymnasium besucht, das Abiturientenexamen gemacht, drei Jahre auf einer Universität studirt und wieder ein Examen gemacht hat, erhält man endlich die Erlaubniß, dem Staat als Referendar – einige Jahre umsonst – zu dienen. – In Amerika macht man nicht so viel Umstände. Ein junger Mann, welcher die gewöhnliche Schulbildung hat, das heißt der möglichst orthographisch schreiben und rechnen kann und sonst nicht auf den Kopf gefallen ist, hat Lust seine Stelle in einem Laden oder Comptoir mit einer besser bezahlten in einem Ministerium in Washington zu vertauschen. Hat er oder seine Familie das Glück, einen der Senatoren oder Congreßmitglieder seines Staates zu kennen, oder auf irgend eine Weise für sich zu interessiren, so geht dieses Congreßmitglied zu dem betreffenden Minister und sagt ihm, mehr oder weniger dringend, je nachdem die Umstände sind, daß er für Herrn N. N. eine „Clerkship“ wünsche. Ist der Empfehlende sehr einflußreich oder sehr dringend und gerade kein Platz frei, – nun, so findet sich immer irgend ein Clerk, der den Erwartungen nicht entspricht, und dieser erhält dann einen Brief, der weiter nichts enthält, als: „Man bedarf Ihrer Dienste nicht länger“. Der betrübte Clerk packt seine sieben Sachen augenblicklich zusammen und die Stelle ist erledigt. Manchmal ist man rücksichtsvoller, zum Beispiel wenn Reductionen gemacht werden müssen, und schreibt: „Ihre Dienste werden vom nächsten Ersten an, oder selbst drei Monate weiter, nicht mehr erforderlich sein“.

Das scheint uns in Deutschland über alle Beschreibung hart; allein es ist dort einmal so Gebrauch und die Regierung bezahlt nur Beamte, so lange sie dieselben braucht, und bezahlt sie gut. Jeder, der eine Stelle annimmt, weiß das; wenn ihm diese Ungewißheit nicht convenirt, braucht er die Stelle ja nicht anzunehmen.

Da es vorkam, daß gar zu unwissende Menschen zu Stellen empfohlen wurden, und es auch wünschenswerth schien, einen Vorwand zu finden, eine Stelle Jemand nicht zu geben, während man den empfehlenden Senator oder Deputirten nicht vor den Kopf stoßen wollte, so ordnete man an, daß jeder Clerk ein Examen zu passiren habe, – ein Examen, welches bei uns jeder Quintaner passiren würde, es sei denn, daß man ihn nicht passiren lassen wollte.

Der neue Clerk wird also in ein Bureau eingeführt und erhält sein Pult nebst allem Zubehör. Er hat nicht die allergeringste Idee von dem Geschäft, welches man von ihm verlangt; allein der Sectionschef hat Geduld und erklärt ihm, was zu thun ist. Der neue Clerk sieht nach rechts und links, wie es die Anderen machen, und nach einigen Wochen füllt er seinen Platz vollkommen aus.

Die Arbeit, die Einem manchmal zugemuthet wird, würde den Stolz eines Finanzraths – der ungefähr mit einem Treasury-Clerk zweiter Classe in einem Range stehen möchte – auf das allerhöchste verletzen; allein in Amerika scheut man sich keiner Arbeit und selbst die höchsten Beamten legen Hand an, wenn es nothwendig ist. Das Ordnen der Banknoten nach ihren Zahlen ist ein Geschäft, welches gewöhnlich den Mädchen überlassen wurde; allein es geschah nicht selten, daß mehrere Millionen auf einmal in das Bureau kamen, und da die Arbeit Aller stockte, ehe dieses Ordnen nicht vorgeschritten war, so erhielt jeder Beamte im Bureau sein Paket und der Chef selbst schloß sich nicht aus. – Mehrere Monate habe ich nichts gethan, als die neuen Bücher für die Sieben-Dreißiger vorbereitet, indem ich die Ueberschriften machte und die laufenden Nummern einschrieb. Ein Kind hätte das und besser machen können; wie oft, müde von der monotonen Arbeit, übersprang ich eine Nummer, und wenn ich es nach einer halben Stunde gewahr wurde, dann hatte ich eine Stunde zu radiren, um den Fehler zu verbessern!

