Eine unheimliche Seefahrt

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Autor: unbekannt
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Titel: Eine unheimliche Seefahrt
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Erklärung (Die Gartenlaube 1863/28)
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[393]
Eine unheimliche Seefahrt.

„Wann werden wir in Bremen sein?“ fragte ich Mr. Wilson, den ersten Mate des Dampfers, als er eben aus dem Maschinenraume auftauchte, wo er mit dem Oberingenieur eine längere Zwiesprache gehalten hatte.

„Kann’s nicht sagen; wenigstens bei diesem Curse niemals!“ war die kurze Antwort Wilson’s, der rasch nach dem Steuerhause ging und einige hastige Worte an die beiden Leute am Ruder richtete, welche dieselben mit Kopfschütteln beantworteten.

Diese brüsken Worte Wilson’s setzten mich einigermaßen in Erstaunen, da derselbe sonst immer sehr zuvorkommend war. Es mußte etwas vorgefallen sein, was ihn beunruhigte, auch hatte ich schon bemerkt, daß seit zwei Tagen die Schiffsofficiere – der Capitain war fast gar nicht zu sehen – die Köpfe zusammensteckten und leise miteinander flüsterten. Da ich aber im Seewesen keinesweges ganz unbewandert war, indem ich schon öfter die Tour über den Ocean gemacht hatte, und keinen Grund zu irgend einer Besorgniß entdecken konnte, so hatte ich über dieses sonderbare Benehmen bis dahin weiter nicht nachgedacht.

Wir hatten New-York vor dreizehn Tagen verlassen und näherten uns nun nach einer nicht übermäßig rauhen Passage der Mündung des englischen Canals, auch hofften wir am nächsten Morgen Land zu sehen und vielleicht noch in der Nacht die beiden bekannten Leuchtfeuer von Cap Lizard. Der Aufenthalt, welcher den Segelschiffen so häufig dadurch entsteht, daß sie an dieser Stelle auf steife Ostwinde stoßen, die ihnen die Einfahrt verwehren, kann bei einem Dampfschif nicht stattfinden, und so hofften denn alle Passagiere, das Ziel ihrer Bestimmung bald zu erreichen. Wie es auf den transatlantischen Fahrten dieser Linie die Sitte war, den letzten Abend vor dem Erblicken des Landes durch ein splendides Souper zu feiern und den an Bord so schnell geschlossenen Freundschaften eine Abschiedslibation zu widmen, so hatte auch unser vortrefflicher Stewart in dem großen Salon der Staatskajüte ein Mahl aufgetragen, das einem Hotel erster Classe Ehre gemacht hätte. Selbst die Damen, welche während der ganzen Reise an Seekrankheit gelitten und sich nur selten auf Deck gezeigt hatten, erschienen in geschmackvoller Toilette, als die silberne Schelle der Aufwärter den Anfang des Festes anzeigte. Die Herren standen nach amerikanischer Sitte hinter den Plätzen, welche sie gewöhnlich einzunehmen pflegten, und warteten, bis das schöne Geschlecht sich gesetzt hatte, ungeduldige Blicke nach dem obern Ende der Tafel werfend, wo der Capitain zu präsidiren gewohnt ist, wenn ihn nicht Berufsgeschäfte abhalten.

