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Textdaten
Autor: Rudolf Lavant
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Titel: Idealisten
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aus: „Die Neue Welt“ Nr. 33 – Nr. 52, S. 385–626
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Goldhausen
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[385]
Idealisten.
Von Rudolf Lavant.

Ein Novemberspätabend, wie er im Buche steht. Der Sturm fährt heulend und pfeifend durch die engen und winkligen Gassen und Gäßchen einer mitteldeutschen Handels- und Universitätsstadt, die sich bereits zur werdenden Großstadt ausgewachsen hat und zeitweilig ein Mittelpunkt deutschen Geisteslebens war. Wo diesem wilden Herbststurm auf seiner Siegesbahn ein lockrer Ziegel oder ein angebrochener Dachschiefer aufstößt, da hebt er ihn aus und führt ihn spielend davon, und die Essenköpfe prüft er eingehend auf ihre Widerstandsfähigkeit. Dazu schneit und regnet es wirr durcheinander, und wer sich im Freien befindet, hat seine liebe Noth, die Augen offen zu behalten.

Desto behaglicher ist es hoch oben im letzten Stock eines sehr hohen und sehr schmalen, mit plumpen Erkern wenig vortheilhaft herausgeputzten alten Hauses, das seine Front den Promenadenanlagen, seine Rückseite einem, in launischen Schlangenwindungen angelegten, düstern und herzlich unfreundlichen Gäßchen zuwendet. Da das Haus in der Front seinen Fuß in die Mitte einer sanft nach der Promenade abfallenden Böschung setzt, welche zur andern Hälfte von einem kleinen Garten eingenommen wird, so erscheint das Parterre, welches seinen Eingang von dem Gäßchen aus hat und dort ebenerdig ist, zu welchem aber vom Garten aus eine Treppe emporführt, von der Promenade aus als ein erstes Stockwerk, und die bösen Zungen, welche behaupten, die „Bude“ des Rechtskandidaten Franz Wendt befinde sich im fünften Stock eines thurmhohen Gebäudes von nur drei Fenstern Front, können sich für diese fast lieblose Verleumdung wenigstens auf den oberflächlichen Anschein berufen.

Doch wie dem auch sei, es war recht behaglich da oben. Ein grüner Schirm dämpfte das Licht der Lampe, auf dem weißgedeckten Tisch vor dem alterthümlichen und darum bequemen Sopha stand eine frischangebrochene Kiste Cigarren und der eiserne Ofen strahlte eine so ausgiebige Wärme aus, daß die Energie, mit welcher ein zweifellos sauberes und beinahe schmuckes Dienstmädchen Schaufel um Schaufel voll Kohlen nachschob, ziemlich unmotivirt erschien.

Eine andere Auffassung der Sachlage schien der voll- und rothwangige junge Mann zu haben, der es sich in einem augenscheinlich für die bizarren Körperverhältnisse eines arg Verwachsenen gebauten, für jeden Normalkörper unbrauchbaren Lehnstuhl bequem zu machen suchte, ohne damit zurechtkommen zu können. Die Cigarette aus dem Munde nehmend, sagte er nämlich mit vielem Wohlwollen und in fast verbindlich-chevalereskem Tone:

„So ist’s recht, Fräulein, kacheln Sie nur tüchtig ein, denn einer von den Herren, die ich heute das erstemal hier bewirthe, friert auch im wärmsten Zimmer wie ein Windspiel und würde selbst in der Sahara höchstens eine Maikühle konstatiren. Bier haben Sie also besorgt und um elf bringen Sie den Thee, – er muß aber stark sein, sonst fallen sie alle über mich her.“

„Es ist alles in Ordnung, – aber sollten die Herren nicht um acht kommen? Es ist jetzt gerade einviertel neun.“

„Das nennt man das ‚akademische Viertel‘, aber es ist allerdings in der letzten Zeit eine bedenkliche Bummelei eingerissen. Doch halt, – hören Sie nicht jemanden die Treppe heraufkommen?“

Die Gefragte konnte sich die Antwort sparen, denn in der That ließ sich ein schwerer, stapfender, etwas unsicherer Schritt vernehmen und gleich darauf trat ein junger Mann ins Zimmer, schüttelte die nassen Flocken von seinem Hute, warf den Ueberzieher ohne Umstände auf einen Stuhl und trat, nachdem er seinem Wirth die Hand gedrückt, an den Ofen, um sich die erstarrten Hände zu wärmen.

„Ist das ein Hundewetter!“ meinte er dann, mit einer Verbeugung gegen das hinausgehende Mädchen, welches er jetzt erst zu bemerken schien. „Aber an unserm Abend kommt aufs Wetter nichts an, und ich bin sogar wieder der Erste, wie ich sehe.“

„Sie sind exemplarisch pünktlich, lieber Born, aber von Ihnen freut mich das garnicht. Es wäre mir viel lieber, Sie gewöhnten sich eine geniale Unpünktlichkeit an und brächten es fertig, Sich um eine Stunde zu versehen.“

„Da hört aber doch alles auf; den anderen werfen Sie bei jeder Gelegenheit die Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit vor, und ich soll nicht einmal pünktlich sein dürfen; wann werde ich es denn endlich einmal recht machen?“

„Lieber Born, Sie verkennen ganz, daß Sie ein Dichter sind, was von den anderen nicht gesagt werden kann; Sie vergessen ganz, daß Sie nicht blos das übliche Trauerspiel verbrochen haben, sondern das Lamm gewesen sind, welches der Welt Sünde trägt, daß Sie unsere Verbindlichkeiten der tragischen Muse gegenüber mit übernommen und statt des Pflicht-Trauerspiels deren fünf von Stapel gelassen haben, auf diese Weise unsere sträfliche Pflichtvergessenheit sühnend. Sie haben die Schatten Barbarossas, Heinrichs des Löwen, Heinrichs des Vierten, Karls des Fünften und Rudolfs von Habsburg nochmals heraufbeschworen, und die Welt erwartet von Ihnen, daß Sie auch die übrigen deutschen Kaiser dramatisiren und Raupach überraupachen werden.“

[386] Wendt hielt inne und Born fragte, gute Miene zum bösen Spiele machend:

„Also Ihr altes Thema! Aber Sie können Sich die Aufzählung der von mir Verherrlichten, sowie der von mir Gemordeten und noch zu Mordenden sparen; sagen Sie mir lieber, was meine wirkliche oder angebliche Dichteritis, um Arvenbergs jüngsten Kalauer zu adoptiren, mit meiner Pünktlichkeit zu schaffen hat. Irgend eine Bosheit lauert da wieder im Hintergrunde.“

„Bosheit! Aber, lieber Born, wessen halten Sie mich fähig? Habe ich Sie nicht immer in Schutz genommen, wenn die andern schonungslos auf Sie einhackten? Habe ich es nicht durchgesetzt, daß Ihr ‚Heinrich der Löwe‘ in meinem Lesekränzchen mit vertheilten Rolle gelesen –“

„Gelesen werden sollte – allerdings!“ war die lakonische Erwiderung.

„Daß dies Vorhaben sich nicht realisiren ließ, hat an unberechenbaren, unglücklichen Zufälligkeiten gelegen, wie Sie wissen. Aber jetzt einmal ganz im Ernst. Wenn ich Ihren Dichterberuf bedenke, so stört mich Ihre Pünktlichkeit. Sie sind überhaupt viel zu sehr der solide, junge Mann, den die Väter liederlicher Söhne als Muster aufstellen, dem die Mütter heiratsfähiger Töchter mit ermuthigendem Wohlwollen zunicken. Sie haben keine Schulden, Sie haben keine Liebschaften, Sie trinken nie ein Glas über den Durst, Ihre Wäsche ist stets so sauber, Ihre Kleidung so adrett und modern, – es ist so garnichts Zerrissenes, Unstätes, leidenschaftlich Bewegtes an Ihnen und –

„Nun hab’ ich’s aber satt! Also ein Dichter muß nach Ihrer Meinung in einem defekten Phantasiekostüm herumlaufen, seine Wäsche muß quantitativ und qualitativ der der ‚edlen Polen aus der Polakei‘ in Heine’s Gedicht erfolgreich Konkurrenz machen, er muß bis über die Ohren in Schulden stecken und wenigstens einmal wöchentlich schwer bezecht aus einer Gosse gefischt werden, und ein oder lieber gleich einige Verhältnisse zu verheirateten Frauen haben, die womöglich zu Duellen –“

„Sie karrikiren, aber so leichten Kaufs werden Sie mich nicht los. Ich kenne Sie doch nun schon lange, aber von Sturm und Drang habe ich an Ihnen nie etwas bemerkt. Die Phantasie und das Gefühl spielen Ihnen nie einen Streich, sie gehen nie mit Ihnen durch, und wenn Sie in dieser langen Zeit ein einziges mal verliebt gewesen sind, so lasse ich mich hängen. Gestehen Sie, das Theaterbillet, welches Sie der kleinen Büffetmamsell im Café Berlin schenkten, ist Ihre einzige erotische Anstrengung gewesen, und da die Liebe auch für das Drama und die Tragödie unerläßlich ist und man doch nur das zu schildern vermag, was man an sich selber erlebt und mit dem eignen Herzen und den höchsteigenen geehrten Nerven empfunden hat, so ist’s ganz erklärlich, daß uns die Frauenzimmer in Ihren Tragödien als der größte Stein des Anstoßes erschienen sind.“

„Sie haben gut reden; wie kann ich bei meiner ungewissen Zukunft ans Heiraten denken? Ich muß froh sein, wenn ich mich mit Ach und Krach durchschlage und es vielleicht soweit bringe, daß ich mir einmal einen Vorleser halten kann. Mit meinen Augen wird es ja nie wieder besser und mehr als acht Seiten täglich kann ich nicht lesen, und auch die nicht ohne Tubus.“

„Aber, lieber Freund, beachten Sie einen Moment den furchtbaren Saltomortale, den Sie da eben gemacht haben! Ich spreche vom Verlieben für Ihre dichterischen Zwecke – Sie sprechen vom Heiraten! Mit Ihnen ist eben rein nichts anzufangen. Sie sind unverbesserlich solid und moralisch, und das ist sehr gut für Ihren Ruf, aber sehr schlimm für Ihre Dramen.“

Born wollte eben erwidern, als ein dritter ins Zimmer trat. Er schnaufte beträchtlich, wennschon ersichtlich nur zum Scheine, warf sich, wie zum Tode erschöpft, ins Sopha und sagte dann:

„Die Hühnersteigen – sechs doch mindestens? – wären überstanden! Aber was war denn das für ein Disput? Hat sich Born verlobt und hat ers unter sechzigtausend Thalern gethan?“

Wendt brach in ein schallendes Gelächter aus, fuhr sich mit allen Zeichen des Vergnügens durch das ziemlich dichte und buschige Haar, streichelte wohlgefällig seinen Henriquatre und sah Born erwartungsvoll an. Dieser verließ seinen Platz am Ofen, nahm sich eine Zigarre und tastete suchend auf dem Tische herum, bis er endlich das Schächtelchen mit den „Schweden“ gefunden hatte.

„Es scheint mir heute wieder trübselig gehen zu sollen. Eben hat mir Wendt eine kolossale Pauke gehalten und nun fangen Sie an, Arvenberg! Nun bin ich bloß neugierig, was die andern für Laune mitbringen, – es wäre am Ende das Beste, ich salvirte mich durch die Flucht.“

„Sie brauchen nicht zu denken, daß ich Born zu nahe getreten bin,“ betheuerte Wendt. „Ich habe ihm nur gesagt, daß er in seinem ganzen Privatleben alles dichterische Fluidum vermissen läßt, daß es demselben an aller malerischen und interessanten Unordnung fehlt –“

„Als wenn das zu bezweifeln wäre! Lieber Born, Ihr ganzes Unglück ist, Sie haben zuviel Geld, es geht Ihnen viel zu gut – und dabei haben Sie nicht einmal Bedürfnisse,“ gab Arvenberg zurück.

Das wurde mit einem Tone gesagt, in dem sich, bei anscheinendem Ernst der Ueberzeugung, Gutmüthigkeit, Humor und Satire eigenthümlich mischten, und von Satire wetterleuchtete es denn auch in dem feinen, klugen Gesicht, das nur durch die gebogene Nase an den semitischen Typus erinnerte.

Born mußte selber lachen. „In dem Wahnsinn ist allerdings Methode. Ich und zuviel Geld! Tausend Mark jährlich – mehr kann ich nicht aufgehen lassen, und wäre ich nicht arm wie eine Kirchenmaus, ich würde die verwöhnte Nase Arvenbergs gewiß nicht durch meine väterlichen Freimaurerzigarren beleidigen.“

„Es hilft aber alles nichts, es geht Ihnen dennoch zu gut, soviel Selbsterkenntniß Sie auch bezüglich der Qualität Ihrer Infamia an den Tag legen. Würden Sie sonst nicht die herrliche Gelegenheit benutzen, die Sie als Lehrer der englischen und französischen Literatur an einer Fortbildungsschule für höhere Töchter haben?“

„Welche Gelegenheit? Und wozu benutzen?“ fragte Born mißtrauisch, während Wendt, die Fortsetzung des Spottgefechts mit vielem Vergnügen an den neuen Ankömmling abtretend, sich eine neue Zigarette drehte.

„Aber, Lamm Gottes, das fragen Sie noch? Sie stehen vor einem halben Hundert junger Mädchen, vom Backfisch bis zur gereiften Jungfrau, von denen jede einzelne das Prädikat ‚Goldfisch‘ verdient, Sie sind ihr Literaturlehrer, man ist selbstverständlich bis über die rosigen, kleinen Ohren in Sie verliebt, und Sie lassen ein geschlagenes Jahr vergehen, ohne Sich die hübscheste, liebenswürdigste und interessanteste von Ihren andächtigen Schülerinnen gekapert zu haben! Wissen Sie, daß das unverzeihlich und unverantwortlich ist, daß man Sie insgeheim beschuldigen wird, Fisch-, beziehentlich Froschblut in den Adern zu haben? Und dabei kommt ihm noch zugute, daß er zwar ein wenig hager und steif ist, aber sonst ein ganz passabler Junge, namentlich seitdem er meinen Rat befolgt, seinen zu langen Hals durch Stehkragen zu maskiren, daß er einen hübschen, blonden Schnurrbart hat, daß er im Rufe eines firmen Klavierspielers steht, daß ihn der Nimbus des Dichters umfließt, sobald er sich entschließen kann, ganz im Vorbeigehen eine Bemerkung über seine noch der Aufführung harrenden unsterblichen Dramen einfließen zu lassen! Nein, Born, ich verzweifle an Ihnen, – Sie kommen nie auf einen grünen Zweig!“

Der also Apostrophirte machte ein Gesicht, wie zusammengefahrene Milch, und erwiderte unwirsch:

„Nun kommen Sie mir auch noch mit meinen weiblichen ‚Hörern‘, nun soll ich gar noch eine von den Geheimraths-, Gerichtsraths- und Banquiers-Gänschen heiraten, die mir mit ihrem albernen Gezischel und Gekicher und Gewisper das Leben so sauer machen, daß ich die Sache gründlich satt habe! Wissen Sie, daß ich drauf und dran bin, diese Stellung aufzugeben?“

„Wundert mich garnicht, – aber warum irritirt Sie der Backfisch-Uebermuth?“

„Ach was, ich gebe mir die erdenklichste Mühe, ich bereite mich sorgfältig vor, ich quäle mich damit ab, die Frauenzimmer in das Verständniß Shakespeare’s einzuführen, und finde nicht die geringste Empfänglichkeit und darum auch keine Aufmerksamkeit. Und doch sind das lauter ‚höhere‘ Töchter!“

„Ja, sehen Sie, Born, da liegt der Fehler. Sie sind wieder viel zu gründlich, viel zu gewissenhaft, viel zu wissenschaftlich, und bringen Sich dadurch um alle Wirkung. Glauben Sie denn, die jungen Damen werden von dem Bestreben, sich zu bilden und etwas zu lernen, in die Lehrstunden geführt? Die Sache ist Mode, es ist Chic, eine solche Anstalt zu besuchen, also kann man sich nicht ausschließen, ohne beredet zu werden. Und statt nun die so Gepreßten zu unterhalten und zu amüsiren, statt ihnen von allem nur den leichten, süßen Schaum zu geben, doziren Sie, als hätten Sie Studenten vor sich, und werden – langweilig, [387] begehen also ein Majestätsverbrechen. Sie sollten den Humor, der in der Situation liegt, begreifen, Sie sollten in souveräner Ironie über den Menschen und Dingen stehen und sie nehmen, wie sie sind, um sich dann heimlich oder in unserm Kreise über den ‚Zauber‘ zu mokiren, – aber das können Sie nicht und das – ist schade.“

„Ein schönes Kompliment,“ murrte Born, der ziemlich nachdenklich zugehört hatte, nun aber in Eifer gerathen zu wollen schien. Da wurde er durch das Erscheinen zweier neuen Ankömmlinge unterbrochen, denen das Dienstmädchen mit gefüllten Biergläsern auf dem Fuße folgte.

„Ich habe Reinisch auf der Treppe eingeholt, – ihr hättet ihn nur fluchen hören sollen, im reinsten heimatlichen Allemannisch! Uebrigens bin ich entschuldigt, – da!“ sagte der Jüngere von beiden, indem er einen in eine Nummer der „Kölnischen Zeitung“ gepackten Gegenstand auf den Tisch legte. „Ich schlage vor, wir dediziren diese meine kostbare Jagdbeute von heute Abend unserm braven Wendt, in Anerkennung der gastlichen Bewirthung, die er uns bereitet.“

„Ach was, Wendt verdient eher eine Strafe, als eine Belohnung,“ warf der andere dazwischen, ein kleiner, schmächtiger, beweglicher Mann mit forschenden Augen und schon merklich ergrauendem Kopf und Barthaar. „Wie kann denn ein vernünftiger Mensch in einen solchen Photografirsalon ziehen, in einen solchen verwünschten Glaskasten, wie dieses Zimmer, das mit zwei Fenstern nach der Promenade und mit zwei weiteren nach der Gasse sieht, auf der dritten Seite die Tür nach der Treppe hat und nur auf der vierten eine ordentliche Wand?“

Arvenberg schien nur auf diese Anregung gewartet zu haben, denn er bemerkte sofort bedenklich:

„Ich fürchte allerdings, daß es in kurzer Zeit höllisch kalt in diesem Gewächshause sein wird, – wollen Sie nicht einmal nach dem Feuer sehen, Wendt?“

Dieser erwiderte lachend:

„Da hat Sie also Reinisch, der ewige Krittler, glücklich in Alarm gesetzt! Sie werden aber nicht frieren, dafür verbürge ich mich, denn ich habe ein ganzes Kohlenbergwerk zu versenden. Ueberdies habe ich alles mögliche gethan, Ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen. Da Sie kein Biertrinker sind, habe ich eine Flasche Weißwein für Sie besorgt – und zwar keine naumburger Schattenseite – Sie bekommen zum Thee englische Cakes und wenn Sie zum Wein etwas haben wollen, so stehen Ihnen Knackmandeln und Traubenrosinen zur Verfügung, – Sie lieben ja dergleichen, das ist so ziemlich stadtkundig.“

„Ich mißgönne Arvenberg seine süßen Genüsse keinen Moment,“ warf Reinisch dazwischen, „aber wie in aller Welt kommen Sie auf den Einfall, solche kostspielige und gewohnheitswidrige Veranstaltungen zu treffen?“

„Ueber die Kostspieligkeit können Sie sich beruhigen. Sie wissen doch, es ist meine Force, mich zu Diners und Soupers einladen zu lassen und bei einem hochfeinen Diner – das Wenn steht Ihnen zu Diensten – äußerte ich kürzlich scherzend gegen die Frau vom Hause, indem ich für Südfrüchte verbindlich dankte, daß ich bedauerte, einen meiner liebsten Freunde nicht zur Stelle zu haben, da er all diesen Herrlichkeiten volle Gerechtigkeit widerfahren lassen würde. Eine Viertelstunde später flüsterte sie mir zu, daß sie einen großen Papiersack voll der süßen Waare in meinem Paletot habe stecken lassen – für meinen Freund, fügte sie hinzu, indem sie drohend den Finger hob und andeuten zu wollen schien, daß sie zarteren Besuch argwöhnte.“

„Geschieht Ihnen schon recht, Wendt!“ viel Born ein. „Mich solls gar nicht wundern, wenn man auch in diesen Kreisen, in denen Sie bisher nur als handfester Poulardenvertilger bekannt waren, Wind davon bekommt, wie vielen jungen Mädchen Sie schon die Ansichten Goethes über die Sittlichkeit der Sinnlichkeit erläutert haben.“

„Aha, vendetta per Mentana!“ lachte der Angegriffene, aber er mußte sich sofort gegen einen neuen Angreifer wenden, denn der jüngere von den letzten Ankömmlingen sagte:

„Wendts Schwäche für das schöne Geschlecht ist mindestens ebenso stadtbekannt, als Arvenbergs Kuchen- und Konfektpassion; eben deshalb wollte ich mir erlauben, ihm den Iltis zu überreichen, den ich vor einer Stunde im Garten meiner Wirthsleute in einer Fuchsfalle gefangen und durch einen Schuß in den Kopf kunstgerecht vom Leben zum Tode gebracht habe. Das Fell gibt einen reizenden kleinen Muff; Wendt kann denselben der jetzigen Inhaberin seines Herzens verehren und kommt somit auf billigem Wege zu einem ganz respektabeln Weihnachtsgeschenk für seine Donna.“

[397] Lindner hatte wirklich seltnes Waidmannsglück gehabt; der in seiner Sünden Maienblüthe vom rächenden Verhängniß ereilte Räuber war ein stattliches Thier, und Wendt nahm ihn mit lebhaftem Danke in Empfang und streichelte liebkosend das weiche Fellchen.

„Wer ist denn eigentlich jetzt die Glückliche, die den juristischen Staub von Ihrer idealangelegten Seele blasen darf? Ist es noch immer die Kleine mit der blonden Mähne, mit der ich Sie vor drei Wochen gehen sah?“

„Ab – weggeschnappt, lieber Lindner; übrigens kann ich mich trösten, denn ich habe mich bei dem Tausch verbessert und Reinisch würde auf ein solches Modell Tag und Nacht Jagd machen.“

Der Maler, der in der Zwischenzeit die auf dem Tisch liegenden Bücher und Zeitungen gemustert hatte, erwiderte spöttisch:

„Lieber Wendt, das Modellsuchen muß ich wohl selber besorgen – Sie dürften schwerlich das erforderliche Urtheil haben. Da verließe ich mich weit eher auf Lindner, oder auf unsern Schopenhauerianer Arvenberg.“

Und zu diesem sich wendend, fügte er hinzu:

„Ihre letzte Kritik war übrigens wieder brillant; verteufelt scharf, wie immer, aber das wesentliche, den Kern herausschälend, wie sichs gehört. Ich glaube, um unsere Theaterkritik stünde es besser, wenn sie lediglich in den Händen von verständigen, unparteiischen und – unzugänglichen Laien wäre, die auf niemanden Rücksichten zu nehmen haben und vor allem zu keiner Coterie gehören. Wo nehmen Sie aber nur die Zeit her? Den Tag über im Komptoir, bis 9 und 10 im Theater und dann noch Philosophie, Nationalökonomie und Geschichte?“

Arvenberg strich sich das Schnurbärtchen aus den Lippen. „Das ist mein Geheimniß. Ich geize mit der Zeit, ich nutze jede Viertelstunde Muße aus und – ich gehe in keine Kneipe und in kein Café, außer von 1 bis 2, um die Zeitungen zu lesen. Lindner versteht auch was von dieser Kunst, die freilich für euch Künstler unerlernbar ist – der arme Kerl muß sich in der Apotheke abrackern und treibt in seiner freien Zeit noch Chemie, als bekäme er’s bezahlt. Von seinen Schmetterlingen und Käfern, von seiner Raupenzucht im Sommer und seinen nächtlichen Exkursionen in die Wälder will ich dabei ganz absehen.“ Lindner biß auf den Köder an:

„Ja, Kinder, nach meinen Schmetterlingen müßt Ihr einmal wieder sehen. Vorige Woche habe ich von einem Freund, der im Sommer in der Schweiz war, eine Menge reizender Doubletten eingetauscht, theilweise große Seltenheiten, und dann hab’ ich auch einen wundervollen rothen Farbstoff entdeckt, dessen Herstellung freilich zu theuer für die praktische Verwendung ist.“

„Ja so, wie war denn das?“ fiel ihm Arvenberg ins Wort. „Sie wollten doch hinter eine künstliche Herstellung des Indigo kommen und das Geheimniß an die meistbietende Regierung verkaufen – haben wir Aussichten?“

Lindner ließ sich durch die Neckerei nicht verstimmen. „Es geht unverdrossen weiter. Einer muß doch einmal dahinter kommen und warum soll ich der Glückliche nicht sein? Uebrigens – glückt die Geschichte, so ist uns allen mit einem Schlage geholfen, denn eine million Thaler wirft die Entdeckung ab und dann sagen wir jedem Börsenbaron ins Gesicht: „Mein Herr, mit uns verglichen, sind Sie nur eine traurige Motte.“

„Man thut also wohl gut, sich gleich einiges für den Fall des Gelingens vorzunehmen, um später nicht kopflos und rathlos all dem Mammon gegenüberzustehen. Ich schlage vor, wir verwenden einen Theil desselben auf die Erbauung eines Nationaltheaters, im Teutoburger Walde etwa, welches lediglich dazu da ist, Born’sche Tragödien zur Aufführung zu bringen – selbstverständlich gratis. Ferner erhält Born ein Jahresgehalt, wogegen er sich verpflichtet, jährlich vier neue Tragödien zu liefern, von denen keine mit weniger als zehn Ermordungen verknüpft sein darf. Uebrigens kann er auch recht gut selber mitspielen; wenn er ins Zimmer tritt, denkt man ja unwillkürlich an Banquos Geist oder an Wallenstein, der den Partisanen der Verschwörer die entblößte Brust darbietet.“

„Und den Rest,“ erwiderte Born, „verwenden wir zum Ankauf des Felseneilandes Monte Christo, das die italienische Regierung uns um ein billiges abtreten wird. Wir taufen seine vorspringendste Klippe Kap Schopenhauer und erbauen uns gemeinschaftlich ein behagliches Haus. Arvenberg schreibt Kommentare zu seinem Lieblingsphilosophen, Lindner schießt Seevögel, Wendt steht der Küche vor und Reinisch malt Schiffbrüche und dem Schaum des Meeres entsteigende Aphroditen oder melancholische Seejungfern.“

„Bis wir vor Langeweile sterben,“ ergänzte der Maler trocken; „ich wenigstens habe keine Anlage zum Mönch. Soll denn übrigens der ganze Abend mit diesem Geplänkel vergeudet werden? Ich dächte, es würde Zeit, daß wir uns einmal unserer [398] Lektüre zuwendeten. Es ist ja allerlei neues da und wir müssen wählen.“ Damit nahm er den Büchervorrath zur Hand und las vor: Spitzers „Verliebte Wagnerianer“, „Hypnotische Versuche“, „Uebersetzersünden“, Zolas „Nana“, Turgenjew „Erzählungen eines Jägers“, in Summa fünf Broschüren für und sechs gegen die Juden, und hier hat Arvenberg richtig den kompletten Grillparzer zur Verfügung gestellt. Da ist die Wahl allerdings recht schwierig“.

Auf das Resultat derselben übte Arvenberg einen entscheidenden Einfluß, indem er lachend erzählte, daß einer seiner Mitkritiker, ein großer Aesthetiker vor dem Herrn und selber Poet, nach einer Aufführung von „Des Meeres und der Liebe Wellen“ Grillparzer als ein sekundäres Talent bezeichnet habe, das man getrost der cis- und transleithanischen Begeisterung überlassen könne. Man wurde neugierig und Born und Wendt plaidirten so eifrig dafür, daß gerade dieses Stück gelesen werde, daß die übrigen schweigend zustimmten und Arvenberg, der für alles Schöngeistige ein für allemal zum Vorleser Ernannte, das Buch zur Hand nahm. Sofort trat tiefe Stille ein, die guten und schlechten Witze und die harmlosen persönlichen Häkeleien waren mit einem Schlage verstummt und alle gaben sich mit dem ganzen Enthusiasmus der idealistisch gestimmten Jugend dem Genuß der schönen Dichtung hin; selbst Reinisch, der in den Vierzigern nicht allzu viel mehr zu suchen hatte und dessen ausgemeißeltes, durchfurchtes Gesicht mit den feinen, ewig vibrirenden Fältchen unter den grauen Falkenaugen von einer unruhigen und wohl auch leidenschaftlich bewegten Vergangenheit erzählte, hörte in tiefem Sinnen zu und ließ sogar – ein seltener Fall bei dem leidenschaftlichen Raucher – die Zigarre ausgehen. Eine durch das gespannte Achten auf die Technik des Stücks noch verschärfte Aufmerksamkeit zeigte Born; ganz ins Zuhören versunken, betupfte der über Maßen Kurzsichtige das schöne weiße Tafeltuch so lange mit der glimmenden Zigarre, bis ein häßlicher Brandfleck entstanden war. Am meisten entzückt war jedoch Wendt. Sonst ein eingefleischter Materialist, dem die Behaglichkeit des Lebens und die Freuden der Tafel sehr hoch standen, hatte er Empfänglichkeit für dichterische Schönheiten, besonders aber den Ehrgeiz, ästhetisch geschult zu sein; lyrischen Zartheiten gegenüber gerieth er in eine Verzückung, die mit einem komischen Reiz ausgestattet war, denn zu der derben vierschrötigen Gestalt, den rothen Wangen und den Pausbacken des großen Essers wollte die Schwärmerei für das Elegische und Melancholische und für die subtilsten Feinheiten des Empfindens schlecht passen. Es war denn auch sein sehnlichster Wunsch, an Leibesfülle zu verlieren und viel hätte er darum gegeben, seinem Gesicht, das einem Fleischhauer seine Unehre gemacht haben würde, eine interessante Blässe ankränkeln zu können.

Die kleine Vereinigung von Gleichgesinnten oder vielleicht besser Gleichgestimmten nahm es überhaupt ernst mit ihren wöchentlichen Zusammenkünften; die an die Lektüre neuer Erscheinungen auf dem Büchermarkt sich knüpfenden lebhaften Diskussionen fanden häufig genug einen Niederschlag in einer Kritik, die Arvenberg verfaßte und die Hörner und Zähne zu haben pflegte, wenn es sich um prätentiös auftretende oder von einer Clique gelobhudelte werthlose Machwerke handelte. So ernst wurde die Sache genommen, daß das schmucke Stubenmädchen, welches den jungen Leuten einst in Arvenbergs Wohnung Thee und kalten Aufschnitt präsentirte, seiner Herrin ganz verblüfft erzählte: „Ich bin schon in vielen feinen Häusern gewesen, in denen Abends Herren zusammenkamen, aber dann wurde Bier und Wein getrunken und gespielt; die Herren drüben aber sitzen im Kreise um den Tisch und einer liest vor und dann sind sie eine Weile still und rauchen furchtbar und überlegen, was sie damit machen sollen – ich glaube aber, das ist noch feiner.“

Das Stück wurde zu Ende gelesen und es währte ein paar Augenblicke, bis Lindner das Schweigen brach und in aufrichtigem Stolze sagte:

„Arvenberg, Sie haben meisterlich gelesen und in welchem Verein bekommt man dergleichen so zu hören? Und wir sind ja nicht einmal ein richtiger Verein, wir haben auf Namen und Statuten verzichtet –“

„Ohne uns darum weniger wohl zu befinden,“ meinte Born, „als Vereine, die nach guter deutscher Sitte monatelang die schönen Abende mit unerquicklichen Statutenberathungen vergeudet, Kommissionen niedergesetzt und die scharfsinnigsten Debatten über Zweck und Aufgabe des Vereins gepflogen haben.“

„Nun, wenn wir fünf einen Vorsitzenden, einen Kassirer, einen Schriftführer und einen Bibliothekar wählen wollten, bliebe auch nur ein einziges Mitglied übrig und das wäre doch gar zu lächerlich,“ wendete Arvenberg ein.

„Als wenn Sie nicht wüßten,“ erwiderte Wendt eifrig, „daß wir nur zu wollen brauchten, um zahlreichen Zuwachs zu erhalten. Jeder von uns hat doch einige Bekannte, für die unsere langwierigen Sitzungen den Reiz des Geheimnißvollen haben und die ein ernstliches Angliederungsbedürfniß empfinden.“

„Nichts da,“ rief Lindner dazwischen; „schon der sechste Mann, wenn er nicht ganz und gar zu uns paßte, würde störend wirken, und Sie wissen am besten, welche Mühe Sie gehabt haben, aufgenommen zu werden. Das Zünglein der Wage schwankte lange hin und her und Born hatte einen Scheffelsack voll Bedenken, bis endlich Reinisch trocken sagte:

„Na, da laßt das schnurrige Huhn nur hereinfliegen; wenn es sich nicht eingewöhnen kann, wird es schon ganz von selber wieder davonschwirren.“

Die Miene des Malers hatte während dieses Geplauders eine ziemliche Dosis Mißbilligung und Ungeduld zum Ausdruck gebracht; endlich klopfte er mit dem Rücken eines Buches auf die Tischplatte und fragte mit einer gewissen Schärfe:

„Darf man nun auch fragen, wie ihr über das Stück denkt und ob es den Eindruck der Lebenswahrheit auf euch macht?“

Wendt war rasch mit der Antwort bei der Hand.

„Großartig ist es – reizend schön! Es ist mir dabei wieder so zu Muthe gewesen, wie in meinen grünen Jahren, als ich schwärmerisch in zwei Schwestern, noch dazu Superintendententöchter, verliebt war; es war eine große Eselei und lange nicht so tragisch, wie die Bürger’sche Doppelliebe, aber es war himmlisch, und heutzutage habe ich nur im Traume solche Empfindungen, wie z. B. neulich, wo ich von einem mit dem kleinen reizenden Fräulein Walther – Born kennt das wunderliebe Geschöpfchen – verstohlen getauschten Händedruck träumte. Ach, es ist doch zu traurig, wenn man so über die Ohren in der Juristerei steckt; sie tötet die Phantasie allmählich ab, und zuletzt glaubt man nicht mehr recht an die Liebe, von der die Dichter solche Wunderdinge zu erzählen wissen.“

Born meinte trocken:

„Nun ja, Sie lieben anders, das weiß man schon, ich muß aber auch bekennen, daß ich zwar jede Schönheit des Stücks empfinde und mir nichts besseres wünsche, als eine solche Hero zu finden, daß ich indessen fürchte, dergleichen kommt nicht mehr vor. Wir reflektiren zu viel über uns selber und gelangen schließlich dazu, als eine romantische Velleität anzusehen, was recht gut noch Wirklichkeit sein könnte. Früher vielleicht, als ich die „Parerga und Paralipomena“ und „die Welt als Wille und Vorstellung“ noch nicht kannte – Arvenberg, Arvenberg, Sie haben mir keinen Gefallen gethan, als Sie mich mit Schopenhauer bekannt machten!“

„Hat Ihnen durchaus nichts geschadet,“ erwiderte der so hart Angegriffene. „Nach meiner Ansicht sind Leander und Hero keine Griechen, sondern Deutsche, und für die deutsche Liebesschwärmerei geht uns Juden allerdings das volle Verständniß ab, weshalb ich auch keineswegs glaube, daß ich sehr gut gelesen habe. Ihr wißt ja, wie es bei uns zugeht – wir werden verheiratet, wobei man die Mädchen kaum fragt, und meinen Eltern laufen die „Schadchen“, unsere gewerbsmäßigen Heirathsvermittler, fast das Haus ein und schlagen ihnen geeignete Partien für mich vor. Merkwürdig, daß diese völlig illusionslos geschlossenen Ehen sich selten als unglückliche erweisen; liegt es daran, daß, wo keine Illusion vorhanden war, auch keine Enttäuschungen eintreten können, keine Ernüchterungen?“

Lindner hatte sich bisher zurückgehalten, nun meinte er:

„Vor fünf Jahren dachte ich noch, es müßte eine Hero oder eine Julia sein, jetzt weiß ich nicht mehr so recht, ob man auf eine solche Traumgestalt warten soll. Jemehr Frauen man kennen lernt und je objektiver man sich die jungen Mädchen ansieht, desto kühler weht einen der Hauch der Skepsis an, desto bedenklicher wird man in Bezug auf die „großen Leidenschaften“, desto weniger ist man geneigt, an die Aufopferungsfähigkeit zu glauben, die sie in weichen und doch starken Gemüthern erzeugen sollen. Ein gutes Mädchen, das ja noch lange nicht dumm zu sein braucht und das man ehrlich lieb hat, thut es ja wohl auch –“

„Aha, der Wirthin Töchterlein; eine oratio pro domo“, spottete Arvenberg, der Maler aber, der schweigend zugehört und sich in undurchdringliche Rauchwolken gehüllt hatte, legte die Zigarre weg und brach mit allen Zeichen der Ungeduld los:

[399] „Nun thut mir aber den einzigen Gefallen, Kinder, und hört auf! Für eure Jahre sollte die Leidenschaft, und zwar die konsequente, unvernünftige, rücksichtslose Leidenschaft, auch bei der Frau, doch noch ein Dogma sein, und da redet einer wie der andere so nüchtern, so verständig, so stockphilosophisch, als habe er ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken! Es war freilich auch eine närrische Zeitkrankheit, das blinde Schwärmen für Heine, und die guten Gymnasiasten, welche die Welt nur aus Büchern kannten und sich die sentimental–spöttische Zerrissenheit des „ungezogenen Lieblings der Grazien“ anempfanden und anaffektirten, die sich nebenher die „Emanzipation des Fleisches“ in ihrer Weise zurechtlegten, sind mir ganz und gar nicht sympathisch gewesen, selbst wenn sie auf den unglücklichen Versuch, Verse im Stile ihres Lieblingspoeten zu machen, klugerweise verzichteten. Sie spielten für den, der Welt und Menschen aus eigner Erfahrung kannte, eine hochkomische Rolle, aber lieber waren sie mir doch, als die Gymnasiasten von heute, auf deren Lippen die Weisheit des „Philosophen von Frankfurt“ zu einem süffisanten Lächeln gefroren ist und die über alle Liebesselbsttäuschungen geringschätzig die Achseln zucken. Ihr seid ja anders, sonst hätte ich greiser Jüngling zu eurer jungen Greisenhaftigkeit auch nimmermehr gepaßt, aber angekränkelt seid ihr doch auch, und es ist eine Schande, daß ich, der ich doch kein Idealist bin, euch beweisen muß, wie viele Dinge auf dieser wunderlichen Erde und zwischen zwei heißen Herzen sich abspielen, die der kalten Weisheit eures Philosophen einen energischen Nasenstüber versetzen und sich im System, soweit es die Frauen betrifft, schlechterdings nicht unterbringen lassen. Es ist freilich wahr, häufig sind die echten Leidenschaften nicht – es müssen die richtigen Menschen einander vom Zufall in den Weg geführt werden und die Verhältnisse müssen sich verschwören, auseinanderzuhalten, was mit schmerzlicher Gewalt nach Vereinigung strebt, und in der einen oder der anderen Hinsicht pflegt es meist zu hapern – sind aber alle Bedingungen vorhanden, dann gibt es ein Schauspiel, das viel von der wilden Pracht eines Gewitters hat, und wir andern, denen der tolle Tropfen im Blut fehlt, wir stehen dabei, mit stockendem Herzschlag und verhaltenem Athem, und kommen uns unsäglich albern und philisterhaft vor und es überfällt uns wie ein Schwindel, wie eine brennende Sehnsucht nach der gleichen süßen, seligen, heiligen Verrücktheit, nach einem gleich jähen, poetischen Ende. Ich hab’s durchgemacht, Kinder, während meiner Prager Zeit, mit zwei Menschen, von denen mir der eine, ein prächtiger Bursche, völlig ans thörichte Herz gewachsen war, während das Mädchen mir imponirt hat durch ihre „inferiore“ Seele und zugleich so klassisch schön war, daß es mir fast lächerlich vorkam, eine kurze Zeit gewähnt zu haben, ich mit meiner leidigen Nußknackerfigur könne ihrer je werth sein. Wenn ihr wollt, gebe ich euch den „schönen Fall“ das nächste mal zum besten – ich muß mich aber vorbereiten und Bilder und Briefe heraussuchen. Das aber bedinge ich mir aus – ich will heute über acht Tage keine Witze hören, sonst macht ihr mich wild und ich gehe euch mitten in der Erzählung auf und davon.“

Wie eifrig der Vorschlag aufgegriffen, wie willig die Bedingung angenommen wurde – muß das besonders gesagt werden?

[409] Man war inzwischen zum Thee übergegangen, Arvenberg hatte die verheißenen Süßigkeiten bekommen und der das ganze Zimmer erfüllende Tabaksqualm war von jener Intensität, die mit dem Säbel durchhauen sein will. Nach Mitternacht beschloß man denn auch, die Sitzung aufzuheben und noch nach einem benachbarten Café zu gehen, da Wendt doch mindestens eine Stunde lang lüften müsse, und möglichst geräuschlos setzte sich die kleine Karawane unter Vortritt des Wirths, der sich mit einer brennenden Kerze bewaffnet hatte, treppab in Bewegung; selbst der Maler machte seinem Ingrimm über die ausgetretenen Stufen nur flüsternd Luft und erst auf der Strasse sagte er laut:

„Das nächste mal kommt ihr aber zu mir – ich muß sagen, daß ich wenig Lust habe, diesen Thurm je wieder zu besteigen. Daß Wendt toll genug war, sich in dieser Wohnung in der Nähe der Wolken zu verlieben, wundert mich nicht – es wäre mir aber von Interesse, seine Gesinnungs- und Geschmacksgenossen kennen zu lernen.“

„Lauter Junggesellen – und zwar alte!“ erwiderte Wendt; „das Haus gehört einer alten Frau, die im ersten Stock mit ihrem Dienstmädchen wohnt und nur an Garçons vermiethet. Ich war ihr eigentlich zu jung, noch nicht gesetzt genug, doch habe ich ihr eine so ausschweifende Schilderung von der Solidität meines Charakters und der Tadellosigkeit meiner Sitten entworfen, daß sie endlich, wenn auch mit halbem Widerstreben, einwilligte; ich wohne eigentlich nur auf Probe und wenn ich ihr Wohlwollen verscherze, muß ich meine doch gewiß originelle Bude sofort wieder räumen.“

Im Café hätte man als zufälliger Beobachter die Bemerkung machen können, daß jeder von seinem Zucker ein oder zwei Stückchen stillschweigend und wie gewohnheitsmäßig Lindner zuschob, der diesen süßen Tribut ebenso stillschweigend und gewohnheitsmäßig in seine Westentaschen versenkte. Die befremdliche Manipulation erhielt aber bald ihre vollständige Aufklärung durch Wendt, der lachend sagte:

„Nun haben Ihre Zeisige, Finken u. s. w. wohl wieder für acht Tage Vorrath?“

„Gewiß,“ replizirte Lindner, „aber es wird mir immer ganz Angst, wenn Sie meine Vögel aufzählen – lassen Sie das, ich bitte; Sie können ja kaum einen Sperling von einer Lerche unterscheiden.“

„So wenig, wie Sie Hammelbraten von Truthahn,“ gab Wendt den Stich zurück und ein solcher Mangel an naturwissenschaftlichen Kenntnissen wog in seinen Augen unendlich schwerer. Es ging in der That die dunkle Sage, der Herr Apotheker und Chemiker habe sich bei einem Diner Hammelbraten für Truthahn aufreden lassen, eine Anekdote, welche Wendt für die beste und klassischste erklärte, die er in seinem ganzen Leben gehört.

Der Sturm hatte nachgelassen, aber die Straßen waren dennoch still und todt, als die kleine Gesellschaft sich vor der Thür des Café’s trennte und nach allen Richtungen der Windrose auseinanderstob, denn es ging bereits auf zwei und die Polizeistunde war vor der Thür. Es ging regelmäßig so, eine Thatsache, die ein etwas bedenkliches Licht auf die Gewohnheiten der jungen Leute wirft, indessen mußten dieselben ja schon als eine Art „Bohème“ geschildert werden, und es kann ihnen in den Augen des Lesers keinen großen Schaden mehr thun, daß sie den Schlaf vor Mitternacht keineswegs für nothwendig oder auch nur heilsam hielten. Der Maler, der allerdings gegründete Ursache hatte, sich für eine solche Philosophie zu entscheiden, wies gern und mit einem großen Aufwand von Scharfsinn und Beredtsamkeit nach, daß die Menschen in zwei Klassen zerfielen, in Tag- und Nachtmenschen; für die letzteren beginne mit der Dämmerung eigentlich erst die Lebensthätigkeit, und er gehöre in diese Kategorie und könne sich auch nur für Menschen erwärmen, die erleichtert aufathmen, wenn die Schleier der Dämmerung niedersinken auf die verstummende Welt.

*          *          *

Die nächste Versammlung fand also in der Wohnung des Malers statt, die allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu der des noch studentischen Gewohnheiten frönenden jungen Juristen stand. Ein altes, palastähnliches Haus mit breiten Fluchten hallender steinerner Treppen und jener behaglichen Raumverschwendung, welche noch die Bauten des achtzehnten Jahrhunderts charakterisirt. Das Zimmer war sehr groß und wenn man in die tiefen Fensternischen trat, hatte man einen freien Ueberblick über den Markt, dessen typenreiches, buntes Getriebe dem Maler außerordentlich sympathisch war. Das hervorragendste Möbel war ein mächtiges Himmelbett mit grünen Vorhängen und Wendt hatte schon wiederholt die Befürchtung ausgedrückt, [410] daß in dieser Riesengruft, die zur Noth den ganzen Freundenskreis aufzunehmen vermöge, die kleine, schmächtige Gestalt des Malers eines Tages spurlos verloren gehen werde. Auch die übrige Einrichtung zeigte das Bestreben, einen gewissen malerischen Pomp herzustellen, dagegen war in der ganzen Wohnung nur ein größeres Bild zu entdecken – eine Maria mit dem Kinde, die aber niemandem imponiren wollte; die Glorie der himmlischen Verklärung umfloß weder die Madonna, noch ihre fleischigen Bambinos. Reinisch war angeblich Historienmaler, wer ihn aber in seinem Künstlerheim aufsuchte, der fand ihn regelmäßig beim Entwerfen von Bildern zu „Tausend und eine Nacht“ oder zu Casanovas „Memoiren“, von denen er freilich mit Achselzucken und mit großer Geringschätzung sprach, die ihm aber doch, wie es schien, allein die Existenz sicherten; vor einer Leinwand hatte ihn noch niemand gesehen.

Man war diesmal pünktlicher und alles war gespannt auf des Malers Liebesgeschichte, er aber schien sein Versprechen gänzlich vergessen zu haben, und als er von Born, der nicht länger an sich halten konnte, da er unablässig auf der Stoffjagd war und hier halb und halb einen Stoff für ein modernes Drama witterte, eifrig an dasselbe erinnert ward, machte er ein ziemlich mißmuthiges Gesicht und sagte endlich zögernd:

„Kinder, erlaßt mir das lieber und entbindet mich meines Versprechens; ich habe es in der Uebereilung gegeben und bin eben wieder einmal unbesonnen gewesen; der schwarze Gentleman hole diese Uebereilungen, die ich alter Knabe mir doch wahrhaftig abgewöhnt haben könnte!“

Energischer Protest von allen Seiten; Born bekam vor Eifer einen ganz rothen Kopf.

Aber Reinisch ließ sich nicht beirren und plaidirte weiter:

„Ich habe da mancherlei verblichene Erinnerungen wieder aufgefrischt, was ich so ziemlich verschmerzt hatte, geht mir fast wieder so nahe wie einst, kurz, ich würde einen schlechten Erzähler abgeben – laßt die ganze Geschichte lieber begraben sein.“

Da erhob sich Arvenberg und erklärte:

„Lieber Reinisch, das ist nur eine Kriegslist, ein Manöver, das unsere berechtigte Neugierde zur Ungeduld steigern soll – wir bestehen auf unserm Schein; machen Sie also die Sache kurz und sperren Sie Sich nicht länger!“

Diese Auffassung wurde so allseitig getheilt, daß der Maler mit einem mehr geknurrten, als geflüsterten: „So sei’s denn – die Folgen auf euer Haupt!“ seinen aussichtslosen Widerstand aufgab und nach einigem Kramen in einer Kommode, in der eine wahrhaft geniale Unordnung herrschte, eine Mappe zum Vorschein brachte, aus der er eine Reihe von Skizzenblättern nahm. Dieselben wie ein Spiel Karten nachdenklich und eigenthümlich bewegt in der Hand ordnend, sagte er:

„Da habt ihr ihn also, meinen jungen Charakterkopf, den apartesten, der je auf einem geschmeidigen und doch trotzigen Nacken saß. Seht ihn euch nur ordentlich an – ihr werdet dann begreifen, daß ihr alle miteinander, so respektable Eigenschaften ihr auch besitzt, mir diesen einen Menschen nicht ersetzen könnt.“

Man sah die Bilder, die sämmtlich denselben jugendlichen Kopf, dasselbe regelmäßige, edle, wenn auch nicht auffallend hübsche Gesicht wiedergaben, durch und der Jurist meinte schließlich kühl:

„Ohne Zweifel ein hübscher Junge, aber – ein Schauspieler, wie ich glaube, denn ein anderer Mensch bringt es doch nicht fertig, seine Gesichtsmuskeln zu jedem beliebigen Ausdruck zu zwingen und jetzt von Glück und Uebermuth zu strahlen und dann wieder tief melancholisch dreinzuschauen, als gebe es für ihn keine Freude mehr auf Erden.“

Das war freilich eine harte Anschuldigung und die Trockenheit, mit der sie hingeworfen ward, reizte den Maler noch mehr und er erwiderte mit einem Anflug von Bitterkeit und Schärfe:

„Ich hätte mir’s ja denken können, und das war auch ein Grund, weshalb ich meine Bilder und Briefe und meine ganze Geschichte für mich behalten wollte. Die Sache ist nur die, daß Curt von Blenkheim das gerade Gegentheil eines Schauspielers war, daß er nicht die mindeste Herrschaft über seine Züge besaß und daß sein Gesicht der Spiegel war, aus dem man jeden Affekt seiner Seele deutlich ablesen konnte. Und da er eine reizbare, empfindliche, stolze und ungeduldige Seele besaß, da ein Nichts, ein hingeworfenes Wort, eine auftauchende Erinnerung, ein in ihm aufsteigender Gedanke hinreichten, seine Stimmung aus der heitersten und friedlichsten in die düsterste und gespannteste zu verwandeln, so könntet ihr euch, wenn ihr Maler wäret, wohl vorstellen, wie, ihm selber unbewußt, der Ausdruck seines Gesichts im Lauf einer Stunde die überraschendsten, jähsten und vollständigsten Wandlungen durchmachte, ihr begreift aber auch, daß dieses ausdrucksvolle Gesicht, dieser klare Spiegel eines ewig bewegten, von den süßesten und bittersten Empfindungen beherrschten Innern, für mich ein köstlicher Fund und mein geheimes Entzücken war. Es war vielleicht eine Sünde, aber ich hoffe, die Kunst wird mir Absolution für dieselbe auswirken – ich habe so manches mal dem Gelüst nicht widerstehen können, diese gehorsamen Gesichtsmuskeln förmlich exerziren zu lassen. Während einer Rast nach langer Wanderung das von reiner Freude an der Natur, für die er den angeborenen Künstlerblick hatte (wie ihm denn gar vieles angeflogen war, was wir andern erst mühsam lernen müssen), förmlich verklärte Gesicht durch eine von den Bemerkungen, aus denen er auf meine sittliche Abgestumpftheit, wo nicht Verwilderung schloß, – und ich nahm ihm nie etwas übel, auch solche Offenherzigkeiten nicht – zu einem ganz andern zu machen, dieser Versuchung konnte ich selten widerstehen. Es war dann immer, als lege sich ein Schatten über das liebe, offene Gesicht, die feinen Nasenflügel blähten sich, die langen Lider sanken über die großen, dunkeln Augen, die inneren Brauenhärchen sträubten sich unmuthig und die Lippen des feingeschnittenen Mundes, der mich immer an den eines Kindes erinnerte und den Gedanken, er könne je einen Kuß von unreinen Lippen dulden oder gar erwidern, zu einem seltsam unbehaglichen, ja peinlichen machte, schlossen sich herb und fest aufeinander. Selbst die Stimme unterlag dann einer Wandlung ganz eigner Art. Wenn er über Dinge, die ihn interessirten und ihm sympathisch waren, sorglos mit mir plauderte, hatte sie einen ganz eigenthümlichen Wohllaut, der ihm alle Kinder zu Freunden machte – reizte ihn irgend etwas zum Widerspruch, so nahm sie kurze, scharfe, ich möchte sagen: stählerne, Accente an oder sie wurde eigenthümlich tonlos und fast dumpf. Natürlich schreibt ihr das wieder auf Rechnung meiner an Manie grenzenden Vorliebe für meinen Helden, ich kann euch aber zuschwören, daß ich diese Stimme aus hunderten herausgehört hätte und daß ich ihm alles Ernstes den Rath gab, sich bei etwaigen geheimnißvollen Liebesintrigen weder auf die nächtliche Dunkelheit noch auf die sorgfältigste Verkleidung zu verlassen, sondern vor allem seine Stimme zum Flüsterlaut zu dämpfen; wer dieselbe einmal gehört, erkenne ihn sofort wieder, selbst auf eine ganz anständige Entfernung; diese Stimme war nämlich so, daß er beim Vorlesen den Ton nicht im geringsten zu heben brauchte, um mit jeder Silbe im entferntesten Winkel eines schon recht geräumigen Saals verstanden zu werden. Und wollt ihr mir nicht glauben, so berufe ich mich auf das Zeugniß einer böhmischen Gräfin, einer gefeierten Schönheit, die Männer jeden Schlags zu ihren kleinen Füßen gesehen hatte und schon als sachverständig gelten durfte. Als einmal in ihrem Beisein von der eigenthümlichen Kälte des jungen Hannoveraners die Rede war, kräuselte ein so vielsagendes und so unsäglich spöttisches Lächeln die rothen, vollen Lippen, sie zuckte mit so ausdrucksvollem Schweigen die weißen vollen Schulter, daß ich sie mit einem Lächeln des Einverständnisses ansah, und dann flüsterte sie mir hinter ihrem spitzen- und federbesetzten Fächer zu: „Möchte man nicht denken, sie seien sammt und sonders taub? Wer ihn nur einmal freundlich hat reden hören – nicht blos höflich – der sollte doch wissen, daß er hinreißend lieb sein muß, wenn er sich aufs Schmeicheln und Bitten legt, und wenn er das noch nicht versteht, so wird er’s eines Tages lernen, und ich habe fast Lust, die zu beneiden, die in der Stille ihres Boudoirs solche Laute von ihm vernimmt. Ich bin ja völlig objektiv, das aber weiß ich, daß er im Grunde seines Herzens ein Schwärmer ist, der, wenn er liebt, an die Ewigkeit und Unveränderlichkeit seiner Liebe glaubt, kurz, einer von den wunderlichen, gefährlichen Menschen, denen zu Liebe eine Frau die ärgsten und nicht wieder gut zu machenden Thorheiten begeht, die verhängnißvollsten Unbesonnenheiten, die sie bei einem Backfisch belächeln würde.“ – Ich erwiderte ihr lächelnd, ob sie, die Siegverwöhnte, nicht den Versuch machen wolle, jene erste zu sein, die ihm das Bitten lehre, sie aber sah mich überlegen, fast spöttisch an, als wollte sie fragen, ob sie die Frau sei, sich einen solchen Rath erst geben zu lassen, und sagte dann, ihren geheimen Gedanken laut weiterspinnend: „Mein Herr, Sie träumen – Männer, wie dieser junge Hannoveraner, verlieben sich nicht in eine Frau von Welt und das ist ihnen nicht einmal zu verdenken – sie erhalten zu wenig für das, was sie zu bieten haben.“ Uebrigens war es auch diese weiche, biegsame, einschmeichelnde Stimme, die ich freilich noch lieber hatte, wenn sie in verhaltener [411] Erregung leise, kaum merklich vibrirte, die mich zuerst auf dieses im besten Sinne vornehme Menschenkind aufmerksam machte. Ich schlenderte einmal spät nach Mitternacht um die Promenade; es war ganz dunkel und die Linden dufteten förmlich berauschend, da hörte ich nicht weit vor mir zwei Herren sich ziemlich laut und angelegentlich unterhalten und die eine Stimme und ihre frische Herzlichkeit fesselte sofort meine Aufmerksamkeit. Ich mußte unwillkürlich denken: „Dir möchte man stundenlang zuhören, rein der Freude am Wohlklang deiner Stimme wegen.“ Es ärgerte mich fast, als ich bemerkte, daß der, dem diese Stimme gehörte, Uniform trug – welche, konnte ich nicht sagen, da es von jeher zu meinen Wunderlichkeiten gehörte, nicht den geringsten Blick und nicht das geringste Gedächtniß für Uniformunterschiede und Rangabzeichen zu haben, ich bin eben dem zweierlei Tuch nie sonderlich grün gewesen und das Kriegshandwerk war mir immer ausbündig verhaßt. Nun, es blieb bei dem flüchtigen Eindruck, – die Herren bogen in eine Straße ein und ich vergaß die Stimme wieder, d. h. ich dachte nicht wieder an ihren Besitzer, denn als ich Monate nachher eine Gemäldeausstellung aus dem Privatbesitz der böhmischen Großen besuchte – es war eine Galerie czechischer Schönheiten darunter, die euch nicht wieder losgelassen hätte – fuhr ich fast herum, als ich plötzlich hinter mir dieselbe Stimme vernahm. Sie gehörte also wirklich einem Offizier, der einem Kameraden einzelne Bilder erläuterte und ihre Schönheiten und Mängel nachwies, und er entwickelte dabei, ohne sich gerade auf die Anwendung unserer technischen Ausdrücke zu versteifen, so viel feines Gefühl und ein so zutreffendes und richtiges Urtheil, daß ich ehrlich neugierig wurde, diesen absonderlichen Kriegsknecht kennen zu lernen. Der Zufall that mir den Gefallen, diesem Wunsche entgegenzukommen; ich konnte, als zwischen beiden Herren eine Meinungsverschiedenheit über die Nationalität eines Malers entstand, positive Auskunft ertheilen, ein Wort gab das andere und bald waren wir im lebhaftesten Geplauder, das später in einem benachbarten Café fortgesetzt ward und zum Kartentausch führte; „Oberleutnant im k. k. Geniekorps“ las ich, und das war mir merkwürdig lieb – diese gelehrte Waffe, die es nicht mit Säbel, sondern mit Zirkel und Reißschiene zu thun hat, vertrug sich ja am ehesten mit meiner keimenden Sympathie für den jungen Offizier.

