Für Mütter (Die Gartenlaube 1877/25)

Textdaten
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Autor: Dr. –a–
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Titel: Für Mütter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 427
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[427] Für Mütter. Wichtige Kleinigkeiten. 1. Junge Mütter befinden sich manchmal in recht beklagenswerther Lage. Erfreut steht so eine junge Mutter am Bettchen des erst wenige Wochen alten Erstgeborenen und erquickt sich an dem kräftigen Brusttone, dessen Stärke die künftige Tenorgröße vorausahnen läßt; da ruft plötzlich entrüstet eine bejahrte Nachbarin: „Aber wie können Sie nur das Kind so brüllen lassen? Es schreit sich ja binnen Kurzem einen Bruch.“ Sie sucht nun das Kind zu beschwichtigen, bis zufällig eine andere Helferin dazu kommt, welche auch viel erlebt hat. Diese meint nun, das Kind müsse sich ausschreien, damit die Brust sich weite; denn dies schütze vor Brustkrankheiten. – Wie soll die unerfahrene junge Mutter sich diesen beiden Rathgeberinnen gegenüber verhalten? Selbstverständlich ist ein Mittelweg einzuschlagen, im Princip aber gesellen wir uns der letzten Ansicht bei. Die Lungen liegen vor der Geburt zusammengefallen, luftleer im Brustkasten, und erst durch die kräftigen Hebungen des Brustkorbes von Seiten des Neugeborenen erfüllen sich die Lungenbläschen mit Luft. Je schwächer und stiller das Kind, desto flachere Athemzüge sind die Folgen; hierdurch wird nicht nur die Luft in den untersten Lungengebieten, die sogenannte Reserveluft, weniger erneuert und so dem Körper eine geringere Menge Sauerstoff zugeführt, sondern auch die Muskeln des Brustkorbes, dieser selbst und im Anschluß daran die Lungen an eine kleinere Ausdehnung gewöhnt. Dieser Mangel an Tiefathmen kann allerdings in schweren Fällen, vorzüglich später bei dem Durchbrechen der Zähne, Lungenerkrankungen begünstigen.

Das Schreien ist in der ersten Kindheit die beste und einfachste Athmungsgymnastik. Es wird dabei sowohl straff und tief eingeathmet, andererseits aber auch kräftig ausgeathmet, wodurch gerade der ausgiebigste Luftwechsel in den Lungen stattfindet. Die Furcht vor Brüchen ist vielfach übertrieben worden. Wohl entstehen nicht selten durch starken anhaltenden Husten Brüche, durch das Schreien aber nur dann, wenn eine sehr erhebliche Anlage, besonders am Nabel, vorhanden ist. Bemerkt man nun, daß der Nabel Neigung zum Vorwölben besitzt, so greife man nicht zu dem bekannten Hebammenmittel, eine halbe Muskatnuß in den Bruch hinein zu drücken weil hierdurch die Bruchpforte erweitert und am Verkleinern verhindert wird, sondern befestige mittelst breiter Heftpflasterstreifen ein in Heftpflaster gewickeltes Stück Pappe (von der Größe eines Zweimarkstückes) über dem Nabel, was am schnellsten die Heilung herbeiführt. –

2. Welche Folgen durch kleine vorher nicht beachtete Umstände verursacht werden können, zeigt der nachstehende traurige Fall. Ein kleines Kind soll gebadet werden und das Dienstmädchen gießt zu diesem Zwecke kochendes Wasser in die Badewanne. Während es nun hinausgeht, um kaltes Wasser zum Vermischen zu holen, hat der etwas größere Bruder den Rand der Wanne erklettert und fällt rückwärts in das siedende Wasser hinein; nach wenigen Tagen war der Arme seinen Brandwunden erlegen. Dieser schreckliche Ausgang ist ein klarer Beweis, eine wie peinliche Sorgfalt in der Kinderstube beobachtet werden muß, der Bedienung aber ist vor Allem streng einzuschärfen, das kalte Wasser stets vor dem warmen in die Wanne zu gießen.
Dr. –a–