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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Heinrich der Löwe
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 241-247
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
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Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
Bild
Deutsche Sagen (Grimm) V2 261.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
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[241]
520.
Heinrich der Löwe.
Nach dem Volkslied.


Zu Braunschweig stehet aus Erz gegossen das Denkmal eines Helden, zu dessen Füßen ein Löwe liegt; auch hängt im Dom daselbst eines Greifen Klaue. Davon lautet folgende Sage: vor Zeiten zog Herzog Heinrich, der edle Welf, nach Abenteuern aus. Als er in einem Schiff das wilde Meer befuhr, erhub sich ein heftiger Sturm und verschlug den Herzogen; lange Tage und Nächte irrte er, ohne Land zu finden. Bald fing den Reisenden die Speise an auszugehen, und der Hunger quälte sie schrecklich. In dieser Noth wurde beschlossen, Loose in einen Hut zu werfen; und wessen Loos gezogen ward, der verlor das Leben und mußte der andern Mannschaft mit seinem Fleische zur Nahrung dienen; willig unterwarfen sich diese Unglücklichen, und ließen sich für den geliebten Herrn und ihre Gefährten schlachten. So wurden [242] die Uebrigen eine Zeit lang gefristet; doch schickte es die Vorsehung, daß niemals des Herzogen Loos herauskam. Aber das Elend wollte kein Ende nehmen; zuletzt war blos der Herzog mit einem einzigen Knecht noch auf dem ganzen Schiffe lebendig, und der schreckliche Hunger hielt nicht stille. Da sprach der Fürst: laß uns beide loosen, und auf wen es fällt, von dem speise sich der andere. Ueber diese Zumuthung erschrak der treue Knecht, doch so dachte er, es würde ihn selbst betreffen und ließ es zu; siehe, da fiel das Loos auf seinen edlen, liebwerthen Herrn, den jetzt der Diener tödten sollte. Da sprach der Knecht: das thu ich nimmer mehr, und wenn alles verloren ist, so hab ich noch ein andres ausgesonnen; ich will euch in einen ledernen Sack einnähen, wartet dann, was geschehen wird. Der Herzog gab seinen Willen dazu; der Knecht nahm die Haut eines Ochsen, den sie vordem auf dem Schiffe gespeist hatten, wickelte den Herzogen darein und nähte sie zusammen; doch hatte er sein Schwert neben ihn mit hinein gesteckt. Nicht lange, so kam der Vogel Greif geflogen, faßte den ledernen Sack in die Klauen, und trug ihn durch die Lüfte über das weite Meer bis in sein Nest. Als der Vogel dieses bewerkstelligt hatte, sann er auf einen neuen Fang, ließ die Haut liegen und flog wieder aus. Mittlerweile faßte Herzog Heinrich das Schwert und zerschnitt die Nähte des Sackes; als die jungen Greifen den lebendigen Menschen erblickten, fielen sie gierig und mit Geschrei über ihn her. Der [243] theure Held wehrte sich tapfer und schlug sie sämmtlich zu Tode. Als er sich aus dieser Noth befreit sah, schnitt er eine Greifenklaue ab, die er zum Andenken mit sich nahm, stieg aus dem Neste den hohen Baum hernieder, und befand sich in einem weiten wilden Wald. In diesem Walde ging der Herzog eine gute Weile fort; da sah er einen fürchterlichen Lindwurm wider einen Löwen streiten, und der Löwe schwebte in großer Noth zu unterliegen. Weil aber der Löwe insgemein für ein edles und treues Thier gehalten wird, und der Wurm für ein böses, giftiges: säumte Herzog Heinrich nicht, sondern sprang dem Löwen mit seiner Hülfe bei. Der Lindwurm schrie, daß es durch den Wald erscholl, und wehrte sich lange Zeit; endlich gelang es dem Helden, ihn mit seinem guten Schwerte zu tödten. Hierauf nahte sich der Lowe, legte sich zu des Herzogs Füßen neben den Schild auf den Boden, und verließ ihn nimmer mehr von dieser Stunde an. Denn als der Herzog nach Verlauf einiger Zeit, während welcher das treue Thier ihn mit gefangenem Hirsch und Wild ernähret hatte, überlegte, wie er aus dieser Einöde und der Gesellschaft des Löwen wieder unter die Menschen gelangen könnte, baute er sich eine Horde aus zusammen gelegtem Holz mit Reiß durchflochten, und setzte sie aufs Meer. Als nun ein Mal der Löwe in den Wald zu jagen gegangen war, bestieg Heinrich sein Fahrzeug und stieß vom Ufer ab. Der Löwe aber, welcher zurück kehrte und seinen Herrn nicht mehr fand, kam zum Gestade und erblickte ihn. [244] aus weiter Ferne; alsobald sprang er in die Wogen, und schwamm so lange, bis er auf dem Floß bei dem Herzogen war, zu dessen Füßen er sich ruhig niederlegte. Hierauf fuhren sie eine Zeit lang