Wir hatten uns getrennt, ohne einer erneuten Begegnung irgendwie Erwähnung zu thun – ich hatte aus einer Art von ehrgeizigem Trotz nichts sagen mögen und die Annäherung lustiger Weise von dem viel jüngeren Manne erwartet; hinterher sah ich mein Unrecht ein, aber es verdroß mich doch, daß ich mich immer wieder dabei ertappte, unwillkürlich den Weg nach dem Café einzuschlagen, das ich sonst nie besucht und das eine merkwürdige Anziehungskraft für mich gewonnen hatte, seit ich, wie ich mir ja gestehen mußte, im stillen hoffte, meinen Offizier hier wieder zu finden, wie oft auch diese stille Hoffnung enttäuscht ward. Welche Malicen ich mir selber sagte, so oft ich mir diesen geheimen Beweggrund eingestanden hatte und welche massiven Invektiven ich dem weitgewanderten alten Kerl an den Kopf warf, der auf dem besten Wege schien, sich in ein liebesieches Pensionatsbackfischchen zu verwandeln, mögt ihr euch selber ausmalen. Ich schwelge zuweilen förmlich in spöttischen Anzüglichkeiten gegen mich selber und doch widerstand ich nur schwer der Versuchung, den jungen Mann unter einem beliebigen Vorwand in seiner ja leicht zu ermittelnden Wohnung aufzusuchen, und ich konnte eine Regung lebhafter Freude nicht unterdrücken, als ich seiner eines Tags ganz unerwartet auf der Promenade ansichtig ward. Er trabte, ohne der Vorübergehenden zu achten, rasch vorüber, auf einem prächtigen Rapphengst, dessen Schweif fast den Boden fegte, und ich hatte meine Freude an dem schlanken Ebenmaß der jugendlichen Gestalt, die nichts Robustes hatte und doch wie ein Zentaur zu Pferde saß, und an der leichten Röthe, welche das halb sanfte, halb kühne Gesicht färbte. Dieses Gesicht war eigentlich auffallend blaß, aber es war das eine energische Blässe, die durchaus nicht den Eindruck der Krankhaftigkeit machte und die wohl auch viel weniger in die Augen gesprungen wäre, wäre sie nicht durch das fast schwarze leicht gelockte Haar, die großen dunkelbraunen Augen unter den schwarzen Brauen und den dichten, seidenweichen, kohlschwarzen Schnurbart, der keck, fast ein wenig kokett auf der Oberlippe saß, in effektvoller Weise hervorgehoben worden.

[421] Zwei Tage später komme ich von meinem gewöhnlichen Abendspaziergang heim und ich bin fast verblüfft, als mir meine Wirthin eilfertig und eifrig mittheilt, ich hätte Besuch; der Herr Oberleutnant sei gewiß schon eine halbe Stunde da, habe aber nicht wieder weggehen, sondern meine Rückkehr abwarten wollen, obgleich sie ihm gesagt habe, daß es bei mir auf eine halbe Stunde ab und zu keineswegs ankäme und daß ich nicht sehr pünktlich sei.

In meinem Zimmer herrschte, als ich eintrat, schon vollständiges Zwielicht und eine durch die Dunkelheit glimmende Cigarre war zunächst das einzige, was sich erkennen ließ. Ueberrascht und erfreut – ich kannte ja nur einen Oberleutnant – beeilte ich mich, Licht zu machen und in die Konfusion hinein, die ich dabei unvermeidlicherweise anrichtete, klang es herzlich und übermüthig:

„Da der Berg nicht zum Propheten kommen will – aber es hat wahrlich Mühe genug gekostet. Sie haben sich ja als Genie nicht einmal bei einer wohllöblichen k. k. Polizei angemeldet, und es ist reiner Zufall, daß ich endlich glücklich ermittelt habe, wo Sie hausen. Nun sagen Sie mir aber, daß Ihnen mein Besuch eine kleine Freude macht, daß Sie für heute Abend nichts besseres vor haben und daß Sie dazu aufgelegt sind, mit einem Laien über Bilder und Statuen zu plaudern.“

Es war mir inzwischen doch geglückt, Licht zu bekommen, und ich drückte die Hand, die sich mir entgegenstreckte, mit all dem Ungestüm und all dem Nachdruck, deren ein freudig Ueberraschter nur fähig ist. Da hatte ich ihn also auf einmal und er war aus freien Stücken zu mir gekommen und ich konnte ihn, während er sorglos weiter plauderte, nach Herzenslust studiren. Ich wußte thatsächlich nicht, was ich anfangen, wie ich meiner Freude Ausdruck geben sollte, und hätte ich Elfer im Keller gehabt, er hätte hervor ans Kerzenlicht gemußt, zur Feier dieses Glückstags. Aber mein junger Kriegsmann, den bei seiner „erworbenen“ Gelassenheit und Besonnenheit meine Unruhe und Aufregung fast etwas komisch anzumuthen schien, lehnte alles ab und acceptirte nur ein Glas Bier, und so haben wir denn bis in den Morgen hinein Pilsner getrunken, wie die Stadtsoldaten gequalmt und das Blaue vom Himmel heruntergeredet. Erst als er sich lächelnd und mit vertraulichem Händedruck verabschiedet hatte, als ich ihm von Fenster aus nachsah und mit einem fast melancholischen Gefühl der Vereinsamung seinen Säbel das Trottoir entlang klappern hörte, kam mir zum Bewußtsein, daß er nach der ersten Stunde immer schweigsamer und schweigsamer geworden war, das Gespräch nur durch knappe Bemerkungen lässige Einwürfe und Fragen im Gang erhalten und im übrigen meisterlich die ebenso liebenswürdige, als seltene Kunst geübt hatte – zuzuhören. Ueber seine Verhältnisse und Schicksale, seine Studien und Neigungen wußte ich so gut wie nichts und ich hatte doch, in einem wahren Fieber von Mittheilsamkeit, so ziemlich alle meine Wanderungen und Wandlungen wenigstens berührt und fast zu viel von meinen Sympathien und Antipathien laut werden lassen. Das verdroß mich hinterher nicht wenig; das gute, offene Lächeln, mit dem er zugehört und mich immer weitergelockt hatte, war mir ja gleich auch fein und humoristisch vorgekommen – jetzt aber fragte ich mich, ob es nicht vielleicht eine leichte Färbung von ironischer Ueberlegenheit gehabt habe, und ob er sich nicht am Ende, vor dem Einschlafen monologisirend, ein wenig über den enthusiastischen Künstler mokire, der gleich alle seine Hühner und Gänse vor ihm defiliren ließ.

So schloß der Abend doch mit einem leichten Mißton; der junge Soldat, der halb ein harmloses Kind, halb ein in sich gefestigter, selbstbewußter Mann zu sein schien, den man weder überrumpeln noch überlisten konnte, war mir denn doch in vieler Beziehung ein Räthsel, und wenn ich auch zuversichtlich hoffte, dieses Räthsel früher oder später zu lösen, so dachte ich doch beim Einschlafen unwillkürlich: „Armes Frauenherz, das du dich an diesen „gefährlichen“ Menschen verlierst! Er hat für dich den verhängnißvollen Reiz des Geheimnisses und der Versuch der Lösung kann dich ein Lebensglück kosten!“ Aber dann sagte ich mir wieder, daß er eine viel zu stolze, vornehme und ehrliche Natur sei, um den Frauen nachzustellen und ihnen aus Laune, Langerweile und Eitelkeit Fallen zu legen – ich mußte über den eignen Gedanken lächeln und schämte mich desselben auch ein wenig, und als ich mir am nächsten Morgen den Schlaf aus den Augen rieb, besann ich mich zwar dunkel darauf, mit vieler Lebhaftigkeit von meinem jungen Freunde geträumt zu haben, aber ich hatte nur noch das eine Gefühl, einen der seltenen Menschen kennen gelernt zu haben, die man von der ersten Stunde an lieb haben und denen man ein unverständiges, kaum zu rechtfertigendes Vertrauen entgegenbringen muß, und der Gedanke, daß ich ihn am Abend in seiner Wohnung aufsuchen sollte, vergoldete den trüben, regnerischen Morgen; ich glaube, ich bin nicht [422] viel vergnügter und stillseliger an dem Morgen gewesen, an dem ich auf himmelblauem, mit Engelsköpfchen verzierten Papier die Einladung zu meinem ersten Rendezvous erhalten hatte – und das war doch schon sehr lange her und ich war seitdem um manchen Grad kühler geworden. Als ich (eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit, wie ich bekennen muß) bei ihm klingelte, öffnete mir ein Diener, der noch nicht einmal den Mund geöffnet hatte, als ich bereits wußte, daß er keiner von all den Nationalitäten und Nationalitätchen des polyglotten Kaiserreichs angehörte; seine nordalbingische Stammesangehörigkeit war ihm in Fraktur ins ehrliche Gesicht geschrieben, und er sprach denn auch das reinste und knorrigste Platt, das man sich nur wünschen konnte. Während der Occupation Holsteins durch die Oesterreicher hatte er, wie ich später erfuhr, den kaiserlichen Rock angezogen, wie so mancher von seinen Landsleuten, und nun war er bereits so mit seinem Herrn verwachsen, der blauäugige, flachsköpfige, phlegmatische Holsteiner, daß er sich um keinen Preis wieder von ihm getrennt hätte.

Es war nicht eigentlich eine hochelegante Wohnung, in die ich geführt ward, aber sie war äußerst geschmackvoll und behaglich eingerichtet und legte den Schluß nahe, daß der Inhaber gern und viel zu Hause sei und – die Mittel besitze, seinem Schönheitssinn vollauf Genüge zu thun, ohne ängstlich rechnen zu müssen. Es ging kein weichlicher Zug durch diese Einrichtung, durch nichts stand sie in Widerspruch mit dem Soldatenthum des Bewohners und doch mußte ich mir sagen, daß es wohl keiner von seinen Kameraden verstehen würde, sich gerade so einzurichten. Als ich ihm nach prüfender Umschau in den Haupträumen, während deren er meinen Blick mit einer gewissen Spannung verfolgte, ein Kompliment über sein reizendes Junggesellenheim machte, sagte er: „Nun ja, wenn ich’s hübsch und behaglich haben kann, ist mir’s schon recht – Bedürfniß ist mir’s freilich nicht und ich schlafe ganz ebenso fest und süß zwischen leinenen Zeltwänden oder unter freiem Himmel, den Mantel als Decke.“ Er hätte hinzufügen können, daß er Anspruch darauf habe, „fine lame“ genannt zu werden, daß er über sehr subtile Küchenfragen mitreden könne und daß ihm dennoch bei einem Stück Kommisbrod und Speck ganz ebenso wohl sei, sodaß er, ohne im geringsten dadurch genirt zu werden, zu dem frugalsten Soldatenregime übergehen könne; ich sollte es bald weghaben, daß er allen Komfort des Lebens nur als einen Schmuck ansah, als einen reizenden, aber immerhin recht entbehrlichen Schmuck.

An diesem Abend bekam ich denn auch einiges über seine persönlichen Verhältnisse zu hören, aber nur so beiläufig, als könne mich dergleichen keine Minute interessiren. Er war also ein geborener Hannoveraner, was man ihm durchaus nicht anhören konnte; sein Hochdeutsch war frei von jedem Dialektanklang. Einer armen adeligen Familie entstammend, hatte er in früher Jugend den Vater verloren und war dadurch mit Mutter und Geschwistern von der Güte eines reichen unverheirateten Onkels abhängig geworden, der es in der österreichischen Armee bis zum General gebracht hatte und auch jetzt noch, obwohl er längst in den wohlverdienten Ruhestand versetzt war und sich nach dem Eldorado aller österreichischen Pensionäre, nach Graz zurückgezogen hatte, mit Leib und Seele Soldat war. Seinem Wunsche gemäß war Curt ebenfalls in die österreichische Armee eingetreten, ohne Vorliebe, aber auch ohne lebhafte Abneigung; nur das hatte er sich ausbedungen, zur Artillerie oder zum Genie gehen zu können, und der alte Herr, der freilich lieber einen „schneidigen“ Husaren oder Ulanen aus ihm gemacht hätte, hatte sich am Ende gefügt, wenn schon nicht ohne einiges Brummen über die überflüssige Gelehrsamkeit, die vor dem Feinde auch nicht viel helfe. Mir selber ist alles „höhere“ Rechnen zeitlebens ein böhmisches Dorf gewesen und das Wurzelziehen und der Gebrauch der vega’schen Tabellen hat meinem Künstlerkopf nie eingetrichtert werden können, ich konnte es mithin schwer fassen, daß ein Mensch, in dessen Augen man alles lesen konnte, nur nicht eine Vorliebe für algebraische Gleichungen und für Stereometrie, mit diesen mir in so hohem Grade imponirenden Wissenschaften fertig geworden war und sprach meine Bewunderung über diese Neigung für die Mathematik aus. Er lachte und meinte:

„Vorliebe? Wo denken Sie hin? Bis zum Verlassen der Realschule war mir noch alles, was nur im entferntesten an die Mathematik erinnerte, ein Greuel, so sehr überwucherte bei mir die Phantasie; ich hatte einen tiefen Widerwillen gegen alles Abstrakte, und in den Sprachen war ich allen Kameraden überlegen, eine Regel aber behielt ich nie, so wenig wie in der Geschichte eine Jahreszahl. Als ich aber Soldat werden sollte und mir sagte, daß ich zum Rekrutendrillen doch ein für allemal verdorben sei, also eine der gelehrten Waffen wählen müßte, warf ich mich eben auf die so schnöde vernachlässigte Mathematik und Sie werden doch gewiß nicht behaupten wollen, daß ein Mensch, der gerade kein Idiot ist und ernstlich will, ihrer Schwierigkeiten nicht Herr zu werden vermöchte. Ebenso gut und ebenso leicht hätte der Herr Onkel General aber auch den Kassirer und Buchhalter eines großen Bankgeschäfts oder einen Gymnasiallehrer oder einen Professor der modernen Sprachen aus mir machen können und wahrscheinlich wäre das letztere sogar leichter gewesen, da hier meine Neigung ins Spiel kam.“

Im Verlauf des Gesprächs erfuhr ich dann, daß mein junger Freund „zur Erholung“, aber mit vollstem wissenschaftlichen Ernst, Literatur trieb, daß er jedes Jahr eine neue Sprache erlernte, das Jahr vorher des Italienischen Herr geworden war, jetzt Spanisch trieb und sich auch für Architektur lebhaft interessirte. Sollte über diesen „Allotria“ der Dienst und die Kriegsgeschichte nicht Noth leiden, so war herzlich wenig Zeit für gesellige Freuden übrig und ich räumte ihm willig ein, daß er die Stunden zu Rathe ziehen und sich auf den Umgang mit einigen gleich strebsamen Kameraden von der Artillerie und vom Genie beschränken müsse, zu denen ich nun als willkommene Ergänzung käme. Jede Einladung von Seiten der Familien, bei denen er eingeführt sei, empfinde er als eine Störung seines fleißigen Stilllebens, und in der That fand ich ihn später, wenn er zu einem Souper oder zu einem Ball gehen mußte, regelmäßig in einer sehr komisch wirkenden, aber sehr ernst gemeinten Verzweiflung. Seine Laune war dann jedesmal die denkbar schlechteste, d. h. selbst der treue Jehan bekam zuweilen ein ungeduldiges Wort zu hören, ohne sich darüber wundern zu dürfen, denn seinen Herrn ärgerte in solchen Stunden die Fliege an der Wand. Wenn ich ihm lächelnd vorhielt, daß er doch viel zu jung sei, um den menschenscheuen Anachoreten zu spielen und daß die jungen Damen und vielleicht auch die in gewissen ungewissen Jahren sicherlich ihr bestes thäten, ihn zu fesseln, warf er wohl unwirsch die Mütze auf den Tisch und sagte nicht ohne sarkastische Schärfe: „Freilich, sie lächeln mir in allen Süßigkeitsgraden zu, aber das ist eben das Unausstehliche. Man hält mich für einen épouseur, weil man sehr genau weiß, daß ich protegirt werde und also auch meine Karrière mache, daß ich einen alten sehr reichen Onkel zu beerben habe und daß er mir, wenn ich ihm heute meine Verlobung meldete, schon jetzt nachdrücklich unter die Arme greifen würde. Mir ist also jedes Entgegenkommen verdächtig, ja selbst die Kälte, weil sie affektirt sein kann und von der Schlauheit als Lockmittel verwendet wird, wenn die Süßigkeit nicht anschlagen will. Und dann – was soll ich mit den Dämchen anfangen? Entweder bringen sie mich zum Gähnen durch ihre imitirte Naivetät, die man halb und halb verpflichtet ist, hinreißend zu finden, oder sie halten es für angezeigt, mir gegenüber, der ich nun einmal im Rufe stupender Gelehrsamkeit stehe, ihr unverdautes Pensionswissen auszukramen und über die schwierigsten Materien mit der Tollkühnheit der Halb– und Viertelswisserei apodiktische Urtheile abzugeben, von deren Lächerlichkeit sie auch nicht die blasseste Ahnung haben. Und mir ist meine Zeit zu kostbar zu solchem Geschwätz, seit dasselbe aufgehört hat, den zweifelhaften Reiz der Neuheit für mich zu haben; früher ging ich wohl zuweilen in Gesellschaft, um Studien zu machen, aber an die Stelle des Interesses ist längst die ödeste Langeweile getreten und ich habe mich schon still aus einem Ballsaal verloren, um mir meinen „Trelawney“ noch satteln zu lassen und stundenlang durch die Nacht zu jagen und staub– und schmutzbedeckt mit einem stummen, ironischen Gruß unter dem Saal vorbeizutraben, wenn droben nach dem letzten Galopp die zierlichen meißner Moccaschälchen die Runde machten. Es ist auch schon vorgekommen, daß ich eine verhaßte Einladung zwar annahm, mich aber in letzter Stunde noch unter einem Vorwand entschuldigen ließ und dann, um nicht so leicht gesehen zu werden, in Sturm und Wetter einen nächtlichen Gewaltmarsch vornahm; kam ich dann im Morgengrauen heim und fand beim Ausziehen der Stiefel, daß mir der Strumpf an dem wunden, blutenden Fuß festklebte, so konnte ich recht vergnügt und schadenfroh vor mich hinlachen – hatte ich sie doch wieder einmal um das Vergnügen geprellt, mich eine Rolle in ihrer faden Komödie spielen zu sehen und mir ein Vergnügen gemacht, indem ich allen Uebermuth und Ueberschwang der Jugend in meiner Weise austobte.“

[423] Er hätte hinzufügen können: „alle gärende Leidenschaft meines Naturells“, aber so wenig er seine Züge in der Gewalt hatte, so schwer passirte es ihm, ein Wort mehr zu sagen, als er wollte, und über seine Eigenart und den tiefsten Kern seines Wesens breitete er geflissentlich einen dichten, trügerischen Schleier, selbst seinen besten Freunden, oder sagen wir lieber „nächsten Bekannten“, gegenüber. Für mich, der ich ja nach und nach hinter das Geheimniß seines Innern kam, hatte es einen eigenthümlichen Reiz, das kaum merkliche, feine Lächeln zu beobachten, mit dem er gelegentliche Vorwürfe seiner Kameraden über seine „Temperamentlosigkeit“, über seine „Kälte“, über seine „unnatürliche, philosophische Ruhe“ hinnahm, ohne sie abzuwehren. Oft lag soviel Ironie, soviel Ueberlegenheit, soviel geheimes Behagen in dem Blick, der dabei auf den Sprechenden sich heftete, daß die Betreffenden zuweilen mitten in ihrem unmuthigen Eifer innehielten, ganz verdutzt durch den räthselhaft-listigen Ausdruck seines Gesichts, aber dieses Lächeln hatte zugleich etwas so Grundgutmüthiges und Wohlwollendes, daß der also Verblüffte, wenn Curt freundlich sagte: „Ach, laßt mir doch meine Art, – wie ich eigentlich bin, das wißt ihr ja doch nicht und dahinter werdet ihr auch nicht kommen!“ den Gegenstand kopfschüttelnd, aber lachend fallen ließ.

Da ich zu jener Zeit in der guten Gesellschaft der alten Moldaustadt ziemlich en vogue war und vielfach eingeladen wurde, hatte ich von dem Moment an, in welchem meine Intimität mit dem interessanten jungen Offizier ruchbar ward und man uns öfters Arm in Arm flaniren sah, häufig neugierige Fragen nach dem „kalten Norddeutschen“ zu beantworten. Die Männer, namentlich die in gereifterem Alter, deren Unterhaltung er gern suchte, nannten ihn einen soliden, strebsamen jungen Mann, der bei einigem Glück seinen Weg machen werde, und hatten sämmtlich eine ausgesprochene Vorliebe für ihn, der wohl, ihnen unbewußt, hauptsächlich die Thatsache zugrunde lag, daß er sich, wie ich euch schon vorhin sagte, meisterlich auf die unscheinbarste aller geselligen Künste verstand, auf die Kunst, zuzuhören und durch scharfsinnige Fragen den Grad seiner Antheilnahme an den Tag zu legen. Die gewöhnlichen jungen Mädchen nannten ihn stolz, eitel, dünkelhaft, über alle Begriffe verwöhnt, die gescheiteren fürchteten sein gutmüthig-ironisches Lächeln und seinen forschenden Blick wie Feuer und witterten hinter jedem Wort eine kleine Bosheit. Die Frauen nannten ihn theils blasirt, phlegmatisch oder kalt, theils einen von Ehrgeiz verzehrten Sonderling; hin und wieder begegnete man wohl einer feineren Vermuthung, z. B. der, daß hier wahrscheinlich eine geheimnißvolle Liaison mit einer sehr vornehmen Dame im Spiele sei, die ihn ausschließlich beschäftige, wenn nicht vielleicht die Dame es aus Eifersucht zur Bedingung gemacht habe, daß er sich jeder andern zarten Intrigue enthalte, und ihn in Gesellschaft überwachen lasse, sodaß ihm die Flügel gestutzt seien.

[433] Meine Vorliebe für meinen jungen Freund, die mit jedem Tage, mit jeder Stunde des Beisammenseins wuchs, war viel zu groß, als daß es mir nicht ein Vergnügen hätte machen sollen, alle Welt im Dunkeln tappen zu sehen, und ich begnügte mich mit halben Andeutungen, die das Räthsel nur immer komplizirter machten. Denen, die ihn für einen Phlegmatiker hielten, hätte ich freilich sagen mögen: „So gebt doch nur acht auf seinen fast unmilitärisch raschen, leichten, elastischen Gang und darauf, wie selten jemand mit ihm Schritt halten kann!“ Und denen, die ihn herzenskalt oder blasirt nennen wollten: „Seht ihn nur einmal mit dem Söhnchen seiner Wirthsleute spielen und hört zu, wenn er dem kleinen, wißbegierigen Wildfang geduldig seine Fragen beantwortet!“ Aber dann dachte ich immer wieder: „Wozu auch – ihr habt ja selber Augen und Ohren!“ Nur ein einziges mal hörte ich ein fast ganz zutreffendes Urtheil, und zwar aus dem Munde eines falkenäugigen, eisgrauen Artillerieobersten, dessen Schweigsamkeit berühmt war. Als verschiedene Väter von der kostspieligen Leichtlebigkeit und den noblen Passionen ihrer Söhne sprachen und jemand mit einem leichten Seufzer des exemplarischen Wandels des „rasselosen“ Oberleutnants v. Blenkheim gedachte, meinte der Alte:

„Ach was, alles, was Ihnen an Ihren jungen Herren nicht paßt, steckt auch in dem, vielleicht in stärkerem Grade. Glauben Sie nur ja nicht, daß der keine Rasse hat. Aber er hat sich selber in der Gewalt, wie ein edles, feuriges Pferd, das dem leichtesten Schenkeldruck, dem leisesten Anziehen des Zügels gehorcht und das ein Laut aus der zierlichsten, gemessensten Gangart in gestrecktem Galopp versetzt. Laßt ihn einmal dahin kommen, daß er sich selber die Zügel schießen läßt, und ihr sollt etwas erleben!“

Ich bekam allen Respekt vor dem Scharfblick des alten Herrn, aber ganz erschöpfend war seine Charakteristik doch nicht. Soll ich euch ein Resumé aller meiner Beobachtungen geben, so läuft es darauf hinaus, daß dieser junge Mann eine tief-leidenschaftliche, eine stock-exzentrische Natur war. Aber neben dem tiefen, weichen, reizbaren Gefühl, das in seiner Stimme vibrirte, wenn er etwas Rührendes las (er that das deshalb auch nur ungern, und die schöne Scham, mit der er sich verstohlen die feucht gewordenen Augen trocknete oder die überwältigende Erregung hinter einem Scherz zu verstecken suchte, hatte fast etwas Weibliches), besaß er einen kritischen Verstand, eine ungewöhnliche Beobachtungsgabe und infolge dessen, unterstützt von einem merkwürdigen Feingefühl, eine tüchtige Dosis Menschenkenntniß, die ihn vor vielen Jugendthorheiten behütete. Der ganze Mensch war überhaupt ein großes Kompromiß – im besten Sinne. Die widerstreitenden Kräfte seiner Seele waren so sorgfältig gegeneinander abgewogen und ins Gleichgewicht gebracht, er hatte beschnitten, was zu wild und üppig wuchern wollte, er hatte nach Kräften begünstigt, was in der Entwicklung zurückgeblieben war, er kannte sich so gut und war so aufmerksam auf sich selbst und so wachsam seinen Lieblingsneigungen gegenüber, es lebte ein so starkes Pflichtgefühl in ihm, daß ihm in keiner Hinsicht ein Vorwurf gemacht werden konnte und sein ganzes Wesen in seiner schönen Harmonie ein stürmeloses Leben zu verheißen schien. Diese Harmonie prägte sich auch in seiner ganzen äußeren Erscheinung aus, in jener undefinirbaren Weise, welche die Frauen so rasch fühlen und nur wir Künstler sogleich sehen. Nur wenig über mittelgroß, war er weit eher von zartem, als kräftigem Bau, die kleinen, weißen Hände wußten aber nicht blos ein feuriges Pferd zu regieren, sondern auch das Ruder energisch zu führen, so muskulös waren die Arme; so hatten auch alle seine Bewegungen nichts Hastiges oder Steifes, sondern die Rundung und Weichheit, die sich so gut mit vollendeter Sicherheit verträgt, und das regelmäßige Oval des Kopfes saß auf einem schlanken, aber vollen und kräftigen Nacken so stolz und sicher, wie das sonst nur die Gewohnheit, zu befehlen, erzeugt. Körperliche Uebungen aller Art und eine nie das vernünftige Maß überschreitende Abhärtung hatten aus dem vielleicht eher zur Verzärtelung neigenden Körper alles gemacht, was sich nur aus ihm machen ließ, und nur eine charakteristische Schwäche hatte er nie ganz zu besiegen vermocht – eine Neigung zum Schwindel. Er konnte nicht lange von Thurmeshöhe herabblicken, ohne von dem dämonischen Verlangen beschlichen zu werden, sich übers Geländer hinabzustürzen, und als wir einst längere Zeit von einer Brücke in das Schäumen und Kochen eines Wehrs hinabgeblickt hatten, meinte er plötzlich: „Lassen Sie uns gehen, – wenn ich noch zehn Minuten da hinuntersehe, muß ich wohl oder übel hinabspringen. Jede Tiefe lockt mich und alle Willenskraft vermag nichts über diese verhängnißvolle Anziehungskraft – ist das nicht wunderlich?“ Diese Eigenheit frappirte mich, weil ich mir sagen konnte: „Sieh da, also hat nicht blos dein seelisches, sondern auch dein physisches Wesen seinen wunden Punkt! Es [434] ist in der That eine Regelmäßigkeit und Symmetrie, eine Kongruenz der einzelnen Teile in dem ganzen Aufbau, über die man staunen darf.“ Den wunden Punkt in seiner Seele kannte ich ja – auch dieser Siegfried hatte seine lindenblattgroße, ungepanzerte, verletzliche Stelle. Das Gefühl dominirte eben doch in ihm, und je fester er es niederhielt, desto geduldiger harrte es auf seine Stunde, auf die Stunde, in der es frei und seines Herrn Herr werden würde; es war eine verzehrende Sehnsucht nach einem leidenschaftlichen Emporlodern, nach einem fiebernden Ergriffensein des ganzen Menschen in ihm, eine grandiose Einseitigkeit, die danach dürstete, sich voll und ganz auszuleben und eine erschreckende Gleichgiltigkeit gegen die Folgen. Er wußte das sehr genau, und als wir eines Abends im Baumgarten von Bubenc spazieren gingen und ich ihn mit seiner Unempfindlichkeit gegen die Frauen neckte und dieselbe unnatürlich nannte, zog er seinen Arm aus dem meinen, blieb stehen und sagte beinahe trotzig (darauf war es eigentlich blos abgesehen gewesen, denn der Trotz stand dem blassen, energischen Gesicht noch besser, als die Melancholie): „Was reden Sie da wieder? Die Fabel sollten Sie doch denen überlassen, von denen zwölf aufs Dutzend gehen, wenn man nicht vielleicht gar noch einen halben zugeben muß. Daß ich heißes Jugendblut in den Adern habe, wissen Sie, daß meine Phantasie Schwingen und Flügel hat und ebenso leicht und frei aufsteigt zur Höhe, wie sie niederschießt in die Tiefe, könnten Sie Sich denken, daß ich Schönheitsgefühl und Künstleraugen habe, weiß ich erst durch Sie, – wo soll da die Unempfindlichkeit herkommen? Umgekehrt liegen die Dinge, – ich bin zu empfänglich für den Reiz weiblicher Schönheit und habe nur eine Waffe gegen diese Schwäche, meinen unbändigen Stolz. Dieser Stolz räumt mir alle die Gefahren aus dem Wege, mit denen uns gewisse Damen bedrohen, er feit mich auch gegen jede gewöhnliche amour. Ich bin mir viel zu gut für solche Tändeleien, bei denen man sein Kapital an Gefühlsinnigkeit, an Illusionsfähigkeit und Begeisterung rein um nichts verzettelt und verplempert; ich will mich wohl verlieben, ich werde sogar der Liebe, statt mich gegen sie zu wehren, Thüren und Thore sperrangelweit öffnen, ich werde sie jauchzend willkommen heißen, aber – es muß dann auch der Mühe werth sein, es muß um eine Leidenschaft im großen Stile, um eine Liebe auf Tod und Leben, um eine Liebe, in der Himmel und Hölle beisammen wohnen, sich handeln, nicht um eines eurer zahmen wohlanständigen Verlöbnisse, in denen man sich gegenseitig allerlei mühsam aus der Seele heraufgepumpte romantische Empfindungen vorspiegelt, weil das während des Brautstands so Brauch und Sitte ist – Empfindungen und „feine Gefühle“, die man nach der Verheiratung recht froh ist, wegwerfen zu können, weil sie verzweifelt unbequem sind, unbequem wie der Frack, die Lackstiefeln und die um eine halbe Nummer über die Möglichkeit engen Glacés. Für eine solche Liebe hebe ich mich auf – in eine solche Liebe würde ich mich aber auch kopfüber stürzen, rückhaltlos, rücksichtslos, gleichgültig gegen die Konsequenzen. Finde ich sie nicht – aber ich werde sie finden und sollte ich die halbe Welt nach ihr absuchen – so lassen wir das Verlieben lieber ganz bleiben und verzehren uns still in der eignen Glut, allerdings ohne Phönixhoffnungen. Ich hasse die Halbheiten, in allen praktischen Verhältnissen will ich sie aber über mich ergehen und mich von ihrer Nothwendigkeit und Unvermeidlichkeit überzeugen lassen und ihnen sogar eine genießbare Seite abgewinnen – nur in der Liebe soll die Halbheit ein für allemal ausgeschlossen sein. Alles oder nichts, das ist mein einziges Dogma, und weil ich weiß, daß ich als ein Edelwild angesehen werde, dem manche schöne Jägerin aus Eitelkeit nachstellt, weil ich weiß, daß ich mir von ein paar schönen Augen nur zu leicht allerlei süße Mährchen erzählen lasse, gehe ich euren kleinen Plänkeleien sorgfältig aus dem Wege. Die andern mögen das besorgen – sie laufen keine Gefahr dabei, aber – ‚le baril de poudre a peur de l’ètincelle[1], und ich bin ein Pulverfaß, mit dem sich eine ganz gehörige und ganz und gar nicht übliche Explosion zutragen kann – jeden Tag. Waren Sie schon einmal in Olmütz? Nun, dann wissen Sie, daß in der Nähe der Pulverthürme nicht geraucht werden darf. Und nun ich Ihnen sehr wider meiner Gewohnheit eine so lange Rede gehalten habe, wollen wir das Thema fallen lassen und von vernünftigen Dingen plaudern – hoffentlich werden Sie wenigstens mich nun mit der Albernheit in Frieden lassen, daß ich ein Amphibium sei – von den andern amüsirt michs, wenn sie so reden, von Ihnen kann ich’s nicht ertragen.“

Er war, wie ich schon sagte, eigentlich wenig mittheilsam über alles, was mit seinem Gefühlsleben zusammenhing, als fürchte er, durch offenes Aussichherausgehen den Ruf zu gefährden, in dem er stand und in den des Schwärmers zu gerathen. Diese Vorsicht war ja auch eine begründete, und selbst ich, dem ja alles an ihm recht war und fesselnd erschien, konnte nur bedenklich die Achseln zucken, wenn er z. B. auf die Frage, ob er denn ein ungefähres Bild von der Frau habe, in die er sich verlieben könne, ungeduldig erwiderte:

„Natürlich – wer hätte auch kein solches Bild? Schlank und hoch, große dunkle Augen, feiner, aber voller Mund – Gestalt, Augen und Mund sind mir alles. Besonders aber muß sie eine Feuerseele haben und im Stande sein, nach der ersten Begegnung zu sich selbst zu sagen, was Lady Caroline Lamb, als sie Byron, den sie noch nicht kannte, ins Zimmer treten sah, zu einer Freundin sagte:

„Dieses bleiche Gesicht wird mein Schicksal sein.“

Wenn sie das nicht kann, wenn sie nicht ein Stück Julia in sich hat, mag sie meinetwegen ins Kloster gehen, trotz eures Philosophen des Unbewußten, der uns bewiesen hat, Romeo und Julia sei nicht die Liebestragödie par excellence, denn – ein gebildetes, wohlerzogenes deutsches Mädchen würde doch nimmermehr der Handlungsweise dieser Julia fähig sein. Freilich ist sie es nicht, mir aber ist ein Mädchen um so lieber, je mehr sie sich in ihrer Art zu fühlen der Julia nähert – die andern schenk ich euch. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß es so blutwenig Menschen passirt, to fall in love[2], daß sie sich sehr vorsätzlich, sehr bedächtig und allmählich hineinbegeben, daß die Liebe eurer Frauen kein rother süßer Feuerwein, sondern ein schwacher, lauer, widerlich süßer, mit Milch versetzter Thee ist.“

Nur bei solchen Anlässen kam es übrigens vor, daß er den Dichterlord erwähnte, den er leidenschaftlich liebte, und der ihm der Erste und Größte war unter den „madmen, who have made men mad[3] – natürlich verstand auch er dies mad als den schönen, heiligen Wahnsinn einer ideal-trunkenen Feuerseele. Als ich mir einmal einen Band seiner Originalausgabe ausbat, schlug er mir die Bitte mit einer gewissen herben Kürze, die aber nur eine Art von Verlegenheit maskiren sollte, ab – es sei ihm leid, er könne sich von dem Buche auch nicht einen Tag trennen, so sehr sei er an dasselbe gewöhnt; seine ganze übrige Bibliothek stehe mir unbedingt zu Diensten, nur den Byron müßte ich ihm lassen. Ganz im Einklang damit stand es, daß er sich nie auf ein Gespräch über diesen Dichter einließ; als einmal in einer befreundeten Familie ein mit uns geladener jüdischer Journalist ein Langes und Breites über Byron und Heine zum besten gab und mehr oder minder geistreiche Parallelen zwischen beiden zog, saß Curt mit einem Gesicht dabei, das mir ein Gewitter weissagte und zerbiß sich die Schnurrbartspitzen; als der ziemlich redselige und selbstgefällige Mann von der Feder, betreten über seine Schweigsamkeit, ihn am Ende gar fragte, ob er Byron, den er gewiß auch kenne, ebenfalls liebe, sah er ihn groß an und erwiderte trocken:

„Allerdings kenne ich ihn – vielleicht genauer als irgend jemand in Prag; allerdings liebe ich ihn – so sehr, daß ich mit niemanden über ihn sprechen mag.“

Als wir heimgingen, brummte er auf der Treppe: „Verpfuschter Abend!“ und als ich gegen diese Behauptung protestirte, lachte er ironisch und sagte:

„Wenn Sie nun eine Geliebte hätten, ein bildschönes Mädchen, zu der außer Ihnen niemand käme, wenn Sie Ihres heimlichen Glücks und Ihres köstlichen Besitzes von Herzensgrund froh wären und plötzlich im Café von einem der Marmortische her, um den ein halbes dutzend Pflastertreter und Zierbengel mit veilchenblauen und papageigrünen Handschuhen sitzen, den Namen Ihres Juwels hörten, wenn jeder um ihr Dasein wüßte und jeder einen andern Reiz des „famosen“ Geschöpfs namhaft machte, und wenn sie das in demselben Ton und vielleicht in demselben Jargon thäten, in dem sie einander die Vorzüge ihrer Pferde, ihrer Hunde und ihrer Ballerinen anpreisen, würden Sie etwa ruhig dabei bleiben, würden Sie es gelassen und freundlichlächelnd anhören oder – würden Sie unwillkürlich mit der Faust auf den Tisch schlagen und den Stuhl zurückstoßen und das [435] Lokal verlassen, und würde Ihnen Ihre Geliebte nicht plötzlich merkwürdig entwertet vorkommen? Meine heimliche Geliebte ist der Dichterlord, weil er der einzige Poet ist, den ich in jeder Zeile verstehe – soll mich’s nicht wurmen, wenn mich ein solcher Hansnarr um die geliebte Illusion bringt, als sei er mein ausschließliches Eigenthum, als wüßte nur ich von der Existenz seiner Werke? Es ist ja ein kindisches Gefühl – Sie brauchen mir das nicht zu sagen – aber ich habe es nun einmal und dann – wenn die Leute über Byron sprechen, dann fallen die schiefen, bornirten, scheinheiligen, philisterhaften Urtheile gewöhnlich hageldicht, und man muß den ganzen Schauer niederprasseln lassen und kann nur geringschätzig die Achseln zucken. Meinen Sie, ich besäße auch die dazu erforderliche philosophische Schulung?“

Soweit gekommen, machte der Maler eine Pause, musterte mit einem gewissen Mißtrauen die Mienen seiner Zuhörer und sagte dann freundlich:

„Ich muß euch für die Geduld danken, mit der ihr mich angehört habt – ich bin mir bewußt, diese Geduld auf eine harte Probe gestellt zu haben. In den Romanen und Novellen ist ja die sorgfältige Charakterschilderung fast ganz aus der Mode gekommen; man stellt euch sofort mitten in die Handlung und läßt euch möglichst viel erleben – es ist das ja auch ganz praktisch, denn auf diese Weise spart man sich die Mühe, seine Figuren einem bestimmten Charakter gemäß handeln zu lassen und entzieht sich jeder Kontrolle seitens des Lesers. Die Helden sehen sich freilich infolge dessen meist verzweifelt ähnlich und werden nur immer anders angezogen und aufgeputzt, aber das schadet ja nichts, wie die Erfahrung lehrt. Ich bin kein Novellist – mir müßt ihr die Breitspurigkeit, das Detail und die Kleinmalerei schon zugute halten. Und nun kommen wir auch rasch in anderes Fahrwasser – die Heldin erscheint auf der Bildfläche!“

Damit nahm er eine künstlerisch aquarellirte große Photographie aus der Mappe – das Bild einer seltsam ernsten und nachdenklichen, wie von einem Hauch von Wehmuth verschleierten, ein wenig fremdartigen und gewiß originellen Schönheit. Dem enthusiastischen Juristen entfuhr ein: „Ah!“ der ungekünstelten Bewunderung, sodaß die übrigen sich ebenfalls neugierig über das Bild beugten und so in der unsichern Kerzenbeleuchtung unabsichtlich eine malerische Gruppe bildeten.

„Ein hochinteressanter Kopf!“ unterbrach Arvenberg zuerst das Schweigen, indem er seinen Platz wieder einnahm. „Ein süßer, lockender und doch keuscher Mund, aschblondes Haar und schwarze Augen, eine Stirn, wie man sie bei Frauen fast nie findet, und in dem Ausdruck des Gesichts etwas Unausgesprochenes, Geheimnißvolles und Unergründliches. Da lohnte sichs wohl der Mühe, zu werben, aber Gefahr war dabei im Spiele, denn hinter dieser weißen Stirn lauern wohl keine Teufeleien, aber Unberechenbarkeiten und energische Entschlüsse. Und da die Frauen nicht nach Grundsätzen, sondern nach Launen und Aufwallungen zu handeln pflegen so ist zehn gegen eins zu wetten, daß diese Frau Ihren jungen Freund nicht hat zu Athem kommen lassen.“

Der Maler nickte. „Ich habe nie besonderes Gefallen an Ihrer Schopenhauerei gefunden, aber Ihr Urtheil ist regelmäßig scharf und treffend. So ungefähr war’s, und wie sich’s entspann, ist bald erzählt.“

[445] Ich wohnte in einem hufeisenförmigen, sehr großen Hause auf dem äußersten linken Flügel im obersten Stock und hatte ein vis-à-vis, über das sich ein Stein hätte erbarmen mögen. Hätte es mir in meiner Behausung nicht gar zu sehr gefallen, ich wäre ausgezogen – rein aus künstlerischem Ingrimm über die beiden Prachtexemplare von Evatöchtern, die ich täglich und stündlich vor Augen hatte, zwei alte Jungfern in des Wortes verwegenster Bedeutung. Die eine war brand- und prasseldürr, so dürr, daß man ihre Schulterknochen unbedenklich zum Aufhängen von Paletots hätte benutzen können; die Schwester hatte sich des Kontrastes halber eine Fleischlichkeit zugelegt, die jeder ihrer Bewegungen etwas Wogendes gab – kurz, sie waren „wüst“ bis zur Polizeiwidrigkeit. Aber schmutzig und liederlich waren sie und von einer Frömmigkeit, die den Verdacht erweckt haben würde, daß ihre Jugend keineswegs normal verlaufen sei, wären sie nicht so abgrundhäßlich gewesen und hätte sie die Mutter Natur nicht gleich in der ersten Anlage rettungslos verpfuscht. Sie schienen Stammgäste in der Kirche der kirchengesegneten Moldaustadt zu sein, so oft sah ich sie mit Gebetbuch und Rosenkranz ausrücken, ein Bild der sieben magern und sieben fetten Jahre, wie es die ausschweifendste Phantasie drastischer nie hätte ersinnen können.

Ihr könnt euch die angenehme Ueberraschung denken, mit der ich eines Tages von meiner Wirthin vernahm, daß die beiden „Bigottischen“ drüben das Feld räumen würden. Sie waren nämlich merkwürdig gut beschlagen unter der Nase, die beiden, ihre Nagelverhältnisse waren die denkbar günstigsten, und all ihre Kirchgänge hatten nicht vermocht, die angeborene Säure und Galligkeit ihres Naturells zu christlicher Milde und Geduld zu läutern; infolge dessen waren sie mit dem Hausmeister, einem alten Windischgrätz-Dragoner, in Händel gekommen, bei denen es zuletzt sehr heiß hergegangen sein muß, denn der alte Schnauzbart hatte zwar schließlich siegreich das Feld behauptet, er soll jedoch unverbürgten Berichten zufolge in seiner Stammkneipe gestanden haben, daß ihm während des ungarischen Aufstandes, als ihm die Lassos der verfolgten wilden Esikosreiter auf öder Puszta bedenklich um die Ohren schwirrten und ihn jeden Moment vom Pferde zu reißen drohten, auch nicht schwüler zu Muthe gewesen sei, als während dieser Affäre. Die nächste Folge dieses Treffens war natürlich, daß den streitbaren Jungfrauen schleunigst das Quartier gekündigt ward. Das war nicht lange nach der Zeit, in der ich Curt v. Blenkheim näher kennen lernte; dann stand die Wohnung eine zeitlang leer und nur die Köpfe von Maurern und Tapezierern ließen sich zeitweilig an den Fenstern blicken, bis eines Tages blüthenweiße Gardinen an den Fenstern erschienen und vor denselben eine ganze Flora von blühenden Topfgewächsen den Wechsel des Regimes auf das nachdrücklichste illustrirte. Ich dachte an eine stille, peinlich akkurate alte Lehrer- oder Beamtenwittwe, war also nicht wenig erstaunt, am nächsten Morgen ein direkt schönes, schlankes, hochgewachsenes Mädchen die Blumen begießen zu sehen. Mich frappirte zunächst die prächtige Figur; wir Knirpse schwärmen ja immer für die großen Figuren, obgleich wir uns neben ihnen so urkomisch ausnehmen; zudem ist es ja für unsereinen Beruf, zu Wasser und zu Lande, bei Tag und bei Nacht hinter der Schönheit her zu sein, es kann mir also nicht verübelt werden, daß ich das Opernglas hervorsuchte und meine schöne Nachbarin bei ihrer Arbeit beobachtete, wenn auch nicht, wie ein beliebiger Laffe, in auffälliger Weise, sondern bescheidentlich vom Hintergrund meines Zimmers aus. Ob sie es bemerkt hat – Frauenaugen sehen bekanntlich alles – weiß ich nicht; jedenfalls nahm sie keinerlei Notiz von mir und schien nicht die geringste Ahnung von der Existenz eines kleinen, schon mit bedenklich hoher Stirn ausgerüsteten, unansehnlichen Leinwandverderbers zu haben, der auf dem besten Wege war, sich trotz seiner gesetzten Jahre Knall und Fall in sie zu verlieben. Als die Blumen gelabt waren, kamen die Vögel an die Reihe, die eine allerliebste, architektonisch allerdings etwas bizarr gedachte Volière bevölkerten – ein Schweizerhäuschen mit Seitenflügeln und einem Glockenthürmchen. Der übliche Kanarienvogel schien keine Anziehungskraft für meine Nachbarin gehabt zu haben; alle ihre Vögel waren Exoten – Astrils, Sepiafinken und ähnliche kleine Vögelchen mit kirschrothen und lichtblauen Schnäbelchen; ich konnte deutlich erkennen, wie die grauen Astrils mit dem rosigen Anflug am Unterleib das Schwänzchen wagerecht wippen ließen, ähnlich wie unsere Bachstelzen dies senkrecht thun, und wie sie es dann fächerförmig ausspreizten. Aber viel wichtiger war mir die Hand des Mädchens, eine Hand von so tadelloser Schönheit, daß sie recht gut als Pendant zu dem berühmten Fuß der rauch’schen Viktoria, der in einem guten Abguß dort unter der Glasglocke steht, gelten konnte. Wenn ihr wüßtet, wie selten eine wirklich schöne Hand ist, wie häufig die Hand selbst für die größten Maler einen Stein des Anstoßes gebildet hat, [446] über den sie nicht weggekommen sind, würdet ihr begreifen, daß mich diese Hand vollends in Flammen setzte. Hätte das Mädchen eine unschöne oder gar häßliche, knochige Hand mit kurzen breiten Nägeln gehabt – ich hätte mich nicht weiter um sie gekümmert; ich war einst in Prag der Tischnachbar einer sehr hübschen czechischen Komtesse, die mich durch ihr geistvoll-degagirtes Wesen anfänglich völlig gefangen nahm, als aber mein Blick auf ihre Hände viel, war ich wie mit kaltem Wasser übergossen und immer wieder mußte ich mit Bedauern auf die schwarzen, seidenen Halbhandschuhe blicken, die sich bemühten, den unglücklichen Fehler etwas weniger auffällig zu machen.

Nun, ich will euch nicht mit all den dummen Gedanken langweilen, die mir an diesem Tage und während eines Theils der nächsten Nacht durch den Kopf gingen; genug, ich ließ mir am Abend den Bart, der ziemlich verwildert war, stutzen, ich kaufte mir zwei neue Schlipse auf einmal und trieb die Verschwendung so weit, mir Glacéhandschuhe zuzulegen – alles das in dem dunklen Gefühl, daß mein dürftiger Leichnam sich wenigstens äußerlich etwas respektabler präsentiren müsse, um irgend welchen Eindruck auf die glückliche Besitzerin der schönsten Hand in Prag zu machen. Mich bei meiner Wirthin nach dem Mädchen zu erkundigen war mein fester Entschluß; als sie aber am andern Morgen ins Zimmer trat, ward mir diese Erkundigung, das naheliegendste Ding von der Welt, zu meiner eigenen Ueberraschung blutsauer; ich arbeitete schweigend weiter und that, als erführe ich etwas Funkelnagelneues, als die gute Frau mit einem schlauen Augenzwinkern fragte:

„Nun, ist sie nicht gleich zum Malen, wie sie da drüben sitzt und stickt? Ich wette, das gibt ein Bild.“

Ich trieb die Heuchelei so weit, sie überrascht anzusehen und zu fragen, wen sie meine, hatte aber damit wenig Glück. Alles, was Schürzen trägt, hat für Herzensgeheimnisse einen raschen und scharfen Blick, und ich glaube, die Alte bekam sofort Wind davon, daß ich auf dem besten Wege war, mich regelrecht zu verschießen. Sie erwiderte lachend:

„Nun sehe mir einmal einer die liebe Unschuld! Das thut, als hätte es die Schönheit drüben kaum eines Blicks gewürdigt, und hat doch sicherlich schon jeden Zug in dem lieben Gesicht studirt – man müßte die Männerleut’ nicht kennen, und besonders die Herren Maler, das sind die richtigen!“

So gings fort und ich brauchte nicht viel zu fragen, um eine ziemlich vollständige Biographie meines Gegenüber zu erhalten; sie war allerdings auch herzlich einfach, diese Biographie! Das Mädchen war guter Leute Kind, der Vater, ein Deutscher aus Siebenbürgen, war Förster in Diensten eines Erzherzogs gewesen, hatte aber infolge einer Verwundung durch einen Sonntagsjägerschuß bei einer Treibjagd in den rüstigsten Jahren pensionirt werden müssen. Die Mutter, eine Polin aus Galizien, war gestorben, als ihr einzig Kind kaum die ersten Schuhchen trug, und der Vater war nun auch seit fünf Jahren todt. Er hatte sich nicht wieder verheirathet und sein Töchterchen selber groß gezogen, so gut es eben hatte gehen wollen; sonst war er ein stiller, etwas wunderlicher Mann gewesen, der mit niemandem Umgang pflog und ganz in seinem Kinde aufging, das sein Glück und sein Stolz war. Er hatte seinem Liebling nicht so viel hinterlassen können, daß sie davon leben konnte, aber sie hatte merkwürdig hurtige und geschickte Fingerchen und einen ganz eignen Sinn und Schick, sodaß sie jahraus jahrein für Kirchen und Klöster gestickte Altarbekleidungen, Chorhemden, Stolen und dergleichen zu liefern hatte. Im Herbst schicken ihr die Heger des Reviers, in dem ihr Vater einst geschaltet und gewaltet, ganze Kisten voll von Eicheln, Nüssen, Bucheckern, Wachholderbeeren, Schlehenkernen, kurz von allem, was im Walde wächst, und mit diesem Material bekleidete sie Wandkörbchen, Zigarrenattrapen, Eckbreter und dergleichen so geschickt und geschmackvoll, daß dieser originelle Zimmerschmuck namentlich von Försterfamilien und Jagdliebhabern angelegentlich gesucht wurde, und daß sie immer Aufträge hatte und ganz anständig auskam.

Ich gestehe, daß mich der erste Theil dieser Mittheilung etwas verstimmte und ich bemerkte ziemlich gedehnt:

„Das ist nicht zu verwundern; die Herren von der Geistlichkeit werden gewiß honett bezahlen und aus christlicher Nächstenliebe gern geneigt sein, ein übriges für das hübsche Kind zu thun, das so gar verlassen und mutterseelenallein auf der Welt steht.“

Der Accent mochte etwas schwer auf dem „hübschen Kinde“ gelegen haben, denn meine Wirthin verstand mich sofort und ereiferte sich nun ganz gehörig. Ich erfuhr, daß ich mich durch diesen Verdacht an dem Mädchen versündigte und daß ich ihr denselben gewiß noch abbitten würde. Ihr Ruf sei fleckenlos; sie verkehre auch mit der Geistlichkeit nur brieflich und lebe so einsam und zurückgezogen, daß es eigentlich zum Weinen sei um all die frische Jugend und Schönheit. Die gute Frau wußte das alles von einer Schwägerin, die in demselben Hause wohnte, aus welchem das Mädchen in unser Hufeisenpalais gezogen war, weil die alte Frau, bei der sie bisher gewohnt, die Aufwärterin ihres Vaters, das Zeitliche gesegnet hatte. Die Schwägerin hatte die Waise ihrem Schutze empfohlen und die gute Frau bewies mir, daß sie entschlossen war, diesen Schutz auch auszuüben.

Ich hatte mich geduldig abkanzeln lassen; es hätte mir ja wehe gethan, wäre die Tugend des schönen Geschöpfs wurmstichig gewesen, und es that mir ordentlich gut, daß gar nichts an ihr auszusetzen war.

