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Textdaten
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Autor: Julius Rodenberg
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Titel: Einer von Oeversee
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 788–791
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Einer von Oeversee.
Eine Erinnerung aus dem schleswig-holsteinschen Kriege.
Von Julius Rodenberg.

Gegen Ende October war ich einige Tage in Hamburg. Die Bäume standen zwar schon blätterlos, aber die Luft war noch ziemlich mild und die Sonne schien freundlich auf die belebten Gassen.

Ich bekenne mich zu einer gewissen Vorliebe für Hamburg. Ich liebe die Schiffe und die Matrosen, den Hafen und all’ das seltsame Gewühl, das darin herumliegt, rudert und schwimmt. Es macht mir Vergnügen hier und da stehen zu bleiben vor einem altmodischen Gebäude, welches mich an die Tage der Hansa erinnert, oder in einer Straße, die ganz nach Hanf, Theer und Farbehölzern riecht. Die Mittel und Wege des Welthandels interessiren mich, und an solch einem Platze scheint die wunderreiche Ferne mir näher gerückt, sowohl der neblige Norden, als der licht- und farbeschillernde Süden. Mir ist da zuweilen, als hört’ ich das Herz der Welt klopfen und als verstünd’ ich, gleich dem weisen König, all’ ihre Sprachen. Das Bunte, Mannigfaltige, Vielgestaltige eines solchen Platzes fesselt mich. Vor Allem, was groß und großartig ist, habe ich Respect. Ich sehe nicht ein, warum ich einen großen Kaufmann, der seine zehn, zwölf und mehr Schiffe auf der See und seine Comptoirs in den Colonien hat und der all’ das aus eigener Kraft erworben und geworden, warum ich den nicht ebenso sehr bewundern soll, wie einen großen Feldherrn, oder einen großen Gelehrten, oder einen großen Künstler. Denn das Große bei all’ diesen Männern, so verschieden auch das Feld ist, auf dem sie sich ausgezeichnet, besteht darin, daß sie, mit irgend einer außergewöhnlichen Eigenschaft von Natur begabt, durch eisernen Fleiß und ehrliche Benutzung derselben sich emporgearbeitet und so gewissermaßen aus ihrem eigenen Vorrath die Welt um neue Schätze des Geistes oder des materiellen Wohlbefindens bereichert haben.

Ein solcher Mann ist auch mein Freund J. in Hamburg. Er hat mit Nichts angefangen, wie man zu sagen pflegt; aber er hat damals, als er anfing, zuweilen die Nächte durch gearbeitet, Nichts vor sich, als seine Bücher und zwei Gläser Wasser: das eine, um daraus zu trinken, das andere, um sich die Augen damit anzufeuchten, wenn sie ihm zufallen wollten. Dann ist es dem Manne auffallend geglückt. Nachdem er einige Jahre lang seine Briefe selbst geschrieben, selbst copirt und selbst zur Post getragen hatte, schaffte er sich zuerst für die Post einen Hausknecht, dann für das Copirbuch einen Lehrling und endlich auch für die Correspondenz einen Commis an. Dann konnte man das Wachsthum dieses Mannes von Jahr zu Jahr verfolgen. Ich habe ihn gekannt, als er noch in einer von den innern Straßen Hamburgs ein ganz bescheidenes Quartier mit Hausknecht, Lehrling und Commis bewohnte. Jetzt hat er zwei stattliche Paläste, den einen an der Binnenalster, den anderen an der Außenalster, auf dem Uhlenhorst. Seine Geschäftsräume sind gänzlich von seinem Wohnhaus getrennt, und die Zahl der Hausknechte, Lehrlinge und Commis hat sich erstaunlich vermehrt. Ich weiß nicht, wie viel Hunderte von Leuten in seinem Solde stehen, Beides zu Wasser und zu Lande; denn sein Hauptgeschäft ist das überseeische. Jetzt ist er nicht blos ein Mann von Reichthum, sondern auch einer von Rang und Würden, seitdem eine große außereuropäische Macht ihn zu ihrem General-Consul ernannt. Gar stattlich prangt das Consulatswappen über der Thür seines herrschaftlichen Hauses, und es ist nun auch ein hübsches Frauchen darin. Das war es, woran die Freunde des General-Consuls lange zweifelten. Er war noch nicht so alt; nein, keineswegs, er war nicht mehr, als auf der schattigen Seite der Dreißiger. Dennoch glaubte Niemand, daß er sich noch verheirathen würde, bis er es eines Tages selber sagte. Auf einer seiner Geschäftsreisen nach einem österreichischen Handelsplatz am Adriatischen Meer lernte er die Dame kennen, welche jetzt, seit vier oder fünf Jahren, den Namen der Frau General-Consul führt. Sie ist eine jener wunderbar eigenthümlichen Erscheinungen, frappant, exotisch, wie man sie nur dort finden kann, an den Ufern der Adria, wo sich seit Jahrhunderten so viele Racen

