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Felix von Niemeyer (Die Gartenlaube 1874/32)

Textdaten
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Autor: Dr. Fritz Keppler
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Titel: Felix von Niemeyer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 515–517
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Felix von Niemeyer.


Aus den Erinnerungen einer Arztes. Von Dr. Fritz Keppler.


Es ist ein eigenthümlich wohliges Gefühl, wenn man, von schwerer Krankheit erstanden, planlos durch Wald und Feld schwärmt, seit langer Zeit zum ersten Male wieder im Vollgefühle seiner alten körperlichen Kraft. Luft und Licht berauscht uns; voller klopft das Herz in der Brust; heißer und schneller jagt das Blut durch die schwellenden Adern; fröhliche Lebenslust weht uns frisch um die Wangen, und alle Jugendthorheiten, die wir längst begraben wähnten, winken uns verführerisch von Neuem.

Es war am Abende eines Tages, an dem alle Frühlingsfreuden der Wiedergenesung jauchzend durch meine Seele gezogen waren, als ich in den luftigen Raum des Cannstatter Sommertheaters trat. Nur mit Mühe drang ich zu meinem Platze durch, der von dem aufgebauschten Seidenkleide einer recht ansehnlichen Schönen fast verdeckt war. Ihr rundes, rothwangiges Gesicht, aus dem zwei große blaue Augen mich verwundert anstarrten, schien mir fast bekannt zu sein, und dennoch kannt’ ich’s nicht, bis, wie mit sich selber sprechend, die vollen Lippen einige unbeholfene Reime kaum vernehmlich zu mir herüberhauchten. Ich erkannte sofort ein arg sentimentales Liebesliedchen, das ich vor Jahren als unfertiger Gymnasiast zusammengeleimt, und wie Schuppen fiel’s jetzt von meinen Augen. Die üppige Schönheit neben mir, die mit so unsäglichem Behagen auf die derben Späße der schönen Helena gelauscht, war die Muse meiner Gymnasiastenjahre, die sentimentale Emma, der ich all die blaßblauen Blümlein, wie sie mein Frühlingsgarten unter Wind und Sonnenschein getragen, vor Zeiten zu Füßen gelegt. Schon längst waren die rührenden Abschiedsworte, mit denen sie mich auf die hohe Schule entlassen, vom Pfeifen der Quarten und Terzen übertäubt worden, die dort meine Ohren umschwirrten, und lebendigere Gestalten hatten ihr Bild bereits aus meiner Erinnerung verdrängt. Wie war die zarte Blume von damals in Saft und Kraut geschossen während der wenigen Jahre, in denen ein altbackener Primaner zum neugebackenen Doctor geworden! Auch sie schien die Veränderungen, die mit dem dummen Jungen von Ehemals vorgegangen, nicht ohne Verwunderung zu bemerken: mit süßem Lächeln schielte sie nach dem vollen Schnurrbarte herauf, der meine noch vom Gluthhauche des Typhus gebleichten Wangen umsäumte.

Wir freuten uns herzlich, vielleicht etwas zu herzlich des Wiedersehens und hatten uns Beide viel zu sagen. So nebenbei – Menelaus sang gerade sein abgeschmacktes Couplet – sprach sie auch von ihrem Manne: er war Theilhaber an einer bekannten Kleiderfabrik und viel auf Reisen. Es ist eine alte Geschichte: „Man kommt immer wieder auf seine erste Liebe zurück.“ So ging es auch uns Beiden, und als die schöne Helena auf der Bühne ihr Traumlied zu singen begann, ward, entsprechend dem Local, auch unsere Stimmung eine gehobene, und wir fingen an, uns in kühne Träume zu versenken, ohne immer die nöthige Rücksicht auf unsere Umgebung zu nehmen. Da legte sich eine leichte Hand auf meine Schulter, und eine tiefe Stimme sprach hinter uns:

„Herr Doctor, ich denke, es ist hoch an der Zeit, die Saison zu beschließen.“

Ein schöner Mann, mit einfachster Eleganz gekleidet, trat vor mich und sah mir mit großen glänzenden Blicken ernst in die Augen, die ich erröthend vor ihm niederschlug. Ein feines Lächeln spielte um seinen weichgeformten Mund, als er, sich tief vor der Dame verbeugend, mich sanft am Handgelenke zum Theater hinauszog, ohne mir Zeit zu lassen, von meinem wiedergefundenen Liebchen Abschied zu nehmen.

