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Autor: Albert Ritter
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Titel: Geleit
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aus: Die unbekannten Meister – Dantes Werke, S. 5 - 9
Herausgeber: Albert Ritter
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Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: Gustav Grosser Verlag
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Die unbekannten Meister - Dantes Werke, S. 5 - S. 9, Hrsg. von Albert Ritter, Gustav Grosser Verlag, Berlin, 1922
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Zum Geleit

Als Dante Alighieri vor nunmehr 600 Jahren am 14. September 1321 zu Ravenna starb, war er wohl in seinem Vaterlande als Dichter bekannt und verehrt, aber jenseits der Grenzen Italiens mochte er, selbst wenn wir dem so wenig kritischen Bericht Boccaccios in seiner Dantebiographie Glauben schenken, kaum außerhalb gelehrter Kreise einiges Ansehen genossen haben. Seitdem ist der Ruhm seines Namens immer weiter hinausgedrungen in die Welt und so gewaltig angewachsen, daß sich selbst in diesen Zeiten tiefsten völkischen Zwiespaltes alle Nationen einen in der Feier dieses Gedenktages.

Trotzdem nach dem oben erwähnten Boccaccio, dem bekannten Dichter, und dem fast gleichaltrigen Villani gar viele Verehrer Dantes über sein Leben geschrieben haben, wissen wir Tatsächliches darüber kaum mehr als das, was er selbst in seinen Werken angedeutet hat. Sein Geburtsjahr können wir bloß ungefähr berechnen: danach hat er im Jahre 1265, und zwar im Frühjahr das Licht der Welt erblickt. Von seinen Eltern ist uns nur die edle Abkunft der Mutter bekannt, und von seinen persönlichen Erlebnissen stehen eine sein ganzes Leben beherrschende Liebe zu einer früh Verstorbenen und seine politische Ideen mit all ihren Folgen so sehr im Vordergrund, daß sie fast alles übrige beschatten.

Die uns unbekannte Geliebte nennt er Beatrice, und man hat an diesen Namen anknüpfend ihre Person zu bestimmen und daraus weiter Rückschlüsse auf sein Leben zu ziehen versucht. Aber so, wie er im „Neuen Leben“ jeden Ortsnamen verschweigt, scheint er auch mit dem Namen Beatrice eine Verhüllung statt einer Aufklärung gegeben zu haben. Ich selbst bin von meiner früheren Anschauung, sie habe wirklich Beatrice geheißen und ihre Vermählung sei eine feststehende Tatsache, immer mehr abgekommen. Der bei uns in Deutschland von Karl Federn vertretene Gedanke, daß ihre in dem „Neuen Leben“ erwähnte Anwesenheit auf einer Hochzeit eine Vermählung durchaus nicht notwendig zur Voraussetzung habe, scheint mir immer wahrscheinlicher, und ebenso hat die wohl für jeden auffällige eigenartige Wendung in diesem Werke über ihren Namen meinen Zweifel daran, daß er wirklich so gelautet habe, immer mehr gefestigt. Aber das heißt noch nicht so weit gehen wie Rossetti und seine Anhänger und damit auch die Realität dieser ganzen Persönlichkeit anzweifeln. Wohl hat Dante in [6] höherem Alter die Vieldeutigkeit seiner Dichtwerke darzulegen versucht, doch gerade aus den Gedichten im „Neuen Leben“ und aus den übrigen lyrischen Schöpfungen spricht so viel leidenschaftliches inneres Erleben, daß ihre Entstehung als rein symbolisch gemeinte Dichtungen ganz unwahrscheinlich ist und wir vielmehr annehmen können, er habe erst späterhin, um ihnen eine größere Allgemeinbedeutsamkeit zu geben oder das persönliche Erlebnis zu verhüllen, andere Gedanken unterzulegen versucht. Andererseits ist es sehr unwahrscheinlich, daß man sich unter dem Eindrucke eines seelischen Erlebnisses, das einen Mann wie Dante bis in sein Lebensende hinein beherrschte und begleitete, bei der Abfassung von Dichtungen, die überzeugend den Niederschlag dieses Erlebnisses darstellen, zugleich von derartigen Spekulationen beherrschen und beeinflussen läßt. Wieweit die Nachwirkungen dieses Erlebnisses mit der unter dem Namen Beatrice Gefeierten reichen, dafür ist neben dem „Neuen Leben“ und den lyrischen Gedichten das gewaltige Epos, die „Komödie“, ein überwältigender Beweis.

