Textdaten
<<< >>>
Autor: G. Arnold
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Gaudeamus!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 165–167
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[165]
Die Gartenlaube (1870) b 165.jpg

Victor Scheffel.


Gaudeamus!

Gaudeamus. So lautet der Titel jener hochpoetischen, durch die Frische ihres Humors und durch die Unmittelbarkeit ihrer Empfindung gleich ausgezeichneten Lieder, welche den Namen ihres Verfassers zuerst in weitesten Kreisen bekannt gemacht und wiederholt schon in verschiedenen Ausgaben Verbreitung gefunden haben. Wir setzen darum ihren Titel auch den nachfolgenden biographischen Mittheilungen über den Dichter vor, der von seinem „Trompeter von Säckingen“ bis zu den erst vor wenigen Wochen erschienenen „Bergpsalmen“ sich immer in steigender Gunst bei seinen Lesern zu erhalten wußte. Geboren im Jahre 1826 zu Karlsruhe in Baden, wo sein Vater, ein verdienter Major und Veteran aus den Befreiungskriegen, im Winter 1869 gestorben ist, erhielt Joseph Victor Scheffel seine erste Ausbildung in dem Lyceum seiner Vaterstadt, einer Gelehrtenschule, die sich damals eines hohen Rufes erfreute und für die vorzüglichste in Baden galt. Mochte sich auch gegen die Richtung des einen und andern unter den Lehrern Manches einwenden lassen, so waren es doch zumeist bedeutende Männer, welche in ihren Fächern anregend wirkten und die Selbstthätigkeit der Schüler in der fruchtbringendsten Weise lebendig zu machen verstanden.

Dabei herrschte im äußern Leben der Lyceisten kein allzustrenger Zwang, manche Vorrechte der Studenten durfte sich die frohe, lebenslustige Jugend herausnehmen, und was in einer größeren Stadt zu erlauben bedenklich gewesen wäre, war in dem kleinen, bürgerlich soliden Karlsruhe ohne schlimme Folgen.

An sonstiger Anregung fehlte es in der Residenz auch nicht. Das Theater besaß vorzügliche Kräfte und wurde von den Lyceisten fleißig besucht, und selbst die Politik, sonst der Jugend fremd, bewegte das heranwachsende Geschlecht. Damals war ja Baden der Brennpunkt, wohin sich in ganz Deutschland Aller Augen richteten; und wenn auch Mannheim der Heerd des politischen Treibens war, so versammelte doch die Kammer eine Reihe von Männern in Karlsruhe, deren [166] Namen noch jetzt in Baden und über seine engen Grenzen hinaus unvergeßlich sind: Itzstein, Welcker, Bassermann, Hecker, Mathy, Soiron! Mit reger Theilnahme las man die Berichte, in freien Stunden besuchte man die Gallerie des Ständehauses; der graue Filz, damals Heckerhut genannt, im Jahre 1849 geächtet, trat an die Stelle der harmlosen Mütze, und Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch mit Vergnügen an das komische Entsetzen, womit einer der Lehrer beim Erblicken eines mit dieser Kopfbedeckung geschmückten Schülers in breiter, schwäbischer Mundart in die Worte ausbrach: „Schon wieder ein Hätchen!“

Mit Ehren und als einer der besten Schüler machte Joseph Victor die ganze Anstalt durch und bezog zu Anfang der vierziger Jahre die Hochschule, um die Rechtswissenschaft zu studiren. In Heidelberg schloß er sich einer der sogenannten Fortschrittsverbindungen an; an der badischen Revolution, die so viele seiner früheren Karlsruher Schulcameraden, und nicht gerade die unbegabtesten, in jahrelanges Exil trieb, hat er sich nicht betheiligt.

Nach zurückgelegter Prüfung treffen wir unsern Dichter als Rechtspraktikanten in dem Städtchen Säckingen. Wohl mochte dem jungen Manne der Abstand zwischen der Residenz, seiner Vaterstadt, oder dem geistig bewegten Leben einer Universität gegen das kleine Amtsstädtchen gewaltig erscheinen. Doch konnte ihn die herrliche Gegend für Vieles entschädigen; mit befreundeten Familien wurden Ausflüge in die Thäler gemacht, die sich vom Feldberg, diesem badischen St. Gotthard, nach allen Himmelsgegenden herabziehen; im Rhein, der nach seinem Fall bei Schaffhausen in wildem Laufe an den vier Waldstädten Waldshut, Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden vorüberrennt, bewährte sich Scheffel als muthigen, ja verwegenen Schwimmer, der, den Hut zum Gruß schwenkend, mehr als einmal unter der Brücke zu Säckingen durchschwamm, und in den herrlichen Wäldern der Umgegend wurde im Freundeskreis, unter Sang und Klang, manch’ Fäßchen schäumenden Gerstensaftes geleert. Auf dem Amt, einem früheren Damenstift, gab es anziehende Urkunden die Menge, und so entstand, nach einer wahren Begebenheit, das Erstlingsweck Scheffel’s: „Der Trompeter von Säckingen“, eine Dichtung, die durch ihre frische Natürlichkeit einen wohlthuenden Gegensatz gegen das damals auf seiner Höhe stehende Amaranthfieber bildete. Doch nicht allzulange verweilte Scheffel in der alten Stadt des heiligen Fridolin.