Das Mädchen hat dann noch eine gute Weile in meinem Kopfe fortrumort; ich beobachtete sie täglich und wurde dadurch unmerklich solid, ich hatte merkwürdig philisterhafte Gedanken über Heiraten und Familienglück, ich ertappte mich einmal bei der Aufstellung eines regelrechten Budgets – für mich eine Kraftanstrengung ersten Ranges – ja, ich verstieg mich bis zur anonymen Uebersendung eines Theaterbillets und eines Bouquets, deren Annahme aber rundweg verweigert wurde. Der Dienstmann, der mir achselzuckend über das negative Resultat seiner delikaten Mission Rapport erstattete, meinte, das gnädige Fräulein sei so kühl und gleichgültig gewesen, als käme ihr dergleichen jeden Tag wenigsten ein paarmal vor, und sie hätte so ernsthaft und befehlend erklärt, daß sie anonyme Zusendungen nicht annehme, daß er nicht die Kourage gehabt hätte, noch etwas zu sagen. Da hatte ich’s also; ich mußte nun selber ins Theater gehen, und daß ich mich an dem Abend wie ein Mops gelangweilt und wie ein Truthahn geärgert habe, brauche ich euch wohl nicht zu sagen. Am andern Morgen aber wurden die Blumen begossen und die Vögel gefüttert, wie jeden Tag, und dann setzte sich die Unzugängliche so ruhig mit dem Stickrahmen ans Fenster, als hätte der Gedanke, ihr vis-à-vis könne einen so gymnasiastenhaften Schwabenstreich begangen haben, ihren stolzen Kopf auch nicht stundenlang gekreuzt. Und dabei bot sie mir ihr schönes, edles Profil so voll, daß ich unwillkürlich nach dem Stift griff, um diese weichen Linien zu fixiren und darüber alles vergaß – Groll und Beschämung und Verlegenheit. Ob sie etwas davon bemerkt hat, das wissen die Götter; jedenfalls geruhte man nicht mehr Notiz von meiner Wenigkeit zu nehmen, als wenn ich der Mann im Monde gewesen wäre, und dieses unbemerkte Schmachten kam mir allmählich so lächerlich vor, daß mir alle weiteren Gedanken an Briefe und an Annäherungsversuche vermittels meiner Wirthin vergingen. Ich war ihr wohl einige male im Hofe begegnet und hatte sie gegrüßt, aber diese Höflichkeit wurde nur mir einer so stolzen, zerstreuten und gleichgültigen Neigung des Kopfes beantwortet, daß mir heiß wurde bei dem Gedanken an die Abfertigung, die man sich durch eine Ansprache zugezogen haben würde. Das Mädchen hatte etwas so seltsam Sicheres und Ablehnendes in ihrem Wesen, Haltung und Gang waren so unbewußt vornehm, daß ich den hätte sehen wollen, der ihr auf dem Trottoir nicht unwillkürlich ausgewichen wäre. Zu meiner komischen Verzweiflung machte ich bei dieser Gelegenheit auch noch die Entdeckung, daß der Fuß meiner verwunschenen Prinzessin ganz ihrer Hand entsprach und klein und schmal war, wie diese; ich dachte an die Elbkähne, welche die Natur mir in ihrer boshaften Laune als Piedestal gegeben hat und sagte mir zum zwanzigsten male: „Sei kein Narr – das Mädchen müßte eine komplete Närrin sein, heiratete sie dich; für sie muß irgend ein Prachtexemplar des Männergeschlechts heran, das wenigstens künstlerisch gedacht ihrer würdig ist.“ Mit der „verwunschenen Prinzessin“ aber hatte es folgende Bewandtniß. In meinem Flügel, aber ein paar Stiegen tiefer, wohnte ein Student, ein lustiges, keckes Blut, dem der Himmel noch voller Geigen hing und der sich das Studiren gewissenhaft und fürsorglich für die beiden Semester vor dem Examen aufhob. Dem war’s wieder einmal passirt, etwas zu tief in den Maßkrug mit goldigem Pilsner geblickt zu haben, und als er schräg über den Hof seiner Treppe zusteuerte, kam ihm die schöne Stickerin in den Wurf und er ermannte sich zu einem mehr oder weniger zärtlichen Kompliment. Er hat es aber nicht vollständig herausgebracht – ein nicht unbedeutender Rest blieb ihm in der Kehle stecken. Der Blick, durch [447] den seine Keckheit bestraft wurde, verhalf ihm zu einer jähen und vollständigen Erkenntniß der Dummheit, die er begangen; es lag so viel Befremden und mitleidiger Spott in demselben und er drückte mit so grausamer Deutlichkeit den Gedanken aus; „Guter Junge, wenn du wüßtest, wie du dich blamirst! Schlaf den Rausch, der dich entschuldigen mag, aus – dann wirst du dich ja wohl auch darauf besinnen, daß du recht albern vor mir gestanden hast“, daß er instinktiv an die Mütze griff, eine Entschuldigung stotterte und nach einer nicht unbedingt korrekten Verbeugung abschob.

Da er im Grunde seines Herzens ein guter Junge war, fiel ihm seine Ungezogenheit am nächsten Morgen mitten in den grausamsten Stadien des Katzenjammers doppelt schwer aufs Herz und er beauftragte meine Wirthin, die irdische Schutzpatronin der beleidigten Schönheit, ihn bei der letzteren mit seinem nicht ganz zurechnungsfähigem Zustand zu entschuldigen. Die junge Dame habe wie eine echte Prinzessin dagestanden und ihn so stolz angeblickt mit den dunklen Augen, daß er sich einen solchen Blick gewiß nie wieder zuziehen würde. Die „Prinzessin“ aber nahm den ganzen Vorfall sehr leicht; als ihr die de- und wehmütige Abbitte des Musenjünglings übermittelt wurde, war es, als müsse sie sich das kleine Rencontre erst wieder ins Gedächtniß zurückrufen; dann erwiderte sie, der junge Mann möge sich nur ja keine Skrupel machen – sie sei dergleichen Vorkommnissen gewachsen und es sei ihr schon schlimmeres passirt, von Leuten, die nicht angetrunken und die auch längst keine Studenten mehr gewesen seien.

Ich alter Knabe sollte eigentlich Bedenken tragen, mir vor euch jungem Volk Blößen zu geben, zumal es mit eurem Respekt vor mir ohnehin ziemlich wacklig aussieht, indessen muß ich, um bei der Wahrheit zu bleiben, wohl gestehen, daß ich meinem militärischen Freund die neue interessante Nachbarschaft hartnäckig verheimlichte, ihm, vor dem ich sonst niemals Geheimnisse hatte, obgleich er mir gegenüber verhältnißmäßig reservirt war. Ich fand es mit einem male hübscher, zu ihm zu gehen, als ihn bei mir zu sehen, und wenn er mich besuchen wollte, stimmte ich regelmäßig für die Abendstunden und hatte immer neue Vorwände in petto; ich schämte mich dieser Unehrlichkeit, aber der Gedanke, Curt könne, wenn er einmal bei Tage käme, meiner schönen Nachbarin ansichtig werden und sich für sie interessiren, war mir unerträglich peinlich. Hinterher könnte ich ja daraus eine geheimnißvolle Ahnung all des Unheils machen, das im Anzuge war, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die andere und sich selber auf solche Weise über ihre eigentlichen Motive zu täuschen pflegen, und ich weiß sehr genau, daß es eine keimende, halb unbewußte Eifersucht war, die mein Handeln bestimmte, die Ueberzeugung, daß Curt, wenn er sich dem Mädchen ernstlich zu nähern suchte, dabei mehr Glück haben würde, als ich – ein Gedanke, der mir ein unerträgliches Prickeln in allen Nerven verursachte, so lächerlich und kleinlich er mir auch gleichzeitig erschien.

So gingen die Wochen hin und ich war mehr als einmal drauf und dran gewesen, einen heroischen Anlauf zu nehmen und Curt selber auf das Mädchen aufmerksam zu machen, ohne doch damit zustande kommen zu können, als der Zufall seine verhängnißvolle Rolle spielte und mich jeder Verantwortung überhob.

[457] Es war ein Spätabend im September, wo es schon merklich früh zu dunkeln beginnt. Ich hatte mir vom Hradschin aus einen glorreichen Sonnenuntergang angesehen, war dann langsam durch die Straßen geschlendert und fand, als ich heim kam, zu meiner Ueberraschung Licht in meinem Zimmer. Curt war verreist gewesen und hatte erst am nächsten Tage zurückkommen wollen, als ich jedoch die Thür öffnete, fand ich ihn am Tische sitzend und ein Blatt aus meiner Skizzenmappe betrachtend, die ich beim Weggehen auf dem Tische hatte liegen lassen. Er war dermaßen in Gedanken versunken und für die Außenwelt abgestorben, daß er mein Eintreten völlig überhörte, und wie ein Blitz schoß es mir durch den Kopf: „Ob er das Bild der schönen Leontine nicht gefunden hat!“ Ein paar Augenblicke stand ich unschlüssig zaudernd an der Thür – dann trat ich auf ihn zu und mein Gruß riß ihn aus seiner Versunkenheit empor. Er legte das Bild ohne Uebereilung wieder in die Mappe, schob diese bei Seite und kam mir mit der alten unbefangenen Herzlichkeit entgegen, die auch für eine volle Stunde sein Erzählen charakterisirte; ich hatte das Gefühl, er werde nach dem Original der Skizze fragen, und ich beobachtete ihn infolge dessen genau, sodaß ich es bemerkt haben würde, wenn sein Geplauder einen geheimen Gedanken maskirt hätte; er machte keinen Moment den Eindruck auf mich, als denke er mehr an die Frage, die er noch an mich zu richten hatte, als an das, was er sagte, und ich wollte schon aufathmen und annehmen, daß das Bild nur irgendwie den ersten Anstoß zu der wachen Träumerei gegeben habe, in der ich ihn fand, ohne Gegenstand derselben zu sein, als er, eine frische Virginia-Cigarre nach echter Raucherart in die Kerzenflamme haltend, bis sie auf Zolleslänge verkohlt war, nachlässig fragte:

„Ja so, wo in aller Welt haben Sie denn das Original des Frauenkopfs aufgegabelt, der in Ihrer Mappe obenauf lag, als ich sie öffnete, um mir die Zeit des Wartens zu kürzen? Das ist ja ein höchst merkwürdiges Profil – das Gesicht scheint ein ganz offenes zu sein und doch Räthsel aufzugeben.“

Ich fragte zurück, warum denn gerade ein Original da sein müsse und ob das Portrait nicht reine Phantasie sein könne, aber Curt lachte nur und sagte in überzeugtem Tone:

„Das reden Sie ein, wem Sie wollen – mir nicht; der individuelle, leidenschaftlich subjektive Zug in dieser Physiognomie kann kaum erfunden, der kann nur wiedergegeben sein.“

In diesem Augenblick sah ich, wie drüben die Fenster hell wurden und die schlanke Gestalt Leontinens sich undeutlich von dem lichten Grunde abhob, und mit einer Art von desperater Energie nahm ich Curt, der mich überrascht ansah, bei der Hand, führte ihn an das Fenster, zeigte hinüber und sagte lakonisch resignirt:

„Da drüben wohnt man, wenn Sie Sich näher orientiren wollen.“

Eine kurze Zeit sah er, das Pincenez vor den Augen, hinüber, dann ließ er dasselbe lässig fallen und trat wieder an den Tisch, und kein Zug in seinem Gesicht verrieth ein näheres Interesse. Mit gutmüthigem Spott sagte er dann, beide Arme auf der hohen Lehne eines alterthümlichen Stuhls, und das Kinn auf die höchste Verzierung stützend:

„Also eine ganz kleine Liaison – und so im Hause – recht bequem! Allerlei telegraphische Signale herüber und hinüber verabredet, also die Kommunikation im vollen Gange – nicht? Und davon erfahre ich kein Sterbenswörtchen, obgleich Sie doch meinen aparten Geschmack in Bezug auf Frauengesichter kennen und sich sagen mußten, daß ich Sie sogar um eine Kopie dieser Skizze bitten würde? Und das wissen Sie doch auch, daß ich der letzte bin, der Ihnen ins Gehege kommt – wozu also diese unerhörte Geheimthuerei?“

Ich war in Verlegenheit, wie er mich so treuherzig und offen ansah und ganz gewiß ohne jeden Hintergedanken, und ich war wenigstens halb offenherzig und räumte ein, daß ich ein sonderbares Interesse für das Mädchen gefaßt und seinen Spott über mich und meine verspätete Schwärmerei gefürchtet hätte, da die sozialen Verhältnisse –

Weiter ließ mich Curt nicht kommen. Er lachte und meinte:

„Nun ja, man macht eben Putz oder man schneidert, aber was verschlägt denn das? Daß Sie ans Heiraten gedacht haben sollten, ist, wie man zur genüge weiß, die wildeste von allen Hypothesen, warum also nicht? Ich dächte, ihr fragtet sonst sehr wenig nach der sozialen Rangstufe, auf der eure Geliebten stehen, und Sie nun gar – ich muß gestehen, je länger ich mir die Sache überlege, desto räthselhafter und unbegreiflicher wird mir Ihr ganzes Verhalten.“

Dagegen ließ sich kaum etwas einwenden, aber Curt war zu edelmüthig, sich lange an meiner Verlegenheit zu weiden; er sagte lachend:

[458] „Nun lassen wir’s gut sein; ich gönne Ihnen das Mädchen von Herzen und werde Ihre Pfade gewiß nicht kreuzen, Ihnen nicht einmal durch Fragen beschwerlich fallen, seitdem ich gesehen habe, daß Ihnen das unbequem ist. Ueberlege ich mir’s recht, so ginge es mir wahrscheinlich ebenso.“

Ich schlug in die Hand, die er mir entgegenstreckte, nicht ein, sondern setzte ihm nun ganz ruhig und ernsthaft auseinander, daß und warum von einer Liaison zwischen mir und dem schönen Mädchen keine Rede sein könne, am wenigsten von einer leichten Kalibers. Er hörte mir aufmerksam zu; zuweilen trat während dieser Beichte das liebenswürdige Lächeln, daß ich so gern an ihm hatte, auf seine Lippen, aber im allgemeinen wurde er immer ernsthafter, und als ich geendet, sagte er rasch:

„Das ändert freilich alles und ich bitte Ihnen den leichten Ton und die wohlfeilen Spötteleien ab, die Sie ja um des Mädchens willen verletzen mußten. Nun ist es auch viel schöner, und die kleine Idylle hat etwas so rührendes, daß ich fast wünschen möchte, es bliebe alles so, wie es ist – die persönliche Bekanntschaft würde Ihnen doch die Illusion, die Sie jetzt haben, zerstören und den feinen Schmetterlingsstaub von Ihrer Empfindung wischen. Sehen Sie, der eine Zug z. B., der für mich den Reiz dieses Gesichts ausmacht, ist vielleicht doch nur eine zufällige und unbeabsichtigte Schöpfung ihres Stifts, der in allem sonst treu war, und ich würde möglicherweise, wenn Sie mir das Mädchen vorstellen wollten, fragen: ‚Lassen wir’s lieber; ich fürchte, ich fände den bewußten Zug nicht, und das würde mir alle Laune rauben und mich geradezu ärgern; darauf möchte ich’s nicht gern ankommen lassen.’“

Damit sprang er auf etwas anderes über, und ich war merkwürdig zufrieden damit, daß das leidige Thema fallen gelassen wurde. Es gingen auch acht Tage ins Land, ohne daß er wieder zu mir gekommen wäre, und bei unseren sonstigen Begegnungen wurde des Mädchens mit keiner Silbe gedacht – nicht einmal der gewünschten Kopie meiner Skizze. Curt war in dieser Zeit ungewohnt aufgeräumt und erzählte mir eines Abends, mit sicherlich ungekünstelter Heiterkeit, daß sein alter Onkel General auf den verwegenen Gedanken gekommen sei, ihn zu – verheiraten oder doch zu verloben. Er war entschieden übermüthig, als er ein Bild der beiden alten Kriegsmänner entwarf, die in Graz ihre Pension verzehren und vor purer Langeweile, da die gemeinschaftlich vollbrachten Waffenthaten denn doch kein unerschöpfliches Thema sind, auf den Einfall kommen, aus dem Neffen des einen und der Nichte des andern ein Paar zu machen. Er fand es namenlos drollig, daß die alten Haudegen somit einer Kategorie von Damen ins Handwerk pfuschten, die sich weniger durch Anmuth, als durch Leibesfülle auszuzeichnen pflegt und das Heiratsvermitteln mit einem Eifer betreibt, der wohl erst in einer Zeit berechtigt wäre, in der die Gefahr einer totalen Entvölkerung Europas vor der Thür stünde. Er sah mich groß an, als ich den Gedanken so gar ausschweifend nicht zu finden vermochte, und brauchte einige Minuten, um sich zu überzeugen, daß ich ihn keineswegs mystifiziren wollte, sondern im vollen Ernste sprach. Das Verheiraten – ach, das lag für ihn in weiter, weiter Ferne, wenn überhaupt jemals etwas daraus wurde, und bis dahin hatte er noch viele dicke Bretter zu bohren und ganze Berge umzureißen; er scherzte, vorher müsse er noch wenigstens ein halbes Dutzend Sprachen lernen, um sich bei allen Nationen der Erde nach der schönsten ihrer heiratsfähigen Töchter umsehen und den stilgerechten Kniefall durch eine wohlformulirte Liebeserklärung im heimischen Idiom der Holden erläutern zu können. Das ganze hatte für ihn nur die Bedeutung eines Scherzes und als ich nähere Umstände von ihm erfragen wollte, wurde er ungeduldig und sagte:

„Ach, es lohnt ja nicht der Mühe – was weiß ich – eine kleine kärnthnische Komtesse, die wahrscheinlich frisch aus einer Erziehungsanstalt für adelige Fräulein kommt und dort sehr viel Frömmigkeit und Klavier, aber wenig Orthographie, Geographie und Geschichte gelernt hat, und die mich acceptirt, weil der Herr Onkel es so wünscht, und weil es so hübsch ist, einen Verlobungsring und unzählige Bouquets von Wagenradgröße zu bekommen, und weil Alma und Dora und Stefanie und Baleska und wie die geliebten Busenfreundinnen sonst heißen, schwarz vor Neid werden, wenn sie die erste ist, die sich verlobt! Nein, mein Herr Onkel, seine Geliebte – die Frau ist nur eine Konsequenz – sucht sich der Trotzkopf selber und Sie haben weit mehr Chancen, in Ihrem wohlverdienten Ruhestand ein Geschütz zu erfinden, das sich selber bedient und richtet, als für mich ein Mädchen ausfindig zu machen, das mir recht ist.“ Er drehte dabei die Schnurrbartspitzen in die Höhe, und in seinen Augen, die wie in nebelweite Ferne schauten, leuchtete ein solcher Uebermuth, daß mir die Aktien dieser Verbindung durch oheimliche Fürsorge verzweifelt niedrig zu stehen schienen.

Ihr könnt euch ungefähr mein Staunen denken, als er ein paar Tage später mit rascherem, aber auch schwererem Schritt als sonst bei mir eintrat, den Säbel mehr abriß als abschnallte, ihn auf einen Stuhl warf, sich auf die Walzenlehne meines Sophas setzte, die Arme auf der Brust verschränkte und ganz abrupt und mit sichtlich erzwungenem und fast etwas wildem Humor begann:

„Lieber Reinisch, mir ist etwas sehr Wunderliches, sehr Dummes und sehr Verdrießliches passirt – ich fürchte, ich bin auf dem Wege, in aller Form und in allem Ernst Ihr Nebenbuhler zu werden! Das Försterkind da drüben hat nämlich den Zug, von dem ich annahm, er sei zufällig in deine Skizze gekommen; gib einmal das Ding her und – laß mir’s am liebsten ganz. Ich hab’ sie heute von meinem Platz im Kaffeehaus aus gesehen – ganz unerwartet, und es hat einen Stich gegeben, als ich diesen Zug um den Mund so plötzlich vor Augen hatte, noch schärfer, noch entschiedener, als auf deinem Blatt. Ich werde also Kopf und Kragen dran setzen, die Bekanntschaft der Unnahbaren zu machen; schließlich wohnt sie doch nicht hinter einer dreifachen Mauer von Marmor, Eisen und Stahl, und ich habe nicht eher Ruhe, bis ich dieser Frauenseele ihr Geheimniß abgefragt –“

„Und sie unglücklich gemacht und ruinirt habe,“ ergänzte ich kalt und trocken, denn ich hatte allerdings, als ich ihn so vor mir sah in seiner Ruhe bei aller Leidenschaft, das unabweisliche Gefühl, daß er sein Ziel erreichen, daß er seinen Willen durchsetzen werde – aber was konnte dabei für das arme, schöne Geschöpf gutes herauskommen? Ein kurzer Traum von Glück, ein wonniger Rausch – und dann Elend, Herzeleid und Reue. Selbst eine leichte Bitterkeit lag im Ton meiner Worte – mich verletzte dieser siegesgewisse Uebermuth, und mir war, als müßte ich den bunten Falter verscheuchen, nach welchen ein wilder Knabe begehrlich die Hand ausstreckte; soll er ihn fangen, sich eine Weile seiner schimmernden Schwingen freuen und ihn dann, wenn der Staub von den Flügeln gewischt ist, verächtlich in den Straßenstaub werfen?

Und doch that ich Curt unrecht. Ich werde nie vergessen, welchen halb herben, halb traurigen Ausdruck sein Gesicht annahm, als er diesen Einwand hörte, auf den er wohl am wenigsten gefaßt gewesen war; es lag ein schmerzliches und vorwurfsvolles Staunen, aber auch die Bitterkeit eines auf den dürftigsten Schein hin Verdächtigten in dem Sichverschleiern seiner Augen, in dem Sichkräuseln seiner Oberlippe, und in fast melancholischem Ton erwidert er:

„Das ist nun die gepriesene Freundschaft – nicht einmal vor einer kleinen Eifersüchtelei hält sie Stand! Und Sie sind eifersüchtig, sonst würden Sie Sich sagen, daß ich in dem Mädchen entweder die Verwirklichung meines Ideals finde – in jeder Hinsicht – und dann kommen die ‚ehrlichen Absichten’ von selber, oder daß sie mich enttäuscht – was das Wahrscheinlichere ist – und dann bin ich mir viel zu gut für eine frivole Tändelei mit ihr, ganz abgesehen davon, daß es mir auch um das Mädchen leid wäre. Wie kommen Sie dazu, mich unter die berufsmäßigen ‚Lilienknicker’ zu werfen, deren Künste mir so unsäglich verächtlich sind, und deren Sinnen und Trachten etwas so Feiges und Hinterlistiges hat, daß mich’s instinktiv anwidert?“

Ich war entwaffnet und schämte mich meines Verdachts, und ich gestand beides ein – rückhaltlos, wie es meine Art ist. Aber ich konnte doch nicht umhin, ehrlich zu wünschen, daß Curt sich enttäuscht fühlen möchte; diese Enttäuschung wäre nicht einmal eine schmerzliche, und das Gegentheil müsse bei der Verschiedenheit der sozialen Stellung, bei den Vorurtheilen des Offizierstandes und den Plänen seines Onkels die heftigsten Kämpfe und vielleicht gar eine Katastrophe herbeiführen.

Er hörte mich gelassen und geduldig an und sagte dann ruhig und fast mitleidig-ironisch:

„Und das alles hat sich der Brausekopf natürlich nicht überlegt, er tappt natürlich blind und sorglos in das Abenteuer hinein und wird natürlich ganz betreten und verwirrt sein, wenn nicht alles so glatt gehen will, wie er möchte! Freilich – ich habe mich stets als kopflos und jeder Voraussicht entbehrend, gezeigt und bin daher neuer Streiche verdächtig! Gehen Sie [459] mir doch mit Ihren Hindernissen – die verlache ich! Das ist genau dasselbe, als wollten Sie mir die Hände mit Binsen binden, die zu zerreißen ein energischer Ruck genügt. Ohne Noth und ohne hinlänglichen Grund würde ich ja nicht alles, was ich bisher errungen, auf’s Spiel setzen, nicht meine Zukunft kompromittiren, aber wenn ich mich einmal mit Herz und Kopf verliebe – denken Sie gelegentlich einmal über den Ausdruck nach! – so wiegen all jene Rücksichten federleicht, es gibt überhaupt keine unübersteiglichen Hindernisse für zwei Menschen, die nicht blos ineinander verliebt sind, sondern die eingesehen haben, daß sie einander ergänzen, daß sie einander unentbehrlich sind, und daß sie durch feige Nachgiebigkeit eine Glücksmöglichkeit verscherzen, die sich ihnen schwerlich ein zweitesmal bieten wird. Es ist eine tiefernste Sache um eine Liebesneigung, wie ich sie verstehe, und wenn ich mir die Frage, ob ich nothfalls für dieses Mädchen jedes Opfer leichten Herzens bringen würde, nicht in aller Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit bejahen kann, so trete ich sicherlich zurück und wahre mir lieber meine Glücksmöglichkeit für später, als daß ich mich in einer Halbheit abmatte und meiner Seele beste Kräfte um nichts vergeude. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als daß eine Leidenschaft, die in einem Bruch endet, weil man beiderseitig zu der Ueberzeugung gelangt ist, daß man doch nicht für einander taugt, eine furchtbare Erschöpfung zurücklassen muß, die sich nie wieder ausgleicht; es gibt Empfindungen, die man nur einmal hat, Worte, die man nur einmal spricht; will man sich wieder von der Empfindung gefangen nehmen lassen, so malt der Zweifel sein häßliches Fragezeichen neben den innigsten Erguß, will das Wort sich wieder über die Lippe drängen, das man schon einmal sprach, so mokirt man sich unwillkürlich über sich selber und so ist alles nur halb und der Blüthe der Neigung sind die Kelchblätter ausgebrochen. Das klingt Ihnen vielleicht heillos exzentrisch für einen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, der aller Romantik abgesagt haben sollte, aber ich bin vielleicht hundert Jahre zu spät zur Welt gekommen – kurz, ich habe diese Ueberzeugung, sie hört nicht auf, mich zu warnen und sie macht mich besonnen, vorsichtig, mißtrauisch, alles, was sie wollen – auch ihrem geheimnißvollen Waldkinde gegenüber, das gar nicht in besseren Händen sein kann, als in den meinen – sogar die Ihrigen nicht ausgenommen, so hübsch Sie Sich ihr gegenüber benommen haben.“

Das waren so unzweifelhaft keine wohlfeilen Tiraden, es war so sichtlich der Ausdruck tiefinnerster Ueberzeugung, und es stimmte so gut zu allem, was er bisher in Scherz und Ernst über seine innere Stellung zu Herzensangelegenheiten geäußert hatte, daß ich halb hingerissen und doch mit einem leichten Seufzer allen weiteren Einspruch aufgab und ihm nur versicherte, daß wir keine Rivalen sein würden. Bei mir war doch alles nur ein Spiel der Phantasie mit meinen Hagestolzskrupeln gewesen und jede ernstliche Bewerbung um das eigenthümliche Mädchen war mir als so aussichtslos erschienen, daß der Verzicht wahrhaft keine Selbstüberwindung erforderte.

[469] Das schien Curt sehr lieb zu sein; er lächelte, als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen und sagte fast aufgeräumt:

„Das ist ja prächtig – nun können Sie mir vielleicht gar den ersten Schritt erleichtern, der vielleicht zugleich der letzte ist. Würden Sie ihrer Wirthin, die ja das Mädchen kennt, vorstellen, daß ein achtbarer junger Mann aus guter Familie sich ernstlich für das einsame Kind interessire, sie kennen zu lernen wünsche und doch nicht mit der Thür ins Haus fallen möge, auch in unverfänglicher Weise sich darüber orientiren möchte, ob sie mehr als blos schön sei und ihr deshalb ein Theaterbillet in die Hände zu spielen beabsichtige, um den Platz neben ihr sich sichern und während der Zwischenakte ein Gespräch mit ihr anknüpfen zu können? Anonyme Zusendung würde voraussichtlich nichts nützen und bei dem ganzen kleinen Plan sei doch gewiß nichts unehrenhaftes und nichts, was sie nicht vor Gott und Menschen verantworten könne; doch – das wissen Sie alles besser als ich, und ihre Wirthin für den harmlosen Plan zu gewinnen, wird Ihnen ein leichtes sein. Ich komme natürlich nicht in Uniform, sondern in Civil, um das Mädchen nicht von vornherein stutzig zu machen; daß sie mich kennt, d. h. schon gesehen hat, ist wohl nicht anzunehmen; ich bin ja immer erst in der Dämmerstunde gekommen, und sie sieht wahrhaftig nicht danach aus, ob sie nach zweierlei Tuch ausluge und für eine Offiziersschwärmerei empfänglich sei.“

Die Zumuthung war eine etwas starke, aber Curts humoristisch gefärbte Spannung auf meine Antwort reizte mich, zudem lag mir daran, ihm zu beweisen, daß ich mir das Mädchen völlig aus dem Kopfe geschlagen hätte, und ich willigte ein. Der arme Junge, ich habe ihm einen schlimmen Dienst damit erwiesen!

Ohne weitere Worte drückte er mir dankbar die Hand – mein Eingehen auf seine Idee schien ihn geradezu zu rühren und er rechnete es mir hoch an; er hatte eine hohe Meinung von Männerfreundschaften und jede Handlung, die diese Meinung unterstützte und rechtfertigte, war ihm eine reine Freude.

„Und nun nichts mehr von diesem Argonautenzug nach dem goldnen Vließ,“ sagte er dann; „wer weiß, ob wir wieder darüber reden.“

Und er brachte das Gespräch auf neue doré’sche Illustrationen, die er den Tag zuvor gesehen hatte, und als er mich verließ, mußte ich mich gewaltsam an die einzelnen Phasen unseres Gesprächs über meine Nachbarin erinnern, so geflissentlich war er bemüht gewesen, den Eindruck desselben abzuschwächen und mich auf andere Gedanken zu bringen.

Er schien es auch gar nicht eilig mit der Ausführung seines Plans zu haben, denn mehrere Tage ließ er nichts von demselben verlauten, und es war, als existire das Mädchen gar nicht für ihn. Ich kaprizirte mich andererseits darauf, ihn nicht zu fragen, bis er eines Abends, als wir um die Promenade schlenderten, um nach einem ungewöhnlich heißen Herbsttag die erquickende Nachtkühle zu genießen, von freien Stücken begann:

„Sie wundern sich jedenfalls, daß ich mit dem Eröffnen der Approchen und Parallelen zögere, aber ich wollte erst das Ergebniß der Erkundigungen abwarten, die Linsingen (der lebenslustigste von seinen Kameraden) in den Kreisen unserer „flotten“ Offiziere einziehen wollte. Er selber ist noch nicht lange genug in Prag, um alle Geheimnisse der Kasinos zu kennen, aber er hat überall herumgehorcht und nur günstiges erfahren. Unsere berufsmäßigen Roués kennen sie natürlich und haben in ihrer Weise Jagd auf sie gemacht, aber sie hören nicht gern von ihr reden und werden verdrießlich bei Nennung ihres Namens; der eine hat sie „überspannt tugendhaft“ genannt, der andere als einen „wahrhaften Tugenddragoner“ bezeichnet, keiner aber hat sich gerühmt, auch nur das geringste bei ihr erreicht zu haben. Und sie wissen doch, daß in Bezug auf die Tugend unserer Frauen und Mädchen aller Stände die Offizierskasinos die zuverlässigsten Auskunftsbureaus sind und daß man sich da nicht als durch Diskretion gebunden erachtet.“

Ein paar Tage später brachte er mir das Billet; man gab im deutschen Theater „Donna Diana“ in sehr guter Besetzung. Unser Plan glückte, wie sich das hatte voraussehen lassen. Meine brave Wirthin hatte ein viel zu lebhaftes Interesse für das schöne Geschöpf und eine viel zu hohe Meinung von der Glückseligkeit des unter die Haube Kommens, um nicht bereitwillig die Hand zu bieten und unbedingte Verschwiegenheit zu geloben; sie hätte freilich zur Salvirung ihres Gewissens gern gewußt, wer der vermögende junge Mann mit den reellen Absichten sei und einiges über seine Familienverhältnisse erkundschaftet, aber sie ließ sich auf die voraussichtlich rasche Entwickelung des kleinen Romans vertrösten und konnte ja hoffen, schon nach der Vorstellung zu erfahren, wer der Nachbar des Mädchens gewesen war. Diese aber hatte keinen Grund, das Billet abzulehnen, das meine Wirthin angeblich [470] infolge eines häuslichen Vorfalls nicht selber benutzen konnte, und so war denn Curt für einen langen Abend im Hintergrund einer Loge der Nachbar des originellen Waldkindes und hatte vollauf Gelegenheit, sie zu sondiren.

Es war mir während dieses Theaterabends recht unbehaglich-widerspruchsvoll zu Muthe. Was sollte ich wünschen – daß das Mädchen einen geradezu hinreißenden oder einen unbedingt abstoßenden Eindruck auf Curt machte? Wir hatten verabredet, uns nach der Vorstellung im Café zu treffen, er wollte dem Mädchen, um sie nicht etwa in Allarm zu setzen und mißtrauisch zu machen, seine Begleitung nach Hause nicht anbieten und thun, als setze er als selbstverständlich voraus, daß sie abgeholt werde, und bei dieser vorsichtigen Taktik hatte er es denn auch bewenden lassen.

Er kam eigenthümlich angeregt, mit leuchtenden Augen und leicht gerötheten Wangen ins Café, und hatte bereits schweigend ein Glas Tschai geschlürft und seine Virginia lange nachdenklich betrachtet, als ihn mein erwartungsvolles: „Nun, wie gefällt sie Ihnen? – so erzählen Sie doch!“ zum Rapport zwang. Dieser Rapport fiel so lakonisch als möglich aus.

„Sehr, sehr gut – sie hat ein fühlendes Herz und einen logischen Kopf und die beiden zusammen geben erst die rechte Harmonie. Ich gehe jedenfalls weiter.“

Damit sollte ich abgespeist werden, aber das genügte mir begreiflicherweise nicht, und ich bat mir Details aus, die er denn, zögernd und widerstrebend wie ein Geizhals, gewährte.

Ich war vor ihr im Theater gewesen, und indem sie neben mir Platz nahm, ignorirte sie mich vollkommen und ging ganz und gar im Stück auf; daß sie mich nie gesehen oder mich wenigstens in der Civilkleidung nicht erkannte, war sofort außer Zweifel und dieser Umstand gab mir alle Sicherheit, deren ich bisher ermangelt hatte. Noch vor Ende des ersten Akts erlaubte ich mir, bemerkend, daß sie ohne Opernglas war, ihr das meinige zur Verfügung zu stellen, da mir das Pincenez genüge und diese ohne Ziererei und ohne übertriebene Dankbarkeit mit dem bescheidenen Selbstgefühl der geborenen Dame angenommene Artigkeit bildete den Ausgangspunkt eines Zwischenaktsgesprächs über das Stück, das dem selbstthätigen Verstand des Mädchens alle Ehre machte. Sie zeigte sich nicht eigentlich gesprächig, aber die Urtheile, welche sie mit der vollen Sicherheit der Ueberzeugung abgab, waren so hübsch formulirt und verriethen so viel Scharfsinn, daß ich mich unwillkürlich fragte, woher sie diese Kenntniß des Menschenherzens habe und ob dieselbe etwa nur eine intuitive sei; über allem, was sie sagte, lag es aber zugleich wie ein feiner Hauch von Mädchenhaftigkeit, der mich entzückte. Daß ich ihr auch nicht das geringfügigste Kompliment gemacht habe, ist wohl eine überflüssige Versicherung; Sie wissen sehr genau, daß ich eine geringe Meinung von den Frauen habe, denen ein Kompliment schmeichelt und daß ich mich für die Pein, die es mir verursachte, mit den gewöhnlichen Hofmachern zu konkurriren, dadurch räche, daß ich ein geringschätziges Urtheil über den Geschmack und über den Verstand der Betreffenden fälle. Das Mädchen war so unbefangen mir gegenüber, daß ich in Zweifel bin, ob ich darin eine indirekte und unabsichtliche Schmeichelei, d. h. einen Beweis von unwillkürlichem Vertrauen, oder eine ebenso indirekte und unabsichtliche Lektion für meine Eitelkeit, d. h. einen Beweis von Gleichgültigkeit zu sehen habe. Von all den kleinen Künsten ihres Geschlechts, deren man mit der Zeit müde wird, weil man sie ja doch mühelos durchschaut, keine Spur; dabei ein Organ von einer Tiefe und Fülle, von einem Wohllaut und einer Biegsamkeit, die selten sind – in der Klangfärbung etwas zugleich Wildes und Süßes, das freilich herausgefühlt sein will, so diskret ist es angedeutet.“

Das alles kam freilich nicht zusammenhängend, sondern in abgerissenen Sätzen heraus, die Curt halb träumerisch, mehr vor sich hin, als zu mir sprach, als rekapitulire er diese ersten Stunden an der Seite des ungewöhnliche Mädchens, und als suche er sich Rechenschaft abzulegen über den Zauber, den sie auf ihn ausgeübt. Seine Augen aber verloren ihr Leuchten nicht und um den Mund spielte ein ganz leises, aber so glückliches Lächeln, daß mir kein Zweifel blieb – das Mädchen hatte es ihm angethan und wenn er überhaupt wieder von ihr loskam, so geschah es nicht leichten Kaufs. Daran, daß er dem Mädchen vielleicht nicht halb so gut gefallen könne, als sie ihm, dachte ich wahrlich nicht; die Parteilichkeit der Freundschaft tödtete jede derartige Hypothese im Keime, und dann konnte man sich die beiden Menschen in der That gar nicht anders als zusammengehörig denken. Dennoch glaubte ich, Curt daran erinnern zu müssen, daß es doch nicht blos darauf ankomme, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht habe, und er nahm mit das keineswegs übel.

„Das ist ja sehr leicht möglich,“ gab er mir zurück; „ich bin durchaus kein Adonis, und wenn ich’s wäre, so haperte es immer noch; es gibt Frauen genug, die von den ‚schönen’ Männern nichts wissen mögen und es noch eher mit einer charaktervollen Häßlichkeit halten. Ich halte mich auch durchaus nicht für unwiderstehlich, aber wenn es mir nicht gelingt, in dem Mädchen dieselbe heftige Neigung zu entzünden, deren ich mich für sie fähig fühle, so werde ich mich deswegen wahrhaftig nicht ins Grab legen. Damit ist eben nur bewiesen, daß ich mich geirrt habe, denn ‚unglückliche’ Liebe ist ein Unsinn, ein Unding, eine Unwürdigkeit, wenn man darunter etwas anderes versteht, als eine Liebe, die an äußeren Verhältnissen Schiffbruch leidet. Sie kann tragisch sein; einseitige, unerwiderte Liebe aber – geht mir mit der, die ist einfach verächtlich! Was liegt an dem Besitz, den ich erkaufen oder erzwingen, erschmeicheln oder erbetteln muß, der mir nicht freiwillig und doch gezwungen, aber gezwungen nur von einem süßen und unwiderstehlichen Verwandtschaftszug, geschenkt wird? Nach einer Frau zu schmachten, der ich gleichgültig bin – glauben Sie, daß ich mich jemals so weit erniedrigen würde? Der zwingende Verwandtschaftszug, der in den Zusammengehörigen, allen Verhältnissen zum Trotz, waltet, ist für mich das Primäre – der Besitz etwas Sekundäres; man muß sich zur Noth ohne ihn behelfen können, aber niemals darf man sich mit ihm zufrieden geben, und wer das thut, der wird mich, den werde ich nie verstehen.“

Ich konnte auch dieses Stück Philosophie nicht widerlegen, erlaubte mir aber die nüchterne, praktische Frage:

„Was nun? d. h. wie nun weiter?“

„Das will überlegt sein, doch macht mir das wenig Sorge – möglich, daß ich einen sehr großen Umweg mache, möglich auch, daß ich in vollster Ehrlichkeit geradeaus gehe und mich auf die natürliche Beredtsamkeit einer echten Neigung verlasse. Uebrigens müssen Sie mir nun einen Gefallen thun: fragen Sie mich fortan nicht mehr. Sobald ich festen Fuß gefaßt habe und übersehen kann, wie sich das weitere entwickeln wird, komme ich ganz von selber; es wird mir dann sogar ein Bedürfniß sein, mich Ihnen gegenüber auszusprechen. Uebergehe ich diese Seite meines Lebens mit Stillschweigen, so können Sie immer annehmen, daß es mir eine Pein wäre, Auskunft geben zu sollen.“

Dabei hielt er mir mit einem fast bittenden Blick die Hand hin und ich schlug ein – um für eine ganze Reihe von Wochen im Dunkeln gelassen zu werden und mich vergebens in Muthmaßungen zu erschöpfen.

Ich kann nicht gerade sagen, daß er mich in dieser Zeit weniger oft aufgesucht hätte; wäre das geschehen, so hätte sich ja auf häufige Rendenzvous schließen lassen. Aber es kam mir vor, als suche er unser Beisammensein abzukürzen – geschah das nur, weil er sich nach ungestörtem Alleinsein sehnte? Möglich war das schon, denn er war fast immer zerstreut und in Gedanken, und seine Gesprächigkeit hatte etwas Erzwungenes, seine Heiterkeit, die im allgemeinen seltner wurde, aber zuweilen höher und heller aufflackerte, als je zuvor, schien mir überreizt zu sein. Den einen Abend sah ich ihn weich und wie von einer unsäglichen süßen Träumerei gefangen genommen, den nächsten Abend war er schmerzlich gespannt, fast düster, und seine Augen bekamen öfter und öfter einen Ausdruck von Müdigkeit, der mich ernstlich beunruhigte. Die Gleichmäßigkeit der Grundstimmung machte Schwankungen Platz, die zwischen nervöser Unruhe und melancholischer Apathie hin und her irrten; er fing an, vieles zu toleriren und zu übersehen, was ihn früher unfehlbar in Harnisch brachte, und Dinge, die er sonst mit einem humoristischen Lächeln abfertigte, bekamen allmählich die Macht, ihn unwirsch und gereizt zu machen, sodaß ich ihn oft überrascht und besorgt betrachtete und im stillen den Kopf schüttelte. Er nahm es mit seinen dienstlichen Obliegenheiten strenger als je und trieb seine privaten Studien mit einem leidenschaftlichen Eifer; die einsamen nächtlichen Streifereien in der Umgebung und die nächtlichen Parforceritte schienen jetzt einen integrirenden Bestandtheil seiner Lebensweise zu bilden und von einem Verkehr mit den Kameraden und vollends von gesellschaftlichen Beziehungen war kaum mehr die Rede.

Ich sah das alles Tag für Tag mit an und oft schwebte mir eine theilnehmende Frage auf der Lippe. Ich wußte, wie [471] wenig der Rath des Erfahrenen und durch eigenen Schaden Gewitzigten der raschen Jugend gilt und wie wenig er ihr nützt, aber vielleicht hatte sich Curt in eine von den Sackgassen verrannt, in denen es für den Kenner des Weltlaufs und der Menschenherzen immer noch ein Pförtchen gibt, durch das ein wohlbehaltenes Entschlüpfen ermöglicht wird – war es nicht die Pflicht des älteren Freundes, ihm den Mund zu öffnen? Aber dann besann ich mich auf mein Versprechen und wartete wieder, überzeugt, daß er schließlich von selber das Schweigen brechen werde; bei der Erregtheit, in welcher er sich befand, lief ich Gefahr, kühl und schroff an unsere Absprache erinnert zu werden.

Eines Abends war er wieder so aufgeräumt und innerlich froh gewesen, wie lange nicht; denkt euch also mein Erstaunen, als ich ihn am andern Abend, ungemeldet bei ihm eintretend (Jehan hatte längst die Weisung, mir gegenüber alle Zeremonien wegfallen zu lassen) im dämmerigen Zimmer in einer Gemüthsverfassung fand, die mich heftig erschrecken mußte. Er hatte den einen Arm auf die Lehne des Divans gelegt und sein Gesicht lag auf diesem Arm; die schlaff niederhängende andere Hand hielt einen Brief und seine Zähne schlugen wie im wildesten Fieber hörbar aufeinander. Unschlüssig blieb ich in der Mitte des Zimmers stehen; Curt gehörte zu den Menschen, die mehr ein Gegenstand der Ehrfurcht, als des Mitleids sind, wenn jeder Nerv in ihnen in leidenschaftlichem Schmerz zittert und zuckt, und ich kannte ihn genug, um mir zu sagen, daß es ihm furchtbar peinlich gewesen wäre, zu wissen, daß ich Zeuge war, wie er unter der Wucht eines Wehs erlag, an dem – eine Frau die alleinige Schuld trug. Ich wollte eben geräuschlos meinen Rückzug bewerkstelligen, als Jehan den Armleuchter mit brennenden Kerzen ins Zimmer brachte; sein schwerer, knarrender Tritt riß Curt aus seiner Versunkenheit empor und wie taumelnd und geblendet starrte er einen Moment in die Helle. Es war ein Moment, aber er währte lange genug, um mich erkennen zu lassen, daß seine Augen und seine Wangen feucht waren von Thränen; im nächsten Augenblick hatte er in Scham und Trotz mit einer raschen Bewegung, deren Geschicklichkeit seiner Geistesgegenwart die höchste Ehre machte, das Gesicht getrocknet und den Brief unter die Bücher und Zeitungen auf dem Tisch geschoben und versuchte nun, mich glauben zu machen, daß er nur eine Viertelstunde habe ruhen wollen und darüber bei der zunehmenden Dämmerung eingenickt sei. Das klang alles so natürlich, so aufrichtig und einfach, daß er vielleicht unter anderen Umständen selbst mich getäuscht hätte; so aber hatte ich genug gesehen und wußte auch, daß ich ihm einen Freundschaftsdienst erwies, wenn ich mit keiner Miene verriet, daß ich einen so tiefen Blick in sein von bitterstem Leid zerwühltes Innere gethan, daß ich Zeuge seiner Schwäche gewesen war, und – wenn ich mich möglichst bald unter irgend einem Vorwand wieder entfernte.

Er machte keinen Versuch, mich zu halten, aber gleich am nächsten Morgen (ich lag noch zu Bett) erhielt ich durch die Stadtpost ein Billetchen, vermittels dessen er mich in Worten, die einen Grad herzlicher waren, als seine sonstigen gelegentlichen Zuschriften, aufforderte, am Nachmittag mit ihm eine Fußwanderung moldauabwärts – nach Königssaal zu – zu unternehmen – „damit wir uns einmal nach allen Richtungen hin aussprechen könnten.“

[480] Es war im Januar und bitter kalt; alle Wege und Stege weit und breit verschneit und das Vorwärtskommen theilweise recht schwierig. Ich habe nie eine besondere Vorliebe für das Marschiren um seiner selbst willen gehabt und mich viel mehr auf das bequeme ziellose Bummeln gelegt, das sich ja auch mit dem Suchen nach malerischen Motiven weit besser verträgt, diesmal aber hielt ich tapfer Schritt mit meinem jungen Freund, der die kalte klare Luft begierig einsog, als bedürfe er der Kühlung und der den Begriff Ermüdung gar nicht zu kennen schien. Der scharfe Ost hatte eine Röthe auf seine Wangen gezaubert, die ihm um so besser stand, als Haar und Schnurrbart wie gepudert aussahen, und als er sogar den Mantel aufknöpfte, da sah er wahrhaftig nicht aus, wie ein liebesiecher Schwärmer, den die schönen Augen irgend einer Grausamen um Schlummer und Appetit bringen.

Die zeitig einbrechende Dunkelheit setzte unserer Winterwanderung ein Ziel, und Curt, der bisher von allem nur Ersinnlichen geplaudert hatte, wurde stumm, als wir in der niedrigen, verräucherten Schenke eines weitab von der Straße gelegenen Dörfchens eingekehrt waren. Es herrschte ein eigenthümliches Helldunkel in diesem Zimmer, in den Ecken brütete die tiefste Finsterniß, die Lichter brannten wie durch einen Nebel und die paar Bauern, die um einen Tisch am andern Ende des Zimmers saßen und sich in geflüstertem Czechisch scheu aber eifrig unterhielten, wurden, je länger man nach ihnen hinsah, zu einer immer verworreneren und phantastischeren Gruppe.

Wir hatten unsere Gläser längst mit rothem Melniker gefüllt, als Curt, der bis dahin den Kopf in die Hand gestützt und sich nachdenklich und zaudernd die Unterlippe zernagt hatte, plötzlich mit unverkennbarer Selbstüberwindung begann:

„Sie haben mich gestern in einer schwachen Stunde überrumpelt, und sind so zartfühlend und rücksichtsvoll gewesen, Sich zu stellen, als hätten Sie nichts gesehen. Sie sollen mich aber auch nicht im stillen für einen thränenseligen Siegwart halten – es gibt wenig Dinge, die mir gleich fatal wären, wie der Gedanke, in einem solchen Verdacht zu stehen. Wüßten Sie allerdings, wie ich seit dem Ihnen bekannten Theaterabend die ganze Skala der Empfindungen auf- und abgejagt, wie ich ohne jeden Uebergang aus der heißen Zone des Gemüthslebens in die kalte gehetzt worden bin und umgekehrt, wie das innigste und stolzeste Glücksgefühl, die zuversichtlichste, sonnigste Hoffnung, der lähmende Zweifel, die ohnmächtige Verzweiflung und die unbändige Sehnsucht sich Tag für Tag und Stunde für Stunde mein Herz streitig gemacht und mich hin- und hergezerrt haben, Sie begriffen es, daß man zuletzt einmal nervös und matt wird und sich in seiner Hülflosigkeit Thränen abpressen läßt – nicht den linden Thau, der über rosige Mädchenwangen rieselt und den fließen zu lassen, mehr Genuß als Schmerz ist, sondern die salzigen Tropfen, die brennend über ein wettergebräuntes Gesicht laufen und von denen man denken möchte, daß sie unauslöschliche Furchen graben.“

Er sah düster in die trübe brennende Flamme der Kerze vor ihm und fuhr nach einer kurzen Pause fort:

„Es thut wenig zur Sache, wie alles gekommen ist und es würde auch eine zu lange Geschichte sein, ich will also nur skizziren. Die erste Annäherung an das Mädchen machte sich rasch und leicht, so rasch und so leicht, daß ich mir wohl sagen mußte, eine Kokette würde anders verfahren sein und sich mehr gesperrt und geziert haben. Es hat nur eines Briefs bedurft, allerdings nicht eines alltäglichen Briefs. Ich verstehe etwas von der Kunst, Briefe zu schreiben, und ich habe es mir angelegen sein lassen, nichts zu übersehen und nichts zu übereilen. Sie hätte eine Pessimistin vom reinsten Wasser sein müssen, um von dem einfachen, ehrlichen und achtungsvollen Ton meiner Worte nicht überzeugt zu werden; ich denke doch, es gibt noch eine Sprache, die wohl nachgeahmt, aber nie nachgemacht werden kann, eine Sprache, deren Echtheit oder Falschheit ein Frauenherz instinktiv herausfühlt, und in dieser Sprache habe ich zu ihr geredet. Ich habe den Brief ohne Zaudern und ohne Schwanken geschrieben und als ich ihn absandte, war es merkwürdig ruhig in mir – ich war so sicher, als hielt ich die zusagende Antwort bereits in der Hand. Ich wußte, ich hatte in der vollen Aufrichtigkeit meines Herzens ohne Falsch und ohne Hintergedanken geschrieben – war sie im Stande, dieser Sprache zu mißtrauen, so hätte ich sie bemitleiden müssen, zugleich aber die Ueberzeugung erlangt, daß sie zu den von Natur illusionslosen, nüchternen Frauen gehörte, oder zu denen, welche die Gesellschaft korrumpirt hat und denen keine Macht der Welt die Blüthe[WS 1] und den Duft der Seele zurückgeben kann; sie hätte dann keinen Reiz mehr für mich besessen und wäre am allerwenigsten mehr eine Gefahr für mich gewesen.

Sie hat mich verstanden – sie antwortete, daß sie lieber [481] ein Opfer ihres Glaubens an die Güte und den Adel der menschlichen Natur werden, als solchen Worten mißtrauen wolle; sie würde es vor Ekel in einer Welt nicht mehr aushalten, die ihr den Glauben genommen, daß das größte Genie an der Aufgabe scheitere, alle Grenzen zwischen Natur und Kunst zu verwischen. Sie sehe in meiner Frage, ob wir uns nicht von Zeit zu Zeit bei Aufführungen klassischer Stücke – an allen andern habe sie keine rechte Freude – im Theater treffen könnten, nichts, was sie beunruhigen könne und sie gestehe gern, daß unsere Zwischenaktsplauderei ihr den Abend noch genußreicher mache. Das war alles, aber Sie fühlen leicht heraus, warum mich gerade diese ernste, schlichte und ehrliche Antwort weit mehr erfreute, als eine phrasenreiche und sentimentale, und warum es mir im innersten Herzen wohl that, daß sie bei unserer nächsten Begegnung in der Loge mich so unbefangen begrüßte, als seien zwischen uns eine Menge Zeremonien überflüssig, die unter dem gewöhnlichen Menschenpack vielleicht unerläßlich sind.

Die Idealisten werden, so lange die Welt steht, immer wieder versuchen, das alte rührende Traumbild von einer uninteressirten, unbefangenen Freundschaft zwischen Mann und Weib zur Wahrheit zu machen, sie werden immer wieder ihr Herzblut an die Lösung der Aufgabe setzen, mit einem ihnen wahlverwandten Wesen des andern Geschlechts eine jener Freundschaften zu schließen, die alles von der Liebe haben, nur – die Schwingen nicht, auf denen die treulose gerade dann entflieht, wenn man ihrer am sichersten zu sein glaubt. Bei den Frauen ist dieser Traum freilich selten und muß es aus tausend Gründen physischer und moralischer Art sein – um so mehr beglückte es mich, daß Leontine in unzweifelhafter heiliger Aufrichtigkeit nach nichts strebte, als danach, diesen Freundschaftstraum zu verwirklichen, und die Schönheit dieser Illusion wirkte so mächtig auf mich ein und rührte mich so tief, daß ich, obgleich längst im klaren darüber, daß ich das Mädchen liebte, tagelang glaubte, ich würde auch mit der Freundschaft dieses seltenen Geschöpfs zufrieden sein. Sie bewies mir ein so bedingungsloses Vertrauen, daß ich ein Schuft hätte sein müssen, um dasselbe zu mißbrauchen, und nicht einmal meine Stellung im Leben mochte ich länger vor ihr verbergen; es hätte schließlich doch wie eine Unredlichkeit, wie ein berechnetes Operiren mit Hintergedanken aussehen können und diesen Augen gegenüber schämte man sich unwillkürlich jeder Falschheit.

Das Herz klopfte mir doch, als ich das erste mal in Uniform in die Loge trat, in der sie bereits ihren gewohnten Platz eingenommen hatte; sie war auch überrascht und sah mich groß und fragend an, aber sie lächelte gleich darauf, fast, als geschehe ihr ein Gefallen damit, daß ich Soldat war, und als ich sie fragte, ob sie nicht verwundert sei, erwiderte sie ruhig und einfach, aber mit einer Betonung, die mir unwillkürlich das Gefühl gab, als seien die Worte nur die Schlußfolgerung aus einem langen Vordersatz: ‚Warum? Für mich ist es doch völlig gleichgültig, welche Stellung Sie im Leben einnehmen – wir treffen uns doch nur auf dem neutralen Boden dieser Loge. Im übrigen’ – und das klang allerdings fast ein wenig resignirt – ‚laufen unsere Wege ja weit auseinander.’

Das Aufgehen des Vorhangs schnitt mir die Antwort ab; ich mußte den ganzen ersten Akt hindurch über den Sinn und die Tragweite dieser Worte grübeln, als ich jedoch in der Pause auf dieselben zurückgreifen wollte, bat sie, die schöne Zeit nicht mit solchen Debatten zu vergeuden, die wahrlich keinen Werth hätten, und sie sah dabei so traurig aus, so von Ahnungen bedrückt, daß ich mich beeilte, ihren Wunsch zu erfüllen.

Es war der erste Schatten, der auf mein junges Glück fiel; so oft ich mir auch einzureden suchte, daß diese leichten Nebel vor der Sonne meiner Liebe spurlos zerfließen und verwehen würden – immer wieder mußte ich mir sagen, daß in dem Gesicht, in der Stimme und in dem ganzen Wesen des Mädchens etwas sei, welches solchen Worten eine Bedeutung gebe, wie man sie sonst nicht einmal Frauenschwüren beilegt.

Fürs erste wurden ja diese Anwandlungen von Bangigkeit verscheucht von dem Herzklopfen, mit dem ich gewahrte, wie unsere rein menschliche Intimität sich immer inniger und inniger gestaltet und wie ahnungslos oder – willenlos Leontine sich dem süßen Zug ihrer Neigung überließ. Ich konnte mir nicht denken, daß sie so naiv sei, nicht zu bemerken, daß ihr mein Herz sehnsüchtig entgegenstrebte; trügten nicht alle Zeichen, so war sie sich wohl bewußt, was in ihr vorging und hielt es einerseits nicht der Mühe werth, gegen ihr Verhängniß anzukämpfen, und andererseits unter ihrer Würde, sich mir gegenüber zu verstellen, da sie sah, daß ich ihr Empfinden stürmisch erwiderte. Es war in dieser Offenheit, in diesem Verschmähen der kleinen Verstellungskünste, zu denen die andern Frauen gewohnheitsmäßig oder instinktiv greifen, ein Zug von Größe und Adel, der mich berauschte, aber – es war auch etwas eigenthümlich Melancholisches in diesem Allesgehenlassen, und sie gab mir oft Antworten, die in ihrer dunklen Weichheit tagelang in mir forthallten und aus denen ich entnehmen zu müssen glaubte, daß sie viel weiter sah als ich und daß, was sie sah, traurig war, traurig zum Sterben.

