Elisabeth, Königin von England

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Autor: K. F.
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Titel: Elisabeth, Königin von England
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aus: Das Ausland, Nr. 77–78. S. 305–306; 311–312.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scans bei Commons
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[305]

Elisabeth, Königin von England.

(Von K. F.)

Im Horizont der brittischen Geschichte tritt die Regierungsperiode der jedem Engländer unvergeßlichen Virgin Queen als hellleuchtendes Gestirn hervor. Hunderte haben die Herrschertalente, die glänzenden Siege, Thaten, Einrichtungen und die Staatsklugheit der Königin Elisabeth geschildert; wenigen aber gelang es, ihre Eigenschaften, Sitten, Gewohnheiten, häusliche Beschäftigungen – mit einem Worte – den Mikrokosmus ihres Selbst getreu aufzufassen, und unter diesen Wenigen ist kaum Einer, auf dessen Feder nicht Patriotismus oder Nationalhaß, politische Klugheit oder religiöses Vorurtheil bei der Angabe der Beweggründe ihrer Handlungen entstellenden Einfluß geäußert hätte.

In der neuesten Zeit, die man vielleicht, nach Maaßgabe der vorwaltenden Neigungen, das Zeitalter der Memoiren und Novellen nennen könnte, wo die Geschichte bei allen Ständen das lebhafteste Interesse fand, fehlte es nicht an Biographien und Denkwürdigkeiten der Königin Elisabeth. Obgleich, außer den Schriften eines Camden, Duncan Forbes, Peletier Marsy, Birch und Keralio, Melvil, der edle Freund und Beschützer der unglücklichen Maria Stuart, und Walsingham schon längst in ihren Memoiren anziehende Anekdoten aus dem Leben der Elisabeth geliefert, so weckte doch das neu erwachte Studium der Geschichte manches schöne Talent, welches sich an der Schilderung jener großen Königin versuchte. Unter den neuesten Schriftstellern verdient vorzugsweis Lucy Aikin genannt zu werden, welche sich durch ihre „Memoirs of the court of Queen Elizabeth,“ den Dank der spätesten Nachwelt erwerben wird. Doch diese befinden sich jetzt in den Händen aller Geschichtsfreunde, und es wäre um so unnöthiger, darauf besonders aufmerksam zu machen, als die Regierung der großen Königin durch den Vergleich von damals und jetzt mit jedem Tage ein stärkeres Interesse gewinnt.

Elisabeths Name erweckt noch jetzt unter den Engländern die Begeisterung des lebhaftesten Patriotismus. Das eiserne Scepter, woran Heinrich VIII seine Unterthanen gewöhnt hatte, wurde unter ihrer Regierung kaum gefühlt; denn es war in ihren und in des Volkes Augen der Hebel zur Vergrößerung des Areals und zur Beförderung des allgemeinen Wohlseyns. Ihre Falschheit nannte man Politik; ihre oft kindische Eitelkeit, bis in ihre letzten Lebensjahre für die schönste Frau in Europa gelten zu wollen, erschien als eine durch ihre großen Eigenschaften ausgelöschte Schwäche; ihre Gutmüthigkeit und Milde wogen eine gewisse Strenge und Willkür des Charakters auf. Der Ehrenname „Wiederherstellerin der englischen Seemacht und Königin der nördlichen Meere“ ward aber eben so oft durch den einer „Schwestermörderin“ und „Tyrannin“ verdrängt. Sie zitterte vor einem ungünstigen Urtheil des Publikums, und dennoch stärker als diesen von der Eitelkeit erzeugte Furcht war das stolze Bewußtseyn, jedem Urtheil trotzen zu können. Königin und Jungfrau bekämpften sich in ihr, so lange sie lebte. Weil Elisabeth Königin war, wollte sie die reizendste Frau seyn, und weil ihr Spiegel ihr sagte, daß die Jugendblüthen der Schönheit dahingewelkt, wollte sie die Rechte der Herrscherin geltend machen. Im Gefühle der königlichen Macht hätte sie eine Welt für die Ueberzeugung dahingegeben, als Weib von einem geliebten Manne geliebt zu seyn; aber im Besitze dieser Ueberzeugung würde sie die kleinste Grafschaft dem angebeteten Manne vorgezogen haben.