auf den Meereswellen, bald überkam sie Hunger und Elend. Der Held betete und wachte, hatte Tag und Nacht keine Ruh; da erschien ihm der böse Teufel und sprach: Herzog, ich bringe dir Botschaft; du schwebst hier in Pein und Noth auf dem offenen Meere, und daheim zu Braunschweig ist lauter Freude und Hochzeit; heute an diesem Abend hält ein Fürst aus fremden Landen Beilager mit deinem Weibe; denn die gesetzten sieben Jahre seit deiner Ausfahrt sind verstrichen. Traurig versetzte Heinrich: das möge wahr seyn, doch wolle er sich zu Gott lenken, der alles wohl mache. „Du redest noch viel von Gott – sprach der Versucher – der hilft dir nicht aus diesen Wasserwogen; ich aber will dich noch heute zu deiner Gemahlin führen, wofern du mein seyn willst."“ Sie hatten ein lang Gespräche, der Herr wollte sein Gelübde gegen Gott, dem ewigen Licht, nicht brechen; da schlug ihm der Teufel vor: er wolle ihn ohne Schaden sammt dem Löwen noch heut Abend auf den Giersberg vor Braunschweig tragen und hinlegen, da solle er seiner warten; finde er ihn nach der Zurückkunft schlafend, so sey er ihm und seinem Reiche verfallen. Der Herzog, welcher von heißer Sehnsucht nach seiner geliebten Gemahlin gequält wurde, ging dieses ein, und hoffte auf des Himmels Beistand wider alle Künste [245] des Bösen. Alsbald ergriff ihn der Teufel, führte ihn schnell durch die Lüfte bis vor Braunschweig, legte ihn auf dem Giersberg nieder und rief: nun wache, Herr! ich kehre bald wieder. Heinrich aber war aufs höchste ermüdet, und der Schlaf setzte ihm mächtig zu. Nun fuhr der Teufel zurück, und wollte den Löwen, wie er verheißen hatte, auch abholen; es währte nicht lange, so kam er mit dem treuen Thiere daher geflogen. Als nun der Teufel, noch aus der Luft herunter, den Herzog in Müdigkeit versenkt auf dem Giersberge ruhen sah, freute er sich schon im Voraus; allein der Löwe, der seinen Herrn für todt hielt, hub laut zu schreien an, daß Heinrich in demselben Augenblicke erwachte. Der böse Feind sah nun sein Spiel verloren, und bereute es zu spät, das wilde Thier herbei geholt zu haben; er warf den Löwen aus der Luft herab zu Boden, daß es krachte. Der Löwe kam glücklich auf den Berg zu seinem Herrn, welcher Gott dankte und sich aufrichtete, um, weil es Abend werden wollte, hinab in die Stadt Braunschweig zu gehen. Nach der Burg war sein Gang, und der Löwe folgte ihm immer nach, großes Getöne scholl ihm entgegen. Er wollte in das Fürstenhaus treten, da wiesen ihn die Diener zurück. Was heißt das Getön und Pfeifen – rief Heinrich aus – sollte doch wahr seyn, was mir der Teufel gesagt? Und ist ein fremder Herr in diesem Haus? „Kein fremder – antwortete man ihm – denn er ist unsrer gnädigen Frauen verlobt, und bekommt heute das braunschweiger Land.“ [246] „So bitte ich – sagte der Herzog – die Braut um einen Trunk Weins, mein Herz ist mir ganz matt.“ Da lief einer von den Leuten hinauf zu der Fürstin und hinterbrachte, daß ein fremder Gast, dem ein Löwe mit folge, um einen Trunk Wein bitten lasse. Die Herzogin verwunderte sich, füllte ihm ein Geschirr mit Wein und sandte es dem Pilgrim. „Wer magst du wohl seyn – sprach der Diener – daß du von diesem edlen Wein zu trinken begehrst, den man allein der Herzogin einschenkt?“ Der Pilgrim trank, nahm seinen goldnen Ring, und warf ihn in den Becher, und hieß diesen der Braut zurück tragen. Als sie den Ring erblickte, worauf des Herzogs Schild und Name geschnitten war, erbleichte sie, stund eilends auf und trat an die Zinne, um nach dem Fremdling zu schauen. Sie ward den Herrn inne, der da mit dem Löwen saß; darauf ließ sie ihn in den Saal entbieten und fragen: wie er zu dem Ringe gekommen wäre, und warum er ihn in den Becher gelegt hätte? „Von keinem hab’ ich ihn bekommen, sondern ihn selbst genommen es sind nun länger als sieben Jahre; und den Ring hab’ ich hingeleget, wo er billig hin gehört.“ Als man der Herzogin diese Antwort hinterbrachte, schaute sie den Fremden an, und fiel vor Freuden zur Erden, weil sie ihren geliebten Gemahl erkannte; sie bot ihm ihre weiße Hand und hieß ihn willkommen. Da entstand große Freude im ganzen Saal, Herzog Heinrich setzte sich zu seiner Gemahlin an den Tisch; dem jungen Bräutigam aber wurde ein [247] schönes Fräulein aus Franken angetraut. Hierauf regierte Herzog Heinrich lange und glücklich in seinem Reich; als er in hohem Alter verstarb, legte sich der Löwe auf des Herrn Grab, und wich nicht davon, bis er auch verschied. Das Thier liegt auf der Burg begraben, und seiner Treue zu Ehren wurde ihm eine Säule errichtet.