„Da wären wir wieder einmal zur rechten Stunde gekommen, um einen guten Jungen vor einem dummen Streiche zu bewahren,“ flüsterte er mir vor der Thür in’s Ohr.

Tief beschämt folgte ich dem treuen Eckard, der mir diese Worte zugerufen. Es war mein liebenswürdiger Lehrer, der gefeierte Arzt Felix von Niemeyer, der auch als trefflicher Docent weithin bekannte Verfasser des berühmten Lehrbuchs der Pathologie und Therapie (nunmehr ist neun Auflagen erschienen).

„Was nun?“ sprach er weiter, indem er mich von der halbgeöffneten Theaterpforte wegzog. „Das Einfachste ist, ich nehme Sie gleich mit mir wiederum nach Tübingen zurück, wo Sie noch genug lernen können, wenn Sie gleich ein preisgekrönter Doctor sind, hier machen Sie mir doch nur dumme Streiche, wie das eben Erlebte zeigt.“

„Aber, Herr Professor!“ fiel ich ihm in’s Wort.

„Was aber!“ unterbrach er mich. „Die Frau Mutter hat nichts dagegen einzuwenden; mit der habe ich mich bereits verständigt, als ich heute wieder einmal nach ihrem kranken Jungen sehen wollte, den ich wider mein Erwarten schon ausgeflogen fand. Also Kehrt gemacht und mit zum Bahnhofe gegangen! Es ist hohe Zeit, wenn wir den Zug noch erreichen wollen“

„Aber, Herr Professor!“ rief ich in ziemlicher Verlegenheit.

„Ah so! wir haben wieder einmal unser letztes Geld in’s Theater getragen,“ meinte er lächelnd. „Macht nichts – es ist ja nicht das erste Mal, daß wir einander aushelfen.“

Damit schob er seinen Arm in den meinigen und zog mich nach dem Bahnhofe, in den unser Zug soeben hereinbrauste. Rasch schob er mich in ein Coupé erster Classe. Sein Gepäck war bereits in Stuttgart darin untergebracht worden, denn bei der großartigen ärztlichen Praxis, die er dort hatte, und als Leibarzt des Königs von Württemberg war er genöthigt, allwöchentlich mehrere Male von Tübingen nach Stuttgart hinabzufahren und hatte deshalb ein eigenes Coupé auf immer für sich gemiethet. Dasselbe war hübsch wohnlich eingerichtet; sogar ein Schachbrett stand auf dem Tische, neben diesem und auf dem Sopha herum lag ein Haufen von politischen und medicinischen Zeitungen und ein Bündel Krankengeschichten.

