Textdaten
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Autor: Theodor Müller
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Titel: Gerstäcker ist da!“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 477
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[477] „Gerstäcker ist da!“ Dieser Ruf ging eines Tages im Jahre 1850 unter den Deutschen Adelaides in Südaustralien von Mund zu Mund und erreichte auch mich. Ich hatte Gerstäcker bereits in der Heimath kennen gelernt, als er sich im Jahre 1848 zu seiner großen Reise rüstete, und auf meine Bemerkung, daß auch ich entschlossen sei, meinem Vaterlande Ade zu sagen, und Australien zu meinem Ziele gewählt habe, erwiderte er mir, daß wir uns dort vielleicht wiedersehen würden, da auch er auf dieser Reise, von der Westküste Amerikas aus, Australien zu besuchen gedenke.

„Gerstäcker ist da!“ Er hatte also Wort gehalten und bald sollte ich ihn sprechen. Es wurde mir mitgetheilt, daß er Briefe aus der Heimath für mich habe, was ich jedoch nicht für möglich hielt, da ich die Heimath später verließ als er. Dennoch ging ich sofort in das Hôtel, welches er bewohnte, und fand durch ihn auch meine Voraussetzung bestätigt. Einem Dresdener gleichen Namens, welcher schon früher nach hier ausgewandert war, galten diese Briefe, und ich erwähne diesen Umstand nur, weil er eben den Mann charakterisirt. Wie Viele nehmen Briefe unter den heiligsten Versprechungen gewissenhafter Besorgung mit hinaus in ferne Welttheile, bekümmern sich aber dann nicht weiter darum, es sei denn, der Empfänger liefe ihnen gerade in den Weg, oder die Adresse verspräche eine nutzbringende Einführung. Gerstäcker aber hatte diese Briefe während seiner großen Reise Jahre lang treulich aufbewahrt und eilte nun, kaum in Adelaide angekommen, sich nach dem Empfänger derselben umzusehen.

Wir Deutschen in Adelaide waren zu jener Zeit eine sonderbare Clique. Die Jahre 1848 und 1849 hatten von Deutschland aus eine andere Classe Menschen an diesen fernen Strand geführt, als man gewöhnlich unter dem Worte „Auswanderer“ versteht. Kaufleute, Architekten, Studirende, selbst Officiere aus der Armee, Alle noch in jugendlichem Alter, fanden sich hier zusammen und gingen den mannigfachsten Beschäftigungen nach, von welchen wohl kaum Einer sich früher hätte träumen lassen; denn die große Goldepoche Australiens war noch nicht angebrochen und man suchte mit harter Arbeit sein Leben zu fristen.

Am Tage war man Handlanger, Steinbrecher etc. oder handelte mit diesem und jenem Artikel, der einigen Gewinn abwarf; sank aber die Sonne am Horizonte, so entpuppten sich die verschiedenen Arbeiter, warfen die staubigen und beschmutzten Hüllen von sich und fanden sich als eine anständige und gebildete Gesellschaft Abends bei Pollmann u. Wiener zusammen. „Pollmann u. Wiener“ (seligen Gedenkens!) war ein deutsches Café und unbestritten die feinste Restauration und Conditorei in Adelaide. Hier trank man eine feine Tasse Kaffee oder Chocolade, rauchte eine gute Cigarre, las, wenn Schiffe eingegangen waren, die mitgebrachten neuesten Zeitungen (denn einen regelmäßigen Postverkehr zwischen Europa und Australien gab es zu jener Zeit noch nicht), fand angenehme gebildete Gesellschaft englischer und deutscher Nationalität und hatte oft einen hohen musikalischen Genuß durch gediegene Vorträge auf dem Pianoforte, wie auch durch Solo- und Quartett-Gesang.

Und hier saßen wir auch jenen Abend Alle, Handlanger, Steinbrecher, Hausirer und Tagelöhner, und Gerstäcker, der Gefeierte, mitten unter uns.

Wir lauschten seinen Erzählungen und besonders derjenigen seiner abenteuerlichen und gefährlichen Fahrt auf dem größten Stromgebiete Australiens. Er war ganz allein in einem Boote von New-South-Wales den Darling herabgeschwommen und hatte nach dessen Erguß in den Murray, den Hauptfluß Australiens, auf dem letztern seine Reise bis in die bewohnten Districte Südaustraliens fortgesetzt.