Statt seiner erschien der Schiffsarzt, sonst ein jovialer junger Mann, mit befangener Miene, und ich las in seinen Zügen, daß ihm Etwas schwere Sorgen machte. Indessen verlief das Mahl ziemlich heiter, wie es bei solchen Gelegenheiten der Fall zu sein pflegt, und die gewöhnlichen Toaste wurden munter und witzig beantwortet. Gegen zehn Uhr endlich erschien der Capitain im Salon, warf einen zerstreuten Blick über die Anwesenden und sagte in höflichem Tone: „Ebbe und Fluth warten auf Niemand, und eine lustige Tafelgesellschaft braucht es auch nicht zu thun. Erlauben die Damen und Herren, daß ich auf ihre Gesundheit trinke.“ Er trank, aber wie trank er, obgleich sein echauffirtes Wesen und seine blutunterlaufenen Augen deutlich zeigten, daß er des Guten schon mehr als zu viel genossen hatte! Die Hast, mit welcher er dem Schiffsjungen, der zu seiner Bedienung bereit stand, sein immer leeres Glas zum Füllen hinhielt und mit welcher er den starken Punsch hinuntergoß, war unnatürlich und hatte etwas Krankhaftes. Meine Augen begegneten sich mit denen des Doctors, welcher endlich von seinem Sitze aufstand und dem Capitain etwas in das Ohr flüsterte, ehe er auf das Deck ging.

„Verdammt will ich sein,“ schrie dieser, „wenn der Pflasterkasten das Recht hat, mir vorzuschreiben, wie viel ich trinken soll! In die Hölle mit ihm! Wenn der Pillendreher sich noch einmal so etwas herausnimmt, so schicke ich ihn zu den Feuerleuten. Hollah, Dick,“ sich an den Schiffsjungen wendend, „eine neue Bowle von meinem Santa-Cruz-Rum, und recht stark! Verdammter Junge, soll ich Dir Beine machen? Sie da, Mr. Ladenschwengel, Sie können ja singen, wie eine virginische Nachtigall, geben Sie uns doch eins von Ihren Liedern zum Besten, aber ein recht lustiges. He?“

Der Angeredete, das Muster eines Dandys, der in dem Seidenpalaste Stewart’s auf dem Broadway Lyoner Shawls den Damen anzuprobiren gewohnt war und im Besitz einer erträglichen Stimme allabendlich, wenn es das Wetter erlaubte, auf dem Promenadedeck zu seiner Guitarre sang, fuhr bei diesen rauhen Worten auf, als wenn ihn eine Tarantel gebissen hätte, während die Ladies erschrocken Anstalten machten, den Tisch und den Salon zu verlassen.

„Capitain, wenn Sie mich aus solche Weise auffordern,“ sagte der junge Kaufmann, „werde ich sicher nicht singen. Uebrigens wird Ihr Betragen den Credit des Schiffes und dieser Linie nicht vermehren.“ Mit diesen Worten entfernte er sich nebst einigen andern Passagieren. Fast wäre ich seinem Beispiele gefolgt, aber die Spannung zu erfahren, wie sich das seltsame Betragen des Capitains noch weiter entwickeln würde, hielt mich nebst einigen Bekannten, welche wohl der gleiche Wunsch beseelte, an der Tafel zurück.

„Wenn der Ladenschwengel nicht singen will, so mag er sich zu Davy Jones (Teufel) scheren,“ rief der Capitain, „ich aber will Euch zeigen, was so ein echtes Seemannslied ist. Hört!“ Und er sang:

„Ich lag mit starrem Aug’, so träumt’ ich diese Nacht,
Auf einem morschen Wrack im tiefen Meeresschacht.“

Hier konnte er nicht weiter, denn die überreizte Natur wollte ihre Rechte haben, auch schien es mir, als wenn bei seinem verschlossenen Wesen ihn Etwas zurückhalte, den Rest der grauenvollen Verse herauszubringen. Seine stieren Augen nahmen dabei einen unheimlichen Ausdruck an, den man nicht ganz auf Rechnung der Trunkenheit bringen konnte, und jeder Rest von Heiterkeit, der noch bei den wenigen Gästen am Tische vorwaltete, verschwand. Es war daher Allen erwünscht, daß der Capitain sich von Dick nach seinem Stateroom geleiten ließ, und somit das so unangenehm gestörte Fest ein Ende nahm.