„Machen wir eine Partie Schach!“ meinte der Professor und bot mir, während er selber eine anbrannte, seine Cigarren an. Ich griff mit Vergnügen zu, denn er rauchte die feinsten Havannacigarren. Als wir in den Bahnhof von Plochingen einfuhren, war ich, und zwar auf die eleganteste Weise, matt gemacht. In der Bahnhofsrestauration ließ er ein ausgezeichnetes Abendessen für uns auftragen und schenkte mir fleißig von dem vortrefflichen Untertürkheimer Rothweine ein. Dazwischen erkundigte er sich bald scherzend, bald mit ernster und liebevoller Theilnahme nach dem Befinden der aus- und eingehenden schwäbischen Reisenden, denn er kannte fast halb Württemberg persönlich und war seiner Freundlichkeit halber in allen Kreisen meines Heimathlandes gleichermaßen beliebt. Die hohe Verehrung, die das schwäbische Volk noch heute seinem Andenken weiht, ist der beste Beweis für die seltene Liebenswürdigkeit des großen Arztes; ich weiß nur noch einen Preußen, der sich bei seinen Lebzeiten einer ähnlichen Beliebtheit bei meinen gegen alles norddeutsche Wesen von Haus aus so sehr mißtrauischen und voreingenommenen Landsleuten erfreut hat und der, ähnlich wie Felix von Niemeyer, noch lange Jahre nach seinem Tode in der Erinnerung des schwäbischen Volkes fortleben wird; es ist Paul Konewka, der jugendliche Landsmann Niemeyer’s.

„Wie wär’s, wenn wir einen Gang durch den Eisenbahnzug [516] machten?“ frug der Professor, als wir von Neuem im Wagen saßen.

Ohne meine Antwort abzuwarten, schritt er mir voran durch die langen württembergischen Wagen hindurch. Die Conducteure, welche sämmtlich die Bräuche des allverehrten Mannes schon langst kannten, ließen ihn bereitwillig gewähren. Nun war es reizend mit anzusehen, wie der feine Herr mit dem Volke in der dritten Classe verkehrte. Dort ließ er sich von einem Bauern über den Stand der Ernte berichten; hier sprach er einem alten Mütterlein Trost zu, die weinte, daß ihr Sohn unter die Soldaten gemußt, oder beschenkte ein schüchternes Kind mit Zimmtsternen und Zuckerbrödchen, die er fast immer in der Tasche trug.

„Was fehlt dem Mädchen da?“ frug er mich, plötzlich stehen bleibend, indem er auf ein bleiches, trotz der warmen Jahreszeit dick bekleidetes Kind zeigte.

„Herr Professor, das kann ich unmöglich sagen, ehe ich es examinirt und untersucht habe,“ war die Antwort.

„Das Kind hat Bronchiektasien; darauf können Sie Gift nehmen. Merken Sie sich’s!“ – und damit wies er auf die eigenthümlich trommelschlägelartig geformten Finger des Mädchens – „wenn ein Kind solche Fingerspitzen zeigt, dann hat es gemeiniglich Bronchiektasien.“

Es war so; ich habe dieses Kind wenige Tage nachher in der Tübinger Klinik untersucht, und es hatte wirklich Bronchiektasien; Niemeyer aber nahm es in den Arm und trug es in sein eigenes Coupé hinüber, um die kranke Lunge des Kindes von dem Tabaksrauche zu erlösen, der durch den Wagen qualmte.

Wir kamen in den nächsten Wagen. Neben einer alten Frau saß ein junges Mädchen, den unförmlichen Kopf dicht mit einem Tuche umwickelt. Er lüftete leicht das Tuch, welches die Stirn des Mädchens umhüllte. Sie war von dicken, gelbweißen, tropfsteinartigen Gebilden bedeckt, die sich, gleich einem Turban, über das ganze Gewölbe des Schädels herlegten; von den Haaren war keine Spur mehr sichtbar.

„Ihr seid auf dem Wege nach Tübingen?“ frug er die alte Frau, welche neben dem Mädchen saß. Sie bejahte die Frage und setzte dem Professor in echt schwäbischer Breite auseinander, daß sie dort den berühmten Professor Niemeyer wegen des kranken Kopfes ihres Töchterleins befragen wolle.

„Das findet sich ja ganz hübsch. Ihr könnt gleich mit mir kommen; dann nehmen wir,“ fuhr er zu mir gewendet fort, „die Krankengeschichte gleich unterwegs auf.“

Damit geleitete er die Beiden gleichfalls in sein Coupé hinüber, wo er sie neben dem lungenkranken Kinde sich setzen ließ.