Obwohl die Beamten alle Clerks heißen und man deutsche Beamtenunterthänigkeit in Amerika nicht kennt, so ist die Disciplin in den Bureaux doch ziemlich streng und der dem andern vorgesetzte Clerk wird meist gebührend respectirt. Der Grund ist wohl hauptsächlich der Trieb der Selbsterhaltung, denn wiederholte Klagen haben Entlassung zur Folge.

Trotz dem befolgten System giebt es in der Treasury Clerks, die in derselben grau geworden sind. Thaten sie ihre Arbeit ordentlich oder erwarben besondere Geschicklichkeit in einem speciellen Zweige und – vor allen Dingen – mischten sich nie in Politik, sondern waren stets Anhänger der herrschenden Partei: dann hatte Niemand ein Interesse, sie zu entfernen, und man vergaß sie.

Die Londoner „Times“ trat so feindlich gegen die Union auf, daß ich, der ich in den Vereinigten Staaten bleiben wollte, und weil meine Sympathien durchaus mit dem Norden waren, die Verbindung mit diesem Blatte aufgeben mußte. Ich verlor dadurch vier- bis fünfhundert Dollars monatlich und es erschien mir wünschenswerth, eine Anstellung in der Treasury zu erhalten. Der damalige Finanzminister war Herr Salomon P. Chase. Ich hatte die beste Empfehlung an ihn und sah denn auch mein Gesuch um eine Stelle von ihm sehr freundlich aufgenommen.

Herr Chase ist ein großer stattlicher Mann, dessen Aeußeres den Eindruck von Güte und Würde macht. Seine Stirn ist sehr hoch, sein ziemlich volles Gesicht rein und klar, die Nase kurz und kräftig, der Ausdruck des ziemlich vollen Mundes angenehm und das Kinn rund und etwas sinnlich; seine Bewegungen sind elegant und würdevoll und seine Unterhaltung ist verbindlich und leicht scherzhaft. Er ist durchaus und in jeder Hinsicht eine angenehme und bedeutende Erscheinung.

Ich sollte dem Bureau des dritten Auditors zugetheilt werden und ein Examen vor diesem und einem andern Auditor bestehen. Der eine der beiden Herren kam etwas spät und es blieb nur eine halbe Stunde für das Examen. Ich muß gestehen, ich war etwas besorgt, denn wenn ich auch Trigonometrie und Stereometrie studirt hatte und einst trefflich mit Logarithmen und Gleichungen umzuspringen wußte, so war das doch lange her und ich bildete mir ein, daß Beamte im Finanzministerium ganz besonders schwierige Rechenaufgaben zu lösen hätten. Meine Besorgniß war jedoch sehr unnütz. Ich wurde ersucht, meine Lebensgeschichte kurz niederzuschreiben. Das war natürlich schnell geschehen und für einen Zeitungscorrespondenten in der That eine leichte Aufgabe. Man erklärte sich vollkommen befriedigt und ich wurde in meine Stelle eingeführt.

[368] Im Bureau des dritten Auditors wurden die Rechnungen der Armeelieferanten geprüft, der sogenannten Commissarien. Die Arbeit war eine ganz interessante, welche in Bezug auf Rechenkunst nur die vier Species beanspruchte und mehr gesunden Menschenverstand und etwas Scharfsinn erforderte. Jeder Clerk hatte ein gedrucktes Papier, in welchem genau die Punkte angegeben waren, auf welche bei der Prüfung der Rechnungen zu sehen war; allein die Schwierigkeit lag darin, die Kniffe der nicht immer ehrlichen Commissarien zu entdecken, die oft mehr Rationen verrechneten, als Soldaten da waren; zu untersuchen, ob die Vorräthe, welche als durch Kriegsereignisse oder Wasser zerstört oder verdorben angegeben wurden, auch wirklich vorhanden gewesen waren etc. etc. Das machte die Arbeit interessant und sie war von großer Wichtigkeit nicht nur für den Staat, sondern für eine Menge von Individuen, die mit Sehnsucht auf das Ende der Prüfung warteten, da ihre Rechnungen nicht eher bezahlt wurden, bis sie nicht von unserm Bureau als richtig anerkannt wurden. Eine kleine Unregelmäßigkeit konnte, wegen der oft ungeheuern Entfernung vom Kriegsschauplatz, monatelange Zögerungen verursachen.