Ebenso tiefgreifend wirkte Dantes politische Überzeugung auf sein Leben ein. Sie führte ihn in seiner Vaterstadt Florenz – an der Spitze der Ghibellinischen Partei, der kaiserlich gesinnten „Weißen“ – empor zu einem Verwaltungssitze in der Regierung, hatte dann, bei dem Sturze dieser Partei, seine Flucht und seine Ächtung (1302) zur Folge und zwang ihn, sein Leben als Verbannter fern der geliebten Heimatstadt zu beenden, weil er es stolz abgelehnt hat, als Demütiger die Gnade seiner Gegner anzunehmen. Seine Hoffnungen auf die Erfolge des aus Deutschland heranziehenden römischen Kaisers Deutscher Nation Heinrich VII. und auf die Begründung eines friedebringenden Weltreiches unter dem Zepter eines solchen Kaisers erfüllten sich nicht, brachen wohl schon endgültig zusammen, als Heinrich inmitten seines Italienzuges dahinstarb.

An dritter Stelle müßte man die Liebe zu seiner Heimat Italien im weiteren Sinne, Florenz im engeren Sinne anführen. Auch sie hat, unabhängig von der politischen Seite dieses Gefühls, seinem Schaffen ihren Stempel aufgedrückt. Das zeigen nicht nur seine zwei Abhandlungen „Über die Volkssprache“, die bloß den Anfang einer umfangreicher geplanten Arbeit bilden, oder jene Ausführungen, die er in anderen Werken diesem Thema gewidmet hat, – nein, vor allem die Tatsache, daß er, wie seine Lyrik, so auch sein gewaltiges Epos, die „Komödie“, in dieser Volkssprache verfaßt und dem Vorwurfe getrotzt hat, durch die Ausschaltung des als Gelehrten- und Kunstsprache herrschenden Latein sein Werk herabzuwürdigen und zu verflachen. So leistete er, was nach ihm in Deutschland Luther geleistet hat, als er in seiner Bibelübersetzung gegenüber den verschiedenen Dialekten eine Schriftsprache schuf.

[7] Keinerlei Einfluß verspüren wir hingegen von der Ehe, die er, angeblich auf Drängen seiner Eltern, nach dem Tode der geliebten Beatrice mit der Tochter eines angesehenen Guelfen eingegangen ist. Doch nimmt man vielfach an, daß einige Dichtungen aus der Zeit vor der Ehe der späteren Gattin galten. Von sonstigen Herzenserlebnissen, die seine leidenschaftliche Natur mehrfach gehabt haben soll, spricht hauptsächlich einer seiner Briefe neben den Andeutungen in seiner Lyrik. Selbst sein Äußeres wird verschiedenartig überliefert, und neben dem bekannten charakteristischen Dantekopf finden wir in Wort und Bild auch einen Mann mit schwarzem krausen Bart und Haar dargestellt, so wie ihn uns Boccaccio schildert. Der Gegenwart will diese Vorstellung kaum noch eingehen.