„Was machen wir mit dem Kopfe des Kindes?“ frug er, nachdem ich die Krankengeschichte verzeichnet, die er mit einer seltenen Genauigkeit aufgenommen hatte.

Ich zuckte mit den Achseln. „Viel wird in diesem Fall nicht zu machen sein; ich wenigstens halte Heilversuche mit einem so hochgradigen Favus für erfolglos.“

„Oho, so schnell werfen wir die Flinte noch nicht in’s Korn,“ rief der Professor. Und jetzt entwickelte er in einer so ungemein lebendigen Weise eine Reihe der originellsten Anschauungen über die Heilung des Favus, die er mit den Worten schloß: „Curirt wird das Mädchen, darauf können Sie Gift nehmen; aber mit ihren Haaren ist es auf alle Ewigkeit vorbei. Schade übrigens um das hübsche Köpfchen,“ fuhr er nach einer, Weile fort; „ich denke, wir kaufen dem Kinde eine Lockenperrücke, sobald wir es curirt haben, dann kann es sich mit Anstand wieder unter den Menschen sehen lassen.“

Und er hat Wort gehalten. Nach wenigen Monaten entließ er das Mädchen, vollständig hergestellt, aus seiner Klinik und gab ihm zur Erinnerung eine kostbare Lockenperrücke mit, unter der es den kahlen Schädel mit mädchenhafter Eitelkeit versteckte.

Endlich gelangten wir in Tübingen an. Ich wurde sofort beordert, die unterwegs eingefangenen Patienten nach dem Universitätskrankenhause zu begleiten und Quartier für dieselben zu bestellen.

In solcher Weise las der geniale Arzt mit den Adleraugen ganz gewöhnlich gerade das interessanteste Material für seinen klinischen Unterricht in des Wortes eigentlicher Bedeutung von der Straße auf; in dem Garten des Tübinger Universitätskrankenhauses konnte man während der Sommermonate regelmäßig eine kleine Schaar solcher auf der Straße gefundener Leute spazieren sehen, die an unheilbaren, aber hochinteressanten und sehr seltenen Krankheiten litten. Durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und die humane Vorsorge, die er jeder Zeit für seine Pfleglinge an den Tag legte, wußte es Niemeyer dahin zu bringen, daß solche Kranke bis an ihr Ende im Tübinger Krankenhause verblieben und ihm, wie seinen Schülern, Gelegenheit zu wichtigen Beobachtungen und schließlich zu lehrreichen Sectionen gaben, ja, er verstand es sogar, durch seine allzeit lebendigen, nicht allein ungemein lehrreichen, sondern auch im höchsten Grade unterhaltenden Vorträge den Patienten selbst die medicinische Klinik in Tübingen so anziehend zu machen, daß sie sich förmlich als Mitglieder der Facultät betrachteten und sogar zuweilen den jüngeren Zuhörern Niemeyer’s populäre Vorträge im Garten des Krankenhauses hielten. Namentlich zwei dieser ständigen Patienten waren ganz originelle Käuze. Der eine litt an hochgradiger Entartung der Nebennieren; er war in Folge seiner Krankheit schwarzbraun, wie ein richtiger Mulatte, hatte aber ein zähes Leben und konnte bei warmem Wetter ohne jede Gefahr in’s Freie gehen und außerdem alle häuslichen Verrichtungen besorgen, die keine große Körperkraft erforderten. Er benutzte jede Gelegenheit, sich unter den Professoren der Medicin und den angehenden Aerzten herumzutreiben, und benahm sich allzeit mit großer urkomischer Herablassung gegen dieselben, nur dem Lehrer der pathologischen Anatomie ging er mit possirlicher Scheu aus dem Wege; seinen verstorbenen Collegen, wie er seine Leidensgefährten im Tübinger Krankenhause nannte, gab er regelmäßig das Geleit zu Grabe, in langem blauem Rocke, schwarzem Cylinderhute und weißen baumwollenen Handschuhen, welche Kleidungsstücke er von dem Professor zum Geschenk erhalten hatte. Der andere, der sicher jedem Schüler Niemeyer’s unvergeßliche Remigius Leins, litt an so vollständiger Gefühllosigkeit der Haut, daß er kochendes Wasser nicht von kaltem unterscheiden konnte und das Bett, auf dem er lag, den Fußboden, über den er ging, nicht unter seinen Füßen fühlte, sondern in der Luft zu liegen und zu gehen vermeinte. Er konnte überhaupt nur mit Hülfe des Gesichtssinnes gehen und hantiren; hielt man ihm plötzlich die Augen zu, so wäre er zu Boden gestürzt, wenn man ihn nicht mit den Armen aufgefangen hätte, und Gegenstände, die er in den Händen hielt, entfielen ihm, sobald er den Blick von ihnen wandte. Niemeyer benutzte ihn regelmäßig als glänzendes Beispiel zur Widerlegung der von Professor Leyden aufgestellten Theorie über das Wesen der Rückenmarksschwindsucht. Trotz seines trostlosen Zustandes war dieser Mensch ein lustiger Geselle und ließ sich mit großem Vergnügen von den jüngeren Studenten zu Scherzen und Mystificationen verwenden, zu deren Opfern nicht Medicin studirende Commilitonen erkoren wurden.

