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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Frauen der französischen Revolution 1. Madame Tallien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, 15, S. 223–225, 240–241
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[223]
Frauen der französischen Revolution.
Von Rudolf Gottschall.
1. Madame Tallien.
Die Gartenlaube (1874) b 223.jpg

Madame Tallien.
Nach einem altfranzösischen Kupferstich.

Eine große Zeit, die alle Kräfte des Handels und Duldens entfaltet, läßt auch die Frauen mehr in den Vordergrund treten. So geschah es vor Allem in der französischen Revolution, in welcher einige von ihnen eine hervorragende Rolle spielten. Mitten in dem Kampfe auf Leben und Tod, in dem die Parteien sich befehdeten, mitten in den Gräueln der Schreckensherrschaft sehen wir die Schönheit und den Geist hochbegabter Frauen sich licht abheben von dem dunkeln Hintergrunde. Es lebte in ihnen etwas, was an die schöne Griechin Aspasia erinnerte; aber die krampfhaften Zuckungen der Zeit ließen ihr innerstes Wesen nicht zu voller Geltung kommen. Alles drängte zur That – und so wurden Frauen zu Heldinnen, welche von der Natur für die Kreise schöner Weiblichkeit bestimmt waren. Manche von ihnen theilten das Loos jener Marie Antoinette, welche in der ersten Epoche der Revolution eine so bedeutsame Rolle spielte; sie verfielen dem Beile der Guillotine; Andere retteten sich in eine ruhigere Zeit hinüber – den Salon einer Roland verschüttete der Krater der Revolution; der Salon einer Tallien war das erste Asyl einer feineren Bildung nach den Schrecknissen des Sansculottenthums.

[224] Madame Tallien – welch ein abenteuerliches Leben hat sie geführt! Unter wie vielen Namen ist diese erste Schönheit der Revolution, deren Zauber sich Niemand zu entziehen vermochte, in den Jahrbüchern der Geschichte verzeichnet: Theresa de Cabarrus, Madame de Fontenay, Madame Tallien, Princesse de Chimay – aber wie oft sie den Namen und die Ehe wechselte – sie selbst blieb bis in ihr Alter fast unverändert! Mochte sie im Amazonencostüme der Revolution, in der durchsichtigen Gaze der Merveilleuses als Griechin der Salons und Fee des Luxembourg, mochte sie in dem prinzeßlichen Hofcostüme der Restauration erscheinen – es war immer dasselbe ebenso schöne wie reizende Gesicht mit den tiefen strahlenden Augen, den großen schöngeschwungenen Augenbrauen, der feinen Nase, den üppigen Lippen, dem schalkhaften Lächeln, eines jener Gesichter, die einen unvergeßlichen Eindruck machen, die das Imponirende mit dem Verführerischen, geistige Bedeutung mit entzückender Grazie und dem Ausdrucke des Seelenvollen und Geistreichen wunderbar vereinigen, Züge, die den Meißel des Bildhauers herausfordern.

Madame Tallien war eine französirte Spanierin wie Eugenie Montijo; sie wurde 1775 zu Madrid geboren als Tochter des spanischen Finanzmannes, spätern Ministers, Grafen Cabarrus, welcher mit der Kühnheit und Begabung eines John Law dem Danaidenfasse der spanischen Finanzen einen Boden zu geben suchte. Therese Cabarrus erhielt eine vorzügliche Erziehung, lernte französisch, italienisch, selbst etwas lateinisch sprechen und mußte das Schloß Caravanchel, welches gegenwärtig der Gräfin Montijo gehört, mit Paris vertauschen, der hohen Schule der europäischen Bildung, wo sie bei einem Freunde ihres Vaters, dem Parlamentsrathe de Boisdeloup, auf der Insel Saint-Louis abstieg. Die Schönheit des dreizehnjährigen Mädchens erregte Aufsehen; mit spanischer Lebendigkeit sang sie ihre sevillanischen Lieder und tanzte im Carneval 1788 die Jota, den Castagnettentanz der Heimath, in graziösester Weise. Ihr ganzes Wesen, ihre Art zu sein und zu sprechen, hatte die volle Gluth des Südens.

Hier im Hause Boisdeloup’s machte sie die Bekanntschaft eines älteren Parlamentsraths, Devin, Marquis de Fontenay, eines geistreichen Don Juan in sehr vorgerückten Jahren, der ein Freund der Frauen und des Spieles war, so feierliche Amtsmienen er sich gelegentlich zu geben wußte. Der Marquis gewann durch seine Liebenswürdigkeit und Beredsamkeit das Herz des sechszehnjährigen Mädchens; sie wurde Marquise von Fontenay und glänzende Feste auf Schloß Fontenay, die ganz Paris von sich sprechen machten, folgten der Hochzeit.

