Für Mütter (Die Gartenlaube 1883/21)

Textdaten
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Autor: Max Taube
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Titel: Für Mütter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 348
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[348] Für Mütter. Die Bewahrung ihrer Kinder vor der Diphtherie bildet mit Recht die Hauptsorge einer Mutter. Vergeblich sucht man nach einem absolut sicher wirkenden Mittel gegen diese Krankheit, sollte aber auch, was mehr als fraglich ist, in Zukunft ein solches Specificum gefunden werden, ohne Milhülfe der Eltern kann es seine volle Wirkung nie entwickeln. Ist die Krankheit vollkommen ausgebrochen, sind Kehlkopf und Luftröhre schon ergriffen, der kleine Patient erschöpft und verfallen, so bleibt für ein Gegenmittel ebenso wenig Aussicht auf Erfolg, wie bei einem eingenommenen im Körper schon verbreiteten Gifte, z. B. Arsenik.

Dem Feinde den Eintritt zu verwehren und ihn an der Pforte zu bekämpfen, giebt uns die Natur als Hülfe einige wichtige Winke. Die Diphtherie ist verbreiteter, als man anzunehmen pflegt, doch gelangen vielfach Erkrankungen bei einem widerstandsfähigen Organismus unbemerkt zur Abheilung.

Nicht zu selten wird ein Kind zu dem Arzte geführt, weil ihm beim Schlucken das Getränk aus der Nase fließt, eine Gaumensegellähmung ist vorhanden, welche auf eine vorausgegangene Diphtherie schließen läßt, etwas Halsweh vor einer Woche war die einzige Erscheinung. Noch öfter fehlt aber sogar diese Lähmung und zwar vorzüglich bei älteren Kindern und Erwachsenen, und hinter geringen Schmerzen beim Schlucken argwöhnt Niemand den tückischen Feind. Nach einigen Tagen erkranken kleine Familienmitglieder, Niemand erräth die Ursache, die Ansteckung erfolgte, und ist dies mit die häufigste Uebertragung von diesen leichteren als Halskatarrh gedeuteten Fällen. Die Erkrankung wird schwerer durch den in den Räumen jetzt gehäuften Ansteckungsstoff und die geringere Widerstandsfähigkeit jüngerer Kinder. Bei diesen sind die Gewebe blutreicher, lockerer, die Organe enger, und die Ausbreitung erfolgt leichter auf die rückwärts gelegenen Theile: Kehlkopf und Luftröhre. Zwei wichtige Lehren ergeben sich hieraus für die Kinderstube.

Jeder Halsschmerz bei Erwachsenen, vor Allem auch bei den Dienstleuten, ist streng zu beobachten, und Kinder sind während dieser kurzen Zeit von den Kranken fern zu halten, Küssen hauptsächlich zu meiden. Eine mehrmals täglich stattfindende Besichtigung der hinteren Theile der Mundhöhle (Mandeln) muß eine gleichmäßige Röthung, Freibleiben von weißen Punkten und Streifen ergeben. Auswaschen (nicht herunterschlucken) mit chlorsaurem Kaliwasser (eine Messerspitze auf eine Tasse Wasser) einige Male am Tage ist rathsam (vergl. „Gartenlaube“ 1877, S. 35). Zweitens gebietet uns die leichtere Abheilung in den älteren Jahren, schon weil das Kind dann durch Inhaliren und Gurgeln mehr selbstthätig sein kann, mit allen Mitteln es bis zur Schule vor der Ansteckung zu behüten. Mit der Schule beginnt die Hauptquelle der ansteckenden Krankheiten. Hier nun müssen wir auf eine Unsitte hinweisen, welche immer mehr um sich zu greifen droht, nämlich die frühzeitige Theilnahme der Kinder an den Spielschulen. Selbst dreijährige, sehr oft aber vierjährige Kinder werden zur Entlastung der Mutter in Räumen bis zu dreißig Kindern zusammengesteckt, welche den allgemeinen Anschauungen von Schulhygiene auch nicht im Geringsten entsprechen. Unter solchen Umständen muß sich eine ansteckende Krankheit auf Alle übertragen, wie bei Masern und Keuchhusten leicht nachzuweisen ist. Zu vielfachen Uebeln, z. B. Kurzsichtigkeit und Rückgratsverbiegung legt die Spielschule oft den Keim. Ein Kind gehört bis zum fünften Jahre in das Haus, so lange muß es individuell behandelt werden, sollen nicht frühreife geistige Mißgeburten die Folge sein. Wind und Wetter gebieten außerdem die größte Berücksichtigung bei einem so zarten Organismus. Die ärmere Bevölkerung wird leider öfter durch Erwerbung des täglichen Brodes gezwungen, ihre Kinder in Kinderbewahranstalten vor diesem Alter unterzubringen, diese sind dann aber meistens in den Händen von älteren Personen, die nicht selten eine gewisse Kenntniß der Krankheitsanfänge besitzen, doch wäre auch hier eine Besichtigung der Mundhöhle täglich beim Eintritte eine wenig zeitraubende Bemühung. Dr. Taube.