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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Erinnerungen an Schiller
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 111–112
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1864) b 629.jpg
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[111] Eine Erinnerung an Schiller. Die Karlsschule in Stuttgart war zu ihrer Zeit bekanntlich eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Anstalten Deutschlands; ihr Ruhm wurde noch durch den Umstand vermehrt, daß einer der ersten Dichter der deutschen Nation in ihr seine Bildung erhielt. Freilich hat wohl nicht diese berühmte Lehranstalt Friedrich Schiller zu dem gemacht, was er geworden ist, wie denn überhaupt die Bildung dem Menschen das nicht geben kann, was er nicht schon der Anlage nach besitzt; allein die Bildung hat ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie die Anlagen und Fähigkeiten der Schüler richtig erkennt und dieselben vernünftig zu entwickeln sucht. Dieses Verdienst müssen wir ohne Zweifel der Karlsschule in Beziehung auf unsern Schiller zugestehen und dasselbe ist um so höher anzuschlagen, als im vorigen Jahrhundert noch die wunderlichsten Begriffe der Aufgabe und Zweck der Bildung herrschend waren.

Darum mögen auch die nachkommenden Geschlechter mit Dank und Verehrung des hohen Stifters der Karlsschule eingedenk sein; wäre aus ihr auch nur der einzige Schiller hervorgegangen, so hätte sie für mehrere Menschenalter, ja für mehrere Nationen das Verdienst, das Saatkorn zu einer segensreichen Frucht gepflegt zu haben, die nun die ganze Menschheit erntet. Aber die Karlsschule hat auch noch andere Geister zur Reife gebracht — die zwar nicht die universelle und geniale Bedeutung haben wie Schiller, allein immerhin in ihrer Lebensstellung eine hervorragende Stufe eingenommen haben: wir erinnern nur an den Professor und Hofmaler Viktor Heideloff, den berühmten Bildhauer Dannecker, den Obermedicinalrath von Hofen, Professor in Würzburg, Kapf, Minister des Innern in Stuttgart, den Dichter und Hofkupferstecher Schlotterbeck u. a. m. Das war eben das nicht genug zu würdigende Verdienst unserer Anstalt, daß sie zuerst den Menschen bildete und von diesem sichern und festen Kern aus den Keim der besondern Anlage und Berufsneigung mit Naturnothwendigkeit kräftig herausstrahlen ließ. Die Karlsschule hat der Kirche, der Schule, der Kunst, der Wissenschaft, der Politik, der Architektur, dem Militär u. s. w. ihre Jünger zugeführt: welchem Lebensberuf sie auch angehörten, er ruhte auf der breiten Unterlage eines tüchtigen Charakters, aus der erst die wahre humane Gesinnung erblühen kann. Es ist dies eine Methode der Erziehung, die in neuerer Zeit gewöhnlich nicht genug berücksichtigt wird. Man will heutzutage lieber mit dem Vielerlei des Wissens glänzen, als daß man sich in Dasjenige vertiefte, was allein noth thut.