So lagerte es auch über der Zeit vor dem ersten Kuß wie eine beklemmende Schwüle, wie jene knospensprengende Aprilschwüle, die uns bei Veilchenduft und Finkenschlag oft trauriger macht, als, trotz Laubfall und Marienfädenziehen, ein Oktobertag. Es verstand sich bald von selbst, daß ich sie vom Theater heimbegleitete, und wenn sie mich in der Nähe ihrer Wohnung verabschiedete, so wußte ich aus ihrem eignen Munde, daß es ‚nur der Leute wegen’ geschah; sie hatte die Entschuldigung mit einem so verächtlichen Achselzucken begleitet, daß ich sie auf offener Straße hätte küssen mögen. Sie bewilligte mir auch andere Begegnungen und ließ mich nie warten, und sie bewilligte alles ohne Befangenheit, ohne Zaudern und ohne Ziererei, selbst ohne das übliche ‚purpurne’ Erröthen – es war, als hätte sie die Frage auf der Zunge; ‚Warum hast du das nicht schon längst vorgeschlagen? Wir haben keine Zeit zu verlieren, wir müssen eilen, wenn wir eine kurze Zeit glücklich sein wollen, sonst kommt der Tod oder sonst ein dunkles Verhängniß und reißt uns auseinander.’ So kamen wir zum „du“. Es entschlüpfte mir ohne jede Absicht – als ich das betheuern wollte, sagte sie ernst: ‚Warum vertheidigst du dich? Laß uns immerhin „du“ sagen, wir beide werden dieses du gewiß nicht entweihen und haben ein größeres Recht auf dasselbe, als tausend andere.’ So kamen wir zum ersten Kuß. Es war eine kalte, windige Nacht und der Sturm hatte ihren Schleier an einer Seite losgerissen; ich fing ihn ein, und als ich ihn sorgfältig wieder drapiren wollte, sah ich, daß eine schwere Thräne in ihren Augen stand. Wir hatten von ihrem Vater gesprochen, an dem sie mit einer an religiöse Verehrung grenzender Pietät hing, und ich hatte gefragt, ob er sich nicht freuen würde, wenn er uns zusammensähe. ‚Tief genug war er dazu – er sagte oft, daß die menschlichen Dinge sich nicht nach einer Schablone beurtheilen ließen, und daß man nothwendig lieblos, ja grausam werde, wenn man an alle Menschen und an alle Verhältnisse denselben Maßstab lege; für den einen sei er zu klein, für den andern zu groß.’ Dabei sah ich die großen, dunklen Augen, die sich im Theater bei einer ergreifenden Szene freilich leicht feuchteten, zum ersten male in hellen Thränen, und als ich ihr überrascht und mit scheuer Lippe die glänzenden Tropfen unwillkürlich aus den Lidern küßte, lächelte sie nachdenklich und weich und – bot mir den schönen Mund selbst zum Kuß.

Ich wollte den Erzähler unterbrechen, aber er wehrte mit der Hand bittend ab und sagte hastig:

„Ich weiß, was Sie sagen wollen – Sie können nichts sagen, was ich mir nicht selber schon in schlaflosen Nächten fiebernd vorgestellt, was ich nicht nach allen Seiten erwogen hätte. Wir beiden haben uns nichts mehr zu sagen; sie hat das Geständniß meiner unauslöschlichen Neigung durch einen Ausdruck von Leidenschaftlichkeit erwidert, dessen Ungestüm nur seiner Zartheit, dessen Rückhaltlosigkeit nur seiner gedankenvollen Weichheit gleichkam. Sie nannte sich das glücklichste Geschöpf auf der weiten Erde, sie küßte meine Hände und badete sie in Thränen, sie war so froh, wie ich sie nie gesehen, und es war ein Leuchten in ihren Augen, als sei alle Schwere der Körperlichkeit von ihr gewichen, aber als ich sie meine Frau nannte, als ich ein Bild wahren, reinen Gattenglücks ihr aufrollen wollte, da legte sie wie in tiefem Erschrecken die Hand auf meinen Mund und bat fast flehentlich: ‚Sprich davon nicht, es ängstigt mich.’ Und dabei ist es geblieben, und alle meine Bitten und Vorstellungen und Beschwörungen haben nichts gefruchtet. So oft ich in Stunden überströmender Zärtlichkeit auf eine Verbindung zwischen uns anspielte, so oft ich Zukunftspläne entwarf, so oft ich sie fragte, wann sie ganz mein werden wolle, stets wich sie aus, stets suchte sie mich durch einen Scherz oder eine garziöse Zärtlichkeit auf andere Gedanken zu bringen, und wenn alles nicht fruchten wollte, dann bildete sich ein unsäglich schmerzlicher Zug um ihren Mund, es war, als verschleierten sich ihre Augen und sie bat ernst und [482] traurig: ‚Quäle mich nicht! Wer wird daran denken? Nur die gegenwärtige Stunde gehört uns – warum soll sie getrübt werden? Du wirst es bereuen – wer weiß, wie bald!’

Ich kann Ihnen nicht erklären, wie es kommt, daß ich mich so lange durch diese Ausflüchte hinhalten ließ, daß sie niemals einen Verdacht in mir erweckten, daß ich die Frage, ob ein Geheimniß zwischen uns stehe, nicht an sie zu richten wagte. Und als ich endlich so weit war, als ich den Muth zu dieser verzeihlichen Frage gefaßt hatte, da kam sie mir, als wisse sie alles, als lese sie mir jede Regung der Seele vom Gesicht ab, zuvor, indem sie mir die kleine Locke aus der Stirn strich und scherzend fragte: ,Was denkt und grübelt man da wieder? Glaubt man einem Geheimniß auf der Spur zu sein, daß man ergründen will? Ach, mein Freund, wenn du wüßtest, wie wenig das Wort Geheimniß Sinn hat, wenn es mit mir in Verbindung gebracht wird, und wie es mich nur geheimnißvoll erscheinen läßt, daß ich so gar kein Geheimniß habe, und vor dir vollends nie eins haben könnte und haben werde!’

Mündlich und schriftlich habe ich sie um eine Zusage bestürmt, mündlich wie schriftlich hat sie mich gebeten, kein Versprechen zu verlangen, und es war so viel schmerzliche, leidenschaftliche, nervöse Innigkeit in der Bitte, mir an ihrer Liebe, an ihrer ganzen, vollen, rückhaltlosen Liebe genügen zu lassen, daß ich mich immer wieder entwaffnen ließ und mich immer wieder fügte, bis die Ungewißheit dieses ‚in den Tag hinein’ Lebens mir eine neue Frage, eine neue Bitte abzwang. Was weiter werden soll, wie lange ich dieses Hangen und Bangen (oder Langen und Bangen nach der Lesart der Goethekenner – die Herren scheinen nicht zu ahnen, wie gleichwerthig für einen Verliebten beide Lesarten sind!) ertrage – ich weiß es nicht!“

Und er stützte den Kopf wieder in die Hand und starrte düster in die trübe Flamme des tropfenden Unschlittlichts. Ich gestehe, mir war dabei nicht wohl; ein so scharfer und richtiger Menschenbeobachter Curt auch sonst war, der Geliebten gegenüber, die seine Phantasie gefangen genommen, war er es gewiß nicht. Um sie lieben zu können, mußte er sie vorher zu einem fleckenlosen Geschöpf von idealer Reinheit und Güte machen, und gelingt es einer Frau, diesen Glauben im Herzen eines Idealisten zu erwecken, woran sie sehr unschuldig sein kann, so kann sie darauf hin lange ungestraft sündigen: der Träumer wird viel lieber und leichter den dunklen Abmahnungen und Warnungen seines Gefühls mißtrauen, als der Geliebten, und er wird sich mit dem Scharfsinn von zehn Juristen bemühen, alle ihre früheren und gegenwärtigen Handlungen, wie fatal sie auch seine reizbare Empfindlichkeit berühren, wie unangenehm auch der Beigeschmack sei, den sie für ihn haben, zu beschönigen, zu erklären, zu rechtfertigen, und sie so lange zu drehen und zu wenden, zu glätten und zu poliren, bis sie sich endlich doch mit seiner abgöttischen Verehrung vertragen. Und unsereiner steht dabei, findet gar mancherlei bedenklich, stößt überall auf ein Defizit an Innigkeit, an Ehrgefühl und an Respekt vor der Wahrheit und kann nicht recht begreifen, was der so Hellsehende und Spottlustige an diesem bei mancher guten Eigenschaft mit argen Fehlern Behafteten und jedenfalls nicht über das Durchschnittsniveau emporragenden Geschöpf gefunden hat, um das wir uns nicht halb so viel Mühe geben würden wie er und das uns sogar nach mancher Richtung hin eine entschiedene Abneigung einflößt.

Wird freilich dem Idealisten der unwiderlegliche Beweis geliefert, daß die Frau, die er vergötterte, ein sehr sterbliches und gebrechliches Menschenkind ist, das vielleicht sogar über eine nicht alltägliche Dosis Falschheit und Hinterlist verfügte, so ist der Umschlag um so gewaltsamer und vollständiger. Dann ist an der ihres Nimbus Entkleideten nichts mehr, weswegen man sie lieben oder nur achten könnte; die bunten Steine, die zu einer kunstvollen, in den Farben sorgfältig abgetönten Mosaik zusammengefügt waren, haben, aus diesem Zusammenhange gerissen, keinen Werth mehr, und derselbe Träumer, der erst nichts Lieblicheres, Heiligeres und Verehrungswürdigeres kannte, als das Frauenbild, vor dem er die stolzen Knie beugte, wendet der in ihrer wahren Gestalt Erkannten mit dem Achselzucken der Verachtung, mit dem bittern Lächeln der Enttäuschung den Rücken und nur das Ehrgefühl des Gentleman hält ihn ab, sie zu einem Gegenstande des Spottes zu machen. Es wäre ganz vergebens, ihn zur Gerechtigkeit gegen die guten Seiten der von ihrem Piedestal Gestürzten aufzufordern, er würde geringschätzig erwidern, einige gute Seiten habe jeder Mensch, mit denen sei er aber nicht zufrieden.

In beiden Stadien ist diesen excentrischen Naturen nicht zu helfen; sie sind im einen Falle blind und taub für die Gebrechen, im andern für die Vorzüge ihres Idols. Dennoch brachte ich es nicht über’s Herz, alle Bedenken zu unterdrücken, die während dieser Erzählung in mir aufgetaucht waren und mit wachsender Hartnäckigkeit sich bei mir einzunisten suchten. Ich erlaubte mir anzudeuten, es sei bei aller Liebenswürdigkeit und Achtbarkeit des Mädchens doch nicht schlechthin unmöglich, es sei wenigstens nicht total undenkbar, daß ihre Vergangenheit – gewiß ohne ihr Verschulden – ohne irgend einen Leichtsinn ihrerseits, höchstens infolge unklugen kindlichen Vertrauens zu gewißenlosen Menschen, irgend einen dunklen Punkt aufzuweisen habe, dessen Wichtigkeit ihr reizbares Ehrgefühl und ihre Liebe sich übertrieben, und daß sie Curt zu sehr liebe, um den Verlust seiner Liebe nicht zu fürchten und dieses gefürchtete Ereigniß nicht so lange als möglich hinauszuschieben.

[493] Ich hätte mir diese Erwägungen sparen können und all’ die vorsichtigen Verklausulierungen meiner Bedenken dazu. Curt hörte mich höflich und geduldig, aber mit der Miene eines Zerstreuten und Gelangweilten an und sagte, als ich geendet, mit einer Sicherheit, die meiner eignen Unsicherheit zu spotten schien:

„Und Sie meinen also wirklich, das seien sehr scharfsinnige Bemerkungen und für mich ganz neue Gesichtspunkte? Wirklich, ich habe Sie für erheblich geistreicher gehalten und geglaubt, daß Sie so gütig sein würden, mir auch ein klein wenig mehr Geist zuzutrauen. Ich habe, seit ich dem Mädchen in die räthselhaften Augen gesehen, Tag und Nacht fast nichts gethan, als über sie nachgedacht, und sie hat mir in einer ganzen Reihe von höchst interessanten und merkwürdigen Briefen, welche dem durch die Stunden des Beisammenseins nicht befriedigten Mitteilungsdrang genüge thun mußten, gerade genug Material geliefert – glauben Sie, ich sei nicht auch gelegentlich über den Gedanken an einen dunklen oder wunden Punkt gestolpert? Aber das alles ist nichts als nichtiges Kombiniren und ins Blaue hinein Rathen; ich kenne Leontine, und ich sage Ihnen, es ist eine moralische Unmöglichkeit, daß derartige Erlebnisse ihren Seelenfrieden stören und den Widerspruch in ihre Liebe zu mir bringen. So fest bin ich davon überzeugt, daß ich meinen Kopf zum Pfande setze, auch Sie werden dem Mädchen, nachdem Sie eine Stunde mit ihr geplaudert haben, Ihren Verdacht im stillen abbitten und sich vorwerfen, durch denselben beinahe so etwas wie eine kleine Nichtswürdigkeit begangen zu haben.“

Ob mein Gesichtsausdruck dieser Versicherung doch eine gewisse Skepsis entgegensetzte? ob Curt schon vorher halb und halb entschlossen war, meine Vermittlung in Anspruch zu nehmen? Ich weiß es nicht; jedenfalls fragte er, ob ich es nicht darauf ankommen lassen wollte; ich würde ihm einen großen Freundschaftsdienst erweisen, wenn ich mich als sein Gesandter in offizieller Mission zu ihr begeben und den Versuch machen wollte, aus ihr herauszubringen, was sie veranlasse, allen seinen Anspielungen auf eine eheliche Verbindung ein fast ängstliches Abwehren entgegenzusetzen, und die Bitte, sie nicht zu quälen, sondern alles der Zeit zu überlassen.

Ich nahm den eigenthümlichen Vorschlag mit sehr gemischten Empfindungen auf. War ich auch von Herzen gern erbötig, alles nur Ersinnliche für meinen jungen Freund zu thun, lockte es mich auch mächtig, die persönliche Bekanntschaft meiner schönen und nach dem Urtheile des ganzen Hauses völlig unnahbaren Nachbarin zu machen, so stieß ich mich denn doch an die „offizielle Mission“ und hatte dessen und meiner Befürchtung, dieselbe werde sehr resultatlos verlaufen, kein Hehl.

Damit erzielte ich freilich weiter nichts, als daß Curt laut auflachte, so überaus drollig kam es ihm vor, daß ich in aller Unschuld die „offizielle Mission“ für baaren Ernst genommen hatte; ich lernte später einsehen, daß diese Heiterkeit eine sehr berechtigte war und daß ich mich einer großen Naivetät schuldig gemacht hatte. Curt bat mich, rasch wieder ernst werdend, wegen seines Gelächters um Vergebung; ich könne ja nicht wissen, daß er nur gescherzt, und wie komisch der Gedanke für ihn sei, einem andern zu seiner Geliebten zu schicken, damit er ihr womöglich eine Einwilligung ablocke, die sie ihm verweigere. In Wirklichkeit müsse eine passende Gelegenheit abgewartet werden und dann wolle er versuchen, ob er mich unter einem unverfänglichen Vorwand mit Leontine allein lassen könne; mir müsse es nachher überlassen bleiben, ob ich einen passenden Anknüpfungspunkt für ein Gespräch fände, das mir die gewünschten Aufschlüsse liefere. Daß ich dem Mädchen gegenüber keinen faux pas begehen und ihr Feingefühl nicht verletzen würde, wisse er; damit mache er mir übrigens noch nicht einmal ein Kompliment, denn so empfindlich sie sei, so unfehlbar flöße sie auch jedem, mit dem sie eine Viertelstunde gesprochen, die Ueberzeugung ein, einer Dame gegenüberzustehen, und er schlage instinktiv den Ton an, auf den sie Anspruch erheben dürfe.

Die passende Gelegenheit hat sich gegeben, wenn auch nicht gleich; ich habe mit Leontine Lux gesprochen, sogar eingehend, fast vertraulich gesprochen, und meine vorgefaßten Meinungen über sie erfuhren durch diese Unterredung eine einschneidende Korrektur, aber – ich denke doch, wir heben uns diese Begegnung für den nächsten Abend auf: es wird für heute wahrhaftig zu viel und ich bin müde.“

Die Zuhörer waren geteilter Meinung; Wendt und Born stimmten für Fortsetzung, Lindner fand, es sei genug für einen Abend und man könne sich das bisher Gehörte erst einmal in Ruhe überdenken, und Arvenberg spottete:

„Sie erwarten doch nicht, daß ich mich durch diesen ganz gewöhnlichen Erzählerkniff täuschen lasse? Sie wollen uns „scharf“ machen und brechen da ab, wo ihre Erzählung interessant werden will und der prickelnde Reiz der Neugierde zu wirken beginnt. [494] Nun, da Sie Erzähler sind, so werde ich Ihnen die Vorrechte einer männlichen Marlitt oder Werner nicht streitig machen und bin damit einverstanden, daß Sie uns ihren Schluß erst das nächstemal geben; Sie sollen mich aber nicht bemogeln wollen und nicht falsche Motive vorschieben.“

Der Maler wehrte sich gegen diesen schändlichen Vorwurf, der nur aus der schwarzen Seele eines verschopenhauerten Pessimisten kommen könne, so lebhaft, als hätte er ihn ernst genommen, aber nun sah er sich auch von Wendt angegriffen, der mit großem Aplomb und mit vielem Selbstgefühl begann:

„Meinetwegen also das nächstemal; wenn aber Reinisch meint, daß seine geheimnißvolle siebenbürgische Schönheit eine gar so rare Pflanze, eine gar so unvergleichliche Erscheinung sei, so ist er schief gewickelt. Ich stimme von vornherein dafür, daß jedes Frauenzimmer ein Räthsel ist, sich selbst und andern; ich habe die Erfahrung gemacht, daß das harmloseste Gänschen, über das man im Gefühl männlicher Ueberlegenheit hinwegsieht, im Stande ist, uns moralisch zu nasenstübern, daß uns nur so die Augen übergehen, aber ich habe kürzlich ein Räthsel kennen gelernt, das Ihrer deutsch-polnischen Waldfee allermindestens ebenbürtig und wahrscheinlich eine noch viel härtere Nuß ist. Ich wenigstens beiße noch gar nicht lange an ihr herum und meine Zähne wollen schon stumpf werden; die Backzähne schmerzen sogar empfindlich.“

„Hurrah, Wendt hat wieder eine neue Flamme!“ jubelte Born, während Lindner über die leichte Herzensentzündlichkeit seines rechtsbeflissenen Freundes ein wenig den Kopf schüttelte, wie er ihn über einen Schmetterling oder einen Käfer geschüttelt hätte, den er nicht zu klassifizieren wußte. Arvenberg verzog den Mund zu einem leichten Lächeln und sagte geringschätzig:

„Nun, ich will keine Vermuthungen über die Qualitäten einer Dame anstellen, die vielleicht mehr durch Quantität auf unseren Freund gewirkt hat, aber das glaube ich doch hoffen zu dürfen, daß diese neueste Liaison desselben keinen so tragischen Ausgang nehmen wird, wie nach Reinisch’s Andeutungen die des Herrn Genieoffiziers, der mir allerdings eine ziemlich nervöse Natur zu besitzen scheint; es wäre ja auch Schade um all das üppig blühende Leben, das hier auf dem Spiele steht. Hat man denn auch einige Chance, dieses neue große Räthsel persönlich kennen zu lernen und sich nach seinen schwachen Kräften an der Lösung desselben zu betheiligen? Ich bin gespannt auf die Antwort, die mir gar nicht gleichgiltig ist.“

„O, ich durchschaue die spöttische Absicht,“ parirte Wendt, „aber ich werde durchaus nicht verstimmt, denn ich bin in der Lage, Sie vollständig und glänzend auf’s Haupt zu schlagen. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin; von selber würde ich gewiß nicht auf den Einfall kommen, euch Amelpha Tatjana Walujeff vorzustellen, denn sie gehört zu den Frauenzimmern, die nicht ohne eine Art Hofstaat existiren können, deren halb naive, halb dämonische Eitelkeit jeden Mann als ihnen tributpflichtig ansieht und deren man nur hinter den hohen Mauern und vergitterten Fenstern eines Harems nothdürftig sicher ist. Ich brauchte also von eurer persönlichen Liebeswürdigkeit und Gefährlichkeit nicht die hohe Meinung zu haben, die ich in Wirklichkeit hege, um euch meine schöne blauäugige aschblonde Russin instinktiv möglichst aus den Zähnen zu rücken, und wenn ich euch dennoch ihr zuführe, so begehe ich damit ganz einfach bewußt einen Selbstmord. Aber um mein Wollen handelt es sich gar nicht; Fräulein Walujeff hat, sehr wider meine Absicht, das Kabinettsporträt zu sehen bekommen, das uns darstellt, sie ist neugierig geworden und sie hat mir bei Strafe ihrer Ungnade befohlen, euch zu ihr zu bringen; das wie sei meine Sache. Jetzt müßt ihr mir also schon den Gefallen thun, an einem der nächsten Abende mit zu ihr zu gehen, denn so aussichtslos meine Bewerbungen um sie auch sind und so deutlich ich auch das Gefühl habe, planmäßig an der Nase herumgeführt zu werden, ich möchte doch vor der Hand noch nicht auf alles verzichten. Es würde mir im Augenblick noch zu weh thun; später hilft mir vielleicht ein Interesse für eine andere über den nothwendigen Bruch weg.“

Man lachte über dieses Stück praktischer Lebensweisheit und über den Ton melancholischer Resignation, den Wendt angeschlagen hatte, und von allen Seiten wurde die Zusage ertheilt. Der Maler that es mit gleichgiltigem Kopfnicken; er pflegte überall hin zu gehen und hielt es für die erste Pflicht des Alters, der Jugend keinen Spaß zu verderben, um so mehr, als bei diesem Spaß gewöhnlich auch etwas für das Alter herauszuspringen pflege. Lindner sagte trocken: „Meinetwegen! Ist die Dame vielleicht aus Südrußland, aus der Krim z. B.?“ und sah dabei so zerstreut aus, als überlege er, ob sich vermittelst dieser neuen Bekanntschaft nicht vielleicht Schmetterlingstauschgeschäfte mit einem Sammler in der Heimat der Schönen machen ließen. Arvenberg lächelte und reichte Wendt über den Tisch die Hand. „Ich komme und zwar mit dem festen Vorsatz, hinreißend liebenswürdig zu sein und Ihre schöne Russin so vollständig für mich einzunehmen, daß Sie vor Eifersucht abwechselnd roth und blaß und schließlich gelb und grün werden. Auf ehrliche Feindschaft also!“

Wendt schlug lachend ein. „Sehen Sie Arvenberg, Sie fürchte ich am allerwenigsten, weil es bei Ihnen am ernsten Willen fehlt. Sie werden sich eine Weile mit ihr herumbeißen, dann wird Ihnen die Geschichte langweilig und sie springen ab. Sie sind überdies viel zu ironisch und satirisch, um bei einer Frau, wie es meine Russin ist, das Herz rebellisch zu machen.“

„Somit bliebe also nur ich übrig?“ fragte Born. „Nun, ich werde Ihnen keinen Schaden thun, schon aus Freundschaft nicht. Ich bin nicht so boshaft wie Arvenberg, und ich werde die Dame höchstens um russische Volkslieder bitten.“

„Nichts versprechen, Born!“ mahnte Wendt. „Sie haben die Walujeff noch nicht gesehen und ich weiß, daß Sie, wie Lindner, und Reinisch erst recht, große Augen machen werden, wenn Sie ihr gegenüberstehen. Erschöpft euch also nicht in Muthmaßungen, laßt euch lieber sagen, daß sie mit ihrer Mutter und einem Bruder nach Deutschland gekommen ist, daß die Leute sehr reich sind und ein sehr feines Haus machen und daß Tatjana Herr im Hause ist und unumschränkt regiert. Ihr braucht, wenn ihr am Montag kommen wollt – halb neun ist Theestunde – nicht Gesellschaftstoilette zu machen, doch dürfte sich eine gewisse Sorgfalt in Kleinigkeiten empfehlen, damit ihr nicht hinterdrein in Verlegenheit kommt und mir vorwerft, euch nicht hinreichend informiert zu haben.“

Reinisch rief dazwischen: „Es scheint wahrhaftig, wir werden bei einer Fürstin aufgeführt, in deren Augen eine schiefsitzende Kravatte ein Majestätsverbrechen und ein blinder Stiefel eine persönliche Beleidigung ist. Nun, ich hoffe, ihr laßt euch durch diese Wendt’schen Aengstlichkeiten nicht verblüffen und ich bekomme nicht etwa Lackstiefeletten, gebranntes Haar und bordeauxrothe oder gendarmenblaue Kravatten zu sehen. Es ist ohnedies eine starke Zumutung von Wendt, Leute von Geist moralisch zu zwingen, für eine Tasse Thee irgend einer mehr oder weniger emanzipirten Russin – man kennt ja die Sorte! – einen Abend lang die Zeit zu vertreiben –“

„O, mein lieber Reinisch,“ unterbrach Wendt, „in dünnem Thee und magern Butterschnitten erschöpft sich nur die Berliner Gastfreundschaft, und es steht Ihnen, wenn Sie eine exzellente Tasse Thee verachten, auch die ‚Milch der Greise‘ aus Burgund zu Diensten, und wenn Sie zu Chartreuse und Benediktiner übergehen wollen, so brauchen Sie mir nur einen Wink zu geben – man wird Sie nicht schmachten lassen.“

„Thut er nicht gerade, als habe er sich die Schöne bereits gekapert und könne in ihrem Hause befehlen?“ lachte der Maler. „Was geben Sie übrigens zum Besten, Wendt, wenn uns Ihre Russin kalt läßt und wenn wir durch Akklamation beschließen, daß wir sie Ihnen neidlos gönnen? Ich halte das nämlich für den wahrscheinlicheren Fall und bin noch keineswegs überzeugt, daß wir eine interessante Bekanntschaft machen; hoffentlich ist der Laffitte gut, damit der Abend nicht ganz verloren ist.“

Wendt ließ sich jedoch nicht werfen. „Ich brauche die Wette, daß sie der erste sind, in hellen Künstlerenthusiasmus zu gerathen, nicht zu scheuen, und ich mache mich anheischig, sechs Flaschen alten Markobrunner, d. h. also mein ganzes Weinlager, springen zu lassen, wenn ihr nicht ganz und gar weg seid. Die sechs Flaschen, die mir mein Onkel verehrte, als ich mein Examen summa cum laude bestanden hatte – er hätte mir das, unter uns gesagt, nie zugetraut – waren bestimmt, zur Feier meiner Verlobung mit irgend einem Ausbund weiblicher Anmuth und Tugend getrunken zu werden; aber sie sollen euch verfallen sein, wenn ich zu viel versprochen habe. Ich bin überzeugt, sie werden doch erst an dem Tage getrunken, an dem ich den verhängnißvollen Schritt gethan habe; wenn es noch viele Mädchen wie die Walujeff gibt, verlobe ich mich allerdings wahrscheinlich nie und dann müßt ihr den Markobrunner schlürfen, nachdem ihr mich begraben, das heißt also hoffentlich – verbrannt habt.“

„Wie lange wird Wendt brennen müssen, bis er Asche ist?“ fragte Arvenberg ironisch, Lindner ansehend.

„Doch ziemlich lange; viel Fleisch, viel Fett, starke Knochen – es sei denn, unser Freund wäre vorher durch Liebeskummer auf die Körperverhältnisse des Ritters Toggenburg herabgemindert.“

[495] Und lachend brach man nach dem Café auf, welches auch als Rendez-vous für den Montag Abend bestimmt ward; man beschloß, sich unter Wendts Führung gemeinschaftlich nach der Wohnung seiner Russin zu begeben.

*          *          *

Nur die Verleumdung eines boshaften Spötters könnte behaupten, daß sich an dem Abend, welcher unsere jungen Literaturfreunde mit Wendts blonder Löwin von den Gestaden des Schwarzen Meeres bekannt machen sollte, eine besondere Sorgfalt für die Toilette anders, als in ganz schüchternen Versuchen gezeigt hätte; man sah bei Born statt eines einfachen gefältelten ein gesticktes Oberhemd, Lindner hatte seine Hände in Glacés gezwängt und vertheidigte dieses Streben nach Eleganz damit, daß einzelne Chemikalien sich der Haut so tief und unausrottbar einfräßen, daß sie auch mit den stärksten Mitteln nur nach und nach entfernt werden könnten, auf Arvenbergs Kopf thronte – eine seltene Erscheinung – ein spiegelblanker Cylinder, aber er betheuerte, daß er denselben nur nothgedrungen aufgesetzt habe, da sein Filzhut in die Wäsche gemußt, und in diesen Kleinigkeiten erschöpfte sich das Trachten nach „Feinheit“. Dagegen muß der gewissenhafte Chronist die Thatsache verzeichnen, daß man sich allseitig einer ungewohnten Pünktlichkeit befleißigt hatte, und selbst Reinisch, der eine Taschenuhr besaß, sich jedoch darauf steifte, dieselbe nie aufzuziehen, verspätete sich nur unbedeutend. Für ihn hatte das ganze Unternehmen einen starken Beigeschmack von unfreiwilliger Komik; er musterte seine jungen Freunde mit äußerst sarkastischer Miene, fühlte Wendt, der allerdings eine gewisse Aufregung nicht zu unterdrücken vermochte, den Puls, und zupfte Arvenberg spöttisch am Ohrläppchen – eine stumme Anklage, die der Philosoph nur durch ein Aufwerfen der Lippe und ein Achselzucken beantwortete.

Als man die breite Treppe eines eleganten Hauses in der stillsten, grünsten und aristokratischsten Gegend der innern Vorstadt emporstieg, machte Wendt in fast erschrockenem und zugleich ein wenig vorwurfsvollem Tone auf die Nothwendigkeit aufmerksam, die Cigarre wegzuwerfen; Born gehorchte nicht ohne ein unwillkürliches Bedauern – er hatte einen sehr respektablen Stummel zu opfern – aber er ließ sich von Wendt geduldig eine von den stark gewürzten versilberten Raucherpillen in den Mund stecken, die den Tabaksgeruch sofort wegnehmen. Es war ein feierlicher Moment, in welchem Wendt nach einem kurzen Zögern den Finger auf die elektrische Klingel legte, und es war ihm sichtlich unangenehm, daß er sich in geräuschvollerer Weise gemeldet hatte, als unbedingt erforderlich gewesen wäre und als sich mit seinem Streben nach lyrischer Zartheit vereinbaren ließ.

Das Stubenmädchen, welches öffnete, wurde von unserm warmblütigen Juristen mit einer verbindlichen Artigkeit begrüßt, die vielleicht nur theilweise ein Ausfluß seiner unbedingten Verehrung für ihre junge Herrin war; sein unparteilicher und gerechter Sinn erkannte auch die Vorzüge der Dienerin freudig an und er flüsterte Born auf dem Wege nach dem Salon im Ton der Bewunderung zu: „Nur wenn man selber klassisch schön ist, kann man es riskiren, einen so hübschen Besen zu halten!“

Er hatte nicht zu viel verheißen. Die nicht mehr in der allerersten Jugendblüthe stehende hochgewachsene, schlanke und doch volle Dame, welche zwischen den sich theilenden schweren grünen Portièren erschien, und die Herren mit einer graziösen Neigung des schönen Kopfs und einem bezaubernden Lächeln willkommen hieß, wurde auch von der frischesten und rosigsten Zofe nicht ausgestochen und konnte überhaupt Anspruch darauf erheben, in der zahlreichsten Gesellschaft sofort aufzufallen. Sie sprach das Deutsche mit einem leichten, fremdartigen Accent, sie sprach es auch nicht ohne kleine Stockungen, aber das machte sie nur um so interessanter, und wer mit ihr plauderte, fand diese kleinen Stockungen äußerst angenehm: sie setzten ihn in den Stand, mit dem gesuchten Worte auszuhelfen und dafür ein liebreizendes Lächeln als Belohnung einzustreichen.

Als unsere Freunde, aufs angenehmste überrascht, den Fuß auf die Teppiche des Salons setzten, in welchem der Kronleuchter nur eine diskrete Beleuchtung erzeugte, erhoben sich aus bequemen Fauteuils eine alte Dame und ein junger Mann und drückten, allerdings mit weit weniger Eifer, ihre Freude über diesen zahlreichen Besuch aus. Man konnte den Herrn recht wohl für den Bruder Amelpha Tatjanas halten, obwohl er kleiner und zarter war, schwarzes gekräuseltes Haar und ein schwarzes Schnurrbärtchen trug und aus großen schwarzen Augen recht abgespannt und melancholisch in die Welt sah; größere Mühe hatte man, zu glauben, daß diese alte Frau mit dem gleichgültigen, schlaffen, fast ein wenig ordinären Gesicht, die sich in ihrer eleganten Robe durchaus nicht allzu behaglich zu fühlen schien, die Mutter des stolzen, anmuthigen, lebensfrohen und eleganten Geschöpfs sein solle, das lächelnd neben ihr stand.

[505] Im anstoßenden Zimmer war inzwischen der Thee servirt worden und man gerieth in ein lebhaftes Geplauder, das allerdings fast ausschließlich von dem schönen Mädchen und ihren Gästen unterhalten ward; ihr Bruder verrieth nur zuweilen durch eine ziemlich zaghafte Bemerkung, daß er der Unterhaltung folgte, und die Versuche unserer jungen Freunde, ihn und seine Mutter ins Gespräch zu ziehen, hatten nur wenig Erfolg. Tatjana schien das alles kaum zu bemerken und gewohnt zu sein, ihre Angehörigen als reine Statisten zu behandeln, auf die niemand Rücksicht zu nehmen brauchte; dem scharfen Auge des Malers entging es jedoch nicht, daß der junge Mann seine Rolle zwar kannte, aber innerlich gegen dieselbe revoltirte und sich über die Rolle der liebenswürdigen und aufmerksamen Wirthin, welche seine Schwester so meisterlich spielte, heimlich mokirte. Das kaum merkliche, ein wenig spöttische, sogar ein wenig verächtliche Lächeln, welches zuweilen um seine Lippen irrte, schien dem Maler zu sagen: „Da übt sie nun wieder einmal die alten Künste an neuen Objekten! Sie sollte sich eigentlich ein wenig vor mir geniren, denn ich habe das doch schon hundertmal mit angesehen und für mich wird’s nachgerade langweilig.“

Das schienen nun freilich die neuen Objekte nicht zu empfinden; für sie hatte der Abend ersichtlich einen ganz undefinirbaren Reiz. Der blitzende silberne Samowar summte so gemüthlich, der Thee duftete so ganz anders, als die charakterlose Brühe, die man in Deutschland in der Regel vorgesetzt bekommt, und das schöne blonde Geschöpf, das mit dem Anstand der Fürstin allen Liebreiz des jungen Mädchens und mit der Eleganz der Weltdame den Ernst der denkenden Frau zu verbinden schien, war für alle eine neue Erscheinung. Sie hatte zudem für jeden ein verbindliches Wort, sie interessirte sich für jedes Hauptbeschäftigung, sie verstand es, den Zurückhaltenden durch Fragen gesprächig zu machen und sie vertheilte ihre Aufmerksamkeiten mit so gewissenhafter Unparteilichkeit, daß sich jeder für den Bevorzugten, keiner für den Vernachlässigten halten konnte. Eine ganz leichte Auszeichnung widerfuhr höchstens Wendt; er wurde mit einer gewissen vornehmen Vertraulichkeit behandelt, die ja ganz in der Ordnung war, da er als älterer Bekannter gelten konnte, die aber genügte, jedes juristische Fältchen in Wendts Gesicht zu glätten und dieses Gesicht in ein vollständig strahlendes zu verwandeln.

Nach dem ersten Glase Thee schon präsentirte Tatjana Cigarren und sie präsentirte sie Wendt zuerst; er wollte sich zieren, aber sie sagte artig: „Sie haben heute eine Bevorzugung verdient; Ihnen allein verdanke ich die Bekanntschaft so vieler geistreicher Männer. Ich bin noch nicht lange genug in Deutschland, um nicht in eine gewisse Verwirrung zu gerathen über einen solchen embarras de richesse – denken Sie nur, ein Künstler, ein Naturforscher, ein Bühnendichter und ein Kritiker, die sämmtlich eine Zukunft haben und die so gütig sind, ihre werthvolle Zeit einer unwissenden Ausländerin zu widmen!“

Man protestirte lebhaft gegen die „unwissende Ausländerin“, außer Wendt, der geradezu aus der Haut fahren wollte, besonders Born, der eifrig nach seinen Dramen befragt worden war und das Versprechen hatte abgeben müssen, eins derselben recht bald einmal vorzulesen. Auch Lindner, dem die naturwissenschaftlichen Fragen der jungen Dame allerdings ausschweifend naiv erschienen waren, der aber die Versicherung erhalten hatte, daß ihm von einem ihrer Freunde in der Krim, dem Grafen Ratoboroffsky, in nächster Zeit eine ganze Kollektion Schmetterlinge und Käfer zugehen würde, um die sie sofort schreiben werde, konnte eine solche Verkennung des eignen Wissens und Strebens nicht stillschweigend hinnehmen, und selbst Arvenberg sah sich zu der verbindlichen Bemerkung gezwungen:

„Gnädiges Fräulein, Sie sind viel zu geistreich, als daß man Ihnen gestatten könnte, durch eine solche übertriebene Bescheidenheit zum Widerspruch, d. h. zu Komplimenten herauszufordern! Das müssen Sie schon andern überlassen, die es nöthig haben.“

Wenige Minuten vorher erst hatte sie sich, als er sein Bedauern darüber aussprach, ein bestimmtes gegittertes französisches Briefpapier, an das er sich seit Jahren gewöhnt, trotz alles Suchens in keiner Papierhandlung mehr auftreiben zu können, in liebenswürdigster und zuversichtlichster Weise anheischig gemacht, ihm dasselbe zu verschaffen; es könne allerdings ein paar Wochen dauern, falls sie nach Paris schreiben müsse, und sie erwarte am nächsten Tage eine Probe dieses Papiers von ihm.

Nur der Maler hatte sich ziemlich passiv verhalten und sich aufs Beobachten gelegt, und zwar nicht blos aufs Beobachten des schönen Mädchens, sondern auch auf das seiner jungen Freunde. Als das japanische Körbchen mit den Cigarren an ihn gelangte, hatte er dieselben sehr genau betrachtet; ihr Aeußeres war ein so vertrauenerweckendes, daß er, als die an den Bruder Tatjanas gerichtete Frage, ob er nicht rauche, verneint ward, ein [506] leichtes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Dieses Lächeln wurde von der jungen Dame aufgefangen, deren schöne blaue Augen überall zugleich zu sein schienen, und es mochte wohl für die blauen Augen etwas Ironisches haben, denn sie rief ihm lachend zu:

„Sie finden die Cigarre gut, und da mein Bruder nicht raucht, finden Sie, daß dieser Umstand tief blicken läßt, — hab’ ich’s errathen?“

Reinisch begnügte sich mit einer zustimmenden Neigung des Hauptes und einem artigen: „Das war allerdings mein Gedanke, — aber auch ich füge hinzu: Hony soit qui mal y pense.

„Soll das auch gelten, wenn ich mir nun selber eine Cigarette nehme? Man hat in Deutschland ein Vorurtheil gegen das Rauchen der Damen, ich hoffe aber, die Herren sind frei von demselben.“

Sie waren es so sehr, daß Wendt sich beeiferte, die Cigarette, die von Tatjanas weißen Perlenzähnchen gehalten werden sollte, selber zu drehen, und vor lauter Eifer zweimal nur eine unförmliche Wurst zustande brachte, und daß Born, als endlich ein erträgliches Exemplar gelungen war, es sich nicht nehmen ließ, das Wachshölzchen zu halten, welches die Cigarette in Brand setzte.

Der Maler war inzwischen, als wäre es seine Aufgabe, nach allen Richtungen zu rekognoszieren, in den Salon getreten, wo er die auf dem runden Tisch ausgebreiteten Bücher musterte und die Musterung sogar auf den größeren oder geringeren Grad von Benutztsein ausdehnte. Er nahm sich Zeit dabei und ging sehr gründlich zu Werke, als lerne er so die Dame und ihren Werth am leichtesten, schnellsten und sichersten kennen; die Musterung amüsierte ihn übrigens sichtlich, er kehrte fast aufgeräumt ins Theezimmer zurück, und es lag viel Humor in dem Blick, der auf seinen Freunden und dem schönen Mädchen in ihrer Mitte ruhte.

Es geschah sehr planmäßig, daß Reinisch sich fortan fast ausschließlich mit der Mutter und ihrem melancholischen, ersichtlich leidenden Sohn beschäftigte, obgleich er der ersteren jedes Wort förmlich abkaufen mußte und große Mühe hatte, sie aus ihrer schläfrigen Apathie aufzurütteln, während der letztere augenscheinlich unter einem moralischen Drucke litt und es nicht recht wagte, aus sich heraus zu gehen. Tatjana sah in dieser Artigkeit gegen ihre Verwandten einen Mangel an Bewunderung für ihre Schönheit, den sie dem Maler zu allerletzt verzieh, und ihre verletzte Eitelkeit äußerte sich in dem Versuch, ihn durch eine kleine List an ihre Seite zu bringen und ihn dann um jeden Preis an diese Seite zu bannen. Sie bat um sein sachverständiges Urtheil über eine Camee, die ihr als Brosche diente, und das Lächeln, mit welchem sie den Maler neben sich Platz nehmen sah, hatte etwas so Verführerisches, daß sie sich wohl beleidigt fühlen durfte, als er glatt und verbindlich blieb, ohne warm zu werden, und die erste sich bietende Gelegenheit benutzte, an seinen alten Platz zurückzukehren. Es war nur ein blitzschneller, staunender Blick, der zu ihm hinüberflog, als sie ihn vermißte, aber er genügte, dem Maler zu sagen, daß sie in hohem Grade pikirt war und daß er den Huldigungen seiner jungen Freunde ein fühlbares Gegengewicht gegeben hatte, - und er lächelte still in sich hinein und seine scharfen Augen gewahrten auch auf den Lippen des jungen Russen ein feines, kaum merkliches Lächeln, das ihm eine ironische Befriedigung auszudrücken schien.

Von diesem Augenblick an sah sich Reinisch ignorirt und Tatjana schien ihren ganzen Ehrgeiz daran zu setzen, wenigstens seinen Freunden die Köpfe vollständig zu verdrehen. Es hatte ganz den Anschein, als solle ihr dies gelingen; sie nöthigte Born an den Flügel, und der arme Dramendichter hatte seine mozartsche Sonate vielleicht nie besser gespielt, als unter den Augen der slawischen Sirene, deren weiße Hände mit den schlanken Fingern ihm das Notenblatt umwendeten und die sein Spiel wahrhaft hinreißend fand. Sie ließ sich bewegen, ebenfalls eine Probe ihrer Kunstfertigkeit zu geben, doch stellte ihre Wahl — Wagners Walkürenritt – ihrem musikalischen Gefühl kein besonderes Zeugniß aus, und auch ihr Spiel erwies sich als erschreckend schülerhaft, was nach Borns trefflichem, durchgeistigten Spiel doppelt auffallen mußte, wofür sie aber, wohl durch die Schmeicheleien ihrer Bewunderer verwöhnt, nicht das geringste Gefühl zu haben schien. Lindner, der über eine kleine, aber recht hübsche, ungeschulte, aber sympathische Tenorstimme verfügte, ließ sich bewegen, einige kärntnische Volkslieder zu singen; als er dann die Bitte um einige russische Volkslieder wagte, sah er sich zu seiner Verwunderung an den Bruder verwiesen; Tatjana selber erklärte sich außer Stande, auch nur die einfachste Weise annähernd richtig wiederzugeben. Arvenberg schloß sich nicht aus; er trug Lenaus „Die Stimme des Windes, die Stimme des Regens, die Stimme der Glocken und die Stimme des Kindes“ mit all der diskreten Tonmalerei vor, die den Hauptvorzug seiner Recitationen ausmachte, und Tatjana sah sich dadurch veranlasst, Heines „Die Blume der Brenta“ und „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ zu lesen; anfänglich erschien die Dämpfung ihrer Stimme auffällig, bald aber erkannte man, daß dieselbe ihre guten Gründe hatte, denn überall, wo sie einen Versuch machte, den Ton im Affekt zu heben und zu verstärken, schlug er um und bekam etwas Schrilles, Schnarrendes, das alle Illusion zerstörte. Wendt wollte nicht absolut stumm bleiben – nach langem Suchen entschied er sich für eines der „Nordseebilder“, brach aber inmitten mit der Erklärung ab, es gehe doch nicht, seine Heiserkeit sei zu arg; von dieser Heiserkeit hatte aber vorher keine Seele gewußt und sie sollte wohl auch nur die ihm tagende Erkenntniß maskiren, daß er als Vorleser durchaus keine vortheilhafte Rolle spiele.

Es wurde so spät, recht spät; jedem Versuch, das Zeichen zum Aufbruch zu geben, setzte Tatjana die Versicherung entgegen, daß sie nie vor 2, 3 Uhr zur Ruhe käme und dann bis 11 zu schlafen pflege. Dem Thee waren die feinen Liköre gefolgt und Born war unter dem Einfluß derselben allmählich in den Besitz eines sehr rothen Kopfs und einer dichterischen Begeisterung gelangt, die des Alleinseins bedurfte, um sich in halblautem Selbstgespräch auszutoben. Da auch für Lindner das Stadium herangekommen war, in dem er leicht melancholisch wurde, trieb Reinisch ernstlich zum Aufbruch, der denn auch endlich erfolgte. Tatjana ließ sich versprechen, daß die Herren sie recht bald einmal wieder beehren würden – ohne Ceremonie – und sie stattete Wendt beim Scheiden ihren Dank dafür, seine Freunde zu ihr gebracht zu haben, in so freundschaftlicher Weise ab, daß er ganz hingerissen war und der Versuchung nicht widerstehen konnte, seine Lippen auf ihre weiße Hand zu drücken, was sie auch mit einem Lächeln geschehen ließ – mit einem Lächeln, in dem allerdings herzlich wenig Ermuthigung für eine Bewerbung lag, das vielmehr sagen zu wollen schien: „Meinetwegen, dir wunderlichen Kauz muß man in so vorgerückter Stunde schon etwas zu gute halten.“

Tatjana hatte jedem ihrer neuen Freunde die Hand gegeben, nur Reinisch bildete eine Ausnahme und mußte sich mit einer Verbeugung begnügen, die einen starken Beigeschmack von Herablassung hatte.

Man ging, nachdem man das Haus verlassen und Wendt noch einen letzten schmachtenden Blick nach den erleuchteten Fenstern geworfen hatte, — das ganze übrige Haus lag bereits in tiefem Dunkel, — eine Weile schweigend nebeneinander her, bis endlich unser verliebter Jurist in überströmendem Gefühl ausrief:

„Die ewigen Sterne will ich nicht anrufen, das wäre geschmacklos, aber sagt einmal ehrlich, ist sie nicht ein wunderbares, reizendes Geschöpf?“

Man pflichtete ihm von allen Seiten bei.

Born meinte:

„Diesmal, Wendt, hatten Sie eher zu wenig, als zu viel gesagt; darauf war ich nicht gefaßt.“

Lindner sagte nachdenklich und ernst, als sei jedes Wort von Wichtigkeit:

„Da heißt es in der That, die Ohren steif halten und sich nicht verplempern.“

Arvenberg endlich, der Jünger Schopenhauers, glaubte Tatjanas Reiz nicht würdiger schildern zu können, als durch ein Citat aus seines Meisters Werken:

„In der That ein Knalleffekt der Natur!“

Reinisch verhielt sich schweigend, sodaß Wendt, fast überrascht und beleidigt, fragte:

„Und Sie? Sind Sie dermaßen überwältigt, daß Sie keine Worte finden? Oder liegt Ihnen so viel an den sechs Flaschen Marcobrunner, daß Sie ihretwegen ungerecht und unwahr werden? Sie können doch nicht leugnen, daß Tatjana Walujeff ein Meisterwerk des Schöpfers ist, gleich ausgezeichnet durch Schönheit, Anmuth und Geist?“

Reinisch schien nicht recht mit der Sprache herauszuwollen, nicht recht zu wissen, wie das Urtheil zu formulieren sei, um nicht Anstoß zu erregen, er meinte endlich ausweichend:

„Nun ja, Sie dürfen Ihren Verlobungs-Marcobrunner behalten, ich würde doch überstimmt werden.“

[507] Aber das genügte Wendt nicht, sodaß der Maler endlich lospolterte:

„Ach was, lassen Sie mich in Frieden! Ich bin durchaus nicht von Ihrer Russin entzückt, ich kenne diese Sorte Weiber und weiß, was von ihnen zu erwarten ist. Aepfel vom Todten Meer – außen lachend und rothwangig, innen Asche! Aber was würde mir’s denn nützen, wollte ich Sie psychologisch zergliedern, sie hat’s euch einmal angethan, was ich ja ganz erklärlich und natürlich finde, und ihr werdet wieder und wieder zu ihr gehen, bis sie des Spielzeugs müde ist und euch bei Seite wirft; ihr müßt durch Schaden klug werden, und ihr seid viel zu tüchtige Kerle und viel zu klare Köpfe, als daß die Sache gefährlich werden könnte. Die Erfahrung wird nicht zu theuer bezahlt sein, thut also, was ihr nicht lassen könnt und vielleicht auch nicht lassen sollt!“

Das fand denn der gute Wendt außer dem Spaße. Daß jemand in diesem Tone von seinem Ideal sprechen könne, hatte er sich nicht träumen lassen und er glaubte sehr ironisch zu sein, indem er achselzuckend erwiderte:

„Die alte Geschichte vom Fuchs und den angeblich sauren Trauben!“

„Da Sie es sind und da Sie Sich bereits total in Ihre Sarmatin verliebt haben, soll Ihnen die Anzüglichkeit geschenkt sein; Sie können nicht wissen, wie komisch mir das erscheint. Das lassen Sie Sich aber gesagt sein: an einer Frau, auf deren Salonbüchertisch die Rig-Bedas friedlich neben den Memoiren der abenteuernden Amerikanerin liegen, die einen russischen Großfürsten so weit brachte, die Diamanten seiner kaiserlichen Mama zu versetzen, kann nicht viel sein, d. h. in meinem Sinne, der ja auch der eure ist.“

„Aber bester Reinisch,“ wendete Born ein, „ich bestreite ja nicht, daß dieses Mädchen vielleicht mißleitet ist, daß ungünstige Einflüsse auf sie eingewirkt haben mögen, daß die große Welt sie bis zu einem gewissen Grade korrumpiert hat, daß ihre Entwicklung keine harmonische ist, daß der Mehlthau ihrer Blasiertheit auf ihre Seele gefallen ist; aber kann darum ihre Natur nicht von Hause aus edel angelegt sein, wäre es so ganz unmöglich, die eingeschläferten und betäubten idealen Instinkte in ihr zu wecken und den Baum von dem üppigen Schlinggewächs zu befreien, das ihn zu überwuchern droht?“

„Bleiben Sie mir mit den ‚Rettungen‘ vom Leibe, Sie wissen nicht, wie viel echtes Unglück diese Illusion schon hervorgebracht hat. Natürlich, man kann die eigne Verliebtheit so hübsch vor sich selber entschuldigen, indem man sich einredet, man wolle nur eine irregehende schöne Seele retten und sie sich selber wiedergeben, und Sie wären ja kein Poet, wenn Sie Sich nicht in diese Idee verliebten. Sie wird Ihnen jedenfalls auch als Köder hingeworfen werden und Sie werden blind und gierig wie eine Forelle auf denselben anbeißen, aber Sie werden mir’s wieder sagen, daß Sie ein rechtes Kind gewesen sind, als Sie Sich fangen ließen. Sie werden Wasser in ein Sieb schöpfen – aber machen Sie den Kursus nur durch; für Sie dürfte derselbe besonders heilsam sein und wer weiß, ob Sie nicht schließlich aus dieser Erfahrung ein ganz hübsches Lustspiel machen, in dem auf Ihre schöne Russin allerlei ironische Lichter fallen.“

[517] Born erwiderte nichts, aber Wendt eiferte:

„Es ist wirklich schändlich – ich habe euch ja im voraus gesagt, daß die Walujeff ein gefährliches Geschöpf ist, das, wie ich glaube, mit den Männern bisher nur gespielt hat, und daß etwas von der grausam-graziösen Katzennatur in ihr steckt, aber wer will ihr das bei ihrer ganz originellen Schönheit verdenken, die ihr alle Männer, alte wie junge, zu Füßen legt? Sie amüsiert sich über die Huldigungen, die man ihr darbringt, sie sieht es als selbstverständlich an, daß jeder die Sache so leicht nimmt, wie sie selber, und ihr Leichtsinn und ihre Koketterie sind ganz und gar harmlos.“

„So? wissen Sie das so genau? Ich behaupte, sie hat keine Rasse, d. h. sie gehört zu den Frauen, denen im Grunde außer der äußerlichen Schönheit alles fehlt, Temperament und Herzenswärme, Tiefe und Ernst, Charakter und Ehrlichkeit, die kein anderes Lebensinteresse haben, als das, möglichst vielen Männern die Köpfe zu verdrehen und denen ein Mann genau so viel – oder genau so wenig gilt wie der andere. Sie kokettiert früh mit einem glatzköpfigen Greis, Mittags mit einem Manne in der Blüte der Jahre und Abends mit einem flaumbärtigen Fuchs, der eben erst zur Universität gekommen ist und der erst in einigen Jahren nothdürftig trocken hinter den mehr oder weniger langen Ohren sein wird, und die Huldigungen des einen schmeicheln ihr gleich sehr wie die des andern. Sie wird auch nur mit dem stillschweigenden Vorbehalt heiraten, dieses Spiel als Frau fortzusetzen, nicht aus Herzensunersättlichkeit, sondern aus purer blanker, verächtlicher Eitelkeit, und sie wird sich gegen alle Vorwürfe hinter die wohlbegründete Thatsache verschanzen, daß sie ja den einen wie den andern behandle, in jedem Hoffnungen erwecke und keinen bevorzuge. Daran, wie wenig ehrenvoll, wie beschämend und beschimpfend solche Huldigungen sind, denkt sie einfach nicht. Und nun denkt euch einmal als ihren Gatten einen normal organisierten Mann, der sie ehrlich und ernstlich liebt, der sie zu sich emporheben möchte und der dazu verdammt ist, Tag für Tag Augenzeuge zu sein, wie sie lieber die Seelenruhe des Gatten vergiftet, als auf die läppischen Fadaisen eines Fähnrichs verzichtet, die sie doch eigentlich von Grund ihrer Seele langweilen; es muß das eine beneidenswerthe Existenz sein, nicht wahr? Es laufen genug solcher vom Satan der Eitelkeit besessenen Frauen in Sammt und Seide herum; ich kenne mehr als eine und weiß von mehr als einer, wie sie dem bravsten und nobelsten Mann die Ehe zum Fegefeuer, sein Heim zur Hölle gemacht hat. Und in diese Klasse gehört diese Walujeff, oder ich bin auf meine alten Tage noch der Gefahr ausgesetzt, eine Nachtigall für einen Zeisig zu halten.“

Der kleine Herr hatte sehr ernst und mit einem Nachdruck gesprochen, den seine jungen Freunde nicht oft zu hören bekamen und der ihnen immer imponierte.

Wendt schwieg, gekränkt und beleidigt; Born sah nachdenklich empor zu den flimmernden Sternen, als wolle er aus ihnen die Wahrheit lesen und nur Lindner bemerkte fast schüchtern:

„Sie haben einen gewissen Hang zu extremen Urtheilen; sollten Sie nicht doch am Ende auch hier das Kind mit dem Bade ausschütten?“

Reinisch klopfte ihn freundlich auf die Schulter. „Guter Lindner, Sie sind trotz aller Gelehrtheit ein Kind in Bezug auf die Frauen, und wenn Sie Sich für den Verkehr mit dieser Tatjana einigermaßen präparieren wollen, so lesen Sie recht aufmerksam Paul Heyses ‚Salamander‘. Warnt Sie dieses Kabinetsstück psychologischer Analyse nicht, nun, so spannen Sie Sich eben auch mit vor den Siegeswagen dieser Schönen – ich weiß, Sie reißen Sich bald genug wieder los und laufen irgend einem Admiral oder Trauermantel nach, der über den Weg flattert – um Sie ist mir am wenigsten bange.“

„Wendt und Born geben Sie also verloren, wie es scheint,“ fragte Arvenberg lächelnd; „darf man sich erkundigen, welches Horoskop Sie mir stellen?“

Das klang ziemlich spöttisch und sicher, aber Reinisch gab rasch zurück:

„Hüten Sie Sich, mein Herr Philosoph und Kritiker! Man kann ein sehr sattelfester Philosoph sein, man kann sehr genau wissen, daß und warum ein ernsthafter Mann, der seinen Schopenhauer gelesen, beziehentlich studirt hat, nicht auf den närrischen Einfall kommen darf, sich zu verlieben, am wenigsten da, wo man nicht achten kann, und doch schließlich an ein paar kleinen, zierlich beschuhten Füßchen kläglich Schiffbruch leiden! Gerade weil Sie Sich so sicher fühlen und der Gefahr lachen, halte ich es für sehr möglich, daß Ihnen der ‚Knalleffekt der Natur‘ den klaren Blick trübt und daß auch Sie Sich ein X für ein U machen lassen. Gegen die Frauen schützt keine Philosophie, und es wäre ja ganz drollig, wenn Sie mit Wendt und Born und Lindner marschirten und einer eifersüchtig auf den andern würde. [518] Ich bleibe dann als rocher de bronce in der Brandung stehen und wenn alles vorbei ist und eure Russin heimische Bären und Wölfe zähmt, statt deutscher – Murmelthiere, werde ich mir erlauben, euch den heutigen Abend ins Gedächtniß zurückzurufen und euch zu fragen, ob die Rolle des getreuen Eckardt nicht eine äußerst undankbare ist.“

„Laßt, Freunde, genug sein des grausamen Spiels,“ deklamierte Wendt; „Reinisch ist ja heute rein des Teufels und ich glaube, wir müssen ihm den Giftzahn ausbrechen. Arme, schöne, muntere Tatjana – du eine Sirene, eine Circe, eine Lorelei, die alle Männer schmeichelnd an sich lockt, um sie dann mit kühlem Lächeln, wie erstaunt über ihre unbegreifliche Vermessenheit, in ihr armseliges Nichts zurückzuschleudern! So schlimm, wie er’s macht, ist’s wahrscheinlich nicht; auch für sie wird noch der Rechte kommen und den beneide ich dann von Herzensgrund! Sie verdiente, eine Königin zu sein und den Hermelin um ihre weißen Schultern zu legen und muß sich von einem Schönheitsverständigen so lästern lassen! Aber sagen Sie, Reinisch, war Ihre mysteriöse Siebenbürgerin nur halb so schön, wie die Walujeff?“

„Ebenso schön, nur anders, ganz anders! Und das nächste mal – bei Lindner, nicht wahr? – werdet ihr hören, daß sie auch sonst ganz anders war und daß ich vielleicht nur deswegen so bitter gegen diese Walujeff bin, weil sie mich auf dem Wege des Kontrastes unausgesetzt an die arme Leontine erinnerte, so daß ich zuletzt meinte, sie mit ihren ernsthaften Augen mir gegenüber sitzen zu sehen.“

Damit trennte man sich, und von den in mehr oder minder nachdenklicher und erregter Stimmung der Junggesellenwohnung Zuschreitenden war wohl nur Reinisch im Stande, sich ein ungefähres Bild von dem Nachspiel zu machen, welches der Abend im Theezimmer der russischen Familie hatte; und doch wäre es für alle von Werth gewesen, mit anhören zu können, welchen Eindruck sie ihrerseits hinterlassen hatten.