[378]
Die falschen Cassenscheine und die Mängel des amerikanischen Papiergeldes. – Von dem ungeheuren Geldumsatz im Schatzamte. – Neun Millionen durch Zufall verlegt. – Eine geheimnißvolle Geschichte. – Mitten in der Versuchung und doch ehrlich. – Die Photographie im Dienste der Gerechtigkeit. – Schlußwort über den Charakter der Amerikaner.


Ich blieb nur kurze Zeit in diesem Bureau. Es war beschlossen worden, das Papiergeld in der Treasury selbst zu machen, und man traf alle Vorbereitungen dazu. Ich hatte schon früher die nähere Bekanntschaft eines Registrators gemacht, eines Herrn Chittenden von Vermont, der sich sehr freundlich für mich interessirte. Als er von mir erfuhr, daß ich mich viel mit Galvanoplastik und anderen Dingen beschäftigt hatte, welche mit der Fabrication von Papiergeld in Verbindung standen, wußte er es bei dem Minister zu bewirken, daß ich in das Currency Bureau versetzt wurde.

Nach kurzer anderweitiger Beschäftigung, die hauptsächlich darin bestand, den Plan für ein galvanoplastisches Atelier auszuarbeiten, wurde mir ein Pult in einem der Reportirzimmer der Treasury angewiesen. Diese Zimmer hingen zusammen mit den Sälen, in denen die Mädchen saßen, welche die Banknoten numerirten oder zerschnitten und packten etc. Das Zimmer, in welchem ich mein Pult hatte, war, wie gesagt, eines der Reportirzimmer und die Arbeit, die darin vorgenommen wurde, interessirte mich sehr.

Da eine Stahlplatte nicht viel mehr als zehntausend gute Abdrücke aushält und es sehr kostspielig sein würde, sie immer wieder neu zu stechen, was außerdem eine bedeutende Verschiedenheit in den Noten hervorbringen würde, so mußte man darauf bedacht sein, die Platten auf andere Weise zu vervielfältigen. Ich würde jedenfalls Kupferplatten und die Vervielfältigung auf galvanoplastischem Wege gewählt haben; allein es wurde ein anderer eingeschlagen. Die Vorder- oder Rückseite einer Banknote wurde in eine weiche Stahlplatte gravirt, die Platte dann gehärtet und der Reportirmaschine überliefert. Vermittelst dieser sehr sinnreich construirten Maschine – deren gegen zwanzig in der Treasury waren – wurde eine Walze von weichem Stahl mit ungeheurem Druck über die Oberfläche der gehärteten gravirten Stahlplatte gepreßt, so daß der Abdruck der Gravirung erhaben auf der Walze erschien. Diese Walze wurde nun gehärtet und vermittelst derselben Maschine über leere, weiche Stahlplatten gepreßt und auf diese Weise immer neue Platten für den Druck erzeugt. So accurat diese Arbeit auch gemacht wurde, so erforderte sie doch stets einiges Nachbessern und die so gewonnenen Platten, besonders die großen für die Bonds, wurden dadurch ziemlich theuer.

Was mir in diesem Zimmer auffiel, war die Sorglosigkeit, mit der man in Bezug auf die Sicherheit verfuhr, denn es waren gar keine Maßregeln gegen etwaige Betrügereien getroffen. Die an den Reportirmaschinen beschäftigten Leute waren meistens gewöhnliche Arbeiter, obwohl sie etwa hundert Dollars den Monat erhielten, allein ich kann nur sagen, daß sie sehr fleißige, bescheidene, anständige und ehrenhafte Männer waren. Es kontrolirte sie Niemand und es wäre ihnen ein Leichtes gewesen, irgend welche Platte für sich selbst zu reportiren, denn das Hinwegbringen einer solchen kleinen Platte in der Tasche hatte gar keine Schwierigkeit, da Niemand beim Ausgang untersucht wurde, ausgenommen jene Personen, die verhüllte Pakete wegtrugen. Ein solcher Betrug fiel den Leuten gar nicht einmal ein, bis getroffene einfältige Maßregeln sie darauf aufmerksam machten und zugleich ihren Zorn erregten. Es wurden nämlich später in diesen Zimmern zwei Leute angestellt, welche die Platten zählten, die aus den eisernen Spinden am Morgen genommen und am Abend wieder hineingeschlossen wurden. Das nützte gar nichts, denn vor den Augen der Aufseher, die von dem Geschäft nicht das Geringste verstanden, hätten die Arbeiter für sich selbst Platten abdrucken können. Später hörte ich denn auch, daß falsche Banknoten in Circulation waren, welche von Originalplatten gedruckt sein mußten.