Es war im Jahre 1828, als mehrere ehemalige Karlsschüler sich verabredeten, den Geburtstag des Stifters der Karlsschule, des Herzog Karl in dankbarer Weise zu begehen. Der Gedanke fand allgemeinen Beifall und der 11. Februar, an welchem Tage der Herzog Karl das Licht der Welt erblickte, wurde im Jahre 1828 von den Karlsschülern und ihren Söhnen zum ersten Mal festlich begangen. Damals waren die Feiernden noch eine zahlreiche muntere Schaar, und auch die folgenden Jahre, wo die Feier nun regelmäßig stattfand, war immer noch ein ansehnliches Häuflein vorhanden, das den bedeutungsvollen Erinnerungstag mit dankbarer Freude beging. Seither ist nun freilich wieder eine schöne Zeit vergangen; wie es in der Natur der Dinge liegt, ist inzwischen die Lebensuhr eines Manchen abgelaufen, der die Karlsschule noch besucht hatte, und bei den noch wenig Ueberlebenden weis’t der Zeiger auf die letzte Stunde. Schon seit mehreren Jahren ist die Zahl der festfeiernden Zöglinge sehr zusammengeschmolzen. Es sind zwar noch manche im In- und Auslande, und namentlich in Stuttgart selbst am Leben, obschon der Jüngste die Siebenzig überschritten hat; doch wird die Zahl derer, welche an der jährlichen Erinnerungsfeier theilnehmen, in steigender Progression eine geringere, weil Alter und Gebrechlichkeit nicht nur die Auswärtigen von der Reise, sondern auch die Hiesigen von der Betheiligung an einem festlichen Essen häufig abhalten. So waren es im verflossenen Jahre nur drei Karlszöglinge, welche den Geburtstag ihres großen Lehrers in der üblichen Weise begingen; den Söhnen, welche seit mehreren Jahren die größere Zahl der Gäste bilden, fehlt die lebendige Erinnerung, um in dem Jubel, mit welchem ihre Väter das Andenken an „Karl Herzog“ feiern, mit der gleichen Begeisterung einzustimmen. Der entschlafene Dichter Schlotterbeck, selbst Lehrer an der hohen Karlsschule, hat eine Flasche damals jungen 34er Weines gestiftet, damit sie der Letzte von ihnen leeren, und dabei aller vor ihm Heimgegangenen gedenken solle; die Flasche, wohl verzinnt, ist getreulich aufbewahrt worden. Da beschlossen bei der letzten Feier die drei alten Herren, das nächste Mal „die Flasche gemeinsam zu leeren, weil es doch für den letzten schmerzlich sein müsse, dies allein zu thun. Einer dieser Drei ist auch in den letzten Wochen geschieden; die beiden anderen aber hatten auch dies Jahr wieder alle noch lebenden Karlsschüler und ihre Söhne zur Feier des 129. Geburtsfestes des verewigten Herzogs Karl auf den 11. d. nach Stuttgart eingeladen.

Die diesjährige Feier war vor vielen andern eine ausgezeichnete. Das schöne Frühlingswetter, dessen wir uns schon seit mehreren Tagen erfreuen, begünstigte die Theilnahme, so daß gegen Erwarten das diesjährige Fest zahlreicher, als das letztiährige besucht war. Es waren fünf Karlszöglinge und dreizehn Söhne von solchen anwesend; das letzte Jahr, wie gesagt, nur drei Zöglinge und eilf Söhne von Zöglingen. Ein kordiales Mahl auf dem obern Museum bildete den Mittelpunkt des Festes, wobei manches Hoch und manches Gedicht auf den Stifter der hohen Karlsschule und deren Angehörige die ernste und heitere Stimmung erhöhte.

Bei dieser Gelegenheit stellte der bekannte Karl Heideloff, Sohn des Karlsschülers, ein kleines, aber ergreifende Wirkung ausübendes Aquarellbild, den berühmtesten Karlsschüler, Friedrich Schiller, darstellend, welcher seinen Kameraden sein dramatisches Erstlingswerk, die Räuber, vorträgt, aus. Da dieses Bild nach einer flüchtigen Skizze ausgeführt ist, welche der Vater Karl Heideloff’s, Augenzeuge einer Vorlesung, entworfen hat, so glauben wir einem größern Leserkreise einen willkommenen Dienst zu erweisen, wenn wir aus der schriftlichen Erklärung, welche Heideloff seinem Gemälde beigefügt hat, einen Auszug mittheilen. Derselbe ist kein unwesentlicher Beitrag zu Schiller’s Lebensgeschichte.