Als Tatjana nach der Verabschiedung von ihren neuen Bekannten ins Zimmer zurückgekehrt war, zündete sie sich eine neue Cigarette an, warf sich in den Schaukelstuhl, legte den schönen, stolzen Kopf mit der Stirn, welche durch die Maria-Stuart-Schneppe nur noch mehr hervortrat, lässig zurück und schloß behaglich die Augen. Sie beachtete es kaum, daß ihre Mutter ihr ziemlich gleichgiltig Gutenacht wünschte und sich zurückzog; die unbedeutende und wenig angenehme alte Frau war ja nur eine Statistin in der Komödie, die sie ihren Besuchern vorspielte, und nun mochte sie gehen. Auch den Bruder hatte sie halb und halb zum Statisten abgerichtet, aber er war ein zu feiner Kopf und ein zu guter Beobachter, um das Spiel der Schwester nicht zu durchschauen und dies durch sarkastische Randglossen wenigstens anzudeuten.

So fragte er auch jetzt, nachdem er ihr aus seiner Divanecke eine Weile zugesehen, ziemlich spöttisch:

„Sage mir doch, schöne Schwester, wird es dir denn nie langweilig, immer wieder die alten Mittel anzuwenden, und die lange Liste deiner – Verehrer noch um einige Namen zu verlängern? Ich sollte denken, du müßtest des Spiels einmal müde werden?“

„Warum? es ist noch das einzige, was mir Vergnügen macht, und wenn es einmal nicht mehr geht, dann könnt ihr mich nur begraben.“

Chacun à son goût, aber was kann dir an den vier deutschen Träumern gelegen sein, die doch so gar nichts Pikantes haben?“

„Oho! – der deutsche Träumer ist eine neue Spezies für mich; vielleicht benehmen sich diese Deutschen, wenn sie verliebt sind, doch etwas anders, als unsere Russen und Polen, als die galanten windigen Franzosen, die steifen, bockbeinigen Engländer und Italiener mit den ewigen gelben Gesichtern und kohlschwarzen Augen und Bärten. Man kann es doch wenigstens auf den Versuch ankommen lassen.“

„Und hat dir einer von ihnen besonders gut gefallen?“

„Das könnte ich nicht behaupten. Der Herr Born scheint einen eisernen Ladestock verschluckt zu haben, aber er ist ein Dichter, und Deutscher und Dichter zugleich, das muß originell sein. Der Herr Lindner interessiert mich durch seine Schüchternheit, die bei einem Manne in seinem Alter ganz unerhört ist – er ist ja soweit ganz nett und dürfte schon etwas Selbstgefühl besitzen. Sein vielbeiniges geflügeltes Ungeziefer ist mir freilich zuwider, aber nehme ich die born’schen Tragödien hin, warum nicht auch diese abgeschmackte Liebhaberei? Ueberdies, mein neugieriger Herr Bruder, soll er in ein kleines deutsches Mädchen verliebt sein, das Strümpfe stopft und unmenschlich viel Gefühl besitzt, wie jede Deutsche; es wird mich amüsieren, ihm den Kopf zu verdrehen und ihn in einem schweren Konflikt der Pflichten zu stürzen – diese Deutschen nehmen ja alles gleich tragisch; zum Schluß bin ich dann doch noch die Großmüthige, die ihn der Kleinen wieder zuführt; wer weiß, vielleicht halte ich ihm sogar eine ganz erbauliche Predigt über die Treue, die der Bräutigam seiner Braut schuldet – Du weißt ja, ich kann auch das, wenns sein muß. Der Herr Arvenberg ist ein schöner Kerl, mit wahren Spitzbubenaugen, und dann soll er ja ein Anhänger irgend eines albernen Philosophen sein, der uns Frauen so schlecht macht, daß eigentlich kein Hund ein Stück Brot von uns nehmen dürfte, warum soll ich nicht einen gewissen Reiz darin finden, ihm so nebenher zu beweisen, daß es mit dieser Philosophie auch nichts ist und daß ein Frauenlächeln hinreicht, das ganze schöne System in die Luft zu sprengen? Du siehst also, mein lieber Bruder, daß die jungen Leute keineswegs so indifferent für mich sind, als sie dir erscheinen mögen und ich werde mich sogar mit deiner Erlaubniß in der nächsten Zeit ziemlich viel mit ihnen beschäftigen.“

„Mir scheint, es sind noch zwei übrig, der Maler und der Herr Wendt.“

Tatjanas feine Brauen zogen sich zusammen und die Antwort klang übellaunig, spitz und ungnädig und erst im Nachsatz wieder übermüthig.

„Der Maler ist ein ungehobelter und impertinenter Mensch, der nicht mitzählt, den ich zu ignorieren gedenke, und der gute, dicke Wendt ist mein Pudel, dem ich heute das Fell kraule, und den ich morgen mit Fußtritten regaliere; er macht im ersten Falle so komisch-glückselige Augen und wagt im zweiten nicht zu knurren, und trotz aller meiner Launen läuft er mir getreulich wieder nach. Solche Verehrer sind werthvoll und zu mancherlei zu gebrauchen; man gestattet ihnen nicht, keck zu werden, aber man hält sie an einem feinen Fädchen fest, damit sie nicht durchgehen, und macht ihre etwaigen Emanzipationsgelüste durch eine kleine Gunst zunichte, wie man ein Kartenhaus über den Haufen bläst. Im übrigen bin ich müde – felice notte, Fomuschka.“

Das Zimmer, in welchem der kleine Freundeskreis sich am darauffolgenden Freitag versammelte, durfte originell genannt werden, war aber ganz geeignet, einer stilgerechten deutschen Hausfrau, deren Wahlspruch lautet: „Ordnung über alles!“ und der man die Säuberung eines Bücherbrets nicht übertragen kann, weil sie die Bücher, die nach Fächern geordnet sind, unfehlbar nach der Größe aufstellen wird, ein gelindes Grauen einzuflößen, so hoffnungslos war die „malerische“ Unordnung dieses Naturforscherheims. Von der Decke schwebte ein ausgestopfter Bussard herab, ein kleines Wasserhuhn in den Fängen, eine glotzäugige Eule, die von Lindner jahrelang zärtlich mit Mäusen gefüttert und nach ihrem Tode eigenhändig ausgestopft worden war, hatte auf der einen Seite einen wohlerhaltenen Schädel, der aus der leipziger Schlacht stammte, und in der Schläfengegend von einer Musketenkugel durchlöchert war, auf der andern ein großes Einmacheglas, in welchem eine schöne Kreuzotter in Spiritus dem Schicksal der Verwesung Trotz bot. An allen Wänden Kästen mit Käfern und Schmetterlingen, auf Tischen und Stühlen Retorten und andere chemische Apparate, Sopha und Chaiselongue bedeckt mit Büchern und Journalen und das ganze Zimmer erfüllt von einem feinen, aber scharfen Geruch von Säuren und Chemikalien, an den man sich erst gewöhnen mußte. Aber auch lebende Bewohner zählte das ziemlich große Zimmer in mehr als ausreichender Anzahl; sorglich verhängte Vogelkäfige an der Wand ließen auf eine Garnison von geflügelten Sängern schließen, und wer sich näher umsah, entdeckte in einem alten, breitkrämpigen Schlapphute ein Lachtaubenpaar, welches dieses Heim höchst komfortabel zu finden schien und in einem paar hochbetagten Filzschuhen zwei Meerschweinchen, die den Schlaf des Gerechten schlummerten.

Lindner, dessen Schlafrock auf ein ehrwürdiges Alter Anspruch erhob und von seinem Herrn mit vieler Pietät betrachtet wurde, obgleich er an den Ellenbogen völlig durchgescheuert war, bemühte sich mit mehr Hast und Energie, als Umsicht, wenigstens Sopha und Chaiselongue nothdürftig von den gröbsten Folianten zu säubern, als Arvenberg, Wendt und Born zugleich ins Zimmer polterten. Es war ein alter, aber immer wieder Anklang findender Scherz Wendts, die Bücher, welche Lindner glücklich einstweilen [519] unters Sopha geschoben hatte, verstohlen wieder hervorzuziehen und auf dem Sopha zu vertheilen, um nachher, wenn der ganz echauffierte und athemlose Wirth zum Sitzen einlud, fragend auf die dickleibige Versammlung von Kompendien u. s. w. zu zeigen. Man ließ sich diesen Scherz auch heute nicht entgehen, und es währte lange, bis die alte, vollständig niedergelegene Chaiselongue, deren Ueberzug, längst zur Farblosigkeit verblichen, endlich trotz aller Chikanen so weit frei war, daß Wendt sich mit der vollen Wucht seines eben nicht elfenhaften Körpers auf dieselbe fallen lassen konnte. Das nach den übereinstimmenden Versicherungen glaubwürdiger Zeugen in seinen Holzbestandtheilen von zahllosen Holzwürmern durchwühlte alte Möbel krachte in allen Fugen und ließ einen Zusammenbruch gewärtigen; eine leichte Staubwolke stieg empor und Wendt betheuerte in erregtem Tone, daß die einzige in diesem modernen Folterinstrument vorhandene Stahlfeder zerbrochen sei, denn ein spitzer harter Gegenstand habe sich ihm in den Rücken gebohrt und ihm sicherlich eine blutige Schramme beigebracht; sollte sich dies als erweislich herausstellen, so werde er gegen Lindner eine Klage wegen absichtlicher oder wenigstens fahrlässiger Körperverletzung einreichen. In diesem Moment ertönte aber bereits ein jämmerliches Gequiek und Gewinsel und eine unförmige zottige schwarze Masse rutschte unter dem Tisch hervor und retirirte nach Lindners Pult; ein paar grünlich leuchtende Augen erweckten den Gedanken an eine Katze, dem die von dem geheimnißvollen Geschöpf ausgestoßenen Töne wenigstens nicht widersprachen; in Wirklichkeit hatte Arvenberg, im Begriff, auf dem Sopha Platz zu nehmen, seinen Fuß auf eine Pfote des alten, blinden, mit chronischem Rheumatismus behafteten Pietsch gesetzt, eines Hundes von so unerhörter Häßlichkeit, daß dieselbe entschieden komisch wirkte. Dieses uralte Vieh, welches nach Wendts Behauptung niemals auch nur einen Jahresbetrag der Hundesteuer werth gewesen war, hatte schon in seiner frischesten Jugendblüthe so wenig durch Schönheit geglänzt, daß es von seinem Herrn und Besitzer ohne Maulkorb und Steuerzeichen seinem Schicksal überlassen worden war, es hatte aber, von jeder andern Schwelle verstoßen, doch den genialen Einfall, dem gutmüthigen thierfreundlichen Lindner zuzulaufen und sich mit zähester Beharrlichkeit an seine Fersen heften; es war das für diesen Ausbund von Häßlichkeit und Plumpheit sicherlich die einzige Möglichkeit, im Kampf ums Dasein siegreich zu bestehen. Halb verhungert und von Schmutz starrend hatte Pietsch mit seinem lächerlichen Schwanzfragment Lindner angewedelt und ihn aus melancholischen Triefaugen so bittend angeblickt, daß er es nicht über sich gewann, den Hund fortzujagen; über seine Häßlichkeit konnte selbst er sich nicht verblenden, aber er redete sich wenigstens ein, Pietsch sei der treueste, gutmüthigste, klügste und spaßhafteste Hund, der je der Schlinge des Kavillers entrissen ward, obgleich er diese günstige Meinung nur durch die Thatsache zu begründen vermochte, daß Pietsch an schönen Maimorgen schlaftrunkene Maikäfer mit der Pfote niederschlug oder sie aus Buchsbaumbeeteinfassungen kratzte, um sie dann mit sichtlichem Behagen mit Stumpf und Stiel zu verzehren, und daß er sich, wenn man ihn streichelte, sofort auf den Rücken legte und undefinirbare, am ehesten noch einen Grunzen ähnliche Laute ausstieß. Nach und nach gelang es unserm Apotheker und Chemiker, das „winselnde Scheusal“, wie Wendt es nannte, durch Darreichung von Zucker einigermaßen zu beruhigen und ihm hinter ein paar Stulpstiefeln ein Asyl zu bereiten, in welches die Absätze unvorsichtiger Freunde nicht zu dringen vermochten. Neben Arvenberg, der sich an dem ganzen Hundeintermezzo nur durch ein gebieterisches: „Knurre nicht, Pudel!“ betheiligt hatte und von Lindner dahin belehrt worden war, daß Pietsch keineswegs ein Pudel sei, sondern dem edlen Geschlecht der Affenpinscher angehöre, hatte Born Platz genommen, der ungewöhnlich einsilbig und zerstreut zu sein schien. Nun fehlte noch Reinisch, aber eben trat er ins Zimmer, von einem gerade erwachenden Kanarienvogel mit einem so stürmischen und triumphierenden Geschmetter begrüßt, daß er sich die Ohren zuhielt, umsomehr, als Pietsch diese musikalische Leistung durch jene hohen, langgezogenen Töne begleitete, welche dem musikalischen Gefühl der normalen Hundenatur ein so ehrenvolles Zeugniß ausstellen. Ein von Wendt mit Sicherheit und Vehemenz als Bombe hinter die Stulpstiefelschanze geschleuderter Hausschuh wirkte beschwichtigend, und da es Lindner gelang, auch seinen goldgelben Nachtschläger durch Schmeichelworte zum Schweigen zu bringen, so konnte Reinisch mit einem komisch-grimmigen: „Aus der Scylla in die Charybdis – aus dem Photographirsalon in die Menagerie!“ Platz nehmen und die Frage aufwerfen, was es zu lesen gebe.

„Allerlei,“ räumte Lindner ein, „aber…“

„Wie steht es zunächst mit der Prager Affaire?“ unterbrach Arvenberg, und Wendt fügte eifrig hinzu: „Die müssen wir erst zu Ende hören; ist dann noch Zeit, so können wir ja immer noch serbische Volkslieder lesen.“

[529] Reinisch ließ sich diesmal nicht lange bitten, sondern nahm den Faden seiner Erzählung wie folgt wieder auf:

„Wochen waren seit Curts Beichte ins Land gegangen, als er plötzlich eines Sonnabends nach längerem unschlüssigen Schweigen ganz abrupt mit der Frage herausrückte, ob ich am darauffolgenden Nachmittag mich an einer Schlittenpartie betheiligen wolle. Als ich fragte, ob wir beiden allein sein würden, antwortete er mit ‚Nein!‘ und ich errieth nun rasch, daß seine Geliebte von der Partie sein würde, daß es ihm schwer fiel, mir das offen und unumwunden zu sagen und daß er lieber errathen sein wollte. Ich sagte natürlich zu und war, wie ihr euch denken könnt, etwas betreten, als er allein in dem auf vier Personen berechneten Schlitten saß, der klingelnd vor dem Café vorfuhr, in dem wir uns Rendez-vous geben wollten. Er gab mir keine Erklärung und ich mochte nicht fragen; so stieg ich denn ein und wir hatten schon die letzten Häuser der Vorstadt Karolinenthal erreicht, als er dem Kutscher einen Wink gab. Der Schlitten hielt nur einen Moment; eine tiefverschleierte Dame im Pelzmantel, die wir eingeholt hatten, stieg rasch in den Schlitten und nahm neben Curt Platz, und während die Pferde wieder anzogen, schlug sie den Schleier zurück und zeigte mir das feine, regelmäßige, von der scharfen Luft geröthete Gesicht meiner Nachbarin. Sie war wahrhaftig noch schöner, als sich aus der Ferne hatte feststellen lassen und als sie mir, um anzudeuten, daß keine Vorstellung erfolgen würde und daß sie über mich hinlänglich informiert sei, die kleine Hand im wildledernen Handschuh hinhielt, konnte ich mich einer leichten momentanen Verwirrung nicht erwehren. Alles, was wir über einen Menschen wissen, hat uns sein Gesicht in dem Augenblick gesagt, in dem wir die ersten Worte mit ihm wechselten, und alle die folgenden Jahre können nur ganz unbedeutende Aenderungen an diesem ersten Urtheil hervorbringen; in allem wesentlichen werden sie es lediglich bestätigen. Ich fühlte, daß an diesem eigenthümlichen Geschöpf nichts Zweideutiges, daß an ihr kein falsches Aederchen war, und ich fühlte, daß sie mindestens ebensoviel Charakter als Herz besaß. Ich bat ihr unwillkürlich im stillen jeden unbestimmten Zweifel ab, den ich bezüglich ihrer gehegt und daß ich solche Zweifel gegen Curt geäußert, versetzte mich in eine brennende Verlegenheit. Er seinerseits schien ganz genau zu wissen, was in mir vorging, denn in seinem leichten Lächeln lag ebenso viel feiner Spott, als Befriedigung über den vortheilhaften Eindruck, den seine Geliebte auf mich gemacht; er schien zu fragen: ‚Nun? ist man überführt?‘

„Wir kamen rasch ins Plaudern und Leontine betheiligte sich ohne eigentlichen Eifer, aber auch ohne jede Spur von Befangenheit und Zurückhaltung am Gespräch. Sie war ebenso frei von der tastenden, verlegen lächelnden Zimperlichkeit, die den Frauen neuen Bekannten gegenüber oft genug eigen ist, als von einem Haschen nach Geistreichigkeit, und ihr vornehmes Gesicht und ihre ernsten, dunklen Augen wurden nur selten durch ein Lächeln aufgehellt; dieses Lächeln war aber hinreißend, so viel Herzensgüte, Unschuld, Vertrauen und – Liebe sprachen sich in ihm aus. Sehr bald hatte ich das Gefühl, daß sie viel lebhafter und interessanter sein würde, ginge sie nicht so vollständig auf in dem Glück, an Curts Seite zu sein und ihn sehen und hören zu können; ihre Augen hingen oft mit dem vollen Ausdruck einer ebenso leidenschaftlichen als naiven, weltvergessenen Bewunderung an seinen Lippen und dann war es, als besinne sie sich erst wieder darauf, daß sie ja nicht allein seien. Ich fand selbst diese Zerstreutheit liebenswürdig; es ist ja das Vorrecht und oft der Fluch der Frauen, ganz und gar in der Liebe aufzugehen und dieses Mädchen sah nicht so aus, als werde sie viele ‚Herzensfrühlinge‘ erleben; sie gehörte nicht zu den Frauen, die das Lieben an sich so süß finden, daß der Gegenstand dieser Liebe ziemlich gleichgültig ist und die deshalb die Liebhaber wie die Handschuhe wechseln, ohne dabei die geringste Störung ihres innern Wohlbefindens und ihres seelischen Gleichgewichts zu erleiden, und die zu wenig an klares und logisches Denken gewöhnt sind, um es nicht leicht zu finden, die Berechtigung solches Wechsels durch ein paar armselige Sophismen nachzuweisen und sich von aller Schuld reinzuwaschen. Diese Art Frauen hasse ich ebenso sehr, als ich sie verachte; sie bringen es fertig, aus mir einen Sprühteufel von Sarkasmen zu machen, und daß ich Leontine sofort als eine von den tiefen Naturen erkannte, die nicht den Mann, sondern den und den bestimmten Mann lieben und sich einen Ersatz für denselben weder aufreden noch aufzwingen lassen, machte mich merkwürdig vergnügt und innerlich ruhig. Es ist doch an und für sich eine rechte Herzensfreude, einen Menschen kennen zu lernen, vor dem man in aufrichtiger Ehrerbietung den Hut ziehen möchte, und dann war es mir ja durchaus nicht gleichgültig, ob es eine edle Natur war, an die mein junger Freund sein schönes und reizbares, starkes und verwundbares [530] Herz verloren hatte. Wir waren noch lange nicht am Ziel, da sagte ich mir in selbstloser, neidloser Freundschaft: ‚Die beiden Menschen gehören zusammen, von Rechtswegen, sie sind einander werth und sie sollen zusammenkommen, um jeden Preis und unter allen Umständen, und was du dabei thun kannst, wirst du thun.‘ Dieser Entschluß, für den ich nicht etwa das Prädikat ‚edelmüthig‘ beanspruche, sollte bald auf die Probe gestellt werden. Der kurze Wintertag neigte sich schon seinem Ende zu, als wir das abseits von der Landstraße liegende auch im Sommer wenig besuchte Dörfchen erreichten, welches das Ziel unserer Fahrt war. Curt hatte im voraus ein Zimmer bestellt, das denn ganz behaglich durchwärmt war, wir bekamen einen extrastarken, heißen Kaffee und das Blut rollte mir bald wieder rasch durch die Adern; ich hatte, um mich noch mehr zu animiren, ziemlich viel Cognac zugesetzt und als Curt Mantel und Mütze nahm, um auf eine Viertelstunde zu dem dicht bei dem Dorfe wohnenden Förster zu gehen und wegen einer zwischen ihnen verabredeten Jagdpartie nochmals Rücksprache mit demselben zu nehmen, erschien mir meine Aufgabe gar nicht mehr so schwierig. Curts Absicht war unverkennbar, viel Zeit war nicht zu verlieren und so stürzte ich mich denn kopfüber in mein Unternehmen und fragte, nachdem ich einige male im Zimmer auf und ab gegangen war, ohne Leontine dabei anzusehen (sie saß am Ofen und stemmte die kleinen, schmalen, wohl noch etwas starren Füße gegen den Kohlenbehälter und schien in Gedanken versunken):

„Sagen Sie, mein Fräulein, würden Sie einem aufrichtigen Freunde Curt v. Blenkheims, der auch für Sie die höchste Achtung empfindet und Ihnen alles Gute wünscht, eine Frage beantworten, die zwar etwas indiskret ist, die aber dafür das Lebensglück unseres gemeinschaftlichen Freundes betrifft?“

Sie sah wie aus einem Traum erwachend erstaunt auf, errieth jedoch sofort meine Absicht und erwiderte ruhig und sanft:

„Die Frage wird wohl so indiskret nicht sein; Sie wollen wissen, warum ich allen Anspielungen des edelsten und bravsten aller Menschen auf einen Ehebund zwischen uns ausweichende Antworten und die Bitte entgegensetze, daran nicht zu denken, überhaupt keine Pläne zu machen?“

„Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir alle Präliminarien sparen, indem Sie die Frage so scharf und klar formuliren –“

„Man wird sich immer klar und bestimmt ausdrücken, wenn man sich selber klar ist und das bin ich – leider.“

Das eine kleine Wort sprach sie wohl weniger zu mir, als zu sich selbst; es war auch mehr gehaucht als gesprochen, aber es lag so viel gramvolle Hoffnungslosigkeit in demselben, daß es mich fast entmuthigte. Dennoch fuhr ich fort:

„Sie geben mir also ein Recht zu der Frage – wollen Sie dieselbe auch beantworten?“

Sie sah einen Augenblick nieder und sagte dann leise und gedrückt, aber fest:

„Ich kann und werde nie die Frau Curts sein.“

„Aber Sie lieben ihn doch, so viel ich sehen und beurtheilen kann?“

Sie antwortete nicht, aber das ebenso gedankenvolle, als süße Lächeln, das auf ihre Lippen trat, sagte mehr als alle Worte und schien mich zu fragen: „Wie sonderbar du bist! Muß man ihn denn nicht lieben? Oder sollte es wirklich ein Weib geben, dessen Herz ihm nicht entgegenflöge?“

„Ich würde Ihr Lächeln gern als Antwort gelten lassen, aber wollen Sie Sich nicht direkter äußern?“

„Verzeihen Sie, daß ich die Antwort überflüssig fand; Sie können Sich nicht denken, wie selbstverständlich sie für mich ist. Aber es kostet mich auch nichts, Ihnen zu sagen, daß ich ihn liebe – wie er es verdient, mehr als mein Leben, und daß diese Liebe auch dann noch mein Glück und mein Stolz wäre, wenn sie nicht erwidert würde.“

Sie sagte das nicht pathetisch und schwungvoll, sondern so etwa, wie man einem Kinde eine recht einfache Sache erläutert, wobei man an etwas anderes denkt. Ich gestehe euch, ich war betreten; diese Antworten waren so verzweifelt kurz, bestimmt und klar und gaben mir doch ein peinigendes Räthsel auf. Ich fragte weiter:

„Sie lieben ihn also und ich weiß, er hat es ehrlich um Sie verdient –“

Sie legte mit einer anmuthigen, merkwürdig ausdrucksvollen Geberde die Hand aufs Herz und ihr Blick schien zu fragen: „Warum sagen Sie das mir?“

„Warum quälen Sie ihn?“ ergänzte ich meinen Satz. „Sehen Sie nicht, daß er sich physisch und moralisch aufreibt?“

„Man sagt mit Recht, das Auge der Liebe sei scharf – ich weiß nur zu gut, was an ihm zehrt, und es krampft mir oft das Herz zusammen, in seinen Augen zu lesen, in seiner Stimme mitklingen zu hören, was er schon nicht mehr sagen mag. Ich weiß, aus wie weichem, zarten Stoffe er gemacht ist und ich sehe auch ein, daß es nicht lange mehr so fortgehen kann.“

Sie sah mich nicht an, ihr Blick schien in eine endlose Ferne zu schauen und ihre Stimme klang düster und die Worte fielen schwer von ihren Lippen.

„Sie werden seinem Freunde einen vielleicht zu harten Ausdruck nicht verübeln; ist er nicht auch nach Ihrer Ansicht zu gut, das Opfer einer - ich weiß keinen besseren und milderen Ausdruck – einer Grille, einer Laune zu werden?“

„Grille und Laune! Ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, das Schicksal könne zwischen uns stehen? Ich würde lächelnd jeden Tropfen Blut aus meinen Adern für ihn hingeben, wenn ich dadurch sein Glück erkaufen könnte, und vielleicht werden Sie bald schon – aber nein, Thaten sind mehr als Worte und der Tag, der jedes Räthsel löst, kann nicht mehr fern sein. Wollen Sie nicht so lange warten, ehe Sie über mich und den scheinbaren Widerspruch zwischen meiner Liebe und meiner Weigerung urtheilen und sollte es so gar schwer sein, bis dahin den Glauben festzuhalten, daß jeder Schlag meiner Pulse, jeder Gedanke meines armen Kopfes Liebe ist – reine, uneigennützige, opferfreudige Liebe, und daß Curt sich nicht wegwarf, als durch seine Liebe ein unaussprechlich glückliches Geschöpf aus mir machte?“

Sie war aufgestanden und ihre eine Hand stützte sich auf die Lehne des Stuhls; wir hatten kein Licht, nur das Feuer im Ofen warf seinen unsichern flackernden Widerschein auf ihr schönes Gesicht und die schlanke Gestalt und in dieser zweifelhaften Beleuchtung war sie so ganz „verwunschene Prinzessin“, daß ich mich schon halb entwaffnet fühlte; es war mir einen Moment, als blitze eine Thräne in ihren Augen, aber sie sah mir nicht aus wie weinen und ich weiß bis heute noch nicht, ob ich mich nicht getäuscht.

Die Unterredung war eigentlich zu Ende, dennoch sagte ich nach einigem Zaudern:

„Ich fühle nur zu wohl, daß ich nicht weiter in Sie dringen darf, dennoch gestehe ich Ihnen, daß Sie mich nicht beruhigt haben. Die Sorge um meinen Freund, den Sie bereits ganz aus sich herausgeworfen haben und dessen unstetes Wesen mich ängstigt, hat mir die Lippen geöffnet; sagen Sie selbst, ob ich seine Zukunft in rosigerem Lichte sehen darf, seitdem Sie mir einen Blick in Ihr Inneres gestattet?“

„Ich weiß, daß Sie frei sind von banaler Neugierde – aber seien Sie ohne Sorge um Curt. Sein Geschick liegt in meinen Händen und ich will nur sein Wohl; es schlägt kein Herz auf Erden – seine Mutter ist ja todt – das so ganz von ihm erfüllt wäre als das meine, und seit ich ihn kenne, habe ich nie mehr an mich und immer nur an ihn gedacht. Sollte darin nicht auch für Sie eine gewisse Bürgschaft liegen?“

Ich zauderte – durfte ich so viel zugestehen? War es denn sicher, daß sie sein Glück auch richtig verstand, daß die Logik des Herzens nicht fehlging? Sie errieth diesen Zweifel aus dem gepreßten: „Allerdings –“, zu dem ich mich endlich zwang.

„Sie wissen nicht recht, ob Sie mich fragen sollen: ‚Dürfen Sie Sich aber auch so unbedingt auf die Richtigkeit ihres Urtheils und auf die Lebensweisheit eines Mädchenkopfs verlassen?‘“

„Nun ja, es sei zugestanden, aber gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich betreten bin über die unfehlbare Sicherheit, mit der Sie meine Gedanken errathen.“

Wieder trat ein flüchtiges, trauriges Lächeln auf die schönen Lippen.

„Was ist da zu verwundern? Man denkt doch auch bei der stillen Arbeit vom Morgen bis zum Abend, und all dies Denken bezieht sich so ausschließlich auf den einen und auf das Gefühl, das er in uns geweckt, daß es eher zu verwundern wäre, wenn uns eine Seite des Gegenstands, ein Einwand, der uns vielleicht gemacht werden könnte, entginge. Ich könnte Ihnen zehnmal mehr sagen, als Sie mir zu sagen haben; ich habe in schlummerlosen Nächten alles, alles hundertmal erwogen, um so reiflicher erwogen, als das arme Herz sich verzweifelt gegen die Gebote des Verstandes wehrte und jeden Fußbreit Boden angstvoll vertheidigte. Ich weiß, ich irre nicht, hinter jeder meiner Handlungen [531] steht ein eisernes ‚muß‘, und wenn Sie heute ein Schiedsgericht von herzenskundigen Männern und hochsinnigen Frauen zusammenriefen, ich weiß, es würde seinen Spruch zu meinen Gunsten fällen. Es genügt ja schon, daß ich alles Leid auf mich nehme -“

„Verzeihen Sie, mein Fräulein, ist das auch wahr? Ich mag nicht darüber nachdenken, was Sie beschlossen haben können, aber Ihre beharrliche Weigerung schon, sein Weib zu werden, verhängt ein tiefes, schneidendes Herzeleid über unsern Freund und -“

„O ja, gewiß – aber ein Mann hat mehr auf Erden zu thun, als zu lieben, und die an Liebesschmerzen zu Grunde gehen, das sind keine starken, das sind schwache, selbstsüchtige Naturen, enge Seelen, kleine Menschen. Echten Männern bringt die Zertrümmerung eines Liebesglücks wohl auch einen wilden, scharfen Schmerz, aber er ist kurz, er wird überwunden, die Wunde verheilt und vernarbt und der Kern des Wesens bleibt unberührt. Ich denke zu hoch von Curt, um nicht zu wissen, daß er sich bald wiederfinden wird, um früher oder später noch glücklich, recht glücklich zu werden. Wir armen Frauen dagegen – wir leben und athmen nur, um zu lieben, Leben und Liebe sind für uns eins; haben Sie auch bedacht, was es heißt, dem Besitz eines Mannes entsagen, den man vergöttert, dessen Bild man im Allerheiligsten der Seele aufgestellt hat, um vor ihm Tag und Nacht die ewige Lampe schrankenloser Neigung brennen zu lassen? Wenn wir sagen, die Trennung breche uns das Herz, so ist das nicht immer eine Phrase; ich fürchte, man kann auch weiter leben mit gebrochenem Herzen, was ist das aber für ein Dasein! – –“

Sie hatte die Stimme leicht gehoben und es klang zuweilen wie eine aufsteigende Bitterkeit durch ihre Worte; sie mußte das selber fühlen, denn sie hielt wie erschrocken inne, fuhr sich tief aufathmend mit der Hand über die Stirn und sagte dann etwas ruhiger: „Brechen wir das trübselige Gespräch ab; es thut mir weh und führt doch zu keinem Resultat. Ich weiß nicht, wie Sie im allgemeinen über unser Geschlecht urtheilen, aber ich denke doch, Sie haben keine niedrige Meinung von demselben, sonst würden Sie ja nicht Curts Freund sein. Jedenfalls aber stehe ich bei aller Unbegreiflichkeit unverdächtig vor Ihnen; ich würde bereuen, Ihnen auch nur ein Wort erwidert zu haben, wenn das nicht der Fall wäre. Und wenn Sie es recht gut mit uns meinen, so sagen Sie Curt so wenig als möglich über unsere Unterredung; ich sehe noch nicht ganz klar, ich weiß noch nicht recht, wie lange noch alles so bleiben kann und darf, wie es ist; unterlassen Sie alles, was ihm auch nur eine Minute der Zeit trüben und vergiften kann, die uns noch beschieden ist – ach, es ist vielleicht nur noch eine kurze, armselige Spanne. Sehen Sie, ich kämpfe Tag für Tag nur darum, ihn über der lieblichen Gegenwart die dunkle Zukunft vergessen zu machen und ich bin schon scharfsinnig und erfinderisch dabei geworden; stören Sie meine zarten Kreise nicht und wenn Sie können – helfen Sie mir; Sie thun ein gutes Werk damit!“

Sie sagte die letzten Worte im Tone der innigsten Bitte und hielt mir dabei, wie hingerissen von ihrem Gefühl, die Hand hin – was konnte ich anders thun, als diese Hand stumm und, wie ich fürchte zu stark, zu drücken und dieselbe dann ehrerbietig an die Lippen zu führen? Sie ließ es geschehen, wie eine Königin – ein edles, feinfühliges Weib, das sich stolz zu einer Liebesneigung bekannt hat, die ihr Ehre macht, hat immer etwas von einer Fürstin, und dieser Augenblick ist in viel höherem Sinne der Glanzmoment ihres Lebens, als der, in welchem sie, blühendes Myrthenreis im Haar, von Mullwogen umflossen und von Orgelklängen umrauscht, vor dem Altar angesichts einer neugierigen, schaulustigen und zu neun Zehnteln neidischen Menge einen kleinlichen Triumph feiert.

[541] Der Maler hielt inne und musterte mit einem gewissen Mißtrauen die Mienen seiner Zuhörer; er suchte förmlich nach einem ironischen Lächeln, aber seine jungen Freunde blickten in Gedanken vor sich nieder und schienen gar nicht daran zu denken, daß der Enthusiasmus des Erzählers eine komische Seite haben und ihm gelegentlich als sträfliche Sentimentalität angerechnet werden könne. Die gespannte und umwölkte Miene Reinisch’s löste und lichtete sich bei dieser beruhigenden Wahrnehmung wieder und in verändertem, aber gleichmäßigen Tone fuhr er fort:

„Das war also die Unterredung, bei der ich mindestens ebenso dilatorisch behandelt worden bin, wie seiner Zeit Benedetti vom Grafen Bismarck. Ich war keineswegs beruhigt, wie ihr euch denken könnt, sondern eher ernstlicher beunruhigt, als vorher und ich hätte fast wünschen mögen, das seltsame Mädchen hätte mir weniger imponiert – es würde mir dann eher eine Hoffnung geblieben sein, ihre leidenschaftliche Liebe zu Curt, die sich so wohlthuend geäußert, werde alle die Dämme durchbrechen und fortreißen, die sie selber aufgeworfen, sie werde in einer Stunde weicher Zärtlichkeit der Beredsamkeit Curts erliegen und all ihre Trennungsvorsätze vergessen. Um diese Hoffnung war es nun herzlich schlecht bestellt. Sie gehörte augenscheinlich nicht zu den Frauen, die vom Augenblick bestimmt werden und die nur auf den Augenblick warten, in dem sie sich mit guter Manier ein ‚Ja‘ abschmeicheln, abdringen, abtrotzen, ja abzwingen lassen können, und die innerlich ganz damit einverstanden sind, daß ihr Widerstand gebrochen wird, vorausgesetzt nur, daß sie sich zu ihrer Rechtfertigung und Entschuldigung auf die Schwäche ihres Geschlechts überhaupt oder auf eine momentane Schwäche und auf die Leidenschaft und Energie des Willens berufen können, der ihnen entgegenstand. Ich hätte Curt so gern ein günstigeres Horoskop gestellt, aber worauf sollte ich ihn noch vertrösten? Daß steter Tropfen einen Stein höhle und daß Leontine’s Herz sicherlich kein Stein sei? Das war ja an sich ein ganz guter Satz, ein Satz, der Hände und Füße hatte, aber das Mädchen hatte mir eben einen heillosen Respekt eingeflößt. Ich hätte sie vielleicht überspannt oder exzentrisch nennen können, aber auch das wollte nicht verfangen; in allem, was sie gesagt, war zu viel gesunder Verstand gewesen und exzentrische Naturen haschen nach starken und ungewöhnlichen Ausdrücken, statt schlicht und einfach zu sagen, was sie denken und fühlen. Sie war mir ein Räthsel, wie sie ein Räthsel für Curt war, und wie sollte das alles noch enden? Um hundert andere Männer wäre mir keine Sekunde bange gewesen, und ich hätte lachend die Achseln gezuckt, aber was die einen wie eine Flaumfeder fortblasen, zerdrückt dem anderen mit Centnerlast das Herz, und es überfiel mich wie eine Regung schmerzlichen Mitleids, als Curt wieder ins Zimmer trat; er warf mir nur einen Blick zu, aber in diesem einen Blick lag eine sorgenvolle, ungeduldige Frage und – ich konnte ihm nicht mit froh-listigem Augenzwinkern zunicken, wie er es doch vielleicht hoffte. Jedenfalls ließ er sich nichts von einer etwaigen Enttäuschung merken, sei es nun, daß seine Hoffnung eine ganz vage und von ihm selber bestrittene gewesen, sei es, daß er schon bei jener müden Resignation angelangt war, welche die Hände in den Schoß legt und die Dinge gehen läßt, wie sie mögen. Mit der Fassung und Standhaftigkeit, die ich schon manchesmal an ihm bewundert hatte, zeigte er uns ein ruhiges, beinahe vergnügtes Gesicht, erzählte lebhaft und humoristisch von den Schrullen und Wunderlichkeiten des erzbraven alten Forstmanns, der recht eigentlich einen Narren an ihm gefressen habe, und veranlaßte dadurch auch Leontine, von ihrem Vater und mancherlei Orginalen unter seinen Berufsgenossen zu erzählen, mit Frische und Anschaulichkeit und jenem feinen Sinn fürs Komische, der ja schon bei den kleinsten Schulmädchen mehr entwickelt zu sein pflegt, als bei viel älteren und gereifteren Knaben. War das noch dasselbe in allen Tiefen der Seele aufgewühlte Mädchen von vorhin? Vor einer halben Stunde melancholisch und tiefernst und nun das Urbild graziöser Laune, der es sogar an einem Zuge von Uebermuth und Neckerei nicht fehlte – auf welche Elastizität des Geistes oder welche übermenschliche Kraft der Selbstüberwindung ließ dieser Wechsel schließen! Die beiden einander so wahlverwandten Menschen, die man sich kaum mehr getrennt denken konnte, wenn man sie nebeneinander gesehen, neckten sich zuletzt in so feiner und liebenswürdiger Weise, daß mir die ganze Unterredung mit dem Mädchen wie ein beklemmender Traum erscheinen wollte, wenn mir auch im nächsten Augenblick der Gedanke kam, der rastlose Wechsel zwischen solchen Stunden und denen des fragenden Blicks in die Zukunft müsse endlich das widerstandsfähigste Nervensystem rettungslos zerrütten. Unter dem Einfluß dieses Gedankens kam mir auf einmal Curts Heiterkeit gemacht, erkünstelt und forciert vor oder mindestens überreizt; dem Mädchen, das ich allerdings [542] nicht so genau wie ihn kannte, war schlechterdings nichts anzumerken, wie sorgfältig ich sie auch beobachtete.

„Der Mond war aufgegangen und goß sein kaltes, klares Licht über die weite schneebedeckte Fläche, als wir die Heimfahrt antraten. Ueber uns die volle glitzernde Sternenpracht eines stahlblauen Winterhimmels, glitten wir unter dem muntern Geklingel der Schellen auf der Straße dahin; es war nicht zu kalt, die dichten zottigen Bärendecken hielten die Füße warm, der Ungarwein tobte mir in den Adern und so überkam mich allmählich ein Gefühl traumhaften Behagens, das ich nicht so recht zu definiren vermochte. Mein Blick irrte von Sternbild zu Sternbild, ich lauschte auf das gedämpfte Bellen der Hunde in den Dörfern abseits der Straße und auf das Schnauben und Wiehern unserer Pferde, und dazwischen hinein auf das theilweise in ungarischer Sprache geführte Geplauder der beiden schönen Menschenkinder mir gegenüber. Curt sprach das Ungarische nur nothdürftig und gebrochen, er hatte noch nicht lange mit der Erlernung dieser Sprache begonnen, die Leontine gleichzeitig mit dem Deutschen spielend erlernt hatte, und seine Sprachfehler und sein Suchen nach Ausdrücken schienen das schöne Mädchen, das sich dicht und vertraulich an ihn geschmiegt hatte, umsomehr zu belustigen, je mehr sie gewohnt war, in dem Geliebten den Inbegriff alles Wissens zu sehen und bewundernd zu ihm emporzuschauen. Ueber Curt kam mit der Zeit eine fast wilde Lustigkeit und er meinte zuletzt: „Ich halte das Sitzen nicht mehr aus, ich muß ein Stück laufen, damit ich müde werde!“ und damit hatte er auch den Mantel abgeworfen und war aus dem Schlitten gesprungen, ohne zu fallen oder auch nur zu taumeln, und rief dem Kutscher zu: „Weiter fahren!“ Die Pferde waren im scharfen Trab, er blieb aber nicht zurück und folgte uns dicht, mit dampfendem Athem, leuchtenden Augen und von der Kälte gerötheten Wangen. Es war ein Vergnügen, ihn in der knappen, blauen Montur mit dem kirschrothen Sammtkragen laufen zu sehen, leichtfüßig wie ein Reh, ein wenig nach vor gebeugt, die Hände in den Hüften und als er endlich doch zu ermüden begann, eilte er vor an die Seite des Schlittens, voltigirte mit vollendeter Eleganz über die Seitenwand, als sei er auf dem Turnplatz und steckte seine Hand in scherzender Zärtlichkeit in den Muff der momentan überraschten Geliebten, die dem Kutscher eben hatte sagen wollten, daß er halten möge.

„Gleich darauf gewahrten wir rechts von der Straße einen Schlitten und der laute Knall der um den Kopf des Lenkers geschwungenen Peitsche unterbrach die tiefe Stille der Nacht. Wir passirten gerade eine Kreuzung der Straße, als der Schlitten dicht vor uns blitzschnell in dieselbe einbog und dem Insassen eben nur Zeit ließ, uns ein höfliches: „Servus! Und viel Vergnügen noch, meine Herrschaften!“ zuzurufen. Er hatte uns dabei das Gesicht zugewendet und das Mondlicht fiel voll auf seine Züge; es war einer von den sogenannten „bildschönen“ Männern, herkulischer Bau, breite Schultern, krauses Haar, verwegner Schnurrbart und ein weniger edles als energisches Gesicht. Was war das aber gewesen? Hatten die Worte des fremden Offiziers – er trug die Ulanenuniform – nicht einen eigenthümlich spöttischen, ja höhnischen Beigeschmack gehabt, der vielleicht gerade in der übertriebenen Höflichkeit der Begrüßung lag? Geirrt hatte ich mich nicht – Curt hatte nichts erwidert, sondern nur nachlässig an die Mütze gegriffen, sein Gesicht aber war mit einem male finster, fast drohend geworden und drückte eine tiefe, instinktive Abneigung aus. Ich sah Leontine unwillkürlich fragend an – kannte auch sie den Offizier? Auch sie schien unangenehm berührt von der Begegnung; die feinen Brauen zogen sich auf einen Moment zusammen und sie sah ganz aus, wie jemand, der unerwartet auf eine Natter getreten ist – ein unwillkürliches Erschrecken, ein an Ekel streifender Widerwille prägten sich in ihrem Gesicht aus und ein bitterer Zug lagerte sich um den schönen Mund. Aber das alles war ebenso blitzschnell verschwunden, als es gekommen, und als sie sich gleich darauf lächelnd mit einer gleichgültigen Frage an Curt wendete, fragte ich mich allen Ernstes, ob ich mich nicht getäuscht. Curt schien entschlossen, den unangenehmen Eindruck von sich abzuschütteln, er beantwortete meinen fragenden Blick durch ein kaum merkliches Kopfschütteln und ein rasches Blinken der Augen und erklärte Leontine ein schönes Sternbild, auf das sie ihn aufmerksam gemacht hatte, in so unbefangenem Tone, daß ich anfing, zu glauben, ich sei nervös überreizt und infolge dessen geneigt, Gespenster zu sehen.

„Aber ich hatte nur zu richtig beobachtet. Wir waren in der Nähe der Kettenbrücke angelangt, als der Schlitten hielt; Leontine stieg rasch aus, reichte erst mir, dann Curt die Hand, und flüsterte: „Auf Wiedersehen – gute Nacht!“ und war im Nu in einem Seitengäßchen verschwunden. Wir fuhren bis vor Curts Wohnung und er fragte in so zuversichtlichem Tone: „Sie nehmen doch noch eine Tasse Thee bei mir?“ daß ich, obgleich recht müde, schweigend einwilligte.

„Der heiße Thee war bereits getrunken, als ich meinem jungen Freund, dem man es ansah, daß ihm die Frage nach meiner Unterredung mit Leontine nicht über die Lippe wollte, wenigstens insofern zu Hilfe kam, als ich fragte:

„Sie kannten den Offizier, der uns auf der Chaussee vorfuhr? Er scheint Ihnen durchaus nicht sympathisch zu sein?

„Die Antwort klang recht übellaunig. ‚Graf Borkiewicz, von den Ulanen, ein Wasserpolake aus der teschener Gegend – der ärgste Mädchenjäger in Prag – ein ganz gewissenloser, seichter und frivoler Kunde, über dessen Leben und Treiben ich zu viel weiß, um ohne Widerwillen an einem Tische mit ihm zu sitzen. Um so fataler ist es mir, daß er sich mit seiner falschen glatten Sarmatenhöflichkeit überall an mich herandrängt, fest entschlossen, wie es scheint, meine kühl ablehnende Haltung nicht zu bemerken. Wir beiden sind unverträglich wie Feuer und Wasser und wenn ich ihn nur von fern sehe, habe ich stets das bestimmte Vorgefühl, daß wir früher oder später einmal hart aneinander geraten. Es erbittert mich, daß es sich nicht abschrecken läßt und so oft er sich mit seinem süßlich-faden Lächeln an mich wendet, habe ich jederzeit gute Lust, ihn mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, damit endlich einmal reine Wirthschaft zwischen uns werde.“

„Ich glaubte nun dem Geheimnis auf der Spur zu sein; der polnische Don Juan hatte sich Mühe um Leontine gegeben, war vielleicht sogar zudringlich gegen sie geworden, Curt hatte das von ihr erfahren und haßte ihn, wie energische Männer eben den zu hassen pflegen, der ihnen ins Revier kommt, und reizbare den, der von der Frau, für die sie schwärmen, eine geringere Meinung zu haben wagt. Ich sagte also mit einem vielleicht etwas ironischen Lächeln:

„Sollte das wirklich der einzige Grund Ihrer Abneigung sein? Sollte Ihnen der Herr Ulan nicht in einem konkreteren Falle Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben haben? Aber Curt wollte mich nicht verstehen oder er verstand mich wirklich nicht, denn sein: „Das ich nicht wüßte – es wären dann auch ganz gewiß Späne geflogen!“ klang so unbefangen und aufrichtig, daß ich wieder irre wurde. Ahnte er nichts davon, daß Leontine den Verhaßten kannte, war ihm ihre unmuthige Bewegung bei der Begegnung mit demselben entgangen? Jedenfalls wünschte ich mir Glück dazu, nicht mit der Thür ins Haus gefallen zu sein und beschloß, meine Wahrnehmung, die mir ja selber ein Dorn im Fleische war und die immerhin ein Irrthum sein konnte, fein vorsichtiglich für mich zu behalten, statt vielleicht ohne alle Noth Öl ins Feuer zu gießen. Wenn ich erst noch ein wenig sondierte, ergab sich vielleicht eine andere und weniger bedenkliche Erklärung für jene Wahrnehmung. Nach einer kurzen Pause fuhr ich denn in wirklichem Mitleid mit der Spannung, in der der junge Mann sich befand, in möglicherweise etwas erkünsteltem Enthusiasmus fort:

„‚Was kümmert uns übrigens heute der Ulan? Sie wollen wissen, wie mir Ihre Geliebte unter vier Augen gefallen hat, und da kann ich wohl weiter nichts thun, als Ihnen von Herzen Glück wünschen; Sie sind ein richtiges Sonntagskind und haben da ein großes Loos gezogen.‘

„Meine Worte machten Curt sichtliche Freude – seine Augen blitzen auf, aber mit der Feinfühligkeit, die ich schon so oft an ihm bewundert hatte, sagte er gleich darauf:

‚Etwas weniger wäre wohl mehr gewesen!‘

„Ich wollte mich aber nicht werfen lassen, war auch schon zu weit gegangen und fuhr also eifrig fort:

„‚Wissen Sie, daß mir das viel, viel zu kühl klingt? Ganz gewiß sind Sie um dieses Mädchen zu beneiden, das allen Adel einer in sich gefestigten Frauennatur mit dem Reiz des frischen Naturkinds verbindet. Ich will einmal ganz von ihrer eigenartigen Schönheit absehen, in der sich der polnische und der deutsche Typus aufs glücklichste mischen und die dann doch noch ihren ganz individuellen Tik hat, aber sie hat jedenfalls ebensoviel Herz als Verstand und Charakter –‘“

„Während der Charakter der meisten Frauen darin besteht keinen zu haben – sehr richtig, aber was wollen Sie mir damit neues sagen?“

[543] „Das beabsichtigte ich auch nicht – ich wollte Ihnen nur zu bedenken geben, daß sich an dem Glück, von einem so seltnen Geschöpf so innig und rückhaltlos geliebt zu werden, wie es Ihnen widerfährt, auch der Beste und der Verwöhnteste berauschen darf!“

Curt nickte nur. „Alles sehr schön, doch das müssen Sie mir nicht sagen. Ich hasse die starken Ausdrücke, weil sie unablässig gemißbraucht werden, während man doch so sparsam und vorsichtig als möglich mit ihnen umgehen sollte, von diesem Mädchen aber könnte ich nur in Hyperbeln sprechen und alle Besonnenheit würde einen Brief über sie nicht vor dem Schicksal bewahren, von aller Welt für einen Hymnus erklärt zu werden. Ich wußte auch, daß Sie entzückt von ihr sein würden, da ich sicher sein konnte, daß sie Ihnen, meinem Freunde, freundlich begegnete, was ich also von Ihnen zu wissen begehre, ist –“

Er stockte und ich ergänzte: „ob es mir gelungen ist, sie zum Sprechen darüber zu bringen, warum sie Bedenken trägt, Ihre Frau zu werden, die Frau dessen, den sie doch abgöttisch liebt?“

Curt hatte den Kopf in die Hand gestützt und sagte müde und melancholisch:

„Nun ja, aber es ist eine Thorheit von mir, Sie zu examiniren – hätte sie Ihnen Günstiges gesagt oder auch nur greifbare Gründe angeführt, Sie hätten längst Ihren Rapport erstattet – von freien Stücken.“

„Aber lieber Freund, jetzt lassen Sie die gewöhnliche besonnene Ueberlegung vermissen. Haben Sie wirklich geglaubt, ich würde die Courage haben, diesem Mädchen in den ersten Stunden unseres Bekanntseins so zarte Fragen vorzulegen? Haben Sie wirklich geglaubt, sie würde solche Fragen beantworten?“

„Der Gedanke ist allerdings zum Lachen, denn Leontine würde auch einem Keckeren, als Sie, imponiren, aber sie konnte sehr wohl die Auseinandersetzung provoziren, wenn es ihr erwünscht schien, lieber Ihnen als mir ihre Gründe zu nennen, und auf eine solche Geneigtheit ihrerseits hatte ich halb und halb gehofft – das war’s, lieber Reinisch.“

„Gut also! Für mich konnte es sich nur darum handeln, das Mädchen persönlich kennen zu lernen, um zu einer festen Ueberzeugung darüber zu gelangen, ob sie in jeder Beziehung dem Bilde entsprach, das ich mir von Ihrer Frau nothwendig machen mußte, ob ihre Person mir eine Gewähr bot für Ihr Lebensglück. Diese Gewißheit habe ich erlangt und da sie diesen reizbaren, nervösen, ungeduldigen Menschen da ganz unvernünftig liebt, so wird sie schließlich gewiß so vernünftig sein, ihn zu heiraten, da er’s nun einmal so haben will. Glauben Sie mir, Ihre – allerdings sehr verzeihliche – Ungeduld sieht viel zu schwarz und traut einem Mädchenwillen, der doch nur dazu da ist, gebrochen zu werden, die Stärke des eignen zu. Was soll sie schließlich auch Stichhaltiges dagegen einzuwenden haben, die Frau des liebenswürdigsten, geistvollsten, solidesten und – verliebtesten jungen Kriegsmanns zu werden, der je das ‚F.J.1.’ in der Kokarde trug!?“

[553] Curt schien nicht sonderlich erbaut von dem leichten Ton, den meine Verlegenheit und innere Unsicherheit anschlug. Aber er hielt sich streng an die Sache und erwiderte wegwerfend:

„Alles und nichts! Soziale Rangunterschiede – meinen lumpigen Adel – meine militärische Karrière – die naiven Pläne des Onkels, von denen ich ihr einmal in hellem Uebermuth erzählte – und damit ich’s nicht vergesse – eine Differenz des Alters zu ihren Ungunsten!“

„Nun, so gar gleichgültige Umstände sind das wohl nicht, und ist’s Ihnen nicht lieb und macht es dem Mädchen nicht Ehre, daß sie gewissenhaft ist und an die Zukunft denkt? Uebrigens – ist sie denn älter als Sie? Das hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen – es verwelkt eben doch viel Jugendblüthe und Farbenfrische in unsern heißen Ballsälen und in denen scheint Leontine ein seltner Gast gewesen zu sein.“

„Eine Lumperei – drei, vier Jahre – was weiß ich? Gerade dieser Punkt ist mir so gleichgültig, daß mich’s wurmt, denken zu sollen, Leontine lege ihm Gewicht bei. Sie denkt in so vielem anders – stolzer, edler, größer – als das gewöhnliche Frauenvolk, und nun scheint es doch, daß sie mit einer alltäglichen Auffassung der Schwäche ihres Geschlechts Tribut zahlt. Aber lassen wir’s gut sein; es freut mich ja trotz alledem, daß Sie Sich mit Ueberzeugung zu einer hohen Meinung von der bekennen, die zum Mittelpunkt meines Lebens geworden ist, und ich will versuchen, mich zu ihrem Glauben an die Macht meiner Liebe, zu Ihrem Hoffen auf die Zukunft zu bekehren. Es liegt alles so nebelgrau und oft sogar nachtschwarz vor mir, daß ich den tröstlichen Schimmer eines ganz kleinen Sternchens recht nöthig brauchen kann.“

Er reichte mir über den Tisch die Hand und ich drückte dieselbe in seltsamer Bewegung – es war mir ja gar nicht wohl bei alledem und wenn ich Curt auch genug kannte, um zu wissen, daß er sich durch alle Hindernisse freie Bahn hauen würde – Stürme und Kämpfe gab es im besten Falle in Hülle und Fülle. Es war mit leid um ihn – leid um das schöne Geschöpf, und ich hätte gewünscht, ihnen helfen zu können. Wenn man sich unter den Menschen und im Leben aufmerksam umgeschaut hat, wird man mißtrauisch, sobald von Liebe die Rede ist, und könnte man alle die wohlanständigen, vorschriftsmäßigen Verlöbnisse und Brautstände auf ihre wahren Motive, auf die innerste Herzensmeinung der Betheiligten und somit auf ihren wirklich sittlichen und ethischen Werth zurückführen – ich glaube, man würde erschrecken.