Der Parlamentsrath gehörte nicht zu den Männern der alten Schule, welche sich gegen die Bewegung der Zeit feindlich absperrten. Dazu war er zu klug, auch nach seinem ganzen Naturell nicht dafür geschaffen, gegen den Strom zu schwimmen. So empfing Frau von Fontenay nicht blos die Vertreter der alten Aristokratie, die Montmorency und Larochefoucauld, auch die Lafayette und Lameth und später alle hervorragenden Männer der Constituante, Mirabeau und Barnave, selbst Robespierre und Camille Desmoulins in ihren Salons und in ihrem Schlosse. Es war damals die Zeit der Hirtenfeste, und es ist wunderbar, wie diese pastoralen Erheiterungen, denen eine poetische Liebe zur Natur zu Grunde lag, noch in den Sturm und Drang der beginnenden Revolution hineinreichten. Marie Antoinette hatte ihr Trianon und die Marquise von Fontenay eiferte in ihrem Schloßparke dem fürstlichen Beispiele nach. Noch in späteren Lebensjahren erinnerte sie sich gern eines arkadischen Festes, zu welchem selbst der gefeierte Hirtendichter Florian vom Schlosse des Herzogs von Penthièvres herübergekommen war. Der Marquis hatte im Schatten des Parks mehrere Orchester aufgestellt, welche die beliebten Melodien des Devin du village, der Rosière de Salency und andere spielten; junge weißgekleidete Mädchen empfingen am Gitterthore des Parkes mit Blumensträußen die Pariser Gäste; man speiste im Schatten von Kastanienbäumen; man trank auf die Schönheit der Marquise und improvisirte Verse auf ihre spanischen Augen und ihren französischen Geist. Abwechselung in das Fest brachte ein heftiger Windstoß, welcher fast den Tisch umwarf und einige Perrücken entführte. Auch Maximilian Robespierre wurde seiner Perrücke beraubt. Er ahnte damals nicht, daß die reizende Marquise, Notredame de Fontenay, später als Notredame de Thermidor einen Sturm entfesseln sollte, der ihn auch seines Kopfes beraubte.

Nicht lange darauf ließ die Marquise von der berühmten Portraitmalerin Lebrun ihr Bild malen. Es fiel dieser Künstlerin schwer, mit dem Zauber der Natur zu wetteifern, und ein großer Freundeskreis war versammelt, um zu prüfen, in wie weit es ihr gelungen, und einzelne Verbesserungen für ihre künstlerische Leistung vorzuschlagen. Unter den Anwesenden befand sich auch der Publicist Rivarol. Da trat ein junger Corrector in den Saal, ein Manuscript in der Hand; er suchte Rivarol, dessen Handschrift die Setzer und er selbst nicht zu entziffern vermochten. Es war ein schöner Jüngling mit feurigen Augen, von stattlicher Haltung und kühnem Wesen. Frau Lebrun, die mit ihrem Malerauge diese Vorzüge rasch erkannt hatte, rief ihn als Unparteiischen herbei, daß er sein Urtheil über das Bild abgebe. Er verglich es unerschrocken mit dem Originale, dessen tiefe, glühende Blicke ihn trafen. Er rieth, das obere Augenlid etwas mehr herabzuziehen, damit der Glanz der Augen durch den Schatten der Wimpern sich hebe, und dem Munde einen geistreicheren Ausdruck zu geben durch eine leise Hebung der Mundwinkel; er rühmte den Gedanken der Künstlerin, die Marquise mit dem großen beschattenden Hute zu malen, welcher dem Bilde durch das Spiel der Lichter jenen Ton gebe, wie ihn Velasquez liebt. Man war erstaunt über den Kunstsinn des schlichten Jünglings, der sich bald darauf mit dem Manuscripte in der Hand wieder entfernte.

Ein anderes Mal war die Marquise zum Besuch bei ihrer Freundin, der Gattin des gefeierten Deputirten Charles von Lameth. Sie gingen im Garten spazieren, als Abends ein junger Mann, Briefe in der Hand und sehr beschäftigt, zu ihnen trat und sich nach Lameth’s Bruder Alexander erkundigte. Frau von Lameth theilte ihm mit, daß dieser nicht hier anwesend sei, und ersuchte ihn gleichzeitig, einige weiße Rosen von einem benachbarten Rosenstrauch für die Marquise zu pflücken. Er that dies und überreichte der Letzteren die Blumen mit etwas theatralischem Anstand. Dabei fiel eine Rose aus dem Bouquet, welche der junge Mann anstandslos für sich behielt zur Erinnerung an diesen Augenblick. Er hatte die Schönheit wiedererkannt, die er einst unter dem Hut à la Velasquez im Atelier der Frau Lebrun gesehen; denn jener kunstsinnige Corrector und dieser galante Schreiber waren eine und dieselbe Person. Als er sich entfernt hatte, entwarf Frau von Lameth ihrer Freundin ein wenig schmeichelhaftes Bild des jungen Mannes, der ebenso leichtsinnig wie träge sei, trotz seiner geistigen Begabung, und den ihr Schwager sobald wie möglich entlassen werde.