Es hatte in der Anstalt im Jahre 1778 eine epidemische Krankheit sich ausgebreitet, von welcher auch Schiller und seine Freunde und damaligen Studiengenossen Dannecker, Viktor Heideloff, von Hofen, Kapf und Schlotterbeck ergriffen wurden. Sie befanden sich zusammen in einem Krankenzimmer und waren, ungeachtet sie als Patienten und Reconvalescenten behandelt wurden, dennoch oder vielleicht gerade deshalb unter der strengsten disciplinären Aufsicht. Es war ihnen jede Anstrengung untersagt, so daß Schiller, der damals sich mit den „Räubern“ trug, öfters seine Gedanken unter der Bettdecke verstohlen mit Bleistist niederschreiben mußte. Ein Krankenwärter übte jedoch Nachsicht mit den jungen Leuten, so daß [112] es Schillern durch von Hofen’s Mitwirkung manchmal gelang, seine literarischen Erzeugnisse als medicinische Arbeiten aus dem Saale zu schmuggeln, welche Gelegenheit von Schiller fleißig benutzt wurde, um an dem Drama zu arbeiten, das alle seine Gedanken in Anspruch nahm. Er theilte hierbei seine Entwürfe den Zimmergenossen, namentlich Heideloff, an den er sich enger angeschlossen hatte, mit und holte deren Ansichten und Rathschläge ein. Allein solche ästhetische Konferenzen hatten bei der strengen Ueberwachtung immer etwas Dürftiges und Gefährliches, weshalb die Freunde beschlossen, die Gelegenheit des nächsten Spazierganges zu benutzen, um sich in freier Natur an ruhigem Orte das neue Trauerspiel zum Genuß und zur Kritik vordeklamiren zu lassen, wie Schiller gern zu thun pflegte. Der erste Spaziergang der Reconvalescenten ging in Begleitung des Hauptmanns und der andern Zöglinge am frühen Morgen eines schönen Sonntags des Mai 1778 über die Weinsteige in das Bopserwäldchen (bei Stuttgart). Hier sonderten sich die Freunde der getroffenen Verabredung gemäß und mit Konnivenz des Hauptmanns, von den Uebrigen ab und gingen tiefer in den Wald hinein. Dort lagerten sie sich, ihren Schiller umkreisend, der seine Stellung an einem der stärksten Fichtenstämme auf dessen emporragenden Wurzeln genommen hatte; neben ihn, an demselben Baume postirte sich Schlotterbeck als nächster Zuhörer; auf dem Stamm eines gefällten Baumes daneben saß von Hofen, rechts auf dem Rasen Kapf, etwas zurück stand Heideloff und entfernter neben letzterem Dannecker. Nach Heidloff’s, von Hofen’s und Schlotterbeck’s Erzählung war Schiller’s Stimmung während des Vortrags eine sehr heitere; die auf einen Augenblick errungene Freiheit in der Einsamkeit des malerisch gelegenen Waldes, der einen Durchblick auf die Stiftskirche von Stuttgart gewährte, übte, nebst dem ungestörten Zusammensein mit seinen Freunden, einen sichtbar behaglichen Eindruck auf Schiller aus. Seine Deklamation war anfänglich eine ruhige. Als der aber zur Stelle der fünften Scene im vierten Akte gelangte, wo Karl Moor seinen todtgeglaubten Vater, der aus dem Thurme steigt, erkennt, und mit Entsetzen anredet, steigerte sich Schiller in dem Grade, daß seine Freunde, die bisher in gespannter Aufmerksamkeit ihm Auge und Ohr zugewendet hatten, duch den Ausbruch seines Affektes in Bestürzung geriethen, aber bald von dem überwältigenden Eindruck jener Scene hingerissen, in fast endlosen Beifallssturm übergingen. Diesen Moment der Begeisterung und Ekstase Schiller’s skizzirte Viktor Heideloff nach der Natur in sein Skizzenbuch, und der Sohn Heideloff’s hat diese Skizze nach 78 Jahren als ein Denkmal Schiller’s und des eigenen Vaters in dem bei dem 129sten Geburtsfeste des Herzogs Karl vorgestellten, der letzten Vollendung noch harrenden Gemälde ausgeführt.


Anmerkung des WS-Bearbeiters:

siehe weiteren Artikel Schiller’s Räuber auf ihrer ersten Bühne in Jahrgang 1864, Seite 629–631, in dem das besprochene Bild wiedergegeben ist.