Hier stand ich nun einer echten, ehrlichen Liebe, dem reinen, unverfälschten Walten eines Naturgesetzes gegenüber, das mich rührte und beinahe ehrfürchtig stimmte – aber wie düster und bang lag die Zukunft vor den beiden Menschen!

Wir sprachen an jenem Abend nicht weiter über diese Herzensfrage und dann blieb die lange, lange Woche gänzlich unberührt. Ich sah meine schöne Hausgenossin nach wie vor Tag für Tag am Fenster, Curt veranstaltete aber nie wieder eine Begegnung mit ihr und ich mochte begreiflicherweise eine solche nicht anregen – derartige Vertrauensbeweise müssen freiwillig sein. Curt erwähnte überhaupt Leontine mit keiner Silbe; zuweilen war mir’s als schwebe ihm ein Wort der vertraulichen Mittheilung auf der Zunge, aber er schluckte es immer wieder hinunter und schien überhaupt mit jeder verrinnenden Woche verschlossener und wortkarger zu werden. Unablässig mit einem bohrenden, hartnäckigen Gedanken beschäftigt, kam er mir fast immer zerstreut, dann wieder abgemattet bis zur Apathie vor. Zuweilen machte sich auch eine ungewohnte Reizbarkeit und Ungeduld geltend, eine aufbrausende Heftigkeit, eine wilde Erbitterung, die sich bei dem geringfügigsten Anlaß Luft machte; seine humoristische Ader schien zu einer sarkastischen geworden zu sein, die fast überreichlich floß, sodaß er zuweilen grausam erscheinen konnte. Dann war er wieder ein paar Tage lieb und gut wie nie, als wolle er jedem, den er verwundet, indirekt Abbitte thun, und eine eigenthümliche Weichheit machte ihn rührend, liebenswürdig, wie ein krankes Kind. Und krank, ernstlich krank war er unfehlbar; er verlor die Frische und Elastizität; sein Gesicht wurde bleicher und schmaler, das feine blaue Geäder an den Schläfen trat stärker hervor, der Blick der großen Augen war oft matt und glanzlos und seine Sprache selbst bekam etwas Träges und Schleppendes, etwas Mühsames und Eintöniges. Es fehlte dazwischen hinein nicht an Tagen, an denen er wirklich heiter und aufgeräumt sein konnte und ganz der alte war, aber diese Tage wurden seltner und immer seltner. Er blieb dabei der pflichttreue, gewissenhafte Soldat, der strebsame, lernbegierige junge Mann, der ein gutes Buch jeder andern Gesellschaft vorzieht, aber es war doch nicht der rechte Trieb dahinter und das Erreichte wollte ihm keine Freude mehr machen. Die Art seines Interesses an all den Fragen, mit denen er sich früher beschäftigt [554] hatte, war eine andere geworden; ich will nicht sagen, daß es viel stumpfer geworden war, aber es war, als müsse er sich immer erst auf diese Interessen besinnen, als müsse er sie sich mit Mühe gegenwärtig halten, damit sie ihm nicht etwa über Nacht spurlos abhanden kämen. Alles in allem war es ein niederschlagendes Schauspiel und der brave, ehrliche Jehan, der sich ja nicht die geringste Rechenschaft über die Veränderung im Wesen seines Herrn zu geben vermochte, dieselbe aber sehr wohl empfand, sah ihn manches mal kopfschüttelnd und besorgt an; sein derbes Holstengemüth war wenig dazu veranlagt, sich in Schmerzen solcher Art hineinzudenken und den Wurm zu errathen, der am Herzen seines Herrn nagte, aber seine Rathlosigkeit und Niedergeschlagenheit war unverkennbar, und wenn sie auch ihre komische Seite hatte, so war sie doch noch viel mehr rührend und machte mir den Burschen werth. Manchmal schien es mir geboten, ihm eine Andeutung zu geben, aber was hätte ich ihm sagen sollen? Und dann war ja nicht zu fürchten, daß die Ungleichheit in der Stimmung seines Herrn, unter der er ja auch zuweilen zu leiden hatte, ihn je bestimmen könnte, demselben untreu zu werden.

So schleppte sich alles träge, unentschieden und wechselvoll bis um die Mitte Juni hin – bis zur Zeit der letzten Nachtigallenlieder und der ersten Rosen. Ich saß eines Abends spät mit Curt unter der künstlichen Veranda vor dem Café, in dem wir uns gewöhnlich trafen; die Oleander leuchteten von rothen Blüthen und die breiten Leinwandflächen, welche die Veranda in ein Zelt verwandelten, bewegten sich bald gemessen und langsam hin und her, bald blähten sie sich wie Segel, um gleich darauf schlaff in die alten Falten zu fallen, bald flatterten sie unruhig unter den unregelmäßigen Stößen und Strömungen des lauen Nachtwinds. Curt brütete über den „Národny listi“, ich hatte mich in die leipziger „Illustrirte“ vertieft und wir übersahen es ganz, daß ein neuer Ankömmling stehen geblieben war und uns lächelnd durch sein Pincenez fixirte. Endlich warf er uns seine Mütze und seine weißen Handschuhe auf den Tisch, und als wir erstaunt aufsahen, stand Linsinger vor uns, der lebenslustige Kamerad Curts, durch den dieser einst Erkundigungen darüber einziehen ließ, ob man in Offizierskreisen wüßte, wer Leontine Lux war.

„Schau, Blenkheim, das trifft sich aber prächtig, ich suche dich den ganzen Tag wie eine Stecknadel und jetzt, wo ich auf dem Heimweg bin, sehe ich dich plötzlich da zwischen den Oleanderkübeln sitzen und – die Zeitung studiren, als enthielte sie deine Ernennung zum Hauptmann.“

„Vor Reinisch brauchst du dich nicht zu geniren – wie viel hast du nöthig?“ fragte Curt; er war so ziemlich der Banquier für seine Kameraden, denen er stets bereitwillig aushalf und denen er es ernstlich krumm nahm, wenn sie, statt zu ihm, zu einem der Offizierswucherer gingen.

„Davon vielleicht später – du bist übrigens doch ein Prachtmensch! Jetzt wollte ich dich nur davon in Kenntniß setzen, daß ich zum Oberleutnant befördert worden bin, unter gleichzeitiger Versetzung nach Pesth. Uebermorgen geht es fort, morgen Abend müssen wir also einen kleinen Abschied feiern und da darfst du doch nicht fehlen. Und der Herr Reinisch, ich weiß, der kommt auch, wenn ich ihn recht schön darum bitte – das soll aber einmal lustig werden und ich will alle die lieben, guten Gesichter noch einmal um mich sehen, ehe ich zu den Bassamas und Teremtetes gehe und Paprikaschoten kauen lerne.“

„Blos die Kameraden vom Genie?“ fragte Curt lakonisch.

„Ah, wo denkst du denn hin? was wär’ denn das für eine exklusive Gesellschaft! Artillerie, Jäger, Husaren und Ulanen müssen wir doch auch ein paar Mann haben, damit es hübsch bunte Reihe gibt. Der Borkiewicz hat mich ja schon gebeten, ihm einen Platz neben dir zu geben; er hält große Stücke auf dich und bedauert es sehr, daß du ihm, wie er meint, geflissentlich ausweichst. Ich hab ihn ausgelacht – was solltest du gegen ihn haben? Er ist ja in jeder Hinsicht ein famoser Kerl und so unterhaltend – wir haben uns neulich alle vor Lachen geschüttelt, als er Anekdoten erzählte. Für dich wäre das freilich nichts gewesen – die Anekdötchen waren meist ein bissel schlüpfrig und das liebst du ja nicht, aber wenn du dabei bist, menagirt er sich schon, darauf kannst du dich verlassen.“

Curt war ersichtlich unangenehm berührt. Er erwiderte mit einer geradezu befremdlichen Gereiztheit:

„Wenn’s weiter nichts wäre – das nimmt man schon einmal mit in den Kauf. Aber ich mag diesen Borkiewicz nicht, er ist mir zuwider mit seiner fast kriechenden, sklavischen Liebenswürdigkeit, und wenn wir öfters zusammenkommen, gibt es schließlich noch ein Unglück. Laß mich aus dem Spiel, Linsingen – es thut nicht gut, wenn wir beiden in einem Zimmer und an einem Tisch sitzen, und der beste Menéser wird mir zur Galle.“

Linsingen war im höchsten Grade betreten und sein gutmüthiges, treuherziges Gesicht trug eine wahre Bestürzung zur Schau.

„Aber, Blenkheim, das ist doch nicht erhört! So weit wirst du doch die Animosität gegen einen Kameraden nicht treiben, seinetwegen bei meinem kleinen Abschiedsfeste zu fehlen? Wenn du nicht neben ihm sitzen magst, so geb’ ich dir einen Platz, der ganz weit von dem seinen entfernt ist – aber kommen mußt du. Schau, du verbitterst mir den ganzen Abend, wenn du wegbleibst, und deine Abneigung gegen Borkiewicz ist doch rein nichts als eine Grille. Nimm mir’s nicht übel, aber was zu toll ist, ist zu toll.“

Curt mochte fühlen, daß er zu weit gegangen war, wenn er seine Feindseligkeiten nicht erklären wollte, und dazu hatte er selbstverständlich keine Lust. Er lenkte also ein und sagte ruhiger:

„Nun, meinetwegen, wenn du versprichst, mir andere Nachbarn zu geben – aber nur dir zu Liebe. Ich bringe ein wirkliches Opfer, von dessen Größe du keine Ahnung hast – aber sei’s drum – das einemal wird’s ja wohl noch gut abgehen, wenn der Mensch mich nicht etwa reizt.“

„Ja, aber Blenkheim, was um aller Heiligen willen hast du denn nur gegen ihn? Du thust ja grade, als hätte er dir eine Geliebte vor der Nase weggeschnappt.“

„Was ich gegen ihn habe? Nichts und alles! Aber laß es gut sein! Ich habe dir versprochen zu kommen und ich werde kommen, und hättest du selbst Seine höllische Majestät mit Hörnern und Pferdefuß zu Gaste gebeten. Was du aber da von einer weggeschnappten Geliebten fabelst, ist blanker Unsinn – Borkiewicz hat meine Pfade noch nie gekreuzt, er würde aber allerdings der Letzte sein, dem ich das verziehe und mit dem ich glimpflich auseinanderkäme – soviel ist richtig. Und nun: ‚a riverderci domani’.“

Linsingen ging und Curt vertiefte sich wieder in seine Zeitung, mir aber fiel die Schlittenpartie ein und ich nahm mir vor, den Ulanen am nächsten Abend recht aufmerksam zu beobachten, um mir womöglich einen Vers auf meines jungen Freundes fast leidenschaftliche Abneigung gegen ihn machen zu können. Die von Curt angeführten Gründe erschienen mir doch nicht ausreichend zur Erklärung des Widerwillens, und war derselbe ein instinktiver, so mußte er mit elementarer Gewalt wirken, sonst hätte ihn Curt durch Verstandeserwägungen lahmgelegt. Er sprach nicht weiter über die Einladung und wir trennten uns bald darauf mit einem gleichmüthigen: ‚Auf morgen Abend also – im Engel.’

Das kleine Abschiedsfest ließ sich recht hübsch an. Linsingen hatte Curt zwischen mich und einen ihm sehr sympathischen Hauptmann gesetzt und Borkiewicz’s Platz war so weit entfernt, daß sie sich beim besten Willen nicht hätten unterhalten können. Es ging zudem so laut und lustig zu, daß man oft Mühe hatte, seinen Nachbar zu verstehen, und der Pole machte auch gar keine Miene, sich Curt zu nähern, sondern scherzte in einemfort mit seinem Nachbar, einem jungen Dragoneroffizier, der erst seit einigen Wochen in Prag war, mir aber gar nicht sonderlich gefiel, da er eine Blasirtheit affektirte, die durchaus nicht zu seinen Jahren stimmen wollte. Borkiewicz selber mißfiel mir nicht eigentlich; sein Gesicht war freilich weder edel noch eigentlich intelligent, und ein paar stechende schwarze Augen, die unruhig hin und her wanderten und jedem fremden Blick auszuweichen schienen, mahnten zu einer gewissen Vorsicht; ich liebe die Leute nicht, die sich nicht in die Augen sehen lassen. Aber er war entschieden eine martialische Erscheinung und seine Manieren hatten etwas äußerst Gefälliges, Schmiegsames und Zuvorkommendes; er war die Aufmerksamkeit selbst, und wenn diese Aufmerksamkeit auch etwas Devotes hatte, etwas Unterwürfiges und Uebertriebenes, so war das eben eine Rasseneigenthümlichkeit, für die er nicht konnte und die das Urtheil über ihn und seinen Charakter nicht beeinflussen durfte. Für Curt schien er einfach nicht anwesend zu sein – dieser hatte ein ganz besonderes Talent, jemanden zu ignoriren und zwar in der unauffälligsten Weise von der Welt. An jenem Abend war er auch ungewöhnlich gesprächig und heiter, ich hatte ihn seit Wochen und Monaten nicht mehr so gesehen und mußte unwillkürlich denken: ‚Nun sieh’ einmal: da hast du dich nun gegen die Einladung gesträubt, als müßte dir dieser Abend die peinlichsten Eindrücke bringen, und [555] jetzt unterhältst du dich ganz vortrefflich und bist fast aufgeräumt‘.

Es war schon recht spät, die feurigen Ungarweine hatten ihre Schuldigkeit gethan, die Wangen glühten und die Augen blitzten, die Unterhaltung fing an, in Lärm auszuarten und die ganze Gesellschaft hatte sich in kleine Gruppen aufgelöst, von denen eine größere Palermo spielte; ein Jäger aus Steiermark hatte sich an das Piano gesetzt und gab heimische Jodler zum besten und in den Pausen wurde bald auf der, bald auf jener Seite schwungvolles magyarisches oder ein melancholisches böhmisches oder polnisches Lied angestimmt und andere Stimmen fielen gelegentlich ein. Man hatte es sich bequem gemacht und die Uniformen aufgeknöpft und die Halsbinden gelockert, die Fenster waren aufgerissen worden, um dem dichten Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den erhitzten Köpfen lagerte, Abzug zu gewähren und beim Anstoßen passirte es häufiger und häufiger, daß ein Glas klirrend in Scherben ging. Nur Curt und sein Nachbar von der Artillerie setzten in einer Ecke, unbekümmert um den wirren Lärm umher, ihr Gespräch fort und warfen nur ab und zu einen flüchtigen und theilnahmslosen Blick auf die stetig wechselnden Gruppen oder lauschten einige Augenblicke einer ihre Aufmerksamkeit erregenden Melodie. Plötzlich sah ich, wie Borkiewicz und der Dragoner, die bisher im Zimmer auf und ab und von einer Gruppe zur andern gegangen waren, bei der einen längere, bei der andern kürzere Zeit verweilend, sich in nächster Nähe Curt’s an einem eben frei werdenden Tischchen niederließen, ohne daß Curt, der ihnen den Rücken zukehrte, es bemerken konnte. Unwillkürlich trat ich in die Nähe, lehnte mich an eine Säule und rauchte meine Cigarre – nie in meinem Leben habe ich deutlicher und unabweislicher das Vorgefühl einer Katastrophe gehabt. Sie sollte nicht ausbleiben.

Plötzlich brach der Ulan in ein konvulsivisches Gelächter aus, das wohl nicht ganz echt und natürlich war – er konnte sich, schien es, gar nicht wieder beruhigen, jeder seiner Versuche, zum ruhigen Unterhaltungston zurückzukehren, ging in einem neuen Anfall ausgelassenster Heiterkeit unter, sodaß der Artillerist, dessen ernstes wettergebräuntes Gesicht sich zu einem leichten Lächeln verzogen hatte, fragte: „Ja Borkiewicz, was hast du denn eigentlich? So habe ich dich in meinem ganzen Leben noch nicht lachen hören – es muß ja ein ganz kapitaler Spaß gewesen sein, der dir da erzählt worden ist.“

[565] Bei Nennung des Namens hatte sich auch Curt, dem Gebot der Höflichkeit gehorchend, langsam und gemessen umgesehen und dann seinem Sessel eine halbe Wendung gegeben, so daß er den Herren nicht länger den Rücken zukehrte; die Heiterkeit des Ulanen, der endlich wieder zum Reden kam, ließ ihn indessen völlig kalt und er legte auch nicht die geringste Wißbegierde an den Tag. Der Pole rief, noch immer aufs höchste belustigt:

„Man denke sich – Rajacic langweilt sich ohne Maitresse, ist aber zu faul und pomadig, sich nach einer umzusehen und beschwert sich allen Ernstes darüber, daß ihm noch keine angeboten worden ist. Will keiner von den Herren Kameraden, der vielleicht über seine Flitterwochen hinaus ist, so freundlich sein, im Falle der Separation an unsern bequemen Dragoner zu denken und ihm die Dame mit einem Empfehlungsschreiben zuzusenden? Kann niemand aushelfen – auch Sie nicht, Herr von Blenkheim?“ Curt runzelte die Brauen und auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe steile Furche. Ich sah, daß es in ihm kochte und es klang verzweifelt scharf, als er erwiderte:

„Herr v. Borkiewicz, ich muß mir doch erlauben, Ihnen zu bemerken, daß derartige Scherze nicht nach meinem Geschmack sind; Sie werden jedenfalls besser thun, dergleichen Bemerkungen auf Kosten andrer zu machen, die sich dadurch nicht verstimmen lassen.“

Ich gestehe euch, ich war heftig erschrocken, als die leichtsinnige oder boshafte Frage von den Lippen des Ulaners fiel – mir war, als fiele mir ein Tropfen siedenden Bleis auf die Hand. Borkiewicz aber lächelte mit dem ganzen Gesicht und sagte im verbindlichsten Ton:

„Wann würde ich mir erlauben, auf Kosten Herrn v. Blenkheims einen Scherz zu machen? Dazu ist meine Hochachtung und Verehrung für Sie eine zu unbedingte. Indessen –“

Er hielt einen Moment inne und in dem Blick, mit dem er Curts sich mehr und mehr verfinsternde und verhärtende Miene musterte, lag etwas Lauerndes; dann fuhr er langsam fort:

„– Ich hielt es in der That für möglich, unserm Herrn Kameraden von den Dragonern und gleichzeitig Ihnen einen kleinen Gefallen zu thun. Sie können doch recht gut Ihrer augenblicklichen Maitresse überdrüssig sein –“

„Das kann ich nicht sein, da es nicht zu meinen Gewohnheiten gehört, mir eine Maitresse zu halten – was Sie übrigens wissen könnten!“ klang es kalt und scharf zurück.

Curt war dabei aufgestanden – ich sah ihm an, daß er sich mühsam im Zaume hielt und daß die Unterhaltung jeden Moment eine gefährliche Wendung nehmen konnte. Er hatte die Oberlippe halb trotzig, halb verächtlich aufgeworfen und die feinen Nasenflügel blähten sich in verhaltenem Groll. Hätte er jetzt Borkiewicz stehen gelassen, um zu einer Gruppe im Saal zu treten und sich bald darauf zu entfernen, so wäre wahrscheinlich alles noch gut abgelaufen, aber Curt hätte sich in diesem Moment auch durch vier Pferde nicht vom Platze bringen lassen und im nächsten Augenblick war es auch dazu – zu spät.

Der Ulan war augenscheinlich entschlossen, die Rolle des Verbindlichen und Arglosen, der nicht den geringsten Anlaß zu herben Bemerkungen gegeben hat und nicht zu errathen vermag, weshalb ihm so schroff begegnet wird, so lange als möglich fortzuspielen. Er zuckte auf Curts letzte Erwiderung nur die Achseln und sagte sehr artig:

„Verzeihen Sie, Herr v. Blenkheim, wenn ich Ihnen etwas Unangenehmes gesagt haben sollte – es ist gewiß absichtslos geschehen. Wie kann ich denn auch wissen – seien Sie gerecht! – daß sie Gründe haben, eine Thatsache ignorirt sehen zu wollen, die doch offenkundig ist und die obendrein absolut nichts Kompromittierendes oder gar Ehrenrühriges für Sie hat?“

„Unsere Ansichten dürften auch in dieser Hinsicht stark differieren – jedenfalls verstehe ich Ihre Anspielung nicht und muß Sie ersuchen, sich endlich so deutlich auszusprechen, daß ich im stande bin, durch eine ebenso deutliche Erklärung das immer peinlicher werdende Gespräch zu beenden.“

„Nun denn – aber es ist wirklich mehr als originell! Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß Herr v. Blenkheim eins der schönsten Mädchen in Prag sein eigen nennt, und er steift sich darauf, das aufs positivste in Abrede zu stellen.“

„Sie bleiben also bei Ihrer Behauptung stehen, daß ich eine Maitresse unterhalte – ich nehme an, daß man Sie getäuscht hat oder das eine Verwechslung vorliegt, sonst würde ich gezwungen sein, zu den harten Worten Lüge und Verleumdung zu greifen.“

Rede und Gegenrede waren sich rasch und scharf und Schlag auf Schlag gefolgt – jede Vermittlung war unmöglich gewesen. Der Artillerist hatte sich mit mißbilligendem Kopfschütteln abgewendet und auch der Dragoner, der die beiden Sprecher erst mit fast dummer Verwunderung von oben bis unten gemessen [566] hatte (derartige Differenzen gingen ersichtlich über seinen eng begrenzten Horizont), war achselzuckend und abwartend zur Seite und zu mir getreten. Borkiewicz blieb noch immer glatt, aber seine Worte hatten schon eine entschieden höhnische Färbung, als er erwiderte:

„Erlauben Sie, Herr v. Blenkheim, ich bin nicht getäuscht worden, denn alles, was ich weiß, beruht auf eigner Wahrnehmung, ich könnte also höchstens unrichtig kombinirt haben und durch den Schein getäuscht worden sein, in welchem Falle ich meine Worte selbstverständlich mit dem größten Vergnügen zurücknähme. Ich weiß, daß Sie mit einer Dame häufig und vertraulich verkehren, und ich kann nur annehmen, daß dieselbe –“

Curt war bis in die Lippen, ja bis in die Ohrläppchen kalkweiß geworden und dann schoß ihm plötzlich wieder alles Blut ins Gesicht und mit fast heiserer Stimme stieß er, als müsse er um jeden Preis verhindern, daß sein Gegner weiter spreche, die Frage heraus:

„Den Namen! – wen meinen Sie?“

„Aber, mein Gott, Herr v. Blenkheim, welche unbegreifliche Aufregung! Sollten Sie wirklich geglaubt haben, aller Welt verheimlichen zu können, daß Fräulein Leontine –“

„Halt! – nicht weiter!“ arbeitete es sich mühsam aus Curts wie zugeschnürter Kehle; seine eine Hand suchte an der nächsten Stuhllehne eine Stütze und mit der anderen fuhr er sich über die Augen. „Es ist genug,“ setzte er dann hinzu, „genug und übergenug! Die Dame, von der Sie sprechen, ist nicht meine Maitresse, aber sie ist meine Geliebte, oder meine Braut, wenn das deutlicher ist, und Sie werden eine künftige Frau v. Blenkheim hoffentlich mit Ihren Vermuthungen verschonen und in aller Form zurücknehmen, was Sie gesagt. Wenn Sie übrigens nur ein einziges mal mit ihr gesprochen hätten, würden Sie wissen, daß in diesen Vermuthungen eine Infamie liegt – ist denn nichts auf Erden so rein, daß es euch Ehrerbietung einflößte, und daß es vor euch sicher wäre?“

Borkiewicz sah Curt anfänglich an, als wisse er nicht, ob er wache oder träume, aber allmählich trat ein förmlich ätzendes Lächeln auf seine Lippen und mit ironischer, jede Silbe vergiftender Höflichkeit sagte er:

„Sie gestatten mir wohl, zunächst aufs höchste erstaunt zu sein. Daß ich offiziell und pro forma jedes Wort zurücknehme, welches ich über Ihre – zukünftige Gemahlin geäußert, ist wohl selbstverständlich, privat aber und unter vier Augen, Herr Kamerad, würde ich Ihnen doch rathen, sich die – Verlobung und Verheiratung noch einige male zu überlegen; ich würde es vielleicht auch für meine Pflicht halten, Ihnen einige kleine Notizen über die – Dame zu geben und Sie über Punkte in ihrer Vergangenheit aufzuklären, die sie durchaus nicht weniger geeignet zu Ihrer Geliebten machen, aber doch ein kleines Hinderniß für eine – Verheiratung bilden würden.“

Ich war zusammengezuckt, Curt aber, bleich und kalt, wie eine Statue, fragte, seinen Blick fest auf den Polen richtend, als wolle er sein Auge in das des Gegners bohren:

„Sie kennen die Dame also – kennen sie sie näher?“

Ich werde die hämische Betonung nicht vergessen, mit der es gedämpft zurückklang:

„Sicherlich – so nahe als möglich –“

Der Herr Kamerad hatte sicherlich noch eine besondere Bosheit in petto, aber Curt schnitt ihm rasch und schroff das Wort ab, indem er mit schier unnatürlicher Ruhe sagte:

„Und Sie überlassen es mir, Ihren Worten jede mir beliebende Deutung zu geben, auch die – weitestgehende?“

„Sie haben zu viel Geist, Herr v. Blenkheim, als daß man Ihnen gegenüber nicht mit Andeutungen vollständig auskäme, es ist doch zuweilen unangenehm, die Dinge beim Namen zu nennen und das kann man sich Ihnen gegenüber sparen.“

„Ich bin in der That befriedigt – Sie sind vollkommen klar gewesen. Linsingen!“

Das klang so laut und hell durch den Saal, wie ein Kommandoruf zum Angriff und der Gerufene löste sich sofort aus einer ihn umgebenden Gruppe los und kam überrascht und fragend auf Curt zu, während alle Anwesenden ihre Aufmerksamkeit auf uns, vor allem aber auf den herkulischen schwarzen Sarmaten und den ihm gegenüber fast klein und zart erscheinenden blonden Hannoveraner richteten, dessen tödliche Blässe jeden erschreckte. Aber es blieb keine Zeit zu Fragen; kalt und scharf, aber langsam und in jeder Silbe betont, klang es durch die erwartungsvolle, fast bestürzte Stille:

„Es thut mir leid, Linsingen, daß ich bei dir und noch dazu in dieser Stunde eine Erklärung abgeben muß, die sehr ungewöhnlich sein dürfte, aber ich muß gehen, denn ein Mann von Ehre kann mit dem Herrn da nicht an einem Tische sitzen.“

„Herr von Blenkheim!“ brauste Borkiewicz, nun selber erbleichend auf, und von allen Seiten rief man auf die beiden ein, die sich mit einem Blick tödtlichen Hasses maßen.

„Ja, Herr v. Borkiewicz,“ sagte Curt kalt, „Sie sind ein Schuft, ein ehrloser, feiger, verlogener Schuft. Das weitere überlasse ich Ihnen! Addio Linsingen – es thut mir leid, aber er hat mich dazu gezwungen. Kommen Sie, Herr Reinisch – wir haben hier nichts mehr zu suchen.“

Ich hörte noch, wie Borkiewicz, dem man in den Weg getreten war, als er sich in wilder Wuth auf Curt stürzen wollte, kreischte:

„Das soll er mir bezahlen! Er oder ich!“ und dann war ich mit meinem jungen Freund auf der Treppe und er – klopfte mir mit einem wilden, grimmigen Lächeln auf die Schulter und sagte:

„Nun, Reinisch, sind Sie denn auch so verblüfft und so sprachlos vor Staunen, wie die da oben, die nun wohl eine Stunde lang wirr durcheinanderschreien und gestikuliren werden? Hab’ ich’s denn nicht recht gemacht und konnte ich denn anders? Sehen Sie, so hat es kommen müssen, ich fühlte das, und jetzt ist mir wohl und leicht und frei. Glauben Sie, meine Hand würde nur einen Moment zittern, wenn wir uns jetzt mit der Waffe in der Hand gegenüberstünden? Ich schösse ihn jetzt ebenso sicher über den Haufen, wie ich es in ein paar Tagen thun werde!“

Ich will’s nicht verhehlen, daß ich wie betäubt war – die Explosion war eine so jähe gewesen und der grimmige Humor, mit dem Curt vor sich hin lachte, der Leichtsinn, mit dem er dem unvermeidlichen Duell entgegenging, war mir an ihm so unheimlich, daß ich nur seine Hand fassen und sie krampfhaft drücken konnte. Er sah mich überrascht an und meinte begütigend:

„Sie fürchten doch nicht für mich? Ah bah – das wäre recht unnöthig. Der hat ein schlechtes Gewissen, der ist, wenn er der fatalen kleinen schwarzen Mündung gegenübersteht, aufgeregt, und Ruhe und kaltes Blut sind alles. Und mir ist, als müßte ich doppelt gut schießen, als sei ich der Arm, durch den ein gerechter Urtheilsspruch endlich einmal vollstreckt werden soll. Oder – meinen sie doch vielleicht, er habe nicht gelogen, infam gelogen? Leontine seine Maitresse! sie hätte sich eher zehnmal getödtet, als auch nur seine Lippen auf ihrer Hand geduldet. Ich habe ihm noch keinen Augenblick getraut, aber als er den hämischen, giftig-höflichen Ton anschlug, da wußte ich, daß er log, aus Rachsucht und Bosheit log. Morgen werde ich von Leontine hören, ob sie ihn überhaupt kennt – das kann ja sein; dann sage ich Ihnen, wie viel wahres an seinen höhnischen Andeutungen ist. Leontine selber erfährt von der ganzen Geschichte nicht früher etwas, als bis alles vorbei ist – und vielleicht selbst dann noch nicht; sie braucht ja gerade nicht zu wissen, daß ein Mann, der es gewagt, ihren Ruf und ihre Ehre anzutasten, von mir dafür gezüchtigt worden ist, wie es meine Pflicht war. Und nun thun Sie mir die Liebe und lassen Sie mich allein – ich will noch eine Stunde gehen und morgen sollen Sie mich ganz ruhig und gelassen finden, so gelassen, daß Sie Ihre Freude an mir haben sollen. Und keine Sorge, keine düstern Gedanken – ja?“

Das hieß nun freilich mehr verlangen, als ich versprechen konnte, ich war ernstlich in Sorge, ich war weit entfernt, Curts fatalistische Zuversicht zu theilen, und so drückte ich ihm denn nur in schlecht verhehlter Bewegung schweigend die Hand und überließ es ihm, das Vorgefallene auf einsamem Gange zu überdenken und sich auf das Kommende vorzubereiten. Daß Borkiewicz nicht die Wahrheit gesprochen, davon war auch ich moralisch überzeugt, aber ich vermochte doch nicht, gleich Curt, alles für aus den Fingerspitzen gesogen anzusehen, und Aufregung, Sorge, Reue und Aerger darüber, daß wir der unglückseligen Einladung gefolgt waren, Zweifel und düstre Ahnungen bezüglich des Ausgangs ließen mich früher die Augen schließen, als bis die Morgensonne in die Fenster schien und die Spatzen in den Dachrinnen lärmten, da erst schlossen sich die schweren, brennenden Lider und ich verfiel in einen von wüsten Träumen beunruhigten Schlummer. Was die nächsten Tage geschah und wie alles endete, davon das nächste mal, bei Born – es würde heute entschieden zu viel werden, und ich will mich nicht gerade heiser [567] erzählen an der Unglücksgeschichte. Zu den serbischen Volksliedern also!“

Man verzichtete diesmal darauf, gegen das Abbrechen der Erzählung zu protestiren, da man Reinisch’s Hartnäckigkeit in dieser Hinsicht kannte, Arvenberg nahm die Volkslieder zur Hand und begann vorzulesen, und er würde vielleicht nicht so bald innegehalten haben, wenn der Maler nicht endlich nach der Uhr gesehen und verkündet hätte:

„Ein Uhr! Jetzt ist’s genug – seht ihr übrigens nicht, daß Born, der schon den ganzen Abend drein geschaut hat wie der melancholische Dänenprinz, allmälich in eine Gemüthsverfassung gerathen ist, die für sämmtliche Personen des Dramas, an dem er jetzt schreibt, das Schlimmste befürchten läßt?“

„Es ist aber auch wahr, Born,“ sekundirte Arvenberg, „Sie lassen die Unterlippe hängen, wie die eine Hexe im Märchen von Dornröschen und sehen aus, als hätten Ihnen die Hühner das Brod genommen oder als hätten Sie Lieb’ im Leibe.“

Wendt aber rief:

„Kinder, ich hab’s – meine Russin fängt an zu wirken! Born, Unglücksmensch, Sie sind bei ihr gewesen, allein – “

„Auf Grund einer besonderen schriftlichen Einladung!“ glaubte der so Interpellirte konstatiren zu müssen; „sie wünschte eines meiner Stücke kennen zu lernen und hat es mir vorgelesen, um sich im Deutschen zu üben; sie las übrigens reizend.“

„Selbstverständlich! Sagen Sie lieber, wann Sie fortgekommen sind?“ forschte Wendt weiter.

Born, dem dies Verhör außerordentlich lästig zu sein schien, gab zu, daß es „spät“ geworden sei, wollte jedoch nähere Angaben nicht machen können, was natürlich große Heiterkeit erregte. Arvenberg rief dazwischen: „Aber, lieber Born, warum so zurückhaltend und verschlossen? Sie brauchen Sich wahrhaftig nicht zu geniren, denn ich nehme nicht den geringsten Anstand, von freien Stücken zu erzählen, daß ich Fräulein Walujeff ebenfalls wiedergesehen habe, d. h., daß ich in gewissem Sinne von ihr aufgesucht worden bin – tout franchement.“

Reinisch horchte auf und meinte lachend:

„Das schöne Fräulein scheint zur Zeit wenig anderweite Beschäftigungen zu haben, da sie euch sogleich heranholt; nun, da Born die Details jenes literarisch-ästhetischen tête-à-tête gleich den eleusinischen Geheimnissen wahren zu wollen scheint, so denke ich, wir lassen ihn in Frieden und halten uns an Arvenberg, der den Eindruck macht, als sei er mittheilungslustiger.“

„Nun, die Geschichte war ziemlich einfach und sehr harmlos,“ erzählte Arvenberg; „ich saß vorgestern Abend auf meinem Rezensentenplatz im Theater und hätte an den Wänden hinauflaufen mögen vor Aerger über einen Kulissenreißer von Helden, der über ein Maximum von äußeren und über ein Minimum von inneren Mitteln verfügt und eigentlich nur vor einem Parterre von – Zahnärzten spielen sollte – er hat nämlich zwei Reihen tadellos schöner Zähne, die zu zeigen ihm zu so hoher Genugthuung zu gereichen scheint, daß er sie auch in Momenten fletscht, die dazu nicht die geringste Veranlassung bieten. Da tritt der Logenschließer geräuschlos ein, tippt mir auf die Schulter und flüstert mir zu, daß ich während des Zwischenakts doch jedenfalls heraus ins Foyer gehen möchte – eine sehr große, schlanke, elegante Dame wünsche mich zu sprechen. Der Mensch machte ein ganz verdutztes Gesicht dazu – der kleine Rezensent, der von Anfang an so wenig Trinkgeldhoffnungen erweckte, erschien ihm jedenfalls plötzlich in ganz anderm Lichte. Ich ging die Reihe der mir bekannten jüdischen Damen durch, aber das ‚groß’ wollte auf keine passen – ja, wenn er „fett“ gesagt hätte! An eine junge Dame dachte ich natürlich nicht – die Matrone war selbstverständlich. Was man da wieder von mir verlangen könne, war mir unerfindlich – etwa eine zärtliche Mutter, deren kraushaariger, ramsnasiger Sprößling neben einer starken Anzahl anderer Talente auch eine ‚entschiedene’ Begabung für die Bühne zeigte und mir einmal die große Rede des Brutus an der Leiche Cäsars zur Abwechslung vormauscheln wollte? Ich war gar nicht in gnädiger Stimmung, als ich mich in den Strom der im Foyer Promenirenden mischte und auch als ich Fräulein Tatjana begegnete, hielt ich dies für einen Zufall, bis sie um meinen Arm bat und mir lachend auseinandersetzte, sie habe mich bitten lassen, ins Foyer zu kommen, um fünf Minuten mit mir zu promeniren und mir zu sagen, daß sie mein gegittertes Schreibpapier, von dem ich ihr eine Probe unter Couvert gesandt hatte, aufgetrieben habe – in etwa acht Tagen würde sie es aus Paris bekommen. Das ist doch aufmerksam, und ich muß nun sehen, daß ich mich durch Besorgung einer bestimmten österreichischen Cigarette revanchire, die sie nirgends finden kann, wie sie neulich ganz beiläufig erwähnte; mein Vater hat einen Agenten in Wien, der mir diese ‚Trebisonder’ jedenfalls verschaffen kann, und ich habe bereits an den Mann geschrieben. Ihr könnt euch ungefähr denken, wie wir angeglotzt wurden – Fräulein Tatjana hatte eine distinguierte, für unsere Stadt, in der es ja trotz alles Reichthums ziemlich philiströs-bürgerlich hergeht, geradezu extravagante Toilette gemacht, und man blieb förmlich offnen Mundes vor ihr stehen und staunte sie an, wie die Kuh das neue Thor. Sie ließ mich, dessen ‚Schwäche für Süßigkeiten’ sie ja hinreichend – infolge Ihrer Indiskretion, lieber Wendt – kannte, aus ihrer kleinen Bonbonnière von lichtblauer Emaille naschen und drückte mir dieselbe, als die Klingel ertönte und alles in die Logen zurückströmte, mit einem schelmisch-befehlenden: ‚Zur gefälligen Bedienung – nach Schluß der Vorstellung an er Thür Ihrer Loge mir wieder zuzustellen!’ in die Hand und – fort war sie. Sie kam dann wirklich, mit Mutter und Bruder, freute sich, daß unser Weg ziemlich der gleiche war, meinte: ‚Ach, das trifft ja allerliebst – Mama und die brüderliche Liebe mögen den Wagen benutzen, der uns erwartet, und Sie führen mich durch die sternenklare Nacht zu Fuße nach Hause; ich möchte gern noch eine Viertelstunde gehen,’ und hing ihren Arm ohne weiteres in den meinen. Wir haben uns auf diesem Wege, der sich, halb durch meine, halb durch ihre Schuld, zu einem ganz unlogischen Konglomerat von Umwegen gestaltete, ganz gut unterhalten, und als wir vor der Hausthür angelangt waren, warf sie sogar die Frage auf, ob ich nicht noch ein Glas Thee bei ihnen nehmen wollte. Das aber habe ich – hört es, ihr Spötter – verbindlich dankend abgelehnt und es vorgezogen, mein Glas Thee im Café zu trinken, wer weiß, wann man fortgekommen wäre und ich wollte noch eine kurze Kritik schreiben. Im Café hatte ich die Genugthuung, daß der ästhetische Scharfrichter, vulgo Rezensent, unseres Konkurrenzblattes, der mich bisher stets vornehm ignorirt hatte, sich mir persönlich mit großer Artigkeit vorstellte; er wollte natürlich nur wissen, wer die hochelegante, pikante Dame gewesen sei, mit der ich so vertraulich plaudernd promenirte und die niemand gekannt habe, die also wohl eine Fremde sein müsse. Nun hättet ihr einmal sehen sollen, mit welcher nachlässigen Selbstgefälligkeit ich mich im Stuhl zurücklehnte, den blauen Wölkchen meiner Cigarette nachsah und mit affektirter Zerstreutheit Auskunft gab: ‚Vornehme Russin – enorm reich – Familie lebt meist im Ausland auf Reisen – gut mit ihr bekannt – komme öfters hin – sehr feines, gastfreies Haus – unangemeldeter Zutritt – eben nach Hause begleitet – Einladung zum Thee ausgeschlagen – gestern spät von einem Souper heimgekommen.‘ Der Mensch war völlig um den Finger zu wickeln und wird in Zukunft seinen Hut sehr tief vor mir ziehen – ich habe ihm sicher höllisch imponirt.“

[577] Alle lachten, nur Born, der sonst ein so dankbarer Zuhörer und in Bezug auf die Qualität eines Scherzes höchst anspruchslos war, machte ein ziemlich sauertöpfisches Gesicht und schien von Arvenbergs Bericht sehr wenig erbaut zu sein. Das blieb natürlich nicht unbemerkt und Wendt spottete nicht ohne einen Anflug von grausamer Schadenfreude:

„Aber da lachen Sie doch, Born – oder sind Sie schon eifersüchtig auf Arvenberg und finden Sie, daß man gegen den Kritiker noch liebenswürdiger war, als gegen den Dichter? Das wäre das allerverkehrteste, wenn Sie entschlossen sind, der Walujeff minniglich zu huldigen und dieser Dame Troubadour zu werden, müssen Sie der Eifersucht ein für allemal entsagen, sonst haben Sie keine ruhige Stunde. Sie nimmt nun einmal unter keinen Umständen Rücksicht auf männliches Empfinden und merkt sie, daß jemand eifersüchtig wird, so kommt die Katzennatur zum Vorschein und sie treibt’s nur immer toller – rein aus Uebermuth. Ruhig Blut also, mein Herr Nebenbuhler, und eine kalte Miene, wie es auch innerlich kochen möge! Uebrigens sind Sie gegen mich im Vortheil – Sie sehen ja nichts und sie muß es schon sehr deutlich machen, wenn Sie bemerken sollen, daß sie unter Ihren Augen mit einem andern kokettirt; ich wollte, mir würde’s auch so wohl.“

Born verstand aber an diesem Abend ganz und gar keinen Spaß; er erwiderte ärgerlich:

„Ich weiß nicht, ob Sie das alles für besonders geistreich halten – mir kommt es herzlich lahm vor. Anzunehmen, daß ich mich in Ihre Russin vergafft hätte, ist einfach ein Blödsinn – lassen Sie mich also mit solchen Anspielungen ungeschoren; ich habe keine Lust, immerfort Reitpferd zu sein. Uebrigens glaube ich die Dame besser zu kennen als Sie und kann Ihnen versichern, daß sie keineswegs eine alltägliche Kokette ist; sie kann sehr ernsthaft und verständig sein, sie hat ein feines Kunstverständniß, sie zeigt Sinn und Empfänglichkeit für alles Schöne und Hohe, und daß ihre Bildung eine einseitig französische ist, daß sie vieles von unseren besten literarischen Schätzen kaum dem Namen nach kennt, erscheint mir unter den gegebenen Verhältnissen fast als ein Vorzug – ich habe infolge dessen das Vergnügen, sie in eine ihr neue Welt einzuführen und dieses Vergnügen könntet ihr mir wohl gönnen. Sollte ich die Marotte bekommen, mich in sie zu verlieben, so würde ich es ja sein, der den Schaden zu tragen hätte, nicht ihr, und ich würde dabei obendrein nur thun, was ihr mir so oft schon in allen Tonarten angerathen habt; dem Mangel an Aufregung wäre ja dann mit einem male abgeholfen und zwar gründlich.“

„Born,“ rief Lindner, „das war die längste und schönste Rede, die du in deinem ganzen Leben gehalten hast – sie verband attisches Salz mit christlich-germanischer Salbung. Im übrigen schlage ich vor, daß Born bereits verliebt ist und zwar verliebt wie eine Tümpelkröte.“

„Das wollen wir doch einmal erst sehen,“ meinte Arvenberg listig, ohne sich durch des armen Born ungeduldige Handbewegung auch nur einen Moment irre machen zu lassen. „Hat Ihnen die Dame, die wir zu dritt lieben – Sie sind doch dabei, Wendt? – nicht gesagt, daß sie für das germanische Blondhaar und die Ehrenpreisbläue des deutschen Auges stets eine Schwäche gehabt habe, und sind Sie Sich dabei nicht instinktiv mit allen fünf Fingern durch die saubere Frisur gefahren, daß Sie nachher zwei Stunden zu bürsten hatten, um die alte Adrettheit nur nothdürftig wieder herzustellen?“

„Ist ihr gar nicht eingefallen,“ knurrte Born, dessen Geduld allmälich löchrig wurde.

„Dann habe ich sie also doch zu hart beurtheilt, oder es kommt noch,“ erläuterte Arvenberg; „mir hat sie nämlich erklärt, daß sie stets eine Vorliebe für die Juden gehabt habe, die ohne Ausnahme gescheite Leute seien, witzig, schlagfertig, scharfsinnig – d. h. nur die Männer – und daß diese Vorliebe vielleicht mit der für schwarzes Haar und schwarze Augen zusammenhänge. Ich nahm an, sie werde Blondins gegenüber die entgegengesetzte Taktik befolgen; die Spekulation auf männliche Eitelkeit ist bekanntlich noch lange nicht die schlechteste.“

Born sah den Sprecher nur an und suchte so viel Indignation in diesen Blick zu legen, als sich mit seiner unverwüstlichen Gutmüthigkeit und seiner echten Freundschaft für Arvenberg nur irgend vertrug. Lindner aber meinte:

„Die Sache steht also so: ‚Die rundliche Schleie Wendt und der Stachelbarsch Born haben angebissen, der Hecht Arvenberg wird nächstens zuschnappen.‘“

„Und der biedre Karpfen Lindner wird, ungewarnt und ungewitzigt, sogar den köderlosen Haken verschlucken,“ ergänzte Reinisch – „wir werden’s uns wiedersagen, ehe der Herbstwind das welke Laub über die Stoppeln jagt.“

Lindner schüttelte sehr bestimmt den Kopf und meinte trocken:

[578] „Ihren Scharfsinn in Ehren, Reinisch, das wird aber spät werden; ich glaube, ich bin gegen alle Russinnen der Welt gefeit und gegen die emanzipirten erst recht.“

Der Maler zuckte die Achseln und sang leise vor sich hin – eine bekannte Volksweise; sollte in der Textstelle „Und a bissele Lieb und a bissele Treu und a bissele Falschheit is allweil dabei“ seine Antwort liegen?

Lindner hatte es ja ehrlich und aufrichtig gemeint; er sah im Geiste das rosige Kindergesichtchen, das dem Töchterchen seiner Wirthin angehörte, und dieses liebe Gesichtchen hatte er sich schon so unendlich oft mit dem fraulichen und mütterlichen Ausdruck vorgestellt, daß er sich allen Anfechtungen gewachsen glaubte und nichts für leichter hielt, als der Kleinen treu zu bleiben.

Das Gespräch war damit beendet und wurde im Café, wo man noch ein halbes Stündchen saß, nicht wieder aufgenommen; da hatte ja irgendwer Uebersetzersünden aufgedeckt und dieses Thema war unzweifelhaft viel wichtiger! Der kleine Kreis zerstreute sich dann nach allen Seiten und auch Born schritt seiner Wohnung zu; wenn man gewußt hätte, daß er gleich darauf in eine Seitenstraße einbog und einen Umweg von einer scharfen halben Stunde machte, um – noch unter den Fenstern vorüberzugehen, an deren einem vielleicht gerade jetzt Tatjana stand! Er wagte es kaum, einen zaghaften Seitenblick emporzuwerfen, der ihn gerade nur darüber belehren konnte, daß einige Flammen der Gaskrone noch brannten, und schritt dann, wie auf einer sittlich-bedenklichen Handlung ertappt, rasch davon. Arglistige Tatjana, warum hattest du von deiner Bewunderung für eine kleine Novelle gesprochen, deren viel umworbene Heldin für eine zum Krüppel geschossenen, kirchenmausarmen Offizier schwärmte und ihn auch heiratete, warum hattest du es so bewunderungswürdig und für dein Gefühl so verständlich gefunden, daß sie den Gebrechlichen und Hülflosen leidenschaftlicher liebte, als sie den Gesunden und Kräftigen je geliebt haben würde? Sie hatte das einen tief in der weiblichen Natur begründeten Zug genannt, und war der Blick, mit dem sie den halbblinden Dichter dabei ansah, nicht feucht gewesen? Born hatte nichts erwidert, aber nun wußte er, daß sie das edelmüthigste, großherzigste Geschöpf unter der Sonne war, und er konnte den Freunden, die so schnöde Reden über sie führten, ernstlich zürnen, wenn er sie auch mehr noch bemitleidete. Wie sich Tatjana auch zeigen mochte – was sie war, das hatte sie doch nur ihn ahnen lassen, und sollte er auf diesen Vorzug nicht stolz sein? Er war recht stolz und glücklich, der gute Born, als er in dichtem Gestöber sich heimtappte.

Acht Tage später – diesmal im Erdgeschoß eines kleinen, zwischen Gärten und dicht am Fluß gelegenen Hinterhauses, der Residenz des Dramendichters. Reinisch hatte sie die „Eisgrotte“ getauft, nicht ohne Berechtigung. Born hatte den ganzen Nachmittag heizen lassen, aber die Eisblumen an den Scheiben waren nicht abgethaut und während in der Nähe des feuerspeienden rothglühenden eisernen Ofens, um den sich alle zusammendrängten, wie die Küchlein um die Glucke, eine fast unerträgliche Glut herrschte, fror man auf der Rückseite und hatte kalte Füße. Arvenberg schimpfte wie ein Rohrsperling; obgleich er den Paletot anbehalten hatte, konnte er sich nicht erwärmen, und er beruhigte sich erst einigermaßen, als ihm Born in seiner Verzweiflung allen Ernstes den Vorschlag machte, sich angekleidet in sein Bett zu legen, und einstweilen ein paar gewaltige Filzschuhe geschleppt brachte, in denen sich Arvenbergs kleine Füße spurlos verloren. Der arme Dichter hatte stets viel zu leiden, wenn man bei ihm zusammenkam; alle seine Betheuerungen, daß die Wohnung im Sommer reizend, hochpoetisch und angenehm kühl sei, wurden mit satanischem Hohngelächter aufgenommen; man war nun einmal entschlossen, kein gutes Haar an derselben zu lassen. Wendt suchte eine besondere Force darin, die zahllosen gehäkelten Decken und Deckchen, die überall paradirten und von denen ein halbes Dutzend allein an das Sopha verschwendet war, als Hindernisse der Bequemlichkeit und bloße Schaustücke zu formlosen Knäueln zusammenzuballen und dabei auf die spartanische Einfachheit seiner „Bude“ hinzuweisen. Arvenberg kritisirte die Vasen auf Schränken, Tischen und Kommoden, deren er halb dreiundzwanzig, halb siebenundzwanzig gezählt haben wollte; Reinisch erging sich in schnöden Bemerkungen über den Bilderschmuck des Zimmers, der allerdings von einem ziemlich primitiven Geschmack zeugte; es war das „gute Zimmer“ der braven Wirthsleute und an der Wand hingen – in goldner Schrift auf ultramarinblauem Grunde – die Tauftafeln sämmtlicher Sprößlinge der Familie zwischen einigen grell-bunten Oeldruckbildern – Prämienblättern zu illustrirten Journalen. Lindner vermißte die Abwesenheit jedes Schmucks aus den drei Reichen der Natur und erklärte, das Zimmer würde sich weit aparter ausnehmen, wenn an der Decke, wie in manchen Droguenhandlungen, ein kleines Krokodil hinge oder auf den Schränken einige interessante Mißgeburten in Spiritus aufgestellt würden; außerdem gehöre an die Wand eine kräftige Abbildung des bethlehemitischen Kindermords oder eines ähnlichen Massacres en gros – die Beschäftigung des Bewohners müsse sich in der ganzen Einrichtung und Ausschmückung der von ihm bewohnten Räume widerspiegeln.

Am Schlusse einer längeren, reichlich mit kraftvollen Verwünschungen gewürzten Rede über die Verwerflichkeit sämmtlicher „Buden“, die Born bisher bewohnt, rief Wendt pathetisch aus:

„Stellen Sie Sich nur einmal vor, bester Born, die Walujeff überrumpelt Sie eines Tags hier! Zuzutrauen ist ihr auch das, sie guckt eines schönen Tags ein paar Minuten lang durch’s Fenster, tippt dann mit dem Sonnenschirm an die Scheibe, wünscht Ihnen einen guten Morgen, macht einen graziösen Knix, legt Ihnen ein Veilchensträußchen aufs Fensterbret und ist im nächsten Moment verschwunden. Welchen Begriff soll sie von dem bekommen, der in einer solchen Philisterbude wohnen mag? soll sie wirklich glauben, daß in solchen Räumen ‚die Flügelschläge des Genius rauschen‘ – damit könnten Sie ihr eher imponiren. Machen Sie doch mindestens einen kleinen Scherz – setzen Sie z. B. der gußeisernen schwarzen Jungfrau, die gesenkten Hauptes auf Ihrem Ofer lagert, und die so melancholisch aussieht, als habe sie einen Bandwurm oder als befinde sie sich im kritischsten Stadium der Seekrankheit, Ihren Hut auf.“

„Also Zigeunerwirthschaft – ja, wenn das Born könnte!“ erwiderte Lindner. „Ihr hättet nur sehen sollen, in welche Verzweiflung er gerieth und wie er rein aus der Haut fahren wollte, als mir mein Vetter in Geestemünde vorigen Winter einen großen Steinbutt schickte! Born war gerade bei mir, als das interessante Seeungeheuer anlangte; mein Antrag, dasselbe als Abendbrot zu verspeisen, fand einstimmige Annahme, als sich aber herausstellte, daß meine Wirthin ausgegangen war und die Küche verschlossen hatte, damit Pietsch nicht hineingerieth, hielt Born das Projekt für gescheitert und geberdete sich gleich einem der verzweifelnden Helden seinen Dramen, als ich ihm nach einer kritischen Musterung der uns zur Verfügung stehenden Kochutensilien meinen neuen Plan entwickelte. Er mußte aber schließlich nachgeben und das Fischlein wurde, nachdem Born beim nächsten Viktualier Senf und Butter geholt hatte und die letztere in einer großen porzellanen Zuckerdose zerlassen und braun gemacht worden war, mit einer großen Papierscheere in etwas unregelmäßige Stücke zerlegt und im – Waschbecken servirt. Es ging auch und hat uns ganz ausgezeichnet geschmeckt, das könnt ihr glauben – nicht war, Born?“

„Ihr seid doch die reinen Barbaren!“ stöhnte Wendt; „sollte man dergleichen im neunzehnten Jahrhundert für möglich halten? Der Mensch ist nicht blos, was er ißt, er ist auch, wie er ißt, und nun überlegt euch einmal, was ihr seid, die ihr mit solchen himmelschreienden Sünden auch noch prahlt!“

„Man sollte es allerdings zur Ehre der Menschheit für unmöglich halten,“ warf Arvenberg ein, „daß dergleichen in civilisirten Ländern noch vorkommt, aber wir wollen doch einmal bei der Russin bleiben. Ich halte es für selbstverständlich, daß jeder gewissenhaft berichtet, der sie getroffen hat – keine Geheimnisse.“

„Wird sich auf die Dauer kaum durchführen lassen!“ spottete Reinisch, „ich möchte aber auch beantragen, daß die etwaigen Beichten gleich zu Anfang abgemacht werden; ich komme heute mit meiner Erzählung zu Ende und werde dann schwerlich aufgelegt sein, über unsere Vereinsaspasia mit euch zu schwatzen. Wer hat denn jetzt die meiste Chance, ihr Perikles zu werden?“

Alles schwieg, worauf denn Lindner, nicht ohne eine gewissen Verlegenheit, meinte:

„Dann bin ich’s am Ende gar! Zu meiner nicht geringen Ueberraschung fand ich, als ich nach unserem letzten Abend heimkam, eine Einladung zum Mittagessen für den nächsten Sonntag vor; die Einladung lautete natürlich nur auf „einen Löffel Suppe“, ich würde aber in ernstliche Bedrängniß gerathen, sollte ich euch berichten, was ich alles gegessen habe – Wendts kochkunst-wissenschaftliche Wißbegierde muß also unbefriedigt bleiben, so sehr mich das auch schmerzt. Es war noch eine hiesige Familie eingeladen, die eines pensionirten Regierungsraths, sehr nette Leute, denen [579] ich am nächsten Tage meinen pflichtschuldigen Anstandsbesuch machte. Die Folge war, daß ich für Mittwoch zum Abendessen eingeladen ward, so daß ich mir in meiner übertriebenen Gewissenhaftigkeit bereits die Frage vorlegte, ob ich nicht am Ende galanter gegen die heiratsfähige Tochter gewesen sei, als einem jungen Manne, ‚der eine Zukunft hat’, erlaubt ist. Als ich vor dem Hause ankam, schickte sich ein Miethwagen eben an, abzufahren, und auf der Treppe schon holte ich – Fräulein Walujeff ein. Das ist doch gewiß schon etwas – die Hauptsache kommt aber erst noch. Die Thür zum Speisezimmer stand offen und ich sah zufällig, daß Fräulein Tatjana, die drüben mit der Frau vom Hause plauderte, die Karten auf den Couverts musterte, ihr etwas zuflüsterte, ein zustimmendes Nicken zur Antwort erhielt und dann einen Tausch über den Tisch weg vornahm. Da schoß mir natürlich das Blättchen – und in der That stellte sich dann heraus, daß Fräulein Walujeff meine Nachbarin zur Rechten war –, sie hatte auf der andern Seite sitzen sollen und der Tausch hatte nur bezweckt, sie neben mich zu bringen; ich hatte mir das betreffende Couvert zu genau gemerkt. Selbstverständlich habe ich nicht das mindeste davon verrathen, daß ich eine unabsichtliche Indiskretion begangen hatte –“

„Das wäre auch über’s Bohnenlied gegangen, das aber steht fest, daß Sie den Kartentausch hatten sehen sollen; die Walujeff ist viel zu schlau, um sich belauschen zu lassen, wenn ihr das nicht in den Kram paßt!“ erläuterte Wendt. „Nun, wie war’s weiter? – ich bin gespannt.“

„Ja, wenn ich das so recht wüßte,“ erwiderte Lindner, „ich kann ja nicht einmal sagen, welche Farbe ihr Kleid hatte. Nur das weiß ich, daß ihr lächerlich kleines Spitzentaschentuch nach Veilchen duftete und daß auf ihren Manschettenknöpfen Käfer krochen –“

„Auch eine feine Aufmerksamkeit für Sie!“ schaltete Wendt ironisch ein.