Ein wahres Geistesmeteor erscheint sie in der Geschichte. Wer wagt es, dasselbe chemisch zu analysiren? wer in des Herzens tiefste Tiefen hinabzutauchen, um dort die verborgenen Geheimnisse zu entfalten?

Ref. begnügt sich daher, aus einer wenig bekannten Quelle, die als Handschrift in einer der bedeutendsten Bibliotheken Deutschlands liegt, dasjenige mitzutheilen, was die Jungfrau-Königin mehr als Weib, denn als Herrscherin schildert und ihre Tugenden und Schwächen im Rahmen des häuslichen Familienlebens an das Licht stellt.

Die Geschichte überhaupt mag unter den Wissenschaften seyn, was die Landschaft unter den Gemälden. Den Vordergrund bildet die Gegenwart, und ist häufig starker Schlagschatten; den frischen goldenen Mittelgrund schöner Jahrhunderte nimmt nur allzuschnell das ahnungsvolle Grau der Ferne auf; Ketten von Begebenheiten oder Bergen, die das geübteste Auge nicht mehr scheidet, schließen den Gesichtskreis. Nun legen aber Quellenstudium und Kritik dem Menschen Fernröhren in die Hand, mit denen er manchen Gegenstand noch erfaßt, der dem unbewaffneten Auge längst entschwunden ist.

Mögen daher folgende Bemerkungen eines Augenzeugen, der vom Jahre 1596 bis 1600 in England, und zwar meist am Hofe lebte – so fragmentarisch sie auch sind – in das Publikum treten, und sowohl belehrend unterhalten, als unterhaltend belehren.

[306] Die Königin Elisabeth, lautet der Bericht, wurde den 7. September 1533 zu Greenwich geboren, wo sie sich auch meistens den ganzen Sommer hindurch, als in ihrem Lieblingslustschlosse, aufzuhalten pflegte. Durh das Verwenden eines englischen Großen, der zu der nächsten Umgebung der Königin gehörte, ward es uns vergönnt, in das Innere der Burg zu gelangen. Man führte uns durch mehrere Gänge und schön verzierte Corridor’s in das Präsentations- oder Audienzzimmer, welches mit den kostbarsten Tapeten von rothem Damast behangen, mit goldenen Kanten und Perlengewinden geschmückt, der Fußboden aber, nach dem damals in England üblichen Gebrauche, mit Heu bestreut war.

Durch dieses Gemach mußte die Königin gehen, wenn sie dem Gottesdienste in ihrer Hofkirche beiwohnen wollte. An der Eingangspforte stand ein vornehmer Edelmann (Kämmerer) in einem langen seidenen Talar mit einer großen goldenen Kette um den Hals. Dieser führte die Grafen, Baronets und Lords, und selbst die ersten Damen des Reichs, welche die Königin zu sprechen wünschten, in deren Wohnzimmer. An Sonntagen, wenn die Königin zu kurzem Gebet durch das Audienzzimmer in ihre Kapelle ging, wurde sie von den Großdignitarien des Reichs in einem großen Saale erwartet.