In der Druckerei verfuhr man am Anfang, als ich noch oben war, mit derselben Sorglosigkeit. Die gedruckten Noten und die Platten wurden in ganz gewöhnliche hölzerne Schränke geschlossen und zu dem Innern, wo die Bogen getrocknet wurden, hatte man leicht Zutritt. Ich weiß auch, daß einige Drucker auf gewöhnlichem Papier für sich Abzüge machten, was vom Publicum nicht zu entdecken war, da das Papier alle Augenblicke geändert wurde.

Es würde mich hier zu weit führen, wollte ich die Mängel des amerikanischen Papiergeldes und die Gründe aufzählen, weshalb Fälschungen desselben vom Publicum so schwer zu entdecken sind. Einige Bemerkungen mögen genügen. Die grüne Farbe ist bald dunkel, bald hell; die Stempel und Nummern stehen nicht auf allen Noten an derselben Stelle – kurz, die Noten desselben Werthes sind untereinander verschieden. Die Figuren in der Zeichnung sind außerordentlich künstlich und sehr schwer nachzumachen; allein wenn die Note nicht mehr neu ist, erkennt man sie kaum. Auch das Papier ist nicht immer gleich. Die größte Sicherheit gewähren noch immer die auf den Noten befindlichen feinen Stahlstiche, welche historische Scenen oder Personen darstellen, denn es erfordert schon einen bedeutenden Künstler, sie nachzumachen. Allein trotzdem hat man sie wenigstens so nachgemacht, daß das gewöhnliche Publicum dadurch getäuscht wurde. – Man hält in Amerika nicht Jeden fest, der eine falsche Note im Besitz hat; wird dieselbe an der Casse der Treasury als falsch erkannt, so drückt der Beamte ganz ruhig einen Stempel mit „Fälschung“ darauf und giebt sie zurück. Selbst Beamte der Treasury erkennen nicht leicht solche Fälschungen. Ein Freund in der Stadt hatte von auswärts eine Fünfzigdollarnote erhalten, die sehr hell aussah. Er zeigte sie mir und fragte, ob sie echt sei. Da ich häufig solche helle Noten gesehen hatte, so hielt ich sie für gut, erbot mich aber, in der Treasury Erkundigungen einzuziehen. Ich zeigte die Note dem Superintendenten der Druckerei: er erklärte die Note für gut, wollte aber doch lieber den Kupferstecher fragen, welcher das auf diesen Noten befindliche Portrait gestochen hatte; der Künstler erklärte die Note für falsch, und als ich durch eine starke Loupe die Portraits verglich, wurde die Fälschung augenscheinlich.

Auch in dieser Stellung sollte ich nicht lange verweilen. Ja, ich sah mich sogar in Folge von Mißverständnissen und Zwistigkeiten gezwungen, meinen Platz in der Treasury ganz zu räumen, bis mir Herr Field, der Assistenz-Finanzminister, ein sehr angenehmer Mann, der als Attaché verschiedener Gesandtschaften zwölf Jahre in Europa gelebt hatte und mit dem ich sehr befreundet war, eines Tages mittheilte, daß ich meinen Platz im Bureau der Anlehen als erster Correspondent finden sollte. Ich lachte laut auf und rief: „Um des Himmels willen, Herr Field, ich verstehe auch nicht das Allergeringste von Staatspapieren.“