Sagte ihm das Leben in dem kleinen Städtchen nicht mehr zu oder konnte er sich nicht mit dem Gedanken befreunden, nach zurückgelegter Praktikantenzeit als Amtsvorstand und hochmögender Gebieter, sonst auch Pascha genannt, etwa im Odenwald, wo „Füchse und Hasen einander gute Nacht sagen“, oder auf der Höhe des Schwarzwaldes, wo der Sommer nur allzu oft ein „grün angestrichener Winter“ ist, zu versauern und seine einzige geistige Erholung im Biertarok, hier zu Lande Caeco genannt, zu suchen; genug, er gab die Juristerei auf, und nun beginnt für ihn ein Wanderleben. Indeß besaß er eine anerkannte Gabe, sich in die Leute jener Gegend, die rauhen und biderben „Hotzen“, einzuleben, und namentlich auch, sie in ihrer Mundart anzureden, und bis auf den heutigen Tag steht er bei Vielen in freundlicher und dankbarer Erinnerung.

Längere Zeit verweilte er als Fürstenbergischer Archivbeamter in Donaueschingen. Die Stadt ist gleichfalls klein, die Gegend rauh und an Schönheit mit dem romantischen Oberrhein gar nicht zu vergleichen, aber am Hofe der kunstliebenden Fürsten von Fürstenberg gab und giebt es eine Reihe geistig bedeutender Beamter, und eine an alten Handschriften und Werken reiche Bibliothek reizte zu Forschungen, namentlich über das Mittelalter.

Die geologisch nicht uninteressante Gegend, wo der granitische Schwarzwald hart an den schwäbischen Jura, diesen Lieblingsaufenthalt der Ichthyosauren stößt, wo in nicht bedeutender Entfernung die Molassehügel sich zum See hinabsenken, durchbrochen vom eruptiven Klingstein mit dem seltenen Natrolith, hat wohl in unserem Dichter jene köstlichen geologischen Lieder geweckt, die namentlich bei der allen Teilnehmern unvergeßlichen Naturforscher-Versammlung zu Karlsruhe im Jahre 1858 so ungetheilten Jubel hervorriefen, besonders die Verse:

„Es rauscht in den Schachtelhalmen, verdächtig leuchtet das Meer,
Da schwimmt mit Thränen im Auge ein Ichthyosaurus daher.“

Unendlich war die Begeisterung bei den Worten:

„Da war es denn zu Ende mit der ganzen Saurierei,
Sie kamen zu tief in die Kreide, da war es natürlich vorbei!“

Früchte seiner mittelalterlichen Studien gab unser Dichter in dem Romane „Ekkehard“ und in seiner „Frau Aventiure“, einem reizenden Büchlein, in welchem Scheffel theils ganz frei gestaltend, theils sich an ein Thema mittelalterlicher Sänger anlehnend, der Jetztzeit die Poesie des Minnegesangs, der fahrenden Ritter und Schüler in scherzhaften oder auch in tief zu Herzen gehenden Liedern vorführt. Sein gekanntestes Werk aber, sein Gaudeamus, entstand bei einem zweiten längeren Verweilen in Heidelberg.

Ein „engerer“ Freundeskreis, der sich jeden Mittwoch versammelte und in dem „ein Meister, dessen Tod wir klagen,“ der allzufrüh hingegangene Häusser, mit anerkannter Meisterschaft die Bowle bereitete, lockte jene Funken des unübertrefflichen Humors, den letzten Ichthyosaurus, den alten Granit, den erratischen Block, das Guanobild hervor, die als „Lieder aus dem Engern“, zuerst als lose Blätter verbreitet, dem Namen Scheffel’s bald die weiteste Verbreitung gaben. Namentlich der studirenden, sangesfrohen Jugend hat unser Dichter mit diesen Gesängen eine bleibende Gabe geschenkt, und wer vermöchte ernst zu bleiben beim Klange des Liedes: „Im schwarzen Wallfisch zu Askalon“, oder:

„Wer reit’t mit zwanzig Knappen ein
Zu Heidelberg im Hirschen?
Das ist der Herr von Rodenstein,
Auf Rheinwein will er pirschen.“

Oder wer vermöchte nicht den unendlichen Humor nachzufühlen, der aus so flotten Liedern, wie „der Fünfundzechziger“ hervorbricht, dessen letzte Strophe lautet:

Derweilen ging draus auf dem Damme
Spießtragend ein vierter vorbei,
Der blies eine wundersame
Gewaltige Melodei:
„Ihr Herren, und lasset euch sagen,
Die Stadtgemeinde braucht Schlaf,
Die Glocke hat elf Uhr geschlagen,
Wer jetzt nicht zu Bett geht, zahlt Straf’.“

Und in jenen Tagen entstand auch jenes geheimnißvolle Lied vom „Enderle von Ketsch“, in dem es heißt:

Ott Heinrich, der Pfalzgraf bei Rheine,
Der sprach eines Morgens: rem blemm!
Ich pfeif’ auf die saueren Weine,
Ich geh’ nach Jerusalem! etc.