Wenn sie dann aus ihrem Conclave trat, beugte die ganze Versammlung das Knie, und mit unbedecktem Haupte schritten die niedern Beamten und die Ritterschaft voran. Darauf folgten die Ritter des Hosenband-Ordens, dann die Baronets und zuletzt die Grafen und Earls, unmittelbar vor der Person der Herrscherin zwei Marschälle, wovon der Eine das Scepter des Reichs, der Andere ein Schwert mit rothsamtener Seide, die mit goldenen Lilien verziert war, den kreuzförmigen Griff nach Oben gekehrt, trug. In Mitte Beider hielt der Großkanzler und Siegelbewahrer das Siegel des Reichs auf einem seidenen Kissen. Die Königin war damals im fünf und sechszigsten Jahre ihres Alters. Sie hatte ein längliches Gesicht, auf dessen weißer Haut viele rothe Sprossen zu sehen waren, kleine schwarze, aber ausdrucksvolle Augen, eine etwas gebogene Nase, platte und festschließende Lippen, schwarze Zähne, welche in England – nach der Bemerkung unsers alten Beobachters – von dem häufigen Genusse des Zuckers entstehen sollen. Ihre Ohrengehänge bestanden in zwei großen länglichen Perlen. Auf dem röthlichgelben aber falschen Haare, das mit Geschmack aufgethürmt war, ruhete eine kleine Krone, welche aus dem Golde der berühmten Lüneburger Tafel gemacht seyn sollte[1] Den Busen trug sie fast ganz unbedeckt, welches zu jener Zeit in England ein Zeichen der Jungfrauschaft war, und bis in das achtzehnte Jahrhundert von unverheiratheten Engländerinnen beobachtet wurde. Die Vermählten verschleierten sich, so jung sie auch seyn mochten. Um den Hals hatte sie eine Kette von Juwelen. Ihre Hände waren klein, die Finger jedoch länger als es das Ebenmaß erforderte, und ihre Statur von mittlerer Größe. Nichts ging aber über die hohe, ehrfuchtgebietende Würde ihrer Haltung.

Bei einem langsamen, gemessenen, fast stolzen Gange war sie dennoch leutselig und gegen ihre nächste Umgebung liebreich.

Mit dieser äußern Grazie verband sie im Umgange mit fremden Personen einen Grad von Hoheit, Heftigkeit und Stolz, den sie vom Vater geerbt zu haben schien, und zeigte doch auch wieder soviel Sanftmuth und Milde, wie sie nur ihrer Mutter, der unglücklichen Anna Boleyn, eigen war. In ihr hatte die Natur die Eigenschaften beider Aeltern vereinigt. Das wilde Temperament des Vaters, der sich nicht zu sagen scheute, „daß er in seinem Zorne nie einem Manne zu vergeben, noch selbst in der Liebe ein Weib zu verschonen gewöhnt sey“ – milderten die sanften Gefühle der Mutter.

So hatte sie sich nicht nur die treueste Liebe ihrer Unterthanen, sondern selbst im Auslande den Ruf der Leutseligkeit erworben. Daß sie bei ihrem ungemessenen Stolze, der sie zu dem Entschlusse bewog, sich nie malen zu lassen – aus Furcht, der Künstler möchte ihre Vorzüge und Reize nicht vollkommen genug darstellen (denn sie sagte oft „durch die Gnade Gottes sey sie frei von jeder Unvollkommenheit“) – der Demuth nicht ganz entfremdet war, beweiset der Umstand, daß sie in dem nämlichen Augenblicke, als ihr der Tod der Schwester, der Königin Maria, ihrer ärgsten Feindin, und zugleich ihre Thronerhebung bekannt gemacht wurde, auf die Kniee niedersank, und nach einigen Minuten stiller Andacht betend ausrief: „A Domino factum est istud, et est mirabile in occulis nostris![2] – Worte, welche wir heute noch auf den Goldmünzen lesen, die sie prägen ließ.

Unberührt bleibe hier die Mäßigung, die nur in der Demuth, die Gott alle Ehre, Macht und Lenkung zuschreibt, ihren Nahrungsstoff findet, und die alle ihre Beschlüsse lenkte, als bei dem neuaufgehenden Morgenroth der Religionsläuterung noch die Scheiterhaufen rauchten, auf denen ihre Schwester die Edelsten des Volkes dem Fanatismus zum Opfer bluten ließ.