Um vor Schlafengehen noch einmal frische Luft zu schöpfen, stieg ich auf das Deck hinauf, wo noch ein großer Theil der Passagiere auf- und abwandelte und sich lebhaft über die Vorfälle bei dem Abendessen unterhielt. Der erste und zweite Officier standen hinten am Steuerhause, in lebhafter Unterhaltung mit dem Doctor begriffen, der, so weit ich es bei dem Helldunkel der Nacht unterscheiden konnte, lebhaft gesticulirte. Bald wandte sich dieser ab und kam auf mich zu, als ich auf die Brüstung gelehnt den Myriaden von Funken nachsah, welche die mächtigen Schaufeln des Dampfers den dunkeln Wellen entlockten.

„Wir werden eine rauhe Nacht haben, Herr,“ sagte er, „und wir müssen dicht an der Küste sein. Ich wollte, wir führen mit halber Schnelligkeit.“

„Ei, weshalb das?“ erwiderte ich, „wir haben Alle Eile, nach Southampton zu kommen. Wir sind schon dreizehn Tage aus, und ich denke, wir müssen morgen die Kreidefelsen von England sehen.“

„Das glaube ich auch,“ unterbrach mich der Schiffsarzt, „aber ich fürchte, am unrechten Orte. Wissen Sie, daß wir aus dem Course sind und zwar zu weit nördlich? Wir hätten schon seit gestern Ost zum Südost ansteuern müssen, um die beiden Leuchtthürme von Cap Lizard auszumachen. Doch der Capitain hat Wilson streng befohlen, den alten Curs zu halten, trotz aller Einwendungen. Sagen Sie, was hielten Sie von dem Betragen des Capitains heute Abend? war es nicht auffallend?“

„Auffallend im höchsten Grade,“ erwiderte ich, „aber ich denke, er hat seit ein paar Tagen des Guten zu viel genossen. Fast sollte ich meinen, er hätte einen Anfall von Säuferwahnsinn.“

„Das wohl; es ist aber nicht das Delirium tremens allein. Mit dem wollte ich schon fertig werden. Es ist eine viel tiefere Seelenstörung bei ihm vorhanden. Seit er von seiner Frau geschieden ist, hat sein Geist trübe Perioden. Das Schlimmste ist, er weiß es selbst, und in diesem quälenden Bewußtsein trinkt er die stärksten Getränke, um sich zu betäuben. Sie werden sehen, in seinem Wahnsinn ist Methode. Ihnen und einigen verständigeren Passagieren mache ich diese traurige Mittheilung, damit Sie im Fall der Noth mit bei der Hand sind und auch Zeugniß ablegen können.“

Der zweite Mate, ein Deutscher von Geburt und ein äußerst entschlossener Mann, trat jetzt hinzu und sagte dem Doctor, der Capitain schlafe jetzt, und deshalb habe er im Einverständnis mit [394] Wilson die Ingenieure unten beauftragt, nur mit halber Schnelligkeit zu fahren.“

„Wir fahren jetzt,“ sagte Dammann, denn so hieß der zweite Officier, „zwölf Meilen die Stunde, und wenn wir die Nacht so fortmachen, so sitzen wir morgen früh, ehe es hell wird, irgendwo bei den Scilly-Inseln auf dem Felsen. Mäßigen wir die Schnelligkeit auf sechs, so können wir nach meiner Rechnung immer noch ein Dutzend Meilen westlich von Bishops-Rock sein, und wenn dann der Alte“ – er meinte den Capitain „keine Vernunft annimmt, so können wir je nach den Umständen handeln. Sie, Doctor, müssen das Beste dabei thun, denn Sie tragen die Hauptverantwortlichkeit, wenn wir gezwungen sein sollten, den Alten festzunehmen.“

„Jedenfalls,“ antwortete der Schiffsarzt, „halte ich es für besser, einem Unzurechnungsfähigen das Commando abzunehmen, als Schiff und Passagiere dem sichern Untergange auszusetzen. Wir Alle wissen, wie strenge die Gesetze der Disciplin an Bord sind, und welche Strafe auf Meuterei steht, doch sind wir hier im Ausnahmezustande.“