„Ach was,“ antwortete er, „das lernen Sie in vierzehn Tagen.“

Das Bureau der Anlehen befand sich in einem langen Saal. Wenn man von dem hellen Corridor durch die in der Mitte angebrachte Thür ging, trat man in einen Raum, welcher durch eine brusthohe Barrière abgegrenzt war, und in welcher Stühle etc. für die Wartenden standen und die Boten und Pagen sich aufhielten. Der Thür gerade gegenüber stand der Schreibtisch des Clerks in Charge, des mit der Leitung des Bureaus beauftragten Clerks vierter Classe. Links von ihm war der Schreibtisch eines andern Clerks vierter Classe; rechts stand mein Schreibtisch, getrennt von dem des Chefs durch einen hohen eisernen Geldschrank. Rechts und links voll diesen drei Schreibtischen standen zwischen den Fenstern Doppelpulte, und durch die Mitte der Abtheilung rechts lief ein langer und breiter Tisch, an welchem gleichfalls männliche und weibliche Clerks beschäftigt waren. An den Wänden waren Glasschränke angebracht, in welchen die wohlgeordneten Papiere und die Bücher des Bureaus aufgehoben waren. In dem Saal mochten etwa fünfzig Beamte beschäftigt sein, welche der Chef sämmtlich wohl übersehen konnte. Der Raum war keineswegs beengt, und der hohe und elegante Saal war sehr luftig und angenehm selbst im heißen Sommer. Die Einrichtung war elegant und den Fußboden des ganzen langen Saales bedeckte ein schöner Brüsseler Teppich.

Mein Chef war ein noch junger Mann von nicht eben feiner gesellschaftlicher Bildung, aber durchaus tüchtig in seinem Fach, [379] der bis zur Erschöpfung arbeitete. Auf ihm lag in der That eine ungeheure Last und, um sich aufrecht zu erhalten, brauchte er mehr stimulirende Mittel, als für seine Gesundheit gut war. Da er nie Zeit und daher wenig Geduld hatte und nebenbei ein wenig stotterte, so wurde ich durch seine Erklärungen über die Mysterien der Siebendreißiger und Fünfzwanziger nicht viel weiser und beantwortete häufig die Briefe, die er mir vorlegte, ohne eigentlich recht zu verstehen, was ich geschrieben hatte. Das war mir äußerst unbehaglich und nach vierzehn Tagen fragte ich meinen Chef, ob er denn wirklich mit meinen Leistungen zufrieden sei. Zu meinem Erstaunen sagte er, daß es ganz gut gehe, und ich nahm die Stelle definitiv an.

Das Leben in diesem Bureau war mir neu und interessant, denn die verschiedensten Fragen wurden abgehandelt und den ganzen Tag kamen Leute, denen der Chef Auskunft geben mußte, was immer mit Höflichkeit und Geduld geschah. Ueberhaupt herrschte in dem Bureau unter allen Clerks ein sehr angenehmes Verhältniß. Man war immer guter Laune und es ward sehr viel gearbeitet.

Die ungeheuern Summen, die hier beständig gehandhabt wurden, erregten die Phantasie. Eine Million war mir bald gar nichts mehr, denn ich hatte manchmal, wenn Coupons fällig waren, eine Anweisung für ein paar Millionen Gold in einen Brief einzuschließen, den ich mit derselben Gleichgültigkeit in den Briefkasten unseres Bureaus warf, als ob er einen Thaterschein enthalten hätte.

Wir mußten um neun Uhr in unserm Bureau sein und bis vier Uhr bleiben. Um halb Vier packten die Clerks die Banknoten, mit denen sie beschäftigt waren, zusammen und legten die Pakete auf meinen Tisch, weil dieser dem Geldschrank zunächst war, in welchen sie der Chef später einschloß. Ein solches Päckchen Siebendreißiger, welches man ohne besondere Schwierigkeit hätte in die Tasche stecken können, enthielt allein neun Millionen in Fünftausend-Dollarnoten. Das Päckchen war einst verschwunden und fand sich endlich hinter mir auf dem Fensterbrett, wo es ein Clerk zufällig mit einem Rock zugedeckt hatte.