Auch als Scheffel eine Römerfahrt antrat und längere Zeit in Italien verweilte, erfreute er den heimischen Freundeskreis, der emsig beflissen war, „den Mittwoch in den Donnerstag zu längern“, durch „Lieder aus dem Weitern“. Wollte ich sie alle genügend würdigen, so müßte ich diese Zeilen allzuweit ausdehnen, deren Zweck keine eingehende Charakteristik ist – diese behält sich die Gartenlaube für spätere Zeit vor – sondern nur der, biographische Mittheilungen über einen Dichter zu geben, der jüngst erst wieder durch sein neuestes Werk „die Bergpsalmen“ die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise auf sich gezogen hat. Wer Scheffel’s Lieder, wer seine Poesie aus der Zeit des Gaudeamus recht verstehen will, der gehe dahin, wo sie entstanden oder wohin sie gerichtet sind, in’s herrliche Heidelberg. Hat er Herz und Gemüth an der „alten, schicksalskundigen Burg“, an den Wäldern und am rauschenden Strom erfreut; hat er einen Blick auf das liedgefeierte Tegulinum-Ziegelhausen herabgeworfen oder fern am Horizont, dort am Rheinufer hinter Schwetzingen, den Kirchthurm von Ketsch gesucht: so kehre er dann ein, „wo man einen Guten schenkt“, etwa im alterthümlichen Ritter. Ist er nicht schon unterwegs von einem jener plötzlichen Güsse erweicht worden, die Heidelberg den Vers eintrugen:

Heidelberg, du schöne Stadt,
Wenn es nicht geregnet hat,

und welche der Pfälzer Dichter Nadler in seinem „Brand im Huzzelwald“ so köstlich geschildet hat, so wird er beim Safte der Reben, welchen die Sonne an den Hügeln der gesegneten Pfalz gekocht hat, bald mit Scheffel finden, daß „der Genius loci Heidelbergs feucht ist“ und daß in der Pfalz „die Leber auf der Sommerseite liegt“. Ist ein Freund dabei oder trifft er einen Genossen der fröhlichen Studentenzeit auf der alten Ruperto-Carolina, mit dem er alte Erinnerungen auffrischt, so möchte es ihm wohl gehen wie jenem Hildebrand und Hadubrand unseres Dichters:

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand
 Hadubrand
Tranken sich Beid’ einen Riesenbrand.

[167] und er wird am andern Morgen jene Worte zu würdigen wissen:

„Ein wildes Kopfweh, erst der letzten Nacht entstammt,
Durchsäuselte die Luft mit mattem Flügelschlag,
Und ein Gefühl von Armuth lag auf Berg und Thal.“

Nur behüte ihn der Herr vor dem Schicksal des biedern Etruskers Pumpus von Perusia:

Er fischte lang’ in seiner Chlamys Faltenwurf
Und suchte wieder, suchte auch zum drittenmal
Und fand nicht, was er suchte ….
 O, wer kennt den Schmerz,
Der auf sich bäumt im biederen Etruskerherz,
Wenn Alles, Alles, Alles auf die Neige ging
Und nur der Graus des Leeren in der Tasche wohnt,
Wo der Sesterz sonst fröhlich beim Denar erklang!
Wohin verschwindet – ha! was spricht mein Mund es aus! –
Das dreimal gottverfluchte Wort, wovon allein
Des Tuskers Schicksal abhängt, ha – das baare Geld?

Aber der moderne Culturmensch ist besser daran als jener alte Etrusker; er trägt über der Chlamys einen Ueberzieher und in der Westentasche eine Uhr. Da heißt es denn:

Elkan Levy, dunkler böser
Trödler, nimm sie! sie sei dein!

Mit dieser Fülle eines sprudelnden, beinahe übermüthigen Humors hat sich Scheffel, der seit einiger Zeit wieder in Karlsruhe lebt und der manchmal durch körperliches Leiden heimgesucht und auch durch schwere Verluste im Kreise seiner Familie schmerzlich getroffen wurde, mehr als einmal die Wolke des Trübsinns verscheucht. Und wer vermöchte diese Lieder zu lesen, ohne erheitert zu werden? Hier tritt uns ein Humor und eine Laune entgegen, nicht das Lächeln des Weisen, der mit gereifter Erfahrung und heiterem Geiste dem tollen, lustigen Gebahren der Jugend sinnend zuschaut, auch nicht das mitunter höhnische Lachen eines Menschen, der mit wundem Herzen und bitterem Gefühle eigene und fremde Thorheit verspottet, nein! das frische, muntere und darum ansteckende Lachen des Studenten, der an und in der Welt seine unbefangene Freude noch hat, eine Freude aber, daß er auch nach seinem jugendlich frohen Gaudeamus, ohne zu erröthen und ohne schmerzliche Rückblicke nach Jahren noch sagen kann: Olim meminisse juvabit!
G. Arnold.