„Ach, Dummheit,“ wehrte sich Linder, „wer wird denn gleich so weit denken? Uebrigens waren es ganz alberne Phantasiekäfer – als ob die Natur nicht die reizendsten und bizarrsten Vorbilder in Mengen lieferte! Geplaudert haben wir von allem möglichen – d. h. sie hat in einemfort gefragt und ich hatte eben zu antworten. Manchmal waren die Fragen recht naiv, aber, du lieber Gott, was lernt denn so ein Mädchen und – was merkt sie sich? höchstens, daß die Korallen und die Perlen nicht auf den Bäumen wachsen.“

„Nun, Sie werden das arme Mädchen hübsch gelangweilt und halb zu Tode dozirt haben,“ sagte Wendt, der vor Neugierde brannte. „Haben Sie Tatjana nach Hause begleiten dürfen?“

„Allerdings – ich mußte sogar. Die Frau Regierungsrath fragte mich, ob ich Fräulein Walujeff nach ihrer Wohnung begleiten wollte; ein Wagen sei schwer aufzutreiben und die Nacht sei schön. Ich verbeugte mich und die Sache war geordnet. Nun kam aber der Haken; ich wußte nicht recht, ob ich ihr den Arm biete sollte, unterließ es also. Ich bin ja keineswegs klein, aber sie ist reichlich einen halben Kopf höher als ich und das genirte mich; ich dachte es würde lächerlich aussehen. Dazu rauschte und raschelte alles an ihr von Seide, es war alles in allem ein äußerst unbehagliche Situation. Sie meinte, wir würden wohl bald einen Wagen finden, ich sagte nichts darauf und richtig stand auf dem nächsten freien Platz eine Nachtdroschke, in der sie denn davon fuhr.“

„Oh, Sie Lamm Gottes!“ rief Wendt, halb belustigt, halb geärgert, „was haben Sie nun da wieder gemacht! Es liegt doch auf der flachen Hand, daß sie von Ihnen nach Hause begleitet sein wollte, denn eine Droschke ist jederzeit zu beschaffen – das war mir also nur eine faule Ausrede. Das mindeste, was Sie zu thun hatten, war doch, Ihr Bedauern darüber auszusprechen, daß Ihre Hoffnung, noch eine halbe Stunde ungestört mit ihr plaudern und ihre liebenswürdige Gesellschaft genießen zu können, auf diese Weise vereitelt werde. Ich wette meine Nase gegen einen Pflaumenkern, daß sie darauf in der verbindlichsten Weise erwidert hätte, sie gehe viel lieber und habe nur gefürchtet, den Herrn zu geniren. Von Hirschkäfern und Aaskäfern und Wasserkäfern verstehen Sie unmenschlich viel, geliebter Lindner, von den Frauenzimmern aber nichts, am allerwenigsten von den Tatjanas. Jedenfalls haben Sie’s auf plumpste Weise mit ihr verschüttet – sehen Sie nun zu, wie Sie die Sache wieder einrichten!“

„Mit dem „Verschüttethaben“ wird’s so schlimm kaum sein,“ mischte sich der Maler ins Gespräch; „wer weiß, ob Lindners ganzes unqualifizirbares Benehmen ihm nicht – vor der Hand – die Wege ebnet. Entweder hat sie ihn amüsant schüchtern gefunden und den Schüchternen macht man bekanntlich Konzessionen, um sie zu ermuthigen, oder sie ist pikirt wegen seiner Unempfindlichkeit[WS 2] – und das ist noch besser. Und die andern sind also ganz leer ausgegangen? Born macht allerdings ein Gesicht wie drei Meilen böser Weg – er wäre gewiß an Lindners Stelle unternehmender gewesen und hätte einige schwärmerische Floskeln riskirt, die man ja, wenn man ein fruchtbarer Dramendichter ist, im Nothfall immer für poetische Licenzen erklären kann.“

„Bitte,“ erwiderte Born, „ich war gestern Abend zur Fortsetzung unserer Lektüre eingeladen; es wurde freilich nichts aus dem Lesen, denn es war Besuch da – ein geleckter, unausstehlicher Elegant, der drei Jahre in Paris war und sich seine Ansichten über die Frauen in der Closerie des Lilas und im Jardin Mabille gebildet hat; natürlich ist er nun blasirt, weltschmerzelt ein wenig und schmachtet Fräulein Walujeff dazu in ziemlich dreister, beinahe frivoler Weise an; der vertrauliche Ton, den er immer wieder anzuschlagen sucht, hat mich geärgert, doch was kümmert’s mich? Uebrigens muß sie etwas gemerkt haben –“

„Das glaub’ ich unbeschworen,“ bemerkte Wendt, „der Herr Isegrimm von König in ‚des Sängers Fluch’ kann nicht menschenfeindlicher ausgesehen haben, als Sie gestern Abend – furchtbar prächtig, wie blutiger Nordlichtschein.“

Born ignorirte die Spötterei und fuhr fort:

„Sie flüsterte mir wenigstens in der ersten Minute des Alleinseins zu, ich solle mich an des Herrn Manieren nicht stoßen. Er habe in Paris eine bedenkliche Schule durchgemacht und das mache er sich gelegentlich geltend; er sei aber ein drolliger und nebenbei keineswegs dummer Kerl, sie habe beinahe Mitleid mit ihm und betrachte es als ihre Aufgabe, ihm zu beweisen, daß es auch noch andere Frauen gebe, als die, deren Bekanntschaft er im Babel an der Seine gemacht habe.“

„Worauf sich Ihr Germanengemüth natürlich in Geduld faßte?“ spottete Reinisch. „Nun, warten Sie nur, dergleichen wird noch hübscher kommen – für’s erste war das ‚nur ein Tröpflein Fegefeuer‘. Ich kann mich ja irren, aber ich bin überzeugt, der Herr kam Fräulein Walujeff gestern sehr gelegen, wenn er nicht ad hoc geladen war – sie hat sich angesichts Ihrer aus den Poren sickernden Eifersucht wahrscheinlich besser amüsirt, als bei Ihrem Drama.“

[589] Born erwiderte mit einem Achselzucken:

„Wenn Reinisch unter den boshaften Individuen, welche die Dreistigkeit haben, sich von der Sonne bescheinen zu lassen, nicht eins der boshaftesten ist, so sollen die Schauspieler bei der ersten Aufführung des ersten Stücks, das ich auf die Bühne bringe, mit faulen Aepfeln beworfen werden; übrigens kann er seinen Giftzahn nur auch an Arvenberg probiren, denn ich glaube gehört zu haben, daß er ebenfalls eingeladen ist.“

„Der geehrte Herr Vorredner hat sehr recht,“ gab Arvenberg zurück, „aber es hat sich dabei gar nicht um Fräulein Tatjana Walujeff, sondern um – unsere Heldenmutter gehandelt. Ihr wißt, daß ich dieselbe für eine ganz vorzügliche Darstellerin halte, die leider viel zu selten beschäftigt wird, und ich habe neulich gegen unsere aufmerksame Russin so beiläufig den Wunsch geäußert, die persönliche Bekanntschaft der Dame zu machen, natürlich ohne daß dieselbe um mein Rezensenthum wüßte. Sie erwiderte nichts darauf, aber nach einigen Tagen schon erhielt ich eine Einladung zum Abendessen, mit dem Postskriptum: ‚Frau Ritter, die wir öfters bei uns sehen, wird Ihre Nachbarin sein und ahnt nicht, daß Sie je eine Zeile über Theatervorstellungen geschrieben haben.‘ Das war doch gewiß äußerst liebenswürdig, wobei ich indessen dahin gestellt sein lassen will, ob mein Wunsch ebenso rasch erfüllt worden wäre, wenn es sich um eine erste Salonliebhaberin oder ein kokette Soubrette gehandelt hätte, statt um eine Frau von annähernd vierzig Jahren und Mutter von sechs Kindern.“

„Schade, daß ich mich nicht besser mit eurem Ideal gestellt habe,“ unterbrach Reinisch; „ich würde sonst einmal andeuten, daß ich gar zu gern ein Bärenfell besäße – wahrscheinlich dauert es keine vier Wochen, so würde ein ganzer Bär vor meiner Hausthür abgeladen, denn sie telegraphirte doch sofort an ein halbes Dutzend ihrer heimischen Verehrer: ‚Man liefere mir binnen acht Tagen einen todten Bären hierher!‘ Wie war’s denn übrigens, Arvenberg?“

„Ungezwungen und doch vornehm, ich dächte das wäre selbstverständlich. Ich habe mich aber fast ausschließlich mit Frau Ritter unterhalten, die eine sehr interessante und kluge Frau ist, und Fräulein Tatjana war so ziemlich auf einen gänzlich verwagnerten Kapellmeister angewiesen, der in hohem Grade für sie zu schwärmen scheint, vielleicht ebenso sehr wie für den schweren Bordeaux, den man bei Walujeff trinkt. Er nennt sie nur seine Walkyre und treibt allerlei verliebte Narrenspossen mit ihr – es war bald nicht mehr schön und ich habe zuletzt gar nicht mehr hingehört –“

„Was wir unbeschworen glauben,“ fügt Wendt hinzu. „Da seht nur einmal den Philosophen! Ewig sitzt er auf dem hohen Pferde und dann bekommt er verliebte ‚Beklemmungen’, wenn ein harmloser Kapellmeister im kaffeebraunen Sammtjacket der Dame seines Herzens in seiner possenhaft übertriebenen Weise ein paar Komplimente schneidet. Grau, lieber Freund, ist alle Theorie!“

Arvenberg erwiderte nichts, sondern lächelte nur, ironisch und überlegen – von der ‚Dame seines Herzens‘ hätte Wendt nicht anfangen dürfen, wenn sein Angriff ernst genommen werden sollte. Reinisch überhob ihn auch der Antwort, indem er ziemlich sarkastisch bemerkte:

„Aus alledem geht hervor, daß Wendt, wenn er nicht ein ausgemachter, siebenmal destillirter Heuchler ist, anfängt, hinten hinunter zu fallen; er hat ja nie etwas zu erzählen und scheint seinem Charakter als ‚Liebhaber‘ das schmückende Beiwort ‚a. D.‘ hinzufügen zu dürfen.“

Glaubt nur nicht, daß ich mich gräme,“ erwiderte der Jurist. „Das bin ich nun nachgerade gewöhnt geworden; erscheinen neue Figuren auf der Bildfläche, so sind die alten wie vergessen. Aber meine Zeit kommt auch wieder; sie besinnt sich schon wieder auf mich und dann ist sie ein paar Tage lang ganz bezaubernd, und ich denke, ich bin im siebenten Himmel, bis ihr der Zufall irgend einen ‚interessanten‘ Mann in die Quere führt. So geht’s in einem fort; man könnte die Sache bildlich so darstellen, als gestatte sie mir heute, die Hälfte der Kirsche, in die sie mit den Perlenzähnchen gebissen hat, von ihren Lippen zu nehmen und als vergönne sie das morgen einem andern und schnipse mir die Kerne ins Gesicht. Aber man kann ihr nicht gram sein, man muß sie immer wieder rasend gern haben, denn schließlich ist doch alles nur Uebermuth und zwar der graziöseste, den man sich denken kann. Ich lasse nichts auf sie kommen, wie toll sie’s auch treiben mag!“

„Unheilbar also!“ konstatirte Reinisch; „unheilbar und dazu prädestinirt, von schönen Händen gezaust und gehudelt zu werden. Ein Glück für ihn, daß nicht alle Frauen so grausam sind und daß es viele gibt, deren sanftes Gemüth zum Erbarmen neigt – er hätte ja sonst keine ruhige Stunde mehr. Aber nun laßt [590] einmal die Russin Russin sein und versetzt euch, wenn es möglich ist, in die Stimmung, das Ende meiner trübseligen Geschichte zu hören und sowohl Curt als Leontine Ade zu sagen auf immerdar. Für mich sind sie schon zu Schatten geworden, wie sie in einsamen Stunden die Erinnerung leise herausführt, um uns durch sie an vergangene Tage zu mahnen und an Schmerzen, über denen längst Gras gewachsen ist.“

Man nickte schweigend Zustimmung, der Maler legte die Cigarre weg, fuhr sich mit der Hand über die Augen, überlegte einen Moment und begann dann in fast gedrücktem Tone:

„Der Morgen nach dem Unglücksabend im Engel wurde mir zu einer Ewigkeit; die Minuten dehnten sich zu Stunden und Curt ließ nichts von sich sehen und hören. Nach Tische kam er ins Café, nickte mir zu, brannte sich eine Virginia an und vertiefte sich in den „Punsch“, der ihn ungewöhnlich heiter zu stimmen schien. Ich sah ihn, schweigend meine ‚Melange‘ löffelnd, besorgt von der Seite an; er war eine Idee blässer, als sonst, kam mir aber im übrigen durchaus nicht aufgeregt, sondern gelassen und ruhig vor und nicht einmal nachdenklich und zerstreut, was doch so natürlich gewesen wäre. Nach einer guten Weile legte er das Blatt weg, machte eine unbefangene Bemerkung über das Charakteristische des englischen Humors, den er sehr liebte, blies die Asche von der Cigarre und sagte nachlässig: ‚Ich dachte Leontine erst heute Abend zu treffen, bin ihr aber zufällig in der Stadt begegnet und habe sie durch ein paar abgelegne, einsame Straßen der Kleinseite begleitet. Ich fragte sie so obenhin, ob unter denen, welche sie früher mit Zudringlichkeiten verfolgten, vielleicht auch ein Ulanenoffizier von Borkiewicz gewesen sei; sie nickte gleichmüthig und sagte mir, das sei grade der dreisteste und zäheste von allen gewesen. Er habe sich durchaus nicht überreden können, daß er ihr wirklich gleichgültig sei, und so habe er denn alle nur erdenklichen Minen springen lassen und sich wie ein Unvernünftiger geberdet, schließlich sei er einmal des Abends auf der Straße unverschämt geworden, sodaß ihr nichts übrig geblieben sei, als ihn mit einer Ohrfeige zu bedrohen und den Schutz eines grade vorübergehenden Herrn anzurufen, der dem Offizier mit so ironischer Höflichkeit ein ‚Gute Nacht, Herr Oberleutnant!‘ zugerufen habe, daß sie wohl annehmen müsse, sie sei zufällig an einen Bekannten ihres lästigen Verfolgers gerathen. Derselbe habe sich darauf kurz auf dem Absatz umgedreht und sei verschwunden, von Stunde an aber habe sie Ruhe vor ihm gehabt und ihn erst bei der Schlittenfahrt wiedergesehen. Sie war dabei so unbefangen, so heiter sogar zuletzt, daß ich nun nicht den leisesten Zweifel mehr habe, daß Borkiewicz ein feiger und ehrloser Prahler ist, dem eigentlich keine Kugel, sondern die Reitpeitsche ins Gesicht gebührte. Es konnte ja auch nicht anders sein, - gäbe es wirklich faule Flecke in ihrer Vergangenheit, so hätte sie mich wahrhaftig nicht so lange getäuscht; davon hätte ich etwas gemerkt, aus ähnlichen Gründen, aus denen Gretchen ein Grauen vor Mephisto nicht überwinden kann.

„Ich athmete auf, – so gut mir Leontine gefallen hatte – der Teufel traue dem Frauenvolk unbedingt! Irgend etwas konnte doch an der Sache gewesen sein. Dann wäre sie aber, als Curt sie mit der Frage nach seinem Gegner überrumpelte, sicherlich nicht so unbefangen geblieben; ein wenig verfärbt hätte sie sich doch gewiß, eine leichte Verwirrung wäre doch bestimmt über sie gekommen und hätte Curts Verdacht wachgerufen; ich konnte seinem Scharfblick in dieser Hinsicht unbedingt vertrauen. Ich frage endlich nach dem Duell und ob schon eine Herausforderung erfolgt sei; das schien aber für Curt ein sehr untergeordneter Punkt zu sein, denn er erwiderte gleichgültig: ‚Ja, was denken Sie? Das ist heute früh alles verabredet und geregelt worden – noch vor dem Morgenkaffee. Die Geschichte wird auch möglichst beschleunigt werden, das Ehrengericht wird morgen seinen selbstverständlichen Spruch fällen und zwei Tage später – es kommt noch der Johannistag dazwischen, an dem sich der fromme Katholik nicht schlagen will – soll die Sache jenseits der sächsischen Grenze abgemacht werden. Da es kein Duell zum Spaße ist, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach einer von uns auf dem Platze bleibt, empfiehlt sich dieser Modus. Ich habe also noch ein paar Tage Zeit, an denen Sie mich freilich nicht viel sehen werden; ich bin zwar fest überzeugt, daß mir nicht einmal die Haut geritzt wird, aber der Zufall spielt oft wunderlich und man muß doch vorher Ordnung in alle seine Angelegenheiten gebracht haben; es gibt da allerlei zu verbrennen und zu zerreißen, Briefe, Schuldscheine und Jugendgedichte, und das kostet eben Zeit. Natürlich will ich auch möglichst viel mit Leontine zusammen sein, und Trelawney muß täglich ausgeritten werden, und eine Stunde jedes Vormittags nimmt der Schießstand in Anspruch; ich halte es zwar nicht für nöthig, aber mein Sekundant, der wahre Räubergeschichten von der ‚phänomenalen‘ Schießkunst des Wasserpolaken erzählt, besteht darauf, und da will ich ihm denn den Gefallen thun, damit die liebe Seele Ruhe hat. Wir haben heute angefangen, und er ist nun schon mächtig beruhigt, denn ich habe mit solcher Beharrlichkeit das Schwarze der kleinen Scheibe durchlöchert, daß er meinte, es müßte mit Kräutern zugehen, wenn ich dem großen, breiten Borkiewicz nicht ein Loch in den Korpus schösse. Er hat freilich den ersten Schuß als Beleidigter, und wenn nur halb so kaltblütig ist, wie ich, kann er mir schon einen Denkzettel für immer geben; doch Sie wissen ja, warum ich an die Sicherheit seines Auges und seiner Hand nicht glaube, seit heute noch weniger als vorher. Wie ist das übrigens, wollen Sie Sich nicht – Lebens und Sterbens wegen – noch eine Skizze von mir machen? Sie haben mich so oft gezeichnet, daß es Sie doch interessiren sollte, ein Bild zu haben, unter das Sie ‚Vor dem Duell‘ schreiben können; an der erforderlichen Geduld meinerseits soll es nicht fehlen, und auf alle Fälle ist das Bild eine kleine Reliquie.‘

„Ich sagte zu, aber es war mir wahrlich nicht so ums Herz, und Curts unnatürliche Gelassenheit ängstigte mich fast; ich sah wohl ein, daß dieser Seelenzustand nur eine Folge der heftigen Gemüthsbewegungen war, deren Beute er solange gewesen, der Ausfluß einer Gestörtheit des inneren Gleichgewichts, aber diese Thatsache war doch wenig geeignet, meine Sorge zu beschwichtigen und meine düsteren Ahnungen zu zerstreuen.

„Am nächsten Morgen kam er schon ganz früh zu mir – merkwürdig aufgeräumt, heiter und herzlich. Ich lag noch im Bett; er scherzte über meine Langschläferei und meinte dann: ‚Heute müssen Sie mir einen Gefallen thun, das heißt, ein paar befreundete Familien zusammentrommeln, die mit über Land fahren und ein kleines Waldfest mitfeiern; Sie kennen ja Leute genug und wissen, wer für Leontine paßt.‘

„Ich sah ihn erstaunt an. Er weidete sich lächelnd an meiner Ueberraschung und sagte dann in sichtlich gehobener Stimmung: ‚Es ist grade, als ahnte sie, daß für mich eine kritische Stunde kommt. Sie ist seit ein paar Tagen ganz eigenthümlich weich und innig, wie ich sie noch gar nie gesehen habe; sie läßt sich, scheint es, so recht gehen, und gestern Abend fragte sie plötzlich sanft und beinahe demüthig, ob ich wohl an einem der nächsten Abende einen kleinen Ausflug veranstalten wollte, am liebsten in den Wald; die Nächte seien jetzt so wunderschön, daß es eigentlich jammerschade sei, sie zu verschlafen, und sie wolle auch einmal ihren Sommernachtstraum haben. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dieser Wunsch und die Form, in welche sie ihn kleidete, mich rührten. Unendlich oft schon habe ich sie gebeten, mir doch einmal in irgend eine Gesellschaft zu folgen, die ganz mit Rücksicht auf sie zusammengesetzt werden würde, – sie wußte mir aber stets zu entschlüpfen und fragte in verstelltem Ernst, ob sie mir denn nicht mehr genüge, daß ich von Fremden spräche; wenn ich dringender ward, bat sie mit dem Tone, den ich noch stets unwiderstehlich gefunden habe, ihr das zu erlassen und sie nicht weiter zu bestürmen, und schließlich trug sie stets den Sieg davon. Ich wollte ja auch weiter nichts, als äußerlich dokumentiren, daß ich sie als meine Braut betrachte, daß es sich nach meiner Auffassung nicht um eine mit dem Schleier des Geheimnisses zu bedeckende, fragwürdige und vorübergehende ‚Liaison‘ handle; sie erkannte diese Absicht sehr wohl und ihr Widerstand gegen meine Idee bewies somit, daß sie entschlossen war, alles zu unterlassen, was mich in meinen Zukunftsplänen irgendwie bestärken konnte. Und nun nach so vielen abgeschlagenen Stürmen diese durch nichts motivirte Nachgiebigkeit! Ich bin wahrhaftig nicht optimistisch gestimmt, aber vielleicht ist man einigermaßen berechtigt, eine schwache Hoffnung auf diese Sinneswandlung zu bauen – die erste, die ich bei ihr entdecke. Wer weiß, vielleicht erzähle ich ihr nach dem Duell von demselben; wer kann wissen, wie es auf sie wirkt, daß ich mit Lebensgefahr ihre Ehre vertheidigt habe? Ich möchte fast wünschen, daß mir Borkiewicz ein paar Unzen Blut abzapft, – oder glauben Sie, daß ein Mädchen die Kraft hat, auch dem um ihretwillen verwundeten Geliebten die Hand zu verweigern? Wer weiß, vielleicht bezeichnet dieses mir aufgezwungene Duell einen Wendepunkt in meinem Leben, vielleicht vervollständigt es die Sinneswandlung bei Leontine, und dann sollte es mir gesegnet sein – vorausgesetzt, daß mir Borkiewicz’s Kugel nicht etwa das Lebenslicht ausbläst.‘

[591] „Wunderlich! erst jetzt, wo ihm wieder ein rosiger Streif am Himmel der Zukunft aufdämmerte, erschien ihm auch ein für ihn verhängnißvoller Ausgang des Zweikampfs möglich. Ich ließ natürlich diese Reflexion nicht laut werden, sondern erwiderte, daß sein Kalkül viel für sich habe, daß mir seine Mittheilung eine große Freude bereite und daß ich natürlich alles aufbieten würde, die romantische Waldfahrt zu einer künstlerisch und poetisch ausgeschmückten zu machen; vielleicht könne er in dieser Juninacht der Geliebten das Jawort abschmeicheln, das sie bisher so hartnäckig verweigert – an sanfter Musik und bunten Lampions solle kein Mangel sein, es solle ganz traumhaft-magisch werden, und die Nachtigallen würden sicher die Freundlichkeit haben, ihre Beredsamkeit mit der seinigen zu vereinigen. Wir verständigten uns über die wenigen Personen, die eingeladen werden sollten, spezielle musikkundige Bekannte von mir mit ihren Damen; die Einladung sollte überhaupt von mir ausgehen und Curt wollte nur die Kosten tragen. Er ging auf die geringfügigsten Einzelheiten ein und nöthigte mich sogar, mir schriftliche Notizen zu machen, damit ja nichts vergessen würde. Bei aller romantischen Ungebundenheit sollte das kleine Fest einen gewissermaßen vornehmen Charakter tragen und die Kosten kamen dabei nicht in Frage; Leontine sollte ihren Gedanken eines ‚Sommernachtstraums’ voll verwirklicht finden, in höherem und schönerem Sinn, als sie sich träumen ließ.

„Ich gestehe euch, Kinder, die Augen wurden mir feucht, als ich den vielleicht zu so frühem Tode Geweihten mit peinlichster Sorgfalt seine Anordnungen treffen hörte, damit es der Geliebten nur ja an nichts fehlte, damit sie alles vereinigt fand, was sie gern hatte, was ihren Schönheitssinn erfreuen konnte. Diese Sorgfalt hätte unter Umständen etwas Bizarres haben können, in diesem Falle war sie nur liebenswürdig und rührend. Die Freude leuchtete Curt förmlich aus den Augen, wenn er sich wieder auf eine kleine feine Aufmerksamkeit besonnen hatte, und der Gedanke an die Stunde, in der er der Kugel eines erbitterten Gegners die Brust bieten mußte, schien in ihm zur Wesenlosigkeit verblichen zu sein. Es war mir ja auch recht sehr lieb, durch die mancherlei Zurüstungen, welche das kleine Fest seines aparten Charakters wegen erforderte, von meinen trüben Gedanken abgelenkt zu werden, ich verhieß also sehr lebhaft, alles zu besorgen und fügte, mich selber aufregend, hinzu:

„Ihre Verlobungsfeier soll mir Ehre machen – sie ist gewiß in den besten Händen.

„Curt lächelte, fügte aber, sofort wieder ernst werdend, hinzu:

‚Nun, wir wollen uns keine Illusionen machen! Übrigens wäre es ganz gut, wenn wir sie an diesem Abend so weit bringen könnten; hat sie nämlich erst einmal ja gesagt, so geht sie mit mir durch Feuer und Wasser und schwankt keinen Moment wieder. Und es wäre ganz hübsch, wenn ich dem Herrn Onkel gleich mit einer vollendeten Thatsache entgegentreten könnte, als welche bei mir schon eine Verlobung anzusehen ist – das weiß der Onkel ganz perfekt.‘

„Ich sah ihn fragend an; er lachte und meinte:

‚Ja so, das wissen Sie ja noch gar nicht! Für die ersten Tage der nächsten Woche ist mir nämlich Besuch aus Graz angesagt – mein Onkel, sein Kamerad unter Radetzky, dessen Frau Schwägerin und seine Fräulein Nichte, meine Frau Gemahlin in spe, wie die Herrschaften glauben. Das Komteßchen ist noch nie in Prag gewesen und soll Gelegenheit erhalten, sich einmal in der Kapelle auf dem Hradschin, die bekanntlich ein ‚echtes’ Bild des Heilands besitzt, vor ihrem Schöpfer zu demüthigen – das Kind soll nämlich nebenbei sehr fromm sein. Natürlich handelt es sich weit mehr darum, mir meine Zukünftige zu präsentiren und zu ermitteln, ob ich etwa das Unglück habe, ihr in Person weniger zu gefallen, als im Bilde. Onkel hat ihr nämlich, nach Soldatenart die Gelegenheit am Stirnhaar fassend, meine Photographie gezeigt, und als sie sich so günstig äußerte, als jungfräuliche Bescheidenheit und Zurückhaltung nur irgend zuließen, ist er mit der Thür ins Haus gefallen und hat sie gefragt, ob sie den hübschen wilden Bengel nicht zum Manne haben möge? Für sein gutes Herz verbürge er sich, Kopf habe der tolle Mensch fast mehr als ihm lieb sei und für das weitere würden er und ihr Onkel schon sorgen. Das Komteßchen ist freilich blutroth geworden, aber keineswegs in hysterische Zuckungen verfallen; es hat sogar ein ganz klein wenig geschmunzelt und den ‚Scherz’ gar nicht so übel gefunden; Sie sehen, ich kann zufrieden sein, und es liegt nur an mir, wenn nichts aus der korrekt eingefädelten Geschichte werden sollte. Aber gerade deshalb wäre es äußerst zweckmäßig, wenn ich sagen könnte: ‚Lieber Onkel, die Komtesse gefällt mit ganz ausnehmend und ich würde sie vermuthlich heiraten, wenn dem nicht ein ganz kleines aber solides Hinderniß im Wege stünde – ich bin nämlich bereits verlobt.‘‘

„Ich fand die Komplikation der Umstände beinahe unerträglich. Wie nun, wenn Curt Unglück hatte, wenn ihn Borkiewicz beim ersten Schuß tödtete oder wenigsten tödtlich verwundete und die vornehmen Herrschaften an seinem Schmerzenslager bereits eine weinende oder thränenlos verzweifelnde Braut fanden? Ich hätte darauf wetten mögen, daß diese Gedanken Curt ebenfalls schon gekommen waren, aber er schien entschlossen, sie weit von sich zu weisen, und unter den obwaltenden Verhältnissen war es gewiß das richtigste, ihn nicht aufzuregen; ich schwieg also, und er ging, nachdem ich versprochen, gegen Abend bei ihm vorzukommen und Rapport zu erstatten. Die mannigfachen Besorgungen, welche ich übernommen, neue Einfälle, welche mir kamen und wohl erwogen sein wollten, hielten mich den ganzen Tag in Athem, und es war schon ziemlich spät, als ich zu Curt kam. Er saß an seinem Schreibtisch und siegelte gerade einen Brief; nachdem er denselben in ein Fach gelegt, reichte er mir freundlich die Hand, schob den Stuhl zurück und meinte scherzend:

‚Nun; mein getreuer maître de plaisir – wie stehts? Alles besorgt?‘

„Er nickte befriedigt, als ich alle Einzelheiten durchgesprochen hatte, erklärte mir, daß nach allen Anzeichen auf gutes Wetter fest zu rechnen sei und sagte dann ruhig:

‚Auch alles übrige ist geregelt; wir reisen übermorgen früh um 8 Uhr ab und unsere Sekundanten – er nannte die Namen und den des sie begleitenden Arztes – suchen im einsamen Hochwald einen Platz aus, wo wir vor Ueberraschung gesichert sind; da das Duell am andern Morgen gleich nach Sonnenaufgang stattfinden soll, bleibt kaum Zeit, ordentlich auszuschlafen. Meine Privatangelegenheiten sind nun auch geordnet bis auf das Tüpfelchen über dem i, – ich habe Leontine das wenige vermacht, was ich zu vermachen habe, an die Meinen und an Onkel ist geschrieben und morgen soll nun noch das schwerste an die Reihe kommen, der Brief, der Leontine hoffentlich nicht übergeben zu werden braucht. Auch Sie muß ich noch in Anspruch nehmen – Sie sollen für die Zeit meiner Abwesenheit für meinen kostbaren Schatz mein Depositar werden, um ihn, wenn ich fallen sollte, an Leontine auszuliefern.‘

„Aus seinem Schreibtisch brachte er dann eine ziemlich große verschlossene Kassette aus Ebenholz zum Vorschein – der Deckel war in künstlerischer Weise mit purpurbraunen Gewürzstrauchweißen Jasmin- und zarten Geisblattblüthen bemalt, die nicht zu dichtem Strauß vereint, sondern nur wie lose darüber hingestreut waren.

‚Den Schlüssel hat Leontine,‘ sagte er fast weich; ‚die Kassette enthält alle ihre Briefe an mich und kleine Andenken an glückliche Stunden; in einem Seitenstück zu derselben bewahrt sie meine Briefe auf und die an sich wertlosen, mir durch irgend einen kleinen Bezug uns werthvoll gewordenen Kleinigkeiten, die sie von mir annahm. Sie war auch hierin von Anbeginn eigen bis zum Eigensinn, und ich habe sie nie vermögen können, etwas anzunehmen, was eigentlich Geldwerth hatte. Ich will Ihnen im übrigen für den schlimmsten Fall nichts an sie auftragen, Sie wissen, wie ich stets über sie gedacht und für sie empfunden habe und Ihr eignes Herz mag Ihnen dann lehren, was Sie ihr zu sagen haben.‘

„So plauderte er noch lange Zeit; als Jehan einmal im Zimmer gewesen war, sagte er mir, er habe den treuen, braven Menschen dem Wohlwollen seines Onkels empfohlen – von dem Duell wisse er natürlich nichts. Nie nahm er mich durch die Liebenswürdigkeit seines Wesens, die mir erst jetzt voll aufzublühen schien, so gefangen, wie an diesem Abend, und als er im Ton freundlicher Bitte sagte: ‚Nun müssen Sie aber gehen – ich darf Leontine doch nicht zum ersten male warten lassen!‘ und ich langsam und nachdenklich meiner Wohnung zuschritt, da klang es in mir, laut und überzeugt: Nein, es kann, es darf nicht sein! er wird nicht fallen – es wäre eine zu unerhörte Grausamkeit des Geschicks!“

„Ich sah empor zu Leontinens Fenster – sie waren dunkel. Sie war also auch schon fortgehuscht und vielleicht ruhte ihr Arm schon in dem des Geliebten. Wenn sie gewußt hätte, was ihm, was ihr bevorstand! –

„Es war ein wundervoller, stiller, warmer, aber nicht zu heißer Tag, der diesem Abend folgte und ich sah Curt an ihm [592] nur flüchtig, und kam nicht dazu, ihn nochmals zu zeichnen; nur seinen Brief an Leontine holte ich ab und verwahrte ihn sorgsam in meiner Brieftasche. Wir verabredeten, daß ich mit meinen Gästen und allem Inventar Abends sechs Uhr abfahren würde, um Curt und Leontine in einem einzelnstehenden, fast unter uralten Linden versteckten Gasthaus an der Landstraße zu erwarten, und diese Verabredung wurde pünktlich innegehalten. Ich hatte mir einen erst seit einigen Monaten mit einer reizend naiven Schwäbin aus Baden gebürtigen Journalistin, einen lombardischen Bildhauer und dessen Verlobte, sowie einen jungen Kaufmann, einen Deutsch-Ungar, mit seiner Frau und seinem sechsjährigen Buben geladen. Darauf, daß der letztere auch dabei sein solle, hatte ich [593] hartnäckig bestanden und meinen Willen endlich auch durchgesetzt. Das Kind war bildhübsch – alabasterbleicher Teint, durch der Wangen zarte Röthe noch gehoben, große, blaue Augen und üppiges, kohlschwarzes Lockengeringel – und ebenso klug als hübsch, und ich kannte Curts Liebe zu Kindern und wußte durch ihn, daß Leontine dieselbe theile; welche Rolle ich den kleinen Kerl spielen lassen würde, das schwebte mir nur ganz dunkel vor, aber das sollte auch ganz vom Moment abhängen und davon, [594] wie unser ‚Sommernachtstraum‘ sich gestaltete; hat man nur hübsche Menschen um sich, so kommen die poetischen und künstlerischen Einfälle von selber; um einen Epheukranz und einen zierlichen Farrenwedel brauchte ich ja nicht in Verlegenheit zu sein, und was brauchte ich gegebenen Falls mehr? höchstens ein paar Verszeilen und die würden sich wohl auch improvisieren oder dem Journalisten abpressen lassen; so rechnete ich, während wir auf der Landstraße dahinrollten.

„Wir rasteten noch nicht lange unter den Linden vor dem Gasthaus, als der kleine Ludolf plötzlich meldete: ‚Ein Wagen mit zwei Schimmeln und ein Offizier zu Pferde!‘ Ich sprang auf und hielt die Hand über die Augen, so blendete die prachtvoll untergehende Sonne. Da kamen sie richtig im Fluge daher in der rothgoldenen Abendbeleuchtung – die beiden Schwarzschimmel vor dem leichten offenen Gefährt griffen gewaltig aus und neben dem Wagen galoppirte Curt auf seinem schwarzen ‚Trelawney‘, ohne die moderne Uniform ganz das Bild eines Ritters, der seine Dame nach dem bezinnten Schlosse heimgeleiten will, ehe die Dämmerung niedersinkt. Unsere Damen ließen ihre Taschentücher wehen, Ludolf schwenkte das seine an einem Stabe und auch Leontine ließ, sich im Wagen erhebend, ihr Tuch flattern. Der Wirth, seine Frau und ein paar derbe, knochige Mägde glotzten das kleine hübsche Schauspiel halb neugierig, halb bewundernd an. Bei uns angelangt, brachte Curt, der ein Moosrosenknöspchen zwischen den Zähnen hielt, seinen schnaubenden Rappen mit einem Zügelruck zum Stehen, Jehan, der mit einem belustigenden Ausdruck von Stolz und Glück kutschirte, zog die Zügel an und Curt reichte uns allen vom Pferde die Hand, während Leontine sich mit einem glücklich-frohen Erröthen von mir die einzelnen Glieder unserer kleinen Gesellschaft vorstellen ließ. Sie sah wunderhübsch aus; ihre Toilette war vielleicht mehr geschmackvoll und malerisch, als elegant, und das leichte helle Sommerkleid hob ihre Figur in der vortheilhaftesten Weise, indem es ihr eine gewisse Fülle verlieh; niemand konnte sich dem überraschenden Eindruck dieser nahezu klassischen, etwas fremdartig angehauchten Schönheit entziehen, am wenigsten der kleine Ludolf, der kein Auge von ihr verwendete. Ich hörte, wie die Verlobte der jungen Frau bewundernd zuflüsterte: ‚Wie schön sie ist!‘ und ich war so aufgeräumt, daß ich in die Versuchung gerieth, mich umzuwenden und triumphierend zu sagen: ‚Ja, die haben aber auch wir entdeckt!‘ Und als der kleine Ludolf mich am Rocke zupfte und bittend sagte: ‚Ach, Onkel Reinisch, darf ich wohl mit der schönen Tante fahren?‘ da hob ich ihn ohne weiteres zu ihr empor, und als sie ihn auf die rosigen Lippen küßte, schlang er die Aermchen um ihren Nacken und wäre gewiß nur schwer wieder von ihr zu trennen gewesen. Seine Mutter ließ ihn denn auch gewähren und drohte nur scherzend mit dem Finger und Curt meinte lachend: ‚Da er noch so gar jung ist, will ich mir’s gefallen lassen und gute Miene zum bösen Spiele machen.‘“

„Der Halt war nur von kurzer Dauer; ich bot Leontine ein alterthümliches geschliffnes Kelchglas voll Wein an, gewissermaßen als Willkommentrunk, sie nippte nur und reichte dann das Glas mit einer anmuthigen Bewegung ihrem Ritter, der es bis auf den letzten Tropfen leerte. Dann fuhr das Break mit den Schwarzschimmeln vor, die anderen Wagen folgten und in einer halben Stunde war der Wald erreicht, ein meilenweit sich ausbreitender schöner Laubwald, dessen Wipfel die letzten Strahlen der scheidenden Sonne vergoldete, während zwischen den Stämmen schon die Dämmerung webte. Auf einer kleinen begrasten Anhöhe, zwischen prächtigen hundertjährigen Buchen, wollten wir lagern; um den Fuß des Hügels zog sich dichtes Unterholz und so waren wir in der erwünschtesten Weise isolirt. Die Wagen fuhren, nachdem sie Feldstühle, Proviant und alle die Kleinigkeiten abgegeben hatten, die in sie vertheilt worden waren, bis nach dem Forsthause am Waldsaum, wo sie Unterkunft fanden, bis wir ihrer wieder bedurften, und man zerstreute sich nun, mir und Jehan das Arrangement überlassend, nach Willkür und Zufall im Walde; Curt und Leontine hatten den kleinen Ludolf in die Mitte genommen, der bereits anfing, seine kindliche Anhänglichkeit zwischen beiden zu theilen.

[605] „Ihr erlaßt es mir wohl, auf Einzelheiten einzugehen; es kann euch genügen, daß ich zufrieden war, als ich mir endlich den Schweiß von der Stirn wischen konnte, und daß von jedem Munde ein ‚Ah!‘ ungekünstelter Bewunderung erklang, als die einzelnen Paare nach und nach den Hügel wieder erstiegen; es war aber auch ganz reizend, halb feierlich, halb gemüthlich, und mit Blumen, bunten Lampions, Epheugirlanden u. s. w. war eine ganz ansehnliche Verschwendung getrieben worden. Das Tafeltuch war einfach auf dem Rasen ausgebreitet worden, aber vor jedem Couvert stand eine kleine Vase mit frischen, duftenden Blumen, Krystall und Silber blitzen um die Wette, und als man sich auf Plaids und Regenmänteln möglichst bequem um das Tuch gelagert hatte, gewährten wir in dem magischen Helldunkel, – nur in der Mitte der ‚Tafel‘ brannten auf silbernem, blumenumwundenen Armleuchtern zwei Kerzen, sonst waren wir auf das matte Licht der Lampions angewiesen – ein äußerst malerisches Bild; das Spiel der Lichter und der Schatten, der Wechsel von hell beleuchteten und vollständig im Dunkel verschwimmenden Figuren und der nachtschwarze Hintergrund, durch den nur ab und zu ein einsames Glühwürmchen seine weiche, leuchtende Wellenlinie zog, alles kam zusammen, dieses Bild wiedergebenswerth zu machen. Die Nacht war seltsam warm und windstill; kein Blatt regte sich, und wenn auch da und dort ein kleiner Ausschnitt des Nachthimmels durch die dichtbelaubten Buchenkronen blickte, so hob kein flimmerndes Sternchen sich ab von dem schwarzblauen Grunde – um uns und über uns athemloses Schweigen und tiefes, weiches Dunkel. In solchen Nachtstunden hat das Menschenauge einen eignen, nie geschauten Glanz, die Menschenstimme einen eignen, nie vernommenen Klang, und niemand konnte sich dem Zauber der Stunde entziehen, alle waren in einer gehobenen und doch wieder weichen, verschleierten Stimmung. Ich sah nach Leontine; – man hatte ihr einen Kranz von Eichen- und Epheublättern, mit blauen Glockenblumen durchflochten, aufgesetzt, und er stand ihr so seltsam-gut, daß ich mir im stillen gelobte, sie einmal so zu malen; – wer mir gesagt hätte, daß es für alle Zeit bei dem Vorsatze bleiben würde! – Das kleine Mahl ging so in einer gedämpften Heiterkeit hin, bis man sich einigermaßen an die Situation gewöhnt hatte; nach und nach wurde das Flüstern wieder zum Geplauder, die Gläser läuteten zuweilen ganz deutlich durch die Stille, und als der Champagner in den Lilienkelchen seine Perlenketten aufwärts schickte, war man allmählich so heiter geworden, daß ein normaler Deutscher anständigerweise anfangen konnte, melancholische Lieder zu singen, als da sind: ‚Ich weiß nicht, was soll es bedeuten‘ und ‚In einem kühlen Grunde‘. Mein Lombarde blies ganz hübsch die Flöte; er kletterte heimlich auf eine der Buchen und gab uns aus der Höhe des Geästs und zwischen Laubwerk versteckt ein kleines Konzert, mit dem er wohl nie wieder eine auch nur annähernd so befriedigende Wirkung erzielt hat, als in dieser Nacht. Der Deutsch-Ungar hatte nun gar das Waldhorn mitgebracht; er blies uns aus der Ferne Mendelssohns unvergänglich schönen ‚Abschied der Jäger vom Walde‘, und es bewegte mich eigenthümlich, daß Leontine ganz leise den Refrain vor sich hin sang, das allmählich verhallende ‚Lebewohl!‘ Der Journalist, der einst ein gesuchter Gesangverein-Tenorist gewesen, sollte ein Lied singen; er schien zu glauben, daß wir nun einmal in der Abschiedsstimmung seien, sie also auch beibehalten müßten, und so klang es denn wehmüthig ernst durch die lautlose Stille:

‚Morgen müssen wir verreisen
Und es muß geschieden sein,
Traurig ziehn wir unsre Straße,
Lebewohl, mein Schätzelein!

Kommen wir zu jenem Berge,
Schauen wir hinab ins Thal,
Sehn uns um nach allen Seiten,
Sehn die Stadt zum letztenmal.

Uebers Jahr zur Zeit der Pfingsten
Pflanz’ ich Maien dir vors Haus,
Bringe dir aus weiter Ferne
Einen schönen Blumenstrauß.‘


Ich fragte Leontine, wie ihr die Weise gefalle; sie sah nicht auf und erwiderte nachdenklich: ‚Gedicht und Melodie sind recht lieb, nur sollte die dritte Strophe fortbleiben, – dann wäre wohl mehr Einheitlichkeit der Stimmung im ganzen.‘ Ich verstand sie momentan nur sehr theilweise; die Worte sind mir aber später sehr klar geworden. – Die Damen ließen sich nach und nach auch vernehmen, aber jede brachte eine mehr oder minder melancholische Weise, und da mir daran gelegen war, keine wehmüthige Stimmung aufkommen zu lassen und die elegische Weichheit nicht zu begünstigen, in der sich Curt bereits befand, – er war schweigsam geworden und lauschte träumerisch und zerstreut [606] hinaus in die Nacht, – so wendete ich mich an Leontine mit der Bitte, uns auch etwas zu singen, aber beileibe nichts Trauriges; ich hätte fürs Leben gern selber etwas Lustiges oder wenigstens Lebensfrohes zum besten gegeben, aber meine Stimme hat ja, wie ihr wißt, zu allen Zeiten der heisersten Krähe im Krähen Konkurrenz gemacht, – daran war also nicht zu denken. Das schöne Mädchen zuckte die Achseln und erwiderte beinahe schwermüthig:

„‚Ich würde ganz gern etwas singen, aber ich weiß nur traurige Lieder und die können Sie ja nicht brauchen.‘

„In dem konventionellen: ‚Ach bitte, Fräulein, singen Sie – gleichgiltig was!‘, das in allen Tonarten von den Damen vorgebracht wurde, lag in diesem Falle vermuthlich einmal Wahrheit; das volle, klangreiche, tönende Organ Leontinens konnte wohl das Vorurtheil erwecken, daß sie ungewöhnlich schön singen müsse, und ich war selber neugierig. Ich zog also meine Bedingung zurück und Leontine wandte sich an Curt, der neben ihr im langen Waldgras lag, den einen Arm aufgestemmt und den Kopf in die Hand gestützt. ‚Soll ich?‘ fragte sie, und er hauchte zurück: ‚Gewiß, Lieb!‘

„Es war ein polnisches Lied, das Leontine nun sang, ein klagendes, tieftrauriges Lied, aber diese Trauer hatte nichts Weichliches und Süßliches; es war die erhabene Traurigkeit einer starken Seele, und die Klage klang nicht wie die um eignes kleines Weh, sondern wie die um den Sturz eines Reichs, um den Untergang einer für die Freiheit sterbenden Heldenschaar.

‚Es fallen die Blätter vom Baume, die langsam entsprossen sind;
Hinter den Scheuern singen die kleinen Herbstvögel.‘ ...

mehr habe ich mir nicht gemerkt, aber was kommt auch auf die Worte an? Die Melodie, obgleich ich sie sofort wiedererkennen würde, hat mein musikalisches Ohr nicht behalten; doch hätte ich selber die Noten, es würde mir doch niemand das Lied so singen, wie ich es in jener Nacht von dem merkwürdigen Mädchen singen hörte. Leontine hatte drei Strophen gesungen, mitten in der vierten brach sie plötzlich ab und erklärte, aufhören zu müssen; das Lied gehe ihr zu nahe und sie habe sich doch zuviel zugetraut. Ich konnte ihr, als sie das ziemlich mühsam sagte, zufällig gerade ins Gesicht sehen – an ihren langen Wimpern hingen zwei schwere Thränen; ob Curt dieselbe Wahrnehmung gemacht hatte? Er beugte sich nieder und küßte ihr leise die Hand. –

„Später sah ich, wie sie dem müde gewordenen kleinen Rudolf mit einem Ausdruck von fast mütterlicher Zärtlichkeit das schwarze Gelock aus der weißen Stirn strich und einen Kuß auf seinen frischen, schön geschnittenen Mund hauchte, und ich hörte, wie er schlaftrunken fragte: ‚Nicht wahr, Tante, der Offizier auf dem schwarzen Pferde ist dein Mann?‘ Ich konnte nicht sehen, ob die naive Frage ihr Gesicht höher färbte, ich hörte nur, wie sie leise und traurig antwortete: ‚O nein, mein lieber Junge – wo denkst du hin?‘ und wie er mit schon zufallenden Augen lallte: ‚Ach – das ist – recht schade!‘ und dann den hübschen, charakteristischen Kopf in ihren Schoß sinken ließ. Immer wieder glitt Leontinens kleine, schmale, weiße Hand schmeichelnd über das Köpfchen des kleinen Schläfers, und in ihrer ganzen Haltung, in der leichten Neigung des schönen Kopfes besonders lag soviel unbewußte mütterliche Zärtlichkeit, daß ich denken mußte: ‚Du bist dazu geboren, in der Liebe zu einem Manne und zu deinen und seinen Kindern aufzugehen, und du willst dir dieses Glück eigenwillig versagen? Geh doch – das ist Unnatur!‘

„Mitternacht war vorüber, als ich in rascher Folge drei Raketen steigen ließ – das verabredete Zeichen für die Leute im Forsthaus, daß der Aufbruch erfolgen solle. Man kam denn auch bald mit Laternen, die Wagen tauchten dahinter auf und Jehan führte Trelawney vor. Leontine stand auf und sah sich lange aufmerksam im Kreise um; – wurde ihr der Abschied so schwer, wollte sie das Bild des Hügels im Buchenwald ihrer Erinnerung für alle Zeiten tief einprägen? Dann riß sie sich mit einer raschen Bewegung los und ging festen Schrittes auf Curt zu, der sie nach dem Wagen führte. Er hatte schon den Fuß in den Steigbügel gesetzt, als mir einfiel, daß ich gar keine Verwendung für den kleinen Ludolf gehabt hatte, und ich flüsterte ihm zu: ‚Wie schade, daß wir die Verlobung nicht proklamiren können, – oder sind Sie soweit und darf das der Schluß sein?‘

„‚Keine Übereilung!‘ gab Curt gedämpft zurück. ‚Ich glaube beinahe, ich habe gewonnen, aber durch eine Unbesonnenheit könnten wir alles wieder verderben!‘

„Damit schwang er sich in den Sattel und die kleine Kavalkade setzte sich langsam in Bewegung; es war noch immer sehr schwül, nur ab und zu fächelte uns ein lauer Wind die heißen Wangen; als wir den Waldsaum erreichten und die Leute des Försters sich verabschiedeten, flog ein mattes, rosiges Wetterleuchten über den nachtschwarzen Himmel, und häufiger und häufiger, länger und länger schlug dann die rothe Lohe über den dunkeln Grund; es fielen verstreute, schwere Regentropfen, der Donner murrte und grollte aus der Ferne, das Leuchten ward zu fernen Blitzen, und zuletzt wollte der Himmel sich gar nicht mehr zuthun. Leontine war im Wagen aufgestanden, hatte ein Knie auf das Polster gelegt und mit der linken Hand das zurückgeschlagene Verdeck erfaßt, und so sah sie entblößten Hauptes mit leuchtenden Augen unverwandt hinaus in die Nacht, nur ab und zu ein Wort mit Curt wechselnd, der neben dem Schlag hertrabte und dessen Auge bewundernd und mit einer Art von wilder Zärtlichkeit an ihrer Gestalt hing. Es war eine düster-schöne Fahrt; die Kutscher ließen die Pferde laufen, was sie laufen konnten, man unterhielt sich nur einsilbig und flüsternd und viertelstundenlang war nichts zu hören, als Hufschlag, Schnauben und Schweifflattern der Pferde und der schmeichelnden, antreibende Zuruf der Kutscher. Als dann der helle Dunstkreis, der über der Stadt lagerte, intensiver ward, als lange Lichterreihen deutlich hervortraten und wir die Gewißheit hatten, trocken unser Ziel zu erreichen, gab Leontine ihren Posten auf, drückte sich wieder in die Kissen und zog den dichten, schwarzen Schleier vors Gesicht; als der Lombarde am Ziel war und mit seiner Verlobten abstieg, hörte ich diese sagen, es sei doch recht gut, daß man nicht noch naß geworden sei, worauf Leontine erwiderte: ‚Daran hab’ ich garnicht gedacht; ich hätte so die ganze Nacht durchfahren mögen: bei Sturm und Wetter regt sich das Kind des Waldes in mir.‘

„Wir setzten den Badenser und den Ungarn vor ihren Hausthüren ab; Leontine beugte sich noch einmal über ihren schlummernden kleinen Ritter und berührte sein schwarzes Lockenhaar mit den Lippen und dann schwang sich Curt vom Pferde, Leontine stieg aus und die Wagen rollten davon, während Jehan Trelawney wegführte. Nur ich saß noch in meinem Wagen, zwischen den Körben voll Geschirr und Tischzeug, zwischen meinen bunten Lampions und all’ dem Krimskrams, der so nothwendig gewesen und jetzt so überflüssig und lästig war. Curt fragte gleichmüthig: ‚Wie wär’s, wenn Sie übermorgen nach dem Bahnhof kämen? Wir werden bestimmt mit dem Mittagszuge von Theresienstadt wieder eintreffen.‘ Er wollte also keinen Abschied unter vier Augen, kein ernstes, gerührtes Lebewohl, und so schwer mir das Herz war, ich mußte mich fügen. Er drückte mir die Hand mit festem, langen Druck, sagte gelassen: ‚Gute Nacht denn, lieber Reinisch!‘ und war gleich darauf mit Leontine in der Dunkelheit verschwunden.

„Ich kann euch wohl sagen, ich war recht froh, als ich all’ meinen Kram los war und mich nachhause fahren lassen konnte. Aber schlafen konnte ich nicht, obgleich ich so müde war, daß mir Kniee und Hände zitterten. Es kam mir unerträglich schwül vor; ich riß die beiden Fensterflügel auf und ließ die Nachtluft hereinströmen. Drüben war alles still und dunkel, aber eben kamen die beiden langsam die Straße herauf, und als sie an der Thür zum Treppenaufgang ihres Flügels stehen blieben, trat ich unwillkürlich vom Fenster zurück; es kam mir indiskret vor, Zeuge eines Abschieds zu werden, der vielleicht ein Abschied auf ewig war. Ich wartete ein paar Minuten; als ich wieder ans Fenster trat, waren die beiden verschwunden und der einzige Laut, den ich vernahm, war das anmuthig-eintönige Plätschern eines Springbrunnens im Garten eines Nachbarhauses. Der Himmel glühte noch immer ab und zu in rosigem Schein auf, aber kein Regentropfen fiel, und als ich mich schwerathmend und mit geöffnetem Halskragen auf meinen Divan warf, war mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen: ‚Das ist so recht eine Nacht für stumme, heiße, leidenschaftliche Liebe, eine Nacht für lodernde Küsse und warme Thränen!‘

„Ich war wirklich erschöpft gewesen und ich habe lange geschlafen; es war wohl neun Uhr, als ich energisch an meine Thür klopfen hörte, und als ich aufspringend: ‚Herein!‘ rief, stand ich dem treuen Jehan gegenüber, der mir in militärischer Straffheit ein Billet seines Herrn überreichte, welches nur wenige mit Bleistift flüchtig hingeworfene Worte enthielt, Worte freilich, die es wohl rechtfertigten, daß ich den Kopf momentan zwischen beide Hände nahm. Curt schrieb:

‚Tun Sie mir die Liebe und gehen Sie für mich auf den [607] Rosenhandel, d. h. sorgen Sie dafür, daß L. bis heute Abend im Besitz eines Korbs voll der schönsten Rosen ist, die sich in Prag auftreiben lassen; ich möchte heute ihr ganzes kleines reizendes Heim mit süßem Rosenduft erfüllen. Sie haben nun doch Recht gehabt mit Ihrer Verlobungsidee – jetzt brauche ich nicht mehr zu bitten, jetzt muß sie wohl wollen und sie wird es mit tausend Freuden tun. Borkiewicz hat zunächst den Profit davon; ich bin zu weich und zu glücklich, um einem Menschen nach dem Leben zu trachten; ich werde nicht nach seiner Stirn, ich werde nur nach seiner Schulter zielen. Sehen wir uns nicht wieder, dann denken Sie wenigstens, daß ich im Rausch des Glücks und der Liebe die Augen geschlossen habe und besseres können wir uns alle nicht wünschen. Stehen Sie aber dann auch mit Rath und Tath nach Ihrem Vermögen bei dem Weibe, der Wittwe Ihres C. v. B.‘

„In meines Herzens unvernünftiger Freude schob ich Jehan förmlich aus der Tür hinaus und drückte ihm, der an so kavaliermäßige Akte der Freigiebigkeit von mir wahrhaftig nicht gewöhnt worden war, einen blanken Silbergulden in die Hand, kleidete mich mit einer fabelhaften Geschwindigkeit an und stürmte fort, halblaut monologisirend: ‚Teufelsjunge! wer hätte das gedacht! Was halfs aber? Nun wirds gleich gehen, nun werden die Bedenken auf einmal wie Spinnweben zerfahren. Es ist ein ewiges Glück, daß die Natur alles, was Menschenwitz und Menschenscharfsinn in Unrordnung gebracht und auf den Kopf gestellt haben, im Handumdrehen zurechtrückt und gebieterisch sagt: ‚So hat es zu sein – Punktum!‘“

„Der Tag ging mir wie im Traum hin; in der Abenddämmerung sandte ich das Körbchen voll Rosen mit meiner Karte, auf deren Rückseite ich geschrieben hatte, ‚Im Auftrage Curts‘, durch Jehan in Leontines Wohnung und er rapportierte mir dann im Café, daß er das Fräulein angetroffen und daß sie eine ‚unmenschliche‘ Freude über die Rosen gehabt habe, – so schöne habe er aber auch in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

„Am nächsten Mittag war ich lange vor dem fahrplanmäßigen Eintreffen des Zugs auf dem Bahnhof; mein Blick flog mit Gedankenschnelle den Zug entlang, bis er an dem leuchtenden kirschrothen Kragen über dem blauen Wasserrock haften blieb; Curt hatte mich aber noch einen Moment früher herausgefunden als ich ihn und grüßte nun freundlich mit der Hand. Ich war, als der Zug hielt, früher am Coupè, als der Schaffner und Curt reichte mir die Hand heraus und schüttelte die meine kräftig; er strahlte im ganzen Gesicht und flüsterte mir leise zu: ‚Alles besorgt?‘ Ich nickte bejahend, die Coupèthür wurde aufgerissen, Curt ließ seinem Sekundanten den Vortritt und sprang dann elastisch aus dem Wagen.