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Die Gartenlaube (1864) b 789.jpg

Einer von Oeversee.

[790] und Elemente gekreuzt haben; sie hat das Auge der Morgenländerin und das Haar des germanischen Nordens, das goldene, lange, weiche, reiche Haar, welches wie ein ausgeworfenes Netz ist. Sie hat die schlanke biegsame Gestalt der Griechin und sie hat ein Lächeln, das keiner Nation – das nur ihr allein angehört. In Leben und Haus des General-Consuls ist durch diese Frau ein feiner, poetischer Zug gekommen.

Das war der Freund, der mich am Bahnhof empfing, als ich in Hamburg ankam. Er hielt da mit seiner schönen Equipage und seinen schönen Pferden, und ihn, seinen Wagen und seine Pferde zu sehen, war in der That ein großes Vergnügen für mich. Gar behaglich saß ich an der Seite meines Freundes in seinem wohlgepolsterten Wagen, den zwei prächtige Braune zogen. Da flogen wir durch die gedrängten Straßen und menschenbelebten Märkte und Plätze, bis wir zuletzt an dem Alsterbassin Halt machten. Es war Nachmittag, spät gegen fünf Uhr, und ein herrlicher Nachmittag war es, voll von jener goldenen Herbstpracht, von jenem sanften Blau, von jener leuchtenden Klarheit und Flüssigkeit der Farben, die nur dem Norden eigen ist und nirgends schöner sein kann, als in Hamburg. Ich weiß wohl, daß Hamburg in Regen kein wünschenswerther Aufenthalt ist; aber Hamburg in Sonne, in Herbstabendsonne ist gar prächtig, es ist beinah wie es im Gedichte von Thomas Moore heißt: „Scheint selten auch die Sonne hier – ’s ist Himmelsglanz, wenn sie hier scheint!“

Am Rande des Alsterbassins bestiegen wir eine von den kleinen Dampfgondeln, die hier zum Gebrauch und Vergnügen von Einheimischen und Fremden die breite Wasserfläche unaufhörlich kreuzen. Allerliebste Dinger sind es, diese Kähne, welche Schlot und Maschine haben, wie das größte Dampfschiff, und kleine Cajüten mit kleinen Stühlen von grünem oder rothem Sammet und kleinen Spiegeln in goldenen Rahmen. Und ein kleines Verdeck ist da, wo man auf kleinen Bänken gar angenehm sitzt, während die Schraube im Wasser arbeitet und das kleine Ding mit Schornstein, Mast und alledem pfeifend unter einer Brücke oder der andern durchfährt. Plaudernd saßen wir da, und zu dem traulichen Dampf einer Manilla (es sind veritable Manillas und mein Freund importirt sie selber) erzählte er mir unterwegs, daß ich auch seine Schwägerin und seinen künftigen Schwager in seiner Villa kennen lernen würde. Ich wußte gar nicht, daß mein Freund so bald einen Schwager haben würde; die Sache war auch noch ganz neu. Die Schwester seiner Gemahlin, sagte er mir, habe schon längere Zeit die Bekanntschaft eines wackern Soldaten, eines Oberlieutenants gemacht, dessen Regiment in der Seestadt an der Adria lag, wo ihre Eltern wohnen. Die jungen Leute hatten sich in den Gesellschaften gesehen; sie hatten beim Gouverneur und auf den Carnevalsbällen mit einander getanzt und hatten eine Neigung für einander empfunden, die immer tiefer ward und zuletzt auch den Eltern nicht verborgen bleiben konnte. Diese jedoch hätten sie lieber unterdrückt gesehen, wenn es nur möglich gewesen wäre. Denn das Loos eines Oberlieutenants in k. k. österreichischen Diensten gehört nicht zu den glänzendsten dieser Welt; und wenn auch Signorina Virginia (so hieß die Schwester der Frau General-Consul) ein sehr reiches Mädchen war, welches jeden Mann, dem sie sich vermählt, in doppeltem Sinne beglückt haben würde, so hätten die Eltern ihr bei einer solchen Wahl doch wenigstens Rang und Stellung, wenn keine anderen Güter, gewünscht. Und da war gar keine Aussicht auf Avancement. Ja, wenn’s nur in Italien hätte losgehen wollen! Da standen immerfort schwere Gewitterwolken über Venedig und Rom, aber die Diplomatie intervenirte immer als guter Blitzableiter; da war kein tüchtiger Schlag zu erwarten, und die Hoffnungen zweier liebenden Herzen auf die Lösung der italienischen Frage zu vertrösten, wäre doch gar zu grausam gewesen. Da explodirte die Gewitterwolke an einem ganz andern Punkte des Horizontes: im Norden von Deutschland, in Schleswig-Holstein; der Krieg brach aus. Das Regiment, in welchem der Oberlieutenant Paul von K. stand, wurde mobil gemacht, bekam Ordre, mußte marschiren.

Wer schildert den Zustand der Liebenden, welcher zwischen dem Schmerz der ersten Trennung und der Aussicht auf das Glück der Waffen getheilt war?

Der Oberlieutenant, bevor er Abschied nahm, entdeckte sich den Eltern Virginia’s, d. h. er machte sie officiell mit dem bekannt, was sie schon längst wußten. Er hielt um die Hand ihrer Tochter an, für den Fall, daß Fortuna seine Werbung begünstige. Man nahm seinen Antrag mit Unentschiedenheit auf; man wies ihn nicht ab, aber man gab ihm auch keine bestimmte Zusage. Aber fröhlich, daß er hoffen dürfe, reiste er ab zur Armee, und der Göttin, die auf einer Kugel steht, überließ er das Weitere.

Und eine Kugel traf ihn, riß ihn hin, mitten in der Hitze des Gefechts von Oeversee. Aber das Mißgeschick im Kriege ist oft der Krieger bestes Glück. Er hatte sich so sehr ausgezeichnet vor dem Feinde und war durch That und Beispiel so behülflich gewesen bei der glorreichen Entscheidung des Tages, daß der Höchstcommandirende auf dem Schlachtfelde selber ihn, vorbehaltlich der kaiserlichen Genehmigung, zum Hauptmann machte und daß das Patent, welches diese Rangerhöhung bestätigte, mit der ersten Avancementsliste von Wien zusammen mit dem Orden der eisernen Krone für den Blessirten ankam.

Er war von einem Streifschuß in den Schenkel getroffen worden und lag wochenlang im Feldlazareth. Die Kunde seines ruhmreichen Betragens blieb nicht verborgen, und die österreichischen Blätter trugen sie auch nach dem Hafenplatz der Adria und der Casa di S., in welcher Virginia’s Eltern wohnten. Eine directe Correspondenz war den Liebenden nämlich von diesen verboten worden. So las denn Virginia zuerst in der „Wiener Zeitung“ von des Geliebten Heldenthat und gefährlicher Verwundung. Nun schrieb sie an die Schwester nach Hamburg, die sie schon früher in ihr Vertrauen eingeweiht und die demgemäß die Bekanntschaft des jungen Officiers bereits bei seinem Durchmarsch durch Hamburg gemacht hatte. Die Augen einer Schwester pflegen in solchen Fällen entscheidend zu sein. Nachdem sie den jungen Officier gesehen, billigte sie die Wahl Virginia’s vollkommen und gelobte sich, den beiden Liebenden an das erwünschte Ziel zu verhelfen. Auch ihren Gemahl, den Generalkonsul, der eine gewichtige Stimme im Familienconcil besaß, wußte sie für die Sache zu interessiren, und als sie nun den oben erwähnten Brief Virginia’s erhielt, meinte sie, jetzt sei es Zeit, Etwas für die Beiden zu thun. „Er ist jetzt Hauptmann,“ sagte sie, „und Ritter der eisernen Krone; er hat um Virginia’s Liebe und Besitz wie ein tapfrer Mann gekämpft und er hat sie ehrlich verdient.“

Auf das Betreiben seiner Gemahlin reiste hierauf der General-Consul in das österreichische Hauptquartier, um den Leidenden aufzusuchen. Er fand ihn in einem sehr beklagenswerthen Zustande; denn weder im Krieg noch im Frieden gewinnt man Ruhm und Auszeichnung, wenn man nicht zu jedem Opfer bereit ist. Das wußte wohl Niemand besser, als der General-Consul selber, obwohl er die Erfahrung in anderer Weise gemacht; und darum faßte er gleich eine entschiedene Sympathie für den Kranken, dem es im Lazareth zwar nicht an der Sorgfalt und Pflege, wie man sie im Felde haben kann, fehlte, der aber, getrennt von seiner Geliebten, ohne Nachricht, ohne Kunde, ohne Zuspruch von ihr, einen doppelten Schmerz litt. Der General-Consul lud nun den jungen Hauptmann ein, die Tage seiner vollständigen Wiederherstellung in seiner Villa zu erwarten, und nach eingeholtem Urlaub folgte ihm derselbe dahin. Durch die Vermittelung des General-Consuls hatten endlich auch, nach längerem Widerstreben, Virginia’s Eltern ihre Einwilligung zur Verlobung ihrer Tochter mit dem Hauptmann von K. gegeben, und seit Mitte August war die glückselige Braut auch nach Hamburg gekommen, um den geliebten Kranken zu pflegen und mit ihm unablässig von einer schönen und rosigen Zukunft zu plaudern.

Das war es, was mir mein Freund, der General-Consul, erzählte, während die kleine Dampfgondel das Wasser durchfurchte und nun zuletzt an dem Landungsplatz des Uhlenhorst anlegte, von welchem man in wenigen Minuten zu der Villa J. gelangt.

Diese Villa liegt ganz wundervoll. Sie ist von einem Parke umschlossen, mit so viel dunklen, alten Bäumen, Ulmen, Linden und Pappeln, als ob es ein Wald wäre. Da rauscht und säuselt es immer, und über den blauen Spiegel des Alsterbassins hin hat man die Fernsicht auf die prächtigen Häuserreihen, welche den Rand der Binnenalster decoriren. Das ist wie ein Bild. Wenn der blaue, feine Duft eines Herbstnachmittages darauf ruht, mit einem Sonnenblick, mit einem silbernen Segel auf dem Wasser, mit einem Gartenbosquet am Lande hier und da: so könnte man glauben, das Alles sei nur wie ein Märchen da heraufgezaubert und könne, wie ein Märchen, auch wieder versinken.

Durch das massive Thor traten wir nun in den Park, und indem wir die breite Kastanienallee hinaufschauten, welche mit dem [791] Blick auf die weiße Villa abschließt, da hatt’ ich eine Scene vor mir, so rührend in ihrer Natürlichkeit und so malerisch in ihrer Wirkung, daß ich sie wirklich niemals vergessen werde.

Den Laubgang herunter, uns entgegen, kam ein kleiner Handwagen, eine Art von Rollstuhl, so wie man ihn für Kinder oder Patienten gebrauchen mag, und darin saß die kräftige und schöne Gestalt eines verwundeten Kriegers, in dem Mantel, den er am Tage der Schlacht getragen; und hinter dem Wagen, halb über ihn gebeugt, war die volle, üppige Figur einer Tochter des Südens, mit dunklen Augen, dunkel wie eine südliche Nacht, die ganz voll Sterne ist, mit schwarzen, dicken Flechten, mit so viel Anmuth, so viel Grazie, so viel Melodie in der üppigen Formenfülle und mit einer Hülle, die sie nach Art der italienischen oder spanischen Frauen um den Kopf geschlungen hatte. Sie war es, die den Wagen fuhr, in welchem der Blessirte im Mantel saß. Daneben ging eine andere Dame, schlank, majestätisch in ihrer aufrechten Haltung, mit einem Gesicht, das voll innigster Sorgfalt und Theilnahme dem Kranken und der Krankenpflegerin zugewendet war. Gab es einen größern Contrast, als den zwischen den beiden Schwestern? Die Eine mit dem nixenhaften Lächeln, mit dem abendländischen Haar und dem morgenländischen Profil, die Andere mit der satten, tiefen Gluth des Südens in der Farbe ihres Gesichts und mit jener bezaubernden Harmonie in den Formen ihres Körpers, in jeder Bewegung, jeder Biegung, als ob Alles Musik und Wohllaut wäre – Musik für das Auge! Aber doch waren es Schwestern, die Schwestern, von denen die eine die Frau meines Freundes, des General-Consuls J., und die andere die Braut des Hauptmanns Paul von K. war.

Welch ein liebliches Bild das war, wie sich die Gruppe daherbewegte, mit so viel Liebe in den drei Gesichtern und mit so viel Herbstduft und Abendsonne rings um sie her!

Ein Soldat – der Diener des Hauptmanns, der ebenfalls verwundet war – folgte in gemessener Entfernung, damit dem Idyll auch der kriegerische Hintergrund, aus dem es hervorgegangen, nicht fehlen möge.

Einige glückliche Stunden verlebte ich mit diesen liebenswürdigen Menschen. Es that meinem Herzen und meinem Auge wohl, die stille Seligkeit der Liebenden theilnehmend mitzuempfinden, und ich sagte, daß es für uns Poeten doch ein wahres Glück sei, hier und da im nüchternen Leben einmal solch ein romantisches Intermezzo zu haben, etwas von wirklichen Abenteuern, Gefahren, Verwickelungen und erfreulichen Lösungen, dieser Poesie der Wirklichkeit, die schöner, rührender und ergreifender ist, als Alles, was wir zu erfinden im Stande wären.

Dies sagte ich bei Tische, indem ich um die Erlaubniß bat, ein Glas funkelnden Vöslauer Weines (dieses Heimathweines der guten Oesterreichn) dem Wohle der Beiden zu trinken, welche der Schleswig-Holstein-Krieg auf eine so unerwartete und ehrenvolle Weise vereint hatte.

„Selbst ist der Mann!“ erwiderte darauf mein Freund. „Das ist immer meine Maxime gewesen. Das Schicksal der Menschen wie der Völker liegt in ihren eigenen Händen. Denn der Erfolg fällt Niemandem fertig in den Schooß. Er will errungen und verdient sein. Ehrliche Arbeit und ehrlicher Lohn heißt es bei uns Kaufleuten; darum auch nach dem ehrlichen Kriege ein ehrlicher Frieden, ein ehrliches Glück allen Denen, die kämpfend oder duldend daran Theil genommen, und langen Ruhm dem Vaterlande, welches jetzt wieder in neuer Herrlichkeit vor allen Nationen steht!“

Ein Abglanz dieser Glorie schien auf die Beiden zu fallen, indem sie, von der Abendsonne umglüht, mit den Gläsern anstießen und sich treuinnig in die Äugen blickten.

Mit einer angenehmen Empfindung denk’ ich an diesen Nachmittag und diesen Abend zurück; denn wenn ich von den wilden und blutigen Scenen des Krieges nur gelesen und gehört habe, so habe ich doch von dem Frieden ein wirkliches Bild – und welch ein freundliches! – gesehen und in meiner Erinnerung mit mir nach Hause, in dies große, volkreiche Berlin genommen.

Und heute, während ich diese Zeilen flüchtig zu Papier gebracht, wie sie das Herz mir dictirte, prangt ganz Berlin im Fahnen- und Flaggenschmuck zum festlichen Willkommen für die heimkehrenden Sieger, und auf dem Hamburger Bahnhof ist immerfort Musik und Hurrahgeschrei für die Oesterreicher, welche auf ihrem Weg in die Heimath unsere Stadt passiren.

Dort werde ich heut’ Nachmittag auch den Hauptmann von K. begrüßen, der, wie ich zu meiner Freude schon vernommen habe, von seiner Wunde vollständig wieder hergestellt ist, und noch ehe dies Jahr zu Ende gegangen, hoffe ich die Karte zu erhalten, welche mir die Anzeige macht, daß „Paul und Virginia“ ein glückliches Paar geworden sind.