Sein allzeit anziehender und wunderbar anschaulicher Vortrag war das Hauptverdienst Niemeyer’s; in ihm gipfelte seine Bedeutung als Lehrer der Medicin. Wohl hat es gleichzeitig mit ihm eine Reihe wissenschaftlich viel bedeutenderer Koryphäen in der Heilkunde gegeben – ich erinnere z. B. nur an seinen Vorgänger Griesinger –, aber als Lehrer standen sie Alle tief unter ihm. Wenn Griesinger eine seiner unerhörten Diagnosen stellte, dann klangen seine Worte dunkel wie ein Orakel; die Diagnose bewies sich richtig bei der Section, aber die Fäden, an denen er sich in dem labyrinthischen Dunkel zurecht gefunden, blieben verborgen vor den Augen seiner Schüler. Bei Niemeyer war es umgekehrt; er hat sich trotz des beispiellosen Glückes, das er in der Praxis gehabt, oft genug geirrt, aber aus jedem seiner Irrthümer haben seine Schüler etwas gelernt. Der Umstand, daß Niemeyer’s Vorträge niemals langweilig waren, ist vor Allem Ursache gewesen, daß seine Klinik nicht leicht „geschwänzt“ wurde; ja, nicht selten erschienen auch Nichtärzte in ihr, so wurde sie von Konewka während seines Aufenthaltes in Tübingen vielfach besucht, wenn er sich einmal, wie er sagte, recht gut unterhalten wollte. Hand in Hand mit seinem rhetorischen Talente ging sein Geschick, seine Zuhörer auf die ärztliche Praxis einzuschulen. Beiden hat er in seinem Lehrbuche der Medicin ein glänzendes Denkmal gesetzt, das auf lange Zeit das beste Unterrichtsbuch für Schüler der Heilkunde sein wird. Diesen beiden Eigenschaften Niemeyer’s hat es mein Heimathland Württemberg zu [517] danken, daß es eine Schaar junger Aerzte von einer Sicherheit im Auftreten und ärztlichem Handeln besitzt, die geradezu beispiellos dasteht.

Als Arzt, wie als Lehrer, war er immer von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit, und der persönliche Verkehr mit ihm ist für Jedermann in hohem Grade anziehend gewesen. Von Pedanterie war keine Spur in seinem Wesen, im Gegentheil: nicht leicht verstand es ein Lehrer, so liebenswürdig, wie er, jugendliche Thorheiten seinen Schülern zu verzeihen und verzeihend abzugewöhnen; nachgetragen hat er niemals einem seiner Schüler eine That jugendlichen Leichtsinns; selbst wenn er, was nicht selten der Fall war, von Zeit zu Zeit den Einen oder Anderen auf seiner eigenen Jagd bei der Wilderei, dem uralten Laster des Tübinger Studenten, erwischte, so schickte er ihn mit einem classischen Witze nach Hause, und die Sache war abgethan.