‚Gesund und wohlbehalten, wie Sie sehen!‘ sagte er rasch und leise, ‚bis auf einen lumpigen Streifschuß in der linken Seite, genau genommen nur eine Schramme. Borkiewicz ist schlechter weggekommen – Schuß in die linke Schulter, wie ichs ihm zugedacht hatte; näheres nachher!‘

„Am Ausgang des Bahnhofs trat Curt mit seinem Sekundanten etwas beiseite; man schüttelte sich herzlich die Hände und dann nahm jeder einen Wagen und fuhr weg, während Curt zu mir zurückkam, seinen Arm in den meinen legte und neugierig fragte: ‚Nun, waren es denn auch die schönsten Rosen, die Sie finden konnten?‘ Ich versicherte ihm denn, daß die Frau Gemahlin des Herrn Statthalters und Landeskommandirenden von Böhmen am Abend vorher gewiß keine schöneren Rosen in ihrem Boudoir gehabt hätte, als die reizende Stickerin im Hufeisenpalais, und daß Leontine die duftige, farbenglühende Sendung auch mit eignen Händen und mit dem strahlendsten – Brautlächeln in Empfang genommen habe. Curt verstand mich und erröthete bis in die Schläfen, lachte aber dann und meinte: ‚Es ist wie ein Gewitter über uns gekommen, wie Sturm und Flut – und es ist ja gut, daß es so gekommen ist; nun kann sie nicht mehr zurück. An diese Möglichkeit hatten wir beide nicht gedacht; ich hatte wohl oft angedeutet, daß ich gern einmal einen Blick in ihr kleines Mädchenheim werfen möchte, aber ich sah selber ein, daß das vor der Hand für mich verbotener Grund war und nun können Sie sich wohl denken, wie es mich überraschte und rührte und erfreute, als sie gestern Nacht beim Abschiednehmen plötzlich den Kopf an meine Schulter legte und leise sagte: ‚Du hast schon lange wissen wollen, wie ich wohne, Curt – willst du mit herauf zu mir kommen?‘ ‚Aber nun – nicht weiter darüber reden, auch nicht einmal andeutungsweise!‘ bat er, aufs neue erröthend, und setzte dann, ablenkend, rasch hinzu: ‚Dieser Borkiewicz hat übrigens seine Verwunderung siebenfach verdient. Noch auf dem Duellplatz versuchten die Sekundanten mit meiner Zustimmung eine Aussöhnung auf der Basis gegenseitigen Widerrufs und rückhaltloser gegenseitiger Abbitte, er aber lehnte alles trotzig und finster ab und erklärte höhnisch, daß er keine Silbe von dem zurücknehmen könne, was er gesagt.‘ Wir fuhren gerade an meiner Wohnung vorüber – Curt warf halb verstohlen eine Kusshand hinauf nach Leontines Fenstern und ich hütete mich wohl, etwas davon zu bemerken; ich glaube, es hätte ihn ernstlich genirt.

„Als wir dann in seiner Wohnung anlangten, war seine erste Frage, ob Briefe gekommen seien; Jehan überreichte ihm etwa ein halbes Dutzend, er musterte flüchtig die Adressen, murmelte gutgelaunt: ‚Ah, der Onkel!‘ und dann: ‚O, das ist aber lieb!‘ und warf die Briefe bis auf einen, den er hastig öffnete, zur Seite. Ich hatte es mir in einer Sophaecke bequem gemacht, Curt trat an’s Fenster, um seinen Brief zu lesen und ich sah aus Diskretion geflissentlich von ihm weg. Plötzlich kam es wie ein unwillkürlicher Aufschrei von seinen Lippen; ich sah ihn betroffen an – er war weiß wie eine Kalkwand geworden, der Brief zitterte in seiner Hand und einen Augenblick sah es aus, als fasse ihn ein Schwindel; er taumelte und fuhr mit der Hand nach der Stirn, dann stampfte er mit dem Fuße, knäulte den Brief hastig in der Hand zusammen und warf ihn mit einer unbeschreiblich verächtlichen Geberde zu Boden. ‚Ja, was ist Ihnen denn?‘ frage ich, erschrocken aufspringend, denn er sah geradezu unheimlich aus in seiner tödlichen Blässe und seiner steinernen, unnatürlichen, gewaltsam erzwungenen Ruhe.

‚Was mir ist?‘ sagte er und die Worte fielen tonlos und bleiern von seinen Lippen, ‚nichts weiter, als daß die Komödie aus ist und Borkiewicz doch recht gehabt hat, daß mein Stern ein Irrlicht war und daß ich aus einer Pfütze getrunken und sie für eine reine Quelle gehalten habe.‘

„Ich hob den Brief bestürzt auf und suchte ihn wieder zu glätten, während Curt mit schweren, schleppenden Schritten im Zimmer auf und ab ging, die Arme über der Brust verschränkt und den Blick am Boden hinirren lassend. ‚Darf ich?‘ fragte ich dann. ‚Meinetwegen!‘ klang es gleichgültig zurück und ich las in fast durch Thränen verwischter, regelloser Schrift:

‚Licht meiner Augen, Abgott meiner Seele! Was ich schon lange als Nothwendigkeit erkannt und was das arme, schwache Herz immer wieder hinausgeschoben – nun muß es sein – es ist die höchste Zeit geworden! Wenn dein Blick auf diese Zeilen fällt, habe ich Prag verlassen und du siehst mich nie wieder. Ich bin dein Glück gewesen, ich weiß es, und das wird mein Stolz und mein Trost sein in den Tagen der Einsamkeit, aber ich will, ich kann, ich darf nicht dein Verhängniß werden. Vergib mir, wenn ich dir jetzt Schmerz bereite – das geht vorüber und du wirst noch einsehen, daß ich weise und gut gehandelt habe. Und suche mich nicht – du würdest mich nicht finden, ergib dich in dein Geschick und glaube mir, es ist so am besten. Denke so mild und sanft und gut von mir, als du kannst – grolle mir nicht, mein theurer, über alles geliebter Freund. Die Worte verschwimmen vor meinen Augen – mit verzweifelnder Seele küßt dich zum letzten male leidenschaftlich, innig, wild und heiß
deine arme
Leontine.‘          

„‚Und was entnehmen Sie aus diesen Zeilen?‘ frage ich unsicher. ‚Sie lassen vieles, fast alles dunkel.‘

‚Mein Gott, das entnehme ich daraus,‘ fuhr Curt auf in unsäglicher Bitterkeit, ‚daß sie mich geliebt hat, aber nicht durch einen Betrug mein Weib werden wollte und mir die Wahrheit nicht sagen konnte, weil ich dann mit ihr gebrochen hätte. Nun hat sie, vielleicht durch Borkiewicz selber, von dem Streit mit diesem erfahren, die Enthüllungen sind unvermeidlich geworden und nur die Flucht kann sie vor der Entlarvung schützen – was kann denn einfacher sein? Und nun kein Wort mehr über sie, wie sie will, so sei es – sie ist todt für mich!‘ setzte er düster hinzu.

„Wir blieben noch eine Viertelstunde beisammen, in der Curt in düstrem Brüten vor sich hinstarrte und die Zähne in die Unterlippe grub, bis helle Blutstropfen auf derselben standen. Dann legte er die Hand auf meine Achsel und sagte halb bittend: ‚Geh nun!‘

[608] „Ich hatte dieses ‚du‘ erst einmal von ihm gehört; an dem Tage, an dem er Leontine zum ersten male gesehen, hatte er sich’s in der Selbstvergessenheit des Affekts entschlüpfen lassen, es aber bald wieder mit dem ‚Sie‘ vertauscht. Ich ging denn – wie betäubt und in dumpfer Entmuthigung -, zu Hause hörte ich, daß mein schönes vis-à-vis Prag für immer verlassen habe, ohne zu sagen, wohin sie gehe; eine halbe Stunde, nachdem sie Curts Rosen empfangen, war sie nach dem Bahnhof gefahren.

[610] „Es war eine gar liebliche Nacht, die diesem Tage folgte. Ich konnte nicht recht an die Schuld des Mädchens glauben, obgleich der vieldeutige Unglücksbrief mehr gegen als für sie sprach, aber als ich am andern Morgen zu Curt kam, sagte mir sein fahles, finsteres Gesicht mit den festgeschlossenen Lippen und den blauen Ringen unter den müden, erloschenen Augen, daß es ganz vergebens sein würde, einer andern Auslegung der traurigen Zeilen das Wort zu reden. Er schnitt meine schüchternen Versuche, ihn zum Reden zu bringen und ihn so dem Banne seiner unheimlichen Starrheit zu entreißen, mit einem lakonischen: ‚Kein Wort mehr von ihr!‘ ab und sagte endlich bitter: ‚Machen Sie Sich keine Sorge um mich, – ich verwind’s schon, wenn auch vielleicht nicht hier!‘ Ich war daher zwar recht betrübt, aber garnicht erstaunt, als ich am nächsten Morgen einen Brief erhielt, in dem er mir wieder das brüderliche Du gab und mir anzeigte, daß er Prag verlassen habe, ohne zu wissen, wohin er gehe – nur fort, und ohne daß er sagen könne, wann und ob er wiederkehre. Es gehe ein tiefer Riß durch sein ganzes Wesen, und da er nun einmal zu den Menschen gehöre, die nichts halb, die alles ganz thun, so schüttle er nicht blos den Staub der Moldaustadt von seinen Füßen, sondern habe auch als Offizier quittirt; er wolle durch nichts an diese Episode in seinem Leben fortdauernd erinnert sein, und auch dem Onkel möge er so – mit gebrochnem Stolz – nicht gegenübertreten. Er schäme sich vor seinen Kameraden, mehr und bittrer noch vor sich selbst; wollte er bleiben, so müsse er ersticken, und wenn überhaupt, so werde er über einer neuen Szenerie, über Arbeit und Abenteuern und Gefahren am ehesten vergessen, daß die Tragödie, in der er mit Leib und Seele agirt, von seiner Mitspielerin zur Posse herabgezogen worden sei.‘ Das war alles, – es klang, als sei ihm jedes Wort blutsauer geworden. Er war also fort, – keine Seele wußte, wohin, und ich habe weder ihn, noch das schöne Mädchen wiedergesehen, bis auf den heutigen Tag. Etwa vier Wochen später kam ein rekommandirter Brief an mich, mit dem Poststempel Straßburg, der einen verschlossenen Brief an Curt enthielt; auf einem Zettelchen wurde ich von Leontine gebeten, diesen Brief Curt zuzustellen, aus dem Stempel aber ja keinen Schluß auf ihren Aufenthaltsort zu ziehen, denn ein solcher Schluß würde sich als trügerisch erweisen. Der Brief liegt heute noch ungeöffnet in meinem Schreibtisch, denn Curt hat nie wieder etwas von sich hören lassen, und auch Leontine war und ist spurlos verschollen.

„Das ist meine Geschichte – die Nutzanwendung macht euch selber.“ Damit nahm der Maler, um dessen Lippen es wunderlich zuckte, seinen Schlapphut, drückte ihn tief in die Augen und ging; man ehrte seine Bewegung und niemand versuchte, ihn zurückzuhalten.

     *          *          *

Nicht viele Wochen später, an einem milden Aprilabend, sah Reinisch beim Nachhausekommen von einem Spaziergang im Stadtpark Licht in seiner Wohnung, und die öffnende Magd berichtete, ein vornehmer Herr, den sie noch nie gesehen, erwarte schon seit zwei Stunden seine Rückkehr. Es war dem Maler räthselhaft, wer das wohl sein könne, als er aber in sein Zimmer trat, als eine mittelgroße, ebenmäßige Gestalt sich vom Divan erhob und eine sonore und doch weiche Stimme halb launig, halb herzlich sagte: „Da wären wir also wieder, – kennst du mich noch?“, da stutzte er nur einen Moment, dann jubelte er auf: „So wahr ich lebe, Curt, mein Herzensjunge, – bist du wieder da?“ und umarmte ihn mit ungestümer, fast väterlicher Zärtlichkeit. Dann schob er seinen jungen Freund an beiden Schultern von sich, hielt ihn fest, um sein Gesicht zu studiren, und sagte mehr zu sich als zu ihm: „Wie verwettert und männlich und kühn er aussieht und wie ihm die Narbe steht! Und wo hat der tolle Mensch diese langen sechs Jahre gesteckt, was hat er draußen in der Welt getrieben und wie ist’s ihm gegangen?“

Er sollte alles erfahren, aber das ward eine lange Geschichte, und bis in den jungen Tag hinein saßen die beiden rauchend vor den Gläsern, in denen der Ungar perlte, und Curt erzählte, wie er drüben in Amerika an den großen Seen den Civilingenieur gespielt und auf die Runde vom Ausbruch des russisch-türkischen Kriegs sein Bündel geschnürt habe, um in Kars und Batum Schanzen zu bauen und – sich die Narbe zu holen. Er hatte mit dem ganzen Eigensinn des Schmerzes und der Beschämung jedes Band zwischen sich und der Heimat zerschnitten, keine deutsche Zeitung angerührt und weder seiner Familie noch seinen Freunden Nachricht gegeben; er hatte um jeden Preis vergessen wollen und doch nicht vergessen können, denn wenn es auch den Tag über gelang, – des Nachts, wenn der Wind gegen die Zeltwände stieß oder er am verglimmenden Wachtfeuer lag und emporsah zu den flimmernden Sternen, hatten ihm die Gedanken keine Ruhe gelassen, die Zweifel hatten sich immer hartnäckiger an ihn geheftet und das Ende vom Liede, das Resultat aller inneren Kämpfe war schließlich doch gewesen, daß er sich wieder nach der Heimat aufgemacht hatte.

„Ich hätte es früher, viel früher thun sollen!“ sagte Curt nachdenklich, „denn weißt du, Reinisch, daß ich damals recht knabenhaft-trotzig gehandelt habe und – daß Leontine doch unschuldig war?“

Der Maler horchte hoch auf und fragte hastig: „Und du hast sie wiedergefunden?“

„O nein, und ich weiß, ich werde sie auch nicht wiederfinden; aber sieh, daß ich sie nie mein nennen werde, quält mich nicht mehr so, seit ich ihr Bild reinwaschen konnte von dem häßlichen Flecken, der ihm anhaftete. Nun hab’ ich sie wieder lieb, nun brauche ich mir selbst nicht mehr verächtlich vorzukommen, wenn sie immer wieder vor dem Auge der Phantasie auftaucht, und weil ich das längst wußte, wäre ich damals nicht in Scham und Trotz auf und davon gegangen, darum nenne ich die Jahre in der Fremde verloren.“

Der Maler sah ihn erwartungsvoll an und Curt fuhr fort:

„Wahrscheinlich weißt du garnicht, daß Borkiewicz gestorben ist, nur acht Wochen nach dem Duell? Du hast ja, wie ich in Prag hörte, der Moldaustadt bald den Rücken gekehrt. Zu der Wunde, die bei des liederlichen Kumpans verdorbenen Säften sehr langsam heilte, kam eine starke Kopfrose, und an der ist er in Dresden, wohin er sich nach dem Duell hatte bringen lassen, gestorben. Angesichts des Todes hat er eine Erklärung diktirt und unterschrieben, welche er seinem Sekundanten Rajacic übergab und durch welche er bekannte, seine Behauptung theils aus Rachsucht gegen Leontine, theils aus Neid gegen mich aufgestellt und sie meinem schroffen Auftreten gegenüber aus Trotz und – Ehrgefühl aufrecht erhalten zu haben. Diese versiegelte Erklärung konnte man mir erst jetzt zustellen, – und nun läßt allerdings Leontinens schmerzlich-verworrener Brief die Deutung, die mir damals ein unseliges Zusammentreffen von Umständen fast aufzwang, garnicht mehr zu –“

„Und wir müssen ihr wohl selber das Wort geben!“ unterbrach der Maler aufspringend, und Curt fragte erbleichend:

„Hast du einen Brief von ihr – an mich – und seit wann?“

„Noch ein paar Wochen länger, als der Herr Rajacic das Schuldbekenntniß des Ulanen – ach, Curt, warum bist du uns damals auf und davon gegangen, warum hast du nicht wenigstens einmal geschrieben?“

[621] Curt zuckte die Achseln. „Ich mußte – wer kann zuletzt gegen seine Natur? Aber gib mir den Brief, dann laß mich allein; es wird mir sein, als hörte ich eine Stimme aus dem Grabe, eine ernste, feierliche und doch so süße Stimme!“

Der Maler willfahrte, nahm ein Licht und ging ins anstoßende Zimmer, die Thür sorgfältig hinter sich ins Schloß ziehend. Es dauerte lange, bis sie von Curt geöffnet ward und dieser mit weicher, ein wenig zitternder Stimme des Freundes Namen rief. Seine Augen waren feucht, aber er gab sich keine Mühe, diese Schwäche zu verbergen und reichte Reinisch den Brief hin.

Er lautete:

„Mein lieber, theurer, ewig unvergeßlicher Freund! Ich bin wohl recht plötzlich von Dir gegangen, recht unerwartet, und Du ahntest wenig, daß, was Dir der Anfang eines neuen Lebens schien, für mich der bittre, trostlos harte Schluß war. Ich habe es vom ersten Tage an gewußt und tief gefühlt, daß ich Dein Weib nie werden durfte, sollten die Rosenketten nicht früher oder später zu ehernen Fesseln für Dich werden, und das durfte nicht sein. Du hast’s nie einsehen wollen, und da mußte ich wohl gegen Deinen Willen thun, worein Du nie gewilligt hättest, – Dich von mir befreien. Nun ist der grausame Schnitt ins tiefste Leben vollzogen, und ich habe mich nicht an ihm verblutet, – Du hattest freilich dafür gesorgt, daß ich noch unter Thränen lächeln konnte und Dir im Geiste dankbar die Hand küßte, wie ich es – weißt Du das noch? – so oft gethan, wenn Deine Liebe und Dein Vertrauen mich so über alles menschliche Maß glückselig machten, wenn Deine lieben Augen wie Sterne strahlten und über Deine Lippen ein so übermüthig-stolzes Lächeln flog. Nun ist mir aber in meiner Einsamkeit eingefallen, daß Du doch vielleicht nach Gründen fragst, daß Dir meine hingeworfenen Abschiedszeilen nicht genügt haben, und so wollen wir denn Hand in Hand, wie gute Freunde und treue Kameraden, gut und verständig uns aussprechen und meine Worte sollen Dir den letzten Rest von Bitterkeit aus der Seele nehmen.

„Die Männer sollen es gern hören, wenn wir ihnen sagen, sie seinen unsre erste und letzte Liebe, – ich kann Dirs wohl in voller Wahrhaftigkeit versichern, und wenn Dichs einigermaßen trösten kann, so will ich gern schwören, daß nie wieder ein Männermund meine Lippen küssen wird, die Lippen, die Dein verzehrender Kuß geweiht. Ach, Curt, ich weiß nicht, ob andere Frauen so lieben, wie ich, – oft hat mirs scheinen wollen, als sei es doch nicht so, wenn ich auch nicht begriff, wie man anders lieben könne. Ich habe immer eine so hohe Meinung von der Liebe gehabt, daß ich für kleine Tändeleien und Intriguen keinen Sinn hatte, ich sagte mir, das könne die Liebe nicht sein, und wartete geduldig die Stunde ab, in der meines Herzens Pochen mir sagen würde, nun stehe der Frühling der Seele vor der Thür und begehre Einlaß. Ich hatte mir kein bestimmtes Bild von dem Manne gemacht, den ich lieben sollte, – als Du kamst, da wußte ich auf einmal, wie der aussah, dem – ich gehörte und für den ich willig und lächelnd jeden Tropfen Herzblut hingeben würde, und dann war kein Halten, kein Widerstand mehr. Nie hat ein selbstsüchtiger Gedanke, nie hat ein unwahres Wort die Reinheit und Schönheit dieser Liebe befleckt und tausend, tausendmal habe ich mir gewünscht, in Deinen Armen zu sterben und einzuschlafen, wie ein müdes Kind. Aber das konnte nicht sein, – ich sollte die Reinheit und Tiefe dieser Liebe dadurch beweisen, daß ich die Kraft fand, Dir zu entsagen, und ich schrak auch vor diesem Härtesten nicht zurück, obwohl ich mir oft und oft in stiller Nacht die Hände wund gerungen habe, ohne den Schrei der Verzweiflung niederkämpfen zu können. Mein eignes, glückheischendes Herz und Deine Bitten und Thränen standen im Bunde, – kannst Du Dir vorstellen, was ich gelitten, bevor der Entschluß erkämpft war, mich aus Deinen Armen zu reißen und mich vor Dir zu verbergen – zu Deinem Heil?

„Sieh, mein Freund, Du hast es nie gelten lassen, wenn ich von dem Altersunterschied zwischen uns sprach, und doch – die drei, vier Jahre machen gar viel aus. Zu der Zeit, in der Du erst in Deiner Manneskraft voller, reichster Blüte standest, war ich bereits ein verblühtes Weib, und auch geistig hatte ich nicht mit Dir Schritt gehalten, der Du rastlos vorwärts strebtest, der Tag mußte kommen, an dem Du dessen inne wurdest und das Fazit der Rechnung nicht stimmend fandest. Mein Vater liebte Jean Paul, – ich habe nicht vergessen, daß ich ihm einmal – im ‚Titan‘ war’s ja wohl – die Stelle vorzulesen hatte: ‚Ihr wißt nicht, welche Fegefeuerstunden man mit einem Herzen durchwatet, das voll ist, ohne zu füllen, neben welchem, nicht mit welchem man fühlt.‘ Der Wortlaut mag etwas abweichen – dem Sinne nach wars gewiß so und ich habe mirs gut gemerkt. Sieh, das hätte ich nicht ertragen, der Gedanke, Dich aus Deiner Karriere gerissen, Dich Deinen gesellschaftlichen Kreisen entfremdet, Dir das Wohlwollen Deines Onkels entzogen zu haben, ohne [622] Dir auf die Dauer vollen Ersatz für all’ deine großmüthigen Opfer bieten zu können, hätte mich wahnsinnig gemacht oder mir den Dolch in die Hand gedrückt. Ich weiß ja, Curt, Du bist so gut und edel, wie vielleicht kein Mann weiter auf Erden; Du hättest es mich nicht fühlen lassen, es wäre Tag für Tag ein Gegenstand des Studiums für Dich gewesen, mich über den Zustand Deines Innern, über die Leere und – Reue Deines Herzens zu täuschen, Du hättest die Geduld und Sanftmuth eines Engels bewiesen, – aber ich hätte es doch gefühlt, und ich wäre das elendeste Weib auf Erden geworden, wie ich das glückseligste gewesen.

„Ob das alles richtig ist, unumstößlich richtig – ich bin zu bescheiden, das zu behaupten; aber alles, was ich vom Vater gelegentlich gehört, alles, was ich einsam geträumt und gesonnen, zwang mich und zwingt mich noch heute, so zu denken und so zu fühlen, und wäre ich Deiner schönen, idealen, schwärmerischen Liebe werth gewesen, wenn ich nicht den Muth und nicht die Kraft hätte, das süße Lied zur rechten Stunde in dunklen, weichen Tönen ausklingen zu lassen? Und die rechte Stunde war gekommen – es war die höchste Zeit geworden, daß ich für Dich starb und Dir die Freiheit des Handelns und der Entschließung zurückgab. Ich gab in einer vornehmen Familie Unterricht im Feinsticken; dort kannte man die Dir zugedachte Braut und sprach von ihr, ohne zu ahnen, daß ich Dich kannte – man behandelte die Verlobung wie eine vollzogene Thatsache und mit welchen Empfindungen mein Blick auf dem Bilde des reizenden, anmuthigen jungen Geschöpfs geruht hat, das Deine Frau werden sollte – Dein feinfühliges Herz, mein geliebter Freund, mag Dirs sagen. Man sagte mir sehr viel gutes und liebes von ihr, man rühmte ihren Verstand, ihr Zartgefühl, ihr edles Herz und ihre Talente, man warf die Frage auf, ob Du diesen Schatz auch verdientest. Ein paar Tage vor dem Nachtfest im Walde erfuhr ich, daß Dein Onkel, sein Waffenbruder und die Komtesse Valerie für die ersten Tage der nächsten Woche angemeldet seien – hast Du nun den Schlüssel zu allem, was die letzten Tage so seelenvoll und poetisch, so wehmütig-lieblich – und so leidenschaftlich gemacht hat? Begreifst Du nun, mein armer, theurer Freund, daß ich um jede Minute geizte, daß meine brennenden Lippen danach schmachteten, den letzten Becher, der ihnen gefüllt kredenzt ward, auch bis auf den letzten Tropfen zu leeren und daß ich halb willenlos, halb entschlossen, halb gezwungen, halb freiwillig, in ohnmächtiger Hingabe an mein Gefühl und in trotziger Verachtung der Welt und ihrer Satzungen Dir gab, was Du mir gewiß nie genommen hättest? Ich habe es wie im Rausch und im Traum gethan und doch bewußt – ich nehme die volle Verantwortung auf mich und wenn meine Lippen wieder gelächelt haben, seit sie Dir das ‚Lebewohl auf immerdar!‘ zuflüsterten, so hat die Erinnerung an jene dunkelselige Liebesnacht dieses Lächeln hervorgezaubert. Ich bereue nicht, Curt, und ich werde nicht bereuen; ich denke nicht schlechter von mir und bin heute noch stolz auf meine Liebe und auf alles, was ich aus reinster Liebe gethan. Laß mir den Glauben, daß auch Du durch alle Wechsel der Schicksale und alle kommenden Jahre in verschwiegener Seele mein Bild Dir aufbewahren wirst – verblichen, aber fleckenlos, wehmüthig-ernst, aber in unvergänglichem Reiz. Ich wäre zu Ende und kann doch kein Ende finden. Ach, mein geliebter Freund, wie viele Jahre der Zukunft, die so nebelgrau und freudlos vor mir liegt, gäbe ich für einen letzten Blick in Deine lieben Augen, für einen Druck Deiner Hand, für einen Kuß Deines rothen, heißen Mundes! Das Herz will mir zerspringen, wenn ich denke, daß ich Dich nie wiedersehen soll und wie eine zum Tode Verdammte stöhne ich hinaus in Wind und Nacht: ‚Muß es denn sein?‘ Aber jedesmal kommt dumpf und tonlos die Antwort zurück: ‚Es muß sein – unterwirf Dich!‘ So sei es denn – ich kaure im Geiste zum letzten male auf dem Fußbänkchen zu Deinen Füßen und schmiege den Kopf an Deine Knie, ich fühle Deine Finger zärtlich mit meinen gelösten Flechten spielen und ich küsse Deine kleine, weiße Rechte und meine warmen Thränen tropfen auf diese liebe Hand, die mir so oft liebkosend über den Scheitel glitt. Ich danke Dir inbrünstig für all die schöne, wunderbare, edle Liebe, die Du so verschwenderisch über mein armes, einsames Herz ausgegossen hast; ich danke Dir für sie, obgleich ich sie Dir ehrlich vergolten und mit Schmerzen und Thränen erkauft habe, und wenn ich nicht eine halbe Heidin, wenn ich fromm wäre und beten könnte, so würde ich des Himmels besten, reichsten Segen herabflehen auf Dein Haupt. Du wirst noch glücklich werden, Curt, mein unerhörtes Opfer wird nicht vergeblich sein; Du wirst auch wieder lieben, wenn auch vielleicht nicht wieder so, wie du mich geliebt – willst Du dann in stillen Stunden des Alleinseins zuweilen mild und versöhnt, mit einem verklärten Rest alter Zärtlichkeit zurückdenken an die Verschollene, deren ganzes Wesen Liebe zu Dir war, treue schmerzenreiche, aufopfernde Liebe, an Deine arme, einsame Leontine?“ –

Reinisch kam nur langsam vorwärts mit der eigenthümlichen Lektüre; als er geendet, gab er den Brief bewegt und schweigend zurück und Curt drückte die bärtigen Lippen ehrfurchtsvoll auf die thränenverwüsteten Blätter. Dann ging er. Nach Hause? Wer weiß es?

     *          *          *

Es ist eine ziemlich zahlreiche und bunte Gesellschaft, die sich an einem Hochsommerabend an dem Landungsplatze einer kleinen Flotille von Flußruderbooten zusammenfindet. Unsere jungen Freunde, die mit Curt in wahrer Herzlichkeit verkehren, sind vollzählig am Platze; auch Reinisch hat wieder einmal eine Einladung erhalten, wohl mit Rücksicht auf seinen „ritterlichen“ Freund. Ein ganzer Schwarm von Studenten sucht sich mit den Damen bekannt zu machen, bei deren Auswahl aber mehr auf ein gutes Herz, als auf Jugend und körperliche Vorzüge gesehen worden zu sein scheint; der imitirte Pariser in Zeugstiefelchen mit Lacklederbesatz und der Herr Kapellmeister sind auch da. Zur bestimmten Zeit rollt auch die leichte zweispännige Equipage heran, in welcher Fräulein Walujeff mit Mutter und Bruder sich in die Mitte ihrer allzeit Getreuen begibt; sie sieht sehr wohl und heiter aus und hat für jeden ein verbindliches Wort, ein anmuthiges Lächeln. Mit einiger Mühe werden die Theilnehmer in fünf kleineren oder größeren Booten glücklich untergebracht und Tatjana hat es so einzurichten gewußt, daß sich Curt in ihrem Boot befindet.

Man hat die letzten Häuser der Stadt bald hinter sich und nur da und dort steht ein einsamer Angler am Ufer und blickt unverwandt und geduldig nach dem Kiel, der auf der Flut treibt; der Himmel ist bedeckt und still und immer stiller wird es ringsumher – nur das Schilf lispelt zuweilen und durch das Laub einzelner alter Espen geht leises, irres, geheimnißvolles Flüstern. Der Fluß beschreibt anfänglich eine Menge Krümmungen; plötzlich thut sich eine breite, gerade Wasserstraße auf, hoher, dichter Laubwald tritt bis hart an die Ufer heran und wirft seine Schatten über den Wasserspiegel und da und dort taucht Gebüsch die Spitzen seiner herabhängenden Zweige in die dunkle Flut. Man zieht die Ruder ein und hält eine Viertelstunde Rast; das Gespräch in allen Booten wird in dem Maße, als die Dämmerung niedersinkt, einsilbiger und leiser, und die Stille und Einsamkeit, die nur dann, wann das leise Rinnen und Plätschern der Wellen, der klagende Schrei der Rohrdommel im Schilf, ein gedämpfter Signalpfiff oder der ferne Ruf eines Waldkäuzchens unterbricht, nimmt jedes Gemüth gefangen. Die und jene Dame hält die Hand in das Wasser und läßt sie von der lauen Welle liebkosen; da und dort hat sich ein Herr eine Cigarre angezündet, die wie ein Glühwürmchen durchs Dunkel leuchtet und in jedem Boote macht im silbernen Becher der duftende Rheinwein die Runde. Nach einer halben Stunde wird die breite Wasserstraße verlassen und man biegt in einen schmalen, vielfach gewundenen Seitenarm ein; es ist anfänglich so dunkel, daß man die Hand vor den Augen kaum sieht, denn die Kronen der Bäume zu beiden Seiten vereinen ihre Schatten und wirres, üppiges Unterholz überhängt das enge, verschilfte Bett. Aber da geht der Mond auf und die zweifelhafte matte Beleuchtung, welche er über die malerischverwachsene Wildniß ausgießt, wird mit einem „Ah!“ der Bewunderung begrüßt; alle Umrisse bleiben verschwommen und alles nimmt seltsam phantastische Formen an. Zwanzig mal scheint es, als müsse die Fahrstraße im nächsten Moment ein Ende haben; man muß das Gezweig des Buschwerks mit den Rudern zur Seite drücken, aber dann blitzt auch im Mondlicht wieder ein Wasserstreifen auf, und mit langsamen Ruderschlägen dringen die Boote weiter und weiter vor in den stillen Winkel, der eigentlich nur den Fischern bekannt ist. Und dann ist man am Ende des Waldes – hüben und drüben breiten sich Wiesen aus, über denen bereits dünner weißer Nebeldunst lagert und die Boote wenden an einer etwas breiteren Stelle und legen am Ufer des Seitenarms, nicht weit von der Vereinigung desselben mit dem Fluß, vorsichtig an. Hier bietet sich ein prächtiger begraster Lagerplatz unter alten Rüstern; der Wald ist im [623] viereckigen Ausschnitt gelichtet und erst jenseits desselben beginnt wieder dichtes Nadelholz. Und nun beginnt ein reges Leben; farbige Papierlaternen werden an den untersten Zweigen der Bäume befestigt, Plaids und Reisedecken werden auf dem Boden ausgebreitet und man lagert nach Laune bunt und malerisch durcheinander. Tatjana hat für alles gesorgt und aus großen Körben kommen alle Bestandtheile eines opulenten Pikniks zum Vorschein und werden auf Servietten ausgebreitet. Tatjana ist so freundlich, zu bemerken, daß Curt ihr gegenüber sehr unbequem sitze, und sie fordert ihn auf, an ihre Seite zu kommen und den Kopf ohne Umstände auf ihr Knie zu legen, wie das ihr Bruder bei seiner Mutter thue. Hat Curt Mitleid mit der Eifersucht der andern oder ist überhaupt die Vertraulichkeit nicht nach seinem Sinn? Er lehnt dankend ab, aber dieser Dank – klingt er nicht ein wenig spöttisch? Tatjana scheint es zu finden – sie zuckt unmuthig die Achseln, wirft die Lippen auf und wendet sich an Wendt, der am Stamm eines Baumes lehnt und einem Fasanenflügel alle Ehre angedeihen läßt, mit der Frage:

„Ist das nicht eine hübsche Einweihung der neuen Wasserpartieepoche? O, wir werden bis zum Herbst noch oft fahren, wenigstens einmal jede Woche!“

Die Antwort ist artig, aber – niederschlagend: „Ich fürchte, es wird mir nicht vergönnt sein, gnädiges Fräulein, an diesen Wasserfahrten theilzunehmen, denn ich fange eben an, mich auf mein zweites Examen vorzubereiten und da heißt es jede freie Stunde zusammenzunehmen und fleißig zu sein – ochsen nennt das der deutsche Student, ochsen oder büffeln!“

„Nun, dann nach Ueberwindung dieses wichtigen Examens, das Ihnen ja sehr am Herzen zu liegen scheint,“ erwiderte das schöne Mädchen, ihr Glas an die Lippen führend. „Sie haben schließlich auch weniger Empfänglichkeit für den poetischen Reiz solcher Fahrten, als Herr Born, der sie nach ihrem vollen Werthe zu würdigen weiß.“

Born verbeugt sich dankend, stößt aber dann heraus:

„Auch ich werde leider verzichten müssen, da ich nur noch wenige Tage hier bin; man hat mich als literarisch-dramaturgischer Beirath an die Bühne meiner Vaterstadt berufen und ich muß schon Ende dieses Monats in der Heimat sein, nach der es mich zu oft gezogen hat, als daß mir diese Wendung nicht willkommen sein müßte!“

Tatjana sieht betroffen auf – soll die Fahnenflucht unter ihren Verehrern noch weiter um sich greifen? Es klingt aber doch ziemlich übermüthig und nur wie ein Scherz, als sie sich zu Lindner wendend, fragt:

„Da gehen Sie schließlich auch noch Ihrer Wege, Herr Lindner?“

Der Angeredete spießt eben mit der Gabel ein Butterbrod an und erwidert:

„Obgleich ich kein Bühnenschriftsteller bin und meine einzige literarische Sünde ein Triumphgesang der Mäuse auf den Tod eines alten Uhus ist – ja, ich gehe auch fort, um eine Stellung in einer chemischen Fabrik einzunehmen, die eine von mir erfundene Farbe herstellen wird.“

„Und übers Jahr heiratet man, nicht wahr?“ Das klingt entschieden spitzig und beinahe feindselig, aber Lindner erwiderte trocken und mit naivster Unbefangenheit:

„Das kann wohl so kommen – wer möchte denn ein alter Junggesell werden? Dazu tauge ich nicht.“

„Ich muß sagen, die Herren haben sich während meiner kurzen Abwesenheit allerlei Ueberraschungen präparirt – das geht ja alles im Galopp und nun fehlte blos noch, daß mir jemand seine in der Zwischenzeit erfolgte Verlobung anzeigte, etwa – Herr Reinisch.“

Der Maler, der eben mit Curt anstößt, erwidert launig:

„O nein, gnädiges Fräulein, Sie trauen mir altem Knaben da mehr Leichtsinn zu, als ich mir bewahrt habe. Aber ich bewundre Ihre divinatorische Gabe – es ist wirklich ein glücklicher Bräutigam unter uns –“

„Der sich dieser Tage die Freiheit nehmen wird, Ihnen seine Braut vorzustellen,“ ergänzt Arvenberg mit einer Verbeugung. „Meine Braut wird sich sehr freuen, Sie, gnädiges Fräulein, kennen zu lernen.“

„Auch Sie also haben sich verloben lassen – ah! das ist nicht schön von Ihnen! Wissen Sie, daß ich diese von den beiderseitigen verehrten Eltern ins Reine gebrachten Heiraten, bei denen man die jungen Leute kaum fragt, gründlich verabscheue? Freilich, bei Ihrem Volke hat das dumme Herz nie etwas dreinzureden gehabt, wenn der kalte, nüchterne Verstand seine Beschlüsse faßte!“ erwiderte Tatjana nicht ohne Bitterkeit.

„Sie irren, gnädiges Fräulein,“ gab Arvenberg zurück, „so liegen die Dinge keineswegs, denn Kopf und Herz haben sich in meinem Falle prachtvoll vertragen. Diesmal sind eine Jüdin und ein Jude aus wahrer Herzensneigung einig geworden, ohne daß die Aeltern davon eine Ahnung hätten, und die letzteren haben die bereits mit Hand und Mund besiegelte Verbindung eben nur zu sanktioniren gehabt.“

Diese Erklärung wurde bei aller Verbindlichkeit in so ernstem Tone abgegeben, daß Tatjana den Sprecher betroffen ansieht. Sie hatte gleich am ersten Abend eine große Vorliebe für ihn gefaßt, sein feines, etwas sarkastisches und ironisches Lächeln hatte ihr zugesagt und sie war ungewöhnlich freundlich gegen ihn gewesen. Gerade ihn glaubte sie gefesselt zu haben, und daß er nun aus purer Neigung eine Verbindung eingeht, daß es ihr und all ihrer verheißungsvollen Liebenswürdigkeit nicht gelungen ist, diese Neigung im Keime zu zerstören, ist eine solche Demüthigung für ihren Stolz, daß sie sich förmlich gekränkt fühlt und Arvenbergs Erklärung nur mit einem Achselzucken beantwortet.

Die Freunde werden für ihren Mangel an Wesensähnlichkeit mit dem Ritter Toggenburg dadurch bestraft, daß Tatjana sie kaum noch zu sehen scheint; sie wendet ihre ganze Aufmerksamkeit Curt zu. Er ist der letzte von ihren Kavalieren und obendrein der einzige, für den sie sich ernstlich interessirt und in dessen Nähe eine gewissen Bangigkeit über sie kommt, die etwas seltsam Beunruhigendes und doch auch wieder Wohlthuendes für sie hat. Aber es will nicht so recht gelingen, Curt gesprächig zu machen; er ist allmälich in träumerische Zerstreutheit verfallen, lauscht immer wieder hinaus in die schweigende Nacht und wirft ab und zu mit einer raschen Bewegung des Kopfs die kleine schwarzbraune Locke zurück, die ihm in die Stirn gefallen ist; seine Gedanken sind sicherlich auf einer Wanderung in weit zurückliegende Zeiten und an entlegene Orte begriffen und jedenfalls haben sie recht sehr wenig mit dem schönen Mädchen zu schaffen, das anfängt, allmälich einen sanften, bittenden Ton in die Fragen zu legen, welche sie an ihn richtet und auf die er oft nur durch ein zerstreutes Lächeln Antwort gibt. In Tatjanas ganzem Wesen liegt eine gewisse weiche, schmachtende Lässigkeit; sie weiß es so einzurichten, daß ihre langsam niedersinkende Hand wie zufällig auf die Curts zu liegen kommt und sie jubelt innerlich auf, als diese Hand ruhig liegen bleibt; sie hat aber doch zu früh im Vorgefühl des Triumphs geschwelgt, denn statt daß Curts Finger, durch ihr Entgegenkommen ermuthigt, sich zu verstohlenem festem Druck um die ihrigen schließen, bleibt seine Hand regungslos im Grase liegen und als Tatjana ihre kleine, heiße Rechte zurückzieht und nach einiger Zeit das kleine Manöver wiederholt, findet sie die Hand Curts nicht mehr vor, wie sie auch vorsichtig umhertastet, und Curt blickt unverwandt nicht nach ihr, sondern nach dem schwarzen Wasserspiegel, in welchem ein einsamer Stern sich zitternd spiegelt. Es überkommt sie wie eine Regung wilder Leidenschaftlichkeit; soll sie ihre Arme um den Nacken des Unempfindlichen schlingen und ihn vor allen Leuten auf Stirn und Scheitel, auf Mund und Wangen und Augen küssen, bis er selber warm und zärtlich wird und mit heißen Lippen ihren Namen flüstert, oder soll sie aufspringen und zornig mit dem Fuße stampfen und ihm zuraunen: „Deutscher Tölpel!?“ Da – was ist das? Von der breiten Wasserstraße herüber kommt durch die nächtliche Stille Gesang von Frauenstimmen; vielleicht singen sie garnicht so besonders gut, aber in todtstiller Mitternacht im Walde, auf dem Wasser, bei feuchter Luft klingt ein nur erträglich gesungenes Lied schon ergreifend.

Das stimmungsvolle Lied erscheint der Ungeduld der siegverwöhnten Russin als ein vom Zufall gesandter Bundesgenosse gegen Curt; sie macht ihn durch eine Handbewegung auf den zarten Gesang aufmerksam, der übers Wasser und durch den Wald seinen Weg zu ihm sucht. Und die Rechnung scheint zu stimmen; Curt nickt ihr dankend zu, stützt den Kopf in die Hand und lauscht auf die lieblich-wehmüthige Weise. Das Lied verstummt, – nur der schwache Hauch des Nachtwinds geht wieder flüsternd durch die Zweige, und schon will sich Curt abwenden, da zuckt er plötzlich zusammen, denn jetzt erklingt klar und voll und ergreifend eine Frauenstimme, eine Stimme, die er bis an sein Lebensende nicht vergessen wird, und sie singt die gramschwere polnische Todtenklage, die er nur einmal, die er nur von einer gehört:

„Es fallen die Blätter vom Baume, die langsam entsprossen sind;
Hinter den Scheuern singen die kleinen Herbstvögel...“

[624] Reinisch, der ebenfalls stutzt und befremdet aufhorcht, sieht seinen Freund tödtlich erbleichen, – sie blicken einander an und einer liest in des andern Blick dieselbe Frage: „Leontine – hier?“ Curt legt die Hand vor die Augen und lauscht mit verhaltenem Athem wie verzaubert hinüber; als die Sängerin verstummt und Tatjana sich zu ihm niederbeugt und schmeichelnd sagt: „Das war ja polnisch? Aber es war ein schönes Lied und es lag Seele in dem Gesang!“ erwiderte er hastig und wie abwesend: „Das schönste, das ich kenne!“ und springt auf, als sei ihm seine Lage bis zur Unleidlichkeit unbequem geworden. Er wendet sich zum Maler, der ebenfalls aufgesprungen ist, zieht ihn auf die Seite, flüstert ihm in fliegender Hast zu: „Sie war es – kein Zweifel – ich muß fort!“ und tritt ins Gebüsch. Da liegt unter überhängenden Weiden, im tiefsten Schatten und kaum kenntlich, das kleine Boot, das er ruderte, während Tatjana am Steuer saß; leise löst er die Kette, springt mit dem ganzen Ungestüm der Sehnsucht hinab ins Boot, und das laute Gelächter, mit welchem die Gesellschaft eine witzige Bemerkung Tatjanas begleitet, verschlingt das schwache Geräusch der Ruderschläge, mit dem er die Nußschale vorwärts treibt. Bis zur Einmündung in den Hauptarm muß er seine Ungeduld zügeln; ein niederhängender Zweig reißt ihm den leichten Sommerhut vom Kopfe – er achtet es nicht und nimmt sich nicht die Mühe, ihn aufzufischen. Dann ist er im breiten Fahrwasser, und nun schießt das Boot so hastig dahin, daß die Welle rauschend am Kiel aufschäumt; es ist alles dunkel auf der Wasserstraße zwischen den bewaldeten Ufern, und kein Laut ist zu vernehmen, keine Laterne wirft vor oder hinter ihm ihren hellen Lichtstreif auf die Flut und Curt fragt sich erschrocken, ob das Boot, welches er sucht, nicht vielleicht, statt auf der Rückfahrt nach der Stadt, auf der Fahrt nach einem noch weiter hinaus am Flusse liegenden Dorfe begriffen war, und ob es ihm, wenn er der Gesellschaft nach dieser Richtung nachsetzte, auch gelingen würde, sie noch unterhalb des Landungsplatzes einzuholen; wo sollte er sie, wenn man bereits ausgestiegen war, in dem großen Dorfe suchen? Und wenn sie nun doch auf der Heimfahrt sind, wenn er bei Aufgeben der Verfolgung grade die verkehrte Richtung einschlägt? Kalte Schweißperlen treten ihm auf die Stirn; von den beiden Rudern, die er eingezogen hat, rieselt und tropft das Wasser und seine Augen suchen vergebens die Dunkelheit zu durchdringen, denn der Mond hat sich längst wieder in Wolken und Dunst geborgen. Da plötzlich flammt es in geringer Entfernung blendend auf, und mit einem Zauberschlag erstrahlen Fluß und Ufer in grünem, magischen Lichte; es ist mit einemmale so hell, daß man die Blätter an den Bäumen zählen könnte, und in dem Boot, auf dessen Stirn man eben das Grünfeuer entzündet hat, ist jedes einzelne Gesicht genau zu erkennen; es ist ein großes Boot, voller Herren in Hemdärmeln und Damen in hellen Sommerkleidern, – nur eine hohe, schlanke weibliche Gestalt in dunklem Gewand ist zu unterscheiden, und er glaubt sie zu erkennen. Das Herz schlägt ihm bis herauf an den Hals, aber die Gestalt kehrt ihm grade den Rücken zu, und ehe sie sich gewendet, ehe sie ihm den entscheidenden Blick in ihr Gesicht gestattet, verschwindet das grüne Licht und noch tieferes Dunkel als vorher verschlingt das Boot. Dasselbe fährt aber nicht weiter, er würde ja sonst den Ruderschlag hören; ab und zu erreichen ein paar gedämpfte Worte, ein Ausruf des Entzückens über die prachtvolle Nacht sein angstvoll lauschendes Ohr, und so vergehen qualvolle Minuten, bis es plötzlich drüben wieder aufflammt und Flut und Ufer und Wald mit purpurnem Schein übergießt. Und diesmal hat er Leontine erkannt; sie steht im Boot, einen Epheukranz im Haar, schön wie einst, nur ernster und frauenhafter, und ein Aufschrei will sich Curts Brust entringen; aber mit übermenschlicher Anstrengung unterdrückt er ihn, – er muß ja alles vermeiden, was auf ihn aufmerksam machen, was Leontine vielleicht zu neuer Flucht vor ihm bestimmen könnte, und als die rothe Helle versunken ist und das große Boot, jetzt mit einer Laterne versehen, seine Heimfahrt fortsetzt, überholt er dasselbe, indem er sich hart am entgegen gesetzten Ufer hält; er schlüpft unbemerkt vorüber und geht vom Landungsplatz aus am Ufer dem großen Boot entgegen, das langsam und vorsichtig die niedrigen Brücken der Vorstadt passirt. Man vernimmt bei der tiefen Stille jedes Wort, das im Boote gesprochen wird, aber die Stimme Leontinens läßt sich nicht vernehmen; schweigsam und in sich versunken, die Hände im Schoße lässig gefaltet, sitzt sie allein am Stern, und die Laterne wirft zuweilen ein helles Streiflicht auf das schöne, vornehme, nachdenkliche Gesicht. Als die Gesellschaft ausgestiegen ist und in kleinen Gruppen den Heimweg antritt, folgt Curt vorsichtig in angemessener Entfernung und erst, als die Hausthür hinter Leontine und der Familie, deren Gast sie zu sein scheint, ins Schloß gefallen ist, erst als er über den Namen der Straße und die Nummer des Hauses sich Gewißheit verschafft hat, tritt er langsam, zögernd [626] und unschlüssig den Heimweg an, – ihm ist beinahe, als sollte er, um ganz sicher zu gehen, bis zum Morgen vor dem Hause Wache halten. – –

Am Abend des Tages, der dieser ereignißvollen Wasserpartie folgte, haben sich die Freunde mit Ausnahme Curts bei Reinisch versammelt und man scherzt über Tatjana, die es so wenig verstanden hatte, ihren Aerger zu verbergen und die von einem wahren Fieber von Ungeduld ergriffen worden war, als Curts Verschwinden bemerkt wurde und der arglistige Reinisch konstatirte, daß auch das kleine Boot fort sei, er also nur annehmen könne, daß Curt sich aus irgendeiner Laune für eine der Sängerinnen interessirt und versucht habe, etwas Näheres über dieselbe in Erfahrung zu bringen. Sie hatte nur wegwerfend die Achseln gezuckt, aber sie hatte doch die Zähne tief in die Unterlippe gedrückt, war wortkarg, mißmuthig und bitter geworden und hatte keine Ruhe mehr gehabt; man war zeitiger, als ursprünglich beabsichtigt, wieder aufgebrochen. Die Auskunft darüber, weshalb Curt so plötzlich und verstohlen aufgebrochen sei, verweigert der Maler, aber er befindet sich unverkennbar in froher Aufregung und Spannung. Man will eben zu lesen beginnen, als es an die Thür klopft und – Curt in Begleitung einer Dame und eines etwa fünfjährigen bildhübschen Knaben eintritt, der sich zärtlich an ihn anschmiegt. „Meine Braut, Fräulein Leontine Lux,“ stellt er vor, „und hier mein Junge Johannes, von dessen Existenz ich alle die Zeit her nicht die leiseste Ahnung gehabt habe. Reinisch hat mir gebeichtet, daß er die verzeihliche Indiskretion begangen habe, euch meine Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte erhält also jetzt einen versöhnenden Schlußnachtrag. Gestern Nacht, als wir im Walde lagerten und Fräulein Tatjana grade ihr bestes that, mich zu fangen, hörte ich die Verlorengegebene plötzlich singen, setzte ihr nach, holte sie ein, ermittelte ihre Wohnung und begab mich heute früh zu ihr, mit dem festen Vorsatz, ohne ihr Jawort nicht wieder von dannen zu gehen. Auf der Treppe kommt mir der kleine Wildfang da in den Wurf; er hatte einen japanischen Bogen mit leichten Rohrpfeilen in der Hand und wollte ihn im Hofe probiren. Der Anblick des kleinen Kerls gab mir förmlich einen Schlag aufs Herz; ich glaube, niemand, der uns nebeneinander sieht, kann auch nur einen Moment über unsere blutsverwandtschaftlichen Beziehungen zu einander in Zweifel sein. Ich fragte ihn, ob in diesem Hause ein Fräulein Lux wohne, und da sagte er in denselben Accenten, die ich so oft von seiner eigensinnigen Mama gehört, in halb lustigem, halb wichtigen Tone: ‚Ach, der Herr will zu Mama?‘ Ich hielt ihn nun auf, plauderte mit ihm und bestimmte ihn, mit dem Probiren seines Bogens noch eine halbe Stunde zu warten und mich zu seiner Mutter zu führen. Er stürmte dann hinein und meldete jubelnd: ‚Mama, da ist ein Herr, der mir ein kleines, milchweißes Pferdchen mit blauem Sattel schenken will; er will dich besuchen!‘ Und dann kam er wieder zu mir gelaufen und ich nahm ihn bei der Hand, und so traten wir vereint vor seine Mutter, die mit einem Aufschrei emporfuhr und halb ohnmächtig in meine Arme sank. Unter Lachen und Weinen hat sie mir dann erzählt, daß sie kurz vor der prager Katastrophe von einer Verwandten noch ein paar tausend Gulden geerbt hatte und sich nach ihrer Flucht in einem kleinen Provinzialstädtchen in der preußischen Lausitz niederließ, wo ich sie gewiß nicht gesucht hätte. Hier weilt sie seit einigen Wochen auf Besuch und wird nicht wieder in ihre freigewählte Verbannung zurückkehren, denn als sie erfuhr, daß ich, statt mich über ihren Verlust zu trösten und die kleine hübsche Comtesse zu heiraten, grade das gethan habe, was sie verhindern wollte, daß ich den Soldatenrock ausgezogen und meine Karriere aufgegeben habe, um mich ruhelos und unbefriedigt bei Indianern und Türken herumzuschlagen, und daß mich in diesen sechs Jahren keine Frau in die Versuchung gebracht hat, ihr untreu zu werden, da fiel das schöne Kartenhaus der heroischen Entsagung in nichts zusammen, und es hätte der Frage, ob sie ein Recht habe, unserm Buben den Vater vorzuenthalten, nicht bedurft. Ihre große, schöne, edle Seele hatte es gut gemeint und unter unerhörten Schmerzen die eigne Liebe ans Kreuz geschlagen, und nun muß sie selber bekennen, daß sie damit nichts erreicht hat, als – sechs Jahre des Glücks, des in und für einander Lebens aus der Geschichte unsres Daseins auf Erden zu streichen, und mich wundert nur, daß ich es nicht fertig bringe, ihr deshalb ernstlich böse zu sein, und nur heilfroh bin, sie wiedergefunden zu haben.“

Der Maler, der mit leuchtenden Augen das schöne Paar maß, fragt, mit seiner Bewegung kämpfend:

„Nicht wahr, Fräulein Lux, es ist ein gewagtes Unternehmen, wenn eine Frau für den Geliebten Schicksal spielen will, statt ihm zu vertrauen und sich seiner Führung zu überlassen? Es kommt nichts dabei heraus, als Kummer und Herzeleid.“

Leontine nickt erröthend, und birgt ihr schönes, noch immer jugendliches Gesicht an der Brust Curts, der seine Hand schmeichelnd über die dunkle Haarfülle gleiten läßt. Wendt aber ruft:

„Wann ich mich verloben werde, das wissen nur die ewigen Götter, – so mögen sie denn heute springen, die sechs Markobrunner im Keller, denn bei einem bessern Anlaß können sie doch nicht getrunken werden!“


  1. „Das Pulverfaß fürchtet sich vor dem Funken.“ (V. Hugo.)
  2. sich zu verlieben, eigentlich: in Liebe zu verfallen.
  3. „Tollen, welche die Menschen toll gemacht haben.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Blüte
  2. Vorlage: Unmpfindlichkeit