Graf Moltke als Lieutenant

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Titel: Graf Moltke als Lieutenant
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[120] Graf Moltke als Lieutenant. Die Jugend des berühmten Mannes fiel in jene lange Friedenszeit, die für einen Lieutenant wie ein undurchdringlicher Vorhang alle Aussichten auf Ruhm und Avancement verhüllte. Der elegante, feine, schlanke Gardeofficier, ausgestattet mit dem herkömmlichen Hochmuth eines solchen, war in dem töchterreichen Geheimerathsviertel von Berlin eine sehr beliebte Erscheinung, aber Moltke blieb kalt und schweigsam bei allen Versuchen sein Herz zu erobern, da er wohl wußte, wie wenig seine Lieutenantsgage ausreichen würde, um die zarten unhäuslichen Damen in den Hafen der Ehe zu führen. Um sich gegen sie und gegen sich selbst zu waffnen, hatte er eine satirische Haltung in der Gesellschaft angenommen und ließ nicht leicht eine Gelegenheit vorübergehen, wo er eine Neckerei anbringen konnte.

So war er einmal bei einem Abendessen gegenwärtig, bei dem eine der Töchter des Hauses ihre Kochkunst zeigen wollte. Sie brachte eine ganz appetitlich und stattlich aussehende Sülze auf den Tisch und schnitt sie mit ersichtlicher Mühe in Stücke, die sie dann stolz herumreichte; aber jeder Gast legte entsetzt die Gabel wieder aus der Hand und ließ die Speise unberührt aus dem Teller liegen. Der Grund ward alsbald entdeckt: es war ein sehr kalter Winter und die Sülze war in Folge dessen steinhart gefroren! Alles lachte. Vierzehn Tage später führte der Weihnachtsabend dieselbe Gesellschaft wieder zusammen. Lieutenant von Moltke überreichte schalkhaft der betreffenden jungen Dame eine große Düte mit Zuckerwerk – sie greift erfreut hinein und findet zu ihrem Schrecken einen kalten Stein darin, der mosaikartig glänzt. Bei näherer Besichtigung ist es das noch immer hartgefrorene Stückchen Sülze, welches er damals sorgfältig aufbewahrt hatte und nun aus Scherz wieder mitbrachte. Er hatte die Lacher auf seiner Seite, aber die jungen Damen fanden heimlich etwas Symbolisches in dem Stückchen Eis und gewöhnten sich sein Herz damit zu vergleichen. Er fand nicht als Lieutenant und nicht als Hauptmann Gelegenheit, sie eines Besseren zu überzeugen: erst als General und schon ziemlich bejahrt gelangte er dazu, sich zu verheirathen, und zwar mit einem viel jüngeren Mädchen, der Stieftochter seiner Schwester. Die liebenswürdige Frau wußte sich ganz in ihn zu finden; sie schrieb Kriegsstudien nach seinen Diktaten und ritt wie ein guter Cavallerist stundenlang an seiner Seite bei Wind und Wetter. Nach einem solchen forcirten Ritt erkrankte sie einmal an einer heftigen Erkältung und starb ganz plötzlich. Seit zwei Jahren betrauert sie der verwittwete General. Er ist gänzlich kinderlos und hat auch sollst keine näheren Verwandten, die seine Reichtümer erben könnten. Daher ist er noch immer der Gegenstand von Heirathsplänen, und Fama strebt darnach, ihm zum Lorbeer die Myrthe zu verschaffen, alle Augenblicke bringt sie Verlobungsgerüchte über ihn in Umlauf, ja sie erfand sogar das Märchen, seine Braut sei in Paris, und darum hätte er so lange mit dem Bombardement gezögert. Wir glauben, daß heute nur Bellolla das Herz Moltke’s besitzt.