Die Briefe, die ich zu schreiben hatte, waren oft sehr interessant und ich erinnere mich eines, der mit einem mysteriösen Vorfall zusammenhing, der nie aufgeklärt wurde. – Die nach Californien zu sendenden Gelder gingen zu Schiff nach Aspinwall und wurden von da über die Landenge von Panama spedirt. Jede solche Sendung wurde in eine eiserne Geldkiste gepackt und zwei Clerks anvertraut, die sie nach Californien begleiten mußten. Diese Clerks hatten die Instruction, die Kiste in ihrer Cabine zu behalten, und einer von ihnen sollte stets dabei bleiben. Uebernahm jedoch der Schiffscapitäin die Verwahrung der Kiste, so war das gestattet. Eine solche Sendung mit etwa einer Million in Tresorscheinen und noch mehr in Siebendreißigern war unter der Aufsicht von zwei Clerks abgeschickt worden. Nach einiger Zeit erhielten wir von einem derselben einen Brief, datirt von „Riff Roncador“, welcher uns mittheilte, daß das Schiff auf dieses im mexicanischen Meerbusen gelegene Riff gelaufen sei, und daß man die Geldkiste mit anderen Dingen, um das Schiff zu erleichtern, über Bord geworfen habe. Sein Camerad sei nach New-Orleans abgereist, allein er habe es vorgezogen, auf dem Riff zu bleiben, um zu sehen, ob die Kiste nicht aus dem Grunde heraufgeholt werden könne. Instructionen des Ministers gemäß antwortete ich dem treuen Beamten in der allerschmeichelhaftesten Weise und zugleich wurden von mehreren der nächsten Häfen Schiffe nach dem Riff beordert, um die Geldkiste womöglich herauszuholen. Nach etwa sechs oder acht Wochen wurde dieselbe auch wirklich wieder an das Tageslicht befördert; allein sie war offen und – leer? Nicht ganz.

Die Seegötter, die diesen Schatz hoben, wußten, daß alle Siebendreißiger Noten nebst ihren Käufern in unsern Büchern notirt waren und daß es gefährlich war, sie umzusetzen; sie begnügten sich daher vernünftiger Weise mit den Greenbacks, die wie unsere Tresorscheine au porteur zahlbar sind. Von der Million hat sich meines Wissens keine Spur wiedergefunden und man fand nicht für gut, die Geschichte an die große Glocke zu hängen. Menschenleben waren bei der Affaire nicht zu Grunde gegangen. Das wahrscheinlich gut versicherte Schiff lief mit außerordentlicher nautischer Geschicklichkeit auf den Felsen und es war Zeit genug zur Rettung der Mannschaft. – Die Siebendreißiger, die in ihren versiegelten Couverten sechs bis acht Wochen auf dem Meeresgrund gelegen hatten, kamen wieder in unserem Bureau an. Das Seewasser hatte nicht einmal die Adressen unleserlich gemacht; allein die grüne Farbe der Noten war denn doch schwarz geworden und sie mußten durch neu gedruckte ersetzt werden.

Die Correspondenz in einem Fach, welches ich nur unvollkommen verstand, wurde mir indessen mit der Zeit unangenehm und ich war froh, als sie mir ein Freund abnahm, der mehrere Jahre im Bureau gearbeitet hatte, und ich eine andere Beschäftigung erhielt.

Die Regierung kaufte oder verkaufte gegen andere Papiere die Zins-auf-Zins-Noten (compound interests) und eben so Siebendreißiger, d. h. Noten, welche sieben Dollars dreißig Cents für hundert Dollars Zinsen trugen. Alle Morgen erhielt ich nun die von den verschiedenen Unterschatzmeistern ankommenden versiegelten Pakete mit der Aufgabe, sie zu öffnen, die Rechnungen zu prüfen und zugleich das Geld nicht nur zu zählen, sondern auch dabei nachgemachte oder verfälschte Noten zu entdecken. Nachgemachte Siebendreißiger existirten damals nicht, allein verfälschte in Menge. Gestohlene Noten konnten nicht leicht verkauft werden, da ihre Nummern sogleich bekannt gemacht wurden, deshalb veränderten die Diebe irgend eine Zahl in der Nummer, was oft mit großer Geschicklichkeit geschah und bei dem beschmutzten Zustand der Noten nicht leicht zu entdecken war. Es gab keine kleineren als Fünfzig-Dollar-Noten, und da stets ziemlich viel Eintausend-Dollar-Noten mitkamen, so brachte ich es schon fertig die tägliche Sendung zu revidiren. Ich zählte und prüfte zugleich, wenn ich in Zug war, tausend Noten in fünf Minuten; allein es war eine sehr anstrengende Arbeit, welche die Nerven angriff, da man so schnell und scharf jede Note zu betrachten hatte. Ueberdies warteten Dutzende von Clerks auf das Fortschreiten meiner Arbeit, weil sie erst anfangen konnten, wenn ich fertig war, und ich beeilte dieselbe so viel als nur möglich.