Es schlossen sich hier dem Gespräche noch mehrere Passagiere an, welche von Wilson über den Zustand des Capitains unterrichtet waren, und wir Alle beschlossen erwartungsvoll die Nacht über aufzubleiben. Die Officiere bestimmten den vom Capitain vorgeschriebenen Curs so lange einzuhalten, bis sich directe Gefahr zeige, was, da die Maschine jetzt nur mit halber Kraft arbeitete und eine rauhe See gegen uns stand, vor Anbruch des Tages wohl nicht zu erwarten war. Es wurde auch, um keinen unnützen Lärm zu machen und namentlich um die Damen und Kinder an Bord nicht zu erschrecken, welche vielleicht durch ihr Geschrei den Capitain hätten erwecken können, unter uns ausgemacht, den Rest der Passagiere ruhig schlafen zu lassen. So verging ein Theil der stürmischen Nacht, ohne daß weiter etwas Besonderes vorfiel, außer daß die Wache vorn zu besonderer Aufmerksamkeit aufgefordert wurde, da wir in der Nachbarschaft des Landes waren. Wir steuerten nämlich noch immer direct östlich, unmittelbar auf die Scilly-Inseln zu, in deren bedenklicher Nähe wir uns befinden mußten. Wer jene Gegenden des atlantischen Oceans kennt, wird wissen, daß jedes Schiff gern einen weiten Umweg macht, da dieser kleine Archipelagus voll der gefährlichsten Untiefen und Klippen ist.

Von weitem gesehen, gleichen diese öden, nur von einem halbwilden Fischervölkchen bewohnten Inseln den Rücken riesiger Schildkröten, so gänzlich entbehren diese flachkuppigen Felsen aller Vegetation, da die convergirenden Stürme des Oceans und der irischen See keinen Pflanzenwuchs aufkommen lassen. Für einen menschenfeindlichen Einsiedler kann man sich keinen bessern Platz wünschen, und wenn ein Maler die letzten Schrecken der Sündfluth darstellen wollte, wie die tosenden Wogen die granitnen Spitzen der höchsten Berge zu überschwemmen drohen, die äußerste Zuflucht des Menschengeschlechtes, so könnte er hier die passendsten Studien machen. Am weitesten nach Westen vorgeschoben, der äußerste Vorposten Englands, liegt ein schwarzer Schieferfelsen, der Bishops-Rock, von dem die Sage geht, daß St. Patrick, der Apostel Irlands, sich dort in der Einsamkeit, von dem scharfen Geschrei der Möven unbeirrt, zu seinem heiligen Berufe vorbereitet habe. Hier hat die englische Regierung in ihrer bekannten Vorsorge für die Seefahrer einen Leuchtthurm gebaut, dessen weitscheinendes Drehlicht die vom Westen kommenden Schiffe in finstrer Nacht vor dem Verderben schützen soll, das in diesem Labyrinth voll Klippen auf den Unvorsichtigen oder den von Sturm gepeitschten Seemann lauert.

Während ich an die Thür des Maschinenraums gelehnt den feurigen Schein beobachtete, welcher aus dem mächtigen Schlote des Dampfers in der Finsterniß aufsteigend die schlanken Masten und Spieren erhellte, schlich eine Gestalt geräuschlos auf mich zu. Ich erkannte Dammann, den zweiten Officier. „Kommen Sie,“ sagte er, „hier in meine Koje. Ich will Ihnen etwas zeigen.“ Dort sah ich bei dem schwachen Scheine der Laterne, welche bei dem starken Stampfen und Schlingern des Schiffes hin und her schwankte, einen Revolver in seinen Händen. „Sie wollen doch nicht? Um Gottes Willen, was soll das bedeuten?“ war meine hastige Anrede.