Ist es somit sehr wenig, was sich außer dem von ihm selbst Überlieferten über sein Leben berichten läßt, so ergibt sich doch daraus unzweideutig, wie fest miteinander verknüpft große Teile seines Lebenswerkes sind, und wieviel denen entgeht, die Dante nur aus seiner „Komödie“, aus Biographien und Kommentaren zur „Komödie“ kennenlernen. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand die vorliegende Ausgabe seiner Werke: Das Gesamtschaffen des Dichters soll, soweit es zum Verständnis und zur Würdigung seiner Persönlichkeit notwendig ist, zusammengestellt werden. Es soll gewissermaßen eine Einführung in des Dichters Wesen durch sein Werk, durch ihn selbst sein. Von diesem Gesichtspunkt aus wurde die Wahl getroffen. Daher beginnt die vorliegende Ausgabe mit seinem „Neuen Leben“, an das sich seine Kanzonen, seine Balladen und seine Sonette anschließen, von denen ja einige ursprünglich zu dem Liederkranze des „Neuen Lebens“ gehörten. Die von Dante selbst dem „Neuen Leben“ eingefügten sogenannten „Divisionen“, die Erläuterungen der einzelnen Gedichte nach Aufbau und Einteilung, habe ich, nach dem Vorbilde der alten Ausgaben, wenn auch im Widerspruch zu vielen modernen Herausgebern, die gerade an dieser scholastischen Art ein gewisses archaistisches Vergnügen empfinden, wieder mit in den Kommentar genommen. Dort findet sich auch vieles aus seiner unvollendeten Schrift, „Das Gastmahl“, das in ähnlichem Sinne an die ersten drei Kanzonen anknüpft, und der „Volkssprache“.

Von der „Göttlichen Komödie“ bringt die vorliegende Ausgabe die Übersetzung August Wilhelm Schlegels, – ein Torso, aber aus obigem Gedankengange wie geschaffen für diese Sammlung. Denn einerseits scheint mir diese fast ganz vergessene Übertragung des Altmeisters der Übersetzungskunst wohl wert, aus unverdienter Vergessenheit gerissen zu werden; andererseits besitzen wir noch heute trotz den vorzüglichen Übertragungen und Nachdichtungen eines Philaletes (König Johann von Sachsen), eines Gildemeister und Pochhammer nicht die Übersetzung, und Schlegels unbeendete Nachdichtung scheint mir [8] ein wichtiger Baustein zu diesem Zukunftswerk; und drittens dürfte nach meiner vielseitig gemachten Erfahrung gerade eine nicht ganz vollständige Übersetzung mit entsprechender Ergänzung am geeignetsten sein, diejenigen für die „Komödie“ zu gewinnen, die vor dem Gesamtwerke bisher zurückgescheut oder erlahmt sind. Nimmt man dazu, daß auch nach Ansicht der leidenschaftlichen Danteverehrer jeder, der das Original nicht voll zu genießen vermag, mehrere der vollendetsten Nachschöpfungen nebeneinander und gegeneinander lesen und genießen solle, so wird auch bei diesen der hier eingeschlagene Weg Zustimmung finden.

Von Schlegel stammen auch, wie aus dem Kommentar ersichtlich ist, eine Kanzone, eine Ballade und ein Sonett. Die übrigen Gedichte wurden von mir selbst teils vollständig neu übertragen, teils in Anlehnung an Karl Förster und ein wenig auch an Karl Ludwig Kannegießer und Karl Krafft überarbeitet. Je mehr ich mich mit dem Stoffe beschäftigte, um so tiefgreifender ist allmählich diese Bearbeitung oder Umarbeitung geworden, und vielfach sind nur noch einige Reime erhalten geblieben. Zum Teil ist das auf unser verändertes Sprachgefühl zurückzuführen. Viel wirkte dabei auch mein Widerstreben mit, männliche Reime beizubehalten oder gar, wie es Krafft nach dem Vorbilde von Philaletes tat, Reime zugunsten des Sinnes ganz auszuschalten. Ich habe, je mehr ich mich damit beschäftigte, um so weniger wahrnehmen können, daß der Reim eine solche Vergewaltigung des Sinnes nötig mache, wie man es nach den meisten gereimten und selbst ungereimten Übertragungen annehmen sollte. Dort natürlich, wo der Sinn den erstrebten Reim nicht zuläßt, mußte dieser zugunsten des ersteren weichen durch Vereinfachung der Reimzahl, durch Verwendung des männlichen Reimes usw. Aber sind Abweichungen nur in winzigem Umfange nötig oder ganz vermeidbar, dann empfinde ich diese Erleichterung für den Nachdichter keineswegs als die Unwichtigkeit, zu der sie zum Beispiel Federn stempelt. Vor allem bedaure ich bei aller Hochschätzung gerade dieses Förderers unseres Wissens um Dante, seine Übertragung der Dichtungen im „Neuen Leben“ als dem Stil zuwider empfinden zu müssen, genau so wie ich den männlichen Reim als eine Härte empfinde, die der Weichheit des Originals und damit seinem Grundcharakter viel mehr Abbruch tut als manche geringe Textabweichung. Nicht als Abweichung um des Reimes willen dürfen Stellen gelten, die das Bild des Dichters der Gegenwart durch Ausdeutung verständlicher machen und damit die ursprüngliche Wirkung wiederherstellen sollen, z.B. in den drei letzten Zeilen des vierzehnten Sonetts. Natürlich auch nicht die Übertragung von „Amor“ durch „Minne“, die ich nach Hausers Vorgang bei sämtlichen lyrischen Dichtungen durchgeführt habe, weil dies Wort wohl am vollkommensten [9] den Sinn wiedergibt. Ist doch die enge Verwandtschaft des Minnegesanges mit den Dichtwerken Dantes und seiner Zeit unbestreitbar.