Ich war oft todtmüde, wenn ich mein „correct, O. v. C.“ unter die verschiedenen Rechnungen geschrieben hatte und die Noten in das Zimmer bringen ließ, wo sie ungültig gemacht, das heißt mit einer Maschine in eigenthümlicher Weise durchbohrt wurden. War dies geschehen, dann kamen sie in die Hände der Damen und der Clerks, welche die Nummern in die Bücher zu tragen hatten.

In Deutschland hat man die eigenthümlichsten Ansichten in Bezug auf die Ehrlichkeit von Amerikanern und ist geneigt, jedem Amerikaner sehr laxe Begriffe in Bezug auf Mein und Dein zuzuschreiben. Es ist allerdings wahr, daß dort mancherlei Betrügereien vorkommen und daß Beamte sich häufig kein Gewissen daraus machen, „Onkel Sam“ zu übervortheilen. Es giebt indessen auch genug unredliche Beamte in Deutschland und es würde wahrscheinlich noch mehr als in Amerika geben, wenn die Sorglosigkeit ebenso groß wäre. Ich will hier indessen nur von meinen Erfahrungen in der Treasury reden und muß sagen, daß es mich höchlich in Erstaunen gesetzt hat, so selten von Veruntreuungen zu hören, da die Sorglosigkeit so groß war und die Versuchung dadurch bedeutend verstärkt wurde. Um eine Million von einem Platz zum andern zu schaffen, würde man bei uns womöglich eine Compagnie Soldaten zur Escortirung aufbieten: in Washington denkt man nicht einmal an solche Vorsicht.

Mein Chef legte eines Tages ein großes Bündel auf meinen Tisch und sagte: „Bitte, sehen Sie doch einmal, was in dem Bündel ist, welches sich wer weiß wie lange in dem Schrank herumtreibt.“ – Es waren etwas über eine Million Banknoten – Siebendreißiger, alle in Blanco, also au porteur – die größtentheils nicht einmal zerschnitten, sondern noch in ganzen Bogen waren. Aus zufälligen Anzeichen erkannte ich, daß sie von dem großen Banquier Jay Cook kamen, dessen Geschäft der Treasury gerade gegenüber liegt. Ich rief also einen Pagen und befahl ihm, das Bündel hinüberzutragen, damit die Noten dort mit dem Stempel der Firma versehen würden. Der Knabe nahm das ungezählte Paket auf die Schulter, trug es hinüber und ich erhielt es in derselben Weise zurück, ohne daß Jemand das Geringste dabei dachte.

Diebstähle kamen wirklich ganz außerordentlich wenige vor und erzeugten stets eine sehr bedeutende Aufregung und Entrüstung. Im Bureau der Anlehen, wo die Versuchung in der That erst recht groß war, kamen, so lange ich denken kann, nur zwei [380] Fälle vor. Der eine Dieb war leider ein Deutscher, der andere ein Amerikaner, der sich durch Spiel und Trunk ruinirt hatte.

Dieser Mann hatte dasselbe Geschäft wie ich. Während ich die großen Summen von den Assistenz-Schatzmeistern erhielt, gingen an ihn die von Privatpersonen, meistens kleinere Beträge. Ich hatte nichts mit ihm zu thun und nicht zwanzig Worte gewechselt. Er lief mit einigen dreißigtausend Dollars davon, als er befürchtete, daß seine Unterschleife entdeckt werden möchten.