[311] Wir folgen ihr in ihre Häuslichkeit zurück. Unerachtet sie für jeden Tag im Jahre ein eignes Kleide besaß, wovon eines das andere an Pracht und Kostbarkeit übertrag, trug sie meist ein weißes seidenes Unterkleid, mit Perlen von der Größe einer Bohne eingefaßt, und in regelmäßigen Rhomboiden übersäet, an dem ein Spitzenkragen sich über die Hälfte des Kopfes emporwölbte; darüber ein schwarzsammtener mit Silberfäden reich durchwirkter Mantel mit einer Schleppe, welche ihr von Marquisinnen nachgetragen wurde. Statt einer Kette hatte sie ein langes Halsband von Gold und Edelsteinen.

Wenn sie so in der Mitte ihres Hofstaates sich zeigte, sprach sie, bald zu Diesem bald zu Jenem sich wendend, bald englisch, bald französisch, bald italienisch, je nachdem verschiedene Gesandte am Hofe gegenwärtig waren.

Außer jenen Sprachen verstand sie nicht nur spanisch, schottisch und holländisch, sondern auch lateinisch und griechisch. In ihren Mußestunden beschäftigte sie sich mit Musik – besonders mit dem Clavier, das sie mit ausgezeichneter Fertigkeit spielte – und mit Uebersetzungen alter Classiker.

Sie soll den ganzen Horaz in ihre Muttersprache übertragen haben, und diese Arbeit zu ihrer Zeit sehr geschätzt gewesen seyn. Auch hatte sie von zwei Reden des Demosthenes und einigen Tragödien des Sophokles lateinische Uebersetzungen gefertigt. In dieser Sprache wußte sie sich geläufig, und, wenn auch nicht elegant, doch fehlerfrei auszudrücken. Noch nicht vor langer Zeit fand man von ihr eine vollständige Uebersetzung und Bearbeitung des Boethius de Consolatione philosophica, die größtentheils von ihrer eigenen Hand geschrieben war. Sie beschäftigte sich auch zuweilen mit Poesie. Der ungenannte Verfasser obiger Bemerkungen sah noch zu Woodstock, wo sie gefangen gehalten worden, zehn Strophen von ihrer Hand mit einer Kohle an eine hölzerne Wand geschrieben, mit der Unterschrift: „Elizabethe prisonner 1555.

Wir theilen dieselben hier im Original unsern Leser mit:

Oh Fortune, thy wresting wavering state
Hath fraught with Cares my trouble witt;
Whese witness this present prisonn late
Could beare, where once was loy Houne quitt.
Thou causedst the guiltte to be losed,
From bandes, where innocents were indosed,
And caused the guiltles to be reserved
And freed these that death had will deserved;
But all her any (anger?) can be nothing wronghle,
So God send to my föes al (all) they have tonghle.
 Elizabethe Prisonner
[3]

Zu Kensington bewahrt man jetzt noch ein von dem berühmten Maler Federigo Zuchero gemaltes Bild der Königin, unter welchem einige poetische Zeilen von ihr zu lesen sind, welche aber in der alten Schreibart (so wie obige Strophe) selbst für Engländer schwer zu verstehen sind.[4]

Bei Audienzen, fährt der Erzähler fort, redete man mit ihr kniend; aber manchen suchte sie mit der Hand aufzurichten. Damals, es war im Jahr 1598, befand sich gerade ein böhmischer Abgeordneter, der Freiherr Wilhelm von Slavata, an ihrem Hofe. Dieser überreichte ihr, auf das rechte Knie niedergesunken, mit entblößtem Haupte, eine Schrift; da zog sie – als Zeichen besonderer Gnade – die Handschuhe aus, und reichte ihm die rechte, mit Ringen und Brillanten geschmückte Hand zum Kusse dar. Wo sie sich immer sehen ließ, beugte jeder Anwesende das Knie. Ihr folgte stets, auch wenn sie nicht öffentlich erschien, eine ganze Gesellschaft von Gräfinnen und Edelfrauen. Zu ihrer nächsten Umgebung wählte sie die schönsten Jungfrauen des hohen Adels, welche immer in weißen Kleidern, gerade wie das ihrige gemacht, erscheinen mußten. Zur Ehrenwache waren fünfzig junge Edelleute bestimmt, die an Gallatagen mit vergoldeten Partisanen ihr zur Seite gingen, sonst aber vor den Thüren der innersten Gemächer Wache hielten. In dem Vorzimmer, wo gewöhnlich an Sonn- und Festtagen das Volk versammelt war, wurden ihr die Bittschriften überreicht, welche sie mit eigener Hand sehr gnädig annahm. Bei jedesmaliger Ueberreichung erscholl der laute Freudenruf:

[312] „God save the queene Elizabeth“ (Gott erhalte die Königin), worauf sie mit freundlicher Verbeugung antwortete: „I thancke you my good peuple (I thank you my good people! Ich danke Euch, mein geliebtes Volk!“)

Unter der Zeit, als die Königin in der Kirche war, was nie über eine halbe Stunde dauerte, ward der Tisch gedeckt, wobei Jeder, welcher etwas aufdeckte, beim Kommen und Weggehen dreimal eine Knieverbeugung machte, nicht anders als ob die Regentin selbst zugegen gewesen wäre. Tafeldecker war einer der ersten Grafen des Reichs. Ein anderer Ritter brachte das Brod, ein dritter das Salzgefäß, ein vierter den Wein, und wieder ein anderer die Gedecke. Mit gleicher eherbietiger Verneigung brachte eine junge Gräfin von ausnehmender Schönheit das Vorlegemesser. Dann trugen Trabanten, wozu die größten und stärksten Männer aus dem ganzen Königreiche gewählt zu seyn schienen, angethan mit rothen Kleidern, auf denen goldene Rosen gestickt waren, die Speisen auf, in silbernen, meist vergoldeten Schüsseln.

Jede Tracht, deren drei bei einer Mahlzeit statt fanden, zählte vierundzwanzig Gerichte. Den Trabanten nahmen die Edelknaben die Speisen ab, und setzten sie auf die Tafel. Alsdann gab der Kredenzer einem Jeden von dem Gerichte, welches er aufgetragen hatte, einen Bissen, zur Vorsicht wider Vergiftung. Zugleich machten zwölf Hoftrompeter und zwei Paukenschläger eine geräuschvolle Musik. Denn so liebte es die Fürstin während des Mahles.

Nach diesen umständlichen Ceremonien erschienen einige adelige Fräuleins, welche mit großer Ehrfurcht die Speisen von der Tafel nahmen, und in das Zimmer der Königin trugen, wo diese allein speisete, und wohin der Zutritt nur selten Jemand, etwa auf Fürsprache eines Magnaten, und aus besonderer Begünstigung, gestattet ward.

Bei diesem an orientalischen Luxus grenzenden Pompe, bei diesen Kniebeugungen und der fast sclavischen Ehrfurcht und Huldigung, die bei der Erinnerung an den welken Busen, die schwarzen Zähne, und die falschen rothen Haare einer Greisin ein unwillkürliches Lächeln erregt, drängt sich die Bemerkung auf, wie sich die hochherzige Nation der Britten so sehr den Schwächen eines Weibes unterwerfen, und die Bande der Dienstbarkeit so offen und entehrend tragen konnte.