Setzer, Corrector, Advocatenschreiber – und zwei Jahre darauf einer der furchtbaren Gewalthaber der französischen Revolution, vor welchem eine der ersten Städte Frankreichs erzitterte! Welche unglaubliche Wandlung des Geschicks in dieser Zeit des gewaltthätigen Umschwungs! Jener junge Mann trug den Namen Tallien, und damals ahnte die schöne Marquise noch nicht, daß sie selbst einst diesen Namen führen werde.

Tallien gab bald darauf seine subalternen Stellungen auf; er wurde Journalist; sein „Ami des citoyens“ hatte großen Erfolg; sein Name fand ein Echo in Paris. Er wurde in die Commune gewählt und sprach als Vertreter der Pariser Gemeinde, als Vertheidiger ihrer Beschlüsse und des 10. August im Convent. „Die Männer des 10. August,“ sagte er, „verlangen nichts als Gerechtigkeit; sie wollten nur dem Willen des Volkes gehorchen.“ Seine Rede war schwunghaft und unerschrocken; er klagte den Convent an, indem er die Commune vertheidigte. Auf der Tribüne befand sich eine Hörerin, auf welche diese Kühnheit bei so großer Jugend, diese stolze drohende Haltung tiefen Eindruck machte. Sie applaudirte mit den andern; es war die Marquise von Fontenay.

Höher gingen die Wogen der Revolution. Die furchtbaren Metzeleien des 2. Septembers fanden statt, für welche man den Pariser Gemeinderath verantwortlich machte. Auch Tallien, der ihm angehörte, wurde als Septembermörder bezeichnet, so sehr er auch später jede Mitschuld an diesen politischen Morden abzulehnen suchte. Er wurde inzwischen in den Convent gewählt, wo er unter den entschiedensten Männern des Berges Platz nahm. Er donnerte gegen Ludwig den Sechszehnten als einer der Unerbittlichsten. Als der Convent seine Tribunen und Legaten aussandte, um die rebellischen Städte des Landes zu züchtigen, erhielt auch Tallien eine wichtige Mission. Das reiche Bordeaux ergriff die Partei der Girondisten und empörte sich gegen den [225] Convent. Tallien wurde als Proconsul der Republik hingesandt, um die Empörung zu dämpfen. Die treugebliebenen Sectionen errangen den Sieg. Die Guillotine begann ihre blutige Arbeit. Die angesehensten Männer der Stadt bestiegen das Schaffot. Zwar wüthete Tallien nicht, wie Collot d’Herbois mit seinen Füsilladen in Lyon oder Carrier mit seinen Noyaden, den massenhaften Ertränkungen in Nantes, aber er war ein fanatischer Jacobiner, der seine Schuldigkeit that. Auch war er kein Spartaner wie Robespierre und Saint-Just, sondern er hatte Sinn für den Luxus, der seiner früheren Lebensstellung so fremd gewesen war. Alle Proconsuln der Republik schwelgten bei üppigen Gelagen, während vor ihrer Thür Kanonen aufgepflanzt waren und ganze Compagnien Wacht hielten. Und daß Tallien kein Republikaner war von jener antiken, unbestechlichen Tugend – das sollte Bordeaux und Frankreich bald erfahren.

Der Dichter der „Lucrèce“, Ponsard, hat ein schwunghaftes Drama geschrieben: „Le lion amoureux“. Der Held desselben ist ein feuriger Conventsdeputirter, der von der Liebe zu einer aristokratischen Schönheit gebändigt wird. Er hätte diesen Stoff auch treu nach der Geschichte behandeln können, und dann würde das Stück geheißen haben: Tallien in Bordeaux.

Der Marquis von Fontenay flüchtete vor der gesteigerten Bewegung der Revolution, welcher er schon durch seinen alten Adel verdächtig war, mit seiner jungen Gattin nach Spanien, um dort auf dem Schlosse der Schwiegereltern ein Asyl zu finden. Im Hafen von Bordeaux war ein Schiff bereit, unter Segel zu gehen, welches mehrere hundert Bordelesen aus den angesehensten Familien trug, die vor der Schreckensherrschaft flüchteten. Da weigerte sich der Capitain plötzlich, abzusegeln, weil die von ihm geforderte Summe nicht voll im voraus eingezahlt werden konnte. Therese kam dazu; es ergriff sie auf’s Tiefste, daß wegen einer kläglichen Summe Geldes so viele Männer und Frauen dem Verderben geweiht werden sollten. Sie ließ sich vom Capitain die Liste der Passagiere geben; sie gab ihm dafür das Geld – und das Schiff lichtete die Anker, nachdem die Schiffsmannschaft noch einen kurzen Kampf mit der erbitterten Volksmenge bestanden hatte. Theresa aber wurde von ihr umringt und mit Mißhandlungen bedroht; sie weigerte sich, die Liste herauszugeben, die sie zerriß – und nur das zufällige Hinzutreten Tallien’s errettete sie vor der Wuth des Pöbels. Freilich konnte er die Marquise nicht gegen die Verhaftung schützen, welche der Präsident des Revolutionstribunals über sie verhängte, nachdem ihm der Frevel zu Ohren gekommen war, dessen sie sich schuldig gemacht hatte.