Man hatte keine Photographie von ihm und war in Verlegenheit die Verfolgung einzuleiten. Unter diesen Umständen, erinnerte sich mein Chef der Carricaturen und Portraits, die er zu Zeiten auf dem schönen Bogen Löschpapier gesehen hatte, der auf meinem Pulte lag, und fragte mich, ob ich wohl im Stande sei, den Dieb aus dem Gedächtniß zu portraitiren. Ich ging sogleich nach Hause und malte den Kerl in Oel. Als ich das Portrait in unser Bureau brachte, schrie Alles auf, denn der Dieb war gut getroffen. Das Portrait wurde noch naß in das Polizeibureau geschickt, gleich photographirt und durch die ganzen Vereinigten Staaten geschickt.

Als ich einige Wochen darauf eines Morgens vor neun Uhr nach der Treasury ging und eben das National-Hôtel passirt hatte, kam ein Negerkutscher hinter mir her und sagte, daß ein Herr, der im Wagen sitze, mich zu sprechen wünsche. Am Schlag des Wagens stand ein Herr in Reisecostum mit hohen Stiefeln. Der Herr im Wagen redete mich an: „Bitte, sagen Sie doch Herrn Andrews, daß er gleich hierher kommt.“ Andrews war mein damaliger Chef und ich fragte, welchen Namen ich nennen solle. Der Herr sah mich erstaunt an und nannte seinen Namen. Es war mein College, der mit den dreißigtausend Dollars davongelaufen war und den ich gemalt hatte! Das Abschneiden seines Schnurrbartes, aber noch mehr Gewissensbisse und Sorge hatten ihn so verändert, daß ich ihn nicht erkannte!

Bei uns straft man Diejenigen, welche sich an öffentlichen Cassen vergreifen, ganz besonders hart; in Amerika scheint man ein durchaus anderes Princip zu befolgen. Man scheint, und mit Recht, die große Versuchung in Betracht zu ziehen, welcher die Beamten in der Treasury ausgesetzt sind, eine Versuchung, welche durch die anscheinende Sorglosigkeit noch vermehrt wird, und die Strafe fällt daher meistens verhältnißmäßig milde aus. Trotzdem kamen, wie gesagt, Diebstähle in der Treasury sehr selten vor und die Berechnung der Regierung ist ganz richtig, daß ein System der Bewachung und Vorsicht, wie es in Europa für nöthig gehalten wird, mehr als doppelt so viel kosten würde, als gestohlen wird.

Ich war sechs Jahre in Amerika und bin nun ein Bürger der großen Republik. In dieser Zeit sind alle die Vorurtheile verschwunden, welche ich in Bezug auf den Charakter der Amerikaner mit hinüber brachte, und haben aufrichtiger Achtung und Bewunderung Platz gemacht. Man findet in Europa allerdings mehr gesellschaftliche Abgeschliffenheit, feinere Manieren, gebildetere Sprache und bei weitem bessere Schulbildung; allein diese Politur kann wohl die äußere Erscheinung der Menschen verbessern, ist aber nicht maßgebend für den inneren Werth, den natürlichen Charakter. Ich habe in verschiedenen Ländern gelebt, muß aber aufrichtig gestehen, daß ich die Amerikaner mehr achte und bewundere, als irgend welche andere Nation. Politische und sociale Verhältnisse haben einen außerordentlich großen Einfluß auf den Charakter eines Volkes.

Im Charakter der Amerikaner – öffentlichen und privaten – ist keine Spur von Kleinlichkeit. Ein Jeder fühlt sich sein eigener Herr und über ihm steht Niemand, als das Gesetz, welches er sich selbst gegeben hat als ein Theil des souveränen Volkes. Dies Gefühl und die daraus folgenden Ideen können die Deutschen nicht haben, und deshalb verstehen die Deutschen die Amerikaner nicht und umgekehrt. Aeußerlichkeiten fallen zunächst in die Augen, und danach beurtheilt man sich – falsch.

Ich schließe mit dem Wunsch, daß die Deutschen den Amerikanern und die Amerikaner den Deutschen recht bald ähnlich werden möchten, – in ihren beiderseitigen guten Eigenschaften und deren Ursachen: einerseits Freiheit, andererseits Bildung. –
Corvin.
  1. Vergl. den Artikel „die größte Papiergeldfabrik der Welt“ in Nr. 4 vom Jahrgang 1868.
    D. Red.