„Seien Sie ruhig,“ erwiderte er. „Sie verstehen nicht, was ich damit will. Dieser Revolver gehört dem Capitain, und ich schlich, um ihn ja nicht aus dem Schlafe zu erwecken, in Strümpfen vor sein Bett, um mich der Waffe zu bemächtigen. Sie wissen nicht, welche übertriebene Ideen er von Subordination hat, und es steht zu fürchten, daß er, wenn es zu dem Aeußersten komm’, auf uns schießen wird, um Gehorsam zu erzwingen. Es handelt sich nun darum, den Revolver unschädlich zu machen. Sie sehen“ – dabei zeigte er mir die sechs Mündungen der Waffe – „er ist scharf geladen, und die Zündhütchen sind erst frisch aufgesetzt. Ich will ihn aber so zurichten, daß der Capitain keinen Schaden damit anrichten kann und daß er nichts davon merkt. Sollte er also auf den Doctor, Wilson oder mich abdrücken, so brauchen Sie keine Sorge zu haben; jedenfalls müssen Sie dann aber bezeugen, daß er den Versuch der Tödtung machte. Auch werden Sie gut thun, die eingeweihten Passagiere von der Unschädlichkeit der Waffe zu unterrichten.“

Nach diesen Worten zog Dammann sorgfältig die sechs Kugeln aus den Läufen und schüttelte das Pulver vorsichtig bis auf das letzte Korn aus. Dann rammte er jene wieder an ihren alten Platz, so daß Niemand bemerken konnte, was mit der Waffe vorgegangen war. Hierauf schlich er sich leise die Treppe nach der Kajüte hinunter, um den Revolver wieder über des Capitains Kopfe aufzuhängen, und erschien einige Minuten später wieder mit der Nachricht, daß Alles in Ordnung sei.

Es war ungefähr fünf Uhr Morgens, kurz vor dem Grauen des Tages, als die Wache vorn ausrief: „Licht in Sicht! gerade vor uns!“

„Das muß Bishops Rock sein!“ rief der erste Officier, indem er nach der Back eilte, „es verschwindet schon; in ein paar Minuten werden wir es wieder sehen.“

Wirklich erschien das Licht bald wieder, ein Beweis, daß der Leuchtthurm, den wir vor uns hatten, ein Drehfeuer enthielt. Aus dem Umstande, daß der glühende Schein ziemlich hoch über dem Horizont stand, ging hervor, daß der Dampfer jener gefährlichen Reihe von Riffen, welche die Scilly-Inseln im Westen wie ein Bollwerk gegen den Andrang des Oceans schützen, schon ziemlich nahe gekommen sein mußte. Aus diesem Grunde rief Wilson durch das Sprachrohr in den Maschinenraum hinunter: „slow!“ (langsam), während Dammann zu den Leuten am Steuer eilte und ihnen befahl, das Schiff nach Südost zum Süden herumzulegen. Der mächtige Dampfer schwenkte nun langsam nach rechts um, und die starke See, welche früher gegen uns stand, drückte denselben fast auf die Seite. Die veränderte Bewegung mußte nothwendiger Weise den Capitain wecken, und so war es auch. Schon unten in seinem Bett mochte er an dem Compaß, der über seinem Kopfe hing, gesehen haben, daß wir einen andern Curs, als den vorgeschriebenen, steuerten, denn schon auf der Treppe, ehe er nur das Deck betrat, brach er in die heftigen Worte aus: „Gott verdamme mich! Wer hat die Wache? Ist der Kerl nicht recht bei Sinnen, den Curs abzuändern!“ Wilson trat vor und machte die Meldung, daß das Feuer von Bishops Rock in Sicht sei, deshalb habe er nach Süden umlegen lassen. „Ach was,“ schrie der Capitain, „Sie haben nichts zu thun, als meine Befehle aufzuführen, und die Leute da unten in dem Maschinenraume soll der Teufel holen, wenn sie nicht gleich ordentlich auffeuern. Mit voller Dampfkraft!“ rief er mit donnernder Stimme dem diensthabenden Ingenieur hinunter, eilte dann nach dem Ruder und befahl dem alten erfahrenen Matrosen am Steuer, den alten Curs wieder einzuhalten. Während dieser Auftritte war es allmählich Tag geworden, und das Licht auf dem Leuchtthurm erlosch nach und nach bei der zunehmenden Helle. Der erste und zweite Officier standen vorn an dem Bollwerk der Back in eifrigem Gespräch mit dem Doctor, von Zeit zu Zeit mit dem Fernrohr nach vorn auslugend, da sie von der drohenden Nähe des Landes überzeugt waren. Wir Passagiere, welche die rauhe Nacht mit so unangenehmen Eindrücken durchwacht hatten, befanden uns auf dem Promenadedeck, wo der Capitain mit seinem Sprachrohr unter dem Arme auf und ab schritt, heftige Worte in sich hinein murmelnd. Ich beobachtete ihn genau und konnte außer einem krankhaften Zucken der Lippen und einem rastlosen Zwinkern mit den Augenlidern nichts an ihm entdecken, was einer Geistesstörung ähnlich sah, und diese Symptome konnte man ja auf Rechnung seiner gestrigen Trunkenheit setzen. Doch war sein Benehmen offenbar das eines Unsinnigen, indem er bei dem nebligen Wetter, wo man fast keine Meile vor sich sehen konnte, den Dampfer mit voller Schnelligkeit, zwölf Meilen die Stunde, fahren ließ und das noch dazu in einer Richtung, welche uns nothwendiger Weise in kurzer Zeit zwischen die gefährlichsten [395] Riffe bringen mußte. Jetzt nahte sich Dammann dem Capitain und machte die Bemerkung, ob es nicht besser sei, die Schnelligkeit des Dampfers auf drei Meilen zu reduciren oder ganz beizulegen, bis sich der Nebel vor uns verzogen habe.