Die Prosa im „Neuen Leben“ ist mit geringen Änderungen die Wiedergabe der guten Försterschen Übertragung. Den Beschluß der vorliegenden Ausgabe bilden der erste Abschnitt aus der „Monarchie“ und Briefe, beides, wie auch die Anführungen aus dem „Gastmahl“ und der „Volkssprache“, nach Kannegießers Übertragung. Fortgefallen ist zunächst alles, dessen Ursprung zweifelhaft ist, also ein Teil der Lyrik, der „Geistlichen Lieder“ und die Epigramme; ferner von den Briefen neben den zweifelhaften auch die für weitere Kreise belanglosen. Von der „Monarchie“ die ebenfalls für größere Leserkreise heute unwichtigen und ermüdenden zwei letzten Teile, deren Inhalt im Anfange des wiedergegebenen Abschnittes genügend gekennzeichnet ist. Immerhin schien es mir zweckmäßig, im Anhange einige der im Hauptteil fortgelassenen umstrittenen Dichtungen zu bringen, in erster Reihe, weil sie manches ergänzende Streiflicht auf das Denken und Leben des Dichters werfen dürften, wenn sie dennoch echt wären, dann auch, weil ein Vergleich in einzelnen Fällen dem Leser einen Einblick in die Schwierigkeit der Sichtungsarbeit wenigstens andeutungsweise gestattet. Zu den biographisch evtl. wichtigen Stücken gehört der eigentlich nur von Krauß, wenn auch überzeugend, angefochtene poetische Briefwechsel mit Johannes de Virgilio. Ferner bringe ich dort zwei der „Geistlichen Lieder“, und zwar aus dem „Glaubensbekenntnis“.

Aus den beiden andern Prosawerken, der „Volkssprache“ und dem „Gastmahl“, findet sich im Kommentar – wo ich bemüht war, in erster Reihe Dante selbst zu Worte kommen zu lassen – das für den heutigen Leser Wesentliche. Von seinen scholastischen Exkursen über den Aufbau seiner Dichtungen schienen mir die „Divisionen“ zum „Neuen Leben“ genügend zu bieten, um dem Leser einen Begriff davon zu geben, ohne die Befürchtung zu wecken, sie könnten die Lust an den Dichtungen rauben, statt beleben.

Wenn ich nun die vorliegende Ausgabe mit dem Gefühl hinaussende, daß sie viel dazu beitragen kann, Liebe und Verständnis für Dante zu wecken und auch bei denen zu steigern, die sich bisher nur mit der „Komödie“ beschäftigt haben, so bleibe ich mir doch völlig bewußt, daß sie nur einen Schritt darstellt auf dem Wege zu dem mir vorgesetzten Ziel. Der Erfolg dieser Ausgabe würde mir eine Bestätigung sein dafür, daß ich auf dem rechten Wege bin.

A. R.