Seine Sorge um das Wohlergehen der Unbemittelten unter seinen Schülern äußerte er ebenso zartfühlend wie originell; nicht wenigen unter den beschäftigtsten Aerzten meiner Heimath ist es nur durch seine großmüthige und nachhaltige Unterstützung möglich gemacht worden, daß sie ihre Studien gründlich vollenden konnten. Von der originellen Art, wie er, wo er nur immer konnte, seine in die Praxis übergegangenen Schüler zu fördern suchte, will ich nur eine einzige launige Probe anführen, die mir selbst begegnet ist.

Ich kam zu ihm, um Abschied zu nehmen.

„Wo eröffnen Sie denn die goldene Praxis?“ frug er.

„Im Schwarzwald, Herr Professor.“

„Sind Sie verrückt geworden?“ rief er und blies eine gewaltige Wolke aus der Cigarre. „Ein Kerl wie Sie gehört in eine Großstadt und nicht in den Schwarzwald; zum Theaterarzt würden Sie gar nicht übel taugen,“ fügte er mit sarkastischem Lächeln bei.

„Ich bleibe auch nur so lange im Schwarzwald, bis ich meine Schulden bezahlen kann.“

„Dazu will ich Ihnen bald behülflich sein. Jetzt reisen Sie mit Gott! Adieu, mein lieber Junge!“

Damit schob er mich zur Thür hinaus.

Ich war Arzt in einem kleinen Städtchen des Schwarzwaldes. Eines schönen Morgens reite ich gemächlich einem Dörflein zu, wo ich mehrere Kranke zu besuchen hatte. Da schmettern lustige Posthorntöne mir entgegen, und in rasender Eile jagen zwei Extrapostchaisen an mir vorüber. Wie ich zurückkomme und eben mein Pferd zu besorgen beginne, rennt athemlos der Hausknecht aus der Post auf mich zu und brüllt schon von Weitem:

„Herr Doctor, kommen Sie schnell! Seine Excellenz der Herr Minister von Delbrück ist angekommen und will Sie consultiren.“

Sprachlos folgte ich dem Menschen.

Auf der Post wurde ich in ein Zimmer geführt, in dem eine Gesellschaft von mehreren Herren und Damen beisammensaßen.

„Sehen Sie, mein Junge, wie ich Wort halte!“ rief mir eine wohlbekannte Stimme entgegen, und Professor von Niemeyer umarmte mich herzlich. Dann stellte er mich dem Minister, der in blühendster Gesundheit neben ihm saß, und einigen hochadeligen Damen aus Berlin vor, die auch mitgekommen waren, seinem Schüler die Praxis begründen zu helfen. Unter heiteren Scherzen flog ein herrlicher Tag dahin. Als die Stunde der Trennung schlug, drückte mir der Minister lächelnd die Hand mit den Worten: „Hoffentlich trägt unsere kleine Kriegslist gute Früchte.“

Und die hat sie getragen: von diesem Tage an war ich der beschäftigtste Arzt weit und breit im ganzen Schwarzwalde.

Der große Lehrer der Heilkunde ist gestorben, viel zu früh für die Wissenschaft, wie für die leidende Menschheit; im schwäbischen Boden, fern von seiner nordischen Heimath, liegt seine sterbliche Hülle. Möge er sanft in der Erde meines Heimathlandes ruhen, und sein verklärter Geist von lichter Höhe freundlich herabschauen auf den bescheidenen Kranz, den, wenn auch nicht sein talentvollster, so doch sein dankbarster Schüler auf sein Grab legt.