So wanderte Theresa in den finstern Kerker, in dessen Strohlager die Ratten ihr unheimliches Spiel trieben. Noch zur Zeit ihres späteren Glanzes, als die Modetracht des Directoriums erlaubte, die Füße unverhüllt zu zeigen, gefiel sich Theresa darin, auf die Narben der Rattenbisse aus dem Kerker von Bordeaux hinzuweisen, die freilich neben dem glänzenden Schmucke der Zehen, den Rubinen und Smaragden, verschwanden. Tallien hatte Madame de Fontenay wiedererkannt; er ließ sie sich im Gefängniß durch den Schließer vorführen. Wenn auch im düstern Kerker – bei dieser Begegnung zwischen einer zwanzigjährigen jungen Frau und einem fünfundzwanzigjährigen Conventsdeputirten konnte nur die Liebe das Wort führen. Mit ihren großen, thränenfeuchten Augen sah Theresa den Machthaber an; ihre schönen bleichen Züge waren eingerahmt von dem üppigen Gelock; sie bekannte, daß sie eine Freundin der Republik und der Revolution sei – und sie war es! Denn mitten unter den verdammenswerthen Gräueln waren die großen Gedanken der Zeit in den Herzen der Jugend lebendig, und geistreiche Frauen eiferten dem Beispiele einer Manon Roland nach. Konnte Madame von Fontenay nicht für den „Berg“ werden, was jene für die Gironde gewesen war? Tallien dachte im Stillen daran. Noch hüllte er sich in die Toga des Proconsuls, spielte den unerbittlichen Schreckensmann; er sprach die Hoffnung aus, die Unschuld der Marquise und ihres Gatten werde vor dem Revolutionstribunal zu Tage kommen; sie aber sträubte sich, vor diesem Tribunale zu erscheinen; sie sei als die Tochter eines Grafen, die Frau eines Marquis schon von Hause aus verurtheilt. Tallien’s wilde Blicke und strenge Mienen hielten nicht lange Stand; zu groß war der Zauber der jugendlichen Schönheit, die vor ihm auf den Knieen lag; er erhob sie, er zog sie an sein Herz: „Ich wage meinen Kopf, doch Du sollst frei sein, Bürgerin.“

Und so geschah es. Theresa wurde frei, ebenso ihr Gatte, der eilends nach Spanien flüchtete. Die Ehe war unglücklich gewesen; der Marquis war ein Wüstling ohne Herz. Theresa blieb in Bordeaux zurück; sie wurde die Geliebte Tallien’s und die Schutzgöttin der Stadt. Ehescheidungen, soweit man sie überhaupt für nöthig hielt, machten damals, nach dem Civilgesetze der Revolution, wenig Umstände. Bald hatte die spanische Kleopatra den Antonius der Bergpartei gänzlich unterjocht; eine wahnsinnige Leidenschaft, die er vor aller Welt zur Schau trug, bemächtigte sich seiner. Unter dem Zujauchzen des Volkes fuhr sie mit ihm in glänzender Equipage durch die Straßen, bekleidet mit den leichten Gewändern der griechischen Statuen, welche die Schönheit ihrer Formen nicht verhüllten, in der einen Hand eine Pike, die andere anmuthig auf die Schulter des Proconsuls gestützt, als die Göttin der Freiheit. Und wohl hatte das Volk von Bordeaux ein Recht, sie mit Jubel zu begrüßen; sie hatte den wilden Löwen gezähmt; Tallien vergaß seine blutige Sendung; die Milde wurde die Losung statt des Schreckens. Unermüdlich suchte Theresa ein Opfer nach dem andern zu retten, einen Namen nach dem andern auf der verhängnißvollen Liste zu streichen, mit Thränen in den Augen, daß sie nicht alle streichen konnte.

Wunderbare Contraste der Zeit! Der rohe Sansculottismus auf der Straße, die Guillotine vor den Fenstern – und im Hause des Proconsuls das Boudoir einer kunstsinnigen Schönheit, welche dem Zeitalter der Medicis anzugehören schien. Marquis von Parry, der, um seinen Vater zu erretten, sich an die gnadenspendende „Göttin der Freiheit“ wendete, wurde in dieses Boudoir geführt. Er beschreibt es uns in seinen Denkwürdigkeiten. „Es war das Boudoir der Musen: ein geöffnetes Piano, Noten auf dem Pulte; eine Guitarre auf dem Sopha, eine Harfe in einem Winkel; weiterhin eine Staffelei mit einem kleinen Gemälde, eine Büchse mit Oelfarben, Pinsel auf einem Tabouret, ein Tisch mit Zeichnungen, eine Elfenbeinpalette, ein offener Schreibtisch mit Papieren, Memoiren, Petitionen, eine Bibliothek, deren Bücher in Unordnung dastanden, als wenn sie oft benutzt würden, ein Stickrahmen, auf dem ein Atlasstoff ausgespannt war.“ Der Gesammteindruck des Boudoirs begeisterte den galanten Marquis zu der Anrede:

„Ihre Talente sind allseitig, Madame, aber Ihre Güte kommt ihnen gleich und Ihre Schönheit könnte sie verdunkeln.“

Doch so gnädig sich Theresa den Aristokraten erwies, ihr Herz gehörte der Revolution; nur wollte sie das Erbarmen mit der Freiheit verschwistern. Um ihre Popularität zu vermehren, erschien sie oft in den Clubs und ergriff dort das Wort. Hier trug sie ein Amazonencostüm, einen Hut mit tricoloren Federn, wie unser Bild sie nach einem Gemälde von Debucourt darstellt.

Tallien wurde inzwischen von Bordeaux zurückberufen; an Denunciationen gegen seine Milde hatte es bei den Pariser Machthabern nicht gefehlt. Doch Robespierre brauchte noch seine Bundesgenossenschaft im Kampfe gegen Danton; erst später kam es zu einem Bruche, der zum Sturze des Dictators führen sollte. Hier war es, wo Therese ihre weltgeschichtliche Rolle spielte. Am 5. Floréal erschien sie noch vor dem Convent, als eine Priesterin der Barmherzigkeit; sie entwickelte in einer langen Rede ihre republikanischen Tendenzen, ihre Ansichten über Frauenemancipation. Sie verwarf die Mannweiblichkeit und das Amazonenthum; aber sie verlangte, daß auch die Frauen dem Dienste des Vaterlandes sich widmen sollten, und zwar indem sie alle in die heiligen Asyle des Unglücks und der Leiden gerufen würden, um dort die Unglücklichen zu pflegen und ihnen Trost zu spenden. Sie sollten sich den Namen „Bürgerin“ verdienen; sie selbst aber wollte eine der Ersten sein, um sich einem so herrlichen Dienste zu widmen.

[240] Die Rede wurde vom Convent den Comités des Unterrichts und der öffentlichen Wohlfahrt mit ehrenvoller Erwähnung zugesendet. Doch Therese sollte keine barmherzige Schwester werden; der Haß Robespierre’s bewahrte sie vor diesem Wirken, das sie selbst mit solcher Begeisterung gepriesen hat. Robespierre haßte die Sirenen und Circen, die verführerischen Schönheiten, die im politischen Leben eine Rolle zu spielen suchten. Hatte er doch selbst eine Manon Roland auf das Schaffot geschickt. Er haßte überdies Tallien, dem er weder seinen Ehrgeiz und seine wachsende Bedeutung, noch seine zur Schau gestellten Liebesabenteuer verzieh. Auf einen Befehl des Wohlfahrtsausschusses wurde Therese verhaftet. Sie selbst erzählt, es sei dies auf ihrem Schlosse Fontenay-aux-Roses geschehen, bei einem Feste, dem anfangs auch Robespierre beiwohnte. Sie erinnerte ihn daran, welche Rolle sie als die Göttin des Erbarmens in Bordeaux gespielt habe; er war bis zu Thränen gerührt und verhieß, daß alle Gefängnisse bald sich öffnen würden. Man träumte sich in Arkadien. Der Advocat von Arras, ein Freund der Musen, gab manches Madrigal zum Besten und sog den Duft seines Blumenbouquets ein, das er stets bei sich trug, im Wohlfahrtsausschuß wie später bei dem Feste des höchsten Wesens. Er verließ die Gesellschaft frühzeitig, indem er galant der schönen Wirthin sein Bouquet zum Abschied überreichte. Therese sprach zu Tallien: „Sieh, wie man ihn verleumdet hat – er ist der gerechteste aller Menschen!“ Man tanzte und amüsirte sich noch eine geraume Zeit – da traten plötzlich Gensd’armen in den Saal, drängten sich unter die tanzenden Frauen, stießen sie bei Seite und ergriffen Madame de Fontenay. Tallien wollte die Eindringlinge entwaffnen, doch die Uebermacht war zu groß. Der Verhaftsbefehl trug die Unterschrift Robespierre’s.

Therese wurde zuerst in das Gefängniß de la Force gebracht, wo es Tallien gelang, ihre Lage zu erleichtern, und wo er mit ihr correspondirte durch Briefe an Steine gebunden, die er von einem benachbarten Dachfenster in den Gefängnißhof warf. Dann wurde sie in das Gefängniß der Carmeliter geführt; hier bewohnte sie mit andern einen gemeinsamen Kerker. Man zerstreute sich, indem man mit dem Tode sein Spiel trieb. Man parodirte das Revolutionstribunal, ja selbst die Guillotine, und erschien dann als Gespenst im Leichentuch. Hier saß Therese zusammen mit Josephine Beauharnais, deren Gatte enthauptet worden war, weil er als General der Republik am Rhein unglücklich gewesen war. Dieses Gefängniß barg die Zukunft Frankreichs – den Sturz der Schreckensherrschaft und die Kaiserkrone.

Die Haft und Lebensgefahr der Geliebten drängten Tallien zu raschem Entschluß. Enger schlossen sich die Gegner Robespierre’s zusammen, der nach dem Feste des höchsten Wesens immer lauter des Strebens nach der Dictatur beschuldigt wurde. Eines Tages erhielt Tallien in geheimnißvoller Weise einen Dolch.

Man wußte nicht, wer ihn gebracht hatte; er fand ihn auf seinem Tische. – Er erkannte den Dolch; er war ein spanisches Erbstück von Therese Cabarrus. Es war eine stumme, aber beredte Mahnung. Der Tyrann mußte gestürzt werden – oder der Dolch war der letzte Gruß seines Opfers.

Und über Robespierre, der sich wochenlang thatlos aus dem Convent und aus den Ausschüssen ferngehalten, welcher nur bei seinen geliebten Jacobinern bisweilen die Macht seiner Beredsamkeit erprobte, welcher gerade jetzt geneigt schien, in milderen Formen die Ideale Rousseau’s zu verwirklichen, brach das Verhängniß herein. An dem gluthheißen Tage des 9. Thermidor wagte der bisher lautlose Convent den Sturm auf den Dictator. Und es war ein furchtbarer Sturm, wie ihn selten eine Versammlung von Gesetzgebern erlebt hat; denn es war der gewaltige Losbruch aller lange durch Furcht gefesselten Leidenschaften. „Nieder der Tyrann!“ erscholl es von den Bänken des Convents, als Robespierre das Wort ergreifen wollte. Tallien hatte in einer glühenden Rede ihn zu Boden geschmettert und den Dolch der Therese Cabarrus in der Hand, schwang er sich wieder auf die Tribüne mit den Worten: „Ich habe mich mit diesem Dolche bewaffnet, um den neuen Cromwell zu durchbohren, wenn der Convent nicht den Muth hat, ihn in Anklagestand zu setzen. Es geschieht; Robespierre wird verhaftet. Noch einmal schwebt Frankreichs Schicksal auf der Schneide des Schwertes; denn das Volk von Paris befreit seinen Liebling; die Commune greift zu den Waffen; die Kanonen des betrunkenen Henriot richten sich gegen den Convent. Doch die Truppen des Convents sind siegreich; Robespierre wird auf dem Stadthaus abermals gefangen genommen. Er besteigt das Schaffot.

Der Dolch der Therese Cabarrus hat seine Schuldigkeit gethan. Seit jener Zeit heißt sie „Notredame de Thermidor“, und nur ihre Feinde nannten sie, unter Anspielung auf Tallien’s Betheiligung an den Septembermorden, die er selbst stets in Abrede gestellt hatte, „Notredame de Septembre“.

Therese wurde Madame Tallien und blieb, so lange die Herrschaft der Thermidoristen dauerte, ein Jahr hindurch, die Königin von Frankreich. Kaum hatte sich dieses Land von dem Druck der Schreckensherrschaft etwas erholt, so fing es schon wieder an auf dem Vulcan zu tanzen. Noch immer war die Guillotine in voller Arbeit; denn die Reaction hat ihre Schrecken wie die Revolution – und schon eröffnete Madame Tallien ihren Salon. Es war ein bahnbrechender, ein erobernder Salon, der sich mitten hineinschob in den Schutt und die Trümmer der Schreckensherrschaft – und darin besteht seine Bedeutung. Das Reich der Künste und der Mode, der Grazie und der Musen fand seine Priesterin in jener Aristokratin, welche wie eine Armide den Schreckensmann gebändigt hatte und jetzt an seiner Seite des höchsten Ansehens genoß, so lange der Sturz Robespierre’s als ein Sieg der wahren Freiheit gefeiert wurde. Noch bei dem Jahresfest des 9. Thermidor war Tallien der Held und spielte [241] dieselbe Rolle, welche Robespierre bei dem Feste des höchsten Wesens spielte. Er vereinigte alle Parteien bei einem großen Festmahl; sie drohten übereinander herzufallen. Da war es wiederum die Königin des Festes, Notredame de Thermidor, welche das Glas erhob und einen Toast ausbrachte darauf, daß alle Irrthümer vergessen, alle Beleidigungen vergeben sein sollten. Man umarmte sich und trank auf das Wohl der schönen Sprecherin.

Es kam die Zeit des Directoriums, die Zeit des „Rococo“ der Revolution, die sich selbst auf einmal auszulachen schien. Die Moden wurden Carricatur; den blutigen Römern folgten burleske Athener, und schöne Griechinnen in leicht verschleierter olympischer Herrlichkeit bevölkerten die Salons. Tallien war kein Mitglied des Directoriums; seine Rolle war ausgespielt. Er hatte revolutionäre Gluth und parlamentarische Gewandtheit; er war der Mann der großen Krisen, und die Tribünen mochten ihm zujubeln, so lange er im Convent erschien. Doch als die Entwickelung Frankreichs in ruhigere Bahnen einlenkte, da wurde er bei Seite geschoben; denn er war ein politischer Autodidakt, ihm fehlte jede tiefere staatsmännische Bildung. Und die Zeit ging über die Vertreter der Schreckensepoche zur Tagesordnung über. Seltsame Ironie – seine Frau wurde sein Schicksal; sie half die Reaction heraufbeschwören, die ihren Gatten gänzlich in den Schatten stellte. Es wird erzählt, daß Madame Tallien den Muth hatte, in Begleitung von Freron und Merlin de Thionville die Thür des Jacobinerlocals abzuschließen. Pitt sagte damals: „diese Frau wäre fähig, die Pforten der Hölle abzuschließen.“ Sie wollte damit ihren Gatten rächen, den die letzten grollenden Anhänger Robespierre’s aus dem Club gestoßen hatten; aber sie ahnte nicht, daß sie damit auch Tallien’s Zukunft abschloß. Denn dieser war ein Jacobiner von Haus aus und mit dem Club, dem Herd des revolutionären Feuers, erlosch auch der Glanz seiner eigenen Bedeutung.

Doch – le roi est mort, vive la reine! Madame Tallien war die gefeiertste Schönheit, die Modedame des Directoriums, und mit Recht nannte sie ein Geschichtschreiber desselben „die Pompadour, die so vielen Lykurgen auf dem Fuße folgte“. Sie gründete ein Versailles um sich; sie lehrte Frankreich, sich der Todesschauer zu entwöhnen und wieder an das Leben zu glauben. Musik, Tanz, jede Art von Luxus kam wieder auf die Tagesordnung; die unverwüstliche Galanterie der Franzosen trat in ihre alten Rechte. Frankreich hatte wieder seinen Hof – und dieser Hof war der Salon der Madame Tallien.

Versetzen wir uns einmal in diesen Salon; die Zeichnungen eines Charles Vernet und Debucourt werden unserer Phantasie zu Hülfe kommen. Da bilden die Statisten die Vertreter der „goldenen Jugend“ Freron’s, welche in Straßenschlägereien mit den Jacobinern die Revolution zu Tode geprügelt hatte und zur Erinnerung daran die vergoldeten Knotenstöcke trug. Welche wunderbaren Zöpfe, welche Berloques und Lorgnons, welche unwahrscheinlichen Röcke – und diese flatternden riesigen Halstücher, diese cravates de guillotinés, die Nankinghosen mit Bändern, diese weißen, rosaschimmernden Westen und grünen Handschuhe, die gestreiften Strümpfe, die romantischen Stiefeln – alle diese Republikaner, die den Fächer tragen, und diese Sansculotten, die mit den Lorgnons spielen – aus welcher Schachtel sind diese wunderbaren Zappelmänner gekrochen, diese „Merveilleux“ und „Impossibles“? Und daneben der Damenflor! Welche Fluth von Bändern, welche Wolken von Gaze umschweben leicht die schönen Gestalten! Da frisirt man sich au repentir; man läßt die Haare von einer Seite auf die Schultern herabfallen, oder das Gelock bedeckt die Stirn und kräuselt sich über die Augen herab, deren Glanz dadurch gewinnt. Der Shawl à la victime – die Mode war witzig; sie verspottete die Herrschaft des Schreckens – wird um den Hals geschlungen, um die Schönheit des Nackens und der Büste nicht zu beeinträchtigen. Ein Ring von Cameen ziert das schöngeformte Bein, das aus dem Gewande hervortritt; antike Sandalen zeigen den Fuß, dessen Zehen prachtvolle Ringe schmücken. Ueber diesen Blumenflor neigen sich die Vertreter der „goldenen Jugend“, diese seltsamen Schmetterlinge – und ein Geflüster von Liebesabenteuern geht durch den Kreis. Alles lauscht – Frau Tallien schlägt die Harfe. Ihre vollen, schönen Arme, ihre melodische Stimme entzücken die Hörer. Dann singt Garat, jener Orpheus, dem sie, wie so vielen Anderen, das Leben gerettet; Cherubini und Mehul begleiten ihn.

Bald ändert sich die Scene. Die drei Grazien des Directoriums, Madame Tallien, Madame de Beauharnais, jene anmuthige Creolin, welche Tallien ebenfalls aus dem Kerker befreit hatte, und Madame Recamier, die glänzende Nebenbuhlerin, deren Salon eine fast noch größere Berühmtheit erlangt hatte, erschienen, sobald die Violine das Signal gegeben hatte, den Schleier auf dem Arme, um mit großer Anmuth den Schleiertanz auszuführen. Sie drapirten sich damit in wechselnden Stellungen. Bald verbarg sich hinter ihm die Erregtheit der Liebe, bald war es das leichte Gewölk der Willis, bald ein Gürtel, der Gürtel der Venus, den die Hand der Grazie schlang und die Hand der Liebe löste. Der Tanz war eine wandelnde Poesie und die Kunst bestand darin, seine stumme Beredsamkeit zu voller Geltung zu bringen.

Eine strenge Frauengestalt sah ernst sinnend dem verlockenden Schauspiel zu; es war die Tochter Necker’s, Frau von Staël; hier fand sie die Farben für das Bild ihrer Corinna. Neben dem General Barras mit dem stolz wehenden Federbusch und dem rasselnden Säbel, einem Machthaber Frankreichs und Mitglied des Directoriums, der als ein König en miniature sein kleines Privat-Versailles hatte, stand ein unscheinbarer Officier mit kalten, marmornen Zügen. Sein Ruhm war von jungem Datum. Er hatte sich vor Toulon ausgezeichnet und die Royalisten in Paris niederkartätscht. Daß ihm neben Barras die Oberleitung in diesem Kampfe anvertraut wurde, verdankte er dem Einfluß der Frau Tallien. So reichte ihre Hand bis zum Cäsarenthum der Zukunft; denn dieser Officier war der General Bonaparte, für den auch die sanfte Josephine Beauharnais, eine Generalswittwe, lebhafte Neigung hegte. Bonaparte hat, wenn er bei Laune war, in diesen Kreisen oft den Wahrsager gespielt. Ob er schon damals in seinen hochfliegenden Träumen an die Herrschaft in Frankreich dachte und sie mit Madame Tallien theilen wollte? Sophie Gay behauptet es, doch wer las in der Seele des merkwürdigen Mannes? Die schöne Therese blieb ihm eine Gönnerin, aber sie zeigte keine Liebe für ihn; die reizende Josephine wurde seine Gattin.

Und vor dem eisernen Tritte dieses Mannes zerstob der Spuk der Merveilleux und Incroyables; doch auch die Glanzzeit Therese’s ging vorüber. Tallien verkam; er begleitete als Journalist die ägyptische Expedition; er war eine Zeitlang Consul in Alicante. Später lebte er in Dürftigkeit in Paris; er verkaufte seine Bücher auf dem Quai Voltaire, um zu leben, und wies ein Geldanerbieten seiner längst von ihm geschiedenen Frau zurück. Wohl aber nahm er das Asyl an, das sie ihm in der Chaumière in der Allée des Veuves anbot, an jener Stätte, wo Beide einst eine so glänzende Rolle gespielt hatten.

Und Therese? Sie war seit 1805 die Gattin Joseph’s von Caraman, eines frühern Emigranten, welcher nach seiner Rückkehr Prinz von Chimay geworden war. Als Frau eines Grandseigneurs huldigte sie auf ihrem herrlichen Schlosse den Künsten, der schönen Natur, ihrer Familie und ihren Erinnerungen. So lebte sie dreißig Jahre als eine vornehme Dame; aber der niederländische Hof verzieh ihr nicht, daß sie vorher die Gattin eines Königsmörders gewesen war, und es gehörte zu ihren schwersten Kränkungen, daß sie, trotz der hohen Stellung des Gatten, an den Höfen nicht Zutritt fand.

Es war nicht leicht, die schlanke Amazone, die anmuthige Tänzerin des Directoriums wiederzuerkennen in einer Gestalt, welche die volleren Formen eines Rubens angenommen hatte. Und die flamländische Schönheit wurde noch außerdem durch die Moden der Restauration entstellt, durch die Puffärmel und Pyramidenfrisur. Doch die Grazie ihrer Züge und ihrer Seele blieb unverändert. Höchst anziehend waren die Schilderungen ihres Lebens, seiner rührenden Begebenheiten und denkwürdigen Wendungen, mit denen sie die Freundinnen unterhielt. Einer ihrer Söhne, Joseph Fürst von Chimay, ist ein bekannter Diplomat geworden. Eine Schönheit blieb sie bis zu ihrem Tode 1835, und wenn sie mit ihren drei Töchtern in der Loge der Italienischen Oper in Paris erschien, frug man sich, welche der vier Schwestern die schönste sei?

Ein so wechselvolles Leben führte die spanische Banquierstochter, die Siegesgöttin von Bordeaux, die dolchbewehrte Rachegöttin des neunten Thermidor, die Grazie des Directoriums, die niederländische Fürstin!