Seine Tiefemessung behufs der Navigation dieses größten aller australischen Flüsse legte er dem damaligen Governor der Colonie Süd-Australien vor und bewies die Schiffbarkeit dieses Stromes.

Längst schon keuchen die Dampfschiffe den Strom auf und ab, drei Colonien im Innern verbindend; längst schon sind seine Ufer aufgenommen als vorzügliche Weideplätze; Ansiedelungen und blühende Stapelplätze spiegeln sich in seinem Gewässer; aber Gerstäcker’s Messungen und Aufzeichnungen während seiner einsamen Fahrt auf dieser großen Wasserstraße durch die Wildniß haben nicht wenig dazu beigetragen, die Ausführung dieses großen und segensreichen Unternehmens zu beschleunigen.

Gänzlich abgerissen durch die lange Reise, während welcher er keinen Ersatz finden konnte, kam Gerstäcker in Adelaide an, und seine Verlegenheit stieg, als er sein Gepäck, welches er Monate vorher in Sidney zur Beförderung per Schiff nach Adelaide abgegeben, hierselbst noch nicht vorfand. Doch diesem Mangel ward bald abgeholfen, und wohl und munter, mit sonnenverbranntem Gesicht saß der gefeierte, kühne Reisende nun bei Pollmann und Wiener.

Wie waren wir so froh und heiter! Wie schäumte die frohe Laune, wie sprudelten die Witze, oft trefflich zündend, wie ward der Becher der Erinnerung an die alte liebe Heimath bis auf den letzten Tropfen geleert! Der feurige Capwein unterstützte die heitere Stimmung der Gesellschaft und immer neuer Stoff wurde herbeigeschafft, die Flamme des Frohsinns zu unterhalten.

Da rief plötzlich eine Stimme, die einem Dresdener angehörte (und Dresden hatte jenen Abend ein starkes Contingent gestellt):

„Kennen Sie denn auch Magnus?“

Allgemeines Gelächter folgte dieser Frage, und Gerstäcker antwortete ebenfalls lachend:

„Ei, wie sollt’ ich den nicht kennen!“

„Und Kuno, den geschundenen Raubritter, diesen göttlichen Bühnen-Blödsinn?“ fragte eine andere Stimme.

Erneutes Gelächter, in welches aber sonderbarer Weise Gerstäcker diesmal nicht mit einstimmte. Es zuckte auf seinem Gesichte, es zwinkerte um seine Augen, aber es folgte kein Ausbruch froher Laune, wie bei den Uebrigen, weshalb die Frage an ihn wiederholt wurde.

„Ja wohl, meine Herren,“ erwiderte er nun fast ernsthaft. „Ja wohl kenne ich das Stück, aber kennen Sie denn nicht den Verfasser desselben?“

„Nein, nein!“ rief es lachend im Chor.

„Heraus mit dem Namen! Wer ist der Hochbegabte? wer ist der Dichter des geschundenen Raubritters?“

„Sie kennen ihn in der That nicht?“ fragte Gerstäcker wiederholt, während sein Auge lustig fragend die Runde machte.

Eine allgemeine stürmische Verneinung wurde wiederholt.

„Dann, meine Herren,“ rief Gerstäcker, „muß ich Ihnen mittheilen: der Dichter bin ich!“

Wir saßen plötzlich versteinert und blickten ungläubig in Gerstäcker’s Gesicht, darin aber lag unverkennbar der Genuß ausgedrückt, den unser Erstaunen und unsere ungläubigen Gesichter ihm bereiteten. Aber nicht lange währte dies, wir fühlten und sahen: Gerstäcker hatte die Wahrheit gesagt, er war der Dichter dieses non plus ultra aller Ritterstücke. Die Gläser füllten sich auf’s Neue und klangen an einander.

„Gerstäcker hoch! Der Dichter des geschundenen Raubritters hoch!“ erscholl es im Kreise und der Jubel erreichte seinen Höhepunkt. –

Gerstäcker ist nicht mehr! Mancher von uns, die jenen Abend mit gefeiert, ist auch zur Ruhe gegangen, und wir Uebrigen sind nach allen Winden zerstreut. Trotzdem, und im frommen Gedenken Gerstäcker’s, fühlte ich mich versucht, diesen auf so ferner Erde verlebten Abend dem Vergessen zu entreißen und hiermit eine Pflicht des Gedenkens gegen den Todten wie gegen die noch Lebenden zu erfüllen.

Theodor Müller.