Hygienische Milchwirthschaften

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Hygienische Milchwirthschaften
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 40
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[40] Hygienische Milchwirthschaften. Die vor einem Jahrzehnt erwiesene Thatsache, daß ansteckende Krankheiten manchmal durch die Milch verbreitet werden, beschäftigt seit längerer Zeit lebhaft die maßgebenden medicinischen Kreise Englands und bildet auch das Thema eines von Dr. E. Hart auf dem internationalen medicinischen Congresse in London gehaltenen Vortrages. Diese Thatsache selbst und die in neuester Zeit zur Sicherheit der Milchconsumenten theilweise mit Erfolg durchführten Maßregeln sind so interessant und wichtig, daß wir es für unsere Pflicht erachten, die Ausführungen des englischen Arztes kurz mitzutheilen.

Auf die Möglichkeit von Uebertragung ansteckender Krankheiten durch den Genuß roher Milch hat zum ersten Male Dr. Ballard gelegentlich einer Typhus-Epidemie in Islington hingewiesen. Die Aufmerksamkeit weiterer Kreise wurde auf diese Thatsache jedoch erst im Jahre 1873 in Folge einer ähnlichen Epidemie, welche in London aufgetreten war, gelenkt. Mehrere Aerzte machten damals die Beobachtung, daß die von der Krankheit heimgesuchten Familien ihren Milchbedarf von einer und derselben Milchwirthschaft bezogen hatten. Wiewohl die in Folge dessen unternommene amtliche Revision jener Milchwirthschaft für dieselbe günstig lautete, wurde dennoch eine Gegenuntersuchung verlangt. Der nunmehr mit der Ausführung dieses Auftrages betraute Beamte schloß sich in seinem Gutachten dem Urtheil seines Vorgängers in allen Punkten an und trank, um die Richtigkeit seiner Aussagen zu beweisen ein großes Glas der für gesund erklärten Milch. Der Wahrheitsbeweis war ihm jedoch vollständig mißlungen, denn schon nach wenigen Tagen lag er selbst am Typhus darnieder. Jetzt erst erfuhr man, das sich in der Farm, welche die fragliche Milch lieferte, ein Typhuskranker befand, dessen Auswurfstoffe einen Brunnen verunreinigten, aus welchem man Wasser zum Ausspülen der Milchgeräthe zu schöpfen pflegte.

Seit jener Zeit mehrten sich die Beobachtungen ähnlicher Fälle, und in seinem dem medicinischen Congresse in London mitgetheilten Berichte hat Dr. Hart gegen 70 Epidemien aufgezählt, in denen die Milch als die Trägerin des Infectionsstoffes bezeichnet werden mußte. Von diesen Epidemien waren 50 typhöser Natur, während der Scharlach 14 Mal und, wie man annimmt, die Diphtheritis 7 Mal in Folge des Genusses von roher Milch ausgebrochen waren. Die Zahl der unter diesen Umständen Erkrankten betrug bei den Typhus-Epidemien 3500, bei dem Scharlach 800 und bei der Diphtheritis 700 Personen.

Die eingehende Untersuchung ergab ferner, daß die typhöse Ansteckung meist durch die Inficirung des Brunnenwassers mit Abfällen von Typhuskranken bewirkt wurde, da man dieses Wasser bald zum Reinigen der Milchgefäße, bald sogar zur Verdünnung der Milch benutzte. Der Scharlach dagegen verdankte in den oben erwähnten Fällen seine Verbreitung dem Umstande, daß Leute, welche in den Molkereien beschäftigt waren, gleichzeitig Scharlachkranke verpflegten. Was schließlich die Diphtheritis anbelangt, so war es bis jetzt unmöglich nachzuweisen, auf welchem Wege die Ansteckung erfolgte, wiewohl der Milchgenuß in den erwähnten sieben Fällen wahrscheinlich den Ausbruch der Epidemie veranlaßte.

Seit dem Jahre 1873 sann man inzwischen auf Mittel, welche geeignet wären, diese Gefahr zu verringern, und begründete schließlich auf durchaus neuen Principien die bedeutende hygienische Milchwirthschaft von Aylesbury, deren Einrichtung wir im Folgendem kurz beschreiben.

Alle Oekonomien, welche dieser Musteranstalt beitreten wollen, werden zunächst durch einen Ingenieur untersucht, welcher die Beschaffenheit der Brunnen und sonstiger Wassersammler der genauesten Prüfung unterwirft. Ferner verpflichten sich die Besitzer der einzelnen Farmen, die Centralverwaltung der Milchwirthschaft sofort zu benachrichtigen, wenn in ihren Farmen irgend jemand, der zu der Wirthschaft Zutritt hat, von einer anstehenden Krankheit befallen wird oder mit derartigen Kranken in Berührung kommt. Unterläßt einer von den Farmern diese Anzeige, so ist er verpflichtet, eine Conventionalstrafe von etwa 2000 Mark zu zahlen und alle Kosten für den Schaden zu tragen, welchen der Genuß mit Krankheitsstoffen behafteter Milch nach sich ziehen würde. Erfüllt er dagegen rechtzeitig seine Verpflichtungen, so läßt die Administration der Anstalt die betreffenden Kranken auf ihre Kosten verpflegen und garantirt dem Besitzer den vollen Ersatz des Schadens, der ihm aus der Confiscation der Milch erwächst. Nach erfolgter Anzeige wird der Verkauf der Molkereiproducte aus der von einer ansteckenden Krankheit heimgesuchten Farm sofort eingestellt, bis in genügender Weise sanitäre Vorsichtsmaßregeln getroffen worden.

Außerdem verfügt die Anstalt über ein vortreffliches Laboratorium, in welchem die eingehende Milch auf ihre Zusammensetzung etc. von Sachverständigen regelmäßig geprüft wird, und schließlich wird der Gesundheitszustand der Farmbewohner und der dort vorhandenen Thiere von Aerzten und Thierärzten inspicirt, wodurch die Consumenten gegen den etwaigen Gebrauch der von kranken Kühen herrührenden Milch geschützt werden.

Man kann zwar mit Recht einräumen, daß derartige complicirte Anstalten sich allgemein nicht werden durchführen lassen, weil ihre Vorschriften und Satzungen zu tief in das gewohnte Treiben unserer Landwirthe und Milchverkäufer eingreifen. Dieselben sind aber überall anzustreben, wo die äußeren Verhältnisse zum Nutzen der Menschheit die Durchführung dieser Organisation ermöglichen. Der Erfolg der Milchwirthschaft von Aylesbury war wenigstens ein vollständiger, denn schon gegenwärtig sind ihr über 70 Oekonomien beigetreten, welche täglich im Durchschnitt 24,000 Liter frische Milch und 1000 Pfund frischer Butter für die Stadt London liefern, während noch bedeutende Mengen künstlicher menschlicher Milch für Säuglinge (durch Zusatz von Zucker etc.) in der Anstalt selbst bereitet werden. Zum Nachahmen muß auch die Thatsache ermuntern, daß die von dieser Wirthschaft verkauften Producte bis jetzt kein einziges Mal irgend welche Ansteckung hervorgerufen haben.