Um diesen Schwächen weiblicher Eitelkeit ein Gegengewicht entgegenzustellen, sey es uns vergönnt, noch folgenden Zug edler Seelengröße und wahrhaft antiker Charakterstärke anzuführen:

Margaretha Lambrun, eine von den Dienerinnen der unglücklichen Maria Stuart, deren Mann bei der Nachricht von dem Tode seiner Gebieterin dem Schmerz über diesen Verlust unterlag, hatte den Entschluß gefaßt, Marias Tod zu rächen. Mit zwei Pistolen bewaffnet, und den Vorsatz, Englands Königin zu morden, in dem Busen, begibt sie sich in die innern Gemächer der Burg, und dringt an einem Audienztage durch den Haufen der wartenden Menge. Allein in diesem Augenblicke entsinkt ihr ein Pistol. Sie wird ergriffen und vor die Königin geführt. Diese wollte sie zuerst selbst ausfragen; allein durch die kühnen Anworten betroffen, fragte sie kaltblütig: „Ihr glaubtet also wirklich, daß die Liebe zu Eurer Herrin und zu Eurem Manne solch’ eine Handlung zur Pflicht gemacht habe? – Aber was glaubt ihr wohl, daß jetzt meine Pflicht gegen Euch sey? – „Ich werde Ew. Majestät offen und unerschrocken meine Antwort sagen; Erlauben Sie mir nur die Frage: Will es meine Königin oder meine Richterin wissen?“ Eure Königin! erwiederte Elisabeth. „So ist es Pflicht, mir Gnade zu ertheilen.“ – Aber was bürgt mir dafür, daß ihre diese Gnade nicht zu einem zweiten Mordanschlage gegen mich mißbrauchen werdet? – „Meine Königin, Eine Gnade, mit soviel Vorsicht ausgetheilt, hört auf Gnade zu seyn! Urtheilen und handeln Ew. Majestät als Richterin gegen mich!“ Von dieser Antwort ergriffen wendete sich Elisabeth zu den sie umstehenden Räthen aus ihrem Gefolge und rief aus. „Während meiner ganzen dreißjährigen Regierung hat mir noch Niemand eine so schöne und zugleich so wahre Lehre gegeben!“

Ob ihr jungfräuliches Leben durch eine freie, vielleicht auf politische Rücksichten begründete Wahl, oder durch einen organischen Fehler bedingt gewesen – ist ein seit zweihundert Jahren unaufgelöstes Problem, und die Frage dürfte wohl unbeantwortet bleiben. Soviel ist gewiß, daß sie in ihrem Testamente ausdrücklich befahl, nach ihrem Tode (3. April 1603) weder geöffnet noch umgekleidet zu werden.


  1. Diese goldene Tafel ist eben diejenige, welche in der Kirche St. Michael des ehemaligen Benedictinerklosters in Lüneburg aufbewahrt worden. Sie ist, wie man glaubt, denn ganz erweislich ist es nicht, von dem Golde und den Edelsteinen, welche Kaiser Otto II bei seinem Siege über die Ungarn im zehnten Jahrhunderte erbeutet hatte, verfertigt, und in diesem damals durch ganz Sachsen weit berühmten Kloster aufbewahrt worden. Sie war mit dem feinsten Goldbleche überzogen, und mit einigen hundert noch ungeschliffenen Juwelen, meistens Rubinen und Smaragden und einem großen Diamant geziert. Von diesem ehrwürdigen Denkmale sind jetzt nur noch traurige Ueberreste vorhanden, nachdem sie im J. 1698 von der berüchtigten Räuberbande, deren Anführer Nickel List war, beraubt und zerstört worden.
  2. Ps. 117. v. 23.
  3. O Glück, dein wilder schwankender Stand
    Hat beladen mit Sorgen meinen betrübten Sinn;
    Wovon Zeugniß dieses gegenwärtige Gefängniß jetzt
    Geben kann, worin einst der elende Houne (?) frei ward,
    Du machtest, daß der Schuldige gelöst wurde
    Von Banden, während Unschuldige gefesselt wurden,
    Und machtest, daß der Schuldlose gefangen gehalten wurde,
    Und befreit die, welche den Tod wohl verdient hatten;
    Doch all ihr Zorn kann nicht schädlich seyn,
    So Gott meinen Feinden sendet alles was sie geschmäht haben.
  4. Anecdotes of painting in England by Vertue, published by Horace Walpole 1762, 4. Vol. I. p.141.
    „Mottoes and verses, which – – are not easily to be interpreted“