„Verdammt will ich sein, wenn ich das thue; scheren Sie sich an Ihre Arbeit!“ war die brüske Antwort.

Einige Minuten später erschien Wilson mit demselben Vorschlage und wurde ebenso barsch abgefertigt. Beide Männer gingen nun nach vorn und conferirten wieder mit dem Doctor, der von seinem Standpunkte aus den letzten Vorschlag zur Güte machen sollte.

„Capitain,“ sagte er, „Sie sind nicht wohl und sollten lieber wieder nach unten gehen und sich zu Bett legen; die scharfe Morgenluft bekommt Ihnen nicht.“

„Was? Ich nicht wohl?“ sagte der Angeredete, indem er dem ruhig forschenden Blick des Arztes auszuweichen suchte, „ich glaube, Sie sind selbst nicht recht bei Sinnen. Niemals in meinem Leben befand ich mich besser. Machen Sie, daß Sie fortkommen!“

„Und ich sage Ihnen,“ sagte der Doctor mit Festigkeit, einen besorgten Blick nach vorn werfend, wo sich die Nebelbank zu verziehen im Begriff war, „Sie sind nicht in einem Zustande, das Commando über dieses Schiff noch länger zu führen. Wissen Sie, daß Sie durch Ihre Tollheit das Leben von dreihundert Menschen auf das Spiel setzen? Wissen Sie ...“

Hier wurde der Arzt durch das Geschrei der Wache auf der Back und des Mannes oben in den Wanten des Fockmastes unterbrochen, die fast gleichzeitig ausriefen: „Brandung vor uns! Brandung im Luv!“ Alles lief durcheinander, und die Verwirrung, welche durch die im Nachtanzuge auf das Deck stürzenden Passagiere noch vermehrt wurde, drohte einen Augenblick verderblich zu werden, doch die Geistesgegenwart der Officiere ließ nichts zu wünschen übrig. Wilson sprang nach der Maschinentreppe und rief mit donnernder Stimme hinunter. „stop!“ und im nächsten Augenblicke – der Ingenieur hatte offenbar auf diesen Befehl gewartet – entflogen dicke Wolken weißen Dampfes aus der Ventilröhre, während das Schiff noch einige Augenblicke vorwärts schoß und dann im Trog der See heftig zu rollen begann. Dammann war unterdessen in das Steuerhaus geeilt und hatte sich des Ruders bemächtigt, den Moment erwartend, wann die Maschine wieder arbeiten würde. Unsere Lage war in der That höchst gefährlich. Der Leuchtthurm auf seinem von den hohen Wellen gepeitschten Felsen lag keine dreihundert Schritt entfernt vor uns, und wir konnten deutlich sehen, wie die Leute oben auf der Gallerie eilig hin und her stürzten. Zu beiden Seiten der schwarzen Klippe lief eine sichelförmige Reihe von dunklen Riffen aus, über welche sich die rauhe See mit großer Gewalt brach, so daß wir gewissermaßen in einem Halbkreise von Verderben steckten. Als Wilson nun den Befehl gab, die Maschine rückwärts arbeiten zu lassen, donnerte der Capitain, der in dem ersten Augenblicke der Verwirrung ganz unbeachtet geblieben war, dem unten beschäftigten Ingenieur durch sein Sprachrohr zu, nicht zu gehorchen, sondern im Gegentheil mit aller Gewalt vorwärts zu fahren.

„Ich werde thun, was meine Pflicht ist,“ ertönte als Antwort, und der Dampfer bewegte sich langsam zurück. Jetzt stürzte der Wüthende nach dem Steuerhause, um Hand an Dammann zu legen, hier fand er aber die Thür verriegelt.

„Dick, meinen Revolver!“ rief er nun, „ich will Euch zeigen, wie man Meuterei bestraft. Alle Hände auf Deck!“

Die Feuerleute und Matrosen, welche nicht im Dienst und nicht auf Wache gewesen waren und daher von dem bis dahin Vorgefallenen nichts wissen konnten, eilten nun aus ihren Kojen herauf und machten, da sie an blinde Subordination gewöhnt waren, Miene, dem tobenden Capitain beizustehen; indessen, da sie sofort die gefährliche Lage des Schiffes erkannten, und außerdem Wilson und Dammann in hoher Achtung bei ihnen standen, besannen sie sich bald eines Besseren und nahmen eine ziemlich neutrale Haltung an. Wie der Doctor gesagt hatte, daß Methode in des Capitains Wahnsinn sei, so verhielt es sich auch, denn als Dick mit der verlangten Waffe ankam, entriß er ihm diese zwar schnell, doch unterwarf er dieselbe, ehe er sich zum Feuern anschickte, einer eiligen, aber scharfen Inspektion. Als er sich überzeugt hatte, daß Kugeln und Percussionshütchen am richtigen Platze waren, machte er Anstalt, in den Maschinenraum zu steigen, fand aber die Thür barricadirt. Außer sich vor Wuth lief er dann nach dem Steuerhause, wo Dammann am Rade stehend den Augenblick erwartete, den Dampfer nach Süden umlenken zu können.

„Ich frage Sie nun, Mate, wollen Sie das Ruder abgeben und herauskommen oder nicht?“ rief der Capitain mit heiserer Stimme, den Hahn des Revolvers spannend.

Dammann lächelte still in sich hinein, antwortete aber nicht und verfolgte mit seinen Augen die immer mehr in der Ferne schwindenden Umrisse des Riffes. Mit den Zähnen knirschend orderte der Rasende nun die umstehenden Matrosen auf, sich des Mates zu bemächtigen und denselben in Eisen zu legen; Niemand aber rührte sich, da die Kunde von des Capitains Geisteskrankheit sich mit Blitzesschnelle auf dem ganzen Schiff verbreitet hatte, selbst Dick, der treue Dick, welcher aus Dankbarkeit wie ein Hund an seinem Herrn hing, wußte nur die Hände zu ringen. Jetzt näherte sich Wilson mit dem Doctor, um der traurigen Scene ein Ende zu bereiten, und als Letzterer Miene machte, den Tobenden durch sanfte Worte zu beruhigen, drückte dieser seine Waffe auf ihn ab. Der Schuß versagte begreiflicher Weise, ebenso die andern fünf Läufe, die in rascher Folge an die Reihe kamen, und dem bestürzten Wahnsinnigen blieb weiter nichts übrig, als seinem vermeintlichen Feinde den Revolver in das Gesicht zu schleudern. Man warf sich nun von allen Seiten auf den Capitain und band ihn trotz seines Tobens und Widerstrebens an Händen und Füßen, so daß es möglich wurde, ihn ohne weitern Aufwand von Gewalt auf sein Bett zu schaffen, wo der Doctor zwei handfeste und verständige Leute als Wache bei ihm ließ. Dann wurde unter dem Vorsitz von Wilson, während der Dampfer unter Dammann’s kundiger Leitung in sicheres Fahrwasser gebracht wurde, ein Protokoll aufgenommen, welches den ganzen Vorgang constatirte und von sämmtlichen Schiffsofficieren und den Passagieren erster Classe unterzeichnet wurde. Einige Stunden später steuerten wir wieder den richtigen Curs und Nachmittags hatten wir schon die Freude, die beiden bekannten Leuchtthürme von Cap Lizard, welche von ihrer felsigen Höhe die nach Europa Zurückkehrenden so freundlich grüßen, zu erblicken, für uns ein doppelt angenehmer Anblick, da wir soeben einer schrecklichen Katastrophe entronnen waren. –

Andern Tages waren wir in Cowes, auf der Insel Wight, wo die Post abgegeben wird, und die Passagiere für Southampton und Havre aussteigen. Wie das bei solchen Fällen Gebrauch ist, zogen wir die Notflagge auf, und der dortige amerikanische Consul kam dann auf dieses Zeichen mit einigen Beamten an Bord, um über den traurigen Vorfall eine Untersuchung anzustellen, zu der denn auch einige Aerzte vom Lande als Fachkundige gezogen wurden, welche dann auch das Urtheil des Doctors vollständig endossiren konnten, weil der Zustand des Capitains wahrscheinlich in Folge des letzten Auftritts in vollständige Raserei übergegangen war. Daß der Consul hierbei mit der größten Gründlichkeit zu Werke ging, war ihm nicht zu verdenken, da kein Verbrechen auf der See strenger bestraft wird, als Meuterei. Ein Schiff mit seiner Mannschaft bildet gewissermaßen einen kleinen monarchischen Staat, dessen absoluter Herrscher der Capitain ist, welcher dafür aber auch alle Verantwortlichkeit tragen muß. Es müssen daher auch sehr gewichtige Gründe vorliegen, um diesem den Gehorsam aufzusagen und dessen Person unschädlich zu machen. Wenn aber ein solcher durch geistige Unzurechnungsfähigkeit oder durch boshafte Tollwuth planmäßig das Schiff und die Existenz Aller an Bord dem Verderben weihen will, dann hat auch die Mannschaft das formelle und moralische Recht, sich zu empören und den Capitain des Commandos zu entsetzen. Nach diesen unbestreitbaren Grundsätzen, welche auch in jedem vernünftigen Staatsrecht zu finden sind, urtheilte auch der Consul, indem er das Benehmen der Schiffsofficiere, die fast den letzten entscheidenden Moment abwarteten, ehe sie Gewalt anwandten, unbedingt rechtfertigte und Wilson als erstem Mate den Befehl übertrug. Der Capitain wurde in ein Privatirrenhaus bei Southampton gebracht, wo er so lange bleiben sollte, bis seine Verwandten in Amerika nähere Bestimmungen über ihn treffen würden. Dick, der treue Diener, blieb zu seiner Pflege zurück, und der stolze Dampfer, der eben noch einem fast sicheren Verderben entronnen war, setzte, majestätisch die Wellen durchpflügend, seine Reise nach der grünen Nordsee fort, wo ihn kundige Lootsen vor der